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Inhalt 04/2012

Die Lesezeichen-Ausgabe 04/2012 erschien am 14. Januar 2012.


In dieser Ausgabe:
Geheimschriften der Väter, Vergangenes und die Möglichkeiten der Leere, Städte und ihre Ambulanzen, Wetter in Tüten, aufzupäppelnde Tage, authentische Baden-Badener Klischeebilder, John Maynard und ein Kobboi, drei Propheten und die Relativität der Zeit, warme Betten und Pferdewetten, Michael Hamburger und die Manson-Clique, Blindschleichen und Bukowski, Proposition Joe abseits der grossen Strassen, Abschreibsysteme und abrupte Montagen, Pelze und Lorgnetten uvm.

INHALT:

die schrift meines vaters

14. Dezember 2012

pic

nordpol : 7.05 – Dass mein Vater älter wurde und müde, war seiner Schrift deutlich anzusehen. Die Buchstaben wurden kleiner, manche standen senkrecht, andere neigten sich einer unsichtbaren Linie zu, auf der sie sich wortweise vorwärts bewegten. Ich könnte sagen, die Schrift meines Vaters wirkte so, als wäre ein Sturm seitwärts über sie hinweggefahren, zerzaust, und doch waren alle notwendigen Buchstaben für jedes der Wörter, die mein Vater geschrieben hatte, gesetzt. Er notierte zuletzt gerne mit Hilfe der Tastatur seiner Computermaschine, das war nicht so anstrengend, er vermochte die Größe der Zeichen zu variieren, so dass er sehen konnte, was er gerade auf den Bildschirm brachte. Einmal musste mein Vater einen Brief unterzeichnen, es war ein Oktobertag, mein Vater wartete lange Zeit vor dem Papier, das auf dem Tisch vor ihm ruhte, hielt den Stift, den man ihm gereicht hatte, in der Hand, betrachtete diesen Stift, drehte ihn zwischen den Fingern, er zögerte den Moment hinaus, da er mit der Aufzeichnung seines Namens beginnen würde. In diesem Moment ahnte ich, dass mein Vater seinen Namen malen würde, dass seine nichtbewusste Signatur, die ein Leben lang gültig gewesen war, nicht länger zu existieren schien, oder dass er unter den Augen eines Beobachters sich nicht länger traute, seine ureigene Signatur auszuführen. Ja, mein Vater fürchtete sich, weil der Wind der vergehenden Zeit seine Schrift erfasste. Sie war einmal eine akkurate Schrift gewesen, eine Schrift wie gedruckt, sie notierte komplizierte mathematische Formeln, ohne je ihre Fassung auf den Papieren zu verlieren. Als Junge beschloss ich, diese Geheimschrift der Zahlen und Wörter zu entschlüsseln, bis sie noch vor meinem Vater selbst zu verschwinden begann. Zurückgeblieben sind nun seine Stifte in einer Schublade: Kugelschreiber, Füllfederhalter, Bleistifte, Buntstifte, auch ein Werkzeug, mit dem man in weisser Farbe notieren kann, vielleicht um zu korrigieren, vielleicht um Nichtsichtbares auf das Papier zu setzen. – stop

