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Inhalt 03/2011

Die Lesezeichen-Ausgabe 03/2011 erschien am 18. Oktober 2011.

In dieser Ausgabe:
Die Schlacht bei Saint-Quentin, Laura (Riding) Jackson, Kreisgedichte, König Davids Himmelsritter, Richtige Literatur Richtiger Verlage, der Übergang von Kirschkuchen zu Kirschlikör, unaufrichtige Bilder, E. E. Cummings, eine Spezialistin für Inseln, polytheoretische Images, vergessene Brillen im Flussbett der Isar, das unbekannte Unbekannte, junge Katzenmütter und unsichtbare Pferde, das bekannte Gelächter der Ratten, die Orbitor-Trilogie von Mircea Cartarescu, 16 Thesen zur “Auerhahnliteratur”, angezapfte Tresenaugen, das Warten auf einen Felsen, Sehnsuchtsmedien, Fische, die im Oberlauf unterwegs sind uvm.

INHALT:

Rupert Spiegelberg – Rupert an den Toren der Morgendämmerung

Gleich pfeift er die Winde los, das hat er versprochen, vorher will er noch den Kompost nach draußen tragen. Die Hitze hier am Ende der Welt macht aus einem beim essen übriggebliebenen Blumenkohl einen entsetzlich stinkenden Nachtisch, um den die Fliegen kreisen, in dem sie auch geboren werden. Schlecht ist es um mich bestellt, sagt sie Rupert alle zweieinhalb Tage, schnappt das schlanke Körbchen mit dem organischen Zerfall und verlässt für einen der wenigen Momente die Höhle der Guanchen. Das ist auch schon genug der Flucherei, „Schlimm ist es um mich bestellt“, nachdem ihm Graf Philipp von Spiegelberg im Traum erschienen ist. Da lag er wie angewurzelt in seinem Bett, die Augen – das wettet er noch heute – aufgerissen wie unter dem Einfluss von Atropin – um ihm zu sagen, dass er selbst zwar 1557 in der Schlacht bei Saint-Quentin gefallen sei, aber das mitnichten bedeute, dass damit derer von Spiegelberg der Erdscheibe abhold geworden seien. „Eingemündet sind wir in derer Von der Lippe, die unser Hab und Gut, und die Stühle und das Silber und das alles wiederum nach derer Von Nassau verschacherten, oder was glaubst du, warum unser Hirsch in deren Wappen gepfercht ist, häh?“
Rupert, der ohnehin kaum etwas glaubte, hatte überhaupt keine Vorstellung von einem Wappen, Wappen waren ihm richtig richtig egal. „Wer … was …?“ Philipp wartet, er hat im Jenseits den Vorteil bequemer Zeitempfindung, aber es wird kein Satz. „Du träumst nicht! Du denkst doch nicht etwa im Traum daran, dass du mich hier erträumst! Ich habe dir etwas wichtiges mitzuteilen. Ich bin so etwas wie dein achtmalgrößter Ahn. Sagt dir das etwas?“
Rupert ächzt, fühlt sich schwer, sein Lufthunger nimmt zu im Angesicht des Wesens, das Müttern die Milch zu stehlen im Stande sein könnte. Aber immerhin war das sein erster Traum von einem maximilianischen Riefelharnisch-Typen, vielleicht lohnte es sich schon aus diesem Grund, morgen eine Imperium-Flasche Sekt aufzutun und damit den Namen des Grafen zu gurgeln. Im Moment wüsste er nur zu gern, wie er dieses Gespenst verscheuchen sollte. „Aufwachen!“ Der Ritter ist verblüfft, verschränkt die Arme, steht da wie Tempora auf Elfenbein und wartet, bis Rupert sich noch einmal zum Erwachen ruft. „Rupert, das ist hier keine Gaudi. Morgen schon musst du dich und deine Flöte packen, um mir auf die Kanarischen Inseln zu folgen. Dort wirst du nicht weniger zu tun haben, als die Winde loszupfeifen.“
Als er am nächsten Tag erwachte, war der Keim der großen Schicksalsnacht bereits durch Wasser, Wärme, Sauerstoff und Alptraum zu einer Sprossachse geworden.

