Archiv der Kategorie: Ausgabe 03/2009

Rheinräume

Langmütig atmende Rheinräume beim internen Splittern; ineinander übergehende Stromflächen; die Rheinlande docken an Amazonien, nigern, an der Wand (cool pulsende Siebzigerjahretapete) hängen quer und schief Kongomekong-Bilder, filmisch-flüssig, artifizielle Wasserfälle, die schmatzend auslaufen zu Sazklängen, dünnstrahlige Tischbrunnen, zibärtlibefüllt, furchterregende Fleischstilleben („In den Schinkenbergen“), benetzte, glubschäugige Visagen tauchen auf („oh Gott, sind das die Humanisten?!“), von blaugrünen Heimatrastern überzogen, in Fadenkreuzen videotisiert wallen sie durch Gärteneden, in denen das Böse stromtankend abhängt an Biertischen, prall gefüllte Aschenbecher, die allseits gültige politische Meinung ist aufs Münzgeld geprägt, auf den Scheinen barock verzierte Spruchbanderolen, abstrahierte Biedermeier-Weisheiten des Rheinfranken, einem der siebenunddreißig geschützten deutschen Eingeborenen-Stämme, in nachhaltigen, von Expertengremien der Bundesregierung für förderungswürdig befundenen Wirtschaftswunderreservaten gezüchtet, direkt am Rand der heiligen Autobahn lernt er aus seiner Identitätsfibel den „Kampf mit der Natur“: „In die Strudel lenkt der Schiffsmann,/ Der hier die Gefahr nicht kennt,/ In die Strudel, die man ringsum/ Wohl mit Recht „die Wölfe“ nennt. (Wagner von Laufenburg)“ Wenig Industrie, dafür aber Turbinen in den Staustufen für den anzeigenbeworbenen Testbetrieb strikt von der Normalität getrennter Gelände voller Menschenwendemaschinen mit sinistren Klimakterial- und Midlifecrisisschaltern, repubertätisierende Verfahren auf Blut-, Erd- und Zeitaustauschbasis. Ein Wanderer auf dem Deich pfeift auf die Melodie von „Die Gedanken sind frei“ das hoffnungsfrohe Liedlein von der hoffnungslosen Überfremdung durch überaus elegante Orientalinnen mit Zitronenfalterbroschen. Das Bild löst sich in ihren zaubrischen Taschenspiegeln, dh, die Rheinräume verschränken sich, ordnen ihre Jahrhunderte, misten aus, einigen sich auf ein neues Spiellevel.

zwei erfinder

14

foxtrott

~ : louis
to : Mr. sami tupavuari
subject : penelope

Sehr geehrter Herr Tupavuari! Guten Abend! Ich heiße Louis. Sie werden mich nicht kennen. Ich hörte, Sie sollen ein Geräuschworterfinder sein. Bis vor kurzem wusste ich nicht, dass Menschen wie Sie existieren. Umso glücklicher fühlte ich mich, als mir ein Freund von ihren Fähigkeiten berichtete. Ich wende mich nun mit einer dringenden Bitte an Sie. Es geht darum, dass ich Ihnen von Penelope zu erzählen wünsche, einer sehr besonderen Person, einer Frau, die in der Lage ist, Finger in der Art und Weise der Eidechsen von sich zu werfen. Sie werden sich vielleicht wundern, wie so etwas möglich ist. Glauben Sie mir, auch ich wundere mich von früh bis spät über dieses faszinierende Geschöpf. Reine Erfindung und doch schon ein dringender Fall. Sie müssen wissen, ich komme nicht weiter, weil ich ein Wort entbehre, das mir nicht einfallen will, ein Wort, eine Lautschrift, die ein Geräusch wiedergeben oder darstellen könnte, das in genau jenem Moment entsteht, wenn sich ein Finger Penelopes von ihrem Körper löst. Ein Wort müsste das sein, welches von Haut und Knochen ist, ein leichtes, windiges, sanftes, erstaunliches Wort. Wie unermesslich dankbar wäre ich Ihnen, lieber Herr Tupavuari, wenn Sie mir weiterhelfen, wenn sie sofort Ihre Arbeit aufnehmen könnten. Ich frage Sie nun in aller Eile: Was würde ein Wort, wie das gewünschte Wort, in etwa kosten? Mit besten Grüßen – Ihr Louis

gesendet am
28.09.2009
23.58 MESZ
1405 zeichen

Noch ohne Titel (notula nova 49)

Noch einzufügen: Passage Heiner Müller, Gespräche 2. (Suhrkamp, Werke, 11) Über Tiberius (S.12)

(Wie bitte? Man sagt, mir würde der Freitag finanziert? Nun aber Vorsicht! Der Freitag finanziert uns alle!)

