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borges und die möwe

text: dong 13. September 2012

skizze zeichnung sequenz

niemand hatte die möwe gefragt
niemand kehrte den morgen weg
entfernte die gedanken an dieses eine leben

an einem tag (die sätze winkten,
die schreie der vergessenen retteten sich ans land)
ging borges seinen abschied holen
er zog ihm seinen mantel und sein gedächtnis über

herzklopfen in der luft
die nacht sagte irgendwer
bleibt bei den verstorbenen

da wuchs kein schnee der schmelzen musste
da waren keine armenviertel die
den durst und den hunger verteilten

da strahlte das meer wie begrabenes licht
in seine augen

mit worten dachte er
mit worten kann man das flüstern füttern
aber die möwe doch nicht

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort – Kapitel zwei

Bartholomäus Bartholomej (PDF)

Hier ist die zweite Abteilung der längeren Erzählung Ich bin die Nacht / Du bist der Ort. Die erste Abteilung erschien exklusiv im letzten litblogs lesezeichen. Bartholomäus Bartholomej bleibt nun der Veranda vorbehalten, aber auch hier erscheint das PDF nur, weil ich etwas für das lesezeichen auszusuchen habe und ich nicht wüßte, was dafür geignet sein könnte. In den letzten drei Monaten schien mir dafür nichts besonderes entstanden zu sein. Auf die üblichen Belanglosigkeiten hatte ich keine große Lust, auch nicht auf irgendwelche Experimente, die man ohnehin ohne Vorwissen nicht nachvollziehen kann. Das Buch, die fertige Geschichte – oder wie immer man das heutzutage nennen will, wird noch eine ganze Weile nicht zur Debatte stehen. Ich schreibe, das ist mir wichtiger als irgendetwas fertigzustellen. Etwas fertigstellen, so denke ich, kann jeder – man muß einfach nur aufhören zu schreiben. Aber gerade das liegt mir nicht. Mich interessiert das Unendliche. Wie immer glaube ich, daß auch dieser zweite Teil für einige meiner Stammleser interessant sein könnte, der Rest interessiert mich ohnehin nicht besonders.

Expedition zur Rheinquelle (5)

Der Tomasee hatte bergumstanden-bergespiegelnd etwas religiöses, gar kirchliches, jedoch nicht von einem Ort der Einkehr, sondern eher von einer touristisch stark frequentierten Kathedrale, also außerhalb der Gottesdienst- bzw Zufluchtszeiten. Zwar verteilten sich die Pilger um den kathedralen See herum sehr ordentlich (wurden beim Umrunden hinter Steinen und in den Matten, bis fast hin zum Verschwinden, immer kleiner) und standen sich hauptsächlich beim Einstieg (in voller Größe) auf den Zehen herum, doch waren z.B. die Felsplatten, auf denen sich über den austretenden Fluß bewegen (oder sozusagen mitten in den Rhein setzen) ließ, stets von Neugierigen bevölkert, zumal wir feststellen durften, daß sie zu einem zweiten Aufstieg/Abstieg führten, als Teil eines Wanderwegs, den wir ungelenk ein paar Meter über ein kleines grobkörniges Schneefeld hinabschlidderten, dieweil der Rhein zu unsrer Linken mit lässigem Drang über den Schotter glitt. Der Blick fiel dabei aus dem engen Flußlauf hinab ins besonnte Tal. Da stellte sich ganz unvermittelt ein Gefühl ein von Aufbruch und In-die-Ferne-ziehn. Das Wasser dünkte uns ein gerade mündig gewordener Sohn, der sich nun davonmacht in die weite Welt. Schmerzlichkeit und gute Wünsche. Anteile von Erlösung. Das Wissen um das so unwahrscheinliche wie zwangsläufige Anschwellen dieses frischen Bächleins zu einem wallenden, tödlichen, industrieguttragenden Strom voller Schlamm, Geröll und Öl, seine Auflösung in der Nordsee und schließlich im Wasserkreislauf. Sein Aufblühen und Scheitern. Lebenswege, Energieerhaltungssätze. Dann wieder, mit um 180 Grad gewendetem Blick auf den ruhigen See, ging uns durch den Sinn, daß das Markieren eines Quellpunkts am ehesten wohl dem menschlichen Bedürfnis nach Handfestigkeit und Verläßlichkeit, auch nach Selbsttäuschung entspräche, daß wir stattdessen lieber die zwonhalb Schmelzbäche oberhalb des Tomasees als eigentliche Rheinquellen betrachten sollten und davon ausgehen, daß zu andern Jahreszeiten auch mehr als zwonhalb oder weniger als zwonhalb Schmelzbäche in den Tomasee hinbabfließen dürften, daß also die Quellen des Rheins unfaßbar oder nur efemer greifbar, besser durchgreifbar bleiben (eben so, als wolle man Wasser „für immer“ in der eigenen Faust einfangen), daß sie auftauchen und verschwinden ganz wie es ihnen beliebt, wenngleich dabei zunächst nur vom Vorderrhein die Rede wäre und nicht vom Hinterrhein, den es ja auch noch gibt und ohne den in Betracht zu ziehen ein Rheinquellenempfinden immer unvollständig bleiben wird, eben so, wie es nachher in TV-Dokumentationen manifestiert daherkommt, die stets den Tomasee als Rheinquelle ansteuern/anbieten, wohl weil dort immerhin ein hübscher See zu sehen ist, aus dem ein Bach austritt, ein Flüßchen, dieweil am Hinterrhein das Ansteuern der „Quelle“ vermutlich am Gelände scheitert, in dem der Weg versickert (in Geröll aufgeht), von dem also bis auf weiteres angenommen werden darf, daß auch seine Quelle beweglich sein könnte, in etwa so beweglich wie der Gletscher, der sie behaust. Die Geisterhaftigkeit unsichtbarer Quellen, ihre selbstmythisierende Geistigkeit. Animus, anima, animum. Kernschmelze. Welt aus Welt, Wasser aus Wasser. Strömen, Pulsen, In-sich-Tragen. Das Wasser, aus dem wir bestehen, polte sich an diesem Ort, so schiens uns, ständig um. Daß es vor der Existenz des Rheins einmal keinen Rhein gegeben habe und daß der Rhein erdgeschichtlich betrachtet ein äußerst junger Spund sei, ging uns durch den Sinn und die Erinnerung an die mit fassungslosem Schrecken geäußerten Worte einer gebildet wirkenden Dame im Regionalzug bei Unkel, daß der Rhein „einmal wieder weg sein könnte, stellen Sie sich das nur vor!“

