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Inhalt 02/2012

Die Lesezeichen-Ausgabe 02/2012 erschien am 9. Juli 2012.


In dieser Ausgabe:
Eger und Elbe, Revolverhelden und Whiskeyflaschen, die Tiefe der Stille, eine Exilwohnung in Kuledibi, Menschenrechte, Jonathan Franzen und Christoph Schlingensief, Robert Musils “Nachlaß zu Lebzeiten”, ein in den Karton eingepackter Hut, Eigenheimhäuschen und Bleisätze, Glaubersalz und Doppel-Tiere, Diazepam und Fischmangel, der ungläubige Thomas und zertretene Muscheln, Hans Dieter Beck und Peter Leonhard Braun, die Königin der Nacht im Gefäss des Tages, Else Lasker-Schüler, Nietzsche und ein Damentennisfeld uvm.

INHALT:


  • Lesezeichen-Spezial:
    Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (Auszug)
    von Michael Perkampus
    Litblogs.net veröffentlicht den Beginn einer längeren Erzählung von Michael Perkampus mit dem Arbeitstitel: Ich bin die Nacht / Du bist der Ort. Einige der Motive und Charaktere sind erfunden, andere sind es nicht. Nicht erfunden jedoch ist der Ort, an dem die Erzählung einsetzt: das Sechsämterland im Fichtelgebirge. Mehr / Download PDF

14. April, Die Rückkehr eines Bastards namens Schmerz, 9.43 Uhr

Ich drehe mich, spüre die Bettdecke zwischen meinen Zähnen, auf die ich beiße, so wie ein angeschossener Revolverheld seine Zähne in den Korken einer Whiskeyflasche schlägt, die im Dreck neben ihm liegt, während ein ungewaschener alter Sack, der sich selbst Doc nennt, aber keinerlei medizinische Erfahrungen aufzuweisen hat, ihm mit einem – im Feuer gerösteten – Messer die Kugel dieses Tages aus der blutigen, mit Fleischfasern verzierten Wunde puhlt.
“Reiß dich doch zusammen”, könnte der Doc knurren, dessen Atem Ungeheuer erschafft, die vor meinen Augen tanzen, lachen, feixen.
Der Mond dehnt sich, wird zu einer Masse, die über den Nachthimmel schwappt, alles verschlingend; die Sterne verschwinden in einem Brei aus bleichem Licht.
Schon drücke ich den Oberkörper nach oben, das Gesicht entstellt, denn der Schmerz ist zurück, der mich so manche Nacht aus dem Schlaf reißt, der meine Träume mit der Aufforderung heimsucht: “Hey! Du, ja, dich meine ich. Komm mit raus.” Ich bin nicht feige, ich will nur nicht, denn ich sitze gemütlich an einem der Traumtische, manchmal kurz davor die Pokerrunde zu gewinnen, die mir – Sie haben es längst erraten! – den ersehnten Traumgewinn in Höhe von 17 Fantastillionen bescheren würde. Ruhe strömt durch den Saloon, getragen von den unzähligen Wellen aus Rauch, die wie Nebel über den Köpfen hängen, um zu verschleiern. Fremde verirren sich selten an diesen Ort, an dem sich Halsabschneider, Mörder, ehemalige Priester – die wegen Veruntreuung der Gemeindekasse (und meist noch schlimmerer Delikte) gesucht werden – ein Zuhause geschafft haben. Man müsste sich hier sicher fühlen. Und trotzdem hat er mich aufgespürt, auch in dieser Nacht wieder, in der er mich zum Duell herausfordert. Und weil er keine Zeit hat, weil er noch andere Aufträge zu erledigen hat, steht er plötzlich hinter mir, er, der den Raum in Lichtgeschwindigkeit durcheilen kann, und drückt mir seine harte knorrige Hand in den Nacken. Die Finger, knotig wie Schiffstaue, dehnen meinen Hals.
Ich muss mit ihm gehen, auch wenn ich nicht möchte. Alle Bitten und Erklärungen nutzen nichts. Nichts! Nicht einmal der Versuch, ihn mit dem auf den Tisch liegenden Geld zu bestechen, er müsse sich da nur mal mein Blatt ansehen, fruchtet, denn er ist der, der gekommen ist, um mich im Staub der Hauptstraße zu sehen. Das ist kein Kampf. Mit einem gezielten Schlag streckt er mich nieder. Unterdrücktes Lachen sickert aus dem Saloon. Einen Schlag später hat man mich bereits vergessen. Schmerz zerrt mich fort. Mein Körper liest die Straße, als wäre sie Brailleschrift. Sandkörner und Steine bilden einen Satz, der keinen Sinn ergibt.
Erschöpft liege ich da, die Lider gesenkt, abgelegt wie eine tote Katze, derer man sich im Straßengraben entledigen wollte. Meine Frau beugt sich über mich. Sie zieht die Decke höher, stopft sie unter mein Kinn.
“Die Schmerztablette müsste jeden Augenblick wirken”, flüstert sie.
Langsam, die Stadt und den Saloon als ein Schimmern an der Zimmerdecke, dämmere ich ein, gleite ich in eine Zone, die frei von solchen dreckigen Bastarden ist, die sich Schmerz oder Trauer oder Angst nennen. Ich bin in einem Gummiland, in dem man sich nicht stoßen kann, eine Welt, die mit Matten gepolstert ist und in der ich liege und warte, bis der Morgen mich in eine Welt entlässt, die frei von Feinden ist.
“Ist er …?”
“Ja”, sagt Seraphe.
Also stehe ich auf und wage einen Schritt vor die Tür.

Türkischer Rhein oder: wie kam der Rhein nach Kuledibi?

Es gibt Zufälle, die spotten jeder Beschreibung. Seit Wochen und Monaten weilen wir nun in Istanbul. Und dann das: unterm Bett, einer bisher völlig unbeachteten Fluchtecke unserer Exilwohnung in Kuledibi, fanden wir bei einer recht kopflosen Suchaktion: nichts! – als: ein Druckwerk, dessen Titel

“Köln – Mainz – Köln. Eine Dampferfahrt auf dem Rhein. Schiffsinspektor Küpper erzählt…”

angesichts des Fundorts, zumal das Objekt definitiv nicht von uns selbst in die Wohnung eingeschleust wurde, den Augenblick aufzureißen und eine poetische  Blickverbindung ins womöglich ewige Weltenrund, zumindest aber bis ans Niehler Gestade herzustellen schien. Ja, Kruzitürken! Auf den ersten Blick hielten wir ein verstaubtes Epos in Händen, ein Langgedicht, dessen Textkörper zwar aufgrund zweifelhafter Motivation seitenweise eingekästelt war, sich jedoch in vertraut ausschauende, ca fünf- bis zehnzeilige Abschnitte teilte und auf lyriktypische Weise umbrochen war.
Ein rheinsein unbekanntes Langgedicht über den Rhein? Unter unserem Bett in Istanbul? What the heck!
Bei näherer Betrachtung entpuppte sich die vor lauter Überraschung erträumte Sensation, eine Entdeckung, die jener des Nibelungenlieds gleichkäme, justemang und ausgerechnet unter unserem Exilbett gemacht zu haben, leider, als flüchtiger Trug. Da standen gar keine Verse, sondern weitgehend willkürlich umbrochene, meist in sich geschlossene Mitschriften eines typischen Mittelrhein-Schifffahrtsgeschehens aus Inspekteurssicht – mithin recht originalgetreu das, was der Titel bereits versprach, erzählt nicht in der hohen Kunst der Poesie, sondern in profan getönten Gedankenfetzen, darunter alleinstehende, meist aber solche, die, immer schön in Fahrtrichtung, auf den nächsten Gedankenfetzen wiesen, eine Flußlinie von Gedankenfetzen also, “wenn alles fließt, geht vieles den Bach hinab”, verbunden von Zitaten, die eine gewisse Belesenheit des Autors nahelegten, wobei hier für “gewisse” genausogut “ungewisse” stehen könnte, ein stream of consciousness, allenthalben gebändigt vom mitschwingenden dream of the subconscious, eine straighte Micheliade, nicht ohne Witz, mit rheinisch-tolerantem Kleingeist gewürzt, zumindest bis knapp zur Hälfte der Strecke, einer Marke, an der wir die Lektüre vorerst abbrechen mußten, weil wir, wie beinahe täglich, gen Bosporusdampfer eilten; doch gelang es uns, folgenden Fetzen im Gedächtnis auf den vapur mitzuschleppen, um Küpper-Rheinisches versuchsweise dem Allgemein-Bosporidischen zu überlagern:

“Und der Maschinist des uns auf der linken Seite
passierenden Tankschiffs “Neckartank” stand außen-
bords und pinkelte in den Rhein.
War das ein Applaus auf dem Oberdeck.
Eine Dame versteckte schnell das Fernglas —
als ich an ihrem Tisch vorbeikam.
Eine andere Dame, die auch ohne Lorgnette eine
scharfe Beobachterin zu sein schien, blieb un-
gerührt ob des urinalen Spektakels. Eigenartig.”

Das Ergebnis solch experimenteller Ausschnittsüberblendung – durch den Bosporus schwammen gerade Delfine – bliebe wohl dem geistigen Auge vorbehalten, also eher ungreifbar, dachten wir, bis eine Möwe es sich vor unsern tatsächlichen Augen schnappte und davonflog.

Falls sich ein/e Leser/in findet, der/die uns plausibel erklären/nachweisen  kann, wie das Buch unter unser Exilbett gelangt ist, bekommt er/sie es von uns geschenkt/zurückerstattet.

Bert Küpper: Köln – Mainz – Köln. Eine Dampferfahrt auf dem Rhein. Schiffsinspektor Küpper erzählt…, Briedel/Mosel 1996

zerstreuung

2

marimaba : 6.36 – In einer Filmdokumentation, die den Schriftsteller Jonathan Franzen fünf Tage lang während einer Lesereise begleitet, folgende berührende Szene, die sich im New Yorker Arbeitszimmer des Autors ereignet. Jonathan Franzen hält seine Schreibmaschine, ein preiswertes Dell – Notebook, vor das Objektiv der Kamera. Er deutet auf eine Stelle an der Rückseite des Gerätes, dort soll früher einmal ein Fortsatz, eine Erhebung zu sehen gewesen sein. Er habe diesen Fortsatz eigenhändig abgesägt. Es handelte sich um eine Buchse für einen Stecker. Man konnte dort das Internet einführen, also eine Verbindung herstellen zwischen der Schreibmaschine des Schriftstellers und der Welt tausender Computer da draußen irgendwo. Jonathan Franzen erklärt, er habe seinen Computer bearbeitet, um der Versuchung, sich mit dem Internet verbinden zu wollen, aus dem Weg zu gehen. Eine überzeugende Tat. Im Moment, da ich diese Szene beobachte, bemerke ich, dass die Verfügbarkeit von Information zu jeder Zeit auch in meinem Leben ein Gefühl von Gefahr, Zerstreuung, Beliebigkeit erzeugen kann. Ich scheine in den Zeichen, Bildern, Filmen, die hereinkommen, flüssig zu werden. Dagegen angenehme Gefühle, wenn ich die abgeschlossene Welt eines Buches in Händen halte. Früher einmal, sobald ich spazieren ging oder auf eine Reise, zur Arbeit, ins Theater oder sonst wohin, verließ ich niemals das Haus, ohne eines meiner zerschlissenen Unterwegsbücher mit mir zu nehmen. Wenn ich einmal doch kein Buch in der Hand oder Hosentasche bei mir hatte, sofort das Gefühl, unbekleidet oder von Leere umgeben zu sein. Als ob ich einen immerwährenden Ausweg in meiner Nähe wissen wollte, ein Zimmer von Wörtern, in das ich mich jederzeit, manchmal nur für Minuten, zurückziehen konnte, um fest zu werden. Da waren also Bücher von Malcolm Lowry, Kenzaburo Oe, Truman Capote, Friederike Mayröcker, Walter Benjamin, Janet Frame, Georg C. Lichtenberg, Heinrich von Kleist, Monika Maron, Alexander Kluge, Bohoumil Hrabal, Johann Peter Hebel, Patricia Highsmith, Elias Canetti, Peter Weiss, Hans Magnus Enzensberger. Irgendwann, weiß der Teufel warum, hörte ich auf damit. Und doch trage ich noch immer ein Buch in meiner Nähe. Ich trage meine Straßenbücher nicht länger in der Hand, ich trage meine Straßenbücher im Rucksack auf dem Rücken. – stop

ping

:

ping

Montag, 28. Mai 2012

Die Gedanken eines ganzen Tages aufzuschreiben, auch die Eindrücke, angefangen mit den optischen Sensationen einer moosbewachsenen Mauern, bis hin zu den Falten der Menschen, die mir auf den Straßen entgegen liefen; jede Gefühlsregung, von dem unkonkreten Dunst des erwachenden Ichs am Morgen, bis hin zu dem unwesentlichen Panikanfall am Seeufer, weil ein leichter aber unmittelbarer Schmerz vom Solarplexus aus die untersten Rippen entlang fuhr; jeden noch so kleinsten Gedanken – zum Beispiel den, dass Christoph Schlingensief bald vergessen sein wird, vergessener noch als die zahllosen Schriftsteller, deren vergilbte und angeschlagenen Bücher man in den Grabbelkisten der Flohmärkte finden kann (habe ich diesen Namen schon einmal gelesen? A.J. Cronin? Ach, ja, der stand bei meiner Mutter im Bücherregal, in den siebziger Jahren, und ich habe demletzt auch wieder seinen Namen gelesen, in der Bestsellerliste eines Spiegel-Heftes, das mir zusammen mit anderen von einer Nachbarin geschenkt wurde, weil sie wusste, dass ich diese Hefte gerne zur Recherche für meinen Roman nutze; sie hatte sie auf dem Speicher ihres verstorbenen Vaters gefunden, so sagte sie, aber die Hefte stanken alle nach dem Moder eines Kellers, und so lagere ich sie seither auf dem Balkon, blättere ab und an eines durch, staune über die Jugendbildnisse so manchen Schriftstellers, lese die Bestsellerliste und stelle fest, dass auch vor dreißig, vierzig Jahren vor allem Schund gekauft wurde, sitze auf dem Balkon, trinke ein Glas Wein, rauche eine Zigarette und denke nach, versuche das Denken zu beobachten, nehme mir vor, später am Schreibtisch diesen Gedanken noch einmal nachzuhängen, denke an all die Einzelheiten, die Sensationen des Tages, vergesse sie wieder, schlage das Heft zu), will also die Gedanken eines einzigen Tages aufschreiben, zum Beispiel, dass mir wieder der Tod durch den Kopf gegangen ist (nein, nicht dass ich an den Tod gedacht habe, sondern dass er mir durch den Kopf gegangen ist, mit seinen schweren Stiefeln, in dem Moment, als mich dieser fremde Schmerz anfiel, der vom Solarplexus aus… und die Panik, eine leichte Panik nur, die ich schon so genau kenne, wie einen alten Freund, ohne dass wir je Freunde geworden wären, die Panik und ich, die einfach nur mein strenger Begleiter ist), all diese Gedanken also fassen zu können, das wäre ein Kunstwerk, das wäre Leben.
 
Stattdessen hechele ich ihnen hinterher, ein dünner ausgetrockneter Hund, auf den Pfaden, auf den Fäden der Zeit, der Nornen. Ich spinne ja nur, und wickele doch nur die Gedanken des Momentes auf, der jetzt, ich weiß es ja schon, vorbei ist, und nur eine Spur, eine Fährte von Pan hinterlässt.
 
Dabei war der Tag sehr schon, wenn auch der Körper die meiste Zeit nicht fröhlich sein wollte, der Geist war es schon, als ich mit meiner Familie am Schlachtensee war, meinen Sohn beobachtete, der in einer kleinen, kühlen Bucht baden ging, mit seiner Schaufel Schlick aus dem Wasser schippte, dessen Schwimmflügel orangefarben leuchteten vor dem glitzernden Wasser des Sees, auf dem die Ruderboote entlang trieben, oder mit in die Wasseroberfläche einschneidenden Rudern voran getrieben wurden (die aufstiebenden Wassertropfen, die Sonne halb hinter den Wolken, das andere Ufer mit den winzigen Badegästen). Was dachte ich da? Ich habe es schon wieder vergessen, in Erinnerung bleibt mir immer nur das Bild, manchmal auch Geräusche, niemals aber was in meinem Kopf vor sich hin redete. Vielleicht dachte ich ja nichts, vielleicht war ich ja glücklich?
 
Später dann, kurz nach der Mittagszeit (und wo hört der Mittag auf, fängt der Nachmittag an? – Darüber dachte ich gestern nach, schaute auch im Internet nach, doch nicht einmal Wikipedea konnte mir präzise Auskunft geben), gegen 14 Uhr also gingen wir zum Bootshaus und liehen uns ein Ruderboot (No. 35 für 4 Personen, so stand es auf dem Bug). Und dann ruderte ich hinaus, ließ die Ruder in die Wasseroberfläche schnellen, betrachtete die stiebenden Wassertropfen, schaute die Beine meiner Frau an, die vor mir saß, neben sich das Kind, das die kleine Hand durchs Wasser gleiten ließ, wie ich es auch gemacht hatte, als ich ein Kind war, und als mein Vater gerudert hatte (ist es wirklich mein Vater gewesen? Ist das eine falsche Erinnerung? – Ich weiß, dass ich die Hand durchs Wasser gleiten, und ich nehme an, dass es mein Vater war, der die Wassertropfen aufstieben ließ, aber sicher bin ich mir nicht).
 
Ich fühlte mich leicht, kein Schmerz mehr, keine Beunruhigung, nur ein Gleiten durch das Wasser, vorbei an anderen Ruderbooten mit lachenden Menschen, ab und an die Köpfe einiger Schwimmer, die ein bisschen wie die Köpfe in dem Stahlstich von Doré aussahen; der Stich, der die Eisfläche der Hölle zeigt, mit den eingefrorenen Menschen, deren Köpfe über das Eisschild hinausragen. Die Hölle also, in meinen Gedanken, aber gezähmt durch Kunst, und hier draußen ist der See, das Boot, meine Familie, die Sonne. Kaum ein Gedanke. Ich zeige auf die Uferböschung, auf die kleine Bucht, in der jetzt andere Kinder baden, und sage:
 
„Schau mal, Tristan, da waren wir vorhin“. Und Tristan schaut zweifelnd und sagt: „Wo?“
 
Und ich strecke die Hand, den Zeigefinger zur Bucht hin und sage „Da. Dort sind wir gewesen.“
 
Und sage zu mir, denke mir, lasse es in mir denken: Dort sind wir gewesen, dort habe ich etwas gedacht, aber jetzt nicht mehr, jetzt bin ich hier und denke etwas anderes, aber auch das kann ich nicht mehr erinnern, denn jetzt sitze ich hier, an meinem Sekretär aus den sechziger Jahren (einen ähnlichen hatte ich schon einmal, in den Achtzigern, und auch an ihm habe ich gerne geschrieben), sitze hier und schreibe, denke schon wieder mich fort aus meinen Gedanken.
 
Die Erinnerung ist das einzige was wir haben, das einzige was andauert. (Und natürlich habe ich auf dem See zuerst an die Bilder von Monet und Renoir gedacht, die sie malten im späten 19ten Jahrhundert, als sie, die Freunde, zusammen mit ihren Frauen – und vielleicht auch mit ihren Kindern – einen Ausflug machten, zu einem See; dort eine Bootsfahrt unternahmen, später sich und die Boote malten – ein glücklicher Tag. Heute sind die Bilder getrennt, hängen in verschiedenen Museen, waren aber wohl einmal in einer Ausstellung wieder Seite an Seite gehängt. – Und auch Renoir und Monet schon lange tot, aber immerhin nicht vergessen, wenn auch niemand mehr den Klang ihrer Stimmen beschreiben könnte, die Farbe ihrer Augen, die Wege und Pfade ihrer Gedanken).
 
Und leichten Heuschnupfen hatte ich auch. Und das Rumpeln der S-Bahn-Räder war zu hören. Und eine blau schimmernde Libelle schwebte über dem Wasser, ein winzig kleiner Polizeihubschrauber.

Monet
 
Renoir
 

 

Das literarische Weblog als Nachlaß zu Lebzeiten!

Ja, es gibt sie noch, die guten alten Leser und Leserinnen. Sie alle lesen, das ist nicht weiter überraschend, Texte – was sonst. Klar, man kann sich auch an der Weinlese beteiligen, doch das ist etwas ganz anderes. Texte also. Es gab vor einer Weile die pejorative Äußerung einer hochgehandelten Schriftstellerin über diejenigen Leser, die nicht den auf Papier gedruckten Text bevorzugen, sondern den, na ja, nicht gedruckten. Ich lese im Moment mit dem größten Vergnügen “Nachlaß zu Lebzeiten” von Robert Musil und habe dabei gerne ein Buch in der Hand. Natürlich, so richtig gedruckt ist das auch nicht mehr, das Digitale zeigt sich ein wenig in der glatten Oberfläche des Papiers, das sich eben genau so anfühlt, als sei es ohne Text. Doch gleichviel, Text bleibt Text, da beißt die Maus kein’ Faden ab.

Robert Musil schreibt in seiner Vorbemerkung übrigens: “Warum Nachlaß? Warum zu Lebzeiten? Es gibt dichterische Hinterlassenschaften, die große Geschenke sind; aber in der Regel haben Nachlässe eine verdächtige Ähnlichkeit mit Ausverkäufen wegen Auflösung des Geschäfts und mit Billigergeben. (…): ich habe jedenfalls beschlossen, die Herausgabe des meinen zu verhindern, ehe es soweit kommt, daß ich das nicht mehr tun kann. Und das verläßlichste Mittel dazu ist, daß man ihn selbst bei Lebzeiten herausgibt; mag das nun jedem einleuchten oder nicht.”

Die Texte dieses Büchleins sind übrigens oft wunderbare kleine Arbeiten, die im ersten Drittel des 20. Jahrhundert verstreut erschienen und dann gebündelt worden sind zwischen zwei Buchdeckeln, weil der Autor selbst sie in trüben Zeiten retten wollte, verfügbar machen wollte, weil sie es ihm wert waren. Heutzutage würde Robert Musil vielleicht ein literarisches Weblog führen, die Texte also gleichsam digital retten, bevor sie dann – vielleicht – doch noch gedruckt würden. Oder eben auch umgekehrt, er würde vergriffene Texte auf seiner Seite einstellen. Das mit dem musilschen Weblog ist naturgemäß nur Spekulation, doch was der ein oder andere führende Literat dazu sagen würde, das kann man sich trotzdem denken.

Ich lese jedenfalls in literarischen Weblogs, die ja zum Glück hier und da gebündelt und gesammelt werden und die tatsächlich etwas haben von einem Nachlaß zu Lebzeiten in dem Sinne, wie es Robert Musil beschrieb; man denke an Die Dschungel oder an Gleisbauarbeiten, die sich trotz der Namensgebung keineswegs gegenseitig bekämpfen, und noch viele, viele weitere. Diese Art der Herausgabe von Literatur mag nun jedem einleuchten oder nicht, doch auch ich denke da ganz pragmatisch, denn warum warten, bis man tot ist.

hut ab

skizze zeichneung sequenz

gut in den karton eingepackt, überlässt der kobboi seinen hut dem meer, so, wie er als kind auch viele briefe mit flaschenpost via meer versandt hatte.

er wartete dann jeweils jahrelang auf eine rückmeldung, doch inzwischen weiss er, dass seine post ihr ziel niemals erreicht haben konnte. den hut will er nun trotzdem nachsenden.

der kobboi war ja möglicherweise gar nie ein kobboi. und wenn, hat nicht der hut ihn zu einem gemacht.

jetzt schlendert er ganz entspannt dem strand entlang nach hause.

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (Auszug)

Helmut Finner war der letzte, den man nackt an einen Baum gefesselt, mit dem
Odel aus dem Güllefaß gleich unten, wo seine übervölkerte Patchworkfamilie mit
Hasen und Mäuse hauste, übergossen eine ganze Nacht lang in der Kälte hängenließ,
aber er war der erste, der dabei draufging. Die Zeiten, in denen die Gemeinschaft um
den Baum wie um einen Scheiterhaufen herum stand und rief: „Du stinkst wie deine
Sünden!“ war längst vorbei, aber man konnte noch immer eine Vorstellung davon
bekommen, was der Ausspruch Friß Scheiße! einmal bedeutet haben könnte, damals –
ein Wort, das mächtige Welten aus der Vergangenheit herbeizaubert – als hier die
Holzknechte in ihren Hütten, aus Rinde gebaut, lagerten, um den gewaltigen Bedarf
an Brenn- und Bauholz zu gewährleisten. Die Essen der Hammerwerke verschlangen
dabei genausoviel wie die Glashütten. Darüber hinaus benötigte man Bauland in
dieser nahezu lichtungsfreien waldreichen Gegend, in der die Fürsten der Jagd
huldigten. Das alles lag lange zurück, länger als die Eger benötigt, zur Elbe zu
fließen.
Für die 291 km braucht sie zwar nicht allzulange, aber das Sprichwort ging
nun einmal so.
Heute standen die Hammerschmieden still, vielen sah man nicht einmal mehr an,
daß in ihnen einst mächtige Hämmer das Erz aus den Steinen schlug, aber die
Geschichten sind geblieben, haben sich in den Zungen der Alten vergraben, die sie bei
jeder Gelegenheit weitergeben wollten – und die Holzknechte arbeiteten nun in den
Sägewerken in Puchberg oder der Hohen Mühle. Vom Treiben in Wendenschuch ahnte
man in der nahen Umgebung nichts, man hätte nicht einmal geglaubt, daß direkt im
Umfeld der modernen Kunststofffabrik, die sich hier seit einigen Jahren angesiedelt
hatte, so ein mittelalterlicher Ritus überhaupt stattfinden könnte. Man mag ja von der
Grobschlächtigkeit in den abgelegenen Roden sprechen, von der ein oder anderen
Brutalität erfahren, aber das meiste davon waren Familienangelegenheiten, in die man
sich nicht einmischte. Ein öffentlicher Pranger wäre jedoch etwas anderes gewesen.
Die Witwe Gräf hätte erklären können, warum ausgerechnet hier die Zeit einen
Tunnel durch das Granit brach, um Ereignisse zuzulassen, die weit weg von einer
beginnenden modernen Welt angesiedelt lagen (schließlich befand man sich bereits in
den 70ern, der Mond war längst erobert und in den Menschen Hand, Hawlett Packard
stellte einen programmierbaren Taschenrechner), sie hätte gesagt, daß sie alle in der
Mitte der Unendlichkeit lebten und man von hier aus nicht nur nach vorne in der Zeit,
sondern auch in die Tiefe hinabsteigen könne, denn (das hätte sie vielleicht auch noch
gesagt), selbst die Zeit ist eine Kugel. Genau aus diesem Grund wiederholt sich auch
alles so wie sich Geschichten wiederholen, weil man sie überhaupt nicht erfinden
kann. Der Wolf frißt den Hasen. Basta.

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  • Lesezeichen-Spezial:
    von Michael Perkampus
    Litblogs.net veröffentlicht den Beginn einer längeren Erzählung von Michael Perkampus mit dem Arbeitstitel: Ich bin die Nacht / Du bist der Ort. Einige der Motive und Charaktere sind erfunden, andere sind es nicht. Nicht erfunden jedoch ist der Ort, an dem die Erzählung einsetzt: das Sechsämterland im Fichtelgebirge.