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Guido Rohm

Guido Rohm wurde 1970 in Fulda geboren, wo er heute auch lebt und arbeitet. Er schreibt u.a. Buchrezensionen für verschiedene Onlinemagazine. Dabei entdeckte er auch den amerikanischen Kultautor Tom Torn für den deutschsprachigen Raum. Sein Debüt, der Kurzgeschichtenband „Keine Spuren“, erschien 2009 im Seeling-Verlag (Frankfurt). Der deutsch-französische Schriftsteller und Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt schrieb das Vorwort zu „Keine Spuren“. Sein erster Roman – „Blut ist ein Fluss“ – erschien im Frühjahr 2010 ebenfalls im Seeling-Verlag. Im Textem-Verlag (Hamburg) wurde seine Erzählung „Eine kurze Geschichte der Brandstifterei“ veröffentlicht. Außerdem betreibt und betrieb er diverse literarische Weblogs.

… ich bleibe stehen, das ist ja ein Buch, sage ich zur Seraphe, Buch, fragt die, klar, sage ich, da liegen lauter Geschichten, die müsste man nur ausgraben und aufschreiben, die warten förmlich darauf, dass man sie aus ihren Gräbern reißt und in eine Datei packt, du scheinst das Essen nicht vertragen zu haben, sagt die Seraphe, ein herrlicher Ort, sage ich, atme mal die Luft ein, die Seraphe schüttelt den Kopf und geht weiter, ich gehe noch ein paar Gräber ab, ist eine Riesennummer für einen Autoren hier, ich fühl mich großartig, ja, so einen Herbst sollte man auf den Friedhöfen verbringen, da hin, auf eine Bank setzen, Laptop raus und tippen, die Blätter beschreiben, die alten Frauen, die langsam zu den Gräbern ihrer Männer schlurfen, die Gesichter sind von der Kälte zerschnitten, ist das die Lebenskälte, frage ich mich …

Litblogs / URL:
Der Wortbruchstellenverursacher
http://wortbruchstellenverursacher.wordpress.com/
Aus der Pathologie
http://guidorohm.wordpress.com/
Guido Rohms gestammelte Notizen
http://guidorohmsgestammeltenotizen.wordpress.com/

Fr, 6.8.10 (Sa, 7.8.10, 5:14): Gegendämm[er]ung

Text von heute journalistisch, …

— snip! —

Nachhall von Zeiten, Räumen und Textklängen

Die Ensembles reflexion K und voces verbanden in der Nikolaikirche alte mit Neuer Musik.

Eckernförde. Es war „ein sich anders in die Leere Sagen“, wie es der Lyriker Raoul Schrott einmal nannte, als Guillaume de Machaut um 1360 die erste vierstimmige Messe schrieb und damit nicht nur die Mehrstimigkeit, sondern auch die Gestaltung des Raums durch Klang zum Kompositionsprinzip erhob. Vom Papst mit einem Bann versehen und unverstanden war diese „Ars nova“ zunächst – ein Schicksal, das die Neue Musik mit dieser alten lange teilte. Aber nicht nur deshalb stellten das Eckernförder ensemble reflexion K und das Berliner ensemble voces in der Nikolaikirche unter dem Konzertmotto „Gegendämmerung“ Machauts richtungsweisendes Werk vieren des Eckernförder Komponisten Gerald Eckert gegenüber.

Machauts „Messe de Nostre Dame“ klingt rund 650 Jahre nach ihrem Entstehen eigentümlich modern, gerade wenn das ensemble voces die einzelnen Sätze zwischen Eckerts Kompositionen präsentiert. Machaut wie Eckert erweisen sich als „Echolote“, die die musikalischen Parameter Zeit und (Raum-) Klang neu „eichen“. In der rein elektronischen Komposition „Aux mains de l’espace“ („in der Hand des Raums“) ist diese Neuverortung sogar programmatischer Titel. Eckert komponiert hier nicht mit den Klangereignissen an sich, sondern nur mit deren Nachhall, also ihrer zeitlich verschobenen Wechselwirkung mit dem Raum. Auch in „Nen VII“ konfrontiert er den auf Tonband aufgenommenen und elektronisch verfremdeten Nachhall von Flöte und Cello mit deren Live-Klängen, welche Kombination sich wiederum mit dem Raumhall der Nikolaikirche überlagert. Solche in einander verschränkten Klangebenen sind typisch für Eckerts Musik und finden sich im hier möglichen direkten Vergleich mit Machaut auch schon bei letzterem.

