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„Dichten heißt, sich ermorden“

Sentimentalitäten muß man sich nicht nur leisten können, sondern sie sich auch gestatten dürfen. Mir machen sie keine Freude, also verkneife ich sie mir gemeinhin, allerdings vor allem deshalb, weil sie mir geradezu körperliche Schmerzen verursachen. Meist geht, erinnere ich mich intensiv oder auch in unwillkürlichen Tagträumen an Vergangenes, ein scharfer Riß von unten nach oben durch mich hindurch. Friedrich Hebbel schreibt: “Unser Leben ist der aufzuckende Schmerz einer Wunde” (Tagebücher. Nr. 2294) und meint unter Umständen eben dies. Dabei sind es ja keineswegs schlimme Erinnerungen an das Frühere, sondern oft solche, die eher angenehm sein könnten. Hebbel war, wie ich bereits gestern schrieb, da von anderer Art, denn er führte ausführlich Tagebuch, um sich zukünftig erbauen zu können. (Der zweite Grund war, seinem künftigen Biographen einen Gefallen zu tun.) Natürlich werde ich mich anhand meiner kleinen Glossen in den Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen! später mal an Zurückliegendes erinnern können, und wer weiß, vielleicht dienen sie dann wirklich meiner Erbauung. Hebbel schreibt an einer Stelle aber auch “Dichten heißt, sich ermorden”, und sicher meinte er damit, die Gegenwart unwiderruflich zur Vergangenheit zu machen, sie im Wort abzulegen und damit zu verallgemeinern, loszulassen, sie der Nachwelt zu offenbaren. Der Dichter selbst stirbt somit jedes Mal ein klein wenig, aber er lebt dadurch auch fort, denke ich, denn er erringt sich ein unvorstellbar winziges Stück Unsterblichkeit, was aber eben zu Lebzeiten ordentlich weh tun kann und sich anfühlen mag wie ein schleichender Selbstmord. Samuel Beckett betreibt eben dies in seinem Stück Das letzte Band. Da ringt einer mit seinem vergangenen Ich, daß die Schwarte kracht. Keine schönen Aussichten.

borges und die möwe

text: dong 13. September 2012

skizze zeichnung sequenz

niemand hatte die möwe gefragt
niemand kehrte den morgen weg
entfernte die gedanken an dieses eine leben

an einem tag (die sätze winkten,
die schreie der vergessenen retteten sich ans land)
ging borges seinen abschied holen
er zog ihm seinen mantel und sein gedächtnis über

herzklopfen in der luft
die nacht sagte irgendwer
bleibt bei den verstorbenen

da wuchs kein schnee der schmelzen musste
da waren keine armenviertel die
den durst und den hunger verteilten

da strahlte das meer wie begrabenes licht
in seine augen

mit worten dachte er
mit worten kann man das flüstern füttern
aber die möwe doch nicht

VERMISST. Großvaters blaue Kladde (2002)

„Nimm die Kinder, bitte! Geht weiter.“, sage ich. Mir rinnen Tränen die Wangen herab und hinterlassen hässliche braune Wimperntuschespuren unter meinen Augen. Dicht bin ich an die Vitrine herangetreten, damit es niemand sieht. Wenn sich aber einer seitlich hinter mich stellt, spiegelt sich für ihn mein aufgelöstes Gesicht im Glas vor den Kriegsgefangenenausweisen. Meine Mundwinkel zucken beim vergeblichen Versuch kein Geräusch zu machen. Das Schluchzen ist leise, aber B. hat es dennoch gehört. Er stellt sich hinter mich und sieht, was er nicht sehen soll. Ich will jetzt keine Frage danach, was los ist. Ich will, dass er weiter geht, dass er die Kinder nimmt, bevor auch sie etwas bemerken. B. weiß nicht, was er tun soll. Der aggressive Ton verunsichert ihn,  er legt mir die Hand auf den Arm. Doch ich schüttele ihn ab: „Geh.“ Er ruft die Kinder; sie gehen hinüber in den nächsten Raum und ich bin allein vor dieser Vitrine im Haus der Geschichte in Bonn, in der ein grüner US-amerikanischer Kriegsgefangenenausweis ausgestellt ist: Prisoner of War, Camp Ashby, CA. Auf Großvaters grünen Ausweis, erinnere ich, war quer das Wort „Carpenter“ gestempelt.
Neben dem Ausweis liegt in der Vitrine eine dieser roten Postkarten, genau wie die, die  ich in den Händen gehalten habe: Die vorgedruckte Meldung an die Verwandten, dass einer in Kriegsgefangenschaft geraten ist und in ein Lager verbracht worden über den Ozean und einen fremden Kontinent nach Kalifornien. Ich habe Großvater niemals über die Jahre am pazifischen Ozean sprechen hören. In seiner unsicheren Schrift hatte er auf die Rückseite der roten Karte über das Vorgedruckte geschrieben: Dein Albert  Euer Vater. Das hatten sie ihm offenbar durchgehen lassen. Auf dem Ausstellungsexemplar  in der Vitrine sind nur die vorgesehenen Felder ausgefüllt. Ich versuche, die Linsen wieder scharf zu stellen: Ein Hermann, geboren 1907, hat diese hier gen Osten und über den Atlantik geschickt.  Albert, mein Großvater, wurde 1909 geboren, als jüngster Sohn seines Vaters. Wie ihre beiden Vorgängerinnen starb meine Urgroßmutter im Kindbett. An Mutters Stelle trat für ihn seine älteste Schwester Grete. Neunzehn Jahre alt war sie bei seiner Geburt. Im Kindesalter hatte er eine schwere Hirnhautentzündung und konnte fast ein Jahr lang die Schule nicht besuchen. Die Grete hat sich um ihn immer noch ein bisschen mehr gesorgt als um ihre anderen Geschwister. Albert, mein Großvater,  war in der Schule nach der langen Auszeit durch die Krankheit hinter seinen Kameraden zurück geblieben. Mit 14 Jahren ging er bei einem Großonkel in die Schreinerlehre. Meine Knie zittern. Ich suche nach einer Sitzgelegenheit, finde keine. Aber der Weg zur Toilette ist ausgeschildert. Dort kann ich mich einschließen und ausheulen.
Es hat mir nie jemand erzählt, wie Großvater Emma kennenlernte. Vielleicht hat es auch keiner gewusst von denen, die überlebt haben. Aber alle, die sie noch zusammen gesehen hatten, sagten, es sei eine große Liebe gewesen. Emma war anders als die anderen Frauen aus dem Dorf. Sie kaufte sich in der Stadt Zeitschriften und schneiderte sich die neueste Mode nach. Um den Hals legte sie sich einen Fuchspelz. Ihre schmalen, eleganten Kostüme bedeckten gerade die Knie. Doch ich kenne kein Foto von ihr aus jenen Jahren, als sie noch ledig und kinderlos war. Sie war vier Jahre älter als Albert. Mit der geraden, langen Nase, der hohen Stirn und dem länglichen Gesicht entsprach sie einem Schönheitsideal, wie Henny Porten es geprägt hatte. Bei den Kundinnen waren ihre Kreationen beliebt; sie selbst, hat man mir erzählt, eher nicht. Die Leute fanden sie hochnäsig mit ihrem Pelz und in den figurbetonten Kostümen. Auch als sie schon zwei kleine Mädchen hatte, arbeitete sie von zu Hause aus als Schneiderin weiter. Das war nötig, denn Großvater hatte für sie ein Haus gebaut, das abbezahlt werden musste und die Erlöse aus seiner Schreinerwerkstatt langten dafür nicht. Ihr scheint das nichts ausgemacht zu haben. Auf den Fotos berühren sich die beiden nicht, aber sie stehen ganz eng bei einander und ihr Stolz reicht hin, um seine Scheu, sein sanftes Lächeln um ihre Strenge auszugleichen. Auf dem letzten Foto, das die vier zusammen zeigt, steht meine Mutter, damals vier Jahre alt, neben ihrer Schwester, beide tragen sie weiße, spitzenverzierte Kleidchen, die Emma genäht hat. Albert trägt die Wehrmachtsuniform. Die beiden Erwachsenen sehen bedrückt aus, während die Mädchen in die Kamera lachen. Sie werden nie mehr zu viert vor einer Kamera stehen. Aber es wird nicht er sein, der fehlen wird.
Es ist nicht Trauer, begreife ich, als ich auf dem Klo sitze und die Tür von innen verriegele, weswegen ich weine. Ich kralle die Hände um den Rand des Deckels, auf den ich mich gesetzt habe. Ich möchte zuschlagen, irgendetwas entzwei hauen. Es ist Wut, pure Wut. Ich habe Emma nicht gekannt. 1944 ist sie bei einem Bombenangriff der US-Armee auf die Kreisstadt verschüttet worden. Ich weine nicht um sie. Ich weine wegen ihrer Schwester Minna, die die blaue Kladde verschwinden ließ, den grünen Ausweis, die rote Postkarte und die Briefe von Margret und Röschen an ihren Vater. Nur die zwei oder drei  Fotos von Emma und Albert mit Margret und Röschen gibt es noch. Sie kleben im Fotoalbum meiner Mutter. Aber alles, was Großvater Jahrzehnte lang in der blauen Kladde versteckt hatte, ist weg. Die blaue Kladde war in Großvaters Sekretär in der Werkstadt eingeschlossen, wo die Leitz-Ordner mit den Rechnungen an seine Kunden und alle anderen wichtigen Dokumente, sein Pass, seine Gewerbebescheinigung, seine Handwerkerrolle lagen. Ganz unten fand ich die Kladde, ein mit blauem Stoff eingeschlagenes Buch, dessen linierte Seiten zur Hälfte in seiner schwer leserlichen, spinnenhaft dünnen Handschrift beschrieben waren. Manchmal, selten, stand der Rollsekretär offen. Ich habe nie gesehen, dass  Großvater die Kladde herausnahm, wenn ich bei ihm in der Werkstatt war. Ich fand sie erst, nachdem er gestorben war. Ich durfte mir immer den Schlüssel vom Bord in der Küche nehmen und niemand hat mich gefragt, wozu ich in die Werkstatt gehe, weil alle verstanden haben, dass ich mich an Großvater erinnern will, der für mich eine kleine Hobelbank gebaut hatte, an der Wand neben seiner großen und ein Bord geschnitzt, an dem meine kleinen Werkzeuge hingen und der die Minna überredet hatte, mir eine blaue Schürze zu nähen, gerade wie seine große Schreinerschürze, die er nur zum Essen am Mittag und spät am Abend auszog.
„Sie sin an Kopp un en Arsch.“, haben sie über uns gesagt. Aber er hat mir nie von Emma erzählt. Kein Wort. Meine Mutter hat immer behauptet, dass sie sich an kaum was erinnern kann aus der Zeit, bevor  Emma weg war. So spricht sie darüber. Sie sagt nicht: „Als meine Mutter gestorben ist…“ oder „Nach dem Bombenangriff…“ Sie sagt: „Meine Mutter war dann weg…“ Mein Großvater, erzählen die Leute, ist ein gebrochener Mann gewesen, als er aus Amerika zurückkam. Sie haben die Emma nicht gemocht,  aber keiner hat je einen Zweifel daran gelassen, wie sehr Albert sie geliebt hat und sie ihn auch. Wäre es anders gewesen, wäre sie ja auch nicht gestorben. Jeder hat es ihr gesagt, lassen sich die Leute aus und schüttelten noch dreißig Jahre später den Kopf, dass die Kreisstadt bombardiert wird und eine Mutter mit zwei kleinen Kindern nicht dahin fahren darf. Deshalb hat sie es heimlich getan, denn sie hat es nicht mehr ausgehalten. Albert war als vermisst gemeldet worden im Sommer 1944 und sie musste nach Monaten ohne ein Wort wissen, ob es etwas Neues  über ihn gab. Die Mädchen hat sie mit zum Bahnhof genommen und ihnen eingeschärft, dass sie im Häuschen am Gleis warten sollten bis sie zurück käme mit dem Abendzug. „Lasst euch nicht vor den Leuten blicken“, habe sie gesagt, erzählt die Margret. Emma ist niemals  mehr zurückgekommen. Margret und Röschen haben auf den Abendzug gewartet, der nicht kam. Die ganze Nacht haben sie gewartet. Am Morgen hat sie ein Großonkel gefunden und nach Hause gebracht. Der hat auch die Emma an ihrem Ehering identifiziert in der Kreisstadt, wo die Leichen oder das, was von ihnen übrig war, in der Turnhalle aufgebahrt wurden. Meine Mutter hat nie über diese Nacht gesprochen. Sie sagt, sie hat das vergessen. Sie war fünf Jahre alt. Die Margret war zehn.
Albert begann im November 1944 in die Kladde zu schreiben. Da war Emma schon zwei Monate tot. Das wusste er nicht. Er schreibt: „Geliebte Emma, wie es wohl den Kindern und dir gehen mag. Ich denke jeden Tag an euch. Wenn ich in unserem Lager vor die Türe trete, sehe ich das Meer. Das ist der pazifische Ozean. Es ist unendlich weit. Kannst du dir das vorstellen? Ich bin am Atlantik gewesen und nun am Pazifik. Du glaubst nicht, wie schön das Meer ist. Es reißt einem das Herz auf, wie weit der Blick drüber hingeht. Wie ich  es in der Bretagne zum ersten Mal gesehen habe, dieses unendliche Blau mit den weißen Kronen drauf, da dachte ich an dich. Wie anders es gewesen wäre, mit dir dort zu stehen. Du hättest das mit mir gefühlt, denn du willst auch immer mehr als das, was da ist. Aber ich habe den Hass in den Augen der Franzosen gesehen, an denen wir vorüber gefahren sind. Ich hatte nur eine Chance, das Meer zu sehen, nämlich als Söldner von einem Verbrechers andere Länder zu überfallen. Für Leute wie dich und mich ist es nicht bestimmt, ans Meer zu fahren, obwohl es doch Gott geschaffen hat für alle Menschen. Das hat mich bitter gemacht und mein Herz verschlossen, das grade noch so weit geworden war: Der Gedanke, dass du niemals das Meer sehen wirst, liebe Emma. Ich sehne mich so sehr nach dir. Ich wünschte, du könntest herkommen mit Margret und Röschen.“
Fast ein Jahr lang hat er jeden Tag Eintragungen in diese Kladde gemacht. Vokabellisten deutsch – englisch: the door – die Tür, the cabinet – der Schrank, Kirschholz – cherry wood, Kiefer – pine. An anderen Tagen füllt er die Seiten mit seinen Gewissensbissen: „Du sollst nicht schwören, sagt der Herr. So hat uns der Pfarrer gesagt. Ich habe mitgebaut an dem Podest für den Parteitag in der Kreisstadt. Als ich gefragt wurde, haben alle gesagt, das kannst du nicht ablehnen. Du hast meinen Kopf in die Hände genommen und mich beschworen: Wir brauchen das Geld. Wenn ich es nicht gemacht hätte, hätte es ein anderer gemacht. Das ist wahr, aber es ist auch wahr, dass mein Vetter Richard sich lieber ein Beil in den Fuß gehauen hat, als für das Pack zu marschieren. Du hast zwei kleine Kinder, Albert, hast du gesagt. Aber wir beide, Emma, haben gewusst, dass es nicht recht ist und deswegen haben wir wach nebeneinander gelegen und geschwiegen. Am Ende habe ich den Schwur auf den Führer geleistet , als sie mich zum Soldat gemacht haben. Du sollst nicht schwören, sagt der Herr, und dafür werde ich bezahlen müssen. Denn ich habe geschworen und den Schwur gebrochen. Bei der ersten Gelegenheit bin ich getürmt und zu den Amerikanern übergelaufen. So ist das nämlich, Emma. Ich habe nicht kämpfen wollen für diese Verbrecher und meinen Schwur gebrochen. Was ist schlimmer, einen falschen Schwur leisten oder ihn brechen? Die Amerikaner sind gut zu mir gewesen. Sie lassen mich arbeiten und es ist warm und schön hier. Außer das ich nicht raus kann und dir nicht schreiben darf, Emma. Wie sehr ich euch vermisse! Geliebte, dein Haar, wenn du es löst in der Nacht.“