Am Abend ging es nach Sedrun, die Expedition mit Tujetscher Capuns zu beschließen, sowie mit Blutzcher und Marenghin, zwei sursilvanischen Biersorten mit Namen wie aus einem Beckett-Drama. (Neben Blutzcher und Marenghin existiert noch eine dritte sursilvanisch-beckettsche Biersorte: Rensch; die reimarme Landschaft um das Wort Mensch ein wenig zu beleben.) Die Radiosender verkündeten den heißesten Tag des Schweizer Sommers und daß es angesichts dieser Tatsache nicht mehr hip sei, Spritz zu trinken, wie noch im letzten Jahr, sondern ein Getränk namens Gustav oder Oskar oder Pascal, jedenfalls eins mit einem recht beliebigen Namen. Am Nebentisch saß ein Herr, der zu seiner Haxe immer abwechselnd einen Schluck Bier und einen Schluck Rotwein trank, was er sich beides in Literstärke bringen ließ: auch ein originelles Trinkverhalten, das es vielleicht in sieben bis neun Jahren, wenn Hipness unhip geworden ist, zum Radio-Sommertip bringen wird. Hinter den südlichen Bergen, dort wo wir das Tessin vermuteten, grollten Gewitterdonner wie das Geröhre streunender Großkatzen. Es hätte uns nicht gewundert, wäre über den Graten eine schwarze Pantherwolke erschienen. Wir strichen noch ein wenig durchs Dorf, bestaunten die abstrakt wirkenden Aushänge und versorgten uns mit andutgels und Sedruner Käse. In der Sonne, in der Erinnerung und durch das Bierglas gefiel uns die Gegend der vergangenen Stunden so gut, daß wir nach vollbrachter Expedition beschlossen, einen weiteren Tag in der Surselva anzuhängen, um wenigstens noch eines ihrer geheimnisvollen Nebentäler zu erkunden. Zurück im Hotel, das plötzlich einen seiner zahlreichen Ruhetage feierte, aber dennoch von uns bewohnt werden durfte, besichtigten wir die Stube mit ihren sursilvanischen Geweihvorkommen, den wunderbaren Stichen des alten Tujetsch, auf denen Tschamut noch kleiner als heute wirkte (eine ziemlich unvorstellbare, dafür umso besser gestochene Szenerie) und den fatalistischen Gästebucheintrag eines unbekannten Reimfreundes: „Grau, grün & blau die Bergwelt war / auch im zweitausendzehner Jahr“ (Ende)

Mississippi River Road 17 | In den Hinterzimmern des Staates Mississippi : Reise, Tag 11b

CLARKSDALE , MS | EXKURS : JOHN DEERE | REKURS : ZIELEINLAUF GREENVILLE | RELATED | ROUTE : GEOLOC

| on the road |

clarksdale map

Davon , dass das Städtchen Clarksdale ( MS ) Anfang des 20. Jahrhunderts den “Golden Buckle in the Cotton Belt ” ( etwa : die goldene Schnalle des Baumwollgürtels ) darstellte , ist längst nichts mehr zu sehen . Alles dreht sich hier um die Highways 49 und 61 , wie es auch etliche Exponate im Delta Blues Museum nahelegen . Wie bereits bei den Sun- Studios ( Memphis ) oder den Exponaten des kultigen Stax- Labels ( ebda ) erweist sich Musik und deren Hintergrund als schwer ausstellbar , dafür nimmt eine unifomierte Schülergruppe Aufstellung nach Orgelpfeifen und treppauf : Choreographie eines Erinnerungsfotos .

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No cheeez please !

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Grobstofflichere Versorgung im General Store von Miss Del (-ta ) : Feed , Seed , and all the stuff you need .

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Leerstand an der Rotfront –

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Grüne Zone : Unsicherheiten bei der genauen Identifizierung von Baumwolle vs Soja  . Wir rufen zwar kräftig in die Felder hinein – allein : es will keine Antwort zurück schallen –

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Mit Stühlchen und Sesselchen im Alu- Schlagschatten : 1 Äusserst gemütliches Arrangement im Gegensatz zum längst verdorrten Kino | Club “New Roxy” .

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Bitte die rechter Hand platzierte mit Noten in der Lehne adornierte Gusseisen- Bank beachten . We are clearly out of here .

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EXKURS : JOHN DEERE

Seien es Landmaschienen , Erntehelfer oder Schaufelbagger : die durch ihre gelb- grüne Lackierung mühelos erkennbare Bärenmarke unter den Traktoren lassen wir ( mit nachträglichem Bedauern ) aus “Zeitgründen” beiseite . Zwar fahren wir am World Headquarter ( Moline , IL ) sowie am Visitor Center ( Dubuque , IA ) ungerührt vorbei . Jetzt aber , am Highwy 61 und kurz nach der Abzweigung in Richtung des Ortes Alligator ( aber was bedeutet dies , wenn alles Lokale entweder “Delta” oder “Alligator” heisst ? ) können die routentechnischen Verfehlungen zwar nicht rückgängig gemacht werden , so bleibt doch der John Deere- Bagger in Elvis’ Graceland und die hier in Mississippi ausgestelllte kleine Flotte , welche gleich Rieseninsekten auf ihren Einsatz warten .

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Dass die Deere – Kultur langsam auch in Europa Fuss fasst , erweist das Szenario , welches zur Möblierung | Landschaftgestaltung von Märklin- Wohnzimmr- Eisenbahnen in ausgesuchtem Fachhandel erworben werden kann .

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John Deere im Matchbox- Format : Click pic to XL

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REKURS : ZIELEINLAUF GREENVILLE

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Der Grand River , trügerisch blau –

Auf mittleren bis grösseren Strässchen via Rosedale langt in|ad|ae|qu|at um 7 pm im Uferstädtchen Greenville an . Zugegeben sind wir einigermassen weich gekocht ( bei 100°+ F bzw. 38° Celsius ) , umso flotter rekognosziert der Spähtrupp zunächst den ungewohnt blau leuchtenden Mississippi . Merks : Es sind ( siehe Stoddard , Wisconsin ) die gnädig schräg einfallenden Sonnenstrahlen , welche am Tagesanfang wie an dessen Ende von dem schlammbraunen Aggregat ablenkt und mit Spiegelungen des Himmelzeltes auffüllt .

Wie jeden Abend ( egal ob in Gdansk oder in einem jener Heartbreak- Hotels , welche die Route 66 säumen ) wird das – zuvor online gebuchte –Best Value– Motelzimmer mit routnierten Handgriffen initialisiert : Air Condition aus , Kühlschrank an , Eis holen fürs köchelnde Bier . Inzwischen die dampfend- schwitzenden Koffer öffnen , Fotos in den Laptop überspielen und insgesamt fünf Akku- Geräte ( den passenden Verteiler haben wir wohlgedacht mitgebracht ) aufladen .