Eine weitere Gemeinsamkeit, die sich über die Jahrhunderte hinweg spinnt, wird in Eckerts „Annäherung an Petrarca“ und „Gegendämmerung“ deutlich, in denen auch die menschliche Stimme eine Klangrolle spielt. Machaut machte in seiner Messe den Text zum Klang, indem er ihn über weit gespannte Melissmen (ein Silbe erstreckt sich über viele Töne) dehnte. Die Musik fügt sich so in die „Löcher“, die Leerstellen, die der Text (zu-) lässt. Genauso bei Eckert, der Raoul Schrotts Gedicht „Physikalische Optik V“ in „Gegendämmerung“ eben nicht vertont, sondern es fragmentiert und so den Sinn in etwas sinnlich Wahrnehmbares transformiert. Was schon bei Machaut „unerhört“ im doppelten Wortsinne war, ist so noch heute ein Hall, der die Texte mit Klang und damit neuem Sinn füllt.

— snap! —

… lyrisch …

— snip! —

gegendämm[er]ung

ein and’res in die welt mich fragensagen:
dass ich als nicht und wicht und schüchtern licht
würd‘ alle fensterstürze mutig wagen,
damit ich nicht, was alte kunst uns spricht.

die welt steht kopf, nur wenn wir sie ertragen:
symbol und all das freche metaphoren
den unvergessenen ins grab geschlagen,
auf dass sie sich erst und dann uns verloren.

das rad steht stiller als das kyrie
der plattitüde aller nacht geweihten.
aus sommers fernen schreit die furie,

was sie gesetzt zu früh in lieb‘ der leiden.
ich dämm‘ sie ein, den fluss, das meer, die seen,
und träume mich, zu singen solchen feen.

— snap! —

… und filmisch:

Für Michael Lentz und gegen Dirk von Petersdorff. Paulus Böhmer zu Ehren. „Nach” dem Hannoverabend des 16. Septembers 2010. Mit Marion Poschmann und Jan Wagner. Nie aber sollst du mich nennen, sowieso: die Dschungelmacht (nicht) nutzen.

Boehmer-Preisverleihung-3

Michel Krügers Einleitung

„Erwähne mich bitte nie in Der Dschungel” – wir standen rauchend mit >>>> Michel Krüger auf der Freitreppe zum >>>> Künstlerhaus Sophienstraße beisammen; Krüger etwas abseits, da Franka G. und ich so in persönlichem Gespräch begriffen – „nein, auch nicht als F.. Weißt du, ich erinnere mich: vor Jahren, als Gustavson diesen Eheroman herausbrachte, von dem ich ihm noch abgeraten hatte, denn wenn jemand leidet, dann sieht er nicht klar… also damals hat er selbstverständlich auch mich mitverwurstet… alles ganz anonym, ich war einfach nur F.. Doch ein Jahr später kommt ein Patient in meine Praxis, sieht mich nur, geht zwei Schritte zurück und sagt mißtrauisch: ‚Sie sind doch F., Frau G?’ Du siehst, sogar Patienten lesen. Nein wirklich, Alban: keine Erwähnung. Dein Dschungel ist ein gefährliches Besteck.” Weshalb sie Besteck sagte, erklär ich mir aus ihrer bezahnten Profession. In der Tat finde ich heute morgen >>>> meinen Text zur Eröffnung des ilbs unter den allerersten Google-Links. Manch einer wird so Die Dschungel nie wieder los, woraus sich dann vielleicht d o c h erklärt, weshalb >>>> BettyB – meine Stellvertreter-Figur für viele andere, die wirklich sind – so unbedingt anonym bleiben will. Denn manchmal, da hat die Betty recht, n u t z e ich die Dschungelmacht. Zum Beispiel nämlich jetzt:

