Archiv der Kategorie: Ausgabe 01/2011

Winter

Winter ist erwacht. Er kann sich an seinen Traum nicht erinnern, weil er aber in seinem Internettagebuch auch über seine Träume berichtet, liegt er noch in seinem Bett, die Beine angewinkelt, während in seiner Kopfkoppel die Wortviecher bereits unruhig stampfen, und versucht sich einen Traum zu erträumen. Die Wörter schaben die trockene Erde auf. Staub wirbelt auf, ein dunkelroter Sand, der die Wörter bald bedeckt.
Winter ist der Herr seiner Herde. Er schreitet die Reihen ab und zählt die Wörter. Manch ein Wort hat über Nacht ein Junges bekommen, geschwängert von einem Bullen, der sich nun unauffällig im Hintergrund zu halten versucht.
Winter pfeift seine Herde an den Rand des Gatters. Müde und übernächtigt traben die Wörter gemächlich los.
Winter schlägt seine Augen auf und inspiziert sich. Er überprüft Arme und Beine, die Anzahl der Finger; er will sicher sein, nichts von sich im Schlaf verloren zu haben. Dies soll schon vorgekommen sein. Verluste sind da zu benennen. So etwa der großartiger Autor des Romans „Die Formalitäten, die zu beachten sind, will man ein Bücherregal reinigen“, der unvergleichliche Alfons Dohr, der, so erzählen es Stimmen in Winters Kopf, dereinst bei der versuchten Ersttraumbesteigung des Monte Borges eine Spalte hinab stürzte, die tiefer wie alle Gedanken des denkbaren Universums gewesen sein soll; so tief auf jeden Fall, dass an eine Rettung des armen Dohr nicht zu denken war. Winter erinnert sich an den armen Dohr. Er schlägt das umgekehrte Kreuz der Geheimen Schriftersteller, um sich so von den garstigen Geschöpfen der Nacht zu schützen.
Die Wörter in Winters Kopf werden von Sekunde zu Sekunde unruhiger. Er tritt an das Gatter heran, öffnet es, die Viecher schauen sich noch einen Augenblick um, da stürmt bereits das erste Wort, ein UNFALL heraus. Winter überlegt bereits, auf welcher Textweide er dieses Wort grasen lassen wird, da springen die anderen Wörter dem Wort bei; nun drängen sie alle. Winter kann sie nicht mehr auseinander halten. Sie versinken in einem Meer aus aufgewirbeltem Unsinn, der sie zu verschlucken scheint; schon stürzen sich die Wörter in das Zimmer. Sie verteilen sich. Rennen über den Schreibtisch. Ein Bild, darauf eine Frau zu erkennen ist, die Winter eigentlich gar nicht kennt, die er sich im Internet erschuf, fand er dort doch eine Seite mit einem herrlichen Baukastensystem. Dort konnte man sich seine Traumfrau erschaffen. Wie die eigentlich aussieht, kann Winter nicht sagen. Also schuf er sich eine vorübergehende Traumfrau. Er druckte ihr Bildnis aus, zwängte es in einen Bilderrahmen. Leider ging er dabei etwas grob vor. Der Ausdruck der Dame nahm Schaden. Sie blickte nicht mehr wollüstig in Richtung von Winters Bett, sondern eher leidend und verängstigt. Nun ist das Glas gesplittert. Sie liegt mit einem Lächeln auf dem Boden und scheint aufzuatmen.
Winter ist noch ganz beeindruckt und betäubt vom Stampfen seiner Herde, er will sie gerade zur Ordnung rufen, da dreht sich eines der Worte, ein altes Wort, es starrt Winter mit glänzenden Augen an; Augen, die gereizt wirken.
„Unbill“, flüstert Winter.
Das Wort legt den Kopf nach unten.
Winter denkt: Nun, wenn es denn sein soll, dann werde ich mich dem Kampf stellen.
Die Tapeten in seinem Zimmer fallen. Ein Publikum erscheint. Kleine filigrane Personen. Sie klatschen Beifall. Winter hebt die Decke, die sich rot gefärbt hat und schwenkt sie vor dem Wort. Schon stürzt das Wort los. Es konzentriert sich auf die rote Bettdecke. Ein Raunen fährt durch das Publikum. Das Wort verrennt sich in der Röte, die sie auf die falsche Spur lockt, denn schon im nächsten Augenblick hat sich das Wort den Kopf an einem Buch gestoßen, dem es nicht angehört. Ein moderner Roman. Das Wort starrt verletzt auf den Titel. Motherfucker. Ein Roman über die amerikanische Rap-Szene von einem gewissen Ice-B. Das Wort Unbill reißt die Augen auf. Ein letztes Mal. Dann bricht es ermattet zusammen. Winter hebt die Arme. Winzige Rosen landen vor seinen Fingern. Er kann sie nicht einmal auflesen. Sie sind einfach nicht zu fassen. Das Publikum jubelt. Ja, dieser Winter ist ihr Held. Man muss ihn einfach lieben.
Nun muss sich Winter um das verstorbene Wort kümmern. Es gilt die Beerdigung vorzubereiten; auch eine sich daran anschließende Totenfeier will organisiert werden. Er schlüpft also aus dem Bett. Die anderen Wörter zupfen bereits an den Rändern leerer Seiten, die sie gerne mit ihrem Kot versehen würden. Winter treibt sie in den offenen Raum hinein. Er beruhigt sie mit einer samtenen Stimme, die er sich extra für solche Gelegenheiten erfand. Sie horchen auf. Sehen Winter tief in die Augen und werden allmählich ruhiger.
Winter segnet den Tag, der ihm kein Tag ist, sondern ein weiteres Kapitel im Roman seines Lebens.