Manche Seiten sind halb leer. Da hat er versucht zu dichten, der Mann, der mein Großvater wurde und den ich nie ein Buch lesen sah, außer der Bibel und auch aus der nur die Psalmen, die er gern hörte, wenn ich sie ihm vorlas. Schlicht und zuweilen ungelenk sind seine Reime.
„Ich seh dich über die Felder laufen Den Kirchberg herab in meine Arme Die Welt möchte ich für dich kaufen Ach, daß sich Gott meiner erbarme, Daß ich dich bald wieder an mich drücke Und sich füllt in meinem Herzen die Lücke.“
Ich habe geweint, jedes Mal, wenn ich in der Kladde gelesen habe. Diesen Mann habe ich gekannt, der das geschrieben hat. Das ist der Mann gewesen, mit dem ich in der Werkstatt gewesen bin, der Mann, der mit mir im Wald auf die Rehe gelauscht hat und mir vom Duft der Maiglöckchen geschwärmt hat. Das war der Mann, auf dessen Schoß ich gesessen bin und der mir Märchen erzählt hat. Wenn dieser Mann die blaue Schürze abgebunden und an den Nagel gehängt hat und hinüber gegangen ist von der Werkstatt über den Hof ins Haus, dann ist er zu einem anderen Mann geworden, einem dicken, verschlossenen Mann, dem kaum mehr zu entlocken war als „Ja.Ja. Nein.Nein.“ Das ist der Mann gewesen, den die Minna gehabt hat. Der Albert, mit dem die Minna verheiratet war, war ein Mann, der das Fett vom Braten gesäbelt hat, um sich eine Wampe wie einen Panzer anzufressen.
Meine Mutter erzählt oft, wie schlimm es für sie gewesen sei, nach der Rückkehr ihres Vaters plötzlich Mutter zu der Frau sagen zu müssen, die immer die „Gote“, die Tante gewesen war. „Die ganze Trepp´ bin ich e nunner gerannt, damit ich se net rufe muss.“ Es muss grimmig gewesen sein in der ersten Zeit in dieser neuen Hausgemeinschaft aus einem Mann, dessen Herz gebrochen war und einer Frau, die wusste, dass er sie nicht wollte, und zwei Mädchen, die ihre Tante Mutter nennen sollten.  Albert kam erst 1949 zurück aus Kalifornien. Für meine Mutter brach die Welt noch einmal zusammen, erzählt sie, als der so lang herbei geträumte Vater endlich im Hof stand, ein hagerer Glatzkopf in Lumpen. Sie erkannte in ihm nicht den Vater, den sie ersehnt hatte. Auch der Schwester war sie entfremdet, denn die war während dieser Jahre in Felbach beim Emmas Familie gewesen. Der Albert bestand drauf, dass die Mädchen bei ihm aufwachsen sollten. Die beiden Familien setzten sich zusammen und fanden eine vernünftige Losung. Die unverheiratete Schwester der Emma sollte ins Haus ziehen, um die Mädchen zu versorgen. Und damit alles „eine Ordnung“ hatte, heiratete der Witwer sie.
Von dem Mann, den ich gekannt habe und der Emma geliebt hat, gibt es keine Spuren mehr, außer jenen zwei oder drei Fotos im Fotoalbum meiner Mutter, die gestellt sind und auf denen sie einander nicht berühren. Deshalb sind mir die Tränen gekommen. Ich vermisse den Mann, der nie das Haus betrat, in das Emma 1944 nicht zurückgekehrt war. In der Werkstatt habe ich ihn kennengelernt und in seinem Sekretär hatte er mir etwas hinterlassen. Das bilde ich mir ein. Ich muss mir alles einbilden. Denn die Kladde, die abbricht an jenem Tag, an dem Albert die Todesanzeige von Emma erhält mitsamt den Briefen, die die Mädchen endlich an ihn schicken dürfen im Herbst 1945, ist verschwunden. Eines Tages, als ich sie wieder aus dem Rollsekretär nehmen wollte, war sie weg. Die Kladde und all die Briefe und der Kriegsgefangenenausweis und die Postkarte aus dem Lager. Jedes Wort, das ich hier geschrieben habe, ist erfunden. Es hat diesen Mann nie gegeben. Als ich die Minna nach der Kladde gefragt habe, hat sie behauptet, sie habe nie eine gesehen. Meiner Mutter habe ich versucht zu erzählen, was Albert geschrieben hatte. „Das glaube ich nicht.“, hat sie gesagt.“ Das bildest du dir ein. Mein Vater hat nie mehr als ein paar Sätze geschrieben und auch die nur geschäftlich.“ Alle haben immer so getan, als hätte ich mir das Buch in der Werkstatt nur ausgedacht, um mich interessant zu machen oder weil ich den Großvater so sehr vermisse.
Ich war zehn Jahre alt, als Albert gestorben ist. Ich war elf, als die Kladde verschwand. In all den Jahren habe ich selbst manchmal gedacht, dass ich mir nur eingebildet habe, in Großvaters Sekretär habe ganz unten dieses blaue Buch gesteckt. Und dann lag er vor mir in der Vitrine in Bonn, der Ausweis, den ich wiedererkannte: Prisoner of War, Camp Ashby, CA. Großvater war in Kalifornien, von wo er eine vorgedruckte rote Karte nach Hause schickte an Emma, Margret und Röschen. So war es doch. Ich sehe die Minna in ihrem geblümten Kittel in der Tür zur Werkstatt stehen und mich zum Essen rufen. Schnell stecke ich die Kladde ins unterste Fach des Sekretärs zurück. Die Minna zieht die Schultern immer zusammen; sie muss sich anscheinend dauernd zusammenreißen. Nur einmal habe ich erlebt, dass sie sich gehen lässt. „Das ist mein Mann“, hat sie geschrieen, ganz zum Schluss, als der Albert gestorben ist. Aber er hat nicht mehr nach ihr gefragt. Von jedem Enkelkind hat er einzeln Abschied genommen, von seinen Töchtern auch. Nur nach ihr hat er nicht verlangt.
Ich pudere mir das Gesicht vor dem Spiegel in der Museumstoilette und ziehe den Lidstrich sorgfältig nach. Minna ist jetzt seit zwei Jahren im Altersheim und seit einem Jahr nicht mehr ansprechbar. Ihre Wohnung habe ich zusammen mit meiner Mutter ausgeräumt, Ich habe alle ihre Schränke durchsucht. Da war keine Kladde. Vor der Tür der Toilette wartet B. mit den Kindern. Sein Blick sucht den meinen. Ich nicke ihm zu. Am Abend nach der Rückkehr aus Bonn rufe ich meine Mutter an und lenke das Gespräch auf Großvaters Cousin Richard. Sein linker Fuß ist verkrüppelt, solange ich ihn kenne. Ich frage meine Mutter, wie das passiert sei. „Ein Unfall“, sagt sie, „das weißt du doch, beim Holzhacken.“ Das haben alle immer gesagt. „Wann war das?“ „Weiß ich nicht mehr genau. Da war ich selbst doch noch ein Kind. Das muss gewesen sein, bevor meine Mutter weg war.“ Wochen später bei einer Geburtstagsfeier setze ich mich neben Richard. „Hast du Schmerzen in dem Fuß?“, frage ich. „Immer noch. Immer wieder.“ „Das war unglaublich mutig von dir.“ Er schaut mich überrascht an. „Was?“ „Dir in den Fuß zu hacken, damit du nicht für die Nazis kämpfen musst.“ Richard packt mich am Arm. „Das hat nur der Albert gewusst, wie es wirklich war. Hat er dir das erzählt?“ Da kommen mir noch mal die Tränen und ich muss wieder aufs Klo flüchten, bevor jemand was merkt.