Wandern, ach Wandern weit in die Fern
Wandern, ach Wandern all über all,
weiter nur eilen durchs ganze Land,
nie lange verweilen, von niemand gekannt.
Nicht Heimat, nicht Liebe beward mir zuteil,
nur immer Wandern rastlos in Eil.

Das roughbook 015 ist da: PARA-Riding!

PARA-RIDING. Das Reiten und PARA-Reiten hebt an! Auf zum Parforce-Ritt mit Laura (Riding) Jackson (*1901 New York City, +1991 Wabasso). Doch halt, halt, halt … Da erschallt er auch schon, der böse Widerruf aus Nottinghams Wäldern: Es müsse endlich Schluss sein mit der Poesie! In conformity with the late author’s wish, her Board of Literary Management asks us to record that, in 1941, Laura (Riding) Jackson renounced, on grounds of linguistic principle, the writing of poetry: she had come to hold that „poetry obstructs general attainment to something better in our linguistic way-of-life than we have“. Monika Rinck und Christian Filips haben sich beim Übersetzen und Überschreiben von Laura Ridings Gedichten und Essays zunehmend gefragt, ob sie aufhören sollen mit dem Dichten und sich einfach der hier verheißenen besseren Lebensart widmen. Dabei stellte sich mit der Zeit das Verfahren des PARA-Ridings ein. Das Überschreiben von Texten, die, um wahr zu sein, nicht bleiben durften, wie sie waren. Und vielleicht gerade so wieder das wurden, was sie nicht mehr zu sein versprachen: Gedichte.

„Superspitzenmässigeextraklasse!“ (Erstleser)

Zum Bestellen: bitte hier.

„WAS IST EIN GEDICHT?

Was ist ein Gedicht? Ein Gedicht ist nichts. Durch Beharrlichkeit kann aus einem Gedicht etwas werden, aber dann ist es etwas und nicht ein Gedicht. Warum ist es nichts? Weil es nicht angeschaut, gehört, berührt oder gelesen werden kann (was gelesen werden kann, ist Prosa). Es ist kein Ergebnis von Erfahrung, sei sie gewöhnlich oder ungewöhnlich, es ist das Resultat der Fähigkeit, innerhalb der Erfahrung ein Vakuum zu schaffen – es ist ein Vakuum und daher ist es nichts. Es kann nicht angeschaut, gehört, berührt oder gelesen werden, weil es ein Vakuum ist. Da es ein Vakuum ist, kann der Dichter sich nicht schmeicheln noch dafür Schmeicheleien einfordern. Da es ein Vakuum ist, kann es nicht vor Publikum wiedergegeben werden. Ein Vakuum ist unveränderlich und unverrückbar ein Vakuum – das einzige, was ihm zustoßen kann, ist Zerstörung. Wäre es möglich, es vor Publikum wiederzugeben, würde daraus die Zerstörung des Publikums resultieren.“

(Aus: PARA-Riding, S. 71)

flugschüler

„der HErr ist mein hirte, mir wird nichts mangeln. er weidet mich auf einer grünen aue … und ob ich schon wanderte im finst’ren tal …“ (Psalm Davids, 23)

ihr, die ihr flieget in die babylon’schen türme,
euch gilt mein noch bedenken wie gefall’nen
engeln durch geschosse und aus fenstern,
durch die ihr saht das unheil nahen,
in cockpits euch und uns dem tod zurasen,
damit die welt nurmehr kein teufel wär‘.

der grünen aue finst’res tal in pennsylvania
war nicht nur unser, auch längst euer flügelnd‘ grab.
„allah akbar!“ schrie es aus euch, als ihr hindrücktet
das steuer auf den abhang und verderben, weil diese
welt hat platz dem märtyren nicht mehr,
für simpleres des untergangs doch manches.

dabei wusstet ihr doch, wie das leid
nur weit’res zeugt, wenn es zu tilgen, unvernunften
ungeheueres gebiert, wie schon damals könig david
seinem volk den untergang empfahl als weg
zum himmel aus der hölle, deren beide ihr nun
habt entfacht in einigkeit der himmelsritter.

ihr lerntet – und ihr lehret uns – den flug ins fallen,
als wüsstet ihr wie wir, die hinterbleibenden,
nicht wo ein gott behausung fände noch
in dieser welt aus türmen, die so himmel wie
die hölle stürmen, in hoffart, macht und gier,
als wüssten wir nicht, was auch das erzeugte:

euch, ihr brüder, ikarusens schüler,
die sind kaum mehr als wir verrückte.
wird euer terror uns die mahnung sein,
uns selbst und euch nicht zu verhehren?
ihr flieger fielet grundlos in den grund,
der uns gemeinsam hofft auf grüner aue.

