Archiv der Kategorie: Ausgabe 02/2011

schlummer-filet_08

im so brodelnden fluss stau von hausbooten, die sehr langsam ob ihrer messy-masse stadtauswärts rudern, während an den ufern die flüchtenden stadteinwärts pilgern, zerrissene gestalten wie ich: verlust der brille: etwas durch vergesslichkeit liegen lassen, verlieren. nicht mehr scharf sehen können, nur die schattierten gestalten, ihre bewegungen, hurtig. die dichterinnen sprechen wie das apothekenmädchen, das stets so schaut, als hätte gerade ich was zu verbergen. außer kranken venen das, was versprach der freund, der längst tote dichter, solchen weibern zu gnaden, die nurmehr verse hören möchten. oder mich, wenn auf der straße dicht‘ ich, alte verse wiederholend, als wären die verzicht. denn er nun singt aus grab, dass ich mich sollte zieren nicht, doch solcher einen kaffee anzubieten, nimmt er den schnaps dazu und sie ein minerales wasser. sie kommt wohl mit, doch geht danach wieder schnell dahin, wohin sie mich entlässt. ich bin, so sagt sie, der unter ihr verschied, starb, punktum. perdu sei unser hoffen. und gleichwohl erbricht sich mir ihr busen offen in die krasse karibik. durch gebirge von wracks strömt der fluss. überquert am anderen ufer passagen, in denen über den leer gekauften oder geplünderten marktständen notlicht brennt, erstaunlicherweise schon seit stunden, tagen – jahren? von der punk-planke an land springend ragt vor mir auf die kathedrale. und ich weiß, in die falsche richtung gewandert zu sein. denn mein eigenheimhäuschen habe ich mir mit schrift ausgekleidet. ich liege zwischen zeitungen, echos schweren bleisatzes, die ich zu fetzen zerkleinerte zwischen meinen nageszenen. niemand versteht meine sprache. ich bin einsam, seit meine gefährtin verstarb vor einigen minuten. aber noch liegt in meinem gebiss das ewig lebendige. und träumend in meiner behausung, gebettet auf schrift, lausche ich ihrem raunen, der immerwährenden sprache in meinen schlaf. wenn du deine, gewöhnlich den stift führende hand oder die daran finger, die auf den tasten tippen, reichst, wundere dich nicht, dass ich verteidigend in sie beiße, bis blut fließt, das du pflastern musst. ich beiße, wie du immer sagtest, dass man müsse, wenn man spricht, wenn man bleckt und fletscht die lippe über den zähnen, den fängen, raubtierisch, der worte.

Inhalt 02/2011

Die Lesezeichen-Ausgabe 02/2011 erschien am 7. Juli 2011.

In dieser Ausgabe:
Pfefferminzkwas und widerborstige Nüsschen, Westpropaganda mit einer Pistole, erschütternde Fotobeweise, Körperarbeit im Präpariersaal, Automatenwasser und Blutentnahmen, ein völlig normales Haus, die einheitliche Ödnis des Dualismus’, ein Zeitwandel, virtuelle Förster und Massenentspannungsszenen, formlose Knie und Ego Leugner, Gaétan Soucy und Kopftattoos, gefiederte Fische im blaugrünen Wasser, Professor Meiers Mobilnummer, die Autobiographie von Benjamin Franklin, eine Schatzinsel, der Geschäftsführer des Weltgeists, Stille und Sprachlosigkeit, vernähte Münder uvm.

INHALT:

den unsichtbaren

text: elke 18. Mai 2011

zeichnung

zwei unsichtbare schauen zum meer, sehen in die finsternis eines hellen tages.
sie gewöhnte sich schnell daran unsichtbar zu sein sie sagte sich, wer unsichtbar ist, der trägt keine geschichte mit sich. sie wusste dass sie sich irrte,
sie fragte sich ob er es auch bemerkte, sie schaute ihn nicht an, sie bemerkte ihn, aber sie sah ihn nicht, während auch er sie nur erahnen konnte.
er hätte gerne etwas aus ihrem gesicht geschnitten, irgendeine geschichte, die es lohnte erzählt zu werden, aber alles was er dort sah, war das grauen eines morgens, ein pistolenschuss, ein körper auf dem boden, ihre kinder die diesen körper sahen, sahen überrascht aus, die ihre schnürsenkel nicht richtig gebunden hatten und dann die flucht, die sie aus ihren augen reißen wollte.
nie würde sie mir diese geschichte erzählen, dachte er und niemand sieht uns an was geschehen ist, so schützen wir uns davor für lügner gehalten zu werden für westpropaganda, die den armen nationalisten ans leder wollen.
ganz still wird es um sie. das meer lauscht, es kennt all diese geschichten, es kann erinnerungen nicht vergraben, es kann sie verwässern, es kann mit ihnen versinken, aber vergraben kann sie nichts.
an einem morgen war er lange unterwegs, er fürchtete von ihnen gefangen zu werden, erschossen zu werden, obwohl es sie doch nicht gab, sie waren doch nichts anderes als westliches geschwätz, propaganda die wollte, dass man die nationalisten hasste.
er riss seinen mut zusammen, er biss sich selbst in die angst, er wollte nicht, dass das verlassen wiederkommen sollte und doch kam es immer wieder, genauso wie bei ihr.
jeden tag stand ihr nachbar vor ihrem mann sah ihn an, sagte, hauen sie ab und ihr mann sagte aber warum, wir sind doch hier geboren, das spielte sich jeden tag ab und natürlich gab es diesen mann nicht und als ihr mann eines tages von ihrem nachbarn erschossen wurde und ihr nichts anderes blieb als die flucht, da wusste sie, das ist der westen der macht dass ich glaube, dieser mann habe meinen mann umgebracht und die kinder verstanden nicht, sie verstanden nicht, dass es das was es nicht gab, mit einer pistole vor ihnen stand und dass es einfach geschehen konnte, dass der himmel breit genug war, dass das meer ein sammelbecken für solche geschichten war und immer würde es menschen geben, die das nicht glaubten, denen der zweifel genügte weiterzuleben, während die gesänge der schweigenden nicht aufhörte, während das verstummen der toten nicht aufhörte.

sn

präpariersaal : whiteout

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nordpol : 22.28 – An einem Morgen, da es heftig schneite, erzählt Silja im Präpariersaal von einer Erscheinung, die bei ihr zu Hause, in Schweden auf dem Lande, zur alltäglichen Erfahrung werden kann. Wenn das Schneelicht unter Wolken den Horizont verbirgt, wenn der Ort, an dem man sich befindet, grenzenlos zu sein scheint: Das große Weiß. Auch im Präpariersaal, hell beleuchtet, habe sie immer wieder beobachtet, ihre eigene Position in Raum und Zeit für Momente zu verlieren. Hör zu, sagt Silja, jene Frau hier, die auf unserem Tisch liegt, ist mir vertraut geworden. Wenn ich morgens zu ihr komme, habe ich den Eindruck, sie bereits lange Zeit zu kennen. Sie liegt auf dem Rücken, und sie scheint sehr geduldig zu sein. Ich weiß nicht, ob Du das verstehen kannst? Ich habe manchmal den Eindruck, dass diese tote Frau auf uns wartet. Ich hatte in den ersten Tagen des Präparierkurses die Vorstellung, sie würde uns zuhören oder schlafen und träumen. Und wir bewegen uns also behutsam, als wären wir sehr junge Eltern, die ein uraltes Kind hüteten. Ist das nicht merkwürdig? Ich habe immer wieder den Eindruck von Ruhe, von Stille, von Schlaf. Ich habe überlegt, was wäre, wenn wir den Körper dieser alten Frau nicht zerlegen würden, sondern nur sehr sorgfältig pflegen. Wir würden dann viele Jahre, Tag für Tag und Morgen für Morgen in den Saal kommen und sie umsorgen, damit sie uns nicht zerfällt. Wir würden sie vor dem Licht der Sonne schützen, vor Pilzen und würden sie befeuchten, wir würden sie davor bewahren, zu Staub zu werden. Irgendwann wäre sie dann jünger als wir selbst, ich meine, ihre Erscheinung. Wir würden dort auf dem Tisch eine Frau vor uns sehen, die nicht so alt geworden ist wie wir, die wir an ihrem Körper arbeiteten. Das ist sehr merkwürdig, dass ich so etwas denke, findest Du nicht?
mikroskop

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Eigenartig

Wir beobachten das Haus. Wir beobachten die Menschen darin. Die Veränderungen und Geschehnisse. Wir werden nicht recht schlau daraus, was dort geschieht. Es ist ein eigenartiges Haus, in dem eigenartige Dinge geschehen. Allerdings sagt Iwan, an dem Haus sei gar nichts eigenartig. Wir seien es. Wir seien seltsam, behauptet er. Wir hätten einen verschobenen Blick auf die Welt. Das Haus sei ein völlig normales Haus mit völlig normalen Bewohnern. So ist Iwan. So ist er schon als kleines Kind gewesen. Mit vier hat er zum ersten Mal behauptet, wir seien verrückt. Sehr ernsthaft hat er uns angesehen und es gesagt. „Ihr seid verrückt“, hat er gesagt. Wir haben uns nichts daraus gemacht, kleine Kinder sagen machmal seltsame Dinge. Eins aber steht fest – ganz egal, was Iwan dazu meint – das Haus ist >eigenartig und wir werden es im Auge behalten.

Meister Vollpferd hat ein Ziel

Vom Pfefferminzkwas recht stark betaumelt – so günstig kam ihm heute die Wahrsagerei – stürzte er zunächst in die Hagebutte, ein »verdammichte Hatschepetsche« auf den violetten Lefzen, als es noch einen Stock tiefer ging, was ihn dann endgültig stürzen ließ, die Faust mit widerborstigen Nüsschen gefüllt, die ihn sofort an Ort und Stell bejuckten. In zweifacher Hinsicht Oben (weil er ja lag und weil er in die Grub gefallen, die ihm ganz merkwürdig in die Nase düngte) wurden lautstark die letzten Verabredungen für die Nacht krakehlt, man wollte sich sputen, der Sonne zuvor zu kommen, die sonsten durch die dürren Holzstreben der abgefaulten Läden dem Zecher gern ins vom Lid kaum getrutzte Auge piekst. Ein Stündlein noch, vielleicht auch zwei – der Nachtwächter wär‘ für nüchterne Ohren klar, wenn auch sich trollend, noch zu hören – dann stünd‘ der Tag wie ein zyklisch heimsuchender Creditor und vergessen wär‘ das Vergessen, mit dem man sich heut‘ beschäftigt hat. Die einen schleppten sich dann aufs Feld, die anderen zum Prachern und wieder andere fläzten sich dickberingter Augen zum Trotz in die Beamtenstube, um das tägliche Quint Qual und Pein in das Volks zu kotzen. À propos kotzen: wie der Meister Vollpferd das so denkt, merkt er seinen Kragen warm bespuckt, denn in der Dunkelheit, da kann man sagen, was man wilt, macht er sich in der gauchigen, wässrigen Erde recht gut als ebensolche. Ihm dreht die Welt »jetzt erkenn‘ ich dich, ventus contortus et rotatus, jetzt ist das Standbild still und wie du mir erscheinst, so bist du«. Hach je, es naht sich schon der nächste und speit ihm auf die juckend‘ Hand. Der Alchimist schafft es nicht, sich zu rappeln, erkennt aber, während er versucht, dem Pfuhl zu entkommen und ihm der verbrauchte Hirsebrei in die Manteltasche läuft, gefurzten (oder gerülpsten – wer kann das jetzt noch sagen?) Ingwer, etwas Nelke hockt darauf, Muskat, Galant, Kardamom und Zimt. Das will ihn also nicht trügen, man hat eine feine Küche hier beieinander. Schon ist er auf seinen Vieren, die Säufer schon weitergezogen, setzt‘ sich doch beinahe eine Dirn auf seinen Steiß, um das Wasser abzuschlagen. Mit einem gellenden »der Boden lebt« fährt ihr’s dann aus der Blase, aber nicht im Sitzen. »Ich werde die Zukunft erfinden«, sagt der Meister Vollpferd mit einem anständigen Krächzen, »ich werde sie so gestalten, dass niemand von euch – nein, überhaupt kein Mensch! – es sich im kühnsten Weindelir erdenken kann! Ich – jawohl ich – sorge für das Ende der Geschichte!« Wo man also in lustiger Torkelei den Alchimisten aus der Schissgruob steigen sieht, trollt man sich bald, weil man ihn für einen Dämon hält, der, wie bekannt, auf Abritten erscheint.

… und im Begriff verfolgt uns dann die Seele der von ihm erlegten Sache.

Ich träumte, ich ging ans weit geöffnete Fenster und stieg hinaus. Nicht wie ein Vogel flog ich, wie ein Luftballon schwebte ich davon, trieb schon dahin zwischen Wolken … Doch ich drehte mich ein letztes Mal um, warf einen kurzen Blick zurück. Und sah dort den kleinen Jungen am Fenster stehen. In die aufgerissenen Augen des Kindes starrte ich! Wie sie gebannt an mir, am Losgelassenen hingen. Und lange noch am leeren Horizont.
Ich erwachte.
Ihm, einzig ihm, werde ich schreiben.

Die einheitliche Ödnis des Dualismus’.

Viel zu selten kitzelte seine Zunge sein Bewußtsein.

Ein Merkwürdiges dieser Zeit: das Seriöse begann zu blödeln.

Wir belauschen, wir beschleichen, wir umzingeln, unser Denken jagt die Dinge. Es zielt … – und im Begriff verfolgt uns dann die Seele der von ihm erlegten Sache.

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