Archiv der Kategorie: Ausgabe 01/2012

die gewitterziege (tierische komposita #1)

mit fest in den boden gestemmten beinen, steht sie vorm waldsaum auf der wiese. ihr fell ist weiß. ihre hörner sind spitz. zwischen ihnen tobt ein funken, ein feiner, heftiger funken, immer hin und her. die kleine gewitterziege vibriert konzentriert und wie aufgespannt. mit den vorderbeinen stampft sie ins gras, ein einziges mal, schlägt zweimal mit den hinterbeinen aus: weit über den spitzen der lärchen, der buchen fährt ein licht durch den himmel. dann noch eins und wieder eins, in zacken aus weiß. beiläufig sieht das tier zum zenit, wo es grollt und donnert. der wind fegt vom wald her über die wiese, dass der mickrige borstenbart krummsteht im sturm. endlich ein kurzes meckern. dann entspannt sich, beim ersten regentropfen, ihr leib, und sie trollt sich zur herde von schafen, unter denen sie, zu gewöhnlichen zeiten, beinahe unerkannt lebt.

Trümmermaul

Eine neue Poesie breitet ihren Mantel über den Strom: Rhythmus ist Maschinentakt, Inhalt ist Arbeit, Melodie – vielleicht Akkordeonklang zum Sonntagstanz, lotrechte Kurven, aufrechter Untergang. Bannt Honoré Daumier mit flinkem sicherem Stift die Badenden, Pudelscherer, Angler an den Kais in sein Sketchbook (der Bouquinisten=Tratsch, und ich erstand Arthur Schnitzlers „Der Schleier der Pierrette“ mit Autograph des Verfassers und seines Illustrators für 20 Francs). Hier ist keine Zeit, hier ist Allzeit. Das leichte Grau, das allen Dingen unendliche Zartheit verleiht: keine schönere Stadt als der graugoldene Seinenebel von unten heraufwabern läßt, daß sie erscheine, Geister ihre Mauern sehen. Heloise und Hugos Zigeunerin Esmeralda treffen sich hier, Voltaire ging durch diese Gassen, aber auch Mimi Pinson (oder Hauffs Bettlerin von Pont des Arts), von Niemandem geliebt, von allen erbeutet. Meine ersten Gedichte von Paris brechen in der Mitte ab. Ich bin dieser völlig versonnene Nymphen=Lecker (vorzüglich wie Du schmeckst, Sequena – und wie Jouffroy Dich schuf) : ruhend, halbnackt, mit Seerosenblättern gekrönt, streng Deine Gesichtszüge, Wasser fließt aus einem Krug, den Deine linke Hand hält – und die andere über dem Knie: ein großes Bündel Trauben, Früchte, Korn. Doch nur Sequenas, der jungen Seine Bild, ruht hier einsam hinter Gittern in einem feuchten Kerker, sie selbst durchläuft schlank die Wiesen der Champagne.

Pinocchio in Leipzig


Pinocchio ist mir in Leipzig mehrfach begegnet

••• Ich bin noch eine Nacht länger in Leipzig geblieben als das Gros der Messebesucher und Literaturbetriebler, denn für mich geht es heute (und das hier schreibe ich im Zug) nach Hamm in Westfalen. Dort steht eine »Leinwand«-Lesung auf dem Programm. Der Veranstalter allerdings, den ich am Beck-Stand traf, hat mich auch um eine »Replay«-Kostprobe gebeten, wenn das Publikum nach dem »Leinwand«-Hauptprogramm noch in Stimmung sein sollte.

Es gab im Turmsegler keine Wortmeldungen von mir in den letzten Tagen. Über Facebook und Twitter konnte man sporadisch mitbekommen, wo ich mich rumtrieb und was sich ereignete. Hier Fotos oder gar einen zusammenhängenden Bericht einzustellen, dafür fehlte – ich gebe es offen zu – der Drive. In diesen Messetagen bin ich zwischen Turbo und Ohnmacht geschwankt. Zu viel persönlich Belastendes trug ich im Gepäck, also mehr emotionale als körperliche Erschöpfung. Ich habe mir, wenn auch die Nächte, wie auf einer solchen Messe üblich, ziemlich kurz gerieten, ein paar Stunden Extraschlaf untertags gegönnt, Spaziergänge durch die wunderbaren Frühlingstage in Leipzig, Sauna (brauchbar im Hotel), Thai-Massage (zu empfehlen und direkt neben dem Hotel). In diesen Tagen heißt es vor allem: ausschwitzen und Haltung bewahren, über die körperliche Wohltat und das Sich-selbst-Fühlen dem Emotionalen immerhin einen Boden bieten, auf dem es sich abstützen könnte…

