Archiv der Kategorie: Ausgabe 04/2012

O-26 W. IN B.

pflegeleicht der Mann, angeblich,
Gehen Sie weg, ein zweites Mal,
lauter, und man ging weg.

Und vom Schnee, den weiten Wegen,
immer mit Hut, oft mit nassen Hosen zurück,
sonntags, auch an manchen Samstagen.

Struktur der Woche: Arbeit bis ½, ¾ 11,
zusammenräumen, Tisch putzen,
dasselbe von ½ 2 bis ½, ¾ 5.

Dazwischen, und danach, das Essen.
Bettruhe ab ½ 8, daran rüttelt niemand,
am wenigsten er, aus Prinzip.

Eigenbrötler, sich selbst stets genug.
Und am Abend auf die Menge Arbeit sehr stolz.
Am Morgen Klopfen: Es ist Zeit!

Tasse, Löffel, Gabel – kein Messer.
Und immer den Anschnitt in Stückchen
zerrissen, einen schönen Haufen daraus.

Die eine Hälfte in die erste Tasse Kaffee,
die andere in die zweite;
beide langsam ausgelöffelt und ausgeputzt.

Hager, knochig, nicht mager, sehr adrett –
so Schritt für Schritt über die Berge,
immer am Kopf oder in der Hand den Hut.

Schreibend mit sehr kurzem Stift,
wenn keiner in der Nähe ist, auf das Fensterbrett,
geschwind aus dem Papiervorrat oben im Gilet.

Sonst alles versteckt. Commishaftes
Abschreibsystem, wie er selbst sagt,
sonst alles versteckt.

Überall, wo er gewesen war,
bald weitergegangen, immer weiter,
aus freier Lust am Austreten, ungejagt.

Schlendernd, hin- und herfegend
in einem so heiteren, für alle aufgeräumten Land,
auch sehr gesprächigen, voller Geduld

auf Schneeglöckchen wartend anstelle von Rosen,
zwischen den Seen, bisweilen auch unentdeckt
in einem Zelt am Fuß des Himalaya

(Sonntag, 17.8.2003, 16.30 Uhr, Berlin)

LITERATUR ALS RADIOKUNST | Elisabeth Wandeler-Deck im ORF- Studio | Produktionsnotizen

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EWD studio 01

SPRACHE KONKRET

Sprache ist kein Ding , man kann sie nicht anfassen. Sprache lässt sich nicht in Portionen teilen . Sie ist schliesslich kein Konto , von dem wir abheben oder Zinsen kassieren können . Sprache ist ein abstraktes System , das die Regeln der Wort- und Satzbildung , der Flektion oder der Subjekt-Position organisiert und in Bahnungen leitet . Sichtbar , hörbar , erfahrbar wird Sprache erst in der konkreten Äusserung : bei Rede und Gegenrede , Sagen und Sprechen , Schreiben und Lesen .

Die französischen Strukturalisten haben dies schlüssig gefasst , indem sie das abstrakte System als “langue” bezeichneten und die verbale Konkretion als “parole” . Sprache ist indes nie ein neutrales Material , da ihre Komponenten – Wörter , Sätze und andere Fügungen – mit Bedeutungen aufgeladen sind . Bedeutungen mithin , welche immer auch Deutungen der Phänomene enthalten . Grosse Konfigurationen solcher Deutungen nennt man dann “Diskurse” .

Für die Schweizer Autorin und Musikerin Elisabeth Wandeler-Deck ist Sprache Material, das sie in jedem ihrer Werke nach poetischen und konzeptuellen Prämissen formt und konfiguriert . Dabei werden Bedeutungen kanalisiert , welche – oft in abrupter Montage – nicht den gängigen Modellen von Welterzählung , Welterklärung , Weltverklärung folgen . Genres wie Prosa , Essay und Lyrik sind für Wandeler-Deck Matritzen, welche Weisen der Weltwahrnehmung konfigurieren . Die Autorin bedient sich dieser “Formate” , um in verschiedenen Perspektiven das anzuvisieren , was sie eigentlich interessiert : Form und Formung von Sprache .

Als seit Jahrzehnten erfahrene Musikerin, Autorin und Sprechkünstlerin ist Wandeler-Deck eine reflektierte Performerin zwischem strengen Konzeptwerk und szenisch-musikalischer Improvisation. Viel von diesem Erfahrungswissen zur konkreten Fügung und deren Artikulation ist in ihr Werk für die Reihe “Literatur als Radiokunst” eingeflossen: einem 2012 publizierten Gedicht folgend lautet der Titel “Beharrlicher Anfang – doch doch sie singt”.

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EWD partitur schema diverse

BEHARRLICHE ANLAGE

In ihrem flächig angelegten Sprechstück sieht Elisabeth Wandeler-Deck zehn Spuren und Stimmen vor, welche in einem teils vorher geplanten, teils in der Situation improvsierten , teils zufälligen Schlüssel mit- manchmal auch gegeneinander klingen. Die Einzelstimmen bzw. “Textstränge” dieses polyphonen Ensembles sind aus unterschiedlichen Materialien gefügt : Sätze und Verse aus eigenen Werken , Kontextsätze , Satzcluster zu speziellen Verben , musikalisch getaktete Wortgruppen , welche in Loops als Wiederholungen wiederkehren .

