Archiv der Kategorie: Ausgabe 03/2012

E-16 IM HOLZKABINETT

wieder im Holzkabinett, dasselbe honiggelbe, wieder
am verschlungenen Fluß, mit dem scheinbaren See
zwischen zwei Wehren. Die Köpfe der Schwimmer festgehakt
auf einer trägen, braun und grün schimmernden Oberfläche.

Wer hier auch ruft – man hört ihn, man ruft nicht zurück,
es ist nur das Echo. Manchmal ein Steingesicht,
manchmal grüne Algen auf Stein. Manchmal auch –
und das ist nach den Gewittern nicht überraschend –

geschlechtlich ringende Schnecken mit steilen Mänteln.
Auch mit Geduld sind ihre Liebespfeile nicht zu erkennen.
Die Betrachter bohren ihre Finger in die kalkige Erde,
wagen die Vorstellung eines Lebens im Schneckenhaus.

Das Schloß leuchtet auch aus der Ferne. Grober Klotz
unter einem Wolkenliebesspiel zwischen erschreckender
Düsternis und blendender Leuchtkraft. Einmal Regen,
der an den Fenstern kraftvoll vorbeizischt, einmal Hagel.

Lektüre. Und daraus der Schmerz aus allen Details
eines maßlosen Geschlechtsverkehrs über viele Seiten.
Sowohl der fremde Mann als auch die fremde Frau sind in mir.
Auch das fremde Haus, die Dreieckssituation, die Obsession

im Detail, Zeitdehnung, der geschrumpfte Wahrnehmungsradius.
Einmal im Schneckentempo alle äußeren und inneren Häute
so aneinander gerieben, dass sich Elektrizität aufbaut, die diskret,
zugleich feurig die nächsten Tage beherrscht, sogar steuert

(Mittwoch, 13.6.2012, 14.06 Uhr)

Inhalt 03/2012

Die Lesezeichen-Ausgabe 03/2012 erschien am 15. Oktober 2012.


In dieser Ausgabe:
Zedernlounges und Flughäfen, Kirschholz und Kiefer, mit Worten gefüttertes Flüstern, blaue Förmchen, Friedrich Hebbel, Heimatorte und Orte gegen die Welt, Schweiß und Mantras, Glaskolben und Lichtbeeren, Paris (1961), Hündchen und Gemmen, Hölderlins Wumme und Brute-Force-Attacken, Bartholomäus Bartholomej und der Vollmond, Sedrun und der Tomasee, der Aufbau des “so sorry billboard”, Daniel Gerards „Butterfly“, die goldene Schnalle des Baumwollgürtels, das Messer des Chirurgen, Dinge des Himmels, Frottee-Handtücher und Schuldenkrisen, poetische Taschendiebe und Wortzauberer, maßloser Geschlechtsverkehr uvm.

INHALT:

Gestern Abend starb Theo Angelopoulos

“Ich erinnere mich, wie ich 1961 nach Paris ging. Ich trank davor mit ein paar Freunden, die mir das Ticket bezahlt hatten, denn ich ging auf gut Glück – einfach nur mit einem Ticket und weg war ich. Sie riefen: “Auf deinen Wunsch!” Und mein Wunsch war: “Ich möchte viel reisen.” Das ist eingetreten. Die Reise ist nicht einfach nur ein Ortswechsel oder nur eine Anhäufung von Kenntnissen. Sie ist mehr als das, sie setzt etwas in Bewegung. Zumindest bei mir mobilisert sie alles in einem solchen Maße, dass ich oft sage: Mein einziges Zuhause ist in einem Auto. Das ist der einzige Ort, an dem ich mich im Gleichgewicht mit mir selbst und der Welt befinde – neben meinem Fahrer, denn ich selbst kann nicht fahren. Meistens ist das während der Drehortsuche mein Fotograf, der zugleich mein Freund ist. Und so sehe ich durch das offene Fenster die Landschaft vorbeiziehen. Das ist meine Auffassung von Harmonie.“
(Theo Angelopoulos im Gespräch mit mir am 29. September 2001)

