Archiv der Kategorie: Ausgabe 04/2013

0115 – SIE SAGT

sie sagt: gehen wir hinaus, und im hinausgehen zerfalle ich auf den entferntesten stern. ich blicke auf. die schrebergärten blitzen. die einbrecher sind unterwegs. die friedhofsbesucher drinnen können sich mit den friedhofsbesuchern draußen nur durchs gitter unterhalten. ich reiche einer toten die hand. meine füße baumeln von der aus den erdreich geholten bank. ich bin plötzlich im verhältnis sehr klein. einer wird den abhang hinunterrollen und an der neu errichteten mauer mit seinem tretroller zerschellen. wenn das nicht unser sohn ist? sie hat ihren sohn nur im bewußtsein. ihr mann geht neben ihr her mit vermehrten falten und zunehmender kahlheit. die politischen lehren verblassen im vergleich zur lage. ich spalte mich auf, meine diffusität verkünstlicht meine existenz. ich habe mich im hinaufgehen kurz vergessen. immer mehr maschinen halten zuhaus einzug. auch hinter gittern sind liegewiesen zu sehen; was dahinter liegt, weiß man nicht. gloriette ist ein kennwort für kenner der situation. wir recherchieren. die hausbewohner geben bereitwillig auskunft. wir halten uns länger auf, als wir wollten. die sonne brennt in unseren auf november eingestellten augen. zum weintrinken ist es zu früh, aber davonlaufen kann sie. aber ich kalkuliere mich als faktor des handelns insofern aus, als sie mich als faktor des liebens auskalkuliert. wenn wir wollen, bleiben wir beide auf der strecke. wir sind die strecke, die uns trennt. unser lustiger grüner bruch ist ein offsetdruck. unsere dialektik kann uns entstehungsgeschichtlich weiterhelfen, formell aber bleiben wir die alten scheißer. der eine steht dem anderen gegenüber, und das ist immateriell. wir kultivieren das unbewußte, der geist verschont uns nicht. sie sagt: gehen wir hinaus, und eine ganze weltanschauung knallt hinter uns ins schloß. die rentner erheben sich und applaudieren. meine vorsehung stirbt den kältetod. zitternd begeben wir uns die lange gasse hinauf, aus dem rock geschüttelt, barhäuptig, ein häufchen synthese, obwohl ich die synthese verweigere. sie kennt das kennwort für die kellner und das konkrete. und dann entzieht sie mir ihre hand, und ihr schweiß bildet sich auf mir von selbst. meine abhängigkeiten sind auf jahre konstituiert. vermischt lebe ich schon mit derjenigen, die mich verlassen wird. die gerinnungszeit unserer zeit hat sich verringert. haarfett auf der zunge, spucke ich gegen den wind aus dem westen. wir haben unsere himmelsrichtungen auf ein verbleiben überprüft. doch die renovierungsarbeiten sind noch nicht abgeschlossen. die bäder werden von bissigen hunden bewacht. immer denke ich den weg zurück in die studentenzeit, wo wissenschaft & kunst keimfrei waren. wo die sexualität sich aufs begeilen an der nachbarstätigkeit beschränkte. was damals an unerschöpflichem entdeckt wurde, nimmt