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Höhle der Löwen

••• Morgen geht es in die »Höhle der Löwen«, den großen Konferenzsaal im Hause Beck, wo seit heute die Vertreter tagen. Schon einmal hatte ich das Vergnügen und war damals wie heute nervös. Und warum das, wenn es letztendlich doch ein Vergnügen war?

Es hängt so viel ab von den Vertretern, von ihrer eigenen Begeisterung für ein Buch, die sie schließlich zu den Buchhändlern transportieren müssen. Damals wusste ich nicht, wie so eine Buchvorstellung auf einer Vertreterkonferenz abläuft, und Premieren sind immer eine spezielle Angelegenheit. Ich habe mir das rote Wams Heinrichs mit den goldenen Löwen übergezogen und die Damen und Herren eingeschworen. Morgen werde ich mich als erstes bei ihnen bedanken können, denn dass sich »Die Leinwand« so gut verkauft hat, lag zu einem großen Teil an ihnen.

Aber nun, mit einem neuen Buch, stehen wieder alle Zeichen auf Anfang. Auf der Vertreterkonferenz werden alle Titel des Programms debattiert, Inhalt und Verpackung, Klappentexte und Vorschautexte, und der Autor, der seinen Titel vorstellen darf, wird mit Fragen überhäuft, die ans Eingemachte gehen. Ich fürchte, es wird viele Fragen geben, wenn man sich morgen in gleicher Runde wie vor zwei Jahren erneut trifft.

Mein »Geheimdienst« hat mir Mut gemacht. Einige Vertreter treffen sich jeweils schon auf der Frankfurter Messe mit den Verlagsleuten und halten mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. »Replay«, durfte ich hören, ist angekommen, aber es gibt auch Unsicherheiten, über die man wird reden müssen.

Ich halte es ja für ein Glück, dass dieser Roman ganz anders geworden ist als »Die Leinwand«. Ein Verkäufer aber – und das sind Vertreter wie Buchhändler – schätzt Anknüpfungspunkte mehr als das »ganz andere«. Da muss man erklären, wie es kommt, dass der von der Presse vor allem als Orthodoxer herausgestellte Autor der »Leinwand« nun mit einer technologischen Dystopie herauskommt, einem Buch, in dem es um Wahrnehmung und sehr auch um Körperlichkeit geht, einem Buch, das den Leser ins Silicon Valley der nicht zu fernen Zukunft führt, aber auch in einen Thai-Massage-Salon, auf hedonistische Swinger-Feste und in die arkadischen Gefilde sinnlicher Erinnerungen, die auf Knopfdruck reproduzierbar sind…

Mich hat gar nicht gekümmert, ob es Anknüpfungspunkte an »Die Leinwand« gibt. Dass gerade ich einen dystopischen Roman über eine totaltransparente Kommunikationsgesellschaft geschrieben habe, hat sicher damit zu tun, dass ich die letzten neun Jahre für Telekommunikationsunternehmen tätig war und weiß, wie nah wir schon heute Rosens Erzählungen sind. Die Journalisten werden nun vielleicht ein neues Schublädchen finden müssen, in das der orthodoxe Autor passt, der eben auch IT-Berater ist. Das kümmert mich aber wenig. Denn ich habe noch nie etwas von solchen Katalogisierungsversuchen gehalten. Ich kann da nur Truman Capote zitieren:

Ich begreife gar nicht, warum alle so verstört sind. Was dachten sie wohl, wen sie bei sich hätten — einen Hofnarren? Sie hatten einen Schriftsteller vor sich!

Tatsächlich aber, wenn ich mir »Replay« heute ansehe, sehe ich sehr deutliche Verbindungen zur »Leinwand«. Zwei Szenen aus der »Leinwand« muss man sich vergegenwärtigen. Die erste: Nathan Bollag debattiert mit Amnon Zichroni über dessen Lektüre von Bulgakows »Meister und Margarita« und warnt ihn vor den »Yevonnim« (den Griechen), in deren weltanschaulicher Tradition er eine Gefahr für seinen Ziehsohn Amnon sieht, gewissermaßen einen Gegenentwurf zur Weltsicht des jüdischen Milieus, in dem die beiden leben. Und die zweite Szene: Im Wechsler-Showdown der »Leinwand« hofft Wechsler, sich durch einen Sprung in die Mikweh von Moza erneut in ein neues Leben retten zu können, wie er es zuvor schon einmal getan hat. Das Becken aber, in das er springt, ist leer.

»Replay« beginnt wie der Zichroni-Strang der »Leinwand« mit der Erzählung einer Jugend, mit der Erzählung eben jenes Erlebnisses, das Ed Rosens jüdische Identität geprägt hat. Anders als Zichroni kommt Rosen aus einer säkular-jüdischen Familie in New York. Religion spielte keine Rolle, bis er 13 wurde und auf die Bar Mizwah vorbereitet werden sollte, das selbst unter diesen Vorzeichen unvermeidliche Fest der religiösen Mündigkeit. Statt ihn jedoch für den religiösen Weg zu gewinnen, führt die schwarze Pädagogik des Religionslehrers dazu, dass Rosen sich entschieden von Gott abwendet.

Eine Leserin hatte Schwierigkeiten mit dieser Exposition und bezeichnete sie etwas ratlos als den »jüdischen Vorspann«. Tatsächlich aber sehe ich in diesen ersten 15 Seiten des Romans die Exposition zu allem, was dann folgt: Der Lehrer konfrontiert den jungen Rosen mit einer Vision des Lebens nach dem Tod, das von grausamen Strafen geprägt ist für die Versäumnisse und Sünden unseres irdischen Lebens.

Auf dem Weg in die künftige Welt, dozierte er – und damit meinte er eine Welt jenseits der unseren – nach unserem Tod also müssten wir einen langen Weg durch eine Region zurücklegen, die Sheol genannt wird. Eine Prüfung sei diese Reise, auf der wir Rechenschaft ablegen müssten über unser irdisches Leben wie vor einem Gericht. Und im Sheol, fuhr er fort, würden uns keine Lügen helfen. Jedes Detail über unser Leben sei dort offenbar. Wir würden zwar unseren irdischen Körper abgelegt haben, dafür aber in einer Art Geistkörper wandeln, und an jenen Körperteilen, mit denen wir in der hiesigen Welt gesündigt hätten, würden wir dort untrügliche Zeichen tragen, die unsere Vergehen offenbarten: Verkrüppelungen oder Verkümmerungen. Eine winzige Hand beispielsweise, weil unsere Hände im Leben den Bedürftigen nicht hatten geben wollen. Oder riesige Ohren, weil wir zu Lebzeiten auf Klatsch und Tratsch und jede Art übler Nachrede begierig gelauscht hatten. Auch könnte es sein, dass wir uns im Sheol mit nur einem Auge wiederfänden, weil wir in dieser Welt ein Auge verschlossen hatten vor den göttlichen Wahrheiten oder weil wir – nicht weniger schlimm – unseren Blick an die Nichtigkeiten des schönen Scheins geheftet hatten. Was genau und in Gänze darunter zu verstehen sein mochte, überließ er meiner pubertären Phantasie. Die aber kam nicht zum Zuge, denn ich war, nachdem ich das alles gehört hatte, einfach nur wütend.

Mit diesen Ausführungen hatte er mich sofort und für immer für die Sache Gottes verloren. Er muss blind oder dumm gewesen sein oder – herzlos. Vielleicht war es auch eine Mischung aus all dem. Anders konnte ich es mir nicht erklären. Ein Blick in mein Gesicht hätte ihm genügt haben müssen, um zu wissen, dass er mich mit seiner Sheol-Vision verschonen musste oder doch zumindest mit den Details über die versehrten Geistkörper der zu prüfenden Seelen.

