Archiv der Kategorie: Ausgabe 01/2012

Inhalt 01/2012

Die Lesezeichen-Ausgabe 01/2012 erschien am 17. April 2012.


In dieser Ausgabe:
Vorbehaltflächen und Dunkelstromschiffe, Arthur Schnitzlers „Der Schleier der Pierrette“, die Wärme möglicher Briefe, die etymologische Abstammung des Wortes „fiets“, die Verfallsgeschichte der Systeme, der Central Park zur Mittagszeit, harter Gummi und lostuckernde Boote, ein Leipziger Buchmesse-Rückblick, Überwundenes und Übermaltes, Alabasterdöschen und Hefeteig, eine Herde von Schafen, ein Dramolett der Traum-Haus-Frauen, funktionierendes Leben, Rohms Blutbild, ein Vorstellungstermin in einem alten Wuppertaler Gewerbegebiet, eine Klangfuge ohne bestimmbare Folge, errötende Mädchen, Ausnüchterungszellen, schwingende Texte uvm.

INHALT:

ein Herz ist noch übrig vom Tag

findet da ein Kribbeln statt zwischen uns,
sag, sind wir Passanten
oder sprechen wir uns einen Schritt
nach vorn?
zwischen uns ist Wetter, schlohweiß
legt es sich über die Wärme
deiner möglichen Briefe.

Fußspuren einer Fotografie: dein Sepiablick,
deine ungekämmten Augen, grobkörniger Gruß
und Morgen: ein stumpfes Gefühl.

sag, sind wir Passanten?
deine Sternzeichen nehmen sich verdammt vage aus
und dein Lachen klingt irgendwie
ökumenisch.
einen Anfang vorausgesetzt –
wann werden wir Archivgeräusch sein?

Bilddank an sofarfromnowon.

Belgisch-rheinische Sprachforschung

In Belgien scheinen alle beachtlichen, aufsehenerregenden Dinge wie nebenbei zu geschehen. Mitte der 90er, als sich kuriose (und meist schauerliche) Meldungen aus Belgien häuften, begannen wir, die entsprechenden Zeitungsausschnitte zu sammeln, die sich bald zu einem sehr speziellen Gruselordner fügten. So berichtete, mitten in der Klon-Debatte, die an Tieren wie dem Schaf Dolly sich entfachte und mit der Angst hantierte, daß bald auch Menschen geklont werden könnten, der Express davon, daß letzteres bereits geschehen sei, und zwar versehentlich in Belgien. Den Artikel schmückten Bilder zweier Lütticher Wissenschaftlerinnen, die freimütig über ihr Laborversehen plauderten. Die Geschichte fiel danach flugs unter den Tisch – ob in Belgien heute tatsächlich geklonte Jugendliche unterwegs sind: darüber läßt sich nur spekulieren. Ein anderer Bericht (ebenfalls aus dem Express) handelte von einer kleinen Gruppe enthusiastischer junger Belgier, welche sich die Love Parade zum Vorbild genommen hatten und auf der heftig beschallten Ladefläche eines (einzigen) LKWs tanzend durch Brüssel düsten, bis ihnen bei einer zufälligen Tunneldurchfahrt aufgrund der niedrigen Bauweise derselben die Köpfe abgetrennt wurden. Unser Interesse an Meldungen aus Belgien flachte um die Jahrtausendwende zugunsten rheinischer Vorkommnisse ab, welche sich jedoch gelegentlich nicht ganz voneinander trennen lassen. Im Folgenden geben wir einen Bericht des belgischen Publikationsorgans de redactie vom 21. Februar 2012 wider, der sich mit einem der letzten Rätsel der niederländischen Sprachwissenschaft befaßt hat – und wieder von einem Zufall gesteuert wurde. Es geht um die etymologische Abstammung des Wortes „fiets“ (dt: Fahrrad): „Gunnar de Boel, Professor für vergleichende Sprachwissenschaft an der Genter Universität, kippte mit einem deutschen Freund aus dem “südlichen Rheinland” zusammen Apfelwein. Im Gespräch nannten sie das Getränk „Viez“ (ein uns bekannter saarländischer Begriff für den Most, Anm. rheinsein): „Vize-Wein“ sozusagen, befanden die Trinker, bzw: Weinersatz. De Boel stellte dabei die Verbindung zum niederländischen Wort „fiets“ her und vertiefte die Hypothese gemeinsam mit seinem Kollegen Luc de Grauwe: im Deutschen sei das neuartige (in seiner Urform, der Draisine, am Rhein erfundene, Anm. rheinsein) Fahrrad laut der bahnbrechenden Theorie seinerzeit „Vize-Pferd“ (also: „Zweiterklasse-Pferd“, „Ersatz-Pferd“) genannt und später mit „Viez“ abgekürzt worden, ganz so wie „Automobil“ später zu „Auto“ wurde. Das Wort müsse dann nach Belgien und in die Niederlande geschwappt sein. 1870 sei „fiets“ zum ersten Mal im Niederländischen aufgetaucht, seit 1886 aber stritten sich die Sprachkundigen über dessen Herkunft, ohne eine angemessene Theorie hervorgebracht zu haben – was nun endlich der Vergangenheit angehöre.“
(Wenn wir an dieser fantastischen Hypothese etwas zu bemängeln haben, dann allenfalls, daß der erhellenden Kraft des Apfelmosts in der Berichterstattung deutlich zu wenig Referenz erwiesen wird. Desweiteren hätten wir eine eigene Schnelletymologie in die Debatte zu werfen, eine Idee, die uns auf gleichsam belgische Weise während einer Trance zufiel: könnte sich aus dem weithin bekannten Urbegriff “Vize-Pferd” nicht direkt das Wort “Fahrrad” entwickelt haben? Man achte nur auf den jeweils gemeinsamen An- (V gesprochen wie F) und Ablaut (d). Nein? Aber dann gewiß doch der Begriff Veloziped (Pääd: rheinisch für Pferd, Velozi enthält dieselben Buchstaben wie Vize). Und jetzt belegen Sie mal, wie Sie vor rheinsein auf diesen sensationellen sprachwissenschaftlichen Zusammenhang gekommen sind!)