25. Januar 2012 17:03

borges und die möwe

text: dong 13. September 2012

skizze zeichnung sequenz

niemand hatte die möwe gefragt
niemand kehrte den morgen weg
entfernte die gedanken an dieses eine leben

an einem tag (die sätze winkten,
die schreie der vergessenen retteten sich ans land)
ging borges seinen abschied holen
er zog ihm seinen mantel und sein gedächtnis über

herzklopfen in der luft
die nacht sagte irgendwer
bleibt bei den verstorbenen

da wuchs kein schnee der schmelzen musste
da waren keine armenviertel die
den durst und den hunger verteilten

da strahlte das meer wie begrabenes licht
in seine augen

mit worten dachte er
mit worten kann man das flüstern füttern
aber die möwe doch nicht

VERMISST. Großvaters blaue Kladde (2002)

„Nimm die Kinder, bitte! Geht weiter.“, sage ich. Mir rinnen Tränen die Wangen herab und hinterlassen hässliche braune Wimperntuschespuren unter meinen Augen. Dicht bin ich an die Vitrine herangetreten, damit es niemand sieht. Wenn sich aber einer seitlich hinter mich stellt, spiegelt sich für ihn mein aufgelöstes Gesicht im Glas vor den Kriegsgefangenenausweisen. Meine Mundwinkel zucken beim vergeblichen Versuch kein Geräusch zu machen. Das Schluchzen ist leise, aber B. hat es dennoch gehört. Er stellt sich hinter mich und sieht, was er nicht sehen soll. Ich will jetzt keine Frage danach, was los ist. Ich will, dass er weiter geht, dass er die Kinder nimmt, bevor auch sie etwas bemerken. B. weiß nicht, was er tun soll. Der aggressive Ton verunsichert ihn,  er legt mir die Hand auf den Arm. Doch ich schüttele ihn ab: „Geh.“ Er ruft die Kinder; sie gehen hinüber in den nächsten Raum und ich bin allein vor dieser Vitrine im Haus der Geschichte in Bonn, in der ein grüner US-amerikanischer Kriegsgefangenenausweis ausgestellt ist: Prisoner of War, Camp Ashby, CA. Auf Großvaters grünen Ausweis, erinnere ich, war quer das Wort „Carpenter“ gestempelt.
Neben dem Ausweis liegt in der Vitrine eine dieser roten Postkarten, genau wie die, die  ich in den Händen gehalten habe: Die vorgedruckte Meldung an die Verwandten, dass einer in Kriegsgefangenschaft geraten ist und in ein Lager verbracht worden über den Ozean und einen fremden Kontinent nach Kalifornien. Ich habe Großvater niemals über die Jahre am pazifischen Ozean sprechen hören. In seiner unsicheren Schrift hatte er auf die Rückseite der roten Karte über das Vorgedruckte geschrieben: Dein Albert  Euer Vater. Das hatten sie ihm offenbar durchgehen lassen. Auf dem Ausstellungsexemplar  in der Vitrine sind nur die vorgesehenen Felder ausgefüllt. Ich versuche, die Linsen wieder scharf zu stellen: Ein Hermann, geboren 1907, hat diese hier gen Osten und über den Atlantik geschickt.  