In Sachen “groceries” fahnden wir – wie es zunächst scheint – vergeblich nach einem dieser fensterlosen und an Forts erinnernden Monstershops . Immerhin braucht es drei Mc Domald’s , zwei KFC [ Kentucky Fried Chicken ] , zwei Subway- Outlets plus zweimal Taco Bell , bis wir den bunkerartigen Walmart entdecken . Wer bisher glaubte , hier kaufe man billig , muss schon angesichts des massiven tagesfrischen Angebots ( etwa von Grünzeug und Fleisch . Oder die schier endlosen Phalangen von cereals ) mit gewaltigen Abschreibungen rechnen : Gleichwohl ist das Aufgebot von insgesamt 37 verschiedenen peanut- butter– Marken ziemlich imposant .

Allerdings sollte man hier nicht unbedingt abhängen , da allseits kräftig gegegn -”loitering” agitiert wird . Was bedeutet , dass eine Jede , ein Jeder eigentlich jederzeit von überall weggewiesen werden kann .

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You have reached your Destination

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RELATED

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ROUTE : GEOLOC

Route : Tunica ( MS ) – Helena ( AR ) – Clarksdale ( MS ) – Rosedale ( MS ) – Greenville ( MS )*

Zoomen Sie sich ein und entdecken Sie mit in|ad|ae|qu|at die Wegpunkte der Fahrt .
tag 11 auf einer größeren Karte anzeigen

* Hier finden Sie ein Register der US- Staaten samt deren Buchstaben- Codes .

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Das Höllental des Paradieses ODER Ein Samois im Libanon

Jamesville (1). Das Reise- und Arbeitsjournal des Mittwochs, dem 25. Juli, auf den Donnerstag, den 26. Juli 2012.


Lounge der Zedern, Beirut-Rafic Hariri Int Airport

7.26 Uhr:
[Maison Cattechnian, 3.]
Ich kann Ihnen keine Bilder einstellen, werde gleich erzählen, weshalb. Denn selbstverständlich habe ich welche gemacht, doch werde, wahrscheinlich bis zu meiner Rückkehr nach Berlin, nicht darauf zugreifen können. Das Bild hierüber, die berühmte Zedernlounge, fand ich im Netz. Auf das ich, unter Aufsicht aber, Zugriff habe. Auch dieser Text hier wird durch die Hand eines Zensors gehen, unter dessen oder der Aufsicht eines seiner Adjutanten ich ihn später einstellen darf. So wurde mir bedeutet.
Man spricht hier nur Arabisch und ein Französisch, das ich aber meist nicht verstehe. Nur der Mann, der mich in der Zedernlounge empfing, konnte Englisch. Der Gräfin ließ sich nicht sehen, es gibt auch keine weitere Botschaft von ihm. Eine letzte, wenn man so will, erreichte mich in einem der für ihn typischen kleinen Billet-Umschläge direkt am Counter von Tegel, wo es erst eine gelinge Unsicherheit gab, weil man meine Buchung nicht fand. Das System liest das abgekürzte „von“ mit dem Punkt nicht, so daß ich immer als Vribbentrop eingespeichert werde; das klärte sich dann schnell, weil ich diesen Umstand schon gewohnt bin, aber mich weigere, den Prädikatszusatz auszuschreiben. Sowas tut nur, und muß es, der Kaufadel. Ich meine, w e n n man mich schon unter meinem Herkunftsnamen einbucht und nicht dem, unter dem ich für gewöhnlich lebe und arbeite. Doch vielleicht, vermute ich, will Le Duchesse auf diese Weise wenigstens abstammungstechnisch Verbundenheit herstellen; irgend einen Narren scheint er an mir ja gefressen zu haben.
Na gut, nebensächlich.
Ich war überpünktlich am Flughafen, schon um acht, obwohl ich diesmal nicht viel Gepäck dabeihab; der Rucksack ist leicht. Sind ja nur fünf Tage, und meine Surfs hatten ergeben, daß es im Libanon, wie auch zu erwarten, warm sein würde. Gegen 14 Uhr stand ich dann auch in den Gängen des Rafic Hariri Airports, dessen wenn auch nicht ganz so riesige Anlage sich durchaus mit Frankfurtmains vergleichen läßt; was ich so ebenfalls erwartet hatte. Es galt nur noch, die Zedernlounge zu finden. Ich mußte meinen Reisepaß vorzeigen, um eingelassen zu werden, dann aber war das problemlos. Etwa eine halbe Stunde saß ich herum, knipste, was das Zeug hielt, notierte banale Auffälligkeiten.
Dann wurde ich angesprochen.
Ein sehr arabisch gefärbtes Englisch von einem Araber, Libanesen wahrscheinlich, im Business-Anzug, ein weltlicher, nach Geld wirkender, durchaus hochgewachsener Mann, glattrasiert, Brille, das kurzgehaltene dunkle Haar wich schon von der Stirn zurück. Immerhin sprach er mich als „Mister Herbst“ an, nannte mich zwischendurch aber immer mal wieder „Monsieur“. Er bitte dafür um Entschuldigung, daß er sich verspätet habe, „all the traffic“, „tra:fik“ sprach er das aus, ich möge ihm bitte folgen. Ich bemerkte sie sehr wohl, die beiden Gorilla, die uns – also, zu seinem Schutz, wohl ihm – folgten. Sie verstellten sich auch nicht sehr. Mein Eindruck ist, daß hier vieles ganz offen gehandhabt wird, aus dem man in Deutschland Gewese machte. Die Gegenwart von Gewalt, Bereitschaft zu Gewalt, und nicht nur aus jüngsthistorischen Gründen, ist direkt unter der Haut spürbar; im arabischen Raum begegnet mir das immer wieder. Ich bin darauf gefaßt. Nicht gefaßt war ich darauf, mitten im Libanon in ein Stück vergangenen Europas zurückgebracht zu werden. Das hat für mein Empfinden einiges von einer Zeitreise.
Man erklärt mir nichts, wenn ich frage, wird geschwiegen, doch immerhin gelächelt.
Draußen wartete eine Limousine; ich kenn mich mit Fahrzeugtypen nicht aus, aber es war ein BMW, in dessen Fonds ich gebeten wurde. Ich stieg ein, der Fahrer fuhr los, neben ihm Mr. Jamila, doch ich bekam von der Fahrt überhaupt keinen Eindruck, weil die Scheiben so abgedunkelt waren, hatte allerdings, als ich einstieg, im Augenwinkel den Eindruck, daß die beiden Gorillas in einen Wagen hinter uns stiegen, der uns wahrscheinlich folgte. Zu fotografieren wäre jedenfalls sinnlos gewesen. Auf völlig unspektakuläre Weise ließ man mich im Wortsinn im Dunklen darüber, wohin es eigentlich ging. Allerdings, wir hatten die Stadt längst verlassen, ja waren meinem Gefühl nach gar nicht erst in sie eingefahren, sondern auf einer, wahrscheinlich, Umgehungsautobahn um sie herum, – indessen, nach ziemlich genau anderthalb Stunden, machten wir eine Kaffee-, bzw, Teepause an einem Komplex aus Tankstelle und Rasthaus. Die Gorillas waren durch die offenen Scheiben des durchaus gut besuchten Restaurants nicht mehr zu sehen, aber es standen einige Wagen auf dem Parkplatz herum, in einem von denen sie gut und unauffällig hätten sitzen können. Jedenfalls bat mich Mr. Jamila, weiters in seinem arabisch prononzierten Englisch, um mein Ifönchen. Ich möchte bitte Verständnis haben… der Chip… Man werde mir das Gerät bei meiner Rückreise unangetastet zurückgeben.
Mehr erklärte er nicht. Ich hatte sofort das Bild aus Ramallah wieder vor Augen, als wir, eine Gruppe von Journalisten, Kulturanthropologen, Soziologen und ich, bei unserem Besuch Arafats ebenfalls die Handies abgeben mußten… da lagen sie dann, alle ausgeschaltet, in einem abgesperrten Vorraum in Reihe, zehn oder zwölf. So protestierte ich nicht, sondern reichte ihm das Telefonchen. Er steckte es, wobei er Dankesehr sagte, in die rechte Tasche seines dunkelanthrazitnen Jacketts.
Dann ging es weiter, ungefähr noch einmal anderthalb Stunden.
So daß ich am späten Nachmittag im Paradies war.
Ich stelle mir das so vor: Der Libanon war bis 1941 französisches Mandatsgebiet, das Französische hat nach wie vor, las ich, großen Einfluß, Beirut galt einmal als Paris des Ostens – warum sollte nicht in diesem – gemessen an den nur rund vier Millionen Einwohnern (Berlin allein hat dreieinhalb!) – riesigen Terrain, zumal hier in den Bergen, ein französischer Privatbesitz geblieben sein, eine Art persönliche Miniaturkolonie des Gräfins mit, wie ich fantasiere, ganz eigener Gesetzgebung, die feudale, nämlich monotheistische Grundzüge trägt, vielleicht nicht nur Gundzüge… – oh ja, wenn er das liest – und er wird es lesen, bevor ich es einstellen darf -, wird ihn das vergnügen! Aber man läßt mich auch wirklich mit meinen Spekulationen allein. Zu deren Eigenschaft gehört, daß ich nicht einmal sagen kann, wo genau dieses Besitztum liegt. (Zum Beispiel darf ich nicht googlen… ich solle es gar nicht erst versuchen, bedeutete mir Monsieur Jamil; Google maps, zum Beispiel, wär mir äußerst hilfreich. Nein, es solle, so Jamil, die geographische Lage Jamesvilles nicht bekannt werden, Monsieur Le Duchesse lege äußersten Wert darauf. Doch wenn ich mich an die Spielregeln hielte, wäre das ganz gewiß nicht von Nachteil für mich. Wobei er süffisant lächelte.)
Beschreiben darf ich die Liegenschaft aber.
Das Areal besteht aus viel Fels, die fünfsechs, deutlich europäisch wirkenden Gebäude, darunter eine Art Hazienda, liegen im Tal, das offenbar künstlich bewässert wird, denn es gibt einen höchstgepflegten Golfplatz. Es gibt sogar ein Wäldchen – sind das die berühmten Libanonzedern? Ich werde fragen. Eine agrarische Sektion, also eine Art Hof mit kleinen Traktoren, Stallungen vielleicht (Pferde? aber ich sah noch keines), doch nur wenige Menschen waren bisher zu sehen; hin und wieder ging ein Araber den Weg entlang, das sah aber nicht wirklich so aus, als hätte er etwas arbeiten wollen oder gar müssen. Den rechten Hang hinan noch ein paar flache Würfelhäuser, eines hat ein niedriges Minarett – rechts, das ist, dem Sonnenstand nach zu schätzen, Westen. Gesindeewohnungen also?
Doch stimmt nicht, was ich eben schrieb. Ich sah andere Menschen, einige, aber eben erst abends, hier. Denn – es gibt das Frauenhaus. Nur will ich nichts vorwegnehmen, sondern in der Chronologie meiner Wahrnehmung bleiben, der meiner Reise und Ankunft.