Der Strahlkraft, die man doch braucht für solche Präsentationstage, ist eine solche Gemütslage nicht eben förderlich. Aber sind wir nicht Profis unterdessen? Da gelingt das lockere Lächeln eben doch, der charmante Smalltalk, der Vortrag, die geschmeidigen Antworten auf alle möglichen Sorten von Fragen. Und es wurde auch besser im Laufe der Tage. Dafür verantwortlich waren die angenehmen Wieder- und Neubegegnungen, intensive freundschaftliche Gespräche mit meinem Lektor, Dummheiten und Ernstschwätzen mit Kollegen. (Auch ein wenig lästern, psssst, wie reinigend!)

Die ersten Auftritte hatte ich gleich am ersten Abend. Zunächst das schon traditionelle Presse-Dinner von Beck, wo ich Tom Bullough kennenlernte, der bei Beck soeben in deutscher Übersetzung seinen Roman über den russischen Raketenerfinder Ziolkowski vorgelegt hat, ein außerordentlich sympathischer Bursche ist das und ein (ich habe unterdessen mit dem Lesen begonnen) witziges, aufregendes und sehr sprachmächtiges schmales Buch.

Den Abend verbrachte ich zwischen Frau Auffermann und Frau Löffler, eine Neubegegnung und ein Wiedertreffen. Wie unumwunden Frau Löffler kundtat, mit Dystopien nichts anfangen zu können, weil die doch in aller Regel sehr vorhersehbar und deswegen langweilig seien, das hat mir gefallen und gab uns Gelegenheit zu einem kurzweiligen Gespräch über dieses Genre.

Vor dem Rauswurf musste ich diesmal das Dinner verlassen, denn kurz vor Mitternacht stand die erste Lesung an. In den Kasematten der Moritzbastei (was für eine Location!) sollte ich mit Thomas von Steinaecker lesen – late night show. Der Oberkeller war gesteckt voll, und ich schritt zum Experiment, das ich mir für diese späte Stunde vorgenommen hatte: Ich las von Seite 109 bis 123 die Passage, die das Thema des »Replays« einführt, eine Strecke voll explizitem Sex. So etwas habe ich noch nie gemacht. Ich wollte wissen, ob ich das unbeeindruckt lesen kann wie jede andere Stelle. Und ich wollte wissen, ob man es überhaupt machen kann, wie das Publikum darauf reagiert. Bloggerin eulenliebe war anwesend und beschreibt in ihrem Bericht vom Leseabend sehr genau die Anspannnung, das Füßescharren und Räuspern. Aufgrund der Beleuchtungssituation konnte ich keines der Gesichter der Zuhörer sehen. Das war schade. So teilte sich lediglich die angespannte Stille mit (es wurde schon sehr genau zugehört), aber auch das gelegentliche tss, tss; nur konnte ich es eben keinen Personen zuordnen. Im Anschluss las Thomas. Im Gespräch dann wurde er gefragt, warum er in seine Romane Fotos und Grafiken einbaue. Er erwiderte, dass er meine, dies würde dem Leser gegenüber die Glaubwürdigkeit steigern, denn sein Eindruck sei, dass der Mensch einem Bild noch immer eher zu glauben geneigt ist als einem Text. Ich dachte mit Blick auf meine Lesung zuvor: Wenn es um Sex geht, scheint es ein wenig anders gelagert. Im Film können wir expliziteste Erotik und harten Sex »hinnehmen«. In einem literarischen Text ausgesprochen scheint es hingegen eine Herausforderung zu sein. Sollte jemand hier lesen, der anwesend war, würde mich brennend interessieren, wie sich das alles im Publikum angefühlt hat. Fazit für mich: Ich kann sowas machen. In dieser Dosierung ist es für ein unvorbereitetes Lesungspublikum dann aber wohl doch too much.

