Archiv der Kategorie: Ausgabe 01/2014

Geplant war Ewigkeit (4)

24. Januar 2014

“Bist du müde?” frage ich Vater.

“Was?!”

“Ob du müde bist.”

“Müde?!”

“Ja, müde. Bist du müde?”

Sein weißes Haar steht wirr in der Luft, wie nach einer Razzia. Er überlegt eine Weile. Dann:

“Ich bin nicht glücklich. Ich bin deprimiert. Und müde.”

*

“Wenn du gleich nach Hause kommst, ist dann der älteste Sohn da?”

Einen Moment denk ich, dass er mich vielleicht mit meinem Bruder verwechselt, der hat zwei Söhne. Vater schaut mich verzweifelt an. Er ahnt, dass er etwas gesagt hat, das irgendwie nicht stimmt, doch er kann es nicht gerade rücken, nicht berichtigen, weil er nicht mehr genau weiß, was er gesagt hat. Nur, dass irgendetwas damit nicht stimmt.

Ich glaube, mit ältestem Sohn meint er Sanne.

“Ja”, antworte ich, “Sanne ist da, wenn ich gleich nach Hause komme.”

Sein Blick glüht vor Freude, dass ich ihn verstanden habe.

*

Als das Abendbrot kommt, helfe ich ihm in die Sitzposition. Sagen wir, in eine halbwegs aufrechte Liegestellung.

“Noch was höher das Kopfteil?”

“Nee, ist schon gut. Ist schon gut.”

Ich schmiere ihm ein Brot mit Butter und Käse, schneide es in kleine Stücke und füttere ihn. Dazu gibt es roten Tee. Wie im Altenheim. Da gibt es auch immer roten Tee. Alte Leute trinken roten Tee, ob im Krankenhaus, im Sanatorium, im Altenheim, im Demenzclub der Busch-Stiftung, im Hospiz. Das scheint Gesetz zu sein. Wenn ich demnächst alt bin, will ich auch roten Tee haben. Oder wenn ich tot bin. Dann spiele ich alter Mann und saufe im Himmel kannenweise Früchtetee, ihr Arschgeigen.

Vater war schon immer ein langsamer Esser, doch seit er zunehmend Hilfe benötigt beim Essen, isst er noch langsamer. Er scheint jeden Bissen im Mund fünfzig Mal hin- und her zu wälzen, umzudrehen, zu kauen und zu prüfen, wie ein Edelsteinhändler, der neuerdings in Graubrot macht.

Aber ich bin ein geduldiger Mensch. Genauso geduldig wie die Menschen in meiner näheren Umgebung geduldig mit mir sein müssen. Ich bin nämlich meines Vaters Sohn. Wir sind vom langsamen Schlag. Er kaut und kaut und kaut. Und kaut und kaut. Und wenn ich zwischendurch die Geduld verliere und schon das nächste Stückchen Brot mit Käse nachschieben will, obwohl er noch was im Mund hat und kaut, funkelt er mich böse an.

“Willst du mich ersticken?”

Die gleichen Worte, mit denen er sich früher bei Mutter beschwerte, wenn ihr eine Speise zu trocken geraten war, für seinen Geschmack.

Die Scheibe Mortadella verlangt er ohne lästiges Brot und mümmelt die Wurst in sich hinein. Nicht nur das Abendessen, auch die Medikamentengabe zur Nacht nehme ich den Schwestern ab, die nirgends so unfreundlich sind wie auf dieser Station. Durch die Bank zickige Tanten, spezialisiert auf patzige Antworten und Selbstgerechtigkeit.

“Dazu darf ich Ihnen nichts sagen.”

“Müssen Sie warten, bis der Doktor kommt.”

“Müssen Sie warten, bis der andere Doktor kommt.”

“Der Doktor kommt erst morgen. Der kann Ihnen mehr sagen. Wir wissen nichts. Und selbst wenn wir etwas wüssten, dürften wir es Ihnen nicht sagen.”

Immerhin erhalte ich auf meine Frage, ob es medizinisch unbedingt nötig gewesen sei, Vater ins Klinikum zu überweisen, prompt eine Antwort, von Stationsschwester Monika, dem schläfrigen Monstrum:

“Ja.”

Mehr dürfe sie nicht sagen, klar. Aber soviel rückt sie dann doch raus: was den Blutzucker betrifft, musste die Medikamentation neu eingestellt werden. Die Werte seien öfter mal im Keller, dann wieder im Himmel. Das erklärt auch den Traubenzucker, der sich neuerdings stets griffbereit in Vaters Nähe befindet, als erste Hilfe, falls ihm schwarz wird vor Augen.

“Ich kann nicht mehr”, prustet Vater, und einige feuchte Bröckchen Brot fliegen durchs Bett.

“Genug?”

“Ja. Ich bin satt.”

Mit einer Papierserviette berge ich Krümel von seinem Mund und von der Bettdecke, eine Aktion, die er mit weit aufgerissenen Augen verfolgt.

“Wo ist mein Alligator?”

Ich schaue mich im Zimmer um. Der Bettnachbar ist immer noch nicht zurück, seit er sein Tablett auf den Gang rausgebracht hat. Auch sonst gibt es nicht viel zu sehen. Schon gar keinen Rollator, den Vater nur noch Alligator nennt.

“Den hast du doch bestimmt im Heim gelassen, oder nicht?”

“Bei Gisela? Hab ich den bei Gisela vergessen?”

“Wieso bei Gisela?”

Gisela ist eine Bekannte aus besseren Tagen, die er seit bestimmt zwei Jahren nicht mehr getroffen hat.