ping

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Dienstag, 2. Oktober 2012

(Ein Gläschen Südwein neben meinem Notebook. Südwein, Süßwein, Desertwein – schöne, gluckernde Worte. Im Moment trinke ich einen Spätburgunder gemischt mit Sherry. Ich weiß, das hört sich barbarisch an, schmeckt aber gut).
Was mich immer schon gewundert hat ist, dass sich alle – jedenfalls die Leute in den üblichen Medien – darüber beklagen, dass die Geburtenrate in Mitteleuropa schwindet. Ich kann das Problem nicht erkennen, vielmehr ist das doch ein unfassbarer Vorteil für den Kontinent, der seit dem letzten Jahrhundert deutlich überbevölkert ist. Alle Landschaften sind zersiedelt, durchschnitten von Myriaden von Straßen, zugepflastert und versiegelt mit Beton und Asphalt.
Noch in meiner Kindheit, selbst noch zu der Zeit, als ich nach Berlin kam, waren die Städte umgeben von Brachland, Wiesen, Wäldern. Unbehauste Natur. Jetzt stehen dort Einkaufszentren und Baumärkte. Wenn endlich wieder, in dreißig, vierzig Jahren, Europa leerer wird, könnten wir ganze Landstriche der Wildnis zurück geben. Endlich Platz.
Stattdessen jammern alle über die Rente. Aber wenn durch den Rückgang der Bevölkerung auch die Kaufkraft schwindet, werden die Waren des täglichen Lebens durch mangelnde Nachfrage wieder günstiger werden. Und die Renten werden sogar dazu reichen, ein Haus in Brandenburg zu kaufen, denn diese Häuser in den verlassenen Dörfern werden schon in zwanzig Jahren kaum mehr als zwei, drei Monatsgehälter kosten.
Aber anstatt dass diese Gesellschaft die Möglichkeiten der Leere nutzt, baut sie weiter.
Zur Zeit ist eine Initiative entstanden, die die Leerflächen des Kulturforums am Potsdamer Platz schließen will. Sowohl die Matthäuskirche als auch die Neue Nationalgalerie sollen von Blockbebauung eingefasst werden, und auch das weite Areal vor der Gemäldegalerie soll weichen. Als hätten die Alten Angst vor der Leere, der Weite, als würde es sie an ihr eigenes Verschwinden erinnern.
Wieso erfreuen wir uns nicht an der Leere, lassen auch Brachflächen wieder zu, die fast alle seit der Wende verschwunden sind. Kein Mensch braucht all diese Büros.
Und selbst wenn wir uns das in den Städten nicht leisten wollen, weil die Alten günstige Infrastruktur brauchen; auf dem Lande könnten wir die Wildnis zurück kehren lassen. Man würde ganze Dörfer in der Uckermark räumen, die letzten Bewohner in den Speckgürtel von Berlin umsiedeln – zahlt man den Leuten ein wenig Geld, wäre das kein großes Problem. Die ganz Alten sterben bald, die Jüngeren wollen lieber heute als morgen weg, wenn sie es sich leisten können.
Und sollten dann die Dörfer der Uckermark geräumt sein, wird das ganze Gebiet umzäunt (ein freundlicher Eiserner Vorhang) und hinein kommt man nur ohne Motor-Fahrzeuge, ohne den Plunder des modernen Lebens. Zu Fuß oder auf dem Pferd darf man dann in das neue, unbekannte Land ziehen. In die WÄLDER.
Wölfe gibt es dort ja schon; man könnte noch Luchse ansiedeln, ein paar Wisente, ein paar Großtrappen. Der Wald wäre sich selbst überlassen, und schon nach fünfzig Jahren sähe es in dieser Zone aus, wie im frühen Mittelalter. Ein Dickicht, ein Märchenwald, eine Wildnis.
Und dort würde ich gerne meinen Lebensabend verbringen, in einer Blockhütte, an einem See. Der Himmel weit und klar, die Tannen ein einziges, dunkles Rauschen, und in der Nacht heulen die Wölfe.
Es hört sich romantisch an, es scheint ein weltabgewandter Traum zu sein, aber es wäre möglich, noch zu unserer Lebenszeit.

 

 