Ein Highlight war die Lesung von Thomas Lang tags darauf im Leipziger Zoo. In seiner kürzlich erschienenen Erzählung »Jim« gibt ein junges Orang-Utan-Männchen eine der Hauptfiguren. Die Lesung fand aber nicht im Affenhaus, sondern im Zoo-Restaurant Kiwara-Lodge statt. Zuvor bekamen wir eine private Nachtführung durch einen Teil des Leipziger Zoos. Da fühlten wir uns wie Jungs auf der Nachtwanderung, das war grandios. Die Lesung dann war nicht weniger eine Freude. Ich habe unverschwiegen sehr andere poetologische Ansichten als Thomas Lang, aber wie schon weite Strecken von »Bodenlos« habe ich auch bei der Lesung aus »Jim« die poetische Tiefe, die unaufgeregte Genauigkeit in Beobachtung und Sprache genossen. Sehr sympathisch war auch die Moderation von Heike Geißler. Ihr abschließendes Zitat aus einem Kinderbuch geht mir nicht aus dem Kopf. Das ging in etwa so:

Der Löwe sagt zum Jäger: Warum jagst du mich? Du bist doch selbst ein Löwe! Der Jäger antwortet: Wie kommst du darauf? Ich bin ein Jäger. Aber, erwidert der Löwe: Da schaut doch ein Schwanz unter deinem Mantel hervor. Stimmt, gibt der Jäger zu: Ich bin tatsächlich ein Löwe. Das hatte ich ganz vergessen.

Mit dabei an diesem Abend war Hans Pleschinksi, den ich bislang noch nicht persönlich kannte. Nun schon. Ein beglückendes Kennenlernen. Der kleine Tross zog nach der Lesung geschlossen in Auerbachs Keller ein. Zuvor hatte ich – eindrücklich darauf hingewiesen – Fausts Fuß gerieben. Glück soll das bringen, wurde mir raunend versichert.


Mein Lektor Martin Hielscher vor dem Abstieg zu Auerbachs Keller

Da mag nun etwas dran sein. Am nächsten Morgen jedenfalls wurde ich von einer SMS geweckt: Schau mal in die FAZ! Das habe ich dann getan, im Foyer des Hotels, barfuß, tatsächlich wie emotional gesprochen. Die Rezension von Christian Metz hat mich sehr bewegt. Wie er das Buch durchfühlt und durchdrungen hat, das war an diesem Morgen Balsam für mich, und fortan hob sich die Stimmung. Am gleichen Tag folgte ein halbstündiges 3sat-Interview vom roten Sofa in der zentralen Glashalle der Messe und am Abend eine wieder sehr gelungene Lesung im Ariowitsch-Haus mit Martin Hielscher als Moderator.

Auch bekam ich mit, dass über »Replay« gesprochen wird. Das Wort geht von Mund zu Mund. Dass das Buch sich am Sonntag in den Top-100 der deutschen Belletristik bei Amazon wiederfand, gab mir dann endgültig Zuversicht: Das wird noch was mit diesem Buch. Es ist grad dabei, entdeckt zu werden.


Blick von »hinter der Bühne« auf den Messestand von C.H.Beck

Am Messesonntag hatte ich nur noch ein Radio-Interview zu geben. Dann schlenderte ich in Halle 5 zu den Verbrechern und den Kulturmaschinen. Ich traf ANH und Phyllis Kiehl, meinen Lieblingsverbrecher Sundermeier und und und. Smalltalk, unaufgeregte, angenehme Gespräche. Ich lauschte Jörg Sundermeier und ANH bei ihren Lesungen, ein schönes, warmherzig empfundenes Ausklingen der Messe. (Übrigens muss ich meinen Verbrecher in Schutz nehmen. Er hat ausdrücklich nicht die Kulturmaschinen den »linksradikalen Verlagen« zugeschlagen, wie ANH heute berichtet (und ich wohl missverständlich erzählt haben muss), sondern ich hatte ihn nach dem Weg zu den Kulturmaschinen gefragt und er hat geantwortet: Die sind gleich dahinten, bei den Linksradikalen. Und das stimmte dann ja auch. Ich habe den Stand jedenfalls gleich gefunden.

Warum ich Pinocchio fotografiert habe für diesen Beitrag? Das hat ausdrücklich nichts mit dem direkt vorangegangenen Absatz zu tun. Mitunter, das will ich doch festhalten, habe ich an diesen Messetagen gedacht, Pinocchio sollte das Maskottchen der Buchmesse sein. Denn bei all den beglückenden und kurzweiligen Begegnungen lässt sich doch eins nicht leugnen: So wie in der Literatur gelogen wird, tun es auch die Literaturschaffenden und -verwertenden und -verwesenden unter- und übereinander. Wenn uns allen da jeweils die Nase wüchse… Nicht auszudenken!

PS: Einen Gruß von hier an Michael Stavarič, den ich auf einer Party im Anschluss an die Lesung im Ariowitsch-Haus traf und mit dem ich leider nicht mehr geplaudert habe, wie ich gern hätte. Ich war überfordert in dem Moment. Aber das Gespräch würde ich gelegentlich gern nachholen.