Albert, mein Großvater, wurde 1909 geboren, als jüngster Sohn seines Vaters. Wie ihre beiden Vorgängerinnen starb meine Urgroßmutter im Kindbett. An Mutters Stelle trat für ihn seine älteste Schwester Grete. Neunzehn Jahre alt war sie bei seiner Geburt. Im Kindesalter hatte er eine schwere Hirnhautentzündung und konnte fast ein Jahr lang die Schule nicht besuchen. Die Grete hat sich um ihn immer noch ein bisschen mehr gesorgt als um ihre anderen Geschwister. Albert, mein Großvater,  war in der Schule nach der langen Auszeit durch die Krankheit hinter seinen Kameraden zurück geblieben. Mit 14 Jahren ging er bei einem Großonkel in die Schreinerlehre. Meine Knie zittern. Ich suche nach einer Sitzgelegenheit, finde keine. Aber der Weg zur Toilette ist ausgeschildert. Dort kann ich mich einschließen und ausheulen.
Es hat mir nie jemand erzählt, wie Großvater Emma kennenlernte. Vielleicht hat es auch keiner gewusst von denen, die überlebt haben. Aber alle, die sie noch zusammen gesehen hatten, sagten, es sei eine große Liebe gewesen. Emma war anders als die anderen Frauen aus dem Dorf. Sie kaufte sich in der Stadt Zeitschriften und schneiderte sich die neueste Mode nach. Um den Hals legte sie sich einen Fuchspelz. Ihre schmalen, eleganten Kostüme bedeckten gerade die Knie. Doch ich kenne kein Foto von ihr aus jenen Jahren, als sie noch ledig und kinderlos war. Sie war vier Jahre älter als Albert. Mit der geraden, langen Nase, der hohen Stirn und dem länglichen Gesicht entsprach sie einem Schönheitsideal, wie Henny Porten es geprägt hatte. Bei den Kundinnen waren ihre Kreationen beliebt; sie selbst, hat man mir erzählt, eher nicht. Die Leute fanden sie hochnäsig mit ihrem Pelz und in den figurbetonten Kostümen. Auch als sie schon zwei kleine Mädchen hatte, arbeitete sie von zu Hause aus als Schneiderin weiter. Das war nötig, denn Großvater hatte für sie ein Haus gebaut, das abbezahlt werden musste und die Erlöse aus seiner Schreinerwerkstatt langten dafür nicht. Ihr scheint das nichts ausgemacht zu haben. Auf den Fotos berühren sich die beiden nicht, aber sie stehen ganz eng bei einander und ihr Stolz reicht hin, um seine Scheu, sein sanftes Lächeln um ihre Strenge auszugleichen. Auf dem letzten Foto, das die vier zusammen zeigt, steht meine Mutter, damals vier Jahre alt, neben ihrer Schwester, beide tragen sie weiße, spitzenverzierte Kleidchen, die Emma genäht hat. Albert trägt die Wehrmachtsuniform. Die beiden Erwachsenen sehen bedrückt aus, während die Mädchen in die Kamera lachen. Sie werden nie mehr zu viert vor einer Kamera stehen. Aber es wird nicht er sein, der fehlen wird.
Es ist nicht Trauer, begreife ich, als ich auf dem Klo sitze und die Tür von innen verriegele, weswegen ich weine. Ich kralle die Hände um den Rand des Deckels, auf den ich mich gesetzt habe. Ich möchte zuschlagen, irgendetwas entzwei hauen. Es ist Wut, pure Wut. Ich habe Emma nicht gekannt. 