In einem zweistöckigen Haus bin ich untergebracht, das man eine Villa nennen könnte, wäre es nicht aus grauen, fast groben Steinen errichtet und machte ebenfalls einen bäurischen, aber europäischen, nordeuropäischen Eindruck. Das aber nur außen. Die Innenausstattung ist geradezu liebevoll und sehr durchdacht, zugleich auf bestem technologischen, will sagen: auch hygienischen Stand, wobei die untere Etage aus einem einzigen Raum besteht, einer Wohnlandschaft, würde Schöner Wohnen das nennen; Küche integriert (nur woher nimmt man die Ingredenzien, um zu kochen? sieht alles komplett unbenutzt aus), die sogar zwei Herde hat: einer wird mit Elektrizität, der andere mit Gas betrieben; acht (!) Flammenstellen insgesamt. Der Wohnbereich selbst tatsächlich pseudokolonial: dunkel gebeizter Bambus: Tische, Stühle, sogar die Schränke. Teppiche auf den Böden: ich mag gar nicht mehr anders, als barfuß zu gehen… seit ich‘s gestern abend zum ersten Mal tat. Man macht sich keine Vorstellung von dieser Weichheit unter den Sohlen. Man könnte auf diesen Teppichen schlafen. Vielleicht werde ich das in einer der kommenden Nächte auch tun: mir einen Teppich auf die Terrasse ziehen, dort mich legen unter das Sternenzelt. – Es war eine spektakuläre Nacht, gestern, als ich hinauf ins All geschaut habe und „Schöpfung“ denken mußte –

Doch, wie geschrieben, der Reihe nach –

Das Abendessen war, ohne daß ich jemanden sah außer Jamil, in der Hazienda aufgetragen worden, es stand alles schon bereit, und ich blieb, nachdem Jamil wieder gegangen war, ganz für mich allein. Aß, trank, sann erneut darüber nach, was mit der Prüfung gemeint sein könne, der ich mich zu unterziehen hätte – darüber hob sich der Vorhang aber erst spät, fast schon zu Mitternacht, nachdem ich noch einen kleinen Gang über das Gelände unternommen hatte, dessen teils Kies-, teils Sandwege von Laternen erleuchtet sind, sowie die Dämmerung einsetzt. Es war da fast völlig Stille, von Schreien von, wahrscheinlich, Tieren abgesehen, die aus der Ferne kamen, in der Ferne auch blieben, aber sich im Echo der Berge verstärkten.
So kehrte ich denn in meine Bleibe zurück. Die Häuser sind nicht verschlossen, die Türen haben gar keine, auch nicht der Hazienda, Schlösser. Insgesamt ist das Gelände ungesichert, sofern es nicht, was ich vermute, bewaffnete Wachen gibt, in Unterständen. Aber, sozusagen, „nach außen“ wirkt es vollendet friedlich.
Ich setzte mich an den großen Bambustisch, hatte schon, als ich mich einquartierte, die mitgenommenen Argo-Seiten herausgelegt, dazu den Bleistiftstummel, Radierer, Highliner, Lineal, und weil es hier absolut keine Unterhaltungsgerätschaft gibt, weder ein Radio noch einen Fernseher, wirklich gar nichts, auch keinen CD-Player, keine Boxen – ich habe auch nirgendwo, auch nicht in der Hazienda, eine Zeitung gesehen, – weil dem so war, dachte ich, vielleicht noch eine Seite durchzukorrigieren, konnte mich aber nicht konzentrieren und ging ins obere Stockwerk, um mich zu duschen und dann schlafenzulegen.
Als es klopfte.
„Ja bitte?“
In der Tür stand eine höchstens sechzehnjährige Frau mit einem so anrührenden Lächeln, daß ich sie wie eine Erscheinung ansah, und bat mich mit ihrer hohen, aber in keiner Weise flachen Stimme, ihr zu folgen – zumal in völlig akzentfreiem Deutsch.
„Jetzt?“
„Jetzt.“ Das war sehr entschieden.

(Oh, ich soll unterbrechen. – Jamil.
Netzzeit sei nur von von halb elf bis elf. – Ich melde mich später wieder. Libanonzeit ist der unseren eine Stunde voraus. Hatte ich ganz vergessen.)

>>>> Jamesville/Dschanna 2
Der A n l a ß <<<<

Wann ist dein Buch denn fertig?

“Und wann ist dein Buch fertig?” fragte Vater.

Kurz zuvor hatte er gefragt, wie ich meinen Nachmittag verbringen würde, worauf ich “am Schreibtisch” geantwortet hatte, und jetzt antwortete ich zögernd “Mein Buch..? Fertig? Nächstes Frühjahr..”, zögernd und wie aus der Luft gegriffen, es gab nämlich keinen Zeitpunkt, keinen Masterplan. Ich hätte auch “nächste Woche” antworten können, das wäre nicht weniger richtig oder falsch oder wahrscheinlich gewesen.

Zwar gab es immer wieder mal Anstöße für ein Buch, ob von aussen oder innen, doch alle Welt forderte einen Roman, auch ich forderte diesen Roman von mir, doch da war kein Roman. In mir.

“Was wird das denn für ein Buch?” liess Vater nicht locker. “Ein Familienroman?”

Ich blickte ihn an. Wir standen im Flur der Wohnung, in der ich aufgewachsen war, es war Mittag und ich bereit zum Aufbruch. Der Hund an meiner Seite junkerte schon nervös, weil er endlich losmachen wollte, und in mir regte sich Dankbarkeit.

“Ja.. eine Familengeschichte”, sagte ich froh.

*

Da fällt mir beim Durchblättern eines alten Fotoalbums meiner Eltern Post in die Hände, die ich selbst verfasst habe, Post an meine ältere Schwester. Der Brief stammt aus dem Sommer 1971, als an der Mosel vor meinen Augen ein Mensch ertrunken war. Ein Taucher.

Daniel Gerards Butterfly war 1971 der Sommerhit. Sommmerhits sind lästig, wie Stubenfliegen. Bleiben überall haften mit ihren widerlichen kleinen Pfötchen, und wenn man sie verjagt, sind sie keine halbe Minute später zurück und kleben nur um so fester am Kofferradio, im Gehirn, an der schmierigen Butterdose.

Im Sommer zuvor war In the Summertime von Mungo Jerry der Sommerhit an der Butterdose gewesen. In the Summertime hatte ich sogar als Single gekauft, eine brettharte Pressung, in Holland, wo wir in Urlaub waren. Meist fuhren wir in den großen Sommerferien an die holländische Küste oder zum Gardasee, doch alle paar Jahre war Mutter dran mit einem Urlaubswunsch, und sie wollte lieber in die Berge.

Nun liegt Zell an der Mosel nicht wirklich in den Bergen, aber immerhin gibt es dort Weinberge, wohin man auch blickt. Zell a. d. Mosel war eine Art Friedensangebot meines Vaters, für den es nichts schöneres gab als den Wellen der See zu lauschen, wenn er spätabends im Zelt lag und an Bournemouth zurückdachte, dem englischen Seebad, wo er die aufregendste Zeit seines Lebens verbrachte, zwischen 1945 und 1947 in englischer Kriegsgefangenschaft. Bei den Tommies, wie er sie stets respektvoll nannte, wenn er von ihnen erzählte. Bei den Tommies mit dem fussig roten Haar.

Die deutschen Kriegsgefangenen arbeiteten in einer Kolonne. Zehn Burschen vielleicht, alle um die 17, im letzten Moment noch in den Krieg geschickt und glücklicherweise in Gefangenschaft geraten. Ihre Aufgabe bestand darin, Strandbefestigungen abzubauen. Ein englischer Soldat war ihnen zur Seite gestellt, Johnny, Anfang zwanzig, immer auf der Suche nach einem guten Geschäft.

Eines Tages schlugen ihm die Deutschen vor, aus den vielen am Strand angespülten Jutesäcken Sommerschuhe anzufertigen und sie den britischen Urlaubern zu verkaufen. Britische Urlauber 1944? fragte ich. Ja, antwortete Vater. Die gab es.

Um Schuhe herzustellen, musste man die Säcke zunächst aufschneiden, dann im Meer den Sand rauswaschen und in der Sonne trocknen lassen. Die Sackleinen aufriffeln und neu flechten bis daraus eine Schuhform entstand inclusive der Leisten. Englische Rentner saßen an der Promenade und guckten den Prisoner of War (POW) bei der Arbeit zu.

Johnny wurde prozentual am Gewinn beteiligt. Die provisorischen Sommerschuhe verkauften sich blendend. Sie hielten zwar nicht länger als eine Saison, aber dann waren die POW’s sowieso über alle Berge. Nun meinte Johnny, er könne schlecht mit dem geschulterten Karabiner durch den Sand laufen und Schuhe verhökern, das sähe verdächtig aus, also machten die POW’S den Vorschlag, das Gewehr solange im Bauwagen zu lassen, der den Deutschen als Aufenthaltsraum zur Verfügung stand.

Währenddessen zog Johnny mit einer ausladend großen Sporttasche voller Sommersandalen über den Strand und verkaufte sie an Einheimische. Auch am Bauwagen hing in englischer Sprache eine Tafel mit dem Tagesangebot aus:

Clarks!

*

Aber ich wollte ja vom Tod des Tauchers erzählen und von dem Brief, den ich an meine Schwester geschrieben hatte. Der Campingplatz in Zell lag direkt an der Mosel. Wie immer dauerte der Aufbau des Hauszelts seine Zeit, weil Vater jede Zeltstange durchmarkiert hatte und nur er das System durchschaute, welche Stange in welcher Farbe nun zu welch anderen Stange in welcher Farbe gehörte.

Für mich war der Zeltaufbau zu Beginn jedes Campingurlaubs nichs als Anhalter- und Steckerei: Halt mal die Stange fest, nein, die andere Stange, steck die mal da rein. Nein, nicht die. Die andere. Da rein.

NICHT DA!

Nur eine Viertelstunde entfernt ist ein Strandbad, schrieb ich an meine große Schwester. Bisher haben wir es aber nur auf Bildern gesehen. Darauf sah es ganz toll aus. Morgen werden wir, wenn wieder schönes Wetter ist, dahin fahren.

Natürlich konnte man auch in der Mosel baden, aber ich war skeptisch, was das Baden in Flüssen betraf. Daheim wäre doch auch kein Mensch auf die Idee gekommen, freiwillig in die stinkige Wupper zu steigen. Immerhin roch die Mosel besser als unsere Wupper. Sie sah auch besser aus. Flussiger.

Ich maß die Entfernung zwischen unserem Stellplatz und dem Flußufer ab. Exakt acht Meter.

Neben uns stehen jede Menge Belgier und Dänen, und alle sprechen Deutsch. Aber wir? Was können wir Deutsche? Wir können keine Sprache. Nur unsere eigene.

Endlich hatte Vater die Schlafkabinen eingehangen und Mutter die letzten Campingutensilien ins Zelt eingeräumt. Es war ein stickig heisser Nachmittag, Kinder planschten im Wasser. Ich hatte diesen Mann mit Taucherbrille und Schnorchel schon beobachtet,  wie er langsam die Mosel abtauchte. Der Fluß war an dieser Stelle nicht tief, hüfthoch vielleicht, man konnte überall stehen. Plötzlich war der Schnorchel weg. Ich sah ihn nicht mehr. Es war ja auffällig gewesen, dieses ruhige Gleiten des Schnorchels, der aus dem Wasser gelugt hatte wie das Periskop eines U-Boots.

Immer mehr Camper kamen zum Ufer gelaufen, es standen plötzlich überall Leute und riefen wild durcheinander. Ein richtiger Tumult. Ein paar tatkräftige Männer stiegen im Wasser. Irgendwo lief Radio. Ich hätte es besser gefunden, jemand hätte es leiser gedreht oder das Radio ganz ausgemacht. Als der Platzwart auftauchte, schrie er die hilflos herumstehenden Leute an: “Hat einer was gesehen??!” Als keiner antwortete, drehte er durch. “Warum sagt keiner was, um Himmels Willen??! SAGT DOCH WAS!” Vielleicht hatte er ein schlechtes Gewissen.

Als die Polizei endlich mit einem Rettungsschwimmer kam, er hatte eine Gasflasche auf dem Rücken, war der Taucher schon längst tot. Schnell hatte der Rettungsschwimmer den Mann gefunden. Wahrscheinlich hat er einen Schlag bekommen, meinte Papa. Denn das Wasser ist ja nicht tief, man kann überall stehen. Er hat sich bestimmt nicht abgekühlt.

Genau vor unserem Zelt, auf der Wiese, wurden Versuche unternommen, den Mann wieder zum (Atem) atmen zu bringen. Das dauerte bestimmt eine Stunde.. genau vor unserem Zelt! Allerdings durften wir Kinder das nicht sehen. Auch Mutti und Papa waren sich am gruseln.

Es war brütend heiss im Zelt, und mein kleiner Bruder, der nie still sitzen konnte, fing an Ärger zu machen. Er war wie ein junger Hund. Das war nicht schlecht, denn so war ich aus der Schusslinie und konnte einen heimlichen Blick nach draussen werfen. Einmal fuhr eine kleine Windbö ins Zelt und bauschte den Vorhang auf, den meine Mutter extra heruntergelassen hatte, damit wir nicht sehen konnten, wie der Tod sich was zum Fressen holte, doch dann sah ich es für einen kurzen Moment: wie dieser Masseur in weissen Hosen den Brustkorb des Tauchers bearbeitete und nicht aufhörte. So einfach geht das? dachte ich. So einfach geht Wiederbelebung? Aber es ging nicht so einfach.

Dann dauerte es nochmal eine Stunde, bis der Leichenwagen kam und den Toten abholte. Er war ganz blau angelaufen und hatte einen aufgeblähten fetten Bauch. Jetzt ist er ein Wassergespenst, sagte Mutter. Mehr will ich darüber nicht schreiben. Hier auf dem Campingplatz gibt es zum Glück auch einen Kiosk. Na, Kiosk kann man es nicht nennen, nämlich es ist ein paar Mal so groß wie die Bude von Frau Drexelius. Und wie geht es euch? Gut?

Viele Grüße.

Vorletzte Gedanken Bruno Steigers wundersamer Prosaband «Der Trick mit dem Sprung aus dem Stuhl»

Roman Bucheli bespricht Bruno Steigers Buch auf der Zürcher Kulturseite der NZZ:

Man müsste vielleicht das Temperament eines Taschendiebs haben, um dieser Prosa immer und an jeder Stelle angemessen folgen zu können: unentwegt auf alles Unerwartete vorbereitet sein, stets mit den Augen in alle Richtungen schauen, einen Riecher haben für den übernächsten Schritt. Und man käme doch immer zu spät. Denn der Erzähler in Bruno Steigers neuem Prosaband, «Der Trick mit dem Sprung aus dem Stuhl», ist wie der sprichwörtliche Igel. Er ist immer schon da, wohin man gerade erst unterwegs war. Man kommt immer einen Schritt zu spät. Kaum hat man einer Erzählung folgen zu können geglaubt, erweist sie sich bereits wieder als hinfällig, und kopfüber stürzt man ins nächste erzählerische Abenteuer.

Simulationen

«Wer nie mit einem Taschendieb befreundet war, hat keine Ahnung, was wahre Freundschaft bedeutet.» Man könnte, was Bruno Steiger im abschliessenden Kapitel unter der Überschrift «Letzte Notizen» gleichsam als voreiliges Vermächtnis mit grandiosem Witz aufzeichnet, auch als Anweisung an die Leser verstehen. Bruno Steiger lesen ist so etwas wie die Vorschule für die Freundschaft mit einem Taschendieb.

Eine andere Vorschule, die dieser ebenso merkwürdige wie grandios komische Prosaband enthält, ist Robert Walsers «Gehülfen» nachempfunden und schildert die Ausbildung älterer Herren zu Privatdetektiven. Genauer: Der Text tut so, als würde er, wie eine ganz konventionelle Erzählung, die Geschichte dreier Herren wiedergeben, die aus unerfindlichen Gründen beschlossen haben, sich zu Privatdetektiven ausbilden zu lassen. Und so trifft der Leser denn auch hier wieder auf den Taschendieb. Denn die Geschichte ist keine Geschichte, lediglich die Simulation einer Geschichte. Wie in diesem wunderlichen Buch alles eine Simulation ist. Oder genauer: Das Erzählen wird im Erzählen immer gleich wieder durchleuchtet und jede Fiktion sogleich mit der Nadel der Theorie wie ein bunter Luftballon aufgestochen und als schlechte Erfindung entlarvt.

