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Kurztitel & Kontexte bis 2010-08-29

Fr, 18.6.10 (Sa, 19.6.10, 2:50): Schrille Stille

Von Stille kann kaum die Rede sein. Schrilles Tröten weckt den, der wie Mao „nie vor Mittag aufsteht“ (die Tatsache des erst spät Aufstehens wurde neulich in der Dokureihe „Die großen Diktatoren“ auf Phoenix dem Genossen Mao angelastet. Freilich, auch kulturrevolutionäre Massenmörder werden erst nachmittags krea[k]tiv – auch so eine Schrille der Stille).

Getrötet wird, weil die deutsche Fußballseele im Hinterhof des Sommers vorm Balkon nach der heutigen WM-Schlappe im Walde pfeift, also trötet, was meine Lunge jedenfalls „am Morgen“ noch nicht hergibt.

Wie dem sei, nur eine Anekdote (auch, wie die lautstarken Vuvuseelen die Rättlein verstören). Abends muss ich los zum chiffren-Konzert in der Landesbibliothek im Sartori&Berger-Speicher. Der Weg führt – so oder so gewandelt – durch die Kieler-Woche-Mob-Massen, dieses vergnügt-versuchte Völkchen, das aggressiv wirkt. Überall wird gepöbelt. Nichts einzuwenden gegen Feiern, allein, warum muss dabei mein Vorurteil vom Proll (nicht vom Proleten!) immer wieder bestätigt werden?

Weil auch die Stille schrill sein muss. Schreibe so vorgestimmt wie folgt:

— snip! —

Das Schrille der Stille

Neue Musik aus dem Ostseeraum in der Landesbibliothek

Kiel. Ein Spielzeugklavier tickt durch die Skalen einer imaginären Spieluhr, und vom Tonband dröhnt es düster aus von Hand betrommelten Klaviersaiten. Etwas unbehaglich mutet das an für das Wiegenlied, das Tomi Räisänen bei seinem „Dreamgate“ im Sinn hatte, nämlich das sanfte Einschlummern eines Kindes ins Reich der Träume. Was die Auslotung neuer Klangsphären betrifft, ist es dennoch das interessanteste Stück, das das Lübecker Ensemble „Neue Musik im Ostseeraum“ in Zusammenarbeit mit dem Projekt „chiffren“ und der Deutsch-Finnischen Gesellschaft am Freitag in der Landesbibliothek präsentierte.

Der Finne Räisänen, der auch über seine Komposition „Around the circle“ bereitwillig Auskunft gibt und dabei allzu naheliegende Assoziationen ans Kreisen mit seinem Klangarrangement für Flöte, Viola und Klavier, das eher spiralige Struktur hat, widerlegt, lässt das Stille oft schrill wirken – und umgekehrt. Auch „Saar“ („Insel“) für Klarinette und Violine von der Estin Helena Tulve ist klanglich nichts für romantische Robinsons. In das Gehör ebenso konzentrierenden wie verengenden Vierteltonintervallen tastet sich das Stück an ein Zentrum heran, das es doch als Geheimnis unberührt lässt. Mit bewusst schrillen Streicherhöhen arbeitet Tulve sich auch in ihrem Klaviertrio „lumineux/opaque“ an diesem geheimnisvollen Mittelpunkt Stille ab.

Juste Janulyte, Litauerin und als 1982 Geborene die jüngste Komponistin dieses Abends, fordert Klarinette, Violine und Klavier auf: „Let’s talk about shadows“! Der monochromen Musik verpflichtet, beleuchtet sie das Changieren von Klangfarben, indem sie das Spiel eines begrenzten Toninventars in lichte und schattige Momente taucht. Verwandt ist ihre Musik damit der viel älteren ihres Landsmanns Osvaldas Balakauskas. Seine 1974 komponierten „Nine springs“ (hier in der Fassung für Flöte, Cello und Klavier) erkunden sein System der „Dodekatonik“ mit nur neun Tönen, die fast klassisch modern, dabei jedoch verspielt an Volksmusik gemahnend, um die Kontraste von schrill und zart tanzen.

Veijo Meris verträumte und dennoch humorvoll antiromantische Gedichte aus dem Zyklus „Kesä ja talvi“ („Sommer und Winter“) vertonte der Deutsche Benjamin Schweitzer ebenfalls klassich modern, als säßen die Zwölftöner hinter seiner Feder. Eine treffende musikalische Sprache wie auch für Hölderlins spätes und enigmatisches Gedicht „An Zimmern“. Im Tübinger Turm sei der Dichter umnachtet gewesen, heißt es. Wie wach er dennoch war, kann man empfinden, wenn Schweitzer den Bariton Dieter Müller bei dem Vers „O Teurer, dir sag ich die Wahrheit“ aufschreien lässt. Ein schriller Schrei aus der Stille.

— snap! —

Hölderlin wieder und die Turmmetapher. Und die des Schreis aus der Stille – und der Stille im Schrei. Braucht das noch ein Gedicht als Ergänzung?

Ja, die Stille (vor diesem Schuss).

— snip! —

schrille stille

„ist irgend eins, das einer seele g’nüget? ist ein halm, ist eine gereifteste reb‘ auf erden gewachsen, die ihn nähre?“ (friedrich hölderlin / scardanelli)

schon an der mutterbrust war diese stille,
das saugen selbstgefällter existenz.
es war nur eingebor’ner wunsch, nicht wille:
bevor ich was besaß, war’s insolvenz.

„ich schrieb, ich schrie“, als kind schon buchgestäbe
in einem wort verlierend, zu verzieren
noch jeden schrei, auf dass er rasch verwehe.
in schriller stille standen brav die stiere.

wie sie vor roten tüchern blieb ich liegen,
stellte stürm’sche wecker stillend weiter.
im turm steh‘ ich, wo seine wänd‘ zerstieben.

dem grab die schrille stille vorzuschreiben,
hab‘ ich mich aufgemacht zum fortschrittschreiter.
ich bin das schaf, die hirten zu beweiden.

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Andreas Okopenko 1930 – 2010

Andreas Okopenko , poetischer Sucher des Fluidums , Verfasser des ersten Lexikon– , will meinen : Hypertext- Romans avant la lettre und fabelhafter Chronist von Träumen ist Sonntag , den 27. Juni 2010 in Wien verstorben .

Sein verschmitzter Witz wird der österreichischen Literaturlandschaft fehlen . Mit Okopenko ist auch ein skrupulöser Beobachter der Zeitläufte zu vermissen : Andreas Okopenkos luzide Beobachtungen der Avantgarden seit den 50er Jahren bleiben bis auf weiteres Stückwerk , nähere autobiographische Zeugnisse des diskreten Dichters Desiderat .

Zur Erinnerung eine kleine tour d’horizon zu einigen wichtigen Werken , welche Andreas Okopenko uns hinterlassen hat .

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Andreas Okopenko – Vom Schreiben lesen : Das essayistische Werk

NZZ , 19. 7. 2001
Nachdruck : Vom Schreiben lesen – In: Andreas Okopenko, hg. v. Konstanze Fliedl u. Christa Gürtler. Graz , Droschl 2004 (=Dossier 22), S. 195-198

DAS NARRATIVE UND POETISCHE WERK

czz – Nie “Neuerungszwängler” und nie ein Traditionalist: Der österreichische Schriftsteller Andreas Okopenko (Jahrgang 1930) hat sich seinen eigenen, seinen eigensinnigen, Weg gesucht. Indem er das Rollenangebot des Aufregers ausschlug und die Stille seiner literarischen Werkstatt den lautstarken Launen der Agora vorgezogen hat, geriet er zeitweise ein wenig in Vergessenheit: Die Verleihung des Grossen österreichischen Staatspreises für Literatur an den 78-Jährigen lief – in Vorgeschmack wie Abgang – nicht ohne einen Hautgout schlechten Gewissens ab. Dabei hätte Okopenko schon für den 1968 erschienenen “Lexikon-Roman” – einem (noch dazu höchst amüsanten!) Hypertext-Planspiel avant la lettre – entschieden ein Dichterlob gebührt.

Entschlossen hat sich indes der Klagenfurter Ritter-Verlag, mit Wieder- und Neuauflagen einer gebührlichen Wirkung dieses Oeuvres zuzuarbeiten: So wurde der berühmte, gegen den Uhrzeigersinn erzählte, faktive Adoleszenzrapport “Kindernazi” ebenso wieder zugänglich wie die romanesk geschürzten Reflexionen aus den Ebenen der Nachkriegszeit (“Meteoriten“). In Parallelaktion mit dem Hause Deuticke, welches nach dem “Lexikon-Roman” die gewitzten “Lockergedichte” herausgebracht hat, formiert sich solcherart endlich eine praktikable Basis für neue Lektüren und Rezeptions-Etappen des lange vergriffenen Werks.

Wenn man nun bei Ritter zwei Bände “Gesammelte Aufsätze” ( Band 1 | Band 2 )vorlegt, so bieten diese “Meinungsausbrüche aus fünf Jahrzehnten” mitnichten eine Wiederverwertung kollateraler Theorieproduktion: Anzuzeigen sind mithin fünfhundert Seiten blank und scharf polierter literarischer Reflexion, Lektüre zur Lust mit Gewinn.

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DIE ESSAYiISTIK

Deutlicher als in seinem lyrischen, kenntlicher als im romanesken Werk tritt Andreas Okopenko im Medium seines essayistischen Schreibens als Naturwissenschafter der Poesie hervor. Gerade in den Aufsätzen und Kommentaren verpflichtet sich der Autor – studierter Chemiker, der er ist – einer exakten Methode und untersucht die Substanzen von “Denken” und “Dichten” gewissermassen in Reagenz.

Solche Grundlagenforschung im Quellgebiete der Poesie wird billig den Standpunkt des Beobachters reflektieren: Okopenkos skrupulöse Justierarbeit an der Genauigkeit seines Empfindungs- und Reflexions-Instrumentariums zeitigte über die Jahre eine aussergewöhnliche Differenzierungs-Kompetenz – sein subjektives Aggregat ist auf hohen Auflösungsgrad geeicht. Dies erweist sich besonders am Kernstück der Sammlung, einem geduldigen Versuch, das “Fluidum” – Kernmotiv in Okopenkos Poetik – auf klärende Begriffe zu bringen: Vergleichbar mit James Joyce’s “Epiphanie” oder dem “Satori”-Erlebnis des Zen-Buddhismus blitzt das “Fluidum” in gewissen Situationen unvorhersehbar auf und gewährt Momente von hellsichtiger Innigkeit.

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FLUIDE WACHHEIT

Eine solchermassen fluide Wachheit in Literatur – in Lyrik – zu übersetzen, bedarf es allerhöchster Präzision. Dem Postulat eines solchen “Konkretionismus” (nicht zu verwechseln mit der “konkreten poesie”!) gilt eine weitere umfangreiche Erkundung innerhalb des zweiten, des poetologischen, Bandes. Wo das richtige Wort unsagbar dünkt (womöglich jedoch einfach noch nicht gefunden worden ist), geduldet sich Okopenkos reflektierende Rede in asymptotischer Annäherung. “Schlagerzeilen und Schlagzeilen” wird man vergeblich suchen. Okopenko trumpft niemals auf, zielt nicht auf schnellen Effekt. Sein nachdenkliches Formulieren schreitet mit Vorbedacht. Wo alle Konzentration auf präzise sprachliche Spurfindung zielt, wäre der Talmiglanz rhetorischen Redeschmuckes allenfalls dazu angetan, den Blick – und die Sprache – zu trüben.

Die Dezenz von Okopenkos Denken und Schreiben – welche ein allfällig schelmisches, poetisches oder anarchisches “Justament!” niemals hindert – ist eine “Ethik im Vollzug”. Wo Formuliertes auf dem Grunde des sorglich Vor- und Nachgedachten fusst, behalten die Worte Gültigkeit. Selbst die frühesten Zeugnisse – kurz nach Kriegsende niedergelegt – haben auch im dritten Jahrtausend Bestand.

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WIENER GRUPPE UND DIE 50ER JAHRE

Die im ersten Band (“In der Szene“) abgedruckten Rapports, Reflexionen und Rezensionen zur österreichischen Nachkriegsliteratur bieten nicht nur dem Archäologen des Literarischen Lebens breitgefächertes Material, sondern verblüffen auch den “common reader” mit ihrer hohen Wahrnehmungs- und Urteilssicherheit. Okopenkos Kataloge von Namen und Daten legen Spuren in die (heute schwer vorstellbaren) kulturpolitischen Wüsteneien der österreichischen Jahrhundertmitte – und weit darüber hinaus. Es wird etwa der einlässliche Aufsatz über “Wiens junge Dichter der 50er Jahre” in seiner Bedeutung kaum zu überschätzen sein: Wo Protagonisten und Proponenten der spektakulären “Wiener Gruppe” manches Deutungsmonopol einseitig usurpierten, verspricht der kundige Querblick auf Texte und Kontexte manchen Einblick in Alternative zur gängigen Avantgarde-Orthodoxie.

Die skeptische Reserve im Blick auf “die Szene” hindert indes nicht – ja impliziert geradezu -, dass sich Andreas Okopenko in der Rolle des Rezensenten und Portraitisten seinen Schriftstellerkollegen mit Respekt annähert. Gleich, ob es sich um Ernst Jandl, um Elfriede Jelinek oder um Friederike Mayröcker handelt: Okopenko zupft aus ihren Werken ein ihn interessierendes Motiv heraus und beleuchtet es aus der Perspektive des Produzenten – wohlgemerkt, nicht des Kritikers – von Literatur. Prüft also, Schuster unter Schustern, Form, Fügung und Verwendung des Materials.

Auch das eigene Werk wird durchwegs aus der Perspektive des Praktikers expliziert. Wer indes glauben möchte, er werde durch die Lektüre solcher Produktions-”Geheimnisse” in den Stand gesetzt, dem Autor verstohlen über die Schulter blicken zu können, geht fehl: Was Andreas Okopenko preisgibt aus seinem poetischen Labor, das wählt er gewissentlich aus und bietet es unserer bewussten Wahrnehmung an. Wenn er uns in seine Werkstatt führt, tut er dies weder im Négligé noch im Schlossergewand, sondern er achtet auf ein korrektes Jackett. Somit sind auch wir, als Zeugen, als Leser, aufgefordert, uns auf das, was uns da zu sehen, zu hören und zu lesen überantwortet wird, zu konzentrieren. Und das tut – förmlich – wohl.

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LITERATUR

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UPDATE

Anlässlich des Todes von Andreas Okopenko ändert Radio Ö1 sein Programm :

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