Spät nachts kam ich >>>> aus Hannover zurück. Jan Volker Röhnert zwar bot mir an, allerdings zögerlich, mit ihm das Hotelzimmer zu teilen („Bei mir stehn eh zwei Betten drin”), doch s o nah sind wir einander nicht; das wußten wir beide. Außerdem war und ist er keine Frau: bei denen stört mich Fremdheit nicht. Im Gegenteil. „Fremdheit macht Erektion”, heißt es in >>>> MEERE; das gilt für Frauen genauso, nur halt mit einem anderen Effekt, wenn auch einem, der aufs selbe hinauswill. Kurz, ich fuhr denn nachts wieder heim. Da hatte ich einen Gedichtband gekauft, spontan, ich konnte nicht anders, nämlich Offene-UnruhMichael Lentzens 100 Liebesgedichte, >>>> bei S. Fischer unter dem Titel „Offene Unruh” erschienen. Michael Braun hat zu ihnen leidenschaftlich geschrieben, was gestern abend >>>> Martin Rector vortrug, weil Braun krankheitshalber verhindert war. Ich hätte mir gewünscht, daß Michel Krüger, der über Jan Wagner vortrug, die Vorstellung Michael Lentzens übernommen hätte. So nun geriet Lentz in schlechte Gesellschaft. Denn der Kotau, mit dem sich Rector zuvor Petersdorffs betriebsbe-, ja –durchgetriebenen Produkten zu Füßen geworfen hatte, war schlichtweg ekelerregend gewesen – zumal er darauf enormen rhetorischen Nachdruck verwandte, wiewohl doch allenfalls ein Erstaunen sein kann, daß ein Mann mit einer solchen intellektuellen Karriere solche schlechten Verse verfaßt. Tatsächlich meidet Petersdorff in seinen „Gedichten” nicht eine einzige Banalität, ja er gefällt sich und, schlimmer, suhlt uns darin: das gilt für die Formen wie den Inhalt. Wo es hingeht, fleddert er in den letzten Knochen Gernhardts herum, der auch schon lyrisch ein, wenn auch ungewollt, Scharlatan war. Geht es, wie nahezu immer, schlecht, ist Petersdorff kaum mehr als eine Mary Roos der Alltagsgedingse. Das desavouiert die Formen, derer er sich bedient – immer auf das schnellstgefundene Reimwort gehüpft. Zwar ist dies nicht ohne Kunsthandwerk, denn das ist freilich recht toll, wenn selbst die Glätte klappert. „Ein Replikant”, dachte ich aber, „meine Güte: So schreiben Replikanten Gedichte.” Wo wahres Gefühl wäre zu erwarten, Betroffenheit, jaja: sagen Sie nur „sentimental” – das heißt doch nicht, das Engagement sei sentimental auch in Worte zu fassen… – kurz: wo L e b e n ein Gedicht beseelte, wirkt durch Petersdorffs Verse nichts als Mainstream-Prothetik. Gebrauchsgedichte sind das im besten Fall, die aber, durch Kleist(!!)- und Liliencron-Preise, zu Hölderlin hinaufgemetzt worden sind von einem Betrieb, der sich hierin schamloser offenbarte denn je. Unter der plastifizierten Oberfläche schaut Tiefe nicht mal mehr durch. Hier werden gestiegene Brötchenpreise zu Weltschmerz ohne Schmerz, ja Schmerz selber, ganz wie die Liebe, zum Produkt der affirmativsten Melancholie. Die setzt, ganz klar, auf den Ulk. Wäre ich gutwillig, ich spräche von Abwehr, Reaktionsbildung nämlich: das Lachen, auf das Petersdorff so ganz erfolgreich abzielt, hat das Niveau eines ins Feinsinnige nobilitierten Schenkelklatschens. Dabei geht der Mann völlig nackt. Neben mir und um mich herum zuckten die, die es wußten. Aber sie schwiegen. Die anderen lachten, wie zu erwarten, denn was des Affen ist, das frißt er. Alleine ich – Leser, ich konnte nicht anders – rief ein „Furchtbar!” in den Applaus.