summenlicht

22. August 2012

pic

himalaya : 03.15 – Über meinem Schreibtisch brennt seit einer Stunde ein warmes Licht, elektrisches Feuer, welches einem Glaskolben entkommt, in dem sich weitere kleinere Glaskolben befinden. Diese kleineren, unsichtbaren Glaskolben erzeugen das eigentliche Licht, das als Summenlicht durch das milchige Glas zu mir in den Raum entkommt. Ich dachte gerade eben noch, als ich eine Konstruktionszeichnung meiner neuesten Leuchtbirne betrachtete, dass sie Lichtbeeren enthält, Lichtkirschen genauer. Auf einem weiteren Zettel war das schöne Wort Lumen verzeichnet, außerdem der Hinweis, ich könnte meine Lampe 12000 Male ein und wieder ausschalten, ohne dass mein neues Licht daran zu Grunde gehen würde. Noch viel erstaunlicher war mir vorgekommen, dass der Lichtkörper, den ich erworben hatte, 25 Jahre leuchten wird. Eine erstaunliche Aussage. Sie ist in einer Weise verzeichnet, als wäre ihre Grundlage Erfahrung. Ich habe mir gedacht, dass man vielleicht eine Möglichkeit gefunden haben könnte, die Zeit für Untersuchungen des Lichts derart zu beschleunigen, dass aus 25 Menschenjahren 2 Lampenmonate werden. Ich bekomme das noch nicht vollständig in meinen Kopf, insbesondere den Gedanken nicht, dass ich nach meiner ersten schönen Lampenbirne zu meiner Lebzeit höchstwahrscheinlich nur noch eine weitere Frucht dieser Art für gute Sicht über meinem Schreibtisch erwerben werde. – stop

:

ping

Die Blumen des Bösen: Relativiert

Als schwierigste Übung von allen: die Verbindung zu sich selbst nicht verlieren. Wer sich nicht regelmäßig ins Alleinsein begibt, ist gefährdet. Ah, die inneren Welten, ma chere! Wir müssen etwas suchen. Uns selbst. Oder wenigstens Gott. Wer weder das eine noch das andere sucht, wird Opfer von Information. Die ernten wir als Gefühle ab, bis die Speicher überquellen. Auch eine Sucht: Vorräte an Gefühltem anhäufen für entfremdete Zeiten.

[„Man will um seiner selbst willen geliebt werden, aber man wird nicht um seiner selbst willen gefickt“ sagtest Du kürzlich. Ich stand nur dabei. Verzeihung: Ich schreibe dies Wort nicht gerne hin. Doch so hast Du es nun mal gesagt, ma Sanssourir. Ich mag Dich nicht falsch zitieren.]

Überhaupt mag ich nicht falsch sein. Das macht den Blick ins Außen so kompliziert, denn der, zweifellos, ist immer gefärbt, unvollständig, niemals fair. Das Einzige, worüber ich frei verfüge, ohne Anderen Unrecht zu tun, ist mein Subjektives.
Niemand kreidet mir das so an wie ich selbst.
Da sterben Kinder. Da versickern Geldströme. Da wird Raubbau betrieben an Mensch und Moral.
Halt’ die verdammten Augen offen, sage ich mir. Verwende Dich für das Gute. Sei dankbar für F o r m, wo andernorts Chaos ist.

„Stell’ Dich nicht so an.“
Der Satz meiner Kindheit. Demut, Demut. Immer waren es die Umstände, zu denen das Empfinden in Relation gesetzt wurde. Ein eigenes, Umstandsloses, gab es nicht.
Wappne es sich vor Unverhältnismäßigkeiten, das Kind! An Deinem Hecheln wird man Dich erkennen.
Atme durch die Haut.
Sei relativ.

Heute Nacht träumte ich von einer Dame. Sie trug ein Hündchen am Busen. Es war welpig, einfach sehr klein und weich, mit zartesten schwarzen Locken. Und so lebhaft, es quirlte in ihren Armen. Ich versuchte, seine Augen zu erspähen, doch die waren nicht zu seh’n unter dem Fell. Stattdessen entdeckte ich ein nacktes, rosafarbenes Mal an des Hündchens Kehle, ein perfekt vernarbtes, kreisrundes Stück Haut, etwa so groß wie mein Daumennagel. Ich konnte den Blick nicht davon wenden.
„Ist das eine Gemme“, fragte ich die Dame.
„Oh ja“ erwiderte sie. „Es ist das Logo der Modelinie meines Mannes.“
Ich stellte mir vor, wie die Dame es jeden Morgen mit ihren manikürten Fingerspitzen einölte, damit es so glänzte tagsüber. Das Hündchen, ich hätte es gerne zu mir genommen.
Als Erstes hätte ich nachgesehen, ob es Augen hat.

Hackergrüße aus Malaysia

Hacker-Konsole für Passwort-Klau
Hacker-Konsole »Shell.CA.2«, mit der so ziemlich alles im angegriffenen System machbar ist

••• Aus Fehlern lernt man, heißt es. Nun, es müssen nicht unbedingt die eigenen sein. Ich habe Fehler gemacht und lade euch ein, den Erkenntnisgewinn mit mir zu teilen, bevor es euch selbst trifft.

Vor einigen Wochen wurde der Server, auf dem neben dem Turmsegler noch diverse andere Websites befreundeter Künstler beheimatet sind, von islamistischen Hackern aus Malaysia angegriffen. Anlass war den muslimischen »Freunden« der Beginn des Fastenmonats Ramadan. Dass auch mir der Appetit vergangen ist, als ich morgens per SMS die Meldung bekam »Meine Website wurde gehackt!« — kann man sich denken. Noch mehr vergällt war er mir, als ich das Ergebnis sah: Antisemitische Hass-Banner auf den Homepages der betroffenen Sites.

Obwohl ich sofort einschreiten und vom Handy aus den Server vom Netz nehmen konnte, war der Schaden bereits beträchtlich. Es hat eineinhalb Tage gedauert, die Sicherheitslücke zu identifizieren und zu schließen, den Schaden zu beseitigen und das System durchgängig mit neuen Account-Passwörtern zu versehen.

Nun ist es einerseits peinlich, wenn man einräumen muss, den Hackern eine Tür offen gelassen zu haben, durch die sie eintreten konnten, um solchen Schaden anzurichten. Andererseits denke ich mir, nachdem ich nach nun mehr als vier Wochen wieder sicherem Betrieb, den Schrecken überwunden habe, dass es ein lehrreiches Beispiel für andere Site-Betreiber sein kann, wenn ich an dieser Stelle einmal erzähle, wie die Hacker eingedrungen sind, welche Tools sie verwendet haben und was alles sie damit sonst noch hätten anstellen können.