Ed Rosen nämlich ist auf einem Auge blind, und dass mit seinem rechten Auge etwas nicht stimmt, ist nicht zu übersehen.

Als nun aber mein Lehrer, der doch gehofft hatte, mich für Gott zu gewinnen, mir mit dieser Geschichte der versehrten Geistkörper kam, hatte er ausgespielt. Ging es nach mir, lebte ich, solange ich denken konnte, in diesem Zustand, den er als Vorhölle bezeichnete, in diesem Raum der permanenten Prüfung, in dem man die Schmach der Sünden eines ganzen Lebens offen zur Schau trug. Meine Schande stand mir ins Gesicht geschrieben. In dieser Welt. Was hätte ich noch auf seine Sheol-Warnungen geben sollen?

All die Wut, die sich in mir aufgestaut hatte, drängte zum Ausbruch, und da ich mir nicht erlauben konnte, sie ihm gegenüber zu zeigen, lenkte ich meinen Zorn auf das, was er Gott nannte. Ich verwarf diesen Gott ohne Zögern. Ich goss meine Wut über die Vorstellung von ihm aus. Und die Geschichten, die mein Lehrer mir erzählt hatte und noch erzählen würde, wanderten in die Abgründe meines Gedächtnisses, ins Sheol meiner Erinnerung, hinab, hinfort, aus dem Sinn, aus meinem Leben. Nichts, aber auch gar nichts wollte ich mit solchen Geschichten und ihren Urhebern zu tun haben.

Das also ist die Ausgangslage. Anders als die Protagonisten in der »Leinwand« entscheidet sich Rosen für den »griechischen Weg«. Naturwissenschaften, Informatik, »künstliche Intelligenz«, das bestimmt sein Leben. Dazu kommt ein gestörtes Körpergefühl, wie es bei »ungeliebten Kindern« nicht selten ist, und das er schließlich zu kompensieren versucht durch eine sich letztlich bis in den Kult steigernde Fixierung auf das Körperliche in all seinen Facetten. Nicht ohne Grund ist es gerade Pan, der Hirtengott der griechischen Mythologie, der sehr bald in Rosens Leben tritt und den er sich als Begleiter erwählt.

Die Komposition des Romans sorgt dafür, dass wir an keiner Stelle sicher wissen können, was Traum ist und was Realität, was tatsächlich geschehen ist und geschieht und was dem Bereich der manipulierten Wirklichkeit – dem Replay eben – zuzurechnen ist. Fest steht nur, dass Rosen, während er erzählt, im Bett liegt, das gesamte Buch über. Und fest steht am Ende auch, dass er sich in einem Zustand befindet, aus dem es für ihn keinen Ausweg geben wird. Der »grüne Schriftzug der Erlösung«, den er am Ende sieht, ist – und er weiß es – eine Lüge.

Die Dystopie, die der Roman erzählt, ist Rosens Sheol, seine ganz persönliche Hölle, ein Taumeln von Replay zu Replay, von einer manipulierten Erinnerung zur nächsten.

Es gibt noch eine dritte Verbindung mit der »Leinwand«. Wechsler erzählt dort von seinen Lektüren, auch von Orwells »1984«. »Replay« nun nimmt ein Motiv aus »1984« auf: Im »Ministerium für Liebe« werden bei Orwell die Renitenten umerzogen. Dem Engsoz-Regime genügt es nicht, sich Dissidenten per Exekution vom Hals zu schaffen. Stattdessen werden sie im »Raum 101« mit körperlicher und psychischer Folter dazu gebracht, sich »freiwillig« in die Umstände zu ergeben, gegen die sie opponierten. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass es sich bei dem Bett, in dem Rosen liegt, während er erzählt, um seinen persönlichen »Raum 101« handelt.