1944 ist sie bei einem Bombenangriff der US-Armee auf die Kreisstadt verschüttet worden. Ich weine nicht um sie. Ich weine wegen ihrer Schwester Minna, die die blaue Kladde verschwinden ließ, den grünen Ausweis, die rote Postkarte und die Briefe von Margret und Röschen an ihren Vater. Nur die zwei oder drei  Fotos von Emma und Albert mit Margret und Röschen gibt es noch. Sie kleben im Fotoalbum meiner Mutter. Aber alles, was Großvater Jahrzehnte lang in der blauen Kladde versteckt hatte, ist weg. Die blaue Kladde war in Großvaters Sekretär in der Werkstadt eingeschlossen, wo die Leitz-Ordner mit den Rechnungen an seine Kunden und alle anderen wichtigen Dokumente, sein Pass, seine Gewerbebescheinigung, seine Handwerkerrolle lagen. Ganz unten fand ich die Kladde, ein mit blauem Stoff eingeschlagenes Buch, dessen linierte Seiten zur Hälfte in seiner schwer leserlichen, spinnenhaft dünnen Handschrift beschrieben waren. Manchmal, selten, stand der Rollsekretär offen. Ich habe nie gesehen, dass  Großvater die Kladde herausnahm, wenn ich bei ihm in der Werkstatt war. Ich fand sie erst, nachdem er gestorben war. Ich durfte mir immer den Schlüssel vom Bord in der Küche nehmen und niemand hat mich gefragt, wozu ich in die Werkstatt gehe, weil alle verstanden haben, dass ich mich an Großvater erinnern will, der für mich eine kleine Hobelbank gebaut hatte, an der Wand neben seiner großen und ein Bord geschnitzt, an dem meine kleinen Werkzeuge hingen und der die Minna überredet hatte, mir eine blaue Schürze zu nähen, gerade wie seine große Schreinerschürze, die er nur zum Essen am Mittag und spät am Abend auszog.
„Sie sin an Kopp un en Arsch.“, haben sie über uns gesagt. Aber er hat mir nie von Emma erzählt. Kein Wort. Meine Mutter hat immer behauptet, dass sie sich an kaum was erinnern kann aus der Zeit, bevor  Emma weg war. So spricht sie darüber. Sie sagt nicht: „Als meine Mutter gestorben ist…“ oder „Nach dem Bombenangriff…“ Sie sagt: „Meine Mutter war dann weg…“ Mein Großvater, erzählen die Leute, ist ein gebrochener Mann gewesen, als er aus Amerika zurückkam. Sie haben die Emma nicht gemocht,  aber keiner hat je einen Zweifel daran gelassen, wie sehr Albert sie geliebt hat und sie ihn auch. Wäre es anders gewesen, wäre sie ja auch nicht gestorben. Jeder hat es ihr gesagt, lassen sich die Leute aus und schüttelten noch dreißig Jahre später den Kopf, dass die Kreisstadt bombardiert wird und eine Mutter mit zwei kleinen Kindern nicht dahin fahren darf. Deshalb hat sie es heimlich getan, denn sie hat es nicht mehr ausgehalten. Albert war als vermisst gemeldet worden im Sommer 1944 und sie musste nach Monaten ohne ein Wort wissen, ob es etwas Neues  über ihn gab. Die Mädchen hat sie mit zum Bahnhof genommen und ihnen eingeschärft, dass sie im Häuschen am Gleis warten sollten bis sie zurück käme mit dem Abendzug. „Lasst euch nicht vor den Leuten blicken“, habe sie gesagt, erzählt die Margret. Emma ist niemals  mehr zurückgekommen. Margret und Röschen haben auf den Abendzug gewartet, der nicht kam. Die ganze Nacht haben sie gewartet. Am Morgen hat sie ein Großonkel gefunden und nach Hause gebracht. Der hat auch die Emma an ihrem Ehering identifiziert in der Kreisstadt, wo die Leichen oder das, was von ihnen übrig war, in der Turnhalle aufgebahrt wurden. Meine Mutter hat nie über diese Nacht gesprochen. Sie sagt, sie hat das vergessen. Sie war fünf Jahre alt. Die Margret war zehn.