“Von der Gisela hab ich heut Nacht geträumt”, meint Vater und neigt mir vertraulich den Kopf zu. “Obwohl es bei ihr nicht mehr viel zu träumen gibt.”

Er gluckst schelmisch.

Bald ist der Rollator vergessen, Gisela ist vergessen, das Abendbrot ist vergessen. Und plötzlich wird er ernst.

“Ich hab manchmal Angst, Andreas”, sagt er. Wenn er mich beim Vornamen anspricht, weiß ich, dass es dicke kommt. “Angst davor, was kommt.”

Und so oft ich auch sonst blöde Gegenfragen stelle, aus lauter Hilflosigkeit, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll, in diesem Moment halte ich meine Klappe und sage gar nichts. Ich weiß natürlich, dass er unter all der Dunkelheit um ihn herum leidet, unter der Einsamkeit, und das wir Kinder ihm dabei nicht groß helfen können, so oft wir ihn auch besuchen.

“Haben wir nichts Süßes hier?” fragt er.

“Hm, ich kann was holen, unten in der Cafeteria.”

“Würdest du das tun?”

“Na klar. Bin schon unterwegs.”

Ich kaufe eine Packung Kaffeegebäck Schoko-Traum, die er fast alleine verputzt.

Waffelröllchen, Biscuit.

“Du haust aber ganz schön rein.”

“Ja nun, was soll ich sonst machen? Was bleibt sonst noch übrig? Soll ich auf meine alten Tage das Rauchen anfangen?”

Er greift ein letztes Mal in die Kekspackung und entnimmt ein Plätzchen. Von der Wärme im Krankenzimmer ist die Schokolade geschmolzen und bleibt an seinen Fingern kleben. In den folgenden Minuten, die wir schweigend verbringen, muss er sich mit der Hand durchs Gesicht gewischt haben, denn das nächste, was ich sage, als ich ihn mir näher betrachte, ist bloß ein einziges Wort, he,

“Schokoschnute!”

meer – vom erfinden zur empfindung

meer aquarell

meer – vom erfinden zur empfindung ist es nur ein buchstabensprung

in der nacht kommen die silberfische aus ihren verstecken. was bunt war, wird blass. eine frage des lichts und wie es sich bricht. letztendlich geht es immer um die brüche.
morgens um 3.30 h ist die dunkelheit vor dem fenster ein unbehauster wellenkamm. manche dinge bleiben eine weile, während andere kaum an die oberfläche dringen. wie leise betende stimmen aus orten, jenseits der zeit. wer gibt dir das recht, die stille zu durchbrechen? ich frage nicht dich. du heißt immer ich.
einer ist der lehrmeister und nennt sich schüler. und die silberfische verschwinden in einer geschichte ohne sinn.

muetzenfalterin

„Das Schreiben ist nichts anderes als ein Kampf, den der Künstler mit den Menschen um seine hervorragende Bedeutung kämpft“ (Essay)

Ist Witold Gombrowicz’ Tagebuch so etwas wie die Urform des literarischen Weblogs? Diese Frage stelle ich mir, seitdem ich angefangen habe, die gesammelten Tagebucheinträge zu lesen. An einer Stelle schreibt er: „Ich schreibe dieses Tagebuch nicht gern. Seine unredliche Aufrichtigkeit quält mich. Für wen schreibe ich? Wenn für mich, weshalb wird das gedruckt? Und wenn für den Leser, weshalb tue ich so, als spräche ich mit mir selbst? Sprichst du so zu dir, daß es die anderen hören?“ (S.59. Alle Zitate aus: Witold Gombrowicz: Tagebuch 1953–1969. Fischer Taschenbuch 2004 bzw. Carl Hanser Verlag 1988) Wer ist dieser Herr Witold, dieser Gombrowicz? (Ich möchte, übrigens, um Nachsicht bitten dafür, daß ich mich mal wieder nicht mit der aktuellen Literaturproduktion beschäftige; ich weiß, da heißt es wieder, der Schlinkert mit seiner seltsamen Neigung zu Gutabgehangenem, zu all diesem alten Zeugs … doch wer mich kennt, der weiß, daß ich mich ausschließlich mit aktuellem Gedankengut beschäftige, ob es nun diese Sekunde veröffentlicht wird oder von Hesiod stammt.) Also: Gombrowicz, Witold, polnischer Schriftsteller, großer Erfolg in Polen 1938 mit seinem ersten Roman ‚Ferdydurke’, einem wunderbar absurd-komischen Roman mit hintergründigem Ernst, der imgrunde auch einen Diskussionsbeitrag zu der Frage darstellt, wie es um den Diskurs zwischen den altständigen und den modernen Polen bestellt ist. Im Jahr 1939 wird Gombrowicz in Buenos Aires vom Ausbruch des Weltkrieges überrascht und bleibt bis 1963 in Argentinien. Dort kleiner Bankangesteller zwecks Lebensunterhaltssicherung, ist er aber vor allem Schriftsteller und – quasi öffentlicher – Tagebuchschreiber, denn von 1953 bis 1969 werden seine jeweils nur mit dem Wochentag datierten Eintragungen in der in Paris erscheinenden polnischen Exil-Zeitschrift Kultura veröffentlicht. (Siehe dazu: Editorische Notiz. a.a.O. S.993.) Es ist also zunächst eine nur kleine Öffentlichkeit, bis dann 1957, 1962 und 1967 polnische Buchausgaben erscheinen.

