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(VER-)KLEIDUNG. Die Innenseite der Maske

„Die Teilnehmenden tanzen auf der Straße und haben die Stadt in eine riesige Maske verwandelt. Die kritischen Beobachter sitzen auf den Tribünen und werden die Preise für die besten Masken an die Tänzer verteilen. Die Maskenwender haben Ferien…“

Auf dem Anrufbeantworter ist eine Nachricht: „Ich weiß, du magst kein Fasching. Aber Verkleiden vielleicht. Eine Verkleidungsparty für Faschingsmuffel? Ruf mich an.“ Die Freundin, ergibt der Rückruf, hat sich bereits eingekleidet; die Beschreibung ist diffus: ein Waldfee-Waldschrat-Kostüm, viel Grün, Efeu, Rinde, Rüsche. Oweia.  „Nee“, sage ich, „Ich mag nicht.“ „Schade“, lacht sie, „Ich sitze im Kostüm vorm Computer, weißt du, und denke: Hier sitzt der Schrat im Wald und schreibt von Quantenpyhsik.“

„Was den Kritiker betrifft, der auf der Tribüne zusieht, so wird er der Versuchung widerstehen müssen, vom Tanzrhythmus mitgerissen zu werden, auf die Straße hinunterzusteigen und sich am Karneval im Kostüm des Kritikers zu beteiligen.“

„Ihr sollt euch nicht verkleiden.“, sagte Tante Grete. „Gott sieht euch, wie ihr seid.“ Ich dachte: Dann ist´s ja gut. Aber ich sagte nichts. Widersprechen führte nur zu weiteren Belehrungen. Fasching, sagte auch der Pfarrer, will Gott nicht. „Wir feiern keinen Karneval. Das ist katholisch.“ Die Katholiken beten auch Götzenbilder an. Davor muss sich der wahre Christ hüten. Mein Vater sagte: „Gott interessiert sich nicht für den so einen Mist.“ Meine Mutter kaufte uns Indianer- und Cowboykostüme. „Aber ihr geht zum Hintereingang raus, damit euch niemand sieht.“ Mein Auftrag war es dafür zu sorgen, dass mein Bruder nicht auffiel. Der Depp hatte eine Zündplättchenpistole und schoss wie ein Wilder im Gasthof zu Linde herum, wo die große Kinderparty stattfand. Die ganze Zeit saß ich wie auf heißen Kohlen, weil ich Angst hatte, dass uns jemand enttarnt und bei Tante Grete verpetzt.

Du kannst nicht nicht repräsentieren, hatte ich geschrieben. Wie immer du dich zeigst, gekleidet, bekleidet, entkleidet, verkleidet, du re-präsentierst etwas, eventuell dich. Mich. Ich kann nicht nicht repräsentieren, weiß ich. Ich wollte (k)eine Squaw sein. Ich liebte Karl Mays Winnetou-Bücher. Wenn wir Cowboy und Indiander spielten, sagte mein Cousin: „Die Squaw bleibt daheim und kocht.“ Dann überfielen die Cowboys das Lager und die Squaw wurde an den Marterpfahl gebunden, bis sie ihr heldenhafter Stamm befreite. Nein, ich wollte keine Squaw sein, aber eine Indianer-Frau. Die mit auf die Jagd geht, Cowboys totschießt und durchs Gras robbt, um die Geiseln zu befreien. „Warum verkleidest du dich nicht als Indianermann oder als Cowboy?“, fragte meine Mutter, als ich ihr mein Leid klagte. „Ich will nicht immer an den Pfahl gebunden werden.“ Ich bin kein Mann. Warum muss ich das sagen? Sie weiß es doch. Ich will auch keiner sein. Ich will eine Frau sein, die mit der Faust zuschlägt.

„Hat man eine einzige Maske umgewandt, dann sind sie alle, wie immer ihre Hierarchie aussieht, als Nicht-mehr-Masken verfügbar geworden.“

Freikörperkultur, auch das habe ich geschrieben, ist unerotisch. Nackt sein. Sich nicht verkleiden. Die bin ich. Ich mag meinen Körper. Der Satz ist falsch. Denn: Mein Körper – das bin ich. Mit ihm bin ich identisch. Nicht mit meinen Gedanken, meinen Gefühlen, meinen Handlungen. Ich bin meine Schultern, meine Arme, meine Brüste, meine Taille, meine Hüften, meine Schenkel, meine Knie, meine Füße. Ein entspannter Körper, der für niemanden da ist, nur ist. Das ist schön und macht mich glücklich. Aber man sieht sich doch nur im Spiegel. Man kann nicht nicht repräsentieren. Mein Körper : der Körper einer Frau. Ich und mich. Kein Zurück ins Sein jenseits des Spiegelstadiums. Gefesselt ans Selbstbild, ein Knoten, den nur die Liebe lösen kann. Ich ist eine Andere. Ja,ja. Und Lacan war ein Mann. Verdammt.

„Das Umwenden der Maske verändert ihren Ort: Sie ist nicht mehr vor dem Gesicht, sondern unter den Händen.“

Sie kleidet sich. Als sie jung war, trug sie meist Hosen. Jeans, Cordhosen, sogar Latzhosen (aber nicht lila!). Schlabberpullover. Man kann nicht nicht repräsentieren. Ich bin kein Mädchen (mehr).  Keine Puppe. Ich bin, die etwas macht. Ich bin, was ich mache. Seht her, was ich kann. Ich kann was. Machen. Als sie Mutter wurde, verschlampte sie. Kotze auf der Bluse. Alles pflegeleicht. Gummizughosen. Scheußlich. Ich funktioniere. Ich halte durch. Ich – nicht. Heutzutage trifft man sie außer Haus fast nur in Röcken an. Oft Kostüme, manchmal damenhaft. Aber die Fingernägel sind immer noch abgekaut. Die Schuhe mit stabilem, nicht flachem Absatz. Zweckmäßig und ein bisschen chic. Unauffällig. Ich bin eine Frau. Die was kann. Und was weiß. Und was macht. Zweifelt und fordert und nachgibt und lacht. Man kann nicht nicht repräsentieren.

„Mit der Geste des Maskenwendens geht aller Sinn der Geschichte verloren; jedoch nicht notwendigerweise der Sinn des Lebens. Im Gegenteil kann das Spielen mit der Geschichte selbst zur Sinngebung werden. Zwar ist in den Ministerien, welche den Karneval programmieren, von dieser Sinngebung häufig nicht viel zu merken. Aber die Geste des Maskenwendens erlaubt, genau betrachtet, dahinter die Geste der Sinngebung zu erkennen.“

Ich tanze. Als Squaw. Auf dem Scheiterhaufen. Ich schreite. Voran. Hinüber. Hinauf. Ich falle. Hinab. Hinein. Als Mutter. Als deine Frau. In Liebe. Vergeblich. Als Freundin. In allen Rollen. Gestikuliere ich wild. Logik. Lüge. Libido. Auto.  

Alle Zitate aus:  Vilém Flusser: Gesten. Versuch einer Phänomenologie, Fischer Taschenbuch 1997 (Hier: Die Geste des Maskenwendens)von J. S. Piveckova
in Gleisbauarbeiten