Albert begann im November 1944 in die Kladde zu schreiben. Da war Emma schon zwei Monate tot. Das wusste er nicht. Er schreibt: „Geliebte Emma, wie es wohl den Kindern und dir gehen mag. Ich denke jeden Tag an euch. Wenn ich in unserem Lager vor die Türe trete, sehe ich das Meer. Das ist der pazifische Ozean. Es ist unendlich weit. Kannst du dir das vorstellen? Ich bin am Atlantik gewesen und nun am Pazifik. Du glaubst nicht, wie schön das Meer ist. Es reißt einem das Herz auf, wie weit der Blick drüber hingeht. Wie ich  es in der Bretagne zum ersten Mal gesehen habe, dieses unendliche Blau mit den weißen Kronen drauf, da dachte ich an dich. Wie anders es gewesen wäre, mit dir dort zu stehen. Du hättest das mit mir gefühlt, denn du willst auch immer mehr als das, was da ist. Aber ich habe den Hass in den Augen der Franzosen gesehen, an denen wir vorüber gefahren sind. Ich hatte nur eine Chance, das Meer zu sehen, nämlich als Söldner von einem Verbrechers andere Länder zu überfallen. Für Leute wie dich und mich ist es nicht bestimmt, ans Meer zu fahren, obwohl es doch Gott geschaffen hat für alle Menschen. Das hat mich bitter gemacht und mein Herz verschlossen, das grade noch so weit geworden war: Der Gedanke, dass du niemals das Meer sehen wirst, liebe Emma. Ich sehne mich so sehr nach dir. Ich wünschte, du könntest herkommen mit Margret und Röschen.“
Fast ein Jahr lang hat er jeden Tag Eintragungen in diese Kladde gemacht. Vokabellisten deutsch – englisch: the door – die Tür, the cabinet – der Schrank, Kirschholz – cherry wood, Kiefer – pine. An anderen Tagen füllt er die Seiten mit seinen Gewissensbissen: „Du sollst nicht schwören, sagt der Herr. So hat uns der Pfarrer gesagt. Ich habe mitgebaut an dem Podest für den Parteitag in der Kreisstadt. Als ich gefragt wurde, haben alle gesagt, das kannst du nicht ablehnen. Du hast meinen Kopf in die Hände genommen und mich beschworen: Wir brauchen das Geld. Wenn ich es nicht gemacht hätte, hätte es ein anderer gemacht. Das ist wahr, aber es ist auch wahr, dass mein Vetter Richard sich lieber ein Beil in den Fuß gehauen hat, als für das Pack zu marschieren. Du hast zwei kleine Kinder, Albert, hast du gesagt. Aber wir beide, Emma, haben gewusst, dass es nicht recht ist und deswegen haben wir wach nebeneinander gelegen und geschwiegen. Am Ende habe ich den Schwur auf den Führer geleistet , als sie mich zum Soldat gemacht haben. Du sollst nicht schwören, sagt der Herr, und dafür werde ich bezahlen müssen. Denn ich habe geschworen und den Schwur gebrochen. Bei der ersten Gelegenheit bin ich getürmt und zu den Amerikanern übergelaufen. So ist das nämlich, Emma. Ich habe nicht kämpfen wollen für diese Verbrecher und meinen Schwur gebrochen. Was ist schlimmer, einen falschen Schwur leisten oder ihn brechen? Die Amerikaner sind gut zu mir gewesen. Sie lassen mich arbeiten und es ist warm und schön hier. Außer das ich nicht raus kann und dir nicht schreiben darf, Emma. Wie sehr ich euch vermisse! Geliebte, dein Haar, wenn du es löst in der Nacht.“