Stattdessen der nächste Baumarkt, das nächste Maisfeld für die nächsten Großraum-Autos. Wachstum, Fortschritt, Niedergang.
*
In nichts kann ich mich zur Zeit so vertiefen, wie in Schach. Neben dem Schreiben ist es das Einzige, bei dem ich in den flow tauchen kann. Ich leihe mir ein Schachbuch nach dem anderen aus der Bibliothek und entdecke taktische Möglichkeiten, die ich auf diesen 64 Feldern nicht für möglich gehalten hätte. Das Spiel ist eine Mischung aus Krieg und Tanz. Und ich stolpere mittlerweile nicht mehr ungelenk durchs Feld oder über den Tanzboden. Stufe 4 von Chess Titans nutze ich nur noch, um verschiedene Angriffsstrategien zu üben; kaum zu glauben, dass dieses Level mir vor einigen Wochen noch einige Schwierigkeiten bereitet hat.
Besonders gut gefällt mir zur Zeit die Vorgehensweise Karpows im Kandidatenmatch 1974 (ich schrieb bereits davon). Dieses brachiale Reinhauen mit zwei Türmen und der Dame in die Königsflanke; wenn der König nicht erfahren genug ist, hat er nicht den Hauch einer Chance.
Karpow war sowieso ein großartiger Schachspieler, nicht ohne Grund ist er jahrelang Weltmeister gewesen. Doch galt er immer als ein etwas farbloser, zurückhaltender Spieler (habe ich gelesen). Dabei geht er mit einer unglaublichen Eleganz vor, zwar kühl und wohldurchdacht, und auch ganz ohne spektakuläre Opfer und dergleichen, aber doch mit einer scheinbaren Leichtigkeit, die mich völlig fasziniert (jedenfalls in den Partien, die ich bislang durchgespielt habe).
Ich kann mich gut an ihn erinnern, als er in dem schwarzweißen Fernsehgerät auftauchte, mit dem in den 70ern Jahren auch Jochen Mass und Muhammad Ali in unser Wohnzimmer übertragen wurde. Seinerzeit war Schach eine populäre Sportart (ein Kampf der Gehirne im Kalten Krieg), über alle Weltmeisterschaftskämpfe von Kasperow gegen Karpow wurde in verschiedenen Fernsehsendungen berichtet. Ich habe jetzt noch dieses geheimnisvolle, fremde Gesicht von Karpow vor Augen – ein Mann aus der Welt hinterm Eisernen Vorhang. Ich mochte dieses Gesicht. Das Kind, das ich war, mochte dieses Gesicht. Vielleicht habe ich wegen diesem Gesicht damals angefangen Schach zu spielen (und schnell wieder aufgegeben). Und es ist nur folgerichtig, ist geradezu eine späte Verbeugung, dass ich wieder mit Karpows Partien beginne.

 

 

Die Dame stand vorher auf e3

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erinnerung

text: r&g 14. Dezember 2012

 

aquarell simplon gondoschlucht alte kaserne

heute wirft ihn die erinnerung weit, weit zurück. der kobboi war hier ja nur ein paar kilometer von seinem zuhause entfernt und trotzdem glaubte er, in einer völlig anderen welt zu sein. der wind lärmte zwischen den felswänden, dass man kaum sein eigenes wort verstehen konnte und es war beissend kalt. die gaststube war seit ewiger zeit geschlossen und ihm blieb nichts anders übrig, als den nachhauseweg ohne mahlzeit unter die füsse zu nehmen.

Angeln am störgestreiften Rhein

Still aus der frühen Tatortfolge Wenn Steine sprechen. Kommissar Horst Pflüger (gespielt von Ernst Jacobi), ein intellektueller Feuerkopf mit Ansätzen zu Brillanz und dem Spleen, mitten aus dem besten Gehen/Laufen heraus in britisch-eleganter Jagdhund-Vorstehhaltung zu verharren, ermittelt zunächst ins Luftleere und bald gegen untersetzte Stützen der Baden-Badener Gesellschaft. Deren Töchtern einer, die reichlich seltsame Reitstile pflegt, Pflüger gegen offenbare Etikette-Widerstände einen Lyrikband (!) schenkt, aus dem (Maurice de Guérin (!!!)) er bei passender Gelegenheit nicht nur auswendig zu rezitieren, sondern den er auch gegen Pathosvorwürfe zu verteidigen versteht. Was die Tochter zu gemäßigtem Nachdenken bewegt und auf Pflügers Romanistikstudium in München zurückweisen dürfte. Für authentische Dialektinseln (mittelbadisch) im weitgehend hochdeutsch parlierenden Millionärsstädtchen sorgen die niederen Kasten (u.a. ein polizeibekannter Automatenknacker (”ich hab nur e Mark in de Zigaretteautomat neigschteckt”) und oben (wenngleich eher schemenhaft) zu erblickender Angler, welcher Opfer und Polizei wichtige Hinweise steckt), authentische Baden-Badener Klischeebilder (Casino, Galopprennbahn Iffezheim) wiederum wirken, als wären mit ihnen kleinere Zeitlöcher im Drehbuch zu stopfen gewesen. Der Rhein fließt schön gleichmäßig durch sein von Tullas fleißigen Arbeitern gerichtetes Bett. Wir sehen seltene Filmaufnahmen der heuer ein wenig in Vergessenheit geratenden Kunst des in seiner wirkungsvollen Beiläufigkeit so extremen altdeutschen Kaffeekredenzchens. Die Störgestreiftheit des Rheins erinnert uns an gerhardrichtersche und heisenbergsche Unschärfen: wo Vermutungen und Wissen sich überlagern, entsteht Drive.