So war diese Lesung nicht nur eine Maulschelle ins Gesicht Paulus Böhmers – Rector hatte nämlich gar noch „empfohlen”, an Petersdorff den nächsten Hölty-Preis zu vergeben -, sondern eine Beleidigung der drei anderen Autoren, die das Vorprogramm zur Preisverleihung bestritten: eine Verletzung der sanften, melodiösen Gedichte Jan Wagners, der stillen, ausgesprochen formstrengen, bisweilen schwebenden Gedichte Marion Poschmanns und – daß der sich nicht wehrte! – der radikalen und doch gefährdeten Sprache der „100 Liebesgedichte” von Michael Lentz. Sie waren meine Entdeckung des gestrigen Abends. Sie überfuhren mich, sie machten mich nervös, sie schossen durch mich hindurch. Lentz weiß um die Öffnung, der er sich aussetzt, jede Zeile ist von einem Schmerz, der andere nachtreten läßt, wenn wer schon fiel. Daher die aggressive, dabei virtuose Vortragsform. Sie ist nicht jedermanns Sache, ganz sicher. Sie fällt einen an. Da hat einer, spürt man, den Sprengsatz bereits um den Bauch. Das interpretiert die Gedichte: schützt sie nämlich. Wie groß, abermals nämlich, dann nämlich mein Erstaunen, als ich sie nachts, auf der Rückfahrt im Zug, alleine für mich las. Welch eine Traurigkeit. Welch eine Verlassenheit. Welch Unglück, das immer noch liebt. Welche Ehrlichkeit dabei, unkorrumpierbar auch durch sich selbst. Leser, kaufen Sie sich >>>> diesen Band. Tragen Sie diese Gedichte immer bei sich. Wie ich fortan.

am ende des ganges die tür
du stehst gegen die wand und wartest
auf wen? durch die tür musst du selbst
geh aufrichtig wende den blick nicht ab
deine schritte seien sicher und ruhig
hast du die tür erreicht öffne sie
dann endlich sage folgende worte: ich liebe dich
merkst du dass es keinen boden gibt?
und der gang nimmt kein ende
* Dann aber Paulus Böhmer.

Damen und Herren: ein Größter.

„Du hast ja keine Ahnung, welch einer Kraft es bedurfte, die Leute überhaupt zum Lesen zu bringen.” Ich schreib nicht, wer das gesagt hat: Solche, die die Abläufe kennen, ahnen es ohnedies, und die sie ahnen, kennen es. Da saß dann der Dichter, grau unterdessen das Haar, fast weiß sogar, vorn in der Reihe, dieser schwergewordene, wuchtige Mann, dessen Lebenswerk – „es ist mir peinlich, wenn jemand von ‚Werk’ spricht”, sagte er später; ich zuckte zusammen – doch aber j a: Lebens w e r k in der deutschen Lyrik seinesgleichen nicht einmal sucht, es wäre vergeblich – saß dieser Einsame Boehmer-Preisverleihung-1wuchtig da, der über Jahrzehnte den Steinkoloß rauf- und immer weiter raufgewuchtet hat – denn Sisyphos‘ Elend besteht ja nicht darin, daß der Stein immer wieder zurückrollt, sondern der Hang nimmt kein Ende: der Berg kennt keinen Gipfel; – … saß da und war fremd. Stieg fremd auf die Bühne, Boehmer-Preisverleihung-2verlegen und fremd, reichte dem Sparkassenleiter die Hand, dem Oberbürgermeister, und wir spürten: Fremdheit, Fremdheit, Fremdheit. Seltsam: denn aber beglückt. Beglückte Fremdheit. Das war ihm vielleicht das peinlichste, daß er so glücklich war, und er floh mit >>>> Heusch ins Gedicht – in einen jener unendlichen Kaddishs, von denen >>>> Jan Volker Röhnert, der die kluge Laudatio sprach, nicht zu Unrecht meint, sie seien das Zentrum dieser Dichtung und überschrieben den Tod mit dem Leben, „zumindest für den Zeitraum des Lesens”. Röhnert nannte auch die Bezugsgröße: Homer. Bereits Benjamin habe gefragt, wann denn die Moderne ihre Dichtung des Kataloges bekomme. Nun sei sie, drei Jahrzehnte lang von der literarischen Öffentlichkeit nahezu unbeachtet, entstanden. Denn in der Tat, Böhmer zählt auf, das Nahste, das Fernste, den Geist und den Leib, die Mikroben, den Stoffwechsel: nichts ist profan; alles, seltsam!, wird heilig. Man muß das hören, wie das geht. Wie das konzertiert wird, wie das im Tanz dreht, wie die Verzweiflungen schreien, aber die Zartheiten legen sich drüber, das Zarte-an-sich, das nicht lügt. Wie Inseln der allerkleinsten Traurigkeiten entstehen, aber der Küsse auch, und wie sich wieder die ganze Welt darüberwälzt, Liedhaftes drin, das schon verklingt, wenn es anklingt, und nur bisweilen ein Reim hält es im Gedächtnis. Aber diese Reime sind oft falsch, falsch indes aus Nähe, falsch, um nicht zu lügen, nicht vor die Hunde zu werfen, die Schweine, die in die Perlen nicht fahren sollen. Im Wechselsang trugen die beiden das vor, der Dichter und der Sprecher, dieser ein Tenor, jener im Baß. Ach, wie muß Böhmer gelitten haben gestern abend, als ihm zu Ehren, dem die sogenannte klassische Musik ein Greuel ist, zwei Vertonungen von Hölty-Gedichten schlecht gesungen wurden, peinlich, dieses Outrieren der Sängerin, die ich nicht nenne, peinlich dieses hehre Gesichtsverziehen einer ältlich gewordenen Höheren Tochter, dieses Bedeutungsgeschnulze, peinlich besonders auch mir, der ich die sogenannte klassische Musik so sehr liebe, daß man dieses Fanny-Hensel-Zeug ausgerechnet diesem Dichter vorgesetzt. Daß er nicht platzte! Daß er nicht höhnte! Daß er nicht wütend den Saal verließ! Hat sich denn keiner darum geschert, w a s wohl des Böhmers Musik sei? M u ß denn der bürgerliche Musenbegehr derart amusisch sich in die Brüste werfen, noch immer? Schon peinlich sowieso, einen auf große Säle getrimmten Sopran, der zumal unsauber an den Tonrändern ist, in einen Kleinkinoraum hineinzutölen. Welch eine Brutalität!
Die wirkliche Musik sangen Böhmer und Heusch. Das, von dem Abend, wird uns, die dabeiwaren, bleiben. Ighino ruft: „Nun sollst du wieder leben – wieder lachen – / Du bist so still – sag, freust du dich denn nicht?” Und Palestrina antwortet: „Doch, doch, mein Kind – nur, sieh – / Ich freu mich nicht so laut.” Und er schickt den Bub auf die feiernden Straßen.
Boehmer-Kaddish1Boehmer-Kaddish-21

Sie haben eine halbe Stunde

[Mr NO and Mrs MB mahnten an, dass mein Erlebnis im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in der vergangenen Woche, wo mich ein Asiate fotografierte und dann erschreckt fortlief, ich erst ungläubig schaute und dann laut lachte, dass dies in eine Geschichte münden müsse. Ich wechsele also ins Märchenfach. Das ist nicht das, was ich mir für meine weitere Entwicklung vorstelle, aber es geschah schließlich nicht irgendo, es geschah in the Grimms!]

Eines Tages, Wu war schon hundert Jahre alt oder noch älter, da erzählte er, wie er vor langer Zeit nach Europa gefahren war. Er war noch jung damals. Er hatte keine Kinder und er wollte einmal nach Europa bevor er starb. Was willst du denn in Europa?, fragten die Leute. Aber das wusste Wu nicht genau. Als er fünfzig war, spürte er, dass es soweit war. Lange hatte es so ausgesehen, als spiele es keine Rolle, ob er jetzt führe oder später. Mit einem Mal drängte dann die Zeit. Eilig packte er seine Habseligkeiten zusammen. Dann saß er tagelang auf seiner Tasche. Er konnte ja nicht einfach losgehen, wie er das gewohnt war. Er musste auf den Bus warteten, der ihn die Stadt brachte. Von dort würde er mit einem Flugzeug fliegen.

Drei Wochen blieb Wu in Europa. Als er zurück kam und aus dem Bus ausstieg, erkannte man ihn kaum wieder. Schwarzhaarig wie er immer gewesen war, hatte er in den Wochen seiner Abwesenheit graues Haar bekommen. Auf seinem Antlitz lag etwas Rätselhaftes. Wie war es in Europa?, fragten ihn die Leute. Was hast du erlebