Archiv der Kategorie: Ausgabe 02/2011

roughbook 13 – Deins. 31 Reaktionen zu Elke Erb

Heute hat Elke Erb auf der Buchmesse Leipzig den Preis der Literaturhäuser erhalten. Wir schenken ihr ein Lesebuch, das versammelt 31 Lektüren zu Texten von Elke Erb: Deins, mit Beiträgen von Tobias Amslinger, Nora Bossong, Ann Cotten, Ulrike Draesner, Peter Enzinger, Christian Filips, Claudia Gabler, Guido Graf, Annett Gröschner, Martina Hefter, Norbert Hummelt, Jayne-Ann Igel, Birgit Kempker, Barbara Köhler, Ursula Krechel, Jan Kuhlbrodt, Bert Papenfuß, Steffen Popp, Kerstin Preiwuß, Ilma Rakusa, Bertram Reinecke, Monika Rinck, Thomas Schestag, Ulrich Schlotmann, Tom Schulz, Daniela Seel, Christian Steinbacher, Hans Thill, Raphael Urweider, Ernest Wichner, Uljana Wolf, herausgegeben von Urs Engeler und Christian Filips.

Bestellen: hier.

das jahr elf

E lfen löschen Feuer
L ebewohl flüchtiger Efendi
F anatischer Ego Leugner

E lsewhere let each vote enjoy next
L azy earful velvet edges never edible
E llbow vandalism eat nuts earn latenings
V elocity eleven nurses elevated like e-cattle
E lephant nutrition each little ego vomits
N obody enables laughter elder vegetables´ eyeball

O h nains zélandais écoutez
N os zélotes élégies osseuses
Z izanie entendue opération nocturne
E ntité obscure nature zigzagante

Deutsche Kontrollgymnastik

Das Studio von Joseph Pilatus in New York
Das Studio von Joseph Pilatus in New York

Den Muskelzuwachs schrieb ich den Pushups zu, den Gewichtsverlust meinen veränderten Essgewohnheiten. Was allerdings die panische Verwandlung anging, die ich an meinem Körper beobachtete, verdankte ich sie zum größten Teil wohl vor allem der zweiten Komponente meines Trainingsprogramms: Pilates.

Zweimal pro Woche fuhr ich vor der Arbeit zu Katelyn. In ihrer bourgeois großzügigen Wohnung gab es einen mit Spiegelwänden ausgestatteten Raum. Das war, wie ich erst jetzt erfuhr, ihr Heiligtum, ihr Workout-Zimmer, das ich bis dahin nie zu sehen bekommen hatte. Der Raum war leer. Wenn ich kam, lagen auf dem Fischgrätenparkett lediglich zwei schwarze Matten und gelegentlich wechselnde einfache Hilfsgeräte, die alle den gleichen Zweck erfüllten, nämlich den Körper bei den Übungen zu destabilisieren, so dass jede Faser der Tiefenmuskulatur gefordert wurde, um den Körper im Gleichgewicht zu halten.

In meiner Ahnungslosigkeit hatte ich Pilates immer für eine Art esoterischen Mädchensport gehalten, Gesundheitsgymnastik, die noch dazu von einem deutschen Emigranten erfunden worden war, der seine Methode ohne jede Ironie Contrology getauft hatte, weil er darauf aus war, die Muskulatur der bewussten Kontrolle des Geistes zu unterwerfen. In einem jugenstilartig eingerichteten Studio in New York, wahrscheinlich dem ersten Gym der Welt, hatte Pilates in den roaring twenties mit Broadway-Tänzern trainiert, um sie von berufsbedingten Schmerzen durch Fehlbelastung und Überbeanspruchung zu befreien. Und das alles, während, wer immer es konnte, den Schatten der aufziehenden Wirtschaftskrise zu entkommen versuchte, in Speakeasies feierte und Charleston tanzte. Pilates war, wie ich fand, ein unzeitgemäßer Spartaner deutscher Prägung. Contrology? Ich schauderte. Das also stand mir bevor? Bestrafung durch Sport im vollverspiegelten Zuchthaus? Nein danke!

Blödmann! sagte Katelyn. Ich hätte ja keine Ahnung, wovon ich rede. Immerhin verdankte sie diesen Übungen ihren gestählten Körper, den ich so gern berührte und unermüdlich begeistert mit begehrlichen Blicken bedachte. Sie zeigte mir einige Übungen, die spielerisch leicht wirkten und weniger nach Sport als nach Tanz aussahen. Mir gelang es nicht einmal, die Grundstellung zu halten. Ich kam mir vor wie ein nasser Sack, ohne jede Kontrolle über die wachsenden Muskelpakete, und dann wieder wie ein Stück Holz, unbeweglich, steif, verspannt. Ich sah mich im Spiegel und erschrak über meine üble Haltung, den Rundrücken, den ich für ein unausschlagbares Erbe meiner Mütterlinie gehalten hatte.

Das alles aber, meinte Katelyn, würde sich ändern. Nach zehn Stunden, hätte Joseph Pilates gesagt, spüren Sie den Unterscheid, nach zwanzig sehen Sie den Unterscheid, nach dreißig haben Sie einen neuen Körper.

Ich blieb skeptisch. Aber ich hatte ohnehin keine Wahl. Schließlich hatte ich den Vertrag unterzeichnet, und der sah vor, dass ich dem Programm meiner Personal Trainerin zu folgen hatte. Also ließ ich mich einführen in die Urgründe dieser deutschen Kontrollgymnastik, wie ich die Pilates-Übungen insgeheim weiter nannte.

aus: »Pan schweigt«,
© Benjamin Stein (2011)

A7/H28


桜, sakura. Umwerbung der Aufmerksamkeit. Was sich den Weg nimmt, Wasser, ein Luftzug, hinweg, hindurch, versickert, sich sammelt, weiter, näher, alles bisher Erstrebte zurücklässt, in meinen Fussschatten und Augenwinkeln, unbekannte Gesichter, kauernde Gedanken, der Wind, liebkost das Gras, kleine Wellen in Rauschen gewandet, ein Worthaus, in die Landschaft getürmte Lautgeflechte, das Summen der Insekten im Lichteinfall, alles, entgleitet der Benennung, dachte ich, mich darin zu finden, bevor es das Auge erreicht und das Gehörte mit einem Bild besetzt, ungeahnt, unsystematisch, bis die Beschaulichkeit einsetzt, das Unbegreifliche, eine erste Sommerahnung ungemessen der Uhrzeit, Blickwellen, zwischen Flucht und Flut ohne Halt pendelnd, ortlos, im Umbruch der Minuten das Namenlose, Unscheinbares, unendlich, ein Fisch im blaugrünen Wasser, gefiedert.

Tod und Liebe und Verdacht

„Die Unbefleckte Empfängnis“ von Gaétan Soucy

Es gibt die guten und die schlechten Romane. Es gibt die Romane mit den hellen und die mit den dunklen Stoffen. Es gibt die runden und die kantigen Romane. Es gibt die Romane, die Fragen stellen und die, die Antworten geben. Es gibt die sich aufblähenden und die in sich zusammenfallenden Romane. Es gibt die, die vorne anfangen und hinten aufhören und die, die es umgekehrt machen. Es gibt die schneller und die langsamer werdenden, es gibt die verrätselnden, die versprechenden und die halluzinatorischen Romane, die erratischen und die erotischen. Es gibt die aufklärenden, die erklärenden und die verklärenden. Es gibt die nüchternen und die trunkenen. Es gibt die auffälligen, die gefälligen und die gefühligen. Es gibt die rapportierenden, die reklamierenden, die revoltierenden und die rotierenden. Es gibt die launigen, die launischen, die lebhaften, die lahmen, die libidinösen, die lüsternen, die liebevollen, die larmoyanten, die lyrischen, die luziden, die liturgischen, die luziferischen, die langweiligen, die lachhaften, die lächerlichen, die lauten, die leisen, die listigen und die lustigen Romane. Und genau so einer ist das.

„Die Unbefleckte Empfängnis“ ist der Debütroman des Frankokanadiers Gaétan Soucy. Seine beiden nachfolgenden Romane sind diesem in der Übersetzung zuvorgekommen, zusammen bilden sie die „Trilogie der Vergebung“, bestehend aus „Das Mädchen, das die Streichhölzer zu sehr liebte“ (La petite fille qui aimait trop les allumettes), „Die Vergebung“ (L’acquittement) und eben „Die Unbefleckte Empfängnis“ (L’Immaculée Conception). Gaétan Soucy steht sowohl dem Surrealismus als auch dem Symbolismus nahe. Die wirklichkeitsadäquate, rein beschreibende und realistische Prosa ist seine Sache nicht. Der Sinn der Ereignisse und Handlungen ergibt sich selten nur aus ihrer Nähe zur Wirklichkeit. Ereignisse scheinen oft keine Bedeutung und keinen Sinn zu haben. Sie gewinnen diesen Sinn erst, indem sie auf andere Ereignisse verweisen, die, für sich betrachtet, auch nicht sinnvoll sind.