Die meisten Websites auf meinem Server verwenden das Content Management System (CMS) WordPress. Es ist auf Millionen Installationen weltweit erprobt, wird regelmäßig aktualisiert und gegen mögliche neue Angriffsvarianten gehärtet. Das schützt den Anwender jedoch nur bedingt. WordPress erfreut sich unter anderen deshalb so großer Beliebtheit, weil es durch Plugins für jeden denkbaren und undenkbaren Einsatzzweck erweitert werden kann. Ich selbst habe Plugins für WordPress geschrieben, MintPopularPostsWP und RearviewMirrorWP beispielsweise für die »Rückspiegel«-Funktion wie hier im Blog. Gelegentlich verwenden die Entwickler solcher Plugins ihrerseits Komponenten von Drittanbietern — bspw. Flash-Komponenten für die Bereitstellung von Upload-Funktionen.

Ein solches WordPress-Plugin, im Einsatz auf zwei der betreuten Websites, war das Einfallstor. Das Plugin nutzte eine vom Entwickler nicht korrekt konfigurierte Flash-Upload-Komponente. Diese ermöglichte es nicht nur — wie vorgesehen — Bilder auf den Server zu laden, sondern auch ausführbaren Skript-Code und das auch noch für beliebige unangemeldete Benutzer. Ein Konfigurationsfehler meinerseits gestattete die Ausführung von Skript-Code aus Verzeichnissen, die das Plugin für Uploads nutzte.

Die Hacker haben einen Automaten verwendet, der stumpfsinnig WordPress-Websites weltweit nach dem fehlkonfigurierten Plugin absuchte. Der Automat sandte einfach an die typische URL einen Upload-Request. Ist das Plugin vorhanden, landet so eine Hacker-Konsole (»Spy.CA.2« und »Spy.Prance.A«) als PHP-Script auf dem Server. War der System-Admin gewissenhaft, ist der Angriff damit zu Ende, denn aus einem Upload-Verzeichnis sollte der Server nie Code ausführen dürfen. Sollte. Der Automat prüft das, indem direkt im Anschluss versucht wird, die Hacker-Konsole aufzurufen. Gelingt das, ist der Server kaum noch zu retten. Ein Mensch übernimmt dann über die Konsole den Server.

In meinem Fall wurden zwei unterschiedliche Hacker-Konsolen verwendet. Die eine (s. folgendes Bild) dient zur Ausführung von beliebigen Shell-Befehlen unter dem OS-User, unter dem der Webserver läuft. (Gelegentlich, habe ich mir sagen lassen, ist das bei manchen Systemen auch mal der User root, der alles darf.) Aber auch, wenn man sich diese fatale Blöße nicht gegeben hat, ist es schlimm genug. Das »Turbopanel« unternimmt diverse Brute-Force-Attacken, um die Passwörter von OS- und Datenbank-Usern zu knacken.

Hacker-Konsole für Passwort-Klau
»Turbopanel«, Hacker-Konsole für Passwort-Klau

Darauf allerdings ist der Hacker, der die Konsole bedient, gar nicht angewiesen. Die »Super!«-Konsole aus dem Bild am Beginn dieses Artikels bietet dem Hacker nämlich Zugriff auf das Dateisystem des Web-Servers, soweit der OS-User, unter dem der Web-Server betrieben wird, dies lesen darf. In diesem Dateisystem finden sich nun auf alle Fälle die Konfigurationsdateien von WordPress, in denen u. a. die Datenbankverbindungen des CMS eingetragen sind. So kommt der Hacker in den Besitz von validen Datenbank-Benutzernamen samt Passwort. Einmal in der Datenbank, liegen dann auch die Accountnamen aller registrierten Benutzer offen, das CMS ohnehin, so dass die Websites im Handumdrehen mit Inhalten gefüllt werden können, die dem Hacker gefallen, dem enteigneten Admin der Website hingegen höchstwahrscheinlich nicht.

Ist man derart entkleidet, hat man einiges an Arbeit vor sich. Zunächst muss man die Sicherheitslücke überhaupt erst einmal finden und sie schließen. Dann ist festzustellen, wann genau der Einbruch erfolgt ist. Reparieren kann man vergessen. Will man sicher sein, keinen Schadcode und keine fremden Inhalte auf den Sites oder in der Datenbank zu haben, muss man ein Backup von Datenbank und Dateisystem einspielen, das vor dem Angriff erstellt worden ist.

Damit ist es aber nicht getan. Immerhin muss man davon ausgehen, dass die Hacker sich nun im Besitz der Account-Informationen von Weblog-Nutzern und Datenbankbenutzern befinden. Also müssen alle Passwörter für diese Accounts geändert werden.

Die meisten CMS ermöglichen es, dass ein einmal angemeldeter Benutzer künftig über einen Cookie erkannt wird und sich so nicht bei jedem Besuch neu anmelden muss. WordPress bietet dieses Feature ebenfalls an. Nach einem Hacker-Einbruch muss es deaktiviert oder aber auf anderem Weg sichergestellt werden, dass alle bisher generierten Cookies ihre Gültigkeit verlieren. Bei WordPress ist dies möglich, indem die Kryptographieschlüssel geändert werden. Andernfalls braucht sich der Hacker während der Attacke nur einmalig gültig angemeldet zu haben, um später bei weiteren »Besuchen« über den Cookie als valide angemeldeter Blog-Benutzer erscheinen zu können. Wirklich sicher ist die Änderung der Schlüssel jedoch nur, wenn man ausschließen kann, dass Benutzer-Passwörter zu den Blog-Accounts entwendet wurden. WordPress speichert alle Passwörter verschlüsselt. So soll es auch sein. Ob diese Verschlüsselung für einen wirklich ambitionierten Hacker ein echtes Problem darstellt, mag ich nicht beurteilen.

Ins Merkheft geschrieben: Was sollte man auf jeden Fall berücksichtigen, wenn man einen Server im Internet betreibt?

  1. Tägliche Backups vom Dateisystem und den Datenbanken müssen vorhanden sein.
  2. Tägliche Backups vom Dateisystem und den Datenbanken müssen vorhanden sein.
  3. Tägliche Backups vom Dateisystem und den Datenbanken müssen vorhanden sein.
  4. Alle Komponenten vom Betriebssystem über die Server-Software bis hin zu Plugins müssen auf aktuellem Stand gehalten werden, so dass Sicherheitslücken, die den Entwicklern bekannt geworden sind und von ihnen geschlossen wurden, auch auf dem eigenen System geschlossen werden.
  5. Server-Software (Web-, Mail-, Datenbank-Server etc.) müssen unter unterschiedlichen minderberechtigten OS-Usern laufen und keinesfalls unter dem User root.
  6. Ermöglichen Komponenten den Upload von Inhalten auf den Server, muss verhindert werden, dass es sich dabei um ausführbaren Code handelt oder bestehende Inhalte gleichen Dateinamens überschrieben werden können.
  7. Der Web-Server muss so konfiguriert werden, dass er in keinem Fall Code aus Verzeichnissen ausführt, die für Uploads freigegeben sind.
  8. Es empfiehlt sich der Einsatz einer Software, die das Dateisystem des Webservers überwacht und den Admin benachrichtigt, wenn sich im Dateisystem bislang unbekannte Inhalte finden, insbesondere Dateien mit ausführbarem Code.