Winter

Winter ist erwacht. Er kann sich an seinen Traum nicht erinnern, weil er aber in seinem Internettagebuch auch über seine Träume berichtet, liegt er noch in seinem Bett, die Beine angewinkelt, während in seiner Kopfkoppel die Wortviecher bereits unruhig stampfen, und versucht sich einen Traum zu erträumen. Die Wörter schaben die trockene Erde auf. Staub wirbelt auf, ein dunkelroter Sand, der die Wörter bald bedeckt.
Winter ist der Herr seiner Herde. Er schreitet die Reihen ab und zählt die Wörter. Manch ein Wort hat über Nacht ein Junges bekommen, geschwängert von einem Bullen, der sich nun unauffällig im Hintergrund zu halten versucht.
Winter pfeift seine Herde an den Rand des Gatters. Müde und übernächtigt traben die Wörter gemächlich los.
Winter schlägt seine Augen auf und inspiziert sich. Er überprüft Arme und Beine, die Anzahl der Finger; er will sicher sein, nichts von sich im Schlaf verloren zu haben. Dies soll schon vorgekommen sein. Verluste sind da zu benennen. So etwa der großartiger Autor des Romans „Die Formalitäten, die zu beachten sind, will man ein Bücherregal reinigen“, der unvergleichliche Alfons Dohr, der, so erzählen es Stimmen in Winters Kopf, dereinst bei der versuchten Ersttraumbesteigung des Monte Borges eine Spalte hinab stürzte, die tiefer wie alle Gedanken des denkbaren Universums gewesen sein soll; so tief auf jeden Fall, dass an eine Rettung des armen Dohr nicht zu denken war. Winter erinnert sich an den armen Dohr. Er schlägt das umgekehrte Kreuz der Geheimen Schriftersteller, um sich so von den garstigen Geschöpfen der Nacht zu schützen.
Die Wörter in Winters Kopf werden von Sekunde zu Sekunde unruhiger. Er tritt an das Gatter heran, öffnet es, die Viecher schauen sich noch einen Augenblick um, da stürmt bereits das erste Wort, ein UNFALL heraus. Winter überlegt bereits, auf welcher Textweide er dieses Wort grasen lassen wird, da springen die anderen Wörter dem Wort bei; nun drängen sie alle. Winter kann sie nicht mehr auseinander halten. Sie versinken in einem Meer aus aufgewirbeltem Unsinn, der sie zu verschlucken scheint; schon stürzen sich die Wörter in das Zimmer. Sie verteilen sich. Rennen über den Schreibtisch. Ein Bild, darauf eine Frau zu erkennen ist, die Winter eigentlich gar nicht kennt, die er sich im Internet erschuf, fand er dort doch eine Seite mit einem herrlichen Baukastensystem. Dort konnte man sich seine Traumfrau erschaffen. Wie die eigentlich aussieht, kann Winter nicht sagen. Also schuf er sich eine vorübergehende Traumfrau. Er druckte ihr Bildnis aus, zwängte es in einen Bilderrahmen. Leider ging er dabei etwas grob vor. Der Ausdruck der Dame nahm Schaden. Sie blickte nicht mehr wollüstig in Richtung von Winters Bett, sondern eher leidend und verängstigt. Nun ist das Glas gesplittert. Sie liegt mit einem Lächeln auf dem Boden und scheint aufzuatmen.
Winter ist noch ganz beeindruckt und betäubt vom Stampfen seiner Herde, er will sie gerade zur Ordnung rufen, da dreht sich eines der Worte, ein altes Wort, es starrt Winter mit glänzenden Augen an; Augen, die gereizt wirken.
„Unbill“, flüstert Winter.
Das Wort legt den Kopf nach unten.
Winter denkt: Nun, wenn es denn sein soll, dann werde ich mich dem Kampf stellen.
Die Tapeten in seinem Zimmer fallen. Ein Publikum erscheint. Kleine filigrane Personen. Sie klatschen Beifall. Winter hebt die Decke, die sich rot gefärbt hat und schwenkt sie vor dem Wort. Schon stürzt das Wort los. Es konzentriert sich auf die rote Bettdecke. Ein Raunen fährt durch das Publikum. Das Wort verrennt sich in der Röte, die sie auf die falsche Spur lockt, denn schon im nächsten Augenblick hat sich das Wort den Kopf an einem Buch gestoßen, dem es nicht angehört. Ein moderner Roman. Das Wort starrt verletzt auf den Titel. Motherfucker. Ein Roman über die amerikanische Rap-Szene von einem gewissen Ice-B. Das Wort Unbill reißt die Augen auf. Ein letztes Mal. Dann bricht es ermattet zusammen. Winter hebt die Arme. Winzige Rosen landen vor seinen Fingern. Er kann sie nicht einmal auflesen. Sie sind einfach nicht zu fassen. Das Publikum jubelt. Ja, dieser Winter ist ihr Held. Man muss ihn einfach lieben.
Nun muss sich Winter um das verstorbene Wort kümmern. Es gilt die Beerdigung vorzubereiten; auch eine sich daran anschließende Totenfeier will organisiert werden. Er schlüpft also aus dem Bett. Die anderen Wörter zupfen bereits an den Rändern leerer Seiten, die sie gerne mit ihrem Kot versehen würden. Winter treibt sie in den offenen Raum hinein. Er beruhigt sie mit einer samtenen Stimme, die er sich extra für solche Gelegenheiten erfand. Sie horchen auf. Sehen Winter tief in die Augen und werden allmählich ruhiger.
Winter segnet den Tag, der ihm kein Tag ist, sondern ein weiteres Kapitel im Roman seines Lebens.