„WIR SIND KEINE FRAUEN FÜR LOCKERE TREFFEN“ (oder: Die neue Nachbarin)

Mini-Drama

Personen
Melanie
Vivian                                                                                                             
Carola – Traum-Haus-Frauen
VITA – die neue Nachbarin

Die eine Seite der Bühne ist hell erleuchtet. Melanie, Vivian und Carola stehen vor ihren   TRAUM-FRAUEN-HÄUSERN. Auf der anderen Seite der Bühne ragt ein toter Baumstumpf aus dem Dunkel. Plätschernde Hintergrundmusik wie im Edel-Kaufhaus.

Melanie: Die Neue ist kein Teufel, oder wenn sie einer ist, so hat dieser doch die Gewandung eines Lichtengels angelegt. Ein aparteres Gesicht, so fein in den dunklen Rahmen schwüler Träume gefasst, lässt sich nicht denken.

VITA (aus dem OFF): Ein Film, in dem Georg Clooney Angela Merkel spielt, interessiert mich nicht. Ich hätte die Rolle mit Helmut Berger besetzt, der sich sterblich in Daniel Bahr verliebt, der von Matthias Schweighöfer gespielt wird. Arbeitstitel: I will always love you.

Vivian: Es gibt keinen größeren Liebesbeweis als sich in der Stimme eines Anderen wahrzunehmen. Zumal hierin ein Liebesleben sich hüllen kann, dem die Erwiderung des Begehrens versagt bleibt.

Carola: Join me tonight.

VITA (aus dem OFF): I´m tired,/ I´m weary,/ I could sleep for a thousand years/A thousand dreams that would awake me/Different colours made of tears.
(aus dem OFF: Lou Reeds singt ein paar Takte „Venus in furs“, dann wieder die Säuselmusik)

Vivian: Ich frage mich, ob auch sie die Pelztassen von Meret Oppenheim gut findet.

Melanie: Gestern Nacht sah ich sie ihre  Gestalt wechseln. Im Mondlicht setzte sie sich auf die Wellen und spielte Harfe.

Carola: Sie will viele Leben und viele Liebhaber, Frauen und Männer. Sie will sich vermischen und ihre Extravaganz feiern;  sie will ein symbolisches Ensemble ihrer wollüstigen Träume; sie will keinen Platz in der Geschichte, sie will Geschichte sein.

VITA (im Hintergrund schwebend): Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Vivian: Ich fühlte deutlich, als sie kaum die Regeln der Höflichkeit wahrte, um uns von ihrer Schwelle zu vertreiben, dass mir die Mittel fehlen, ihren Charakter zu beurteilen; wenigstens mein gegenwärtiges Urteilsvermögen reicht dazu nicht aus.

Carola: Von Ferne hörte ich die Glocken läuten. Bald werden die Hyazinthen blühen vor dem Haus, aus dem sie uns beinahe warf. Wir könnten auch mit Flugblättern gegen die Hexe hetzen.

Melanie: Schwer ist es, sich von ihrer Gestalt ein Bild zu machen. Etwas Dunkles, Nächtiges umgibt ihr ganzes Wesen. Meine Erinnerung an sie ist unvollständig, wie an einen Traum, obgleich sie mir heftigen Eindruck machte.

VITA (schwebend): Es ist  der Rosenthal-Effekt.

Vivian: Sie hat das Gesicht einer Wölfin, ihre Augen schienen mir grün leuchtend wie Smaragde, ihre Lider lagen darüber dünn wie Mandelhäute. Vorstehende Jochbeine bildeten hochmütige Wangen und spitz lief ihr Kinn zu wie das aller Carnivoren.

VITA (aus dem OFF): Woanders war kürzlich von diesem Georg Diez die Rede. Kleine Jungs mit ihren Schaufeln führen postkoloniale Förmchenkriege im Sandkasten. Mich ekeln seit je brustentwöhnte Buben mit Schnullern.

Melanie: Wir sollten gerecht sein. Ihre Sprache ist rätselhaft. Dunkel wie eine Sphynx weist sie uns ab, doch schien sie mir nicht unfreundlich. Ich fürchte, dass wir aus Eigenliebe uns irren.

Carola: Mir war als berührten ihre Füße kaum den Boden, mir war als erschütterten ihre Tritte nicht die Erde, mir war als sei sie ein Nebel, der uns wabernd umhüllt.