Was nun macht Witold Gombrowicz so aktuell? Im Klappentext der Taschenbuchausgabe heißt es, Gombrowicz’ Überlegungen zu Themen wie Marxismus, Katholizismus oder Homosexualität seien unerwartet und wiesen auf verblüffende Zusammenhänge, sie seien aufschlußreiche Pamphlete gegen jedwede Lüge und Ideologie – so weit, so gut. Was mich nun unter anderem besonders interessiert sind aber die Fragen, die ich mir als „literarischer Blogger“ stelle (was für ein ekliger Begriff dieses „Blogger“ doch eigentlich ist, fast kommt es einem hoch!), denn wenn das literarische Weblog Literatur ist, die sich vermittels neuer technischer Möglichkeiten direkt und unvermittelt aktuell an Leser:innen wendet, dann scheinen mir diese Tagebuchbeiträge, zumindest in ihrer so schnell als möglich gedruckten Form, als eine Ur- oder Vorform des literarischen Weblogs. Der Vergleich mit Alban Nikolai Herbst’ Die Dschungel. Anderswelt drängt sich dabei geradezu auf, und das nicht nur, weil Die Dschungel ohne Zweifel einen bedeutenden Beitrag darstellt zur zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur (möge die Literaturgöttin dafür Sorge tragen, diese Beiträge der Nach-Welt zu erhalten!), sondern vor allem, weil beide Schriftsteller eine kompromißlose Haltung zu allem was Literatur ist und sein kann offen (aus)leben, weil beide sich mit einer hohen Risikobereitschaft an ein oder ihr Publikum wenden, ohne Liebedienerei und falsche Bescheidenheit. Deckungsgleich sind die Ansätze deswegen natürlich nicht, schon allein dadurch bedingt, daß ein Alban Nikolai Herbst dem tagebuchartigen Eintrag meist unmittelbar Weiteres folgen läßt, nämlich als direkte Reaktion auf Leser:innen-Kommentare. Diese Unmittelbarkeit ist sicher das eigentlich Neue und erweitert das Genre des Tagebuchartigen.

Vor- oder Urform also des literarischen Weblogs der Haltung zum Schreiben, zum Künstlersein wegen und vor allem auch aufgrund der so gelebten und gestalteten Beziehung zu den Leser:innen!? Doch birgt diese Art, sich an ein Publikum zu wenden, naturgemäß auch allerlei Gefahr in sich – die nämlich, sich trotz aller Offenheit selbst in die Tasche zu lügen. Gombrowicz schreibt: „Die Falschheit, die schon in der Anlage meines Tagebuchs steckt, macht mich befangen, und ich entschuldige mich, ach, Verzeihung … (aber vielleicht sind die letzten Worte überflüssig, sind sie schon affektiert?)“ (S.60.) Dies schrieb er 1953, und man sollte bedenken, daß er als Exilant in einer dauerhaft mißlichen Lage war, schon allein deshalb, weil er sich seine Leser unter seinen (fernen) Landsleuten zu suchen hatte und sein Heimatland zugleich noch unter der Knute des Stalinismus wußte  – wenngleich, auch das scheint mir bedenkenswert, er immerhin als Fremder in einem Land auch durchaus kleine Freiheiten hatte, die ein einheimischer Künstler, der sich als Künstler im eigenen Land fremd fühlt, was nicht selten der Fall ist, niemals haben kann. Was aber trieb nun unseren Autor zu dieser öffentlichen Form des Schreibens, zum reflektierend-nachdenklich-erzählenden Tagebuch? Das zuletzt Zitierte weiterführend schreibt Gombrowicz: „Dennoch ist mir klar, daß man auf allen Ebenen des Schreibens man selber sein muß, d.h. ich muß mich nicht nur in einem Gedicht oder Drama ausdrücken können, sondern auch in gewöhnlicher Prosa – in einem Artikel, oder im Tagebuch – und der Höhenflug der Kunst muß seine Entsprechung in der Sphäre des gewöhnlichen Lebens finden, so wie der Schatten des Kondors sich über die Erde breitet. Mehr noch, dieser Übergang aus einem in fernste, fast untergründige Tiefe entrückten Gebiet in die Alltagswelt ist für mich eine Angelegenheit von ungeheurer Bedeutung. Ich will ein Ballon sein, aber an der Leine, eine Antenne, aber geerdet, ich will fähig sein, mich in die gewöhnliche Sprache zu übersetzen.“ (S.60.)

Vereinfacht gesagt ringt Gombrowicz in seinem Schreiben insgesamt darum, als Künstler Mensch und als Mensch Künstler zu sein – daß dies nicht im Verborgenen und nicht in aller Bescheidenheit vor sich gehen kann, liegt in der Natur der Sache. Anmaßung ist hier das Stichwort, und wer Alban Nikolai Herbst’ Die Dschungel in den Jahren aufmerksam verfolgte, der weiß, wie oft Kommentatoren Herbst angriffen wegen seiner vermeintlichen Eitelkeit, seiner vermeintlichen Großtuerei. Auch Gombrowicz muß diesem kleingeistigen, imgrunde unterwürfigen Denken ausgesetzt gewesen sein, denn er bezieht klar Stellung zur Seinsweise des Künstlers (und weist zugleich seinem Tagebuchschreiben, indem er es nicht für sich behält, den Sinn und Platz innerhalb seines Gesamtwerkes zu). Er schreibt: „Ich weiß und habe es wiederholt gesagt, daß jeder Künstler anmaßend sein muß (weil er sich einen Denkmalssockel anmaßt), daß aber das Verhehlen dieser Anmaßung ein Stilfehler ist, Beweis für eine schlechte »innere Lösung«. Offenheit. Mit offenen Karten muß man spielen. Das Schreiben ist nichts anderes als ein Kampf, den der Künstler mit den Menschen um seine hervorragende Bedeutung kämpft.“ (S.61.) Dschungel-Leser wissen, daß Alban Nikolai Herbst dieselbe Überzeugung lebt, die er in seinem Weblog den Lesern folgerichtig nicht vorenthält. An einer Stelle schreibt Herbst: „Künstler jedenfalls, wenn sie das sind und also etwas zu sagen haben, kämpfen mit offenem Visier. Ausnahmslos. Schon, um ihre ästhetische Position zu bestärken, was wiederum ihr Werk stärkt und durchsetzt.“ (Interessant hier die doppelte Bedeutung von Durchsetzen: einmal im Sinne von Durchdringen, das andere Mal im Sinne von Erfolg auf dem Literaturmarkt.)