Doch der Band enthält auch Herzzerreissendes. So die Geschichte von Freund Edmund, der spätnachts auf den Üetliberg fährt und von da nicht mehr zurückkommt, aber an der Reception des ausgebuchten Hotels immerhin ein Notizbuch hinterlässt, das kleinste und dünnste, «das man jemals in Händen gehabt habe».

Geschrieben ist es ganz in Rot, «nicht verbesserbar: die Korrektur als solche». Und es enthält nicht weniger als den Bericht darüber, wie einer sich selbst die Aufgabe stellt, «im Rahmen eines sogenannten Tagesausflugs vom Erdboden zu verschwinden». Die Verwandlung der Existenz in reine Literatur: Was für ein trauriger Triumph, was für ein schöner Taschenspielertrick.

Doppelter Boden der Poesie

Nein, man versteht nicht alles in diesem Band. Aber vermutlich spielt das keine Rolle. Manches ist Nonsense, verkleidet als verständige Prosa, und was wie Nonsense erscheint, erweist sich als melancholische Luzidität: «Nur wer Sprache sein lässt, hat Sprache.» Aber schon im Augenblick, da der Satz ausgesprochen wird, erweist sich seine brutale Folgerichtigkeit. Für den leidenschaftlichen Autor gibt es kein Leben ausser der Sprache, in der Sprache freilich auch nicht. Sie ist der doppelte Boden, der sich selbst zum Verschwinden bringt. So trägt denn alles, ob gesagt oder ungesagt, das Signum der Vergeblichkeit.

Erstaunt es, dass dieser Autor jüngst auch ein Kinderbuch geschrieben hat? Und dass er auch darin mit der Sprache den Boden unter den Füssen ein wenig ins Wanken bringt? Mag sein, dass die Kinder für die leichten Sinnverschiebungen in den Worten noch ein ganz anderes Sensorium haben. Das Spielerische ist ihnen noch nicht gänzlich wegerzogen worden. Der Erwachsene, ob er nun das Kinderbuch «Die Palmeninsel» liest oder sich vom «Trick mit dem Sprung aus dem Stuhl» überraschen lässt, tut gut daran, nicht allein den Ernst und nicht allein das Spiel, sondern im einen das andere zu erkennen, um den Zauber dieser seltsamen Prosa ergründen zu können. Selten ist einem der Alltag in Geschichten so vertraut und so fremd zugleich erschienen, so bizarr und banal in einem, so unentwegt tröstlich wie verstörend.

Glück und Rausch

Bruno Steiger ist ein Sprachmagier, poetischer Taschendieb und Wortzauberer in einem. Tausendundeine Geschichte erzählt er in seinem Buch, als wäre er eine Scheherezade des Alltags, unter deren Hand alle Banalität nobilitiert und jeder Schrecken entschärft wird. Das Glück des Verstummens ebenso wie der Rausch des pausenlosen Plauderns kennen Steigers Erzählfiguren: Sie gehen allesamt in die Schule des Scheiterns und freuen sich über jeden missratenen Satz mindestens so sehr wie über sogenannt gelungene Sätze.

Eine «nichtspekulative Poetik des Seufzers» stehe noch aus, heisst es einmal: Sollte es sie geben, dieses Buch käme ihr am nächsten. Vielleicht kann man auch darum in diesen wunderlichen Geschichten, die man so leicht niemandem verständig nacherzählen könnte (noch wollte), die zauberhaftesten Sätze lesen, deren schönster zweifellos dieser ist: «Ein Lieblingsbuch ohne Leser ist immer noch ein Buch, aber ein Leser ohne Lieblingsbuch ist nur noch ein Mensch!» Darüber könnte man allerdings stundenlang nachdenken – oder sich kurzerhand dieses Buch zum Lieblingsbuch auserwählen.

Bruno Steiger: Der Trick mit dem Sprung aus dem Stuhl. Roughbook 021, Zürich und Solothurn 2012. 198 S., Fr. 16.– (plus Fr. 1.50 Versandkosten bei Bestellung über www.roughbooks.ch).

Nora Bossong las in Karlsruhe

(aus: Badische Neueste Nachrichten, 5. September 2012):
Spröde, sehr spröde ist Nora Bossongs Roman „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“. Zumindest jene Passagen, die sie bei der 29. „Lesung Süd“ im Kulturraum Kohi las. Es klang, als seien sie einem Sachbuch über Wirtschaft oder einer Industriellen-Biografie entnommen. Das ist insofern naheliegend, als dass die aktuelle Peter-Huchel-Preisträgerin einen Roman geschrieben hat über den Aufstieg und Fall eines Familienunternehmens, das mit Frottee-Handtüchern weltumspannende Geschäfte macht. Im Zentrum der Lesung steht Kurt Tietjen, ein inzwischen alt gewordener Unternehmer, der in New York eine letzte Zuflucht nach einem getriebenen Leben sucht. Seine Tochter Luise, 27 Jahre alt, soll seine Firma erben, „Jahresumsatz 38 Millionen Euro, Umsatzentwicklung minus 2,7%“, sprich die Firma „Tietjen und Söhne“ ist auf dem absteigenden Ast. Zwischendurch berichtet Nora Bossong vom Firmengründer am Anfang des 20. Jahrhunderts. Auch das klingt wie eine nüchterne Reportage aus dem „Handelsblatt“. Entsprechend blass bleiben alle drei Figuren, was allerdings an Bossongs etwas unglücklicher Text-Auswahl gelegen haben mochte, mehr noch, an ihrer kühlen und distanzierten Vortragsweise. Aufschlussreich indessen war die Selbstauskunft der 30-jährigen Autorin, die in Essen, New York und in China gelebt hat und deshalb wie selbstverständlich auch über die drei Handlungsorte schreiben kann. Es sei ihr darum gegangen zu erzählen, wie sich das Verhältnis von Wirtschaft und Moral verändere und gleichzeitig von einer jungen Frau, die einerseits versucht, ihren eigenen Weg zu gehen und dabei Familie und Firma zusammen zu halten. Sogar zur europäischen Schuldenkrise hat die Lyrikerin und Erzählerin etwas zu sagen: Wir seien weltweit eine „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“. Immer solle der jeweils andere haften, nur nicht die Gruppe, der man gerade selbst angehöre. Die Griechen wollten, dass die Europäer haften, die Deutschen jedoch nicht für die Griechen. Ob das alles so einfach ist? maske
P.S. Besprechungen von Veranstaltungen dürfen bei den BNN nur noch maximal 2000 Zeichen umfassen…