Punkt 4, 6, 7 und 8 waren auf meinem Server nicht erfüllt. Das besagte Plugin war seit zwei Jahren nicht aktualisiert worden. Die Sicherheitslücke (Verstoß gegen Punkt 6) war dem Hersteller des Plugins bekannt und bereits seit 1 1/2 Jahren durch eine neuere Softwareversion geschlossen. Mein Web-Server erlaubte die Ausführung von Code aus Upload-Verzeichnissen, und ein Monitoring des Dateisystems gab es nicht.

Selbst schuld also. Erkenntnis durch Schmerz.

Es würde mich interessieren, welche Blog-Betreiber unter den Turmsegler-Lesern alle 8 Punkte beruhigt abhaken können. Eine Google-Recherche am Tag des Angriffs zeigte, dass tausende WordPress-Weblogs in aller Welt an diesem Tag auf die gleiche Weise von den gleichen Hackern übernommen worden sind. Google hatte die gefälschten Inhalte bereits indiziert. Und da Hacker auf spezifische Weise eitel sind, haben sie in den Hass-Seiten Fingerabdrücke hinterlassen, um ihren weltweiten »Erfolg« auch belegen zu können.

Jetzt sind hier die Schotten dicht, nun ja, nach aktuellem Kenntnisstand. Besucher aus Malaysia müssen ab sofort übrigens draußen bleiben. Sorry, aber wenn die entsprechenden Provider auf Meldungen über Hacker-Angriffe via IP-Adressen aus ihren Pools nicht einmal reagieren, geschweige denn Maßnahmen ergreifen, dann bleibt einem nichts anderes übrig, als die Rote Karte zu ziehen.

septemberränder: 1

(„inmitten unserer Worte – / ein Loch,“ – Klavki)

als löste sich der vollmond in gesalznem
und streute schwarze schlacken in sein weiß,
dass bunt nicht würden blätter, in verhaltnem
kröch aus sommerschwangren herbst. und leis

wär erster schrei aus solchem jung gebornen
wort, sein schlund noch fruchtverwässert, schweiß,
der tröpfe reifen birnen, den vergornen,
als alkohol in den gebannten kreis.

als sänken sterne, gingen nicht mehr auf.
sie wären chiffren nur und darin sprache,
die nähm in hieroglyphen ihren lauf,

nicht hürden, sondern weg zu überspringen,
den breiten fluss nicht, meer nicht – doch in lache,
in pfützenteichen spiegelnd sich zu finden.

Expedition zur Rheinquelle (5)

Der Tomasee hatte bergumstanden-bergespiegelnd etwas religiöses, gar kirchliches, jedoch nicht von einem Ort der Einkehr, sondern eher von einer touristisch stark frequentierten Kathedrale, also außerhalb der Gottesdienst- bzw Zufluchtszeiten. Zwar verteilten sich die Pilger um den kathedralen See herum sehr ordentlich (wurden beim Umrunden hinter Steinen und in den Matten, bis fast hin zum Verschwinden, immer kleiner) und standen sich hauptsächlich beim Einstieg (in voller Größe) auf den Zehen herum, doch waren z.B. die Felsplatten, auf denen sich über den austretenden Fluß bewegen (oder sozusagen mitten in den Rhein setzen) ließ, stets von Neugierigen bevölkert, zumal wir feststellen durften, daß sie zu einem zweiten Aufstieg/Abstieg führten, als Teil eines Wanderwegs, den wir ungelenk ein paar Meter über ein kleines grobkörniges Schneefeld hinabschlidderten, dieweil der Rhein zu unsrer Linken mit lässigem Drang über den Schotter glitt. Der Blick fiel dabei aus dem engen Flußlauf hinab ins besonnte Tal. Da stellte sich ganz unvermittelt ein Gefühl ein von Aufbruch und In-die-Ferne-ziehn. Das Wasser dünkte uns ein gerade mündig gewordener Sohn, der sich nun davonmacht in die weite Welt. Schmerzlichkeit und gute Wünsche. Anteile von Erlösung. Das Wissen um das so unwahrscheinliche wie zwangsläufige Anschwellen dieses frischen Bächleins zu einem wallenden, tödlichen, industrieguttragenden Strom voller Schlamm, Geröll und Öl, seine Auflösung in der Nordsee und schließlich im Wasserkreislauf. Sein Aufblühen und Scheitern. Lebenswege, Energieerhaltungssätze. Dann wieder, mit um 180 Grad gewendetem Blick auf den ruhigen See, ging uns durch den Sinn, daß das Markieren eines Quellpunkts am ehesten wohl dem menschlichen Bedürfnis nach Handfestigkeit und Verläßlichkeit, auch nach Selbsttäuschung entspräche, daß wir stattdessen lieber die zwonhalb Schmelzbäche oberhalb des Tomasees als eigentliche Rheinquellen betrachten sollten und davon ausgehen, daß zu andern Jahreszeiten auch mehr als zwonhalb oder weniger als zwonhalb Schmelzbäche in den Tomasee hinbabfließen dürften, daß also die Quellen des Rheins unfaßbar oder nur efemer greifbar, besser durchgreifbar bleiben (eben so, als wolle man Wasser „für immer“ in der eigenen Faust einfangen), daß sie auftauchen und verschwinden ganz wie es ihnen beliebt, wenngleich dabei zunächst nur vom Vorderrhein die Rede wäre und nicht vom Hinterrhein, den es ja auch noch gibt und ohne den in Betracht zu ziehen ein Rheinquellenempfinden immer unvollständig bleiben wird, eben so, wie es nachher in TV-Dokumentationen manifestiert daherkommt, die stets den Tomasee als Rheinquelle ansteuern/anbieten, wohl weil dort immerhin ein hübscher See zu sehen ist, aus dem ein Bach austritt, ein Flüßchen, dieweil am Hinterrhein das Ansteuern der „Quelle“ vermutlich am Gelände scheitert, in dem der Weg versickert (in Geröll aufgeht), von dem also bis auf weiteres angenommen werden darf, daß auch seine Quelle beweglich sein könnte, in etwa so beweglich wie der Gletscher, der sie behaust. Die Geisterhaftigkeit unsichtbarer Quellen, ihre selbstmythisierende Geistigkeit. Animus, anima, animum. Kernschmelze. Welt aus Welt, Wasser aus Wasser. Strömen, Pulsen, In-sich-Tragen. Das Wasser, aus dem wir bestehen, polte sich an diesem Ort, so schiens uns, ständig um. Daß es vor der Existenz des Rheins einmal keinen Rhein gegeben habe und daß der Rhein erdgeschichtlich betrachtet ein äußerst junger Spund sei, ging uns durch den Sinn und die Erinnerung an die mit fassungslosem Schrecken geäußerten Worte einer gebildet wirkenden Dame im Regionalzug bei Unkel, daß der Rhein „einmal wieder weg sein könnte, stellen Sie sich das nur vor!“

Am Abend ging es nach Sedrun, die Expedition mit Tujetscher Capuns zu beschließen, sowie mit Blutzcher und Marenghin, zwei sursilvanischen Biersorten mit Namen wie aus einem Beckett-Drama. (Neben Blutzcher und Marenghin existiert noch eine dritte sursilvanisch-beckettsche Biersorte: Rensch; die reimarme Landschaft um das Wort Mensch ein wenig zu beleben.) Die Radiosender verkündeten den heißesten Tag des Schweizer Sommers und daß es angesichts dieser Tatsache nicht mehr hip sei, Spritz zu trinken, wie noch im letzten Jahr, sondern ein Getränk namens Gustav oder Oskar oder Pascal, jedenfalls eins mit einem recht beliebigen Namen. Am Nebentisch saß ein Herr, der zu seiner Haxe immer abwechselnd einen Schluck Bier und einen Schluck Rotwein trank, was er sich beides in Literstärke bringen ließ: auch ein originelles Trinkverhalten, das es vielleicht in sieben bis neun Jahren, wenn Hipness unhip geworden ist, zum Radio-Sommertip bringen wird. Hinter den südlichen Bergen, dort wo wir das Tessin vermuteten, grollten Gewitterdonner wie das Geröhre streunender Großkatzen. Es hätte uns nicht gewundert, wäre über den Graten eine schwarze Pantherwolke erschienen. Wir strichen noch ein wenig durchs Dorf, bestaunten die abstrakt wirkenden Aushänge und versorgten uns mit andutgels und Sedruner Käse. In der Sonne, in der Erinnerung und durch das Bierglas gefiel uns die Gegend der vergangenen Stunden so gut, daß wir nach vollbrachter Expedition beschlossen, einen weiteren Tag in der Surselva anzuhängen, um wenigstens noch eines ihrer geheimnisvollen Nebentäler zu erkunden. Zurück im Hotel, das plötzlich einen seiner zahlreichen Ruhetage feierte, aber dennoch von uns bewohnt werden durfte, besichtigten wir die Stube mit ihren sursilvanischen Geweihvorkommen, den wunderbaren Stichen des alten Tujetsch, auf denen Tschamut noch kleiner als heute wirkte (eine ziemlich unvorstellbare, dafür umso besser gestochene Szenerie) und den fatalistischen Gästebucheintrag eines unbekannten Reimfreundes: „Grau, grün & blau die Bergwelt war / auch im zweitausendzehner Jahr“ (Ende)

Das Höllental des Paradieses ODER Ein Samois im Libanon

Jamesville (1). Das Reise- und Arbeitsjournal des Mittwochs, dem 25. Juli, auf den Donnerstag, den 26. Juli 2012.


Lounge der Zedern, Beirut-Rafic Hariri Int Airport

7.26 Uhr:
[Maison Cattechnian, 3.]
Ich kann Ihnen keine Bilder einstellen, werde gleich erzählen, weshalb. Denn selbstverständlich habe ich welche gemacht, doch werde, wahrscheinlich bis zu meiner Rückkehr nach Berlin, nicht darauf zugreifen können. Das Bild hierüber, die berühmte Zedernlounge, fand ich im Netz. Auf das ich, unter Aufsicht aber, Zugriff habe. Auch dieser Text hier wird durch die Hand eines Zensors gehen, unter dessen oder der Aufsicht eines seiner Adjutanten ich ihn später einstellen darf. So wurde mir bedeutet.
Man spricht hier nur Arabisch und ein Französisch, das ich aber meist nicht verstehe. Nur der Mann, der mich in der Zedernlounge empfing, konnte Englisch. Der Gräfin ließ sich nicht sehen, es gibt auch keine weitere Botschaft von ihm. Eine letzte, wenn man so will, erreichte mich in einem der für ihn typischen kleinen Billet-Umschläge direkt am Counter von Tegel, wo es erst eine gelinge Unsicherheit gab, weil man meine Buchung nicht fand. Das System liest das abgekürzte „von“ mit dem Punkt nicht, so daß ich immer als Vribbentrop eingespeichert werde; das klärte sich dann schnell, weil ich diesen Umstand schon gewohnt bin, aber mich weigere, den Prädikatszusatz auszuschreiben. Sowas tut nur, und muß es, der Kaufadel. Ich meine, w e n n man mich schon unter meinem Herkunftsnamen einbucht und nicht dem, unter dem ich für gewöhnlich lebe und arbeite. Doch vielleicht, vermute ich, will Le Duchesse auf diese Weise wenigstens abstammungstechnisch Verbundenheit herstellen; irgend einen Narren scheint er an mir ja gefressen zu haben.
Na gut, nebensächlich.
Ich war überpünktlich am Flughafen, schon um acht, obwohl ich diesmal nicht viel Gepäck dabeihab; der Rucksack ist leicht. Sind ja nur fünf Tage, und meine Surfs hatten ergeben, daß es im Libanon, wie auch zu erwarten, warm sein würde. Gegen 14 Uhr stand ich dann auch in den Gängen des Rafic Hariri Airports, dessen wenn auch nicht ganz so riesige Anlage sich durchaus mit Frankfurtmains vergleichen läßt; was ich so ebenfalls erwartet hatte. Es galt nur noch, die Zedernlounge zu finden. Ich mußte meinen Reisepaß vorzeigen, um eingelassen zu werden, dann aber war das problemlos. Etwa eine halbe Stunde saß ich herum, knipste, was das Zeug hielt, notierte banale Auffälligkeiten.
Dann wurde ich angesprochen.
Ein sehr arabisch gefärbtes Englisch von einem Araber, Libanesen wahrscheinlich, im Business-Anzug, ein weltlicher, nach Geld wirkender, durchaus hochgewachsener Mann, glattrasiert, Brille, das kurzgehaltene dunkle Haar wich schon von der Stirn zurück. Immerhin sprach er mich als „Mister Herbst“ an, nannte mich zwischendurch aber immer mal wieder „Monsieur“. Er bitte dafür um Entschuldigung, daß er sich verspätet habe, „all the traffic“, „tra:fik“ sprach er das aus, ich möge ihm bitte folgen. Ich bemerkte sie sehr wohl, die beiden Gorilla, die uns – also, zu seinem Schutz, wohl ihm – folgten. Sie verstellten sich auch nicht sehr. Mein Eindruck ist, daß hier vieles ganz offen gehandhabt wird, aus dem man in Deutschland Gewese machte. Die Gegenwart von Gewalt, Bereitschaft zu Gewalt, und nicht nur aus jüngsthistorischen Gründen, ist direkt unter der Haut spürbar; im arabischen Raum begegnet mir das immer wieder. Ich bin darauf gefaßt. Nicht gefaßt war ich darauf, mitten im Libanon in ein Stück vergangenen Europas zurückgebracht zu werden. Das hat für mein Empfinden einiges von einer Zeitreise.
Man erklärt mir nichts, wenn ich frage, wird geschwiegen, doch immerhin gelächelt.
Draußen wartete eine Limousine; ich kenn mich mit Fahrzeugtypen nicht aus, aber es war ein BMW, in dessen Fonds ich gebeten wurde. Ich stieg ein, der Fahrer fuhr los, neben ihm Mr. Jamila, doch ich bekam von der Fahrt überhaupt keinen Eindruck, weil die Scheiben so abgedunkelt waren, hatte allerdings, als ich einstieg, im Augenwinkel den Eindruck, daß die beiden Gorillas in einen Wagen hinter uns stiegen, der uns wahrscheinlich folgte. Zu fotografieren wäre jedenfalls sinnlos gewesen. Auf völlig unspektakuläre Weise ließ man mich im Wortsinn im Dunklen darüber, wohin es eigentlich ging. Allerdings, wir hatten die Stadt längst verlassen, ja waren meinem Gefühl nach gar nicht erst in sie eingefahren, sondern auf einer, wahrscheinlich, Umgehungsautobahn um sie herum, – indessen, nach ziemlich genau anderthalb Stunden, machten wir eine Kaffee-, bzw, Teepause an einem Komplex aus Tankstelle und Rasthaus. Die Gorillas waren durch die offenen Scheiben des durchaus gut besuchten Restaurants nicht mehr zu sehen, aber es standen einige Wagen auf dem Parkplatz herum, in einem von denen sie gut und unauffällig hätten sitzen können. Jedenfalls bat mich Mr. Jamila, weiters in seinem arabisch prononzierten Englisch, um mein Ifönchen. Ich möchte bitte Verständnis haben… der Chip… Man werde mir das Gerät bei meiner Rückreise unangetastet zurückgeben.
Mehr erklärte er nicht. Ich hatte sofort das Bild aus Ramallah wieder vor Augen, als wir, eine Gruppe von Journalisten, Kulturanthropologen, Soziologen und ich, bei unserem Besuch Arafats ebenfalls die Handies abgeben mußten… da lagen sie dann, alle ausgeschaltet, in einem abgesperrten Vorraum in Reihe, zehn oder zwölf. So protestierte ich nicht, sondern reichte ihm das Telefonchen. Er steckte es, wobei er Dankesehr sagte, in die rechte Tasche seines dunkelanthrazitnen Jacketts.
Dann ging es weiter, ungefähr noch einmal anderthalb Stunden.
So daß ich am späten Nachmittag im Paradies war.
Ich stelle mir das so vor: Der Libanon war bis 1941 französisches Mandatsgebiet, das Französische hat nach wie vor, las ich, großen Einfluß, Beirut galt einmal als Paris des Ostens – warum sollte nicht in diesem – gemessen an den nur rund vier Millionen Einwohnern (Berlin allein hat dreieinhalb!) – riesigen Terrain, zumal hier in den Bergen, ein französischer Privatbesitz geblieben sein, eine Art persönliche Miniaturkolonie des Gräfins mit, wie ich fantasiere, ganz eigener Gesetzgebung, die feudale, nämlich monotheistische Grundzüge trägt, vielleicht nicht nur Gundzüge… – oh ja, wenn er das liest – und er wird es lesen, bevor ich es einstellen darf -, wird ihn das vergnügen! Aber man läßt mich auch wirklich mit meinen Spekulationen allein. Zu deren Eigenschaft gehört, daß ich nicht einmal sagen kann, wo genau dieses Besitztum liegt. (Zum Beispiel darf ich nicht googlen… ich solle es gar nicht erst versuchen, bedeutete mir Monsieur Jamil; Google maps, zum Beispiel, wär mir äußerst hilfreich. Nein, es solle, so Jamil, die geographische Lage Jamesvilles nicht bekannt werden, Monsieur Le Duchesse lege äußersten Wert darauf. Doch wenn ich mich an die Spielregeln hielte, wäre das ganz gewiß nicht von Nachteil für mich. Wobei er süffisant lächelte.)
Beschreiben darf ich die Liegenschaft aber.
Das Areal besteht aus viel Fels, die fünfsechs, deutlich europäisch wirkenden Gebäude, darunter eine Art Hazienda, liegen im Tal, das offenbar künstlich bewässert wird, denn es gibt einen höchstgepflegten Golfplatz. Es gibt sogar ein Wäldchen – sind das die berühmten Libanonzedern? Ich werde fragen. Eine agrarische Sektion, also eine Art Hof mit kleinen Traktoren, Stallungen vielleicht (Pferde? aber ich sah noch keines), doch nur wenige Menschen waren bisher zu sehen; hin und wieder ging ein Araber den Weg entlang, das sah aber nicht wirklich so aus, als hätte er etwas arbeiten wollen oder gar müssen. Den rechten Hang hinan noch ein paar flache Würfelhäuser, eines hat ein niedriges Minarett – rechts, das ist, dem Sonnenstand nach zu schätzen, Westen. Gesindeewohnungen also?
Doch stimmt nicht, was ich eben schrieb. Ich sah andere Menschen, einige, aber eben erst abends, hier. Denn – es gibt das Frauenhaus. Nur will ich nichts vorwegnehmen, sondern in der Chronologie meiner Wahrnehmung bleiben, der meiner Reise und Ankunft.