Anders als bei Orwell ergibt sich Rosen in »Replay« aber tatsächlich freiwillig. Denn die Diktatur, die er selbst mit errichtet hat, ist eine hedonistische Diktatur nicht nur der unbeschränkten Kommunikation, sondern auch der sinnlichen Genüsse. Sich der Corporation zu ergeben, ist so – angenehm…

Worüber sollte ich mich beschweren? Ich liege im Bett, von den Wänden meines phantastischen gläsernen Palastes umgeben, die mich vielleicht einsperren, aber auch einen atemberaubenden Ausblick bieten: auf der einen Seite der Ozean, auf der anderen ein paradiesischer Garten. Ich kann mich zurücklehnen, dösen und mich erzählen lassen oder mich selbst erzählen in immer neuen Varianten.

Rosen wähnt sich in Arkadien, während wir doch stark vermuten müssen, dass er im Sheol treibt.

Mich bekümmert nur, dass ich mich im Kreis bewege und ein und dieselbe Geschichte in immer wieder neuen, geringfügigen Abwandlungen durchleben muss, die allesamt damit enden, dass ich allein bin, von meinen Frauen verlassen. Wenn mir das System nicht ab und an einen Brosamen aus den Entertainmentkanälen überlässt, werde ich nichts Neues mehr erleben und auf ewig im Kreis meiner Erinnerungen treiben.

Eigentlich bin ich längst tot und vegetiere nur noch in einem Zwischenreich vor mich hin. So wird es von nun an bleiben.

»Ich liebte den Großen Bruder«, sagt O’Brien am Ende von »1984«. Und in »Replay« betont Rosen:

Ich liebe, was wir geschaffen haben. Ich liebe das UniCom, und wenn ich entscheiden müsste, was ich am meisten an diesem technischen Wunderwerk liebe, dann dies: Dass ich jeden Morgen im Paradies erwache.

Die perfekte Diktatur ist wohl jene, der es gelingt, allen das Gefühl zu geben, frei zu sein und jeden Morgen im Paradies zu erwachen. Aber wenn die Illusion auch perfekt sein sollte, bliebe es dennoch eine Diktatur.