Das zugleich intime und zur Einsichtnahme gedachte Tagebuch ist ja bekanntermaßen keine Erfindung unserer Tage, das sei noch kurz angemerkt, sondern ist hierzulande seit gut dreihundert Jahren Bestandteil der literarischen Welt. Oft wurden Tagebücher zu Memoiren, eigenen Lebensbeschreibungen bzw. Autobiographien oder auch Romanen verarbeitet, man denke nur an die Memoiren der Glückel von Hameln (Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts, veröffentlicht 1910), Ulrich Bräker, Salomon Maimon, Adam Bernd, Heinrich Pestalozzi, Johann Heinrich Jung-Stilling, Karl Philipp Moritz und viele andere, wobei die gezeigte Offenheit oftmals einen stark aufklärerischen Impetus hat (Adam Bernd, Pestalozzi, Jung-Stilling), durchaus aber auch schon den Protagonisten zugleich als Künstler heraushebt (Bräker, Moritz), der als solcher das eigene Leben schreibend auf eine Art offenbart, die auf eben diese künstlerische Art hinaus in die Welt muß. Die Möglichkeit, als Schriftsteller Tagebucheinträge (so wie Gombrowicz) fast unmittelbar in einer Zeitschrift, beziehungsweise sie heutigentags tatsächlich unmittelbar auf einer eigenen Website unter Klarnamen zu veröffentlichen, ist somit nichts weiter als eine Erweiterung der Möglichkeit, in aller Offenheit und auf zugleich höchstem Niveau als Künstler zu sein und zu wirken und (s)ein Werk zu schaffen.

substanz (etkobjects)

Untersatz-Objekt (Readymade)

substanz
Untersatz-Objekt
Aus der Reihe: etkobjects
April 2014, 2 S., 93 x 93 x 1.4 mm, bedruckte Pappe
ISBN: 978-3-905846-27-0, €16 / 20 SFr
(=SET: 20er-Einheit mit Display)

substanz hält ihren inhalt auf abstand.
substanz ist das medium ihrer wahl.
substanz macht ihr leben einfacher.
substanz ist wesen ohne grund.
substanz ist saugfähig und beschreibbar.
substanz gibt es schwarz auf weiss.
substanz ist oberflächlich, räumlich, binär.
substanz ist form und inhalt.
substanz hat drei punkte.
substanz ist aus bedrucktem papier.
substanz ist ein fächer.
substanz kann man lernen.

MEHR …

Mein Pattex

mein Zauberer hieß nicht Pattex, nicht Expatt.
Er lebte nicht am Rand der Schizophrenie;
Schizophrenie war in unserer Familie unbekannt.

Ich hatte genug Brüder und Schwestern,
Tauf- und Firmpaten, genug im Krieg gefallene Onkel,
Onkel mit und ohne SS-Erinnerungen,

Tanten, die alles zertrennten und flugs wiederum
zusammenflickten. Ich hatte ein Matrosengewand,
ein Kochgewand, eine Professorenbrille,

einen Weinheber, Matadorsteine, Kiesel, eine Kiste
mit Riesennägeln, fünf Schlachtermesser,
eine Unzahl Besenruten auf dem Dachboden,

eine Selch zum Wundselchen von bösen Dingen.
Mein Zauberer hieß auch nicht Uhu, nicht Schuhu.
Er lebte nicht im Wald, nicht am Waldrand.

Er lebte nicht im Rauchfang, auch nicht im Brunnen.
Wenn man Wasser holte, sah man tief unten
den Himmel. Man sah immer wieder den stürzenden

Onkel, die Mauer, die auf ihn fiel. Man sah
den Schwarzen Mann, den noch niemand gesehen hatte.
Man sah den Tierarzt mit seiner Geburtszange,

den Saubären, den Schmied. Man sah die Esse,
die beschlagenen Hufe, die stampfenden Pferde, die Ziegenzotteln.
Man sah das Loch im Schuppen, aus dem in der Nacht

die Erdäpfel immer wieder heraufwanderten;
nie gaben sie Ruhe. Das war die Arbeit des Kinds: den Haufen
immer kleiner zu machen, trotz Rotz und Tränen,

und es gab kein Lob. Bei Brot und Wasser
das Heu gestopft, die Garben aufgerissen,
die Halme gedroschen, das Korn herausgeholt und gemahlen.

Mein Zauberer war namenlos, er konnte
jederzeit erscheinen, ungerufen.
Er versprach mir schnell ein höheres Alter,

mehr Muskel-, auch Einbildungskraft,
auch beim Geld- und Wissenserwerb,
eine Goldader beim Memorieren, mehr Stimmbegabung,

Standhaftigkeit in allen Lebenslagen.
Plötzlich hießen alle Zauberer Pattex und übertrafen
Vaters Perlleim, den man stundenlang

zum Kleben zwingen mußte. Mein Pattex
schob mich zwischen die Zwingen, ließ mich aber
keinen Schmerz spüren, betäubte mich mit süßen Schwaden.

Bald roch es nicht mehr nach Weihrauch.
Mein Zauberer war in mich eingedrungen.
Jeder in mir lebte am Rand der Schizophrenie

(1.4.2013)

DAS HERZ DES VERBRECHENS (oder: George, Dick und Don)

Das Erste, was sie versuchten, nachdem die Wirkung der Sedative nachließ, war die Tapete abzukratzen. Beziehungsweise das, was sie zunächst für eine Tapete hielten. Ihre Reaktion war verständlich. Die Wände dieser gigantischen Halle, in der sie erwachten, waren von oben bis unten mit Bildern und Inschriften versehen. Großformatigen Fotografien von Eingeweiden, die aus Bäuchen platzten, zerfetzte Beine, aus denen Knochenteile ragten, verbrannte Leichenteile, schreiende Mütter hinter Lastwagen, auf denen ihre Söhne abtransportiert wurden, Trauernde, die Kindersärgen folgten, Szenen aus notdürftigen OPs, wo mit Sägen Extremitäten abgetrennt wurden, Brandwunden an Armen, Beinen und in Gesichtern, glatte Durchschüsse und mit Schrot versehrte Körper; alle zehn- oder hundertfach vergrößert; die Farbigkeit – Blut, Blut, Blut überall – extrem übersättigt oder aber brutal in Schwarzweiß-Kontraste gesetzt. Kein Wunder, dass sie die Schriften zunächst nicht beachteten. Ortsangaben und Jahreszahlen waren es zumeist, Namen und Altersangaben; versteckter, kleiner waren die Botschaften angebracht, die sich unmittelbar an die drei Gefangenen richteten.
 
Es war keine Tapete, das bemerkten sie schnell. Die Bilder und Wände waren mit etwas wie Lack überzogen, an dem ihre Nägel sich abschürften, aber keine Spuren hinterließen, nicht einmal Kratzer. Dick war es, der sich zu Anfang am meisten aufregte. Er begriff: Sie waren in die Hände der Feinde gefallen; sie waren entführt, gefangen und sollten bestraft werden. Er fluchte und beschimpfte die, von denen er glaubte, dass sie dahinter steckten. Dann stieß er Drohungen aus. Er folgte damit einem psychischen Muster, das sich als effektiv erwiesen hatte: Den Gegner definieren, aus der Verbindung von Wut und Selbstgerechtigkeit jene Klarheit erzeugen, die alle Skrupel ausblendet und zur Vernichtung befähigt. Mit dieser drohte er, wie gewohnt und bewährt, laut, dröhnend. Doch damit waren die Parallelen zu seinen bisherigen Manövern erschöpft. Dick, der ihre Verbrechen geplant und arrangiert hatte, war in dieser Halle erstmals plan- und hilflos. Denn der Gegner gab sich nicht zu erkennen und stellte nichts zur Verfügung, womit Dick arbeiten konnte. Dick hatte hier keine Macht. Das zu erkennen, kostete ihn, den Analytiker und Schnelldenker mehrere Stunden. Stunden, in denen er in der Halle herummarschierte, schrie, tobte, ätzte, seine Wut gegen die beiden Mitgefangenen richtete, seine Drohungen erneuerte. Selbstverständlich war es auch Dick, der die Kameras hoch oben unter der Decke der Halle zuerst entdeckte und der glaubte, in jenen ersten Stunden und Tagen zumindest, er könne sie nutzen, um eine Kommunikation anzufangen, einen Deal  einzuleiten, durch den er sich herausschwätzen und -lügen könnte, zur Not, das zeigte sich, auch auf Kosten und zu Lasten seiner Mitgefangenen. Dennoch gelang es Dick schließlich die Kälte und Präzision, mit er vordem den Apparat der Macht in Gang gesetzt hatte, mit seinem Selbsterhaltungstrieb zu verbinden. Er wusste, wie gefährlich es für ihn, der das fremde Herz in sich trug, war, sich so maßlos zu erregen. Er zwang sich nach und nach zur Ruhe, zunächst zu einer äußeren, die er schließlich in eine innere umzuwandeln wusste, ohne indes seine Wut preiszugeben; sie lediglich in eisige Kälte verwandelnd. Auch kam ihm dadurch die Idee, seine Anfälligkeit zu nutzen. Am zweiten Tag simulierte er eine Herzattacke, worauf aber zu seinem Erstaunen und Erschrecken keinerlei Reaktion erfolgte. Das war der Moment, in dem sogar Dick die Angst bis in sein kaltes Herz griff, feurig und böse, so arg, das er noch bleicher wurde und still, so dass beinahe seine Simulation echt geworden und er schon an diesem zweiten Tag verschieden wäre.
 
George kam von Anfang an mit der Situation am besten zu recht, soweit man überhaupt unter den gegebenen Umständen von so etwas sprechen kann. Die Langeweile machte ihm am wenigsten zu schaffen. Während Don und Dick immer häufiger die Inschriften und Botschaften studierten und über deren Interpretation miteinander stritten, verbrachte George viel Zeit mit Schlafen oder Beten. Er teilte sich seine Essensrationen sorgfältig ein, kaute stundenlang auf einem Brötchen und nahm nur alle Stunde einen Schluck aus seiner Wasserflasche. Mit den anderen beiden sprach er wenig. Er hatte auch früher schon wenig zu sagen gehabt. Instinktiv spürte er, dass er leicht durch eine unbedachte Bemerkung den Zorn, ja den Hass der beiden anderen auf sich ziehen konnte und er wusste nur zu gut, dass er zu unbedachten Bemerkungen neigte. Er fand seinen Frieden in seinen Zwiegesprächen mit Gott und obwohl alle drei keinerlei Gewissensbisse plagten, war es George, der am ehesten mit der Ungerechtigkeit umgehen konnte, der sie ausgesetzt waren. Denn George war zwar verwöhnt von seinen Eltern und seiner Frau, doch andererseits war George auch bereit, die Dinge zu nehmen, wie sie kamen. Er hatte sich niemals sehr anstrengen müssen. George vertraute darauf, dass am Ende doch immer alles gut und zu seinen Gunsten ausgehen würde, denn so war er es gewohnt. Er wartete ab und es war gerade das, was die anderen beiden so reizte.
 
Selbstverständlich kannten sie das schon an ihm und hatten es sogar genutzt, damals als George, Don und Dick an den Hebeln der Macht gesessen hatten. George war ihr Frontmann gewesen, Don das Kampfschwein und Dick die graue Eminenz im Hintergrund. Dick hatte die Pläne und Allianzen geschmiedet, erpresst, bedroht und belogen, Don hatte einsperren, töten und foltern lassen und George hatte das Ganze als Krieg gegen das Böse verkauft. Damit waren sie gut durchgekommen und hatten sogar noch einiges dran verdient. Nicht dass sie es nötig gehabt hätten. Sie hatten sich in den Dienst der Sache und des Landes gestellt, sie hatten – so hatten sie gesagt – ihre Skrupel und Bedenken beiseite geschoben und die Herausforderung angenommen, vor die sie gestellt waren. Dass weder Dick noch Don irgendwelche Skrupel hatten überwinden müssen, brauchten sie einander nicht zu gestehen, aber George ließen sie in dem Glauben. Sie ließen ihn überhaupt über manches im Unklaren. Das half ihm sein unbeschwertes Bubengrinsen zu bewahren und eröffnete ihnen Spielräume im Verborgenen. Natürlich hatten auch sie, so raunten sie es nun einander zu, der Versuchung nicht widerstehen können, zumindest einen Teil ihrer Taten für Gott und Vaterland auch öffentlich zu machen. Sie hatten sie sich nach Ruhm ebenso sehr gesehnt wie nach Verschwiegenheit. Da hätten sie einiges besser und effektiver abwickeln können, wurde ihnen in den Wochen in der Halle klar, wenn diese beiden Begehren nicht mit einander im Clinch gelegen hätten. Dennoch: Sie bereuten nichts. Darauf verständigten sie sich ohne Zögern und immer wieder.
 
Don hatte dieselbe Wut gefühlt, die Dick umtrieb in der ersten Zeit. Aber Dons Mittel gegen starke Emotionen war schon immer der Sarkasmus gewesen. Er ließ auch hier in der Halle öfter sein geckerndes Lachen hören, mit dem er sich lustig machte über ihre Peiniger genauso wie über seine Mitgefangenen. Dick und er wären sich sicher das eine oder andere Mal an die Kehle gegangen, hätten sie nicht beide gewusst, das jede körperliche Auseinandersetzung in ihrer beider Alter und gesundheitlichem Zustand die letzte hätte sein können. Don glaubte, darin glich er George, bis zum Schluss an einen guten Ausgang. Es sei, so machte er sich weis, eine Befreiungsaktion längst im Gange beziehungsweise der Plan der Gegner noch nicht zur Gänze ausgeführt. Es müsse etwas nachkommen, irgendein Ziel mit der Aktion verbunden sein, um dessentwillen Verhandlung aufgenommen würden, demnächst, und – daran zweifelte er nicht – in deren Verlauf die Gegner Fehler um Fehler machen würden bis sie schließlich vernichtet und er und seine Mitgefangenen befreit sein würden. Er malte sich aus, wie sie dadurch endgültig und unwiderruflich zu Helden würden, uneigennützige Beschützer der Idee von Freiheit und Demokratie. Diese Vorstellung amüsierte ihn sogar in dieser Lage köstlich.
 
Nur Dick begriff, je länger ihre Gefangenschaft andauerte, das sie es mit etwas zu tun hatten, mit einem Plan, in dem es um etwas ganz anderes ging, als um jene Machtspiele, mit denen sie Erfahrungen hatten. Es war eine Unbarmherzigkeit in dem Arrangement erkennbar, die ihn begreifen ließ, dass wer immer sie hierher gebracht und in dieser – womöglich unterirdischen, so vermutete er gelegentlich wegen der Geräuscharmut – Halle eingesperrt hatte, nichts von ihnen wollte und auch nicht die Macht angreifen, die sie einmal repräsentiert hatten. Vielmehr, so schien es ihm, ging es hier um ein Gerechtigkeitsexperiment, die empirische Überprüfung eines Theorems. Nur dass er nicht verstehen konnte, um welches. Sicherlich, ihnen wurden die Morde vorgehalten, die Drohnen, die Lügen, der Hunger, die Schmerzen, das Leid. So konnte man die Bilder und Daten verstehen. Auch die Texte gaben nur Fakten wieder. Nichts davon hätte er jemals bestritten. Für ihn las es sich nicht wie eine Anklage, sondern wie eine Huldigung, auch wenn ihm klar war, dass diejenigen, die die Texte angebracht hatten, es anders meinten. Dennoch: Es wurde keine Anklage formuliert, kein Urteil gefällt.
 
Nur wenige Textinschriften richteten sich direkt an die Insassen. Sie enthielten Instruktionen: Zur Benutzung der Toilette und der Dusche, die in einer Ecke der Halle angebracht waren (ohne jeden Sichtschutz allerdings) oder zur Öffnung des kleinen Liftschachtes, durch den ihnen einmal täglich ihre Essensration zugeführt wurde. Ihre Kost war, so wurde ihnen schriftlich an der Wand mitgeteilt, auf ihr Alter, ihr Gewicht und ihre Bewegungsmöglichkeiten abgestimmt. Auch die Matratzen, die in einer anderen Ecke ausgerollt waren, seien mit Bedacht ausgewählt worden und es werde empfohlen, jeweils die für einen bestimmte zu verwenden: blau für Dick, rot für George, weiß für Don. Sie akzeptierten das, jedoch erst nachdem sie festgestellt hatten, das auf Zuwiderhandlungen keinerlei Reaktionen erfolgte. Die Kameras überall unter der Decke beobachteten sie, aber egal, welche Faxen sie aufführten, ob sie sich krank oder tot stellten, ob sie die Matratzen durch die Halle zogen oder sich still zusammen kauerten, niemals erhielten sie eine Reaktion von denen, die sie an Bildschirmen irgendwo beobachten mussten. Jedenfalls gingen sie davon aus, dass sie beobachtet wurden. Jede andere Vorstellung wäre gar zu grässlich gewesen. Es gab sonst nicht in der Halle als die Bilderwände, die Matratzen, die Toilette, die Dusche. Das Essen kam in Plastikflaschen und auf Plastiktellern, keine Bestecke, kein Mobiliar, nichts zu zerlegen, keine Fenster, keine Luken. Die Wände der Halle waren mindestens vier Meter hoch. Sie gaben es schon am dritten Tag auf, einen Ausgang zu finden.
 
Anfangs hielt Dick gelegentlich Reden, in denen er sich gegen eine imaginäre Anklage verteidigte. Don polemisierte und posierte vor den Kameras. George verhielt sich ruhig. Sie waren einander nie sehr nahe gewesen. In den letzten Jahren vor ihrer Zusammenkunft in der Halle hatten sie sich sogar einander entfremdet. Was sie verbunden hatte, für eine gewisse Zeit, war der Kampf um die Macht und der Gebrauch der Macht gewesen. Sie hatten alle drei etwas gewollt und sie hatten sich dabei helfen können, es zu kriegen. Sie hatten sich benutzt, aber nicht gemocht. Dennoch verstanden sie sich hier in der Gefangenschaft nicht schlecht. Nach der anfänglichen Gereiztheit, den ersten Scharmützeln, richteten sie sich einigermaßen ein. Sie waren Männer mit demselben gesellschaftlichen Hintergrund, denselben Grundüberzeugungen und Benimmregeln. Daran hielten sie sich, so gut es ging, selbst in diesen orangefarbenen Overallen, die natürlich auch symbolischen Charakter hatten, wie ihnen wohl bewusst war. Die Tage schleppten sich so dahin. Die Nächte erkannten sie daran, dass für Stunden das Licht ausgeschaltet wurde. Dann kam das Essen, wenn es wieder hell wurde. Mehr Rhythmus hatte ihr Leben nicht mehr.
 
Dick fragte sich, wie lange das so gehen konnte. Wie waren sie her gelangt? Darüber war nichts zu erfahren. Ein jeder von ihnen drei war seinen ganz gewöhnlichen Tagesabläufen gefolgt und an irgendeiner Stelle herausgerissen worden, bewusstlos, da ließ sich keine Spur verfolgen, keine Gemeinsamkeit herleiten, keine unbekannte Größe enttarnen, obwohl Dick zu Anfang viel Zeit auf die Verhöre seiner Mitgefangenen verwendete. Sollten sie so sterben? Hier? An Herzversagen. Oder einer Erkältung. Konnte man sich unter diesen Umständen erkälten? Die Temperatur war gleichbleibend lau. Krebs. Man konnte sicher auch Krebs kriegen hier. Würde auch dann nichts geschehen, wenn einer von ihnen sich in Delirien wand, vor Schmerzen wimmerte? Er bereute, dass er zu Anfang einen Anfall simuliert hatte. Gesundheitlich war er der Angeschlagenste und würde wahrscheinlich als erster schlapp machen. Wenn sonst nichts mehr kam.
 
Doch dann geschah etwas. An einem Morgen (d.h. nachdem das Licht eingeschaltet worden war) fanden sie im Essenschacht neben den üblichen Rationen drei Revolver und eine Bedienungsanleitung, wie sie zu entsichern seien. Dick frohlockte innerlich. Die Entscheidung. Darum ging es also: Wer war der Stärkste unter ihnen? Wer konnte sich durchsetzen? So war das also. George wirkte lethargisch wie immer, bestenfalls ein wenig verwundert. Der konnte mit der Waffe nichts anfangen. Nicht ohne einen Plan. Einen Plan von Dick. Dick wusste, dass hier Schnelligkeit und Rücksichtslosigkeit gefragt waren. Jene Eigenschaften, in denen er den anderen beiden haushoch überlegen war. Ohne zu zögern, noch bevor George seinen ersten Schluck Wasser aus der Flasche nehmen konnte,  neben die er achtlos die Waffe gelegt hatte, erschoss Dick ihn aus nächster Nähe. In die Schläfe. Trotz seines Alters und seiner Erkrankung war Dick behände genug, die Waffe, noch bevor Don auf den Schuss reagieren konnte, auf diesen zu richten. In Dons Augen erkannte er, dass er ihm gerade noch zuvor gekommen war. Hätte Dick nicht George erschossen, hätte Don Dick niedergestreckt. Er oder ich. Am Ende lief es immer darauf hinaus. Das hatte Dick gewusst, jederzeit, und damit recht behalten. Keine Illusionen. Er hatte sich eben nie welche gemacht. Er schoss ein zweites Mal. Don. Er oder ich. Er war immer noch ein guter Schütze und die Entfernung gering. Don fiel vornüber. Danach konnte Dick sich ein Triumphgeheul nicht verkneifen. Er hatte es geschafft. Darum war es doch gegangen. Wer es schafft. Zu siegen. Hier. Unter ihnen drei. Das Experiment. Ein eindeutiger Ausgang. Er war der Sieger. Zum Siegen geboren. Mit oder ohne Herz. Ohne Herz.
 
