Archiv der Kategorie: Ausgabe 01/2011

Silke Scheuermann las in Karlsruhe

Silke Scheuermann hat einige wunderbare Gedichte geschrieben, mit ihrer Prosa konnte ich bislang herzlich wenig anfangen. Vorgestern stellte sie ihren neuen Roman „Shanghai Performance“ in Karlsruhe vor. Hier meine Besprechung heute in den Badischen Neuesten Nachrichten:

„‚In schlechter Geistesverfassung‘ sei sie gewesen, als sie ihre Geburtsstadt Karlsruhe öffentlich ‚langweilig‘ nannte. Dass Silke Scheuermann es doch lieber etwas größer hat, macht sie in ihrem neuen Roman „Shanghai Performance“ deutlich, den sie bei ihrer Lesung der Literarischen Gesellschaft in der Badischen Landesbibliothek vorstellte.
In einer ersten Szene erzählt sie, wie Luisa, die Assistentin der Performance-Künstlerin Margot Wincraft, in tiefster Nacht in einem Shanghaier Hotel nicht schlafen kann. Detailreich schildert sie auch kleinste Momentaufnahmen: ‚Ich warf den feuchten Waschlappen auf die Neonlampe über dem Spiegel, aber er blieb nicht hängen, sondern platschte auf den Kachelboden.‘ In der Hotelbar beobachtet sie heimlich ihre Chefin, eine Art Pina Bausch, die im Verlauf immer unsympathischer erscheint.
Die chinesische Millionenstadt hat es Silke Scheuermann angetan, sagt sie in der Diskussion und berichtet nicht nur von ihren Erfahrungen und der allmählichen Verfertigung des Romans, sondern auch von der Kunstszene Chinas. Der Fokus sei nicht mehr so sehr auf die chinesische Kunst gerichtet wie noch vor ein paar Jahren, ergänzt sie eine ebenfalls detailreiche Passage des Romans, in welcher Margot und Luisa durch Shanghaier Galerien streifen.
Eine coole Kunstszene in einer angesagten Metropole, dazu eine schillernde Hauptfigur und die Konkurrenz zwischen zwei Frauen unterschiedlichen Alters, die auch noch ihren privaten Trouble haben – das ist der etwas blutleere Stoff, aus dem deutsche Gegenwartsliteratur gemacht wird. Da helfen auch keine Interpretationsversuche wie „Shanghai ist der Katalysator für ein tragisches Geschehen“ – in einer zweiten Szene erzählt Scheuermann nämlich, dass Margot nur deshalb in Shanghai ist, um ihre Tochter kennenzulernen, die während ihres Studiums in den USA von einem Chinesen gezeugt wurde und die sie nach der Geburt weggegeben hat, um sich ganz ihrer Kunst zu widmen – das Leben ist kompliziert. Schlimmer noch: Luisa trifft die Tochter als erste und muss ihrer Chefin berichten, dass sie im Rollstuhl sitzt.
Nein, den Kunstbetrieb mit seinen Extrovertiertheiten wollte sie nicht demaskieren, auch wenn es gegen Ende ganz klassisch zu einer Läuterung der Protagonistinnen komme. Vielmehr wollte sie von Lebensentwürfen erzählen, die kippen können.
Das Publikum hatte ganz praktische Fragen. Etwa die, weshalb Margot und Luisa nie eine der unglaublich vielen Shanghaier Unterführungen nutzten. Oder die Frage, was sie denn als nächstes plane: Eine ganz kleine Geschichte, die zu Hause spiele und nicht in der großen, weiten Welt. Na, das klingt doch interessanter als Shanghai.“

Übers immer genau Hinsehn ODER Zauber und Entzauberung.

Das Arbeitsjournal des Dienstags, dem 25. Januar 2011. Dem Fremden nah und fern.