Der Verlag als poetischer Text (notula nova supplement 17)

Findstück

Der poetische Verlag (PV) ist ein polyphoner Text. Ein stets-als-etwas-Ganzes-zu-Betrachtendes. Ein „romantischer Roman“ von Fragmenten.

Der „Verlag als Roman“ ist Metapher, aber auch tatsächliche Lesestruktur. Die Fiktionalität dieses Romans beruht auf seiner Institution der Transzendenz. „Werke“ sind abgeschlossen und gleichzeitig nicht. Der poetische Verlag ist liquider Kontext und immer auf der Höhe der Zeit. Er ist ein moderner Roman und Roman der Moderne.

Der poetische Verlag hebt die Grenzen der Texte auf. Er poetisiert sein Archiv. Er ist Schreibprozess. Er sagt: „Ich / wir schreiben einen Verlag“ Die Rede über den poetischen Verlag IST Literatur.

Das Etwas (das Andere) der Texte sind die Alteritäten im Programm. Der Suggestion (des Marktes) einer Textlandschaft von gewisser Diversität im Gleichen entgegnet dieser Verlagstext mit differenten Bewusstseinsstrukturen. Er ist ein Konzept der Alterität auch durch Mischung von „Code/Oberflächentext“.

Es existiert keine „experimentelle“ Literatur (EL). Eine sogenannte EL ist ein immerschon-Vorhandenes, das weiter entsteht. (Würde man sie sonst identifizieren?) Eine EL entsteht folglich im Diskurs der Ent- und (Selbst-)Ausgrenzung. Ein PV benötigt diese Begriffsbildung aber um Normabweichung zu ermöglichen. Er identifiziert „sogenannte“ EL, bei der es sich um „richtige Literatur“ (RL) handelt, aus der Perspektive seiner romantischen Ränder.

Das Verlagswesen, der Markt ist ein Markt willkürlicher, ästhetisch-begrifflicher Setzungen. Man spricht z.B. vom „besten Roman des Jahres“ usw. Der poetische Verlag muss diese Mechanismen ironisieren. Tut er dies, spricht ein PV dann von sich als „eigentlichem“ oder Richtigen Verlag (RV). PV und RV fallen zusammen in der äusseren Form eines nonchalanten Pragmatismus.

Ein PV ist auch dann ein RV, wenn er Einblick in diese Strukturen unterhält bzw. diese reflektiert und benennt. Diese annimmt, anwendet, die Prämissen aber auf den Kopf zu stellen sucht, d.h. sie „normalisiert“. (Kann jede/r einen PV als RV unterhalten? Ja! Allerdings muss der Wille, ein RV zu sein jederzeit klar erkennbar sein und die erklärten Ziele systematisch verfolgt werden.) Der Richtige Verlag ist eine natürliche Person.

Ein RV verlegt RL und weist folglich die nicht- oder falsche Rezeption von RV-Rezipienten (Leser, Feuilletons, Vermittler) automatisch als inkompetente Rezipienten (IR) aus. Kompetente Rezipienten (KR) wissen falsche Verlage (FV), RV, KR und IR gut zu unterscheiden. Sie werden im eigentlichen Sinne als LESER bezeichnet. KR sind RV vor dem Roman.

Das Geschäft eines PV (nebst: Roman zu sein) ist das Geschäft mit der Differenz (und ihren Theorien). Es ist und bleibt aber ein Geschäft, das heisst: es ist und bleibt harte Arbeit. (Ein PV arbeitet immer und ist nie im Urlaub. So ergeht es auch dem RV.)

Neue Medien und Techniken erlauben Neue Poetiken (NP). Diese müssen vom RV integriert werden. Der PV schreibt ohne Unterlass an einer Metapoetik der Schnittstellen zu Arbeiten von NP. Der RV ist NP, wenn er ganz bei sich ist.

Wie gehen RV und (Neue) Massenmedien zusammen? Arbeitet der RV mit bestimmten Medien zusammen, handelt es sich bei diesen dann um Richtige Medien (RM). Auch die RM schreiben am Verlag(stext) eines RV mit. Sie sind dann: Romantische Medien.

Treffen sich viele RM, so nennt man dies ein Gelage.

Unabhängige Verlage, die sich in der Mimikri der Strukturen „normaler“ oder grösserer Verlage (FV) üben bzw. sich diesen anpassen und ähnlichen Status akklamieren, sind keine RV im eigentlichen Sinne. Überhaupt gibt es keine unabhängigen Verlage außer den RV. (Wo wäre denn sonst die Welt?)

Ist ein RV einer Monetarisierung generell abgeneigt? Nein, allerdings kann eine Profitmaximierung niemals das Ziel sein. Reinvesitionen sind nicht absatz-, sondern differenzorientiert, eine Vielfalt um jeden Preis, selbstverständlich. (Dabei ist am Markt zu kritisieren: Es werden nicht mehr Schreibweisen vorgelegt, sondern nur noch Rezeptionsweisen bedient, etwa. Diese Form der Reduktion der Darstellungen von Bewusstseinsmöglichkeiten wird als antiaufklärerisch empfunden.)

Der Verlag als poetischer Text wirbt für sich und seine Elemente. Werbung und Prozess der Werbung müssen selbst poetisch sein, müssen Roman sein. (Man denke aber an FV, die fünf bis sechsstellige Werbeetats in Titel investieren. Hier wirbt Spielgeld um Spielgeld. Poetisch zu nennen wäre hier zwar einmal das Funktionieren der Illusion. Diese aber hat keinen Bestand, bleibt nicht different.)

Man spricht zu Recht von „Verlagslandschaft“. Man spricht auch zu Recht von Raubbau, Umweltzerstörung, Monokultur. Dass immergleiche Texturen von FV veröffentlicht werden, ist ein Hinweis darauf, dass Sprachen (das Darüber-Sprechen) verloren gegangen sind. Der PV betreibt in diesem Sinne Sprachpflege, Archäologie und Umweltschutz in 1. und 2. Ordnung. Er ist ein polyglotter, ökologischer Roman.

Der RV hält fest: Nicht der Markt, das Subjekt des Textes ist die Adresse des PV.

(Undsoweiter.)

erotische gedichte

e. e. cummings: »erotische gedichte«

Liebe, Humor, Frau, Mann. Kommt nun noch die Freude am sprachlichen Experiment dazu, ist man bei den erotischen Gedichten des amerikanischen Lyrikers und Malers E.E. Cummings (1894–1962) angelangt. Cummings liebt das Physische in allem, was er tut: Er liebt die Buchstaben, die Wörter. Und er liebt die Frauen, die Erotik, den Sex. So wie er immer wieder die sinnliche Einheit zweier Liebender und ihrer Körper feiert, so spielt er auch mit dem Körper der gedruckten Sprache: Er trennt und vereint die sprachlichen Körperteile, um sie zu neuen und überraschend lustvollen Bildern im Kopf der Leser werden zu lassen. Seine Gedichte bewegen sich dabei zwischen romantisch und obszön, zärtlich und derb, verspielt und frivol. Seine liebevollen erotischen Stellungnahmen entzücken und provozieren.
Dieser Band vereint zum ersten Mal ausgewählte erotische Gedichte aus dem umfangreichen lyrischen Werk von E.E. Cummings.

••• Gestern bekam ich eines der ersten Exemplare von cummings’ »erotischen gedichten« in die Hand. Der zweisprachige Band erscheint am kommenden Donnerstag in der textura-Reihe von C.H.Beck. Die sehr gelungene Neuübertragung der Gedichtauswahl – ursprünglich in dieser Zusammenstellung bei W. W. Norton & Company erschienen (siehe auch »» hier) – hat Lars Vollert besorgt. Mich freut besonders, dass ich ein Nachwort zu diesem Band beisteuern durfte und sich in diesem Nachwort auch eine Zeichnung von Kerstin Klein findet, die sie mir vor einigen Jahren verehrt hat.

Dass cummings immer eine lohnende Lektüre ist, muss ich nicht eigens betonen. Dieses Buch, liebevoll gesetzt und schön verpackt, sollte man gleich zweifach kaufen. Für einen selbst natürlich; und dann eignet es sich sicher auch besonders gut als Geschenk für jemandem, dem man Zärtliches sagen möchte…

e. e. cummings: »erotische gedichte«
Mit einem Nachwort von mir und einer Zeichnung von Kerstin Klein

asmara tigri

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lima : 16.01 – Die Frau, die mir sofort eine Geschichte erzählen wird, scheint müde zu sein. Immer wieder fallen für Sekunden ihre Augen zu. Früher Morgen, Tigri hat die Nacht über gearbeitet. Wir sitzen in einem Schnellzug vom Flughafen in die Stadt. Gerade wollte sie noch wissen, warum ich auf dem Notebook einen Film betrachte, der von einstürzenden Türmen des World Trade Centers berichtet. Sie habe, bemerkt Tigri, sechs Stunden lang Briefe sortiert, das heißt, Luftpostbriefe für Inseln, die im pazifischen Ozean liegen, weil sie eine Spezialistin für Inseln ist, auch für Inseln atlantischer Gebiete, aber vor allem kenne sie sich aus mit Inseln, die Kiribati heißen oder Tonga oder Palau oder Vanuatu. Sie sagt, dass sie diese Namen lieben würde, dass sie Anfang der 70er Jahre in einem Dorf nahe der eritreischen Hauptstadt Asmara geboren worden sei und dass das Dorf im Jahr 1984 wieder aufgebaut werden musste, weil an einem Sonntagabend ein MIG-Flugzeug das Dorf zerstört habe und viele ihrer Freunde getötet. Zu diesem Zeitpunkt lebte Tigri bereits in Westdeutschland. Wenn sie den Namen ihres Dorfes ausspricht, bin ich nicht im Stande, das schöne Geräusch in meinem Kopf zu behalten, aber das Wort Asmara kann ich mir merken. Sobald ich das Wort Asmara formuliere, leuchten ihre Augen, also sage ich dreimal Asmara und freue mich über die Wirksamkeit dieses Wortes. Asmara soll eine Stadt hellen Lichtes sein, sage ich, es soll dort immerzu nach Kaffee duften, und Tigri lacht und ich denke, dass das jetzt entweder so ist oder dass das nicht so ist, dass sie jedenfalls das Helle mag und auch den Kaffeeduft. Man spreche Tigrigna dort in ihrer Gegend, sagt Tigri, und ich bemerke, dass ihr ganzer Name selbst in diesem Wort enthalten sei. Wieder lacht die junge Frau, schließt kurz die Augen, erzählt, dass ihr Bruder, ein Gynäkologe, aus den Diensten eines Krankenhauses entlassen wurde, weil man ihn nicht als das behandeln wollte, was er zu sein wünschte. Mein Bruder, wissen Sie, möchte ein König sein. Nun ist er arbeitslos und König. Er ist natürlich schwarz wie ich, genau so schwarz, und schwarz steht den Königen nur in Afrika. Sie macht eine kurze Pause, reibt sich die Augen. Wir sind jetzt allein auf dieser Welt, sagt Tigri, alles ging sehr schnell. Im vergangenen Jahr sei ihr Vater gestorben in Eritrea, ein glücklicher Mensch, ein Busfahrer, ein sehr stolzer Herr. Im Oktober des selben Jahres sei schließlich die Mutter mit dem Flugzeug via Rom nach Frankfurt gekommen. Sie habe, ohne das zu wissen, einen Tumor im Kopf mitgebracht, im Februar war sie dann umgefallen und tot im März. Tigri lehnt ihren Kopf an die Wand des Zuges, schaut aus dem Fenster. Ein heißer, schwüler Morgen. Ob sie den Film ansehen dürfe, will sie wissen.
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