diejenige, die mich verläßt, wieder mit. sie weiß natürlich nicht, warum sie mich verläßt. sie weiß ihre angst nicht anders umzusetzen. sie hat angst vor der zeit, sagt sie, und trotzdem versagt sie sich dieser zeit. sie küßt mein doppelbild. sie nimmt ihren jahrhundertkopf zwischen die schultern und öffnet die augen und wendet sie nicht mehr ab von der blendung, die ich bin. das licht scheint durch die beschlagenen scheiben, unsere körperwärme filtert die außenwelt ab. mehrmals schlage ich nicht nur im geist mein wasser ab. es geht nicht, sagt sie, nicht jetzt, später, bestimmt. das rätselhafte an mir bekommt eine neue dimension. die wahrnehmungen spielen nur eine untergeordnete rolle. mein konzentriertes ich leidet, aber worunter? es verändert sich molluskenhaft. unser schwächebewußtsein stärkt einander, aber ihre kinderstimme liegt gleich hinter der glottis parat. jetzt stehen wir, wo wir geheiratet haben. ich lasse sie sich mir vor augen führen, aber meine Geduld reicht nicht aus für diesen entsetzlich langwierigen prozeß. ich beginne zu deuten und zu exemplifizieren. auch aus dieser situation mache ich ein exempel und statuiere, was anscheinend unvermeidbar war. ein kopf unter köpfen, die alle gleich fremd sind und entsetzlich schnell altern. wir beginnen zu streiten, diesmal fast lautlos. doch sie entdeckt noch die geheimsten kiebitze und verläßt empört das haus durch die hintertür. der kleine ersatz ist vielleicht der große erfolg. hartnäckigkeit hat wie immer nur das ziel der erhöhung des selbstbewußtseins. ich bitte wiederholt, ohne mir hündisch vorzukommen. ich gehe zu boden, und angst, blut & ekel halten mich zusammen. eingekeilt zwischen ihren bestrumpften beinen, erhebe ich mich mit einem ganzen sack voll revolutionen. ich bluffe nicht. ich halte mein bewußtsein im schach mit durchhalteparolen. leblose materie läßt mich reflektieren. ich denke mich leicht hier weg und suche bestimmt keinen trost. ein haus wäre schön, speise und trank in hülle und fülle. doch unter deinen füßen zischen schienen und das desinteresse für wissenschaft & forschung. der einsatz der zeitpunkte ist verwirrend genug: ich erkenne wieder meine voreiligkeit. schnellschießer haben bei ihr nichts zu suchen. die liebe ist aber trotzdem eine explosion in tagebüchern. kalkige ausscheidungen und ein hellroter fleckiger oder knotenbildender hautausschlag an verschiedenen körperstellen. nicht haben, sondern wissen ist von bedeutung. es gibt nur zu lernen, über den berg zu sein. sie sagt: gehen wir hinaus, und wir treffen uns an der wurzel der liebe, und die kritik an unseren erziehung und an unseren umgangsformen und an unserer wirklich gelebten zeit ist gegenstandslos. wir gehen hinaus, und schon haben wir ein haus und ein bett und eine nacht. was wir uns verweigern, wird uns gegeben. was wir uns geben, wird uns verweigert. wir gehen hinaus.