Z. 18896-18921

eine Lücke müsste sich
auftun für einen
Augenblick zwischen dem Licht
und dem Schatten (der
nie sich verspätet wenn er
Helles begleitet)
durch diese Lücke wäre
ein Blick zu werfen
hinüber zum Gebirge
zum Hermon zu den
Zypressen den Zedern und
hinunter in die
Oase von Engendi
mit ihren Palmen
ins weitverzweigte Astwerk
der Terebinthe
von Mamre nicht zu reden
von den Düften des
Apalathus vom Balsam
der Myrrhe und dem
harzigen scharfen Milchsaft
Galbanum an mich
denken sagt die Weisheit ist
süßer als Honig und
besser als Honigseim noch
mich zu besitzen

18905-18921: Vgl. die Rede der Weisheit im Buch Jesus Sirach 24,13-20. Die aufgeführten Duftstoffe und Räucherharze werden in der Bibel und in der antiken Literatur immer wieder erwähnt. (Anschluss)

Übers immer genau Hinsehn ODER Zauber und Entzauberung.

Das Arbeitsjournal des Dienstags, dem 25. Januar 2011. Dem Fremden nah und fern.

6.20 Uhr:
[Arbeitswohnung. Simone Kermes, Barock-Arien aus Napoli.]Mysterium„Weshalb, Herr Herbst, müssen Sie immer so genau hinsehen?” – diese Frage einer Regisseurin, die, als noch der >>>> MEERE -Prozeß die Medien beschäftige, ein kleines Portrait über mich drehte, fiel mir zu der >>>> gestrigen Diskussion auf TT ein, die auch >>>> Kiehls folgenden Eintrag durchzieht „Warum müssen Sie immer so genau hinsehen?” Man möchte doch bitte etwas, das als Geheimnis deklariert ist, weil man daraus den Genuß eines ungefährdeten Miteinanders und Einverständnisses zieht, hinterm Schleier belassen. Nur: Weshalb? Was denn wird befürchtet? Offenbar, daß der Hin-Blick dieses Etwas zerstört oder doch wenigstens ihm Risse zufügt. Aber ist nicht, je deutlicher ich den Körper sehe, um so klarer auch, wie im Wortsinn wunderbar er ist? Seinerzeit, bei dem Einwand der Regisseurin, waren die Sexualstellen in Meere gemeint. Als entweihte der Blick etwas JenseitsDesKörpers. Nur ist da zum einen nichts; selbst unsere Liebe stirbt, wenn dem Gehirn Stoffe entzogen werden, die ihm ihr Empfinden erst möglich machen; zum anderen ist das Wort „Entweihung” genau das Problemfeld. Daß wir von anderer Natur seien, etwa unsere Seele, als bloß materiell, steht dahinter. Um ein solches Anderes aber denken und fühlen zu können (und auch ich fühle und glaube es sehr gerne), bedarf es der materiellen Vorgänge: chemischer, physikalischer im weiten Sinn, elektrisch; der Nerven- und Synapsentätigkeit also wie, im Sexuellen, der Gleit- und, zum Haften, Schleimmittel. Wir vergessen immer, daß der Geist nicht zeugt; niemand kann eine Frau ansehen und sie allein durch Blicke schwängern, und keine kann allein vom Blick eines Mannes empfangen. Hier aber liegt unsere Wahrheit und Herkunft. Selbst die Zeugung durchs Ohr ist, als Konstrukt, ein Verbrechen: es reduziert, was eigentliche das Wunder ist. „Chemie ist sakral” heißt es darum in den Bamberger Elegien.
Was tat ich also? Ich betrachtete ein Bild, das mich berührte, und interpretierte es, indem ich’s beschrieb. Dabei verwendete ich die Begriffe „Möse” und „Schamlippen”. Schon darauf reagierte eine gewisse Pein. Hätte ich von „Vaginallabien” und, was überdies falsch gewesen wäre, insgesamt von „Vagina” schreiben sollen? Nein, ich sollte die Wirkquelle des Bildes überhaupt nicht benennen; hübsch war, daß ich, weil ich mich dem Tabu nicht beugte, ein „verklemmter Oberlehrer” genannt worden bin und selbstverständlich wieder einmal mein Alter ins Feld geführt wurde als etwas, dem gelebte Sexuallust nicht mehr zusteht. So etwas geschieht noch Anfang des 21. Jahrhunderts; ich kann gar nicht genug den Kopf drüber schütteln. Bedachtere sprachen, was nicht besser ist, von „Entzauberung”, wiewohl mir der Zauber