VITA (in der Luft tanzend): Mit ungezügelter Lust tanzen und singen wir unseren Pfad, ziehen auf bestimmten Wegen über die Wasser und malen mit unseren Zehen Kreise auf die schimmernden Flächen.

Melanie: Sie zeigte sich erstaunlich gleichgültig gegen unsere Empfehlungen zu Angelegenheiten, mit denen jede vernünftige Frau vertraut sein sollte, ob sie nun in der praktischen Anwendung weiter geht oder nicht.

Carola: Wir können ihr mit einer voyeuristischen Sicht nicht auf die Schliche kommen. An den Schlüsselmomenten ihres Lebens hatten wir keinen Anteil. Wir können die Skandale, denen sie sich stellte, nur erahnen, die Verbrechen, den sie ausgesetzt war, nur bedauern, die Hoffnungen, die ihr zerfielen, nur erneuern.

Vivian: Ihre nicht gemachte Offerte werden wir ausschlagen, ihre verdeckten Körperpartien bloßstellen, ihre verheilten Narben aufkratzen. Wir werden ihr als eine aggressive Geistlichkeit entgegen treten, um deren Begnadigung sie flehen soll, bevor ihr unsere Männer begegnen.

VITA (sich auf einen toten Baumstumpf setzend):  Meine Wangen sind weiß wie eine Atemmaske, meine Lippen leuchten korallenrot, meine Zähne glänzen elfenbeinern und meine Locken tanzen feengleich um meine Schläfe.

Carola: Wenn wir zusammenkommen, wollen wir fröhlich sein, unser Wetter und unsere Männer loben, uns am Glanz unserer Dielen freuen und unsere Kuchen warm aus dem Ofen holen.

Vivian: Wir wollen nur unsere Sonnenbrillen tragen und unsere Perlen zählen. Wir wollen keine Ersatzfamilien und keine gefährlichen Süchte. Wir müssen niemanden etwas beweisen.

Melanie: Ein Zwang lastet auf uns. Wir sind  des Tags allein ohne unsere Väter, Brüder und Männer. Gelähmt sind unsere Glieder. Wir müssen förmlich verkehren, wo wir frei sprechen sollten. Wie durch enge Stäbe sehe ich auf diesen seltsamen Vogel in seinem Käfig. Als eine ruhelose Gefangene sitzt sie da drinnen, wäre sie aber frei, so würde sie über uns wie ein Raubvogel über der Beute kreisen.

(Die TRAUM-HAUS-FRAUEN schließen den Kreis enger um VITA. Schließlich haben sie die  neue Nachbarin umzingelt. Zischen. Keifen. Handgemenge: VITA zerrupft am Boden.)

Die TRAUM-HAUS-FRAUEN im Chor:
„Wir sind keine Frauen für lockere Treffen.“

Wolfgang Schlenker – knappe bedenkzeit

was immer hier jetzt ist
mehr wird es nicht

das leben scheint zu funktionieren
wie ein tausch

was man gibt
bekommt man wieder

mit verzögerung allerdings
und manchmal aus zweiter hand

aber wie ein prinzip
dieses stirb und werde

und das negativ davon:
wenn ich nicht sterbe

dann sterbe ich
auf der dunklen erde

und siehe da:
der freie wille

ist vielleicht nicht das
wofür man ihn gerne gehalten hätte

aber das ist kein grund
ihn zu verspotten

freier wille
ist ein geschenk

und schenken heißt:
die vergangenheit gibt es nicht.