Erschöpft ließ er sich auf seine Matratze sinken. Zufrieden. Er war mit sich zufrieden. Ziel erreicht. Ziele getroffen. Er wartete. Er wartete auf das Ergebnis. Dass jemand nun die Leichen abholte. Und ihn mitnahm. Ihm den Prozess machte. Den hatte er sich doch jetzt verdient. Verdient. Er hatte es verdient, vor ein Gericht gestellt zu werden. Er hatte für alle seine Handlungen Gründe. Die er darlegen konnte. Er hatte Verbrechen begangen, ja, aber um größere Verbrechen zu verhindern. Es war Notwehr. Alles war Notwehr. Nur der Stärkste kommt durch. Der Nervenstärkste. Das war er. Das hatte er bewiesen. Nun also.
 
Nichts geschah. Es geschah nichts. Als das Licht ausgeschaltet wurde, saß er im Dunkeln. Als es eingeschaltet wurde, kam die Essensration für eine Person durch den Schacht. Sonst änderte sich nichts. Die Leichen. Nur die Leichen. Stanken ein wenig. Nach einer Weile. Das ging doch nicht. Das konnten die doch nicht machen. Wenigstens die Leichen mussten sie abholen. Das konnte er doch verlangen. Er verlangte es. Er befahl es. Er wimmerte. Nichts geschah. Nur immer dasselbe. Licht an. Licht aus. Essen. Er wartete. Er hatte noch vier Schuss in seinem Revolver und zweimal sechs Schuss in den beiden anderen. Er schoss Dons Revolver leer. Er schoss auf die Kameras. Er traf zwei. Nur zwei. Er schoss Georges Revolver leer. Er traf keine Kamera. Er hatte jetzt noch vier Schuss. Er wartete. Er betete. Er lachte. Er schlief. Wenig. Er aß. Wenig. Er schaffte die Leichen in eine Ecke der riesigen Halle und richtete sich in der am weitesten entfernten ein. Er schuf sich eine Höhle aus den Matratzen.
 
Es geschah nichts. Licht an. Licht aus. Essen.
 
 
Dick hielt sieben Tage aus, nachdem er Don und George erschossen hatte. Die DVDs, die Dicks Martyrium zeigen, habe ich nicht per Post erhalten. Selbstverständlich war ich überrascht und erschüttert, als ich auf diese Weise erfuhr, was mit den drei bekanntesten Vermissten der Welt geschehen war. Was ihnen angetan wurde, ist unwürdig. Wie anderen auch ist es mir dennoch beinahe unmöglich, Mitleid mit ihnen zu empfinden. Jedoch: Unrecht bleibt Unrecht, selbst wenn es an Verbrechern begangen wird. Es fiel mir keineswegs leicht, diese Aufzeichnungen anzuschauen. Niemandem fiele das leicht. Denn sie sind vor allem langweilig. Insgesamt habe ich 24 DVDs erhalten. Nicht wenige Male habe ich ungeduldig vorgespult. Es ging aus, wie ich es von Anfang an erwartet hatte.

Chamber Music (13)

James Joyce, Chamber Music. In neuen Nachdichtungen von Helmut Schulze und ANH. Chamber Music (13): Das dreizehnte Gedicht. (Entwürfe).

XIII.
 
Go seek her out all courteously,
And say I come,
Wind of spices whose song is ever
Epithalamium.
O, hurry over the dark lands
And run upon the sea
For seas and lands shall not divide us
My love and me.
 
Now, wind, of your good courtesy
I pray you go,
And come into her little garden
And sing at her window;
Singing: The bridal wind is blowing
For Love is at his noon;
And soon will your true love be with you,
Soon, O soon.


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Auf, sucht sie, ohne Scham und Scheu. (ANH-Version).
 
Auf, sucht sie, ohne Scham und Scheu,
Und sagt ihr, daß ich nahte,
Ihr Pfefferwinde, deren Wehen
weht hin als Brautkantate.
O, überrast die dunklen Lande
und stürmet über See,
Denn weder Meer noch Länder trennen
Uns, die wir lieben, je.
 
Jetzt, Wind, sei mir gewogen,
Ich bitte dich, und braus‘ es
Durch ihren kleinen Garten hin
Und sing‘s am Fenster ihres Hauses,
Du seist am Hohen Mittag unsrer Liebe
des Hochzeitsliedes Rauschen;
Und bald, o bald komme ihr Schatz
Mit ihr die Ringe tauschen.
 
sucht sie auf, macht ihr den hof (HS-version)
 
sucht sie auf, macht ihr den hof
und sagt, ich käm’,
duftwinde ihr, ihr singet
ein hochzeitslied
eilt hin über dunkles land
weit übers meer
nicht see, nicht land soll scheiden
mir lieb’ von mir
 
dich wind, sei nett, ich bitt’ dich
mögest wehen
in den kleinen garten ihr
am fenster sing
ein lied: daß brautwind wehe
und hoch die zeit
daß dein werd’ wahre liebe
es ist soweit