Gorrh (12)

Gorrh vor Gericht, hofft auf mildernde Umstände, bedeutet der bekittelten Bagage: „hömma, isch öffne dat Fenntil mejner subfiskularen Rakeetendrüse un in zwanzisch Kilometer Umkreis findse für die Zukunnf vorwiejend Feuerzauber Texas.“ Vor Gericht, mein Gott, vor Gericht! Es war umständehalber möglich, dorthinzugelangen. Die Wesenlosen aus den seelischen Bedingungen hatten Gelder für neue Alptraumtunnel zusammengetangelt, hatten die Werkstoffe („du sachs mir sofott aus wat Zement besteht, zackzack, sonns wirsse zur Regierungsstatue umjemodelt“), besaßen das Wissen, das Fachwissen und die wissenschaftlichen Gutachten, kurzum: sie hatten die Zeugen im Sack. Gorrh trägt Gewerkschaftskäppi „Solidarität“ mit Nelkenbrei-Applikationen. Hebt zur Rede an („Gorrh, sie sind nicht gefragt!“), die kleinen Männchen auf der Pressebank schleudern Blitze aus ihren Kameras. Nervende Blitze. Gorrh: „ihr Waxfiguurn happ dat doch eh allet in Fotoschopp!“ (Sieht so aus, als könnt er heut erneut ausflippen, dann aber Gnade den Anwesenden.) Gorrh: „achja, wesweenggng ich hier bin… Es gäb da einiges zu regeln, was soooo (Gorrh macht ein bisher unbekanntes Fingerzeichen, Anm. d. Red.) einfach nicht mehr weitergehen kann. Also bitte.“ Das Publikum atemlos gespannt. Natürlich braucht Gorrh nichts anzudeuten, jeder im Saal und an den angeschlossenen Bildschirmen weiß, daß es in Gorrhs Macht stünde, die riesigen Stechmücken zu entfesseln, den gesamten Geldverkehr der Lächerlichkeit preiszugeben, die Autobahnen aufzurollen etc, sieben mal sieben Plagen, und das wäre nur eine Zahl, willkürlich aus einem willkürlichen Zahlensystem gegriffen, über das Gorrh unsagbar erhaben andere Systeme aus Zahlen oder auch Nichtzahlen stülpen könnte, um zu beweisen: nicht um Zahlen geht es, es geht um Plagen. Kleinere Gerangel mit Ellbogenchecks zwischen Anklägern und Verteidigern, Hitlergrüße und Kommunistenfäuste von der Richterbank: „Ohne ideologische Hintergründe ist jede Verhandlung zwecklos.“ Gorrhs Augen rotieren in ihren Höhlen, sowas wie Kassensturz rumpelt hinter seiner Stirn und zwischen den Ohren, es macht plinky-planky und schradderradatsch.