Manche Seiten sind halb leer. Da hat er versucht zu dichten, der Mann, der mein Großvater wurde und den ich nie ein Buch lesen sah, außer der Bibel und auch aus der nur die Psalmen, die er gern hörte, wenn ich sie ihm vorlas. Schlicht und zuweilen ungelenk sind seine Reime.
„Ich seh dich über die Felder laufen Den Kirchberg herab in meine Arme Die Welt möchte ich für dich kaufen Ach, daß sich Gott meiner erbarme, Daß ich dich bald wieder an mich drücke Und sich füllt in meinem Herzen die Lücke.“
Ich habe geweint, jedes Mal, wenn ich in der Kladde gelesen habe. Diesen Mann habe ich gekannt, der das geschrieben hat. Das ist der Mann gewesen, mit dem ich in der Werkstatt gewesen bin, der Mann, der mit mir im Wald auf die Rehe gelauscht hat und mir vom Duft der Maiglöckchen geschwärmt hat. Das war der Mann, auf dessen Schoß ich gesessen bin und der mir Märchen erzählt hat. Wenn dieser Mann die blaue Schürze abgebunden und an den Nagel gehängt hat und hinüber gegangen ist von der Werkstatt über den Hof ins Haus, dann ist er zu einem anderen Mann geworden, einem dicken, verschlossenen Mann, dem kaum mehr zu entlocken war als „Ja.Ja. Nein.Nein.“ Das ist der Mann gewesen, den die Minna gehabt hat. Der Albert, mit dem die Minna verheiratet war, war ein Mann, der das Fett vom Braten gesäbelt hat, um sich eine Wampe wie einen Panzer anzufressen.
Meine Mutter erzählt oft, wie schlimm es für sie gewesen sei, nach der Rückkehr ihres Vaters plötzlich Mutter zu der Frau sagen zu müssen, die immer die „Gote“, die Tante gewesen war. „Die ganze Trepp´ bin ich e nunner gerannt, damit ich se net rufe muss.“ Es muss grimmig gewesen sein in der ersten Zeit in dieser neuen Hausgemeinschaft aus einem Mann, dessen Herz gebrochen war und einer Frau, die wusste, dass er sie nicht wollte, und zwei Mädchen, die ihre Tante Mutter nennen sollten.  Albert kam erst 1949 zurück aus Kalifornien. Für meine Mutter brach die Welt noch einmal zusammen, erzählt sie, als der so lang herbei geträumte Vater endlich im Hof stand, ein hagerer Glatzkopf in Lumpen. Sie erkannte in ihm nicht den Vater, den sie ersehnt hatte. Auch der Schwester war sie entfremdet, denn die war während dieser Jahre in Felbach beim Emmas Familie gewesen. Der Albert bestand drauf, dass die Mädchen bei ihm aufwachsen sollten. Die beiden Familien setzten sich zusammen und fanden eine vernünftige Losung. Die unverheiratete Schwester der Emma sollte ins Haus ziehen, um die Mädchen zu versorgen. Und damit alles „eine Ordnung“ hatte, heiratete der Witwer sie.
Von dem Mann, den ich gekannt habe und der Emma geliebt hat, gibt es keine Spuren mehr, außer jenen zwei oder drei Fotos im Fotoalbum meiner Mutter, die gestellt sind und auf denen sie einander nicht berühren. Deshalb sind mir die Tränen gekommen. Ich vermisse den Mann, der nie das Haus betrat, in das Emma 1944 nicht zurückgekehrt war. In der Werkstatt habe ich ihn kennengelernt und in seinem Sekretär hatte er mir etwas hinterlassen. Das bilde ich mir ein. Ich muss mir alles einbilden. Denn die Kladde, die abbricht an jenem Tag, an dem Albert die Todesanzeige von Emma erhält mitsamt den Briefen, die die Mädchen endlich an ihn schicken dürfen im Herbst 1945, ist verschwunden. Eines Tages, als ich sie wieder aus dem Rollsekretär nehmen wollte, war sie weg. Die Kladde und all die Briefe und der Kriegsgefangenenausweis und die Postkarte aus dem Lager. Jedes Wort, das ich hier geschrieben habe, ist erfunden. Es hat diesen Mann nie gegeben. Als ich die Minna nach der Kladde gefragt habe, hat sie behauptet, sie habe nie eine gesehen. Meiner Mutter habe ich versucht zu erzählen, was Albert geschrieben hatte. „Das glaube ich nicht.