27. März 2012, Über mein Blutbild, auch über den internationalen Kunstmarkt, 5.56 Uhr

Kaffee, Zigarette. Ich war gestern beim Arzt, der ein Blutbild von mir hatte malen lassen, das er nun interpretierte. Ein modernes Kunstwerk aus Zahlen. So wird man, ohne dass man es will, zu einem Mitglied der internationalen Kunstszene. Ich kann es bereits vor mir sehen: Rohms Blutbild, ausgestellt in den wichtigen, den bekannten Galerien. Mit einem Weinglas in der Hand bauen sich Menschen (nein, keine Menschen, sondern Kunstfreunde) davor auf, nicken wissend, verstehen, was das Labor (und ich) im Moment der Entstehung gedacht haben.
Kunst kommt von “Leben wollen”. Überleben wollen. Die richtigen Werte im richtigen Moment.
Museen könnten Interesse an meinem Blutbild bekunden. Große Kunstwerke sind ursprünglich und archaisch. Blut ins Spiel zu bringen, kann da nie ein Fehler sein.
Der Besitzer der örtlichen Arztgalerie erklärte, mein Porträt sei in Ordnung, mit dem könne ich leben. (Was soll das heißen? In Ordnung? Kein neuer van Gogh? Kein Jackson Pollock? Ich dachte, mein Blutbild würde den Kunstmarkt aufmischen. Ich hätte mehr trinken sollen, saufen, ein abgeschnittenes Ohr hätte ihn überzeugt.) Das Cholesterin sei etwas zu hoch. (Ha, ich wusste es, jetzt rückte er mit der Wahrheit raus, mein Blutbild überstieg den Horizont des durchschnittlichen Betrachters. Keine Kunst für die Massen, eher etwas für elitäre Kreise, ich sah bereits nervös zur Tür, durch die jeden Augenblick eine Art Peggy Guggenheim geschritten kommen musste. Sie würde schreien: Gekauft! Und dann würde sie mich zum Sex zwingen.)
“Das Cholesterin ist etwas hoch, aber das sollte Sie nicht sorgen. Denken Sie einfach darüber nach.”
Der Mann hat keine Ahnung von Kunst. Ich bin das Objekt und (in Zusammenarbeit mit dem Labor) der Künstler. Ich muss nicht über mein eigenes Bild nachdenken. Ich bin das Bild. Mein Körper wird sich schon etwas dabei gedacht haben, und wenn es nur sein Unterbewusstsein war, das sich hier zum Ausdruck brachte. Vielleicht hätte ich ein Wort in den Raum schmeißen sollen. “Surrealismus.” Nein, man darf den Mann nicht überfordern.
“Urin brauchen wir auch noch.”
Ja, die moderne Kunst macht vor nichts mehr halt. Jetzt soll ich also auch noch ein Urinbild herstellen lassen. Widerlich.
Ich hob die Schultern. “Sie müssen entschuldigen”, sagte ich, “aber das geht nicht. Die Erwartungshaltung baut da einen Damm.”
Jetzt unterhielten wir uns bereits über Architektur. Die Pläne stiegen mir zu Kopf, sah ich mich doch für Sekunden bei der Einweihung eines gigantischen Staudamms.
Er nickte und drückte mir einen kleinen Becher in die Hand, den ich ihm in den nächsten Tagen vorbei bringen solle. Dann horchte er mich ab, mit seinem kleinen Stethoskop spielte er einen, der dem Treiben in mir auf die Spur kommen wollte. Unverdächtig seien die Geräusche. Ein verhaltener Herzschlag. Ich hörte schon längst nicht mehr zu, weil ich aus dieser Galerie wollte. Nicht mit mir, dachte ich. Ich habe mit dem Kunstmarkt abgeschlossen. Du lieferst ihnen ein wirklich bedeutendes Bild und was machen die? Wollen dich ausnehmen wie eine Weihnachtsgans, bekommen nicht genug Rohm. Urin. Demnächst soll es eine Scheibe vom linken Fuß sein. Lass dich nicht mit diesen Seelenhändlern ein, denn die Kunst ist ein verrohter Ort für Kannibalen geworden. Die ziehen dich aus, bis du in der Unterhose vor ihnen stehst. Und wenn sie dann genug haben, schicken sie dich mit einem Urinbecher heim und klopfen dir auf die Schulter. Schlimmer kann man einen Künstler nicht behandeln. Seien Sie gewarnt und vermeiden Sie Galerien, machen Sie einen Bogen um diese Häuser, schlagen sie ein Kreuz, ein Rad, nur liefern Sie kein Blutbild. Man wird den wahren Wert ihrer Bilder sowieso nicht erkennen wollen, oder aber man wird sie aussaugen bis aufs … Eben!

Die Dinge waren Honig im Sommer 88

Die Tussi blieb unbeeindruckt. Beim Ausfüllen des Personalbogens hatte ich wahrheitsgemäß angegeben, bereits seit über drei Jahren arbeitslos zu sein, doch das kümmerte sie nicht, ebenso wenig wie die Tatsache, dass ich weder den Führerschein besaß noch Spanisch sprach oder CNC-Fräsen beherrschte, TÜV-Zertifiziert. Erst als sie die Rubrik Stundenlohnvorstellung erreichte, blickte sie hoch.

“Sechzehn Mark..? Nee, junger Mann, das können wir gleich vergessen. Wir hatten an elf gedacht. Elf Mark, nicht sechzehn.”