An dieser Stelle bitten wir den Leser einen Zeitsprung von rund einer halben Million Jahren zu vollziehen. Was glauben Sie, in welche Richtung sich unsere Zivilisation entwickelt hat? Auf der Erde ist nicht mehr allzuviel Bekanntes, aber es trägt unsere Wurzeln. Menschliche Bienen fliegen summend einher und stacheln sinnlos in die Lüfte. In der geografischen Mitte der Erde, in der Nähe von Kassel, ist ein kastenförmiger Wasserspeier zu entdecken. Der Wasserspeier trägt Gorrhs Gesichtszüge und erinnert daran, wie nach den sogenannten „Prozessen“ aus Gorrhs ungläubigem („ich faß es nich, ich faß es einfach nich!“) Sabber der Rhein entstand. Die Menschen und Bienen der Zukunft kennen nämlich unseren Rhein nicht. Sie haben ihren eigenen, der in der Nähe von Kassel verläuft und nach Gorrh benannt ist. Das ist die Wahrheit über die Zukunft: die Menschen haben, um ihren eigenen Charakter zu überleben, sich den Insekten assimiliert – genau wie Gorrh es ihnen vorgemacht hat; bzw (und wie rum man es betrachtet, ist in diesem Szenario völlig egal) haben die Insekten (wie Gorrh es ihnen vorgemacht hat) ein paar menschliche Züge angenommen, eine Art Mimikry um des Mimikry willen. Nun wollen Sie aber wissen, was unterdessen mit Gorrh geschehen ist. Oder lieber doch nicht? So oder so – die nächste Folge (Gorrh (13)) liefert Aufklärung.

Die Kinder der Finsternis I: „Weiber zum Klagen und Weiber zum Freuen“

Das war ein höchst ungewöhnliches Leseerlebnis, fulminanter Anfang, grandioser Stil. Wolf von Niebelschütz hat eine hochinteressante Art Charaktere vorzustellen, zu entwickeln und auszuarbeiten. Der Autor hat ein eminent gutes Gespür für den Aufbau eines Textes, seinen Fluss, für Hemmung, Stauung, Stockung, Wirbel und für gemächliches Weiterfließen. Die Dramaturgie finde ich größtenteils ausgezeichnet. Vierhundert Seiten lang war ich begeistert, dann lässt es für mein Gefühl etwas nach, die Sprache ist noch immer ungewöhnlich, aber auch ans Ungewöhnliche gewöhnt man sich, man erwartet umso mehr von der Geschichte selbst. Die wird etwas schwächer, es geht hundert Seiten lang vor allem um Ränkeschmiede zwischen Kaiser und Papst, zwischen niederen klerikalen und weltlichen Rängen. Auf den letzten hundert Seiten kehrt die Spannung zurück und verendet erneut, ohne richtig zu enden. Die Hauptfigur ist tot. Was soll man da noch reden, es ist eben aus und der Roman ist auf der nächsten Seite auch bereits zu Ende.