“, hat sie gesagt.“ Das bildest du dir ein. Mein Vater hat nie mehr als ein paar Sätze geschrieben und auch die nur geschäftlich.“ Alle haben immer so getan, als hätte ich mir das Buch in der Werkstatt nur ausgedacht, um mich interessant zu machen oder weil ich den Großvater so sehr vermisse.
Ich war zehn Jahre alt, als Albert gestorben ist. Ich war elf, als die Kladde verschwand. In all den Jahren habe ich selbst manchmal gedacht, dass ich mir nur eingebildet habe, in Großvaters Sekretär habe ganz unten dieses blaue Buch gesteckt. Und dann lag er vor mir in der Vitrine in Bonn, der Ausweis, den ich wiedererkannte: Prisoner of War, Camp Ashby, CA. Großvater war in Kalifornien, von wo er eine vorgedruckte rote Karte nach Hause schickte an Emma, Margret und Röschen. So war es doch. Ich sehe die Minna in ihrem geblümten Kittel in der Tür zur Werkstatt stehen und mich zum Essen rufen. Schnell stecke ich die Kladde ins unterste Fach des Sekretärs zurück. Die Minna zieht die Schultern immer zusammen; sie muss sich anscheinend dauernd zusammenreißen. Nur einmal habe ich erlebt, dass sie sich gehen lässt. „Das ist mein Mann“, hat sie geschrieen, ganz zum Schluss, als der Albert gestorben ist. Aber er hat nicht mehr nach ihr gefragt. Von jedem Enkelkind hat er einzeln Abschied genommen, von seinen Töchtern auch. Nur nach ihr hat er nicht verlangt.
Ich pudere mir das Gesicht vor dem Spiegel in der Museumstoilette und ziehe den Lidstrich sorgfältig nach. Minna ist jetzt seit zwei Jahren im Altersheim und seit einem Jahr nicht mehr ansprechbar. Ihre Wohnung habe ich zusammen mit meiner Mutter ausgeräumt, Ich habe alle ihre Schränke durchsucht. Da war keine Kladde. Vor der Tür der Toilette wartet B. mit den Kindern. Sein Blick sucht den meinen. Ich nicke ihm zu. Am Abend nach der Rückkehr aus Bonn rufe ich meine Mutter an und lenke das Gespräch auf Großvaters Cousin Richard. Sein linker Fuß ist verkrüppelt, solange ich ihn kenne. Ich frage meine Mutter, wie das passiert sei. „Ein Unfall“, sagt sie, „das weißt du doch, beim Holzhacken.“ Das haben alle immer gesagt. „Wann war das?“ „Weiß ich nicht mehr genau. Da war ich selbst doch noch ein Kind. Das muss gewesen sein, bevor meine Mutter weg war.“ Wochen später bei einer Geburtstagsfeier setze ich mich neben Richard. „Hast du Schmerzen in dem Fuß?“, frage ich. „Immer noch. Immer wieder.“ „Das war unglaublich mutig von dir.“ Er schaut mich überrascht an. „Was?“ „Dir in den Fuß zu hacken, damit du nicht für die Nazis kämpfen musst.“ Richard packt mich am Arm. „Das hat nur der Albert gewusst, wie es wirklich war. Hat er dir das erzählt?“ Da kommen mir noch mal die Tränen und ich muss wieder aufs Klo flüchten, bevor jemand was merkt.

summenlicht

22. August 2012

pic

himalaya : 03.15 – Über meinem Schreibtisch brennt seit einer Stunde ein warmes Licht, elektrisches Feuer, welches einem Glaskolben entkommt, in dem sich weitere kleinere Glaskolben befinden. Diese kleineren, unsichtbaren Glaskolben erzeugen das eigentliche Licht, das als Summenlicht durch das milchige Glas zu mir in den Raum entkommt. Ich dachte gerade eben noch, als ich eine Konstruktionszeichnung meiner neuesten Leuchtbirne betrachtete, dass sie Lichtbeeren enthält, Lichtkirschen genauer. Auf einem weiteren Zettel war das schöne Wort Lumen verzeichnet, außerdem der Hinweis, ich könnte meine Lampe 12000 Male ein und wieder ausschalten, ohne dass mein neues Licht daran zu Grunde gehen würde. Noch viel erstaunlicher war mir vorgekommen, dass der Lichtkörper, den ich erworben hatte, 25 Jahre leuchten wird. Eine erstaunliche Aussage. Sie ist in einer Weise verzeichnet, als wäre ihre Grundlage Erfahrung. Ich habe mir gedacht, dass man vielleicht eine Möglichkeit gefunden haben könnte, die Zeit für Untersuchungen des Lichts derart zu beschleunigen, dass aus 25 Menschenjahren 2 Lampenmonate werden. Ich bekomme das noch nicht vollständig in meinen Kopf, insbesondere den Gedanken nicht, dass ich nach meiner ersten schönen Lampenbirne zu meiner Lebzeit höchstwahrscheinlich nur noch eine weitere Frucht dieser Art für gute Sicht über meinem Schreibtisch erwerben werde. – stop

:

ping

„Dichten heißt, sich ermorden“

Sentimentalitäten muß man sich nicht nur leisten können, sondern sie sich auch gestatten dürfen. Mir machen sie keine Freude, also verkneife ich sie mir gemeinhin, allerdings vor allem deshalb, weil sie mir geradezu körperliche Schmerzen verursachen. Meist geht, erinnere ich mich intensiv oder auch in unwillkürlichen Tagträumen an Vergangenes, ein scharfer Riß von unten nach oben durch mich hindurch. Friedrich Hebbel schreibt: “Unser Leben ist der aufzuckende Schmerz einer Wunde” (Tagebücher. Nr. 2294) und meint unter Umständen eben dies. Dabei sind es ja keineswegs schlimme Erinnerungen an das Frühere, sondern oft solche, die eher angenehm sein könnten. Hebbel war, wie ich bereits gestern schrieb, da von anderer Art, denn er führte ausführlich Tagebuch, um sich zukünftig erbauen zu können. (Der zweite Grund war, seinem künftigen Biographen einen Gefallen zu tun.) Natürlich werde ich mich anhand meiner kleinen Glossen in den Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen! später mal an Zurückliegendes erinnern können, und wer weiß, vielleicht dienen sie dann wirklich meiner Erbauung. Hebbel schreibt an einer Stelle aber auch “Dichten heißt, sich ermorden”, und sicher meinte er damit, die Gegenwart unwiderruflich zur Vergangenheit zu machen, sie im Wort abzulegen und damit zu verallgemeinern, loszulassen, sie der Nachwelt zu offenbaren. Der Dichter selbst stirbt somit jedes Mal ein klein wenig, aber er lebt dadurch auch fort, denke ich, denn er erringt sich ein unvorstellbar winziges Stück Unsterblichkeit, was aber eben zu Lebzeiten ordentlich weh tun kann und sich anfühlen mag wie ein schleichender Selbstmord. Samuel Beckett betreibt eben dies in seinem Stück Das letzte Band. Da ringt einer mit seinem vergangenen Ich, daß die Schwarte kracht. Keine schönen Aussichten.

Zazen in der Metro

Seit dem Morgen drehst du die Runden. Die Fahrer
kommen und gehen, und die Körper der Nachbarn
halten hinter deiner Stirn das Wärmebild
in Bewegung.
Das Öffnen und Schließen der Türen
wäre dein Mantra, bräuchtest du eines. Kein
Schweiß, kein Parfüm kann deine Aufmerksamkeit
halten. Der Abstand zur nächsten Station ist stets nur
ein Atemzug.
Das sind die Sätze, die später
das Unfassbare zu fassen versuchen.
Aber jetzt
ist da dieses Mädchen, das sagt: Du sitzt und
sitzt und sitzt, das ist alles was du kannst.

Ja, sagst du und öffnest die Augen.

*

für Gerald Koll