In diesem Verständnis von der Welt, in so einer Netzstruktur gibt es kein natürliches Zentrum. Das Zentrum ist dort, wo sich etwas im Netz möglicher Bedeutungen verfängt. Man könnte überall anfangen diesen Roman darzustellen, in der überflüssigen und grotesken Szene, da die kleine stumme Sarah ihren Beschützer Remouald in eine Metzgerei zieht, die in Käfigen lebenden Tiere im Hinterhof durcheinander wirbelt, den Hühnern ins Hinterteil tritt und dann mit einem Kalbsschnitzel einen Schinken verprügelt. Das sind wenige Seiten, kaum der Rede wert, mit oder ohne Schnitzel, die Entwicklung nimmt ihren Verlauf. Das siebenjährige Mädchen ist keine Hauptfigur, aber sie präsentiert ein wichtiges Motiv: die Kindheit und vor allem die Liebe zu Kindern.

Remouald Tremblay ist ein etwa dreißigjähriger, zu groß geratener Volltrottel mit dem Lächeln eines Esels. Er war einst ein hochintelligentes Kind, aus dem von einem auf den anderen Moment ein Dummkopf geworden ist. Er hat mitunter Zusammenbrüche, die wie epileptische Anfälle aussehen, tatsächlich aber Erinnerungen an seine Kindheit sind. Er pflegt seinen alten Vater Séraphon Tremblay, der im Rollstuhl sitzt und seine Zeit damit verbringt, den Sohn zu tyrannisieren.

„Séraphon Tremblay schämte sich wenig für seine körperlichen Unzulänglichkeiten, die er durchaus für sich zu nutzen wusste. Er war einer jener Greise, die es sozusagen von Geburt an sind, die ihr Leben lang auf das richtige Alter warten und erst am Ende des Weges ganz zu sich selbst finden, dann aber den machtvollen Glanz aller Dinge erlangen, die ihr volles Wesen entfaltet haben. Sein Körper verlangte so gut wie nichts mehr, was ihm sehr entgegenkam, die Sorge war er los, und versetzte ihn obendrein in die glückliche Lage, seinen Sohn Remouald unter der Last seiner Schwäche erdrücken zu können.“

Tagsüber arbeitet Remouald in einer Bank. Der Bankbesitzer, Monsieur Judith, bittet ihn eines Morgens auf seine Nichte Sarah aufzupassen. Der Trottel geht also mit dem Kind spazieren, er geht mit ihr ins Kino, er kauft ihr ein Lotterielos und merkt bald, dass er sie gern hat. Am Abend des zweiten Tages erhält Judith die Nachricht, dass die Mutter des Mädchens im Sterben liege und ihre Tochter noch einmal sehen wolle. Da ihn selbst ein wichtiger Termin von der Reise abhält, schickt er Remouald mit der kleinen Sarah los. Der nimmt noch seinen gelähmten Vater mit. In einer kalten Winternacht steigen sie mitten auf der Strecke aus einem Güterzug. Séraphon wird auf einen Schlitten umgeladen und festgebunden. Sie bekommen eine Öllampe und Streichhölzer. Dann treten sie die Wanderung durch den Schnee ins Sanatorium Saint-Aldor-de-la-Crucifixion an, wo angeblich die Mutter Sarahs liegt. Die drei kommen allerdings nie an. Sarah erhält die Streichhölzer, sie gibt bisweilen noch ein Leuchten von sich, dann verschwindet sie, die Öllampe leckt, fängt Feuer und Remouald und Séraphon verbrennen bis zur Unkenntlichkeit.

Auch damit könnte man im Netz der Bedeutungen beginnen, denn auch dies ist ein wiederkehrendes Motiv: die kleinen und die großen Brände. Als viele Jahre zuvor Remoualds Mutter stirbt, heißt es von Célia „Sie starb ohne Worte, nur ein Seufzer im Schlaf, der nicht einmal genügt hätte, um ein Streichholz auszublasen.“ Streichhölzer die nicht ausgeblasen werden, können größtes Unheil anrichten. Séraphon war einmal der Besitzer einer Holzhandlung, die durch einen Brand vernichtet wurde. Die Umstände dieses Brandes, so kamen damals die Behörden überein, sollten der Öffentlichkeit vorenthalten werden. Angeblich steckte Remoualds Vater Joachim dahinter. Remouald hieß früher Bilboquain mit Nachnamen und ist lediglich Séraphons Stiefsohn. Möglicherweise war der Brandstifter auch Wilson, der als Aushilfe in der Holzhandlung arbeitete und eine Neigung zu hübschen Jungs hatte. Wilson liebte Remouald und war tödlich eifersüchtig auf dessen Schwester Joceline. Wilson aß nur Tiere, die er selbst getötet hatte. Bevor die Holzhandlung brannte, servierte er dem geliebten Kind ein grausiges Mal. Seit jenem Tag war seine Schwester Joceline verschwunden. Remouald verlor den Verstand, Wilson erhängte sich, Célia wurde verrückt, Joachim starb bei dem Brand. Daraufhin kam Remouald ins Sanatorium: Saint-Aldor-de-la-Crucifixion. Vollständig verwandelt wurde er drei Jahre später entlassen. Aus einem hübschen kleinen Jungen ist ein metergroßes Ungetüm geworden, aus einem überaus intelligenten Jungen ein Trottel.

Das Zusammenleben mit der Mutter und dem Stiefvater wird zum Martyrium. Die Mutter zieht sich immer mehr in ihre psychischen, sein Stiefvater Séraphon in seine physischen Gebrechen zurück. Remouald erträgt all das als eine Art Sühne, als Buße, weil er sich nicht erinnern kann, außer in den epileptischen Anfällen. Der Tod durchs Feuer ist die Erlösung aus seiner Qual.

„Das Grauen, in dem er zwanzig Jahre lang gefangen gewesen war, ließ ihn nun frei, und zum ersten Mal konnte er atmen, ohne zu spüren, wie eine böse Hand – seine eigene – ihm das Herz zusammendrückte. Die heilige Jungfrau wachte über den Brand, richtete die Flammen immer wieder mit sanften Griffen wie einen Blumenstrauß. Sein Vater Joachim pflegte ihm jeden Abend, wenn Remouald von der Schule kam, die Hände zu waschen, und nach dem Abendessen tanzten sie Gigue, und seine Mutter saß lachend im Schaukelstuhl am Ofen und klatschte den Takt.
Die Flammen glitten über Remoualds Haut und streichelten ihn. Er öffnete halb die Augen, schloss sie wieder, öffnete sie erneut, wie ein glückliches Kind, das in den Armen eines Menschen einschläft, den es liebt. Er fühlte sich zwischen zwei Welten: einer Welt, die es schon nicht mehr gab, und einer Welt, die es noch nicht gab und die es vielleicht nie geben würde. Aber welche Gegenwart? Welche Zukunft? Diese Worte hatten keine Bedeutung mehr. Das Feuer bedeckte schon seine Hose und einen Ärmel seines Mantels. Er hatte noch die Kraft, seine Taschen zu durchforsten. Er wollte alles wegwerfen, was darin war, sich dessen entledigen, ganz gleich was es war. Er wollte sterben wie ein Bettler in einer Sagengeschichte, ohne jeden Besitz, den Mantel voller Sterne. Vergebung erfahren. Er holte ein Lotterielos hervor, an das er sich nicht erinnern konnte. Es schien ihm ein großartiges Rätsel, eine Zahl die womöglich das Geheimnis des Universums enthielt … Er übergab es dem Feuer, dem versengten Gras, fand sich damit ab, dass dieses Geheimnis ihm nicht mehr enthüllt würde – wer konnte schon im Augenblick des Verlöschens von sich behaupten, alles verstanden zu haben.“

Der Roman wird auch von einer Brandgeschichte eröffnet. Der Grill aux Alouettes brennt bis auf die Grundmauern nieder, dutzende Menschen kommen dabei zu Tode. In dem beliebten Lokal verkehrte Remouald bisweilen. So auch an jenem Tag als der Grill abbrennt und ihn kurz zuvor jemand fragt, ob er ihm wohl mit Streichhölzern aushelfen könne. Einige Tage nach dem Brand beobachtet Clémentine Clément die gegenüber wohnt, einen jungen und einen alten Mann im Rollstuhl in den Trümmern. Da sie auch drei ihrer Schüler auf dem Gelände sieht, kommt ihr sofort ein Verdacht. Sie schreibt anonyme Briefe an die Polizei und die Feuerwehr. Sie liebt den Feuerwehrhauptmann. Und auch den Schuldirektor. Die Kinder liebt sie ebenfalls, sie küsst sie mitunter herzhaft. Bei den Kolleginnen steht sie allerdings im Verdacht, ihre Schützlinge unnötig zu traktieren. Sie liebt auf ungewöhnliche Weise, nach außen zurückhaltend in erotischen Dingen, ist sie umso freizügiger in ihren Vermutungen über das, was die anderen treiben. Sie sieht Zusammenhänge wo keine sind. Clémentine sieht Verschwörungen und Unzucht. Sie sieht auch viele schöne Männer. Sie sieht unanständige Zeichnungen ihrer Schüler und sie sieht sie gemeinsam onanieren. Oder sie meint das alles zu sehen. Sie hält das nicht streng auseinander. Sie lügt, sie phantasiert, sie erinnert: Bekanntermaßen alles keine sehr verlässlichen Tätigkeiten. Sie erinnert sich an ihren ersten Mann, der eine Woche vor der Hochzeit tot war, an das Kind, das sie von ihm erwartete, das einen Tag nach der Geburt auch tot war. Am Ende der Entwicklung ist sie womöglich erneut schwanger, ob vom Feuerwehrhauptmann oder von einem ihrer minderjährigen Schüler … sie liebt die Kinder und die Männer auf eine schwer zu differenzierende Weise, überall Tod und Liebe und Verdacht.

„Sie verbrachten den Abend miteinander, redeten, tranken ein wenig, erfreuten sich an der Gegenwart des anderen, lachten sogar (ja, lachten!). So hatte sie ihn noch nie erlebt. Er war wie ausgetauscht, war ausgelassen, umgänglich, aufmerksam, humorvoll. Genau genommen sprach der Hauptmann nicht viel, machte nur ab und zu eine grobe Bemerkung, aber er konnte zuhören, er bestärkte sie in ihrem Gefühl, ein wichtiger Mensch zu sein. Gut die Hälfte von dem was sie von sich erzählte, war zwar gelogen, aber es kam ihr nicht so vor, als würde sie in irgendeiner Weise täuschen; sie beschönigte ein wenig, weil es ein schöner Abend war. Sie machte keine Zeugenaussage vor einem Richter, sondern vollführte ein Pas de deux. Die Anmut schob sich tanzend vor die Wahrheit.“

Weder die Liebe, noch die Sexualität werden als erfüllend erlebt, nicht einmal als befriedigend, von den Frauen so wenig wie von den Männern. Der Feuerwehrhauptmann hat noch andere Interessen als mit der überspannten Clémentine Tee zu trinken und sich ihre Gedichte anzuhören. Er gibt der Witwe Racicot Schlafmittel und macht dann mit ihr, was er will. Zwei Schuljungen aus der Klasse der Lehrerin schauen durch eine Dachluke zu und bekommen Nachhilfeunterricht.

„Der Mann stand regungslos hinter ihr im Türrahmen. Seine muskulöse Brust war mit krausen Haaren überdeckt. In der Wölbung seiner Beine lag etwas Animalisches. Mit durchdringender Härte starrte er auf den Nacken der Witwe, als wolle er ihr einen Schlag darauf geben. Von kalter Wut getrieben ging er zum Bett, packte die Katzen beim Schwanz und warf sie aus dem Zimmer. Er ließ die Knöpfe seiner Hose aufspringen. Dann drehte er die Witwe auf den Rücken und riss ihr die Hose herunter. Er machte zwei, drei Kniebeugen, stieg seinerseits aufs Bett und kniete sich mit aufgerichtetem Geschlecht auf die unbezogene Matratze. Die Racicot bekam einen Lachanfall. Mit der Körperspannung eines Kunstturners legte er sich auf sie. Die Federn des Bettgestells fingen an zu quietschen.
Die Witwe lachte lauthals weiter wie ein dickes Tier, das gekitzelt wird. Sie hielt den Oberkörper des Mannes fest umschlungen, und je länger er sie bearbeitete, umso mehr veränderte sich ihr Gesichtsausdruck, bis vages Entsetzen darin zu lesen war.
Gleichwohl schlief die Witwe kurz darauf ein. Ihr Partner konnte sie nur ab und zu mit einem verstärkten Beckenstoß wecken: Dann öffnete sie zu Tode entsetzt die Augen, stieß ein langes Brüllen aus, und ihre Lider fielen wieder zu. Der Mann hielt inne. Seine Lippen zitterten; ihm tropfte der Schweiß von den Haaren. Er drehte die Witwe wie einen Pfannkuchen um, hielt so gut er konnte ihren Pferdhintern hoch und nahm sie sich ungestüm wieder vor. Das Bett stampfte. Der Mann fluchte leise vor sich hin und schlug der Frau auf die Hinterbacken.
Die Stöße auf dem Bett waren noch auf der Galerie zu hören, wo Bradette unter der Decke derart erregt war, dass er seinen Kumpan ständig in die Seiten stieß. Rocheleau ließ es geschehen, ohne etwas zu sagen, benommen, stumpfen Blickes wie seekrank. Er konnte den Blick nicht vom Gesicht der Racicot abwenden, die mit der Nase ins Kissen gedrückt dalag und im Schlaf weiter vor sich hinmurmelte.“

Die Liebe ist nicht schön. Auch der Sex ist nicht schön. Die Kinder sind schön. Und gerade das ist ihr Vergehen. Schönheit ist ein Zeichen von Unschuld. Schönheit, die die Erwachsenen reizt an dieser Unschuld teilzuhaben. Solche Teilhabe bedeutet allerdings ihre Zerstörung. Unschuld steht vom ersten Moment an im Verdacht, nie vollkommen unschuldig, nie ganz rein gewesen zu sein. Unrein, weil von Unreinheiten umgeben. Die Kindheit ist bedroht von der Lust der Erwachsenen. So ist die Sehnsucht nach der Vergangenheit und der Unbeschwertheit jener Jahre, da man jung war und schön und kluge oder auch nur naive Fragen gestellt hat, hier immer doppelbödig. Diese Ambivalenz von Schönheit und Lust ist fatal, man liebt das Schöne und zerstört es durch seine Liebe. Will man jemand anderen vor dieser Liebe oder dem Sex bewahren, wie ein Vater seinen Sohn, wird alles nur noch schlimmer, Rocheleau ist, als sie den Feuerwehrhauptmann beobachten, lange nicht so erregt wie sein Freund Bradette, weil er sich dabei vor Schmerzen windet.

„Die Klammer war eine kleine Vorrichtung aus Metall, die sein Vater an seinem elften Geburtstag zwischen seinen Beinen angebracht hatte, um jene männlichen Regungen zu verhindern, denen kleine Jungen unterworfen sind und deren Anblick zu schmerzlich gewesen wäre für eine Mutter, die ihren Sohn vom Himmel herab mit so viel Wunderbarer Liebe bedachte.“

Man könnte diesen Roman (auch) darzustellen versuchen, indem man erzählt, dass ein gewisser Rogatien als Kind an eine Mauer schreibt: „Ich gehöher für imer Justine Vilbroquais“. Dieser Rogatien, der in seiner ersten Hinterlassenschaft an die Welt noch nicht recht-schreiben konnte, wird in späteren Jahren Romanschriftsteller, der der Geliebten seiner Kindheit einen Brief schreibt. Er will sie wiedersehen, wenn sein Roman beendet ist: am 22. Dezember. An diesem Tag wird (auch) „Die Unbefleckte Empfängnis“ vollendet.

Es gibt eine Wirklichkeit in diesem Buch, aber sie ist schwach ausgeprägt. Die Ereignisse finden zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts statt, in einem Stadtteil Montréals. Bereits die Wahl der meisten Figurennamen orientiert sich nicht mehr an dieser Wirklichkeit. Auch die Ereignisse sind oft eine Spur neben der Realität. Von einem Balkon fiel „ein Stück Fell und landete direkt vor seinen Füßen, stieß dann einen fürchterlichen Schrei aus und schoss wie ein Pfeil unter die Galerie.“ Vater und Sohn Tremblay schlafen in einem Bett. Das Essen wird dem einen vom anderen vorgekaut, der Alte empfängt es mit in den Nacken gelegtem Kopf aus dem Mund seines Sohnes. Als einer der Schüler Clémentines im Sterben liegt, schneidet sich dessen Mutter mit einer Klinge den Handballen auf und lässt ihren Sohn das Blut trinken.