Um diese Quelltexte als Textstränge , welche poyphon verflochten werden sollen , zur Verfügung zu haben , müssen diese natürlich zunächst einzeln eingesprochen und aufgenommen werden , wobei die Sprecherin ihre Stimme in verschiedensten “Spielweisen” ausprobiert . Zusammen mit Tonmeister Martin Leitner werden Varianten von Lautstärken und Tempi , Tonhöhen und Stimm- Intensitäten ausprobiert , als Spuren angelegt und mittels der Studiotechnik hier verdichtet , dort in distinkten Klangräumen situiert .

So wird etwa das Verb “ich bediene mich” konjugiert und im Flüsterton gesprochen , womit diese für die Poetologie des Stückes eminent bedeutende Formulierung eine suggestive Dichte erhält : als poetologisches Wasserzeichen prägt sich dieser Begriff dem ganzen Stück ein . Unüberhörbar erinnert dieses “ich bediene mich” in flektierter Wiederkehr daran , dass wir beim Sprechen und Schreiben bewusst oder unbewusst Sätze und Worte , Texte und Kontexte zitieren . Und genau die dadurch bedingten Interferenzen sind es ja , auf die Elisabeth Wandeler-Decks Stimm- Komposition abzielt .

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EWD Mikrophonierung

KLANG- RAUM | HÖR- ZEIT

Mittels verschiedener Valenzen von Hall , Lautstärken und Situierung der Stimme im 5. 1. Surround- Spektrum , werden extensive Räume modelliert . Diesen Räumen , in welchen sich die Stimme quasi “nach aussen” in ihrem Klang entfaltet stehen gleichsam “innere” Klanglichkeiten gegenüber . Indem Elisabeth Wandeler- Deck nicht nur Sätze und Worte als Material für das Sprechstück heranzieht , sondern mittels klangvoller Silben und Vokale das reine Lautmaterial gleichsam herauszoomt , bindet sie diese Stimmklänge unterhalb der Wortgrenze an den sprechenden Körper zurück . Wir hören menschliches Lauten quasi in Nahaufnahme , womit die intensiven Räume der Körperklänge ( Barthes’ “Körnung der Stimme” ) den extensiven Räumen der Stimmentfaltung gegenüberstehen .

Der Erfahrung von Räumlichkeit ist das Bewusstsein für Zeit eingeschrieben : Wir erkunden Räume u. a. mittels der Zeit , welche nötig ist , diese Räume zu durchqueren . Dieses Prinzip der “Echtzeit” gilt ganz besonders für die Rezeption eines Klangwerks : während wir Lektüren durch Überfliegen und Querlesen gleichsam “beschleunigen” können , fordert uns das Hörwerk dazu auf , die Entfaltung von Klängen in ihrer zeitlichen Sukzession mitzuvollziehen . Darin sind die lautlichen Gleichzeitigkeiten der miteinander “verschlauften” Einzelstimmen eingeschlossen . Die ästhetische Konfiguration ereignet sich damit zugleich in horizontal zeitlicher Folge sowie in gleichzeitig vertikaler polyphoner Verdichtung :

In dieser und in allen meinen Arbeiten kreuzen sich architektonisches Denken mit Haltungen des “instant composing” der frei improvisierten Musik, konzeptuelles Vorgehensweisen mit Momenten des Wilden. Dies gilt sowohl für die Textarbeit wie für die Klangentwicklung.

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Aus: Giacomo Joyce. Die Neuübersetzung (Editions-Vorfassung)

Erste Zeilen der im Herbst bei etkbooks erscheinenden Nachdichtungen

(James Joyce)
Who? A pale face surrounded by heavy odorous furs. Her movements are shy and nervous. She uses quizzing-glasses.
Yes: a brief syllable. A brief laugh. A brief beat of the eyelids.

Cobweb handwriting, traced long and fine with quiet disdain and resignation: a young person of quality.

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(Helmut Schulze)
Wer? Ein blasses Gesicht, umgeben von dichten duftigen Pelzen. Ihre Bewegungen scheu und nervös. Sie benutzt ein Lorgnon.
Yes: Eine kurze Silbe. Ein kurzes Auflachen. Ein kurzes Senken der Augenlider.

Ihre Handschrift zieht lange, feine Spinnfäden, ihre abschätzige, ergebene Ruhe dabei: eine junge Frau aus gutem Hause.

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(Alban Nikolai Herbst)
Wer? Ein blasses Gesicht in duftschweren Pelzen. Ihre Bewegungen scheuend, nervös. Dazu die Lorgnette.
Yes: Eine kurze Silbe. Kurzer Lacher. Ein Lidschlag.

Spinnenfäden-Handschrift, langgezogen und apart in Hochmut und stiller Ergebenheit: eine junge Standsperson.