(9.11.1972)

Inhalt 04/2013

Die Lesezeichen-Ausgabe 04/2013 erschien am 14. Januar 2014.


In dieser Ausgabe:
Drohnen und Schreibwerkzeuge, lachende Möwen und revanchierte Narben, die Lyrikproduktion im 19. Jahrhundert, alte Bäcker und Krötenschleudern, Lektorate ausgeschickter Fäden, Daniel Odija und Rainer Maria Rilke, schlummernde Brunnen und Glockenumzüge, die lefzenden Felle des Francisco Goya, Wandertriebe und Sitzen auf Bänken, Baldrian extra-stark und Kondome, Originalmeisen, Bootcamps, das Gewesene uvm.

INHALT:

luftwesen

9

sierra : 0.14 — Kurz nach Mit­ter­nacht. Fol­gen­des: Eine Drohne in der Gestalt eines Koli­bris sta­tio­niert seit weni­gen Minu­ten in einem Abstand von 1.5 Metern vor mir in der Luft. Sie scheint zu beob­ach­ten, wie ich gerade über sie notiere. Kurz zuvor war das kleine Wesen in mei­nem Zim­mer her­um­ge­flo­gen, hatte mei­nen Kak­te­en­tisch unter­sucht, meine Bücher, das Later­nen­si­gnal­licht, wel­ches ich vom Groß­va­ter erbte, auch meine Papiere, Foto­gra­fien, Schreib­werk­zeuge. Ruck­ar­tig ver­la­gerte das Luft­tier seine Posi­tion von Gegen­stand zu Gegen­stand. Ich glaube, in den Momen­ten des Still­stan­des wur­den Auf­nah­men gefer­tigt, genau in der Art und Weise wie in die­sem Moment eine Auf­nahme von mir selbst, indem ich auf dem Arbeits­sofa sitze und so tue als ginge mich das alles gar nichts an. Von der Drohne, die ich ver­sucht bin, tat­säch­lich für einen Koli­bri­vo­gel zu hal­ten, war zunächst nichts zu hören gewe­sen, kei­ner­lei Geräusch, aber nun, seit ein oder zwei Minu­ten, meine ich einen leise pfei­fen­den Luft­zug zu ver­neh­men, der von den nicht sicht­ba­ren Flü­geln des Luft­we­sens aus­zu­ge­hen scheint. Diese Flü­gel bewe­gen sich so schnell, dass sie nur als eine Unschärfe der Luft wahr­zu­neh­men sind. Ein wei­te­res, ein hel­les fei­nes Geräusch ist zu hören, ein Wis­pern. Die­ses Wis­pern scheint von dem Schna­bel des Koli­bris her zu kom­men. Ich habe die­sen Schna­bel zunächst für eine Attrappe gehal­ten, jetzt aber halte ich für mög­lich, dass der Droh­nen­vo­gel doch mit die­sem Schna­bel spricht, also viel­leicht mit mir, der ich auf dem Sofa sitze und so tue, als ginge mich das alles gar nichts an. Ich kann natür­lich nicht sagen, was er mit­tei­len möchte. Es ist denk­bar, dass viel­leicht eine ent­fernte Stimme aus dem Schna­bel zu mir spricht, ja, das ist denk­bar. Nun war­ten wir ein­mal ab, ob der kleine spre­chende Vogel sich mir nähern und viel­leicht in eines mei­ner Ohren spre­chen wird. — stop

Oblivion

Manchmal ist es gut, dass sich Winterabende wie Nächte anfühlen, manchmal stehst du allein draußen auf einem Bahnsteig, du wartest im spärlichen Licht auf einen Menschen, der dir einmal alles war, dein Atem steigt schnell und weiß nach oben, wo ein Scheinwerfer abkippt, durch ein leeres Bürogebäude fährt, als wollte er Schreibtischen und Drehstühlen durch die Haare wuscheln. Und du schaust von fern auf Berlins Silhouette, und du stellst dir vor, wie weit wir alle hätten kommen können, wenn wir das mit der Missgunst ausgelassen hätten. Wenn wir nicht damit angefangen hätten, uns bei Fremden für unsere Narben revanchieren zu wollen. Wenn wir einfach nur versucht hätten, besser zu werden, von Anfang an.

lorde // goethe

7. Dezember 2013

skizze zeichnung sequenz

ich sehe den alten gerne
in den mitternachtsstunden wenn es draußen viel zu staubig zugeht
ist er da
barfuß
er bringt mir das meer
er sagt
dort sind die wellen
die möwen sieh wie sie über die zukunft lachen
ihr lachen ist leicht
leicht wie die stimme einer frau
die das licht vergisst wenn es nacht wird
die aufatmet
wenn niemand im stillen kämmerchen weint

ich sehe den alten gerne
weil er das atmen läßt
weil er nicht will dass ich ihm eines singe
ich singe ihm aber trotzdem eines

wenn es nacht wird tragen die
toten dichter das verlassene ins meer

ich seh den alten gerne
sagt sie
man verliert nichts wenn er geht
aber er hinterlässt immer etwas und es ist schön
wenn das bleibt
lorde: royals

lorde // johann wolfgang von goethe

Freitag, 20. Dezember 2013

Anders stand es bei der Lyrik – sie war auch für Leihbüchereien kein attraktiver Geschäftsgegenstand, und es blieb den gesamten Zeitraum hindurch selbstverständlich, daß der Autor den Druck seiner Gedichte entweder gänzlich selbst bezahlte und dem Verleger gegen einen hohen Anteil am Erlös den Vertrieb überließ oder doch zumindest die Hälfte der Druckkosten bestritt. Dieses Verfahren brachte sehr geringe Auflagen mit sich, für die der Verfasser oft Absatzgarantien übernehmen mußte: etwa 250 – 500 Exemplare galten als üblich.
(Reinhard Wittmann über Lyrikproduktion im 19. Jahrhundert in „Buchmarkt und Lektüre im 18. und 19. Jahrhundert“, Tübingen 1982)

Die Schriftstellerei ist gegenwärtig kein Amt, sondern ein Geschäft, und die freie Concurrenz, das Gesetz der Natur, wie der ökonomische Liberalismus sie nennt, erzeugt überall hunderttausend Bettler als Staffage eines einzigen Millionärs.
(Joseph Lukas in „Die Presse“, 1867)

In der Meinung der „soliden“ Leute sowie der hohen Obrigkeit rangiert er zu den Vagabunden und muß es sich gefallen lassen, gelegentlich per Schub transportiert zu werden. Es ist so weit gekommen, daß die Bezeichnung „Literat“ von dem Begriffe der Geringschätzung, der Mißachtung unzertrennlich ist.
(Karl Weller in „Jahrbuch deutscher Dichtung“, 1858)

Wenn es einmal dazu kommt, daß die deutschen Proletarier mit der Bourgeoisie und den übrigen besitzenden Klassen die Bilanz abschließen, so werden sie es den Herren Literaten, dieser lumpigsten aller käuflichen Klassen, vermittelst der Laterne beweisen, inwiefern auch sie Proletarier sind.
(Friedrich Engels in „Die wahren Sozialisten“, 1847)

Flower power

Und mit mir kamen die Tränen – Supergedichte I

Depressives Adventsgedicht

Advent, der erste.
Nicht mehr lange,
dann ist Weihnachten da.
Danach kommt Januar.
Und nicht mehr lange,
dann ist Sommer.
Schnell schreitet die Zeit
durch den Raum.
Ein paar Jahre später
ist man schon tot.
Scheiße.

Abendrot (Ein Gedicht, das Kraft schenkt)

Abendrot, der alte Bäcker,
der meine Frau früher beglückte,
ist, wie ich unlängst las,
verstorben.
Schade, denn nun ist Abendrot
tot.
Das versaut die ganze
Abendstimmung,
war er doch spätabends immer
mit seinem Hund Sonnenuntergang
unterwegs.
Und jetzt?
Wer führt den Hund Gassi?
Ja, das Leben kann
grausam sein.
Egal, wir dürfen
nicht aufgeben.

Morgenhetze und Geburt

Hetz doch nicht so,
sage ich dem Morgen.
Der hört nicht zu.
Der ist gerade mit
seiner eigenen Geburt
beschäftigt.
“Pressen!”, schreie ich.
Hach, da ist sie,
die Sonne.
Was für ein wunderschönes
Kind.

Winterkillerfüße

Kannst du mal anpacken,
wenn du willst.
Mein kalten Füße
sind so kalt
wie der Winter,
wie ein Killer,
darum nenne ich sie
auch
Winterkillerfüße.
Die sehen gar nicht so aus.
Sie erinnern an
ganz normale Füße,
meine Winterkillerfüße.
So kann man sich
täuschen.

Zangengeburt

Das hätte sie sich
nicht träumen lassen.
Dass eine Zange
so schwierig
zu entbinden ist.
Zumal der Verband
von einem der Lehrlinge
angelegt worden war.

Kaffee

Kaffee schmeckt gut,
wenn er heiß aus der Kanne
kommt.
Hm, lecker!
So ein Kaffee weckt
die Lebensgeister,
die aus ihren Gräbern steigen
und um einen herumfliegen,
wild wie Wild.
Mit Kaffee ist
immer eine Menge los.
Da ist man nie einsam.
Toll!

Warnung (Gedicht mit erhobenem Zeigefinger)

Schon als Kind
durfte ich bei Sturm
draußen nicht rauchen.
Das ist gefährlich,
erklärte mir meine Mutter.
Ich hörte nicht auf sie
und zog mir eine
Erkältung zu.
Hätte ich mal gehört.

Waschbecken

Es war einmal
ein Waschbecken,
das wuchs ohne Hahn auf,
sodass es jeden Morgen
verschlief.

Winterpromenade

Schick auf Skiern.
So kennt man mich.
Landauf, landab
bin ich mit
meinen Skiern unterwegs.
“Platz da!”
Mein Ruf eilt
mir bereits voraus.
Und schon wieder
habe ich eine Stadt
durcheilt.

Verlies (Wortwitzgedicht mit Suchtfaktor)

Als sie mich VERLIES,
erblickte
ich zum ersten Mal
das Tageslicht.

Morgengrauen (Horrorgedicht)

Unheimlich ist das,
wenn man schon
wieder, ich
wiederhole, wenn
man schon wieder,
jetzt geht es weiter,
aufstehen soll.
Das Grauen!
Fürchterlich!
Angsteinflößend.
Am besten, man
dreht sich um
und schläft noch zwei
bis fünf Tage.

Tablettsüchtig

Und plötzlich war ich
Tablettsüchtig.
Wo ich auch war,
nie erschien
ich ohne mein Tablett,
das ich lässig
auf den Fingerkuppen
meiner rechten Hand
balancierte.
Alle ahnten,
dass das irgendwann
schiefgehen musste.

Schreiben

Manchmal
könnte ich vor Zorn
laut schreiben.

Kinder soll man
nicht
anschreiben.

Wer schreibt, hat
meist Unrecht.

Editorische Notiz

••• Es geschieht nicht oft, dass ein Buch ein zweites Leben geschenkt bekommt. Einmal in der Welt, ist es für gewöhnlich dazu verurteilt, zu bleiben, wie es geboren wurde. Keine Entwicklung, kein Reifen. Da haben Autoren es besser. »Das Alphabet des Juda Liva« war mein Debüt-Roman. Als ich begann, ihn zu schreiben, war ich 21 und hätte mit Vehemenz behauptet, dass ich nie auch nur ein Wort an diesem Text würde ändern wollen. Wie man sich irren kann!

Die Originalausgabe ist 1995 im Ammann-Verlag, Zürich, erschienen und seit vielen Jahren vergriffen, ebenso die Taschenbuchausgabe, die 1998 bei dtv erschien. Als ich meinem Verleger vorschlug, eine Neuausgabe zu machen, hatte ich eigentlich nur im Sinn, dass der Text zugänglich bleiben soll. Dann aber begann eine Auseinandersetzung mit dem Roman, wie ich sie nicht erwartet hatte.

Als ich das Buch nach so vielen Jahren noch einmal gelesen hatte, wusste ich, dass ich den Text in der vorliegenden Form nicht erneut publiziert sehen wollte. »Es gibt kein wirkliches Gelingen«, heißt es im Kapitel 16: »Nur verschiedene Grade des Scheiterns.« Ich erinnerte mich sehr gut daran, was ich hatte schaffen wollen, und mit dem zeitlichen Abstand fühlte ich mich gescheitert. Ich meine gar nicht die echten Fehler, von denen es einige gab, zu viele! Geschichte und Konstruktion begeisterten mich wieder wie damals, aber was die Sprache betrifft, hätte ich den Autor von damals am liebsten an den Ohren gepackt: Was hast du dir nur dabei gedacht?!

Ich würde den Text überarbeiten müssen. So viel war klar. Aber »redlich«. Ich wollte nichts umstellen, nichts hinzufügen, aber unbedingt kürzen!

Ich arbeite elektronisch, allerdings nur bis zur Abgabe des Typoskripts an den Verlag. Korrekturen mache ich dann lieber auf Papier, in den Fahnen. So war es damals auch beim »Alphabet«. Eine elektronische Version des veröffentlichten Textes ließ sich nicht mehr auftreiben. Zur Verfügung standen lediglich die elektronische Fassung meines Originals, ein Ausdruck dieser Fassung mit sparsamen Korrekturen und natürlich das gedruckte Buch. Ich beschloss, die Bearbeitung auf Basis des Originalmanuskripts zu versuchen. Im Mai 2012 entstand eine erste Neufassung. Die gab ich meiner Lektorin, und als wir einige Monate später ihre Anmerkungen durchgingen, wurde mir klar, dass sie und zuvor natürlich ich selbst noch viel zu zaghaft gewesen waren. Ich würde noch einmal Satz für Satz durch den Text gehen müssen und zwar schonungslos.

Ich arbeite selbst gern als Lektor mit Autoren, seit ich in meiner Zeit als angestellter Journalist Tag für Tag mit dem Redigieren der Texte von anderen beschäftigt war. Ich wollte versuchen, nun meinen eigenen Text so zu behandeln, als wäre ich lediglich Lektor. Als solcher habe ich meine Autoren nie geschont. Sie hatten, im Gegenteil, einiges auszustehen. Das musste ich mir auch selbst zumuten können.

Eine Zumutung bedeutete das Vorhaben aber zunächst für die Frau, mit der ich, während der Roman 1991/92 entstand, zusammenlebte. Sie ist noch heute eine enge Freundin und erklärte sich bereit, eine Fassung zu erstellen, in der die Korrekturen des Ammann-Lektorats und meine Überarbeitungen aus der ersten Neufassung farblich gekennzeichnet waren. Hinzu kamen wertvolle Anmerkungen. Ihr Gedächtnis funktioniert besser und anders als meines, und sie erinnerte sich im Gegensatz zu mir noch an diverse Debatten auch inhaltlicher Natur. Es muss eine aufreibende Fleiß- und Erinnerungsarbeit gewesen sein, für die ich umso dankbarer bin, da die Auseinandersetzung mit dem Text durchaus auch eine persönliche war.

Egon Ammanns Lektoratshinweise waren, wie ich nun sehen konnte, ausgezeichnet. Wahrscheinlich wäre er damals schon gern weiter gegangen, als wir es taten. Aber ich gehe davon aus, dass es kein Spaß gewesen ist, mit mir zu diskutieren. Jetzt immerhin durfte ich dem Autor von damals seine Marotten austreiben, seine »Kunststückchen« eliminieren und kürzen, dass es ihn in seinem damaligen Selbstverständnis um den Verstand gebracht hätte.

Die Bearbeitung ist redlich geblieben. Neben den Kürzungen und Korrekturen wurden Rechtschreibung und Zeichensetzung so angepasst, wie ich es auch in meinen anderen Romanen handhabe. Gewissen Scheußlichkeiten der neuen Rechtschreibung werde ich mich auch weiter verweigern, und für die Zeichensetzung in der wörtlichen Rede habe ich gute Gründe.

Der Text dieser Neuausgabe ist also nicht nur gründlich und kritisch durchgesehen. Es ist eine Neufassung, die sich deutlich von der Originalausgabe unterscheidet. Sollte sie nicht also auch aus eigenem Recht einen neuen Titel erhalten? Der Maharal, der Hohe Rabbi Löw von Prag, hieß Jehuda ben Bezalel Löw. Niemand außer dem Autor dieses Romans hat ihn je als Juda Liva erwähnt. Fragen sie mich nicht, warum ich einmal meinte, ihn so nennen zu müssen. Ich weiß es nicht mehr! Und so lautet der Titel nun »Das Alphabet des Rabbi Löw«. Denn ein Löwe war er, der Maharal, ein König unter den Mystikern. Sein Werk und die Legenden um ihn begeistern mich heute noch unvermindert, und gern würde ich ihm oder einer Reinkarnation von ihm begegnen.

Ich weiß, ich sollte vorsichtiger sein mit meinen Wünschen…

»Das Alphabet des Rabbi Löw« wird in einer schönen Druckausgabe in Leinen Anfang nächsten Jahres im Verbrecher-Verlag erscheinen.