Ein Mittelalterroman, wir sind im 12. Jahrhundert. Barral ist seine unbestrittene Hauptfigur. Der Roman zeichnet seinen Lebensweg nach. Barral, was „Dachs“ bedeutet, ist Schafhirte. Die meisten nennen ihn schlicht Mon Dom, „Mein Herr“. Er macht, wie man das heute so sagt, Karriere. Er wird Ritter, erhält ein Lehen mit dem Namen Ghissi, er bringt es zum Grafen, er wird Markgraf, Herzog und Freund des Kaisers. Dann legt er sich mit der Kirche an, die schleudert den großen Bann, Barral wird aus der Kirche ausgestoßen, ist vogelfrei, ihn zu erschlagen wird dem Schächer mit dem Paradies belohnt. Jahre steht er das durch, schließlich kriecht er zu Kreuze (daher kommt das Sprichwort: er kriecht dem Kreuz hinterher) und wird dabei nahezu totgeprügelt. Am Ende stirbt er, hochbetagt mit Kindern in Unzahl, auf seiner Scholle. Er war ein Großer, auch menschlich, er hat seinen Bauern Genossenschaftsrechte angeboten, Besitz verteilt und nicht nur, wenn es galt die von der Kirche geschürten Ängste zu bezähmen. Er war ein Großer, weil er sich aus altruistischen Gründen mit der Kirche angelegt hat. Er war es, weil er die Funktion der Macht durchschaute und sich ihrer Hebel zu bedienen wusste, ohne sich von dieser Macht blenden, also erblinden zu lassen.

Man wird diesen Roman nicht verstehen, wenn man sich nicht die Lebensbedingungen jener Zeit vergegenwärtigt. Das Leben war kurz und hart. Es war von allen Seiten vom Tod bedroht, während es ja heutzutage nur am Ende davon bedroht ist. Wer nicht als Kind im Kindbett starb, der starb dort als Mutter, mit fünfzehn oder sechzehn. Die Erde war wüst und leer und man konnte es sich nicht leisten, den Mädchen eine hübsche Kindheit zu spendieren, die Frauen müssen vor allem gehorchen und gebären. Wen nicht die Pest holte, wer nicht auf offener Straße erschlagen wurde, im Kampf unterging, wer noch alle Finger und Hände beisammen hatte, weil er nie als Dieb erwischt wurde, wer nicht weltlicher Frevel wegen geblendet wurde, wem nicht das Gemächt oder die Zunge abgeschnitten und wer nicht aufs Rad geflochten wurde, wer sich nicht auf Leben und Tod mit dem Feind schlagen musste, nicht mit Pech und Schwefel übergossen wurde, dem stand die Kirche mit tausend Höllenqualen gegenüber. Nicht nur, dass man der Inquisition in die Hände fallen konnte und man eines Gottesurteils wegen, ein glühendes Hufeisen mit bloßen Händen zum Altar tragen musste: Die Kirche war der Ort der absurdesten menschlichen Verbrechen. Erst wenn man all dies Elend versteht, unter dessen Herrschaft damals gelebt werden musste, versteht man die Lust, mit der diese Menschen lebten, leben wollten und leben mussten: „Schwerer als das Bespringen wog das Verschmähen.“

Wie viele damals, kannte auch Barral nur seine Mutter. Wie viele Kinder ist sein Vater ein hoher Herr, einer jener, die das ominöse „jus primae noctis“ in Anspruch nahmen. Sie beschliefen die Frauen bevor die eigentlichen Ehemänner zu ihnen durften. Ob sie es aus Geilheit in Anspruch nahmen oder als Lehnsrecht oder weil das „edle Blut“ sich ausbreiten sollte, das sei dahingestellt. Nachdem Barral Herr auf Ghissi wird, macht er es genauso. Wie für den Leser, so ist es auch für den Vater nicht immer leicht, bei den vielen Namen seiner Kinder durchzusehen. Mehr als einmal muss Barral fragen, wer die Mädchen und Jungen sind, die sich dann als seine eigenen erweisen. Das ist auch ein Stilmittel des Autors und so manchem Hohem Herrn wird es nicht anders ergangen sein. Die Klöster rekrutierten zu einem nicht unwesentlichen Anteil ihre Belegschaft aus solchen Wechselbälgern. Ein anderer Teil geht ins Kloster, weil sie das Leben in der Welt nicht ertragen kann. Bei manchen seiner Kinder hingegen weiß Barral es sehr genau, bei dem Lieblingskind Graziella, die für den Vater stirbt. Bei manchen weiß er es ebenfalls, sagt es aber erst spät. Kardinal Frugardi, der Barral halb tot prügeln lässt, erblasst als er erfährt, dass er beinahe seinen Vater hat totschlagen lassen.