des diskutierten Bildes bis jetzt in keiner Weise verlorenging; im Gegenteil ist er durch meinen Blick nur noch stärker geworden, ja er entfaltet sich überhaupt erst jetzt. Dies ist ja doch auch der Sinn dessen, für was wir bereits in der Grundschule das erste Rüstzeug bekommen: nämlich der Bildbeschreibung, die uns schließlich in die Interpretation führt. Gerade in der Bildenden Kunst läßt sich beobachten, daß die Wirkung eines Gemäldes um so größer wird, je mehr wir von seinem Aufbau verstehen. Das gilt namentlich für Neue Kunst, insoweit sie sich von semantischen Plots entfernt hat. Der unmittelbare erste Augenschein, der Schein also, trägt nicht; das, was da schon trug, bleibt in der liebevollen und genauen Analyse erhalten; es bewahrt sich da überhaupt erst, und zwar rein aus dem Bild selber, während ansonsten eine Dauer des Wirkung dieses ersten Augenscheins der bewußten oder unbewußten Anrufung transzendenter Instanzen bedarf, die sämtlichst Funktionen des Über-Ichs und damit fremdbestimmt sind; für die Religionen sind sie offenbar – sic! – Lehrer und wir auf ewig untergebene, wenn’s gutgeht, Gesellen. Es geht aber, wenigstens mir, um den Genuß eines freien und bewußten Einzelnen, um den Meister mithin, also um das abendländische Ideal der Selbstbestimmtheit, die sich sich eingesteht und öffentlich – auch kontrovers – in der Polis vertritt, womit sie erst zur Polis mitwird.
Aber letztlich wirkte in der Diskussion gestern – ich telefonierte darüber nachts noch lange mit der Löwin, der ich die Links auf Kiehls Bild und die erst von mir ausgelösten Diskussionen nach Wien gemailt hatte – die Angst vor dem Tod: daß nach ihm nämlich nichts mehr sei. Statt dessen soll eine Auferstehung des Fleisches imaginiert sein, von der ich mich ständig frage: ja, in welchem Alter sollen wir Toten denn wieder auferstehen? Im Alter unseres Gestorbenseins, sagen wir mit siebzig/achtzig, gebrechlichen Körpers und den Kebs noch an ihm dran? Oder im Alter von anderthalb, fast lallend noch und inkontinent? Oder als Jünglinge, bzw. nach der ersten Blutung und ohne die reife Lebenserfahrung? Was wären wir denn dann? Das mit der Seele mag ja als Märchen noch angehen, die Auferstehung des Fleisches jedoch strotzt von einer Bizarrheit, die vermittels Dummheit-allein vorgestellt werden kann. Das wirkliche Wunder hingegen zeigt uns die Beobachtung der Toten: der Stoffwechsel-weiter, die Metamorphose ins Nächste, zu Erde und neuer Pflanze oder einem Tierteil oder Stein und daraus dann wieder, vielleicht, Geschöpf. In unseren sexuellen Besessenheiten, wenn wir sie mit genauem Hinsehn verbinden, kommen wir der Wahrheit und dem Wunder nahe – bei Frauen, da sie immer offen sind, schneller als bei Männern: ich meine den Blick in die Vagina, dahin, wo nur noch Organ ist und Sekret. Ein solcher Blick reduziert nur dann, wenn er sich moralisch hat mißbilden lassen und aus dieser Mißbildung, die jede Verachtung des Organischen i s t, heraus- und also ins Organ hineingeblickt wird. Die mythischen Erlebnisse, die ich hatte, waren meiner Kinder Geburten, zu denen Blut gehörte, Kot und Urin und eine ungeheure Schmiere, sowie die grenzenlose Schönheit der nachgeborenen Plazenta und ein magisches Neonblau der Nabelschnur… „worauf es hinauswill, das Meer,/ringsum” (Äolia). Anstelle, daß wir das verstehen, indes, ekeln wir uns. Es ist nicht zuletzt dieser Ekel, der zum mißbräuchlichen Übergriff auf Unterlegene führt, zu Verbrechen der Vergewaltigung und Folter. „Ich will endlich wissen, was das ist: Seele!” antwortet der Landsknecht, als man ihn bei Grimmelshausen fragt, weshalb er einen Bauern zu Matsch und Tode trampelt im Brandschatzen umher.