Das Rheinland für Touristen

In marktgängigen Reiseführern und auch in (vornehmlich kulinarischen) Fernsehdokumentationen über Vietnam und andere ferne Länder fanden wir nicht selten den Hinweis, die Menschen dort ernährten sich sozusagen ganztags, unterbrochen nur von geringfügigen Arbeits- oder Schlafeinheiten zwischen den zahlreichen landesüblichen Mahlzeiten. Die Wendung vom sich dauerernährenden Exoten scheint bei Reiseführerautoren allgemein beliebt, ein rheinsein-Korrespondent teilte uns soeben mit, daß er genau die gleiche Aussage in einem Reiseführer über das Rheinland entdeckt habe. In Reiseführern steht, und das macht sie gewissermaßen spannend, gerne ohne genaue Trennmerkmale Nützliches mit grobem Unfug vermischt. Manchmal läßt sich beides auch nicht genau unterscheiden. So heißt es in einem englischsprachigen Guide über Köln etwa, sämtliche Sehenswürdigkeiten der Stadt lägen entlang der Stadtbahnlinie 13. Eine steile These, die aber bereits Befürworter findet und für ein erhöhtes Fahrgastaufkommen entlang der Gürtelstrecke sorgt. Auf der Fahrt zum LCD saß uns eine spanischsprechende Dreiergruppe junger Touristen im Zug gegenüber, deren einer in einem Reiseführer blätterte, welcher in schmalen Achtzeilenabsätzen übersetzt in etwa „Das Beste von Deutschland“ aufzulisten versprach. Gerade passierten wir das nächtlich beleuchtete Bayerkreuz über Leverkusen. Wir murmelten: Aspirin, Aspirin, deuteten zunächst zurückhaltend auf den Reiseführer, dann mit größerer Geste aus dem Fenster. Als sie das Bayerkreuz erblickten, begannen auch die Augen der drei Touristen zu leuchten. Aspirin, Aspirin, murmelten sie nun gleichfalls – und unser efemeres Beisammensein wurde geadelt durch den Anschein einer quasi-religiösen Zeremonie. Um dieses seltene Erlebnis abzurunden, traten wir einem der drei zum Abschied rein versehentlich gegens Schienbein und entschuldigten uns nett. Die Verblüffung seitens der Touristen war unbeschreiblich. Wir erwarten von Deutschland keinen Dank, seinen Ruf einmal mehr en passant, diesmal in der spanischsprachigen Welt, weiter aufgewertet zu haben – uns genügt wie stets die pure Gewißheit. Wir haben ja auch Glück. Denn die Reiseführer haben uns Deutsche in unserem Wesen bisher nur sehr mangelhaft erfaßt, was reichlich Spielraum für positive Überraschungen läßt.
Eine weitere Geschichte, welche manchen Reiseführerautor bestätigen dürfte, spielte sich jüngst im Rheinlandinnern in Grevenbroich ab, einer Gegend, die stark nach Rübenanbau aussieht und in der scheinbar unerreichbar weit draußen auf den Feldern stehende Braunkohlekraftwerke zur Wolkenproduktion eingesetzt werden. Die Geschichte rauschte durch den Blätterwald, aus dem wir sie übernehmen. Sie handelt von einer Einbrecherin, die ihre Einbruchshandlung jedoch für zwei ihrer zahlreichen Tagesmahlzeiten, nämlich den kleinen Hunger zwischendurch und das frühabendliche Barbeque, unterbrach. Der Rheinländer, hier: die Rheinländerin gehorcht, das ist allgemein bekannt, den Vorschriften seiner, hier: ihrer inneren Uhr. Die Einbrecherin futterte also auf die Schnelle dies und jenes aus und in der fremden Küche, als sie von den heimkehrenden jugendlichen Kindern des Hauses überrascht wurde. Welche sie jedoch völlig ignorierte, um, die Zeit fürs typische frühabendlich-rheinische Barbeque war soeben angebrochen, im Garten einige Würstchen auf den Grill zu legen. In dessen nächster Umgebung sie festgenommen wurde. Nach Auskunft der Polizei gab die Frau bei ihrer Vernehmung zu, in das Haus eingebrochen zu sein, weil sie Hunger gehabt habe. In der Küche habe sie zwei Croissants, ein Brötchen, Zwiebeln, Tomaten, Mortadella und Leberwurst gegessen. Außerdem hatte sie sich am Sekt bedient.
Touristen, die das Rheinland besuchen wollen, seien erstaunliche Erlebnisse versichert. Kommen Sie nach Köln und fahren Sie einen Tag lang die Linie 13 auf und ab! Berichten Sie uns von Ihren ungewöhnlichen und aufregenden Erlebnissen! rheinsein dankt vorab.

Die Geisteswissenschaften sind ein Zug

Das Folgende habe ich als Antwort auf einen Kommentar geschrieben, fand es dann aber so lecker, dass ich es noch einmal widerkäue und dabei ein wenig anreichere.

Die Geisteswissenschaften sind ein Zug, der immer in voller Fahrt ist und der niemals anhält, um Studierende oder anderweitig interessierte Reisende aufzunehmen. Es kommt auch kein Schaffner, der einem erklärt, dass die Fahrkarte für Derrida mindestens Freud und Platon und Aristoteles ist. Auch wenn er käme: man sitzt ja gar nicht drin, sondern steht draußen auf dem Bahnhof, der Zug fährt mit 200 Stundenkilometern vorbei und was immer der Schaffner sagt, man versteht kein Wort. Und selbst wenn man es verstünde: in einer einzigen Sekunde ist der Zug schon wieder weg, und man kann mit diesem kleinen Informationspartikel, das man aufgeschnappt hat, nicht viel anfangen. Man steht auf dem Bahnhof und denkt: Derrida ist mir einfach eine Nummer zu schnell und auch zu schnell wieder weg. Wenn man aber das Glück hat, innendrin zu sitzen, dann denkt man bisweilen, wenn man rauschaut: Grandios!

