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Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (Auszug)

Helmut Finner war der letzte, den man nackt an einen Baum gefesselt, mit dem
Odel aus dem Güllefaß gleich unten, wo seine übervölkerte Patchworkfamilie mit
Hasen und Mäuse hauste, übergossen eine ganze Nacht lang in der Kälte hängenließ,
aber er war der erste, der dabei draufging. Die Zeiten, in denen die Gemeinschaft um
den Baum wie um einen Scheiterhaufen herum stand und rief: „Du stinkst wie deine
Sünden!“ war längst vorbei, aber man konnte noch immer eine Vorstellung davon
bekommen, was der Ausspruch Friß Scheiße! einmal bedeutet haben könnte, damals –
ein Wort, das mächtige Welten aus der Vergangenheit herbeizaubert – als hier die
Holzknechte in ihren Hütten, aus Rinde gebaut, lagerten, um den gewaltigen Bedarf
an Brenn- und Bauholz zu gewährleisten. Die Essen der Hammerwerke verschlangen
dabei genausoviel wie die Glashütten. Darüber hinaus benötigte man Bauland in
dieser nahezu lichtungsfreien waldreichen Gegend, in der die Fürsten der Jagd
huldigten. Das alles lag lange zurück, länger als die Eger benötigt, zur Elbe zu
fließen.
Für die 291 km braucht sie zwar nicht allzulange, aber das Sprichwort ging
nun einmal so.
Heute standen die Hammerschmieden still, vielen sah man nicht einmal mehr an,
daß in ihnen einst mächtige Hämmer das Erz aus den Steinen schlug, aber die
Geschichten sind geblieben, haben sich in den Zungen der Alten vergraben, die sie bei
jeder Gelegenheit weitergeben wollten – und die Holzknechte arbeiteten nun in den
Sägewerken in Puchberg oder der Hohen Mühle. Vom Treiben in Wendenschuch ahnte
man in der nahen Umgebung nichts, man hätte nicht einmal geglaubt, daß direkt im
Umfeld der modernen Kunststofffabrik, die sich hier seit einigen Jahren angesiedelt
hatte, so ein mittelalterlicher Ritus überhaupt stattfinden könnte. Man mag ja von der
Grobschlächtigkeit in den abgelegenen Roden sprechen, von der ein oder anderen
Brutalität erfahren, aber das meiste davon waren Familienangelegenheiten, in die man
sich nicht einmischte. Ein öffentlicher Pranger wäre jedoch etwas anderes gewesen.
Die Witwe Gräf hätte erklären können, warum ausgerechnet hier die Zeit einen
Tunnel durch das Granit brach, um Ereignisse zuzulassen, die weit weg von einer
beginnenden modernen Welt angesiedelt lagen (schließlich befand man sich bereits in
den 70ern, der Mond war längst erobert und in den Menschen Hand, Hawlett Packard
stellte einen programmierbaren Taschenrechner), sie hätte gesagt, daß sie alle in der
Mitte der Unendlichkeit lebten und man von hier aus nicht nur nach vorne in der Zeit,
sondern auch in die Tiefe hinabsteigen könne, denn (das hätte sie vielleicht auch noch
gesagt), selbst die Zeit ist eine Kugel. Genau aus diesem Grund wiederholt sich auch
alles so wie sich Geschichten wiederholen, weil man sie überhaupt nicht erfinden
kann. Der Wolf frißt den Hasen. Basta.

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  • Lesezeichen-Spezial:
    von Michael Perkampus
    Litblogs.net veröffentlicht den Beginn einer längeren Erzählung von Michael Perkampus mit dem Arbeitstitel: Ich bin die Nacht / Du bist der Ort. Einige der Motive und Charaktere sind erfunden, andere sind es nicht. Nicht erfunden jedoch ist der Ort, an dem die Erzählung einsetzt: das Sechsämterland im Fichtelgebirge.

10.30 – Großer Herzinfarkt

Oder: Eine koronare 3-Gefäßerkrankung, wie es in den Entlassungspapieren des Städtischen Klinikums geschrieben steht. Es begann vor drei Wochen, an einem Donnerstagmorgen. Wir saßen beim Frühstück, und sie blickte mich von der Seite an.

“Jeden Morgen glitzert eine ungeweinte Träne in deinem Auge”, sagte sie.

Was sie manchmal so sagt, morgens. Kleine rätselhafte schöne Sachen. Ich spielte kurz mit dem Gedanken, den Schlaf aus dem Auge zu reiben, denn das war es ja, worum es ging, doch dann würde es ja nicht mehr glitzern. Das machte keinen Sinn. Das würde niemand wollen. Also liess ich es so, wie es war, eine Spezialität von mir, an die kaum jemand heranreicht, bis heute nicht, und beschäftigte mich wieder mit meinem Marmeladenbrötchen und der Wochenzeitung. Man reibt sich keinen Schmuck aus dem Auge, dachte ich, schon gar nicht, wenn es eine Träne ist.

Tears are a boy’s best friend.

Während sie nach dem Tee griff und schon beim nächsten Thema war, ihre Ausstellung in Remscheid sollte zwei Tage später beginnen, nahm ich das Notizbuch vom Frühstückstisch und hielt den Satz fest, Jeden Morgen glitzert eine ungeweinte Träne in deinem Auge. Dahinter ihr Kürzel S., um in Fragen des Urheberrechts erst gar keine Unsicherheit aufkommen zu lassen, und das Datum, 10. Mai 2012, zu dem ich meinen ersten schnellen Senf beigab:

Na. Ich weiß auch nicht.

Anderthalb Stunden später, viertel vor elf, raste ein Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn durch die Nordstadt ins Klinikum, mit mir hinten drin. Herzinfarkt. Mitten in der Fußgängerzone. Bei schwüler Hitze, zwischen Sparkasse und Stadtkirche am Fronhof. O LAND LAND LAND, HÖRE DES HERRN WORT. Mit dem Hund an der Leine und einem wild trompetenden Elefanten auf dem Brustkorb. Das ist ein Herzinfarkt, ging es mir durch den Kopf. (Davon an anderer Stelle mehr.)

“Einmal Diazepam läuft durch!” hörte ich im Rettungswagen den Sanitäter und ich lag da und dachte, Scheiße, Dias, die machen nur wirr im Kopf, und verlor das Bewusstsein, schmierte ab, “HE! JUNGER MANN!” Kehrte zurück. Was ist mit dem Hund, sagte ich schwach. Haben Sie die Nummer meiner Frau notiert? Die richtige Nummer? Sie ist bei meiner.. Schwiegermutter. Keine Sorge. Darum wird sich gekümmert, sagte der Notarzt. Und wir kümmern uns um Sie, fügte eine andere Stimme hinzu.

Mit Diazepam fortlaufend ruhig gestellt wurde ich an der Krankenhausambulanz vorbei in die Kardiologie gerollt. Herzkatheterraum. Der Oberarzt schimpfte, weil ich nicht still liegen wollte, erst seine massive Zurechtweisung, HERRGOTT, WIR WOLLEN IHNEN DOCH NUR HELFEN, und die Drohung SONST MÜSSEN WIR SIE FIXIEREN zeigten Wirkung. Zwei Engstellen in den Herzkranzgefäßen (“voller Plaque”) wurden per Ballon aufgedehnt und anschliessend mit Stents versorgt, um die Gefäße offen zu halten. Stents. Sind kleine Gittergerüste, sagte der Oberarzt. Klettergerüste? Ich sah einen von Plaqueablagerungen verwüsteten Kinderspielplatz vor mir. Auf links gedreht, die Luft raus. Ab hier kein Transport. Minimalinvasiv.

Was noch Eindruck hinterliess: die Kühle auf dem OP-Tisch, die routinierte Geschwindigkeit, mit der das OP-Team mich entkleidete, und wie gekonnt eine OP-Schwester mit dem Einmalrasierer einen Teil meiner Schamhaare rasierte. “Wir müssen an Ihre Leiste ran.” Kalter Schweiß, weisser Pimmel. O Herr, soll ich jetzt hochkommen?!

Als ich am frühen Nachmittag auf die Intensiv gebracht wurde, war ich verblüfft von der Helligkeit und Freundlichkeit der Station. Die todkranke alte Frau neben mir wurde von Schläuchen beatmet, ich hörte Monitore bei der Arbeit, aber ich sah sie nicht, nicht mal ihre Füße, mein Blick wurde von einem weißen Vorhang verstellt.

Ich durfte mein rechtes Bein nicht bewegen. Der Kardiologe war durch die Leiste bis zum Herzen vorgedrungen. 24 Stunden still liegen, sonst kann es passieren, dass Sie innerlich verbluten.

“Da sind Sie dem Tod noch mal von der Schippe gesprungen”, meinte eine Krankenschwester, was ich zunächst als Floskel abtat, mit der man neue Herzinfarktpatienten empfängt. Erst als der Oberarzt erschien, in Begleitung weiterer Ärzte und Ärztinnen, und mit ernstem, aber nicht hoffnungslosen Blick von einem schweren Herzinfarkt sprach, den ich nur deshalb überlebt hätte, weil ich so rasch auf seinem OP-Tisch gelandet war, (“Ein Zugang war schon komplett zu, der Herzmuskel wurde nicht mehr mit Blut versorgt”), erst da wurde mir bewusst, wie knapp das alles war. Mann, da hab ich die 80er überlebt, die 90er, sogar die dumm-dreisten 00er haben mich nicht umgebracht, und jetzt das.

Und hätte mich der Herrgott an diesem Vormittag nach dem Frühstück nicht in die Innenstadt gelotst, um Geld abzuheben, sondern, wie am Tag zuvor, mit dem Hund in die Wupperberge, abseits der Fußwege und wie immer ohne Handy, dann wäre meine Überlegung, wie man eine Herzinfarkt-Geschichte beginnt, obsolet gewesen.

Hoffnungslos veraltet.

Und was wäre mein vorletzter, je geschriebener Satz gewesen? Ein kleiner Satz von ihr im Notizbuch, Jeden Morgen glitzert eine ungeweinte Träne in deinem Auge.

Und der letzte Satz:  Na. Ich weiss auch nicht.

Perfekt, eigentlich.

Katastrophenwarnungen

••• Manchmal bekommt man Anfragen, die einen vor ein echtes Problem stellen. Da wurde ich gebeten, einen Beitrag für eine Festschrift zu schreiben. Eine literarische Geschichte, zehn Seiten, und sie sollte natürlich etwas mit dem Jubilar zu tun haben. So weit, so gut. Erschwerend komme aber hinzu, dass die Geschichte so geschrieben sein müsse, dass ich sie in einer 10-Minuten-Fassung auf der literarisch-musikalischen Geburtstagsfeier vortragen könne.

Ich hätte gern abgelehnt. Der Jubilar aber ist Hans Dieter Beck, jahrzehntelanger Chef des juristischen Zweigs des Beck-Verlages, Bruder meines Verlegers Wolfgang Beck und »Obertukan«, Präsident des Tukan-Kreises, von dem ich 2010 für »Die Leinwand« den Tukan-Preis verliehen bekommen habe. Hans Dieter Beck wird runde 80, was man keine Sekunde glaubt, wenn man ihn live erlebt.

Da konnte ich nun unmöglich absagen. Mir war auch gleich klar, wovon meine Geschichte für die Festschrift handeln müsste: von Katastrophenwarnungen. Hier ist die Kurzfassung.

Tukan-Kreis im Hause Beck anlässlich des 80. Geburtstags von »Obertukan« Hans Dieter Beck
Tukan-Kreis im Hause Beck anlässlich des 80. Geburtstags von Hans Dieter Beck. Gesprochen haben übrigens Oberbürgermeister Christian Ude und die Autoren Asta Scheib, Georg M. Oswald, Albert von Schirnding sowie meine Wenigkeit.

Lieber Hans Dieter Beck, liebe Tukane und Tukan-Freunde,

ich möchte Ihnen heute etwas über Katastrophenwarnungen erzählen.

Die meisten Katastrophen, die uns im Leben ereilen, brechen ja ohne Vorwarnung über uns herein. Mein eigenes Leben, grad halb so lang wie das unseres Gastgebers Hans Dieter Beck, ist da keine Ausnahme. Nachdrücklich vor einer Katastrophe gewarnt worden bin ich aber auch schon, mindestens dreimal in meinem Leben, und alle drei Male hatte es etwas mit der Literatur und mit »den Süddeutschen« zu tun, einmal sogar mit beidem zugleich. Von diesen drei Warnungen will ich Ihnen erzählen, und als hinterhältiger Erzähler enthülle ich natürlich nicht vorab, wie alles ausgegangen ist und ob und welche Rolle Hans Dieter Beck in diesen Geschichten gespielt haben könnte.

Die erste nachdrückliche Warnung vor einer Katastrophe, die ich zu hören bekommen habe, geht auf das Konto meiner Mutter. Und weil meine Mutter sich gern blumig ausdrückt, hat sie nicht einfach nur gesagt: Sieh dich vor! Nein, sie bemühte einen Vers von Bert Brecht, und das hörte sich dann so an: »Meine Herren, meine Mutter, die prägte / auf mich einst ein schlimmes Wort. / Ich würde mal enden im Schauhaus / oder an einem noch schlimmeren Ort.«

Ich war damals zwölf. Eines der unzähligen Gedichte, die ich tagtäglich schrieb, war in einer Zeitung veröffentlicht worden. Darüber war ich natürlich so stolz, wie man nur sein kann. Und ich wähnte mich am Ziel. Ich hatte nämlich schon länger den Plan gefasst, Dichter zu werden. Diese erste Veröffentlichung gab mir nun das Gefühl, es könne nichts mehr schiefgehen.

In dem Gedicht ging es übrigens um Ikarus. Dass er abgestürzt war, stand nur zwischen den Zeilen. Diese Verse hatten sehr viel mit mir selbst und dem Anlass meines Schreibens überhaupt zu tun. Die Sonnen, denen ich mich gern genähert hätte, trugen Namen wie Anja und Claudia. Mir fehlte aber der Mut, sie anzusprechen. Die meisten empfindsameren Mädchen, hatte ich gehört, mögen Gedichte und Geschichten. Verraten Sie es niemandem: Das ist der Grund, weswegen ich angefangen habe zu schreiben. Und deswegen kam kein anderer »Beruf« für mich in Frage als der des Dichters und Geschichtenerzählers. Ich wollte die Frauen beeindrucken, damit sie mich mit Bewunderung ansehen und mit Zuneigung belohnen, was für mein damaliges Empfinden irgendwie zusammenhängen musste. Dass die weitaus meisten Katastrophen, in die ich später ohne Vorwarnung geschlittert bin, etwas mit Frauen zu tun hatten, wird nach diesem Geständnis niemanden wundern.

Meine Mutter kümmerte das alles nicht. Sie platzte in diesen hochgestimmten Moment mit dem Wort »Schauhaus« und versuchte so, mir klarzumachen, dass Geschichten zu erzählen und Verse zu machen, nun wirklich kein Beruf sei. Ich fand das damals sehr unzärtlich, um nicht zu sagen herzlos.

Das war die erste Katastrophenwarnung in meinem Leben, an die ich mich deutlich erinnere.

Die zweite Warnung vor einer Katastrophe richtete ein Freund an mich. Das war 13 Jahre später, 1995, in Berlin. Ich hatte natürlich nichts auf die Warnung meiner Mutter gegeben. Dass ich mit zwölf keineswegs bereits ein gemachter Mann gewesen war, hatte ich zwischenzeitlich begriffen. Im Schauhaus bin ich zwar nicht gelandet, aber die Wohnung, die ich mir gerade so leisten konnte, hatte in etwa das Flair eines Schauhauses: einrichtungslos, eng, kalt und ungemütlich und eigentlich nur tot zu ertragen. Immerhin sollte bald mein erster Roman erscheinen; und das, hoffte ich, würde das Blatt wenden.

Vorerst aber war das Geld aus, und ich meine, es war vollständig aus. Also hatte ich mich dazu überwunden, journalistisch zu schreiben. Das war zwar ein Verrat an der Dichtung, aber es brachte Geld. Allerdings bedeutete es auch, dass ich nach München umziehen musste, unter den »Weißwurschtäquator«, wie man in Berlin sagt. Das gefiel mir gar nicht. Ich dachte aber: Auch das geht vorbei.

Besagter warnender Freund stammte aus Stuttgart. Er hatte da ein Bekleidungsgeschäft besessen und war schnelle Autos gefahren, bis er nach kurzer Zeit als Geschäftsmann die Hand heben musste. Schuld, sagte er, seien »die Süddeutschen« gewesen, ein ganz übler und hinterhältiger Menschenschlag, kaltherzig und knallhart. Da solle ich mich mal schön vorsehen, dass es mir nicht schlimm erginge und sie mich auch zur Strecke brächten.

Also ganz ehrlich: Ich dachte, der spinnt, ich habe ihm kein Wort geglaubt und bin nach München gezogen.

Es gab dann schon Katastrophen. In denen spielte aber ein schmerzlich schönes tschechisches Mädchen die Hauptrolle, und man konnte nun wirklich nicht »die Süddeutschen« dafür verantwortlich machen, dass ich den Begleiterscheinungen ihres Temperamentes nicht gewachsen war.

An der Warnung des Stuttgarter Freundes war nichts dran. Hier im Süden ist für mich doch alles noch irgendwie gut geworden. Das fand sogar meine Mutter. Ich hatte schon einige Zeit nichts Literarisches mehr geschrieben, stattdessen aber einen Beruf, der mich ernährte. Ich merkte eines Tages, dass geschehen war, was ich immer gehofft hatte: Ich wurde von einer sehr bemerkenswerten Frau sehr geliebt; und da gab ich das Dichten auf, habe geheiratet und zwei wunderbare Kinder gezeugt.

Ende der Geschichte? Warten Sie ab! Es war noch nicht von Hans Dieter Beck die Rede.

Im Jahr 2006 habe ich doch wieder begonnen zu schreiben, erst ein literarisches Weblog, dann einige wenige Gedichte, und schließlich begann ich mit der Arbeit an einem Roman. Dieser Roman, »Die Leinwand« nämlich, wurde wohlwollend aufgenommen. Er hat sich sogar ganz ordentlich verkauft, und schließlich bekam ich die Nachricht, dass ich einen Preis dafür erhalten sollte, den Tukan-Preis der Stadt München.

Da spätestens war es dann an der Zeit für die dritte Katastrophenwarnung. Dieser Tukan-Preis, berichtete mir eine zuverlässige Quelle, sei der einzige Preis, bei dem man als Ausgezeichneter nicht sicher sein könne, bei der Verleihung nicht eher gezauselt als gelobt zu werden. Die Begrüßungsrede nämlich würde vom »Obertukan« gehalten: Hans Dieter Beck. Man gab mir dann noch das eine oder andere illustrierende Beispiel. Ich dachte: Oh, das ist jetzt die dritte Katastrophenwarnung, die Du bekommst; es geht um Literatur, und dieser Beck (den ich noch nicht kannte) ist ein Süddeutscher!

Mit einem Mal hatte ich Angst, und wenige Tage später hatte ich zur Angst dazu auch noch eine Einladung zu Kaffee und Torte bei Hans Dieter Beck. Er wolle mich mal kennenlernen, weil er doch der »Obertukan« sei und diese lästige Rede halten müsse. Als ich dann schließlich mit ordentlich Fracksausen beim ihm im Verlagshause Beck vor der Torte saß, hat er genau das wiederholt, aber mit dem Zusatz, und ich darf da zitieren: »Sie sind ja schon eine ziemlich eigenartige Figur. Sie müssen mir da mal ein paar Fragen beantworten.« Das mit dieser Wenderei bei dem Roman, das sei doch schon ein Schnickschnack, oder? Dann gab er ohne jede Hemmung zu, dass er das Buch noch nicht ganz gelesen habe. Es sei so viel zu tun in einem so großen Verlag, und er habe es auch gar nicht so mit der Literatur! Und so ging das noch ein wenig weiter.

Ich war aber schlagartig absolut entspannt, denn mir war klar: Die Katastrophe kann nicht nur eventuell eintreten; sie ist schon da. Ich bin samt Buch längst beerdigt. Da ist nichts mehr zu machen.

Entspannend an dieser Nahtoderfahrung war der Umstand, dass ich auch keine Rücksicht mehr zu nehmen brauchte. Ich konnte seine Fragen kess parieren, ja sogar Scherze machen und neckende Gegenfragen stellen. Und – was soll ich sagen: Wir unterhielten uns mit einem Mal blendend. Ich entdeckte ein Lächeln. Ich wurde Zeuge des Charmes, der da unter einer etwas rauhen Schale nur darauf wartete, sich zeigen zu dürfen. Es wurde auch sehr schnell klar, dass dieser Mann durchaus einen Sackvoll Ahnung von Büchern hat, sogar wenn es welche »vom Rande« sind, also: belletristische.

Es war eine sehr erfrischende und inspirierende Stunde, die wir da plaudernd verbracht haben. Ich trank den Kaffee, er aß die Torte; und die Rede, die Hans Dieter Beck dann schließlich bei der Preisverleihung gehalten hat, kam mir geschmeidig und süß vor wie Tortencréme. Viel Lärm um nichts also! Sie können drauf wetten, dass ich auf Katastrophenwarnungen ab jetzt nichts mehr gebe.

Lieber Hans Dieter Beck, dass und wie sehr ich es schätze, Sie kennengelernt zu haben, werden Sie nun wissen. Unter Juden sagt man sich zum Geburtstag »Mazal tov« und »Bis 120«. Einige wandeln das ab und sagen stattdessen: »Bis 100 wie 20«. Wie auch immer man es dreht: Sie haben noch ein Drittel Ihres Weges vor sich. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Sie weiter wie heute mit der Kraft eines Zwanzigjährigen am Ball bleiben werden.

Herzlichen Glückwunsch!

Nietzsche : Wahn , visionär

Hans Olde Radierung nach der Fotoserie Der kranke Nietzsche 1899 small

Hans Olde: Radierung nach der Fotoserie
“Der kranke Nietzsche“, 1899 ( CC )

Als Friedrich Nietzsche das Gedicht “Narr in Verzweiflung” 1882 der “fröhlichen Wissenschaft” als “Vorspiel in deutschen Reimen” beigab , konnte er freilich nicht wissen , dass er sich kaum sieben Jahre später in der Jenaer Nervenklinik Otto Binswangers wiederfinden würde .

Diagnostiziert wurde progressive Paralyse ( Syphilis ) mit dem Effekt starker bipolarer Störungen und fortschreitender Demenz . Legendär sind seine “Wahnzettel”: offensichtlich wirre Worte , welche er an Freunde wie Franz Overbeck oder Jacob Burckhardt übersandte .

Friedrich Nietzsche : Narr in Verzweiflung

Ach! Was ich schrieb auf Tisch und Wand
Mit Narrenherz und Narrenhand,
Das sollte Tisch und Wand mir zieren ?

Doch i h r sagt: “Narrenhände schmieren, –
Und Tisch und Wand soll man purgieren,
bis auch die letzte Spur verschwand!”

Erlaubt! Ich lege Hand mit an, –
Ich lernte Schwamm und Besen führen,
Als Kritiker, als Wassermann.

Doch wenn die Arbeit abgethan,
Säh’ gern ich euch, ihr Überweisen,
Mit Weisheit Tisch und Wand besch …

Angesichts der in der Krankenakte immer wieder protokollierten Verhaltensauffälligkeiten wie “Koth geschmiert” ( 1. 4. 1889 , 16. 7.) , “Beschmiert s[ich] mit Koth” ( 27. 4. , 3. 8. ) sowie von Kritzeleien an der Wand muss der “Narr in Verzweiflung” als peinsame Prophetie erscheinen .

Noch im selben Jahr wird Friedrich Nietzsche zu Jena gerichtlich entmündigt .

Die hier dargelegte Engführung von Krankheit und Werk zählt freilich zu jenen ( und oft trügerischen ) Methoden der Spurensuche , welche retrospektiv das Werk nach vorausflimmernden Indizien durchkämmen . Gerade dieser philologische Wahnsinn hat im Hinblick auf Geisteskrankheiten grosser Gestalten ungebrochen Methode : Im pathetischen Paradigma der Psychiatrie ist keine Unschuld vorgesehen .

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MOUNTAINS OF DISBELIEF. Thomas Hartmann in der Weißfrauen Diakoniekirche in Frankfurt a.M.

Die Ausstellung ist eröffnet. „Das ist ein Ding…“, „Und wie…“, „Wie lange hat das gedauert?“, „Hast du gesehen?“ Allseits Staunen und Raunen. Auch der Vater des Künstlers war stolz, wie er dem meinem sagte. Schneck08 (Sebastian Rogler) war da, was mich besonders gefreut hat. Unsere Freunde Guido Rohm und Seraphe waren mit Tochter Sternchen aus Fulda angereist. Mein Hals war immer noch rauh und die Stimme reichte kaum für die ganze Rede (hätte ich mich besser kürzer gefasst). Apfelwein und – saft floss, man stand in Gruppen und sprach (über das Kunstwerk, tatsächlich, was bei Ausstellungseröffnungen nicht üblich ist). Morel klopfte BenHuRum auf die Schulter: „Das ist dein Meisterwerk.“ So ist es! Gehen Sie hin, schauen Sie selbst!

Mountains of Disbelief

 
Ich interviewte den Künstler nicht, wie mir Phyllis Kiehl, die leider nicht kommen konnte, geraten hatte. Großmütig verzichtete ich auf unangenehme Fragen wie: „Was willst du ausdrücken mit dieser architektur-parodistischen Installation?“ oder „Welche erotische Beziehung hast du zum Material Verpackungspappe?“. Selbst Suggestivfragen stellte ich nicht, bei denen er bloß sagen hätte müssen: „Ja, kann man so sehen.“ Wie zum Beispiel: „Ist es nicht so, dass der Kontrast von organischem Wachstum und anorganischer Ordnungsstruktur dein Gesamtwerk prägt?“ Ich ordnete das Werk auch nicht kunsthistorisch ein, weder soziokulturell („Wegwerfgeschirr und Hochkultur“), noch hermeneutisch („Wunden zeigen. Wunder glauben. “) noch dekonstruktivistisch („Die Abwesenheit von Laokoons Waschbrettbauch“).
Stattdessen sprach ich über den „ungläubigen Thomas“ (Auszug):

„Das Erste, woran ich spontan dachte, als ich die Einladungskarte las und sah: MOUNTAINS OF DISBELIEF und ZEIGE DEINE WUNDE, war der Apostel Thomas, der auch „der Ungläubige“ genannt wird. Thomas, der einer der zwölf Jünger Jesu war, verlangte, die Wunde des Herrn mit eigenen Augen zu sehen, um zu glauben. Es genügte ihm nicht, dass der abstrakte Gott der Schrift in der Gestalt Jesu Fleisch geworden war, Thomas forderte nun sogar: ZEIGE DEINE WUNDE.

Guido Rohm, Melusine Barby (aka J.S. Piveckova), Seraphe,
staunend

 
Das Bilderverbot des jüdischen Glaubens hatte seinen Sinn darin, mit der abstrahierenden Definitionsmacht des Wortes sich der Magie der gegenständlichen Bildnisse zu entziehen. Geglaubt werden sollte fortan gerade, was nicht zu sehen und anzufassen war. Diese Abstraktionsleistung verweigert der „ungläubige Thomas“. Thomas erscheint in seiner Gier nach Anschaulichkeit als ein schwerfälliger Schüler, der halt ein bisschen länger braucht, um das Ganze zu begreifen. Am Ende genügt es ihm nicht einmal, die Wunde bloß zu sehen. Ich glaube nur, wenn ich meine Hand in seine Seite lege., sagt Thomas im Johannes-Evangelium. Jetzt wird deutlich, wie gewaltsam sein Verlangen nach Beweisen ist: LASS MICH IN DEINER WUNDE BOHREN.

Mountains of Disbelief (Detail)

 
Während die Gläubigen Thomas´ Unwillen, irgendetwas zu glauben, was nicht zu sehen und nicht anzufassen ist, beklagen mögen, können die Zweifler in ihm einen frühen Schutzpatron erkennen. Das ist ein Mann, der sich kein X für ein U vormachen und sich nicht mit schönen Worten abspeisen lässt. Thomas kann damit gleichsam als ein Vorläufer unserer modernen westlichen Weltsicht gelten, die eine Welt des Zeigens und Gezeigt-Werdens ist, der Entblößung und Aufdeckung, aber eben auch eine Welt des Misstrauens – gegenüber dem Wort und der Schrift, jedoch ebenso des Misstrauens gegenüber den Bildern, die lügen können und mit deren Hilfe dauernd gelogen wird. Es steckt, das Verlangen des ungläubigen Thomas zeigt es, im Bilderwollen genauso viel Gewalt wie im ursprünglichen Bilderverbot.

Mountains of Disbelief (Raucherecke)

 
In der Welt der Bilder kann nur Sinn machen, was vorzeigbar und festzuhalten ist. Auf diese Weise ist das Bild stets auch ein Ausschluss, eine Löschung all dessen, was nicht gezeigt wird. Wie in der Wörterwelt das Konkrete der Abstraktion geopfert wird, so wird in der Bilderwelt ausgeschlossen, was als nicht bildwürdig gilt. Die Installation MOUNTAINS OF DISBELIEF von Thomas Hartmann zeigt Ihnen vieles, aber sie trifft offenbar diese Unterscheidung zwischen bildwürdig und bildunwürdig nicht. Vor meinen Augen entsteht hier – jenseits des Logos – ein faszinierender und lustvoller Einspruch gegen die Herrschaft der erstarrten und erstarrenden Sinn-Bilder. Es ist nicht wahllos, was und wie Sie hier etwas zu sehen bekommen, aber es ist auch nicht zwingend in jenem zwanghaften Sinn, der behauptet, etwas könne nur so und nicht anders sinnfällig und bedeutsam werden. Sie können umher gehen in dieser Kirche und zeigen: auf bunte Bälle und Trinkhalme, auf Sumo-Ringer-Hosen und Joseph-Silhouetten, auf Teppichrohre und Kruzifixe, auf Grass und Ente, Pfeife und Schlange. Sie können einen eingehegten Altar umkreisen oder eine Raucherecke finden. Aber wann immer Sie versuchen werden, sich ein Bild zu machen, werden Sie vor diesen Gebilden feststellen, dass der Bilderrahmen überschnitten wird, dass es aus ihm herausquillt und in ihn hineinwuchert. Immer wieder kann man hindurch und hinaus schauen. Sie können sinnstiftende Bezüge herstellen zwischen Formen und Farben, Zitaten und Metaphern und doch wird sich wohl kaum alles schlüssig zu einem einzigen Gesamtbild fügen. Das Gebilde, das hier entstand, ist stabil und fragil zugleich: Es hält, aber es wird nicht bleiben. Die Bildwerke aus Pappe und Papier, Zeitungsausschnitten, Spielzeug und Müll, die hier gezeigt werden, können woanders ganz anders zusammen gesetzt sein. Sie stehen nicht für sich allein, sondern sind in Beziehungen und Abhängigkeiten gebracht, die jedoch nur befristet gelten. Metamorphosen deuten sich an; alles kann zu anderer Zeit, an anderem Ort sich anders fügen. Vielleicht werden Sie stehen bleiben und staunend schauen, während andere durch die Pappkonstrukte hindurch auf Sie schauen, wie Sie zeigen, was Sie gerade sehen. Die Gesetze des Bildes: Kohärenz, Konzentration, Kontemplation sind hier außer Kraft gesetzt. Stattdessen finden Sie Übersprünge und Überfülle, stoßen Sie auf Weiterungen und Wucherungen.

Mountains of Disbelief (Laokoon-Gruppe)

 
Es behält hier keiner recht oder wird ins Unrecht gesetzt. Weder der Skeptiker noch der Sinnstifter. Sie können beide Positionen einnehmen. Sie können mit ihnen spielen. Sie kamen her, um Berge des Unglaubens zu sehen. MOUNTAINS OF DISBELIEF. Sie werden gesehen inmitten von Bergen des Unglaubens. Wo ein Berg ist, ist auch ein Weg durch den Berg. Aus der Wunde der Stadt, der sich dieser Kirchenbau Werner Neumanns aus den fünfziger Jahren verdankt, weil die alte Weißfrauenkirche in der Altstadt 1944 bei einem Bombenangriff ausbrannte, ist ein Raum geworden, fest und farbig, in dem sich zu Zeigendes verbirgt und Unzeigbares sichtbar werden kann. Die Stadt, deren Wunde von damals nicht mehr offen liegt, wird aber auch weiter verwundet. Um die Ecke wurden Zeichen gesetzt, indem man in Zelten vor Bankentürmen kampierte. Nebenan finden Wohnungslose dieser Stadt Hilfe. Sie können manche Wunden sehen und auf sie zeigen. Sie können auch in den Wunden bohren.

Thomas Hartmann (BenHuRum)

 
Aber vor allem können Sie hier in und vor Thomas Hartmanns Installation erleben, wie viel Lust und Energie, Farbe und Formenfülle sich aus Verwundung und Verwunderung, Wohlstandsmüll und Verpackungsmaterial, Überfluss und Schein, Kitsch und Kunstwollen schöpfen lassen. Alles hat einen Wert, jedoch nicht den, der sich auf ein Preisschild schreiben lässt. Statt der Ökonomie des Mangels zu huldigen und sich dem Spar-Zwang zu beugen, wird hier in barocker Manier verschwenderisch in die Vollen gegriffen. Sie können das genießen und dabei etwas verstehen, was in Worten nicht ausgedrückt werden kann. Und deshalb müssen Sie tatsächlich hier sein und sehen; nicht um zu sehen, was sie nicht glauben können, sondern um zu sehen, was nicht zu beschreiben ist. VERSORGE DEINE WUNDE. VERSORGE DICH.
Schweifen Sie umher, entdecken Sie die Gastbeiträge von Gerald Domenig, fabelhafte Tiere und transsexuelle Skulpturen, die Eierkartons und das kubistische Bildnis und vieles mehr. Die Möglichkeiten scheinen unendlich, Bezüge und Deutungen herzustellen. Seien Sie nicht geizig!“
***
Schauen Sie selbst, wenn Sie in Frankfurt am Main sind. Bis zum 28. Juni in der Weißfrauen Diakoniekirche Gutleutstraße/Ecke Weserstraße. (Nur 5 Minuten zu Fuß vom Frankfurter Hauptbahnhof).
Fotos: Morel

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