In einem zweistöckigen Haus bin ich untergebracht, das man eine Villa nennen könnte, wäre es nicht aus grauen, fast groben Steinen errichtet und machte ebenfalls einen bäurischen, aber europäischen, nordeuropäischen Eindruck. Das aber nur außen. Die Innenausstattung ist geradezu liebevoll und sehr durchdacht, zugleich auf bestem technologischen, will sagen: auch hygienischen Stand, wobei die untere Etage aus einem einzigen Raum besteht, einer Wohnlandschaft, würde Schöner Wohnen das nennen; Küche integriert (nur woher nimmt man die Ingredenzien, um zu kochen? sieht alles komplett unbenutzt aus), die sogar zwei Herde hat: einer wird mit Elektrizität, der andere mit Gas betrieben; acht (!) Flammenstellen insgesamt. Der Wohnbereich selbst tatsächlich pseudokolonial: dunkel gebeizter Bambus: Tische, Stühle, sogar die Schränke. Teppiche auf den Böden: ich mag gar nicht mehr anders, als barfuß zu gehen… seit ich‘s gestern abend zum ersten Mal tat. Man macht sich keine Vorstellung von dieser Weichheit unter den Sohlen. Man könnte auf diesen Teppichen schlafen. Vielleicht werde ich das in einer der kommenden Nächte auch tun: mir einen Teppich auf die Terrasse ziehen, dort mich legen unter das Sternenzelt. – Es war eine spektakuläre Nacht, gestern, als ich hinauf ins All geschaut habe und „Schöpfung“ denken mußte –

Doch, wie geschrieben, der Reihe nach –

Das Abendessen war, ohne daß ich jemanden sah außer Jamil, in der Hazienda aufgetragen worden, es stand alles schon bereit, und ich blieb, nachdem Jamil wieder gegangen war, ganz für mich allein. Aß, trank, sann erneut darüber nach, was mit der Prüfung gemeint sein könne, der ich mich zu unterziehen hätte – darüber hob sich der Vorhang aber erst spät, fast schon zu Mitternacht, nachdem ich noch einen kleinen Gang über das Gelände unternommen hatte, dessen teils Kies-, teils Sandwege von Laternen erleuchtet sind, sowie die Dämmerung einsetzt. Es war da fast völlig Stille, von Schreien von, wahrscheinlich, Tieren abgesehen, die aus der Ferne kamen, in der Ferne auch blieben, aber sich im Echo der Berge verstärkten.
So kehrte ich denn in meine Bleibe zurück. Die Häuser sind nicht verschlossen, die Türen haben gar keine, auch nicht der Hazienda, Schlösser. Insgesamt ist das Gelände ungesichert, sofern es nicht, was ich vermute, bewaffnete Wachen gibt, in Unterständen. Aber, sozusagen, „nach außen“ wirkt es vollendet friedlich.
Ich setzte mich an den großen Bambustisch, hatte schon, als ich mich einquartierte, die mitgenommenen Argo-Seiten herausgelegt, dazu den Bleistiftstummel, Radierer, Highliner, Lineal, und weil es hier absolut keine Unterhaltungsgerätschaft gibt, weder ein Radio noch einen Fernseher, wirklich gar nichts, auch keinen CD-Player, keine Boxen – ich habe auch nirgendwo, auch nicht in der Hazienda, eine Zeitung gesehen, – weil dem so war, dachte ich, vielleicht noch eine Seite durchzukorrigieren, konnte mich aber nicht konzentrieren und ging ins obere Stockwerk, um mich zu duschen und dann schlafenzulegen.
Als es klopfte.
„Ja bitte?“
In der Tür stand eine höchstens sechzehnjährige Frau mit einem so anrührenden Lächeln, daß ich sie wie eine Erscheinung ansah, und bat mich mit ihrer hohen, aber in keiner Weise flachen Stimme, ihr zu folgen – zumal in völlig akzentfreiem Deutsch.
„Jetzt?“
„Jetzt.“ Das war sehr entschieden.

(Oh, ich soll unterbrechen. – Jamil.
Netzzeit sei nur von von halb elf bis elf. – Ich melde mich später wieder. Libanonzeit ist der unseren eine Stunde voraus. Hatte ich ganz vergessen.)

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