Sonntag, 12. August 2012

(Scheußlich sind die Tage unter dem Virenmond. Fett ist mir die alte Erkältung in die Glieder gekrabbelt, festgebissen hat sie sich wochenlang. Erika Fuchs würde übersetzen: Hust, hust, schnief, schnief, hatschi.
Sicher schon der siebte oder achte Infekt in diesem Jahr. Es verfolgt mich dieses leichte Fieber, seit meine Mutter mich ausgespuckt hat. Ich erinnere Schnee im grauen Raum hinter meinen glühenden Augenlidern, ein Gekrissel, das sich auf das ICH legte und es eindeckte nächtelang.
Schon wieder war ich zwei Woche in dieser zeitlosen Welt der Krankheit eingewickelt, und in mir schwappte eine Sehnsucht nach Sanostol empor. Nur schade, dass man sich als ausgebildeter Vater nicht einfach hinlegen kann, dass man vielmehr dem Kind schlapp hinterher hetzen muss, denn das Kind ist nur ein Überträger, das Kind wird nie krank, weil das Kind einen gesunden Lebenswandel hat, und nicht raucht, und nicht trinkt).
Hier bin ich also wieder, zwar mit einem Ziehen und Zwacken in den Gliedern, mit einem entfernten, hölderlin-artigen Frühlingsgefühl in den Knochen, aber noch haben sie mich nicht in den Turm gesteckt.
Ich las die letzten Tage wieder – nach Jahren – seine späten Gedichte, die mich schon hingerissen haben, als ich Zwanzig war. Damals wollte ich meinem eigenen Urteil nicht trauen; ich fragte mich: hat das nicht ein Wahnsinniger geschrieben, ein Mann, dem die Synapsen durchgebrannt sind; sollten nicht die früheren, die klassischen Gedichte besser sein, kann man diesen ewigen FrühlingSommerHerbstUndWinter denn lieben?
Jetzt lese ich sie wieder, die letzten Verlautbarungen des guten Scardanelli, und es schlägt mir mitten ins Herz, schlägt gegen den Takt meiner Herzschläge an.
So eine eisige Klarheit, so ein fokussieren auf die unwesentlichen, auf die echten und übersehenen Dinge, das ist es, was diese späten Hölderlin-Gedichte ausmacht. Während der Herr Hölterlein ausgemacht war… von seiner Welt, Umwelt, Umbra Vitae. Er musste nur mal schnell austreten (das Aas treten), musste nur mal schnell neben sich her treten, in die Welt hinein treten, ganz andere Wege gehen. Und kritzelte ab und an auf Papier, so wie es gut hundert Jahre später der Herr van Hoddis tat, dem man die Papiere wegnahm, von dem nichts scardanelli-artiges übrig blieb, weil seine Lehnsherren in den Irrenasylen nichts von dem Gekritzel verstanden. Sie haben es nicht vernichtet, sie haben es einfach nur weggeschmissen, kurz bevor van Hoddis nach der Vorhölle verschifft wurde.
Ich las das auf einem Kindle (mein neues Interface in die Gutenberg-Galaxis), und es war ganz umsonst, dieser Text, diese Poesie. Die ich mir herunter lud für UMME (Hölderlin nimmt die WUMME und lässt dein Gehirn an die Raufasertapete des Turmzimmers spritzen. Spritz, spritz).
Ah, das schönste Spielzeug, ein E-Book-Reader (don´t follow leaders, watch the e-book-readers). Ich bin so glücklich und begeistert am Anfang dieses Umbruchs zu stehen, in einem Zeitalter zu leben, das es mit dem Gutenbergs aufnehmen kann. Ich habe eine Luther-Bibel in den Händen (89 Cent im Kindle-Shop), ich werde dabei gewesen sein, zu dem Zeitpunkt werde ich dabei gewesen sein, an dem die Welt eine andere wurde, als die größte intellektuelle Revolution des 21ten Jahrhunderts begann. Ihr werdet sagen: Voß, haben wir es nicht auch eine Nummer kleiner. Und ich werde sagen: Nein, ihr Ignoranten.
Ich werde auf eure Bücher spucken. Im Licht meines Kindle-Bildschirms.
Jetzt muss ich wieder husten, der Schleim löst sich schwerfällig, die Nacht ist auch erkältet – Sommer, wer bist du, dein Gesicht habe ich lange nicht mehr gesehen. Nenn mich Herbst, mein Junge, ich habe Stoppeln aus gelbem Kraut im Gesicht, meine Füße sind kalt und rau, meine letzte SMS geht an die kalte Schlampe Winter.
Aber es war ein schöner Tag, auch wenn ich Hitzewallungen hatte, hochgedrückt im Körper vom letzen Aufflammen des Fiebers.
Wir saßen am Wahnsee, wir waren auf einem Fest. Meine Frau hustete wie Franz Kafka im Frühjahr 1924. Aber das Kind, der Überträger, das war glücklich. Es lief mit den anderen Kindern unter Kastanien und Eichen zum Ufer. Von der Terrasse aus beobachtete ich ihn, schaute zu ihm hin, sah den kleinen, blonden Jungen, wie er von den größeren Kindern getragen und herum gewirbelt wurde, sah, wie er lachte und glücklich war.
Das Kind stand an einem alten Baum und zählte bis Zwanzig. Eins, zwei, drei, vier, Eckstein, alles muss versteckt sein. Ich komme!
Und die Nacht senkte sich ganz langsam, und der See glitzerte ein letztes Mal, und die Kinder sprangen in die Dämmerung.
Und ich musste an Kafkas Buch „Betrachtung“ denken, und dass diese erste Miniatur dort das atemlose, sommerwarme Gefühl von elternlosen Kindern besser beschreibt, als ich es je könnte. Das Gefühl von Sand unter den Füßen, den Eindruck, den die Schattenrisse vor dem letzten Licht machen. Am See schwanken die Segelboote auf der dunklen Fläche, und die Takelagen machen dieses Geräusch, für das es noch kein Wort gibt. Die Eltern sind weit entfernt, man hört sie kaum, nur ein verwehtes Lachen und Tuscheln. Hey, dort ist ein Zaun, und in dem Zaun ist ein Loch. Ob es dahinter wohl in eine andere Welt geht?
Ich sah mein Kind, und ich sah, dass es glücklich war, und deswegen war ich glücklich.
Ich stand auf der Terrasse und aß Roastbeef, und dort drüben, gleich hinter dem nächsten Yachtclub, da hatte Kleist ein Verhältnis mit einer Pistole gehabt, und ein Stück weiter, im kalten, kalten Winter hatte Heym nicht aufgepasst.
Aber mein Kind leuchtete mit seinen blonden Haaren in die Nacht hinein. Und war ein Leichtturm des Lebens.

Karl Friedrich Schinkel „Der Morgen“

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Kurztitel & Kontexte bis 2012-10-14