Die Welt da draußen, die ist, wenn man mit dem Zug durchfährt, nicht weg. Die Welt ändert sich nur ein wenig. Deswegen fährt man ja mit dem Zug. Nicht weil man irgendwohin will, sondern weil die Welt sich ändern soll! Weg geht sie davon nicht. Weg sind nur die Bahnhöfe und Haltepunkte.

Es gibt nur eine Welt, aber sie brauchen zwei Worte um sie zu betreten!

Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.

Anton Reisers Auffinden

Es spukt in manchen Häusern mit einer ganz besonderen Kraft ich weiß nicht wie ich das gesehen habe als der französische Ger=manist Robert Mindler ein Exemplar des Anton Reiser im Pferdekarren eines Antiquariats fand (schlossen mir die Augen) im Dorf : Beschneidungsrituale, Hochzeitsfeste, die Erste Nacht, Götzenanbetung, die Saftpresse mußte ihre Arbeit streng verrichten. Und die Musik denn der Zauber der Musik ist wie der Zauber der Liebe voller Wunder und Symbole und wer das eine nicht hat kann das andere nicht finden und der Nachhall der Töne ging noch säuselnd durch die Herzen der Versammelten. John Wilmot Earl of Rochester krönt einen Affen zum Dichter es ist doch eine so aufrecht versoffene und verhurte Zeit wie man sich nur wünschen kann da benötigen wir keinerlei Pferde vor den Kutschen des Buches, vor dem Verständnis für die wirklich wichtigen Dinge von denen in den Schrebergärten geheuchelt wird, ich bin nur dann wenn du mich betrachtest (gehe ich aus diesem Zimmer habe ich nie existiert) Thamyris /dem die Musen in einem Wettstreit den er verlor die Leier zerbrachen und das Augenlicht nahmen, das ist mehr als die Influenca weil man früher an den Einfluß der Sternkonstellation auf den Ausbruch der Epidemie glaubte und jetzt ist die Katastrophe (unsere Welt) ein Ergebnis des Wissens das expansiv ist und nicht konservierend wie der Mythos ich sprang nicht, aber etwas in mir sprang jedes Mal wenn ich mich in einer ähnlichen Situation befinden sollte (am Entsetzlichsten ist was sich durch Masse definiert) wir sind so viele Wege gegangen daß sie sich durch Gehen auflösten im Gras verschwanden und nur noch in der Mitte herumgondelten. Ich habe dann dein Blumenkleid betrachtet (und ich gestehe, ich habe es auch angehoben) aber es war zu spät, ließ mich nicht ein, deutete auf die Nacht, es ist sehr spät, nicht wahr ? so gingst du zu den Anderen und ich konnte das Kleid nicht mit dir teilen, sagtest, es müsse allein an dir haften bis das Fest sich niederlegt und die Gesellschaft in alle Winde ob mit ob ohne Pferde Kutschen Windjammer Taschentuch zum Tränen good bye schütteln. 1 Windhund benetzte die Stiefel die Spuren, da sind Pfützen entstanden Regen nach oben (andauernd tropft es aus der Erde) die Pferde trinken die Narren. Trinken sich Durst an und Swedenborg sah in allen uns umgebenden Geschöpfen Pflanzen Tieren Mineralien geistige Dinge ich in Worten.

Standort : Walldürn 1988, Waldkapelle umgeben von eigentümlichen Luftzirkulationen, die bei jedem Wetter zu messen sind.