Und: Sehr anders etwa als ein Titel mit dem Titel “Ohne Titel” ist ein Titel mit dem Titel “Noch ohne Titel”. Letzterem nimmt man es ab, oder nicht.

Und: vielleicht mag man dazu sagen, ist an Vorletzterem doch etwas dran. Dann allerdings wäre wahr, ebenso: ich finanziere Dir zu grossen Teilen ein (klein-)bürgerliches Leben und Denken.

Und: Aber: Das gehört beiläufig in die kalte Glut!

(Oder, um es noch einmal umzubenennen: Wir arbeiten auch an einer Rekonstruktion des Werkbegriffs. Wurde und wird ein Schreibprozess als Vorgang gesehen, der in ein Werk mündet (münden kann), so setzen wir (umgekehrt?) den Schreibprozess zur Einheit des Werkes, der sich manchmal in einer zweifelhaften Minute zu einer willkürlichen Form (Buch etc.) kristallisieren mag.)

Besuch an der Grenze:
Zur kürzesten Nacht
steht noch unter Strom der Zaun
Am Seerosenteich

Oder:
Natur scheint im Glück
die Blumen in einem Topf
Halb nur im Regen

(Dort oben, nebenan, dreht sich seit 10 Minuten ein junger Mann im Kreis. Macht manchmal kehrt und kratzt sich an den Unterarmen. Die Symmetrie als Ordnung. Und: Die Ordnung als Ornament. Und: Die Spiesser.)

Vienna Community Hospital 3 – Verfall

||| TOTALE INSTITUTION | CLASH OF CULTURES | MÉMOIRE | AMNESIE | NACHBEMERKUNG | RELATED | KLANGAPPARAT

TOTALE INSTITUTION

AKH_Wien_copyright_Christiane_Zintzen

Wie Kasernen und Schulen , Gefängnisse und Altenheime verweigert auch das Krankenhaus den objektiven Blick . Es ist dies ein charakteristisches Attribut von “totalen Institutionen” , wie sie der Soziologe Erving Goffman für diese black boxes ( und quasi eigengesetzliche Zonen der Zurichtung ) beschrieben hat . An solchen Orten wird konzentriert , was oder wer sich gesundheitlich , sozial , ökonomisch dem Allgemeinwohl entgegen steht . Mag sein , dass HIER geheilt und geholfen wird , gelehrt und bekehrt , dem Taumelnden Zuflucht und Stütze geboten : Jedenfalls gib es keinerlei topische oder fotografische Chance , der Überdeterminiertheit zu entgehen .

AKH_Wien_copyright_Christiane_Zintzen

|||

CLASH OF CULTURES

AKH_Wien_copyright_Christiane_Zintzen

An Wiens “Allgemenien Krankenhaus” ( AKH ) treffen auf einem Riesenareal die Bauten dreier Epochen und Stile unvermittelt aufeinander : 1. die Pavillon- Bauten der Einzelkliniken um 1900 , welche ( verhindert durch den Krieg 1914/18 ) ursprünglich das gesamte Gelände zwischen Spitalgasse und der Stadtbahn Michelbeuren medizinisch hätten erschliessen sollen ;

AKH_Wien_copyright_Christiane_ZintzenAKH_Wien_copyright_Christiane_Zintzen

2. die Ende der 60er Jahre nach allen Regeln funktionaler Modernnität errichteten Südgarten- Kliniken ( von einem Garten umgben versammeln sie sämtlich Psychiatrischen Institute , Ambulanzen und Krankenstationen ) ; 3. der zweitürmige Bunker aus Beton und braunen Aluminium , welcher als Riesenbau weithin sichtbar ist und ( fast ) sämtliche somatischen Stationen beheimatet .

|||

MÉMOIRE

AKH_Wien_copyright_Christiane_Zintzen

Während man unmittelbar an der Spitalgasse die Fin- de Siècle– Bauten des famosen Franz Berger heute mit allem Chi- Chi , viel weisser Farbe und teurem Messing Touristen- tauglich renoviert , lässt man die alten , im Zentrum des Areals unvermittelt mit den Objekten jüngerer Bauphasen konfrontierten alten Gebäude auf brutale Art verfallen . Stein um Stein verwesen sie dem absehbaren Abriss entgegen ; die Zeit wird das Ihrige dazu beitragen , eine endgültige Schleifung zu rechtfertigen .