Ich konnte von meinem Platz aus sehen, wie sie auf dem Personalbogen in Druckbuchstaben ZU HOHE LOHNFORDERUNG eintrug. Verdammt, musste das sein? Druckbuchstaben machten Lärm, Druckbuchstaben fielen auf. Druckbuchstaben waren Gorillas, die sich auf der Brust trommelten: HIER, ICH!! UUH! UUH!
“Moment mal.. Das geht nicht”, sagte ich. “Wenn Sie das so schreiben, kriege ich Ärger mit dem Arbeitsamt.”
“Ärger? Wieso? Wenn Sie doch auf Ihrer letzten Stelle wesentlich mehr verdient haben, ist das doch kein Problem. Dann kann Sie das Amt nicht zwingen, eine Arbeit aufzunehmen.”

“Na schon..”, setzte ich an.

Sie wartete.

“Aber..?”

“.. bei meinem letzten Job als Kommissionierer hab ich elf fünfundsiebzig gekriegt.”

“Oh. Ja. Das sind gerade mal fünfundsiebzig Pfennig mehr. Warum fordern Sie denn plötzlich so viel?”

“Weil man mit dem Geld nicht hinkommt. Könnten Sie nicht.. sagen wir, einen anderen Grund angeben, warum Sie mich nicht einstellen?”

Sie rückte die Brille zurecht.

“Was denn für einen?”

Eigentlich sah sie ganz nett aus. Als wäre sie gerade aus dem Bett gestiegen. Verwuseltes Haar, kleine chinesische Teezähnchen. Ich meine, ist doch schöner als perfekt. Eine Personalchefin muss kein Top-Mannequin sein. Dazu dieses neugierige kleine Stupsnäschen. Wie süß. Und das bißchen Brille.

“Vielleicht.. dass ich untauglich wäre für den Job?”

“Das ist einfache Maschinenarbeit. Das kann jeder.” Sie gackerte. “Sogar Sie.”

“Hm ja.. Oder Sie hätten sich für einen anderen Bewerber entschieden. Es haben sich doch mehrere Leute vorgestellt, oder nicht.”

“Damit wir uns recht verstehen, junger Mann.” Ihre Stimme bekam einen harschen Klang, so als hätte sie plötzlich den Kehlkopf durchgedrückt und stünde nun kerzengerade vor mir. “Wir suchen Mitarbeiter für mehrere Maschinen, und soviel Leute hat uns das Arbeitsamt gar nicht hergeschickt. Und den meisten, die erschienen sind, ist der Stundenlohn zu gering.”

Mir ging es nicht um den Stundenlohn. Ich hatte einfach keine Zeit für den Job, ich hatte im Hotel genug zu tun. Nachmittags war ich Kofferträger und verteilte das Gepäck der ankommenden Reisegruppen, nachts arbeitete ich an der Rezeption und beschiss den Chef, wenn ich ein Zimmer schwarz vermietete. Ich klüngelte an allen Fronten. Die Dinge liefen gut in diesem Sommer. Ich war seit anderthalb Jahren mit der Gräfin zusammen, die Sonne war draussen, ich hatte Bargeld satt.

Nur wenn ich die Zeitung aufschlug, wurde mir zunehmend mulmig. Konjunkturaufschwung, las ich. Jobs, Jobs, Jobs. Was bedeutete, dass möglicherweise selbst für Loser wie mich ein Pöstchen heraussprang, ein sozialversicherungspflichtiges, versteht sich. Aber davon hatte niemand etwas. Ich würde alles nur kaputtmachen mit meinen zwei linken Händen und gefühlsduseligen Kopfhälften. Nein. Es konnte ruhig alles so bleiben, wie es war.

Pünktlich zum Monatsende überwies Nürnberg die Arbeitslosenhilfe auf mein Konto, nicht sehr viel, doch es reichte für Miete, Strom und eine Tageszeitung. Für den Rest, fürs High Life, wie meine Eltern das nannten, jobbte ich im Turmhotel. Bezahlt wurde cash auf die Hand, in Dollar das Koffertragen, in D-Mark die Nacht. Ich fühlte mich wie Onkel Dagobert im Geldspeicher. Hier ein Zwanni, da zehn abgegriffene Dollarnoten, alles voll.

“Things are really honey”, sang ich vor mich hin, eine Zeile aus einem Popsong. Ich hatte vergessen, welcher Song. War ja auch egal. Die Dinge waren Honig, in jenem Sommer 88. Bis eben zu diesem Tag, diesem Vorstellungstermin in einem alten Wuppertaler Gewerbegebiet, bei Frau Patzke.