6.20 Uhr:
[Arbeitswohnung. Simone Kermes, Barock-Arien aus Napoli.]Mysterium„Weshalb, Herr Herbst, müssen Sie immer so genau hinsehen?” – diese Frage einer Regisseurin, die, als noch der >>>> MEERE -Prozeß die Medien beschäftige, ein kleines Portrait über mich drehte, fiel mir zu der >>>> gestrigen Diskussion auf TT ein, die auch >>>> Kiehls folgenden Eintrag durchzieht „Warum müssen Sie immer so genau hinsehen?” Man möchte doch bitte etwas, das als Geheimnis deklariert ist, weil man daraus den Genuß eines ungefährdeten Miteinanders und Einverständnisses zieht, hinterm Schleier belassen. Nur: Weshalb? Was denn wird befürchtet? Offenbar, daß der Hin-Blick dieses Etwas zerstört oder doch wenigstens ihm Risse zufügt. Aber ist nicht, je deutlicher ich den Körper sehe, um so klarer auch, wie im Wortsinn wunderbar er ist? Seinerzeit, bei dem Einwand der Regisseurin, waren die Sexualstellen in Meere gemeint. Als entweihte der Blick etwas JenseitsDesKörpers. Nur ist da zum einen nichts; selbst unsere Liebe stirbt, wenn dem Gehirn Stoffe entzogen werden, die ihm ihr Empfinden erst möglich machen; zum anderen ist das Wort „Entweihung” genau das Problemfeld. Daß wir von anderer Natur seien, etwa unsere Seele, als bloß materiell, steht dahinter. Um ein solches Anderes aber denken und fühlen zu können (und auch ich fühle und glaube es sehr gerne), bedarf es der materiellen Vorgänge: chemischer, physikalischer im weiten Sinn, elektrisch; der Nerven- und Synapsentätigkeit also wie, im Sexuellen, der Gleit- und, zum Haften, Schleimmittel. Wir vergessen immer, daß der Geist nicht zeugt; niemand kann eine Frau ansehen und sie allein durch Blicke schwängern, und keine kann allein vom Blick eines Mannes empfangen. Hier aber liegt unsere Wahrheit und Herkunft. Selbst die Zeugung durchs Ohr ist, als Konstrukt, ein Verbrechen: es reduziert, was eigentliche das Wunder ist. „Chemie ist sakral” heißt es darum in den Bamberger Elegien.
Was tat ich also? Ich betrachtete ein Bild, das mich berührte, und interpretierte es, indem ich’s beschrieb. Dabei verwendete ich die Begriffe „Möse” und „Schamlippen”. Schon darauf reagierte eine gewisse Pein. Hätte ich von „Vaginallabien” und, was überdies falsch gewesen wäre, insgesamt von „Vagina” schreiben sollen? Nein, ich sollte die Wirkquelle des Bildes überhaupt nicht benennen; hübsch war, daß ich, weil ich mich dem Tabu nicht beugte, ein „verklemmter Oberlehrer” genannt worden bin und selbstverständlich wieder einmal mein Alter ins Feld geführt wurde als etwas, dem gelebte Sexuallust nicht mehr zusteht. So etwas geschieht noch Anfang des 21. Jahrhunderts; ich kann gar nicht genug den Kopf drüber schütteln. Bedachtere sprachen, was nicht besser ist, von „Entzauberung”, wiewohl mir der Zauber des diskutierten Bildes bis jetzt in keiner Weise verlorenging; im Gegenteil ist er durch meinen Blick nur noch stärker geworden, ja er entfaltet sich überhaupt erst jetzt. Dies ist ja doch auch der Sinn dessen, für was wir bereits in der Grundschule das erste Rüstzeug bekommen: nämlich der Bildbeschreibung, die uns schließlich in die Interpretation führt. Gerade in der Bildenden Kunst läßt sich beobachten, daß die Wirkung eines Gemäldes um so größer wird, je mehr wir von seinem Aufbau verstehen. Das gilt namentlich für Neue Kunst, insoweit sie sich von semantischen Plots entfernt hat. Der unmittelbare erste Augenschein, der Schein also, trägt nicht; das, was da schon trug, bleibt in der liebevollen und genauen Analyse erhalten; es bewahrt sich da überhaupt erst, und zwar rein aus dem Bild selber, während ansonsten eine Dauer des Wirkung dieses ersten Augenscheins der bewußten oder unbewußten Anrufung transzendenter Instanzen bedarf, die sämtlichst Funktionen des Über-Ichs und damit fremdbestimmt sind; für die Religionen sind sie offenbar – sic! – Lehrer und wir auf ewig untergebene, wenn’s gutgeht, Gesellen. Es geht aber, wenigstens mir, um den Genuß eines freien und bewußten Einzelnen, um den Meister mithin, also um das abendländische Ideal der Selbstbestimmtheit, die sich sich eingesteht und öffentlich – auch kontrovers – in der Polis vertritt, womit sie erst zur Polis mitwird.
Aber letztlich wirkte in der Diskussion gestern – ich telefonierte darüber nachts noch lange mit der Löwin, der ich die Links auf Kiehls Bild und die erst von mir ausgelösten Diskussionen nach Wien gemailt hatte – die Angst vor dem Tod: daß nach ihm nämlich nichts mehr sei. Statt dessen soll eine Auferstehung des Fleisches imaginiert sein, von der ich mich ständig frage: ja, in welchem Alter sollen wir Toten denn wieder auferstehen? Im Alter unseres Gestorbenseins, sagen wir mit siebzig/achtzig, gebrechlichen Körpers und den Kebs noch an ihm dran? Oder im Alter von anderthalb, fast lallend noch und inkontinent? Oder als Jünglinge, bzw. nach der ersten Blutung und ohne die reife Lebenserfahrung? Was wären wir denn dann? Das mit der Seele mag ja als Märchen noch angehen, die Auferstehung des Fleisches jedoch strotzt von einer Bizarrheit, die vermittels Dummheit-allein vorgestellt werden kann. Das wirkliche Wunder hingegen zeigt uns die Beobachtung der Toten: der Stoffwechsel-weiter, die Metamorphose ins Nächste, zu Erde und neuer Pflanze oder einem Tierteil oder Stein und daraus dann wieder, vielleicht, Geschöpf. In unseren sexuellen Besessenheiten, wenn wir sie mit genauem Hinsehn verbinden, kommen wir der Wahrheit und dem Wunder nahe – bei Frauen, da sie immer offen sind, schneller als bei Männern: ich meine den Blick in die Vagina, dahin, wo nur noch Organ ist und Sekret. Ein solcher Blick reduziert nur dann, wenn er sich moralisch hat mißbilden lassen und aus dieser Mißbildung, die jede Verachtung des Organischen i s t, heraus- und also ins Organ hineingeblickt wird. Die mythischen Erlebnisse, die ich hatte, waren meiner Kinder Geburten, zu denen Blut gehörte, Kot und Urin und eine ungeheure Schmiere, sowie die grenzenlose Schönheit der nachgeborenen Plazenta und ein magisches Neonblau der Nabelschnur… „worauf es hinauswill, das Meer,/ringsum” (Äolia). Anstelle, daß wir das verstehen, indes, ekeln wir uns. Es ist nicht zuletzt dieser Ekel, der zum mißbräuchlichen Übergriff auf Unterlegene führt, zu Verbrechen der Vergewaltigung und Folter. „Ich will endlich wissen, was das ist: Seele!” antwortet der Landsknecht, als man ihn bei Grimmelshausen fragt, weshalb er einen Bauern zu Matsch und Tode trampelt im Brandschatzen umher.