Jetzt habe ich über eine Stunde, anstatt meine Korrektursarbeit zu tun, an diesem Arbeitsjournal geschrieben und könnte noch eine weitre Stunde schreiben. Aber die Zeit drängt. Guten Morgen, meine Leserin. Doch nahm ich mir zugleich die Zeit, >>>> Fritz Iversen zu antworten. Zwischen seinem Vorwurf und der Diskussion bei TT besteht ein Zusammenhang; es ist derselbe Nexus.

Von 21.30 bis 23.30 Uhr mit dem Profi >>>> in der Bar gesessen. Sollte die Kreuzfahrt klappen (es geht nur noch ums Honorar), käme er gerne mit. Innig gern hätt ich die Löwin dabei. Andererseits muß man bei solch einem Auftrag allein sein; der Blick ist anders, wie auf Reisen. In Gesellschaft naher Menschen setzt man sich weniger aus. Also erfährt man auch weniger und bleibt, weil man den Nahen nahbleibt, dem Fremden immer fern.

10.42 Uhr:
[Laut!: Pergolesi, Magnificat in C.]Rouladen-250111Aber jetzt simmern sie, und ich übertrage die Korrekturen weiter. Wegen des Ultraschallbildes gab es ein fein-pikantes Mißverständnis auf Facebook. – Ah, welch ein Knabensopran! Und der Cigarillo schmeckt!

12.26 Uhr:
[Händel, Orlando.]
Gute Diskussion hierunter, zu der auch >>>> bei den Gleisbauarbeiten eine Position formuliert ist. Ich meinerseits schaffe es zeitlich nicht, mich dort auch noch zu äußern, sondern werde mich heute auf Die Dschungel konzentriert halten. Doch den Link hinüber möchte ich Ihnen an die Hand geben. Die Kombination aus >>>> Kiehls Bild und meinem Kommentar hat etwas zu Sprache und Erregung gebracht, das sowohl für unser Verständnis von Wirklichkeit, meine ich, ebenso maßgeblich ist wie für unsere Haltungen.
Gelöscht habe ich eben nur einen Stand„mann”, der der irrigen Auffassung war, wieder einmal eine persönliche Invektive loswerden zu können. Ich hätte mit einem schnellen Schlag aufs Maul reagiert, würde durch solch einen banal-aggressiven Nebenschauplatz nicht der sachliche Diskussionsgang gestört. Also entschloß ich mich für die Ablage senkrecht. Und nebenbei koche ich und übertrage weiter die Korrekturen, was letztres eine ziemlich langweilige Arbeit ist, aber erledigt werden muß. Nur bisweilen steh ich dabei vor einem Ausdrucksproblem. Und jetzt hakt mein „u” mal wieder.

Hab ich schon mal irgendwo geschrieben, daß ich Händel l i e b e? Er schenkt mir ein solches Glück!

19.09 Uhr:
Mit den Korrekturen bin ich durch, aber jetzt wird die Arbeit doch noch schwierig: Ich habe mich entschlossen, für die Buchfassung der Fenster von Sainte Chapelle den gesamten Strang Weblog-Kommentare-Diskussionen herauszunehmen und den Text zu einer „normalen” Erzählung umzuformen. Das macht nicht nur die Erzählabfolge knifflig. Doch der Zugriff wird direkt, klar, deutlich. Keinerlei Lockendrehen, auch dort nicht, wo das Haar es mehr als erlaubt.
Keine Musik also. Der eh zu späte Mittagsschlaf ward unterbrochen.

Parallel ein reizvoller Briefwechsel mit einer Lektorin. Immerhin.

Kurztitel & Kontexte bis 2011-04-10

Kurztitel & Kontexte bis 2011-04-03

Kurztitel & Kontexte bis 2011-03-27

Kurztitel & Kontexte bis 2011-03-20

Kurztitel & Kontexte bis 2011-03-13