Mir ist dieses Universum etwas zu dunkel, zu viele Tode, zu viele Waisen und zu viele intellektuell oder emotional beschädigte Figuren. Die wenigen hellen Lichter die der Autor seine Figuren anzünden lässt, verglühen mir zu schnell. Es ist mir auch eine Nuance zu brutal: nachdem Wilson dem kleinen Remouald ein Essen zubereitete, bittet er ihn in einem Sack nachzuschauen, was er gegessen hat. In dem Sack steckt der Kopf seiner Schwester. Die Stärke dieses Textes liegt darin, dass er viele mögliche Zusammenhänge anbietet, die er nicht wertet. Aber das ist auch seine Schwäche. Ich wünsche mir als Leserin zumindest einen kleinen Überhang an Realität. Aber das ist Geschmacksache und vielleicht ist diese Unverbindlichkeit das, was der Autor als Kennzeichen von Realität empfindet.

Das sind alles möglicherweise sinnvolle Bezüge. Mehr als die Möglichkeit dazu, scheint kaum sinnvoll zu sein. Der Sinn muss sich frei bewegen können, er muss sich im Netz möglicher Bedeutungen verfangen können. Einmal arretiert, wird er ausgeschaltet. Bedeutungen erfolgen aufgrund von Zuschreibungen, und möglicherweise auch mangelnden Zuschreibungen. Umstände jedenfalls, die die Dinge nicht mit sich bringen. Die Dinge sind nackt. Ins Kleid der Bedeutung können sie nur durch unsere Zuschreibungen gesteckt werden. Durch Zusammenhänge, die wir konstruieren. Zu viele Zusammenhänge können allerdings auch aufs Gemüt schlagen, das zeigt das Beispiel der Lehrerin. Zuviel Konstruktion oder zu wenig, beides ist nicht gut für den (literarischen) Verstand. Vielleicht ist die sinnlose Szene mit dem Kalbsschnitzel, vielleicht ist Sinnlosigkeit überhaupt, eine bessere Beschreibung der Welt. Besser, weil sinnvoller.

Das ist ein empfindliches Universum, das uns Gaétan Soucy hier präsentiert. Wie ein Lotterielos mit einer Zahl darauf, die eine Niete oder einen Hauptgewinn bedeuten kann, eine Zahl „die womöglich das Geheimnis des Universums enthielt“; die, ebenso gut möglich, nichts als eine Zahl ist, eine 22 vielleicht, die nichts bedeutet, die keinerlei Sinn produziert. Das ist ein Universum ohne Zentrum. Eines, in dem die Bedeutungen bisweilen aufblitzen und gleich wieder verglühen. Es gibt eben solche und solche Romane. Und genau so einer ist das.

Gaétan Soucy
Die Unbefleckte Empfängnis
Übersetzt von Andreas Jandl und Frank Sievers
Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2010
ISBN-13 9783882215304
Gebunden, 331 Seiten, 22,90 EUR

Gewebeprobe: Bilderhaut

Gib dem Feuer, was des Feuers ist. Wir bringen die falschen Opfer, Monjou, doch welche Freude, sie brennen wie die richtigen, nur ihr Rauch, der beißt Löcher ins Dach: a hole to see the sky through. Auf der Haut schabt er wie Sand. Stundenlang schwelt das gute Wort, bis es dem falschen folgen darf. Wir gießen Tinte ins Feuer. Wir werden Meister im Luftanhalten, Monjou, wir legen uns hin.
Auf den Rücken legen wir uns. Wir strecken die Handgelenke vor, halten den Atem an. Wir sind die mit der Bilderhaut; alles zeichnet sich ab. Die Tatoos sind nur im Kopf, sagst du. Ich zähl’ meine freien Stellen.

für *

Gorrh (14)

