Archiv der Kategorie: Prozesse

Das zweite Lesezeichen ist da!

Die Lesezeichen-Ausgabe 02/2008 erschien am 15. Juli 2008.

In dieser Ausgabe:

Rad- und Randblicke, gehälftete Nachbarn und erbrochene Vomitive, Joseph Brodsky und bewusstseinserweiternde Drogen, Misses Frettle und die Ordnung, Bibliotheken und Schriftzeichen auf Klopapier, Playboylovers und Space Monkeys, Frachter und Schiffshörner, Perlhühner und Tauben, Hände und Füsse, Balkon und Küche, Kanzelreden und Deutungsmächte uvm.

ZUM INHALT …

Autor wieder da

Felix Philipp Ingold im Perlentaucher (Volllektüre empfohlen):

„(…) Elektronisches Schreiben ist, im Unterschied zur herkömmlichen Schriftkultur, nicht mehr vorrangig auf die Fertigstellung und Stabilisierung des Texts angelegt, sondern auf dessen Verflüssigung, das heißt auf die stetige Modifikation des Corpus durch Umschichtung, Verschiebung, Löschung, Wechsel des Schrifttyps u.a.m. Die stetige Unfertigkeit dichterischer Werke, von der schon Francis Ponge weitläufig gesprochen hat, scheint sich neuerdings in vielen Bereichen der Textproduktion als Normalität durchzusetzen; sie ergibt sich – soll man sagen: naturgemäß – aus den neuen funktionalen Möglichkeiten elektronischen Schreibens, war aber in den avancierten literarischen Schreibverfahren des 20. Jahrhunderts bereits vorgebildet, auch wenn diese damals noch im Kopf konzipiert und von Hand praktiziert wurden. – Heute benennt man diese Verfahren mit Begriffen wie „Cut & Paste“, „Hyper_Scriptionen“, „Hypertext“, „Hyperfiction“, „Cyberfiction“, „Concreativity“, „schwebendes Schreiben“ u.ä.m., doch all das geht über die längst erprobten Techniken von Schnitt und Montage, von Serialität und Permutation, wie die klassische Moderne sie entwickelt hat, nur unwesentlich hinaus.

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Schriftsteller, die mit dem PC aufgewachsen und als digitale Schreiber zu Autoren geworden sind, bilden heute unter den Literaturschaffenden sicherlich die Mehrheit. Dass aber das gewandelte, technisch hochgerüstete Schreibgerät die Textproduktion – nicht als Verfahren, sondern im Ergebnis – nur unwesentlich modifiziert und auch die Poetik kaum berührt hat, ist belegt durch eine Vielzahl aktueller Publikationen, welche insgesamt – meist beglaubigt durch Kritiker und Juroren – die „zeitgenössische Literatur“ ausmachen, zumal die deutschsprachige.

Da stellt man nun erstaunt fest, dass das erzählerische oder lyrische „Ich“ seligen Angedenkens nach wie vor fröhliche, bisweilen auch wehleidige Urständ feiert; dass es den Schreibenden mehrheitlich und vorrangig um die Kommunizierung privater Befindlichkeiten oder Erfahrungen geht; dass dafür jedoch (wiederum mehrheitlich) entweder auf kanonisierte Stilformen und Textsorten zurückgegriffen oder ein rezenter, in hohem Maß formelhafter, syntaktisch schwacher Alltagsdiskurs bemüht wird, der in Schriftfassung – da die Intonation entfällt – subjektive Einfärbungen weitgehend vermissen lässt, obwohl unentwegt „ich“ gesagt wird und auch „ich“ gemeint ist. (…)“

aus: Felix Philipp Ingold, Ego_Firmen im Alltagsdiskurs

Mit einer impliziten Erklärung, warum Matthias Politycki verschwunden ist …

Überlegungen zu einer Kategorie Briefwechsel

(Mit Bitte um Rückmeldungen)

prozesse: kat. briefe?

hab an mah 09:08 (Vor 2 Stunden)

lieber mah,

in einem mailwechsel mit czz ist mir noch folgende idee gekommen:

„ich habe gerade aber auch noch eine andere idee gehabt, auf die sie mich brachten. man könnte, um die seite aufzupimpen (ja, sie lesen richtig, das wort wurde zum wort des jahres in der schweiz), da eigentlich noch brief- oder mailwechsel einstellen. in portiönchen. was meinen sie? gerade wie unseren? man müsste die vielleicht noch entschärfen mit „(…)“ an manchen stellen. wenns zu persönlich wird. oder personen diskreditiert würden. (man müsste sich da vielleicht auf einen kodex einigen, was geht). das ist jetzt nur so ne idee. man könnte das unter prozesse einstellen. oder eine neue kategorie „briefe“ aufmachen. somit entsteht weitere verwertung, wichtiger aber: ein kleines betriebsrauschen kommt hinzu. und „texte über“. das fänden sicher auch potentielle leserInnen interessant. vielleicht? … natürlich müsste ich das noch mit mah besprechen …

bin gespannt auf ihren gedanken, hierzu
hab“

Am 2. Juli 2008 10:02 schrieb mah :

feine idee, aber ein bisschen aufwendig, oder nicht? wenn ich an meine mailwechsel denke, müsste ich da einiges einschwärzen… und – wie entscheiden, was für andere relevant ist und was nicht? alles einstellen? vielleicht müsste man diese idee in einem beitrag auf prozesse mal zur diskussion stellen.

lg
mah

Am 2. Juli 2008 10:25 schrieb hab :

die texte liegen ja digital vor (…). ich finds jetzt nicht aufwendig. problematische, unwichtige, weniger interessante passagen einfach weglöschen und mit „(…)“ markieren. und zur relevanz. manches ist sicher nicht relevant, aber es geht da ja auch darum, spezifische textsorten, ja o-töne ((halb)privater art, brieflicher art usw.) einzufangen und abzubilden, die einen kontext zu den primärtexten bedeuten.unterschiedliche persönlichkeiten zeichnen sich ab. wie steht also die brieftextstimme zur primärtextstimme? da gehts auch um stilismen. im prinzip: eine sehr moderne form der briefwechselausgaben von „klassikern“ und so …

wichtig wäre dann vielleicht, dass die autoren ihre repliken selber einstellen und dass so etwas wie eine vernetzung der texte stattfindet. auch die kommentarfunktion könnte da noch ne rolle spielen …

Am 2. Juli 2008 11:02 schrieb mah:

lanciere die idee oder das projekt doch mal. ich würde da aber auch gleich ein beispiel aufschalten, damit die leser sich vorstellen können, was genau damit gemeint ist.

lg
mah

Am 2. Juli 2008 11:25 schrieb hab :

das könnte man jetzt performativ nutzen. man könnte genau diesen mailwechsel unter den titel „Überlegungen zu einer Kategorie Briefwechsel“ online stellen …

Am 2. Juli 2008 12:02 schrieb mah :

mach das.

vakanz / ausschreibung

durch das – auf eigenen wunsch erfolgte – ausscheiden von michael perkampus entsteht bei litblogs.net eine vakanz. wir prüfen wieder ernsthafte und angemessene vorschläge von litblogs bzw. litblog-beiträgern und -innen. kontakt siehe impressum …

edit 27.6.: nach kurzer zeit sind schon interessante vorschläge eingetroffen. wir haben noch vergessen anzumerken, dass wir vorschläge gründlich sichten und erst mitte/ende juli zu entscheidungen kommen wollen …

… das Feuilleton will sich ausgeschlossen fühlen

Ein sehr lesenswerter Artikel zur Rezeption von Elfriede Jelineks „Neid“ erschien heute in Dirk Schröders hor.de. Bitte anschauen

„(…) Wirklich findet sich auf Jelineks Website dieses Verbot: Sämtliche hier wiedergegebenen Texte sind urheberrechtlich geschützt und dürfen ohne ausdrückliche Erlaubnis in keiner Form wiedergegeben oder zitiert werden. Es ist aber keins. Das Zitat ist eine der Schranken des Urheberrechts. § 46 regelt das in Österreich: Zulässig sind die Vervielfältigung und die Verbreitung … wenn einzelne Stellen eines veröffentlichten Sprachwerkes angeführt werden … zur Erläuterung des Inhaltes. Gemeint ist vielleicht etwas anderes: das Feuilleton will sich ausgeschlossen fühlen. Nur so kann es die Nur-Internetpublikation einer Nobelpreisträgerin verstehen

(…)

Andererseits meinte Spiegel auch, durch ansatzweise Offenheit, unterbliebenen Druck und fehlendes Lektorat würde die Aushöhlung des klassischen Werkbegriffs, die in Elfriede Jelineks Schaffen immer schon angelegt war, im Netz auf die Spitze getrieben. Und: So ist ein Werk entstanden, das die Mittel des Blogs benutzt, um nahezu sämtliche Fesseln des Romans abzustreifen. Was auch nicht trifft, denn einem Blog ähnelt der Privatroman so wenig, wie er Fesselns abstreift, abseits solcher Äußerlichkeiten, die nicht schon vor hundert Jahren abgestreift worden wären. Und der klassische Werkbegriff ist zudem längst in den modernen Warenbegriff transformiert.“

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