Ich war Mitte zwanzig und wusste immer noch nicht, was ich werden wollte, wenn ich mal groß bin. Schon Jahre zuvor, als Pepe im Knast saß und wir uns lange Briefe schrieben, kam Pepe auf den Punkt. Er beschwerte sich darüber, dass dieser Staat sich anmaßte, darüber zu entscheiden, welche Drogen wir Bürger nehmen dürften und welche nicht. Die sollen uns in Ruhe lassen, schrieb Pepe zornig, wir tun diesem Land doch nichts. Wir gehen unserer Arbeit nach und zahlen Steuern, dann können wir auch abends was kiffen oder ein Näschen Koks ziehen. Er zählte einige Kumpel auf, die gerne ihrer Arbeit nachgingen und Steuern zahlten. Zuletzt kam er bei mir an, und der Faden riss. Bei mir wollte ihm partout keine bezahlte Beschäftigung einfallen, die zu mir passte.

Du bist ein Outlaw, schrieb er. Schreib einen Sommerhit, dann hast du ausgesorgt.

Ich zog meinen Tabak aus der Gesäßtasche und begann mir eine zu friemeln. Live. Live kam immer gut. Tabak krümelte auf die weiße Resopalplatte des Schreibtischs. Das Gespräch war am Tiefpunkt angekommen.

“Frau..”, ich blickte auf ihr Namenschildchen, “.. Patzke, ich muss jedes Jobangebot annehmen. Ich kann gar nicht ablehnen. Wenn Sie also unbedingt wollen, dass ich hier anfange, dann muss ich das tun, wohl oder übel. Sonst sperrt mir das Arbeitsamt die Zahlung.”

Die Leiterin des Personalbüros starrte auf meine Finger, die eine Zigarette rollten. Ihr Blick verriet erst Ungläubigkeit, dann Hass. Da war nichts mehr mit Stupsgesicht und Teezähnchen. Da war kaum noch Nase. Nur noch Brille, Kassengestell. Ich war zu weit gegangen.

“Also, das müssen Sie schon selbst entscheiden”, giftete sie. “Wenn Sie mit elf Mark Stundenlohn bei einer Vierzig-Stunden-Woche zufrieden sind, können Sie Montagfrüh anfangen, Punkt sieben Uhr dreißig. Wenn nicht, dann nicht.”

Das Gespräch neigte sich dem Ende zu, mit riesigen Schritten. Es war schon draussen auf dem Gang. Ich hörte es trappeln, bis hierhin. Ich saß in der Falle. Das war exakt die Situation, die man bei einem Vorstellungsgespräch unbedingt vermeiden sollte. Wenn nichts mehr vor und zurück ging und man selbst der Gelackmeierte in der ganzen Geschichte war.

“Elf Mark sind zu wenig”, sagte ich und steckte die fertiggedrehte Kippe ein. “Da bleiben doch gerade mal tausend Mark im Monat.”

Sie zog eine veraltete Rechenmaschine heran und tippte mit flinken Fingern Zahlen ein.

“.. genau elfhundertneunzig netto, Steuerklasse eins.”

Ich griff zur finalen Maßnahme.

“Sie hätten doch gar nichts davon, wenn ich hier Montag anfange und nach, sagen wir, zwei, drei Wochen wieder in den Sack haue.”

“Da haben Sie wohl recht”, sagte sie und erhob sich rasch. “Davon hätte ich nur jede Menge Papierkram.”

Sie ging zur Tür und öffnete sie, flankiert von einer kühlen Kopfbewegung: UND JETZT RAUS HIER, FAULER POLAKKE!

Ich schlich davon, wie ein begossener Pole.

*

..

“Das Wort Land finde ich echt schön. Ein schönes Wort. Land in Sicht!”

..

aus

Von Philosophen und echter Philosophie

N21/V2


Notate: taggeträumt…
Wie erfasst es sich blau? Wortausrichtung; die Blauheit,
in ihre Formlosigkeit gefasst; ein Weltplan, ein partikulares Geschwader, ein Summen, eine, sich tiefende Oberfläche, eine verdichtete Auflösung, eine formierte Formlosigkeit, eine flüchtige Erscheinung, eine Klangfuge ohne bestimmbare Folge, eine mehrteilig mehrschichtige Meervervielfältigung.

Brigitta Falkner : collection #03

Salon Littéraire : Literatur als Video | Brigitta Falkner :

collection #03¹

collection #03 (06:00) from brigitta falkner on Vimeo.

¹ errötendes mädchen | anagramm | strange loops | palindrome #03

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Brigitta Falkner ( Bio – Bibliographie )

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