ÜBERTRAGUNGSHÄUTE. (Verlorene Fiktionen)

Verzweifelt wühlend: Ich öffne eine Datei in meinen Ordner-Wust. Titel: Die neuen Übertragungshäute. Sie enthält: Nichts. Zitternde Membrane. Ergebener Sex, vergebens? War das ein Thema? Ich weiß es nicht mehr. Ein anderer Ordner, ein Briefentwurf, niemals versendet, fiktive Absenderin, unbekannter Empfänger. Welche Geschichte verbirgt sich dahinter? Wer schrieb das?

Als wir uns leibhaftig trafen, wagte ich nicht Sie anzuschauen. Sie zogen mich nicht an, wahrhaftig nicht. Ich verstand es, mich zu hüten. Nie hätte ich zugelassen, dass Ihr Blick mich dort trifft. Das wussten Sie schon, oder? Andererseits: Ich sorgte immer für Zeugen, ganz unverfänglich. So wagten Sie sogar einmal, Ihre Hand auf meinen Schenkel zu legen. Doch glaube ich sicher, Sie taten das bloß aus Gewohnheit. Mich nahmen Sie gar nicht wahr. Ein weibliches Bein, das nur spannte, wenn ich die Augen schloss. Ich habe auf Ihre Hände nie gesehen. Dabei achte ich sehr auf Hände: Zarter Flaum auf dem Handrücken lässt mich zittern. Am Fenster standen wir, ein einziges Mal allein, erinnern Sie sich? Es gewitterte nicht. Da hätte ich beinahe…Doch ich bin still. So begehre ich. Sie kennen mich nicht und erkannten das nicht. Allenfalls… – war ich nicht nach Ihrem Geschmack. Ob mich das kränkt? Kaum, denn ich bleibe nicht unbefriedigt. An jenem Abend traf ich später draußen Herrn G. Er legte mich ohne Zögern aufs Gras. Doch hätte ich  gerade Sie gerne einmal schaudern sehen. Es steckt ein grausamer Zug in mir, den ich sorgsam verberge. Verzeihen Sie, dass ich Sie niemals belästigte. Ich muss lächeln, wenn ich das schreibe. Denn ich sehe Sie vor mir, wie Sie vor einer anderen knien und mit Ihrer Zunge deren Perle umkreisen. Darin liegt für mich ein sonderbares Glück: dass ich mir IhrVergehen so deutlich vor Augen führen kann. Fragen Sie nicht, was ich mir einbilde.Sie werden diesen Brief niemals erhalten. Jedoch einen anderen, das versteht sich. Wir bleiben einander gewogen.
Leben Sie wohl. ( Und bitte, bei Gelegenheit, senden Sie mir den Schal, den ich im Hotel vergasz und den Sie, wie man mir sagte, an sich nahmen.)
(Nicht) Die Ihre
S.

PS: Sie nannten mich eine Schlange, mein Lieber, ich gebe das Kompliment zurück!

Eine Erzählung, die ich verdrängt habe. Man soll nicht glauben, dass nur die Realität verleugnet werden müsse. Es sind die Fiktionen, denen sich kaum eine zu stellen traut. Mein Heldinnenmut ist (leider?) begrenzt. Die Fabelwesen wirkten daran, an dieser Geschichte, wie an anderen.  (Wildermuths Elbin auch, deren Versteinerung von Alters her beschlossen ist.) Das kann nicht weiter gehen, so. Ein Ende. Ist nicht in Sicht. Aber geboten.

Ich errichte mit Fleiß eine Wolken-Wand. In der Cloud sammeln sich die mythischen Wilden, denen mein Hirn (im Höschen) und mein Blog nicht gewachsen sind. Eine Form. Findet sich dafür nicht:
Wildermuths Elbin – die vorläufige Gestalt der grausamen Liebesgeschichte des schönen Mannes mit dem unmenschlichen Weib: Von Wundbrand zu Wundstarre. Als Word-Datei: Hier:

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