Frauen spielen eine große Rolle in diesem Roman, in dieser Männerwelt und eine sehr viel komplexere und vieldeutiger, schwerer zu beschreibende und sicher auch schwerer zu lebende Rolle. Das fängt bei der Geburt an. Als einer den Schmied fragt, wie viele Kinder er habe, antwortet der „Eins und zwei Töchter“. Ein richtiges Kind, eins, das die Sippe erhalten kann. Frauen können das nicht, zwar bekommen sie die Kinder – sie werden „trächtig“, sie sollen „fohlen – leider mit fünfzig Prozent Ausschuss, Mädchen eben. Mädchen aus denen dann bloß Frauen werden, die, gebären sie allzu früh und ohne Sakrament, ins Kloster müssen. Frauen, die so oder so enden können: „Weiber zum Klagen und Weiber zum Freuen.“ Manchmal, wenn sie einen schwachen Mann haben, können Frauen machtgierig sein. Meist sind sie Opfer der Umstände oder der Männer.

Historische Romane sind, so scheint es, ins Kleid der Geschichte drapierte aktuelle Ereignisse und Umstände. Mich interessieren die historischen Ereignisse wenig, ich will lediglich mitnehmen, was mich hier interessiert. Ich schreibe etwas über Sexualität und Liebe, etwas zum Thema Fremdes und Eigenes und sicher auch etwas zum Stil von Niebelschütz, den ich sehr ungewöhnlich und überaus ansprechend und lehrreich finde. Ich werde also nicht über die Politik reden: das mache ich ja auch sonst nicht, ich sage nichts zu Rumänien, ich habe nichts zu Haiti gesagt, ich sagte nichts zu dem, was derzeit in Ägypten geschieht. Ich mache das nicht, weil ich finde, dass das hier nicht der richtige Ort dafür ist. Andernsorts mache ich das nämlich sehr wohl: mich zur Politik äußern. Politik in diesem Roman heißt weltliche und religiöse Ränke, die versuchen einander auszustechen. Der Klerus war eine unter der Religion versteckte Machtinstanz, der es um genau das ging, um das es allen anderen auch ging. Einfluss, Geld, Sex. Ich äußere mich nicht zu der Frage, ob der Autor womöglich kein rechtes Verständnis von Demokratie besaß, ob er den Absolutismus verherrlichte. Ich frage nicht, ob das rückwärtsgewandte Literatur ist, zu einem Zeitpunkt – einige, aber nicht viele Jahre nach dem 2. Weltkrieg – da überall, vor allem aber in Deutschland, Literatur geschrieben wurde, die sich mit den jüngsten Ereignissen beschäftigte; die sich damit beschäftigen musste: um den Horizont für kommende Ereignisse zu bestimmen; Niebelschütz schreibt rückwärts gewandte Literatur, weil womöglich für ihn in der Zukunft nichts zu holen war. Ich frage nicht einmal nach dem Verhältnis zum Judentum, das hier eine Rolle spielt und ich sehe auch nur einmal eine wirklich bedenkliche Äußerung: „Wen man liebt, den betrügt man, wenn man Jüd ist.“ Ich kann vieles überlesen, weil es die Bedingungen des Romans betrifft, sein Äußeres. Was die inneren Bedingungen betrifft, kann ich nicht einmal fragen, ob der Autor, der wohl ein Kenner seines Faches gewesen sein muss, dieses Zeitalter authentisch beschrieben oder literarisch umschrieben hat, oder ob das eine oder das andere besser gewesen wäre.

Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.

Wolf von Niebelschütz,
Die Kinder der Finsternis
Kein & Aber Verlag
Zürich 2010
gebunden, 704 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5559-9
24.90 €

Z. 18896-18921

eine Lücke müsste sich
auftun für einen
Augenblick zwischen dem Licht
und dem Schatten (der
nie sich verspätet wenn er
Helles begleitet)
durch diese Lücke wäre
ein Blick zu werfen
hinüber zum Gebirge
zum Hermon zu den
Zypressen den Zedern und
hinunter in die
Oase von Engendi
mit ihren Palmen
ins weitverzweigte Astwerk
der Terebinthe
von Mamre nicht zu reden
von den Düften des
Apalathus vom Balsam
der Myrrhe und dem
harzigen scharfen Milchsaft
Galbanum an mich
denken sagt die Weisheit ist
süßer als Honig und
besser als Honigseim noch
mich zu besitzen

18905-18921: Vgl. die Rede der Weisheit im Buch Jesus Sirach 24,13-20. Die aufgeführten Duftstoffe und Räucherharze werden in der Bibel und in der antiken Literatur immer wieder erwähnt. (Anschluss)

ByeByePass 3-4

3 (110331 1:11)

gehen gebliebenes bild

verwackelter gang durch die wandelhalle,
humpelnd durch übriges überalle.
„wie bäume blüth‘ umkränzet“,
lock[er]te es hölderlin, vom turm umgrenzet.

hier riecht sie verschwundener,
die patina lyrischer pâtisserien,
hier leuchtet es stiller, geschundener,
das gehen, die blüten, lilien, die schrien.

***

4 (110331 1:38)

stück noch zu steigen

„treppauf zum trottoir“, alliterierte
ich vor zwei verstiegenen dekaden
in so ’nem vers, der sich verführte
am kakao-ostinato seiner schokoladen.

jetzt schnauf‘ ich das alliterat
hinauf, [er]zählend die stufen.
und messe in metern das ejakulat,
das stiefelt voraus solchen rufen.

Gewebeprobe

Sie produziert nicht. Sie hasst sich dafür, steht aber zu den Konsequenzen: wer keine Substanz schafft, muss von der eigenen lassen, so ist das eben.
Drüben in der Wellblechbaracke, gesund wie ein Stier unter seinen drei vor Dreck steifen Mänteln, wohnt Herr T. Er ist resistent gegenüber jeder Art von Komfort. Lacht sich erstmal kaputt morgens, das reicht ihm als Decke. Der erfolgreichste Clown war immer jener, der hinter seiner Nase in Traurigkeit ersoff. Genau dem hat sie die Hütte überlassen.
Jeden Morgen vor dem ersten Kaffee geht sie rüber. Dann nimmt er das Gehirn entgegen, das sie ihm hinhält und schneidet wieder eine dünne Scheibe ab. Wer bist Du, Fleisch.
Das Präparat ist sehr aktiv. Er untersucht es lange; sein riesiges Auge glotzt ihr von oben aufs Glas. Dann drückt er mit dem Daumen die Kanten zurecht: Du gehörst nicht mehr dazu, befindet er.
Es ist angenehm zwischen den Glasscheibchen.
Lassen Sie mich bloß nicht fallen, Herr Präparator.
Oh. Es hat keine Stimme, um ihn zu warnen. Vielleicht ein interessantes Luftbläschen produzieren, um zu zeigen, wie toll sie aktiv ist? Vielleicht über den Rand tropfen.
Mehr kann sie nicht tun. Ein gutes Präparat kämpft nicht.