Jetzt habe ich über eine Stunde, anstatt meine Korrektursarbeit zu tun, an diesem Arbeitsjournal geschrieben und könnte noch eine weitre Stunde schreiben. Aber die Zeit drängt. Guten Morgen, meine Leserin. Doch nahm ich mir zugleich die Zeit, >>>> Fritz Iversen zu antworten. Zwischen seinem Vorwurf und der Diskussion bei TT besteht ein Zusammenhang; es ist derselbe Nexus.

Von 21.30 bis 23.30 Uhr mit dem Profi >>>> in der Bar gesessen. Sollte die Kreuzfahrt klappen (es geht nur noch ums Honorar), käme er gerne mit. Innig gern hätt ich die Löwin dabei. Andererseits muß man bei solch einem Auftrag allein sein; der Blick ist anders, wie auf Reisen. In Gesellschaft naher Menschen setzt man sich weniger aus. Also erfährt man auch weniger und bleibt, weil man den Nahen nahbleibt, dem Fremden immer fern.

10.42 Uhr:
[Laut!: Pergolesi, Magnificat in C.]Rouladen-250111Aber jetzt simmern sie, und ich übertrage die Korrekturen weiter. Wegen des Ultraschallbildes gab es ein fein-pikantes Mißverständnis auf Facebook. – Ah, welch ein Knabensopran! Und der Cigarillo schmeckt!

12.26 Uhr:
[Händel, Orlando.]
Gute Diskussion hierunter, zu der auch >>>> bei den Gleisbauarbeiten eine Position formuliert ist. Ich meinerseits schaffe es zeitlich nicht, mich dort auch noch zu äußern, sondern werde mich heute auf Die Dschungel konzentriert halten. Doch den Link hinüber möchte ich Ihnen an die Hand geben. Die Kombination aus >>>> Kiehls Bild und meinem Kommentar hat etwas zu Sprache und Erregung gebracht, das sowohl für unser Verständnis von Wirklichkeit, meine ich, ebenso maßgeblich ist wie für unsere Haltungen.
Gelöscht habe ich eben nur einen Stand„mann”, der der irrigen Auffassung war, wieder einmal eine persönliche Invektive loswerden zu können. Ich hätte mit einem schnellen Schlag aufs Maul reagiert, würde durch solch einen banal-aggressiven Nebenschauplatz nicht der sachliche Diskussionsgang gestört. Also entschloß ich mich für die Ablage senkrecht. Und nebenbei koche ich und übertrage weiter die Korrekturen, was letztres eine ziemlich langweilige Arbeit ist, aber erledigt werden muß. Nur bisweilen steh ich dabei vor einem Ausdrucksproblem. Und jetzt hakt mein „u” mal wieder.

Hab ich schon mal irgendwo geschrieben, daß ich Händel l i e b e? Er schenkt mir ein solches Glück!

19.09 Uhr:
Mit den Korrekturen bin ich durch, aber jetzt wird die Arbeit doch noch schwierig: Ich habe mich entschlossen, für die Buchfassung der Fenster von Sainte Chapelle den gesamten Strang Weblog-Kommentare-Diskussionen herauszunehmen und den Text zu einer „normalen” Erzählung umzuformen. Das macht nicht nur die Erzählabfolge knifflig. Doch der Zugriff wird direkt, klar, deutlich. Keinerlei Lockendrehen, auch dort nicht, wo das Haar es mehr als erlaubt.
Keine Musik also. Der eh zu späte Mittagsschlaf ward unterbrochen.

Parallel ein reizvoller Briefwechsel mit einer Lektorin. Immerhin.