Jede Negation beginnt mit einer Bejahung der Zeit.

In uns tobt so vertraut die Angst, daß es uns gelang, den einst heiligen Wahn ins Fürchterliche, Kranke zu verschieben.

Verfallsgeschichte der Systeme: von Großgehegen zu Laufställen am Abgrund.

Das Helle zieht mich tiefer hinab.

Wie trunken, wie gierig malt uns das Lebendige die Wirklichkeit! Wie schematisch und routiniert skizziert der Realist das Leben.

Jede Negation beginnt mit einer Bejahung der Zeit.

Das Unmittelbare ist eine komplizierte fixe Idee.

central park : grammophon

16. Februar 2012

2

foxtrott : 0.15 – Im Central Park zur Mittagszeit ein betender Mann, Moslem, Rikschafahrer, der Höhe 61. Straße unter einer mächtigen, weitverzweigten Ulme kniet, vielleicht unter einem jener Bäume, deren Setzlinge im Jahr 2008 nach Oregon geschickt wurden, um sie dort groß zu ziehen und wieder nach Manhattan zurückzuholen. Das klagende Singen der Kinderschaukeln. Ein Eichhörnchen hetzt über eine Wiese. Bald kauert das Tier in der Nähe des betenden Mannes, scheint ihn zu beobachten. Ich könnte jetzt warten, bis der Mann mit seinem Gebet fertig geworden ist. Ich könnte mich zu ihm in seine Rikscha setzen. Wir könnten gemeinsam durch den Park fahren. Ich könnte ihm eine Geschichte erzählen. Ich könnte erzählen, dass ich gerade eben noch in einem Cafe gehört hatte wie eine junge, lustige Mutter von ihrer Absicht berichtete, ihren Sohn, der noch nicht geboren worden ist, mit dem Namen Grammophon zu versehen. Das ist eine wirklich aufregende Geschichte, die ich tatsächlich sofort erzählen sollte. Ich sollte den jungen Mann weiterhin fragen, ob er mir vielleicht erklären wolle, weshalb es lebensgefährlich für mich werden könnte, sobald ich mich öffentlich kritisch fragend über Mohammed, den Propheten, äußern sollte. Vielleicht würde der junge Mann bremsen, vielleicht sich unverzüglich von seinem Fahrrad schwingen. Wir würden uns auf eine Bank setzen und Geschichten erzählen von Grammophonen, von Propheten und wie es ist, im Winter Rikscha zu fahren. Ich würde ihm vielleicht eine weitere jener Geschichten erzählen, die ich seit Wochen auf Fährschiffen suche, und vom Schnee, den ich als Kind fangen wollte. Ja, so könnten wir das machen, sofort, gleich wenn der betende Mann sich erheben wird. – stop

:

ping

Wolfram Malte Fues in Karlsruhe

Gestern Abend las Wolfram Malte Fues in der Karlsruher Galerie Knecht und Burster anläßlich der ART Karlsruhe. Die Karlsruher Künstlerin Franziska Schemel hat Fues‘ aktuellen Gedichtband „dual digital“ illustriert, die Orginale waren in der Galerie zu sehen. Hier meine Einführung zur Lesung des Kollegen. Im Anschluss gab es eine lebhafte und interessante Diskussion:

„Liebe Franziska Schemel, lieber Wolfram Malte Fues, lieber Alfred Knecht, verehrte Damen und Herren.

Wir befinden uns heute Abend in einer Galerie. Es bietet sich also an, über Bilder zu sprechen. Ich erinnere mich lebhaft an eine Episode aus meinem früheren Berufsleben als ich Besucherbefragungen in Museen machte. Wir machten Interviews in einem der wichtigsten Kunstmuseen der Welt, das sich hier in Karlsruhe befindet, mit drei Buchstaben abgekürzt wird und heute immer noch regelmäßig zum Gespött von Museumsdidakten wird. Ein gestandener Kunsthistoriker, Professor aus Gießen, verweilte lange vor einem Medienkunstwerk und wurde von uns gefragt, was denn wohl das Kunstwerk bedeute, wie er es denn verstehe. Er konnte aus dem Stegreif keinen sinnvollen Satz über das Kunstwerk äußern.
Viele Vertreter der jüngsten Generation zeitgenössischer Lyriker wollen überhaupt nicht verstanden werden. Gedichte hätten überhaupt keine Bedeutung, es gäbe keinerlei, aber absolut überhaupt keinen Zusammenhang zwischen Bezeichnetem und Bezeichnendem, was freilich eine alte Erkenntnis ist. Vergessen Sie also Interpretationen, vergessen Sie Bedeutungen, wenn sie die Bilder von Franziska Schemel sehen, wenn sie gleich die Gedichte von Wolfram Malte Fues hören werden.

„Man muss es bei Erhellungsgesten belassen“, schrieb ein Kritiker über Fues‘ Gedichte, und: „ihre Rätselhaftigkeit ist nicht die der notorischen hermetischen Knacknuss, vielleicht aber, wo ein archimedisch verbindliches Geheimnis der Welt nicht mehr auszumachen ist, die des Nussknackers.“
Ich empfehle, die Nuss erst gar nicht knacken zu wollen, sondern von Außen an ihr zu schnuppern, ihre Schale zu erspüren, sie zu schütteln. Sie werden die Nuss nicht knacken, ihren Inhalt nicht schmecken und auch nicht hinunterschlucken und verdauen, Sie werden aber überdeutlich spüren und fühlen, dass Sie es mit einer Nuss zu tun haben.
Nehmen wir das Gedicht „Dieser nur vor-/ fallende Schnee“ aus dem neuen Band von Wolfram Malte Fues. Wir lesen oder hören Vokabeln wie „zweihellig“ und „Herbststraßenkehrricht“ oder aber Satzfragmente wie „taut/ schmutzlos zurück in die Luft“, hören „über die Freuden der Schollen-Verschiebung/ Botenstoff, Stoffwechsel, Speichel-Flüsse/ diese Art Schnee/ nimmt Halbwertzeichen in Zähnung.“
Am Ende des Gedichts spüren Sie ihn überdeutlich in ihrem Kopf, den Schnee, ohne die gefrorene Substanz vor sich zu haben. Sie haben aber noch viel mehr gelesen und gehört, so vieles Neues ist angeklungen, vorbeigehuscht, Wörter, die Sie verstanden haben und Wörter, die Sie nicht verstanden haben. „Verstanden“ in Anführungszeichen.“
Ich möchte Ihnen einen kurzen Abschnitt aus einem Aufsatz von Wolfram Malte Fues zitieren, der in diesem Zusammenhang seine Poetologie erläutert, ein Text-Stück, das offenbart, wie Fues seine Gedichte als zeitgenössische Texte verortet. Es sind Fragen, die der Autor stellt.
„Wenn es auf dem Markt für Sinngebungs-Ware keinem Angebot mehr gelingt, Konkurrenz-Produkte zu vertreiben oder auch nur zu verknappen, so daß, was es auch bietet, andere mitbieten, sich, unter- oder überbietend an und mit ihm zu messen? Wenn der neuen Erhältlichkeit der New Economy die neue Disponierbarkeit eines New Discourse entspricht, in dem die aus der Erinnerung aufleuchtende Bedeutung den gesamten Handelsplatz Sinnvermittlung stroboskopisch illuminiert und es keine Stimme gibt, die nicht andere Stimmen auf den Plan riefe?“

Wolfram Malte Fues wurde 1944 geboren. Er lehrt als Literatur- und Kulturwissenschaftler an der Universität Basel, hat zahlreiche wissenschaftliche Publikationen vorgelegt und mit „dual digital“ seinen vierten Gedichtband.
Immer deutlicher wird im Verlauf der vier Bände die eigenständige Stimme von Wolfram Malte Fues, seine vielen Neo-Logismen und montierten oder sinnverschobenen Begriffe wie „Zündschaltuhr“, „Vorbehaltfläche“, „Dunkelstromschiff“, „Hochquappenjagd“, die hier unbedingt erwähnt werden müssen. Der Verfasser des Nachwortes von „dual digital“, Ulrich Johannes Beil, fragt zurecht: „Wo träfe man den ‚Dracula‘, der sich bereit erklärte, dem ‚Christkind / die Wimpern‘ zu ’stutzen‘?“
Lassen Sie mich zuletzt noch einen Kritiker zitieren, nämlich Jürgen Engler, der nicht nur auf die „Poetik des Hör- bzw. Schreibfehlers“ aus der surrealistischen écriture automatique hinweist und der damit verbundenen Ironie sowie dem Humor in Fues‘ Texten. Engler schreibt weiter: „Gedichte sind Versuchsabläufe und Protokollstrecken“, ein Gedicht sei ein „Chip mit hoher Informationsdichte.“

Meine sehr geehrten Damen und Herren, Wolfram Malte Fues wird nun einige seiner Gedichte lesen, dann werde ich mit ihm über die Texte sprechen, bevor er in einem zweiten Leseblock weitere Gedichte liest. Autor und Moderator legen großen Wert darauf, nicht ganz allein miteinander plaudern zu müssen, wir würden vielmehr auch gerne wissen, was Sie wissen möchten.

Zunächst lassen Sie sich aber hineinziehen in den „Strudel und Wirbel in den Texten, die mehr durch Gedankensprünge als durch Gedankengänge, mehr durch Bildsprünge als durch Bildfolgen charakterisiert sind.“ (Jürgen Engler)

Inside Passage I

Kein Archiv für den Vogel.
Für den hellen Fleck auf dem Dunst,
seinen Kopf, den nickenden Wipfel,

als er abhob,
zwischen drei, vier Flügelschägen
das lostuckernde Boot vielleicht.

Gedächtnis verliert, Gegenwart wird
die Verbrennung und das gelöste Eisen
in dir, wenn die nackten Fächer der Hände

von einem anderen Motor an
seinen Herzton erinnert, sich auftun.
Aufgehoben in seiner Nussschale wie du

in deiner schlingernden
Erfindung, träumt das Gewebe,
dass du die Finger von der Reling löst.

Trümmermaul

Eine neue Poesie breitet ihren Mantel über den Strom: Rhythmus ist Maschinentakt, Inhalt ist Arbeit, Melodie – vielleicht Akkordeonklang zum Sonntagstanz, lotrechte Kurven, aufrechter Untergang. Bannt Honoré Daumier mit flinkem sicherem Stift die Badenden, Pudelscherer, Angler an den Kais in sein Sketchbook (der Bouquinisten=Tratsch, und ich erstand Arthur Schnitzlers „Der Schleier der Pierrette“ mit Autograph des Verfassers und seines Illustrators für 20 Francs). Hier ist keine Zeit, hier ist Allzeit. Das leichte Grau, das allen Dingen unendliche Zartheit verleiht: keine schönere Stadt als der graugoldene Seinenebel von unten heraufwabern läßt, daß sie erscheine, Geister ihre Mauern sehen. Heloise und Hugos Zigeunerin Esmeralda treffen sich hier, Voltaire ging durch diese Gassen, aber auch Mimi Pinson (oder Hauffs Bettlerin von Pont des Arts), von Niemandem geliebt, von allen erbeutet. Meine ersten Gedichte von Paris brechen in der Mitte ab. Ich bin dieser völlig versonnene Nymphen=Lecker (vorzüglich wie Du schmeckst, Sequena – und wie Jouffroy Dich schuf) : ruhend, halbnackt, mit Seerosenblättern gekrönt, streng Deine Gesichtszüge, Wasser fließt aus einem Krug, den Deine linke Hand hält – und die andere über dem Knie: ein großes Bündel Trauben, Früchte, Korn. Doch nur Sequenas, der jungen Seine Bild, ruht hier einsam hinter Gittern in einem feuchten Kerker, sie selbst durchläuft schlank die Wiesen der Champagne.

Pinocchio in Leipzig


Pinocchio ist mir in Leipzig mehrfach begegnet

••• Ich bin noch eine Nacht länger in Leipzig geblieben als das Gros der Messebesucher und Literaturbetriebler, denn für mich geht es heute (und das hier schreibe ich im Zug) nach Hamm in Westfalen. Dort steht eine »Leinwand«-Lesung auf dem Programm. Der Veranstalter allerdings, den ich am Beck-Stand traf, hat mich auch um eine »Replay«-Kostprobe gebeten, wenn das Publikum nach dem »Leinwand«-Hauptprogramm noch in Stimmung sein sollte.

Es gab im Turmsegler keine Wortmeldungen von mir in den letzten Tagen. Über Facebook und Twitter konnte man sporadisch mitbekommen, wo ich mich rumtrieb und was sich ereignete. Hier Fotos oder gar einen zusammenhängenden Bericht einzustellen, dafür fehlte – ich gebe es offen zu – der Drive. In diesen Messetagen bin ich zwischen Turbo und Ohnmacht geschwankt. Zu viel persönlich Belastendes trug ich im Gepäck, also mehr emotionale als körperliche Erschöpfung. Ich habe mir, wenn auch die Nächte, wie auf einer solchen Messe üblich, ziemlich kurz gerieten, ein paar Stunden Extraschlaf untertags gegönnt, Spaziergänge durch die wunderbaren Frühlingstage in Leipzig, Sauna (brauchbar im Hotel), Thai-Massage (zu empfehlen und direkt neben dem Hotel). In diesen Tagen heißt es vor allem: ausschwitzen und Haltung bewahren, über die körperliche Wohltat und das Sich-selbst-Fühlen dem Emotionalen immerhin einen Boden bieten, auf dem es sich abstützen könnte…

Der Strahlkraft, die man doch braucht für solche Präsentationstage, ist eine solche Gemütslage nicht eben förderlich. Aber sind wir nicht Profis unterdessen? Da gelingt das lockere Lächeln eben doch, der charmante Smalltalk, der Vortrag, die geschmeidigen Antworten auf alle möglichen Sorten von Fragen. Und es wurde auch besser im Laufe der Tage. Dafür verantwortlich waren die angenehmen Wieder- und Neubegegnungen, intensive freundschaftliche Gespräche mit meinem Lektor, Dummheiten und Ernstschwätzen mit Kollegen. (Auch ein wenig lästern, psssst, wie reinigend!)

Die ersten Auftritte hatte ich gleich am ersten Abend. Zunächst das schon traditionelle Presse-Dinner von Beck, wo ich Tom Bullough kennenlernte, der bei Beck soeben in deutscher Übersetzung seinen Roman über den russischen Raketenerfinder Ziolkowski vorgelegt hat, ein außerordentlich sympathischer Bursche ist das und ein (ich habe unterdessen mit dem Lesen begonnen) witziges, aufregendes und sehr sprachmächtiges schmales Buch.

Den Abend verbrachte ich zwischen Frau Auffermann und Frau Löffler, eine Neubegegnung und ein Wiedertreffen. Wie unumwunden Frau Löffler kundtat, mit Dystopien nichts anfangen zu können, weil die doch in aller Regel sehr vorhersehbar und deswegen langweilig seien, das hat mir gefallen und gab uns Gelegenheit zu einem kurzweiligen Gespräch über dieses Genre.

Vor dem Rauswurf musste ich diesmal das Dinner verlassen, denn kurz vor Mitternacht stand die erste Lesung an. In den Kasematten der Moritzbastei (was für eine Location!) sollte ich mit Thomas von Steinaecker lesen – late night show. Der Oberkeller war gesteckt voll, und ich schritt zum Experiment, das ich mir für diese späte Stunde vorgenommen hatte: Ich las von Seite 109 bis 123 die Passage, die das Thema des »Replays« einführt, eine Strecke voll explizitem Sex. So etwas habe ich noch nie gemacht. Ich wollte wissen, ob ich das unbeeindruckt lesen kann wie jede andere Stelle. Und ich wollte wissen, ob man es überhaupt machen kann, wie das Publikum darauf reagiert. Bloggerin eulenliebe war anwesend und beschreibt in ihrem Bericht vom Leseabend sehr genau die Anspannnung, das Füßescharren und Räuspern. Aufgrund der Beleuchtungssituation konnte ich keines der Gesichter der Zuhörer sehen. Das war schade. So teilte sich lediglich die angespannte Stille mit (es wurde schon sehr genau zugehört), aber auch das gelegentliche tss, tss; nur konnte ich es eben keinen Personen zuordnen. Im Anschluss las Thomas. Im Gespräch dann wurde er gefragt, warum er in seine Romane Fotos und Grafiken einbaue. Er erwiderte, dass er meine, dies würde dem Leser gegenüber die Glaubwürdigkeit steigern, denn sein Eindruck sei, dass der Mensch einem Bild noch immer eher zu glauben geneigt ist als einem Text. Ich dachte mit Blick auf meine Lesung zuvor: Wenn es um Sex geht, scheint es ein wenig anders gelagert. Im Film können wir expliziteste Erotik und harten Sex »hinnehmen«. In einem literarischen Text ausgesprochen scheint es hingegen eine Herausforderung zu sein. Sollte jemand hier lesen, der anwesend war, würde mich brennend interessieren, wie sich das alles im Publikum angefühlt hat. Fazit für mich: Ich kann sowas machen. In dieser Dosierung ist es für ein unvorbereitetes Lesungspublikum dann aber wohl doch too much.

Ein Highlight war die Lesung von Thomas Lang tags darauf im Leipziger Zoo. In seiner kürzlich erschienenen Erzählung »Jim« gibt ein junges Orang-Utan-Männchen eine der Hauptfiguren. Die Lesung fand aber nicht im Affenhaus, sondern im Zoo-Restaurant Kiwara-Lodge statt. Zuvor bekamen wir eine private Nachtführung durch einen Teil des Leipziger Zoos. Da fühlten wir uns wie Jungs auf der Nachtwanderung, das war grandios. Die Lesung dann war nicht weniger eine Freude. Ich habe unverschwiegen sehr andere poetologische Ansichten als Thomas Lang, aber wie schon weite Strecken von »Bodenlos« habe ich auch bei der Lesung aus »Jim« die poetische Tiefe, die unaufgeregte Genauigkeit in Beobachtung und Sprache genossen. Sehr sympathisch war auch die Moderation von Heike Geißler. Ihr abschließendes Zitat aus einem Kinderbuch geht mir nicht aus dem Kopf. Das ging in etwa so:

Der Löwe sagt zum Jäger: Warum jagst du mich? Du bist doch selbst ein Löwe! Der Jäger antwortet: Wie kommst du darauf? Ich bin ein Jäger. Aber, erwidert der Löwe: Da schaut doch ein Schwanz unter deinem Mantel hervor. Stimmt, gibt der Jäger zu: Ich bin tatsächlich ein Löwe. Das hatte ich ganz vergessen.

Mit dabei an diesem Abend war Hans Pleschinksi, den ich bislang noch nicht persönlich kannte. Nun schon. Ein beglückendes Kennenlernen. Der kleine Tross zog nach der Lesung geschlossen in Auerbachs Keller ein. Zuvor hatte ich – eindrücklich darauf hingewiesen – Fausts Fuß gerieben. Glück soll das bringen, wurde mir raunend versichert.


Mein Lektor Martin Hielscher vor dem Abstieg zu Auerbachs Keller

Da mag nun etwas dran sein. Am nächsten Morgen jedenfalls wurde ich von einer SMS geweckt: Schau mal in die FAZ! Das habe ich dann getan, im Foyer des Hotels, barfuß, tatsächlich wie emotional gesprochen. Die Rezension von Christian Metz hat mich sehr bewegt. Wie er das Buch durchfühlt und durchdrungen hat, das war an diesem Morgen Balsam für mich, und fortan hob sich die Stimmung. Am gleichen Tag folgte ein halbstündiges 3sat-Interview vom roten Sofa in der zentralen Glashalle der Messe und am Abend eine wieder sehr gelungene Lesung im Ariowitsch-Haus mit Martin Hielscher als Moderator.

Auch bekam ich mit, dass über »Replay« gesprochen wird. Das Wort geht von Mund zu Mund. Dass das Buch sich am Sonntag in den Top-100 der deutschen Belletristik bei Amazon wiederfand, gab mir dann endgültig Zuversicht: Das wird noch was mit diesem Buch. Es ist grad dabei, entdeckt zu werden.


Blick von »hinter der Bühne« auf den Messestand von C.H.Beck

Am Messesonntag hatte ich nur noch ein Radio-Interview zu geben. Dann schlenderte ich in Halle 5 zu den Verbrechern und den Kulturmaschinen. Ich traf ANH und Phyllis Kiehl, meinen Lieblingsverbrecher Sundermeier und und und. Smalltalk, unaufgeregte, angenehme Gespräche. Ich lauschte Jörg Sundermeier und ANH bei ihren Lesungen, ein schönes, warmherzig empfundenes Ausklingen der Messe. (Übrigens muss ich meinen Verbrecher in Schutz nehmen. Er hat ausdrücklich nicht die Kulturmaschinen den »linksradikalen Verlagen« zugeschlagen, wie ANH heute berichtet (und ich wohl missverständlich erzählt haben muss), sondern ich hatte ihn nach dem Weg zu den Kulturmaschinen gefragt und er hat geantwortet: Die sind gleich dahinten, bei den Linksradikalen. Und das stimmte dann ja auch. Ich habe den Stand jedenfalls gleich gefunden.

Warum ich Pinocchio fotografiert habe für diesen Beitrag? Das hat ausdrücklich nichts mit dem direkt vorangegangenen Absatz zu tun. Mitunter, das will ich doch festhalten, habe ich an diesen Messetagen gedacht, Pinocchio sollte das Maskottchen der Buchmesse sein. Denn bei all den beglückenden und kurzweiligen Begegnungen lässt sich doch eins nicht leugnen: So wie in der Literatur gelogen wird, tun es auch die Literaturschaffenden und -verwertenden und -verwesenden unter- und übereinander. Wenn uns allen da jeweils die Nase wüchse… Nicht auszudenken!

PS: Einen Gruß von hier an Michael Stavarič, den ich auf einer Party im Anschluss an die Lesung im Ariowitsch-Haus traf und mit dem ich leider nicht mehr geplaudert habe, wie ich gern hätte. Ich war überfordert in dem Moment. Aber das Gespräch würde ich gelegentlich gern nachholen.