Dabei herrscht – anders als es der dekrepide Zustand es suggeriert – in der einst stolzen “1. medizinischen Klinik” , aus welcher Gelehrte wie Sigmund Freud hevorgegangen sind , noch heute Hochbetrieb . Wobei bezeichnend ist , welche im Bewusstsein der Gesunden Welt beharrlich verdrängten Patientengruppen in diesen Verfallsobjekten Behandlung finden : die aufwändig zu betreunde ( ambulante ) Dialyse- Klientel . Und – einem weit verbreiteten Ondit gemäss , Aids- Kranke .

AKH_Wien_copyright_Christiane_Zintzen16 AKH 07 1 Med 01

|||

AMNESIE

AKH_Wien_copyright_Christiane_Zintzen

Mag sich alldies inzwischen geändert haben , ist eine – zumindest zeitweise – symbolische Kongruenz von Bauzustand und “Patientenmaterial” nicht zu leugnen . Allerdings würden solche symbolischen Korrespondenzen zwischen dem Zustand der verfallenden Baulickeiten und jeglicher Therapie- Einrichtung sich sofort und massgeschneidert einstellen : Man mag zwar das Areal meiden , man mag die Demolitiosfirmen avisieren : den historisch gewachsenen sowie ästhetisch Überdeterminiertheiten ist an diesem Ot nicht beizukommen .

Das moderne Zentralspital mit seinem hohen Durchsatz an Operationen , Thearpien und Patienten erfordert die sofortige Tilgung der Spuren eines Individuums . Es gibt sich damit das Aussehen eines Ortes der Geschichtslosigkeit , quasi “frisch bezogen” , für jedem eintreffenden Patienten ( be )handlungsbereit . Der Altbestand indes generiert einen ständigen Zweikampf zwischen Kräften einer historischen und individuellen “Mémoire” einerseits und zum andern dem hygienischen Hang zur Amnesie .

AKH_Wien_copyright_Christiane_Zintzen

|||

NACHBEMERKUNG

Die Fotografien sind Détailaufnahmen eines einzigen Gebäudes , welches über einen Monat hinweg zu definierten Tag- und Nachtzeiten , bei unterschiedlichsten Lichtverhältnissen sowie mit diversen Typen Analogfilm ( Technical PAN etc ) angefertigt wurden . Sie unterstehen ausnahmslos unserem Copyright ( czz ) .

|||

RELATED

|||

KLANGAPPARAT

Den heutigen “Klangpapparat” tragen wir nun bereits zu lange im Rucksack der empfehlenswerten Musikalien , als dass es ein weiteres Verhehlen dieser hoch energetischen Ein- Mann- Arbeit noch duldete . czz-hoerempfehlungSchliesslich ist Minimal- Tech nicht alleinseligmachend , doch dudelt in anderen Genres viel Hardcore- Krach und gesichtsloses “Chillout”- Mittelmass im CC- freien Klangraum der Netlabels herum . Entsprechend ist die heute vorgestellte Release dazu angetan , qua Ausnahme die Regel zu bestätigen . Denn was Tom McNab aka Sliptone ( UK , MySpace ) mit seiner EP “Funkagent 1” ( Budabeats ) vorlegt , ist eine fetzige Mischung aus Jazz , Funk , Latin und Electronixx , die manchem müden Lazarus schleunigst wieder auf die Tanzbeine hülfe .

Ohne grosse Prätention & Komplikation serviert , lösen Sliptone’s hörbar aus intensiver Praxis herrührenden Tunes die vielen leeren Versprechungen anderer ( auch kommerzieller ) Musikmacher  scheinbar leichthändig ein .

CLICK LINK TO LISTEN TO STREAM ( WMP ) | Downlload ZIP | via kreislauf

|||