Gorrh, nach Totalverlust aller Gewißheiten, zwangsbejackt, unter Einfluß oral zugeführten Felgenreinigers, vollführt einen radikalen Therapieschritt zur Wiederaneignung verlorener Deutungsverfahren, läßt Licht durch seine Pupillen einbrechen und auf den Netzhäuten tentakeln. Kitzelt bißchen in der abgestorbnen, polymer erneuerten Hirnrinde: gewiß, da war einst was und jetzt ist es fort. Also: ungewiß. Düster und voller geheimer Märchenfächer. Dräuend geradezu, wenn nicht pulsend. Falls überhaupt. Als beugten sich bereits Generationen von Regalbrettern unter deponiertem Beschreibungsmaterial, welches ebenfalls auf Produkten aus verstümmelten, gemetzelten Bäumen gespeichert läge, wölbten sich freundlich über Gorrh, während Buchstaben wie Staub aus ihnen herausfielen, und mit den Staubstaben der Sinn, und mit dem Sinn der Unsinn, und mit dem Unsinn die Rückkehr ins Statthafte. Aber sicher ist Gorrh sich darüber bei weitem nicht. Buchstaben, denkt Gorrh, soso!  Ganz zufällig saugt Gorrh einen von den Filzstiften an, die ihm der Doktor überlassen hat. “Getz probier ich ma wat.” Mit gelbem Filzer zwischen den Lippen kritzelt Gorrh aufn Behandlungstisch:

das ist unser Grün! so wertfrei, total funktionslos
im Gegensatz zur wahren Erfahrung, der Einnahme
von Grün, dem Grün(Überstrich), der moosigen
Kokoloratur von Wochenendnennern. da hockt
Roman Bünzel im Geweihfarn! die Rübe platt
vom konzentrischen Geschrei der Baumringe

KAMPF dem Zurschaustellen unserer Wälder als
innere Tapete! ((eichendorffsche Einsprengsel
nicht zwingend von seitwärts: hörst nicht du
x-same Totholzschalmeien?)) EH; WIR KENNN
UNS: AUSsa BandbREITenbranche. kuckuck,
kuckuck!
geht’s (mit Anfassen, Abschneiden,
Ausbluten lassen) im Galeriewäldchen der er-

weiterten Innenstadt: so gehts! wir haben doch
damals so gut wie alles eingenommen beim kuck-

uckschlucken!  das is der TOTALE WALD, UNSER
DEUTSCHER! (dann Massenentspannungsszenen;
schallgedämpfte Förster mit schnellen eleganten
Bewegungen, die Gamsbärte ham sie voll im Sack

Gorrh bricht nach langem Nachdenken ab: “Geilomat, mein erstes gutes Gedicht!: mythisch, klar, aber nicht zu eindeutig, reichlich historische Bezüge, jede Menge moderne Klangfarben, zureichend Interpunktion, Titel fehlt noch; daß das nur virtuelle Förster sind, mal schaun, die offene Klammer, der versteckte Clou am Schluß, obs jemand merkt?; reich ich jedenfalls demnächst ein.”

FIGURENPINKELN DER PROVINZFÜRSTEN

Ohne Hemd und Häkelhöschen
(„Siehst du die Kompanie vorüberziehen?“)
lehnen wir die Theorie ab.
(„Pferdehinterbacken.“)

Gefangen im Netz der Gefälligkeiten
Rechnen die Entscheidungsträger
Nicht mit Begeisterung, aber Fördermitteln.
DER GESCHÄFTSFÜHER DES WELTGEISTS
In der mainischen Provinz:
Generös, effektiv, unheroisch.
(„In der Not arbeiten sie härter.“)

Die Wohnungsbaugesellschaft
Genehmigt die Niederschriften.
(„Bis der Motor kaputt geht.“)
Eine aktuelle Fragestunde
Wird vertagt, außerdem:
Berichte über Verwaltungsangelegenheiten.
(„Fuck them all.“)

Gestaltungsleitpläne vertreiben
Düstere Depressionen.
Alles symbolisch und in Farbe!
Und dann die Wohnungstür
mit Katzenscheiße vollgeschmiert.
“(„Yeah!“)

Träger öffentlicher Belange
Sind vorhabenbezogen
Durchgeknallt und beschränkt
Zurechnungsfähig.
(„Hoch die Tassen.“)

Eine Epilepsie des Grauens
Die von den Geräuschen
In den oberen Etagen ablenkt.

Z. 19388-19411

manchmal versuche ich mir
vorzustellen es
könnte die Intensität
dieses Textes sich
irgendwie steigern so dass
mit der Niederschrift
alles Gedankliche sich
löste von seinem
Gegenstand und dieser sich
jeder Wortfindung
entzöge für lange Zeit
schließlich liegt dichte
Stille und Sprachlosigkeit
über den Dingen
und ich beginne nochmals
in Ruhe Namen
zu verteilen und erste
Sätze zu bilden
zu beobachten wäre
ob die Welt die aus
dem Überallgleichzeitig
herbeigelockt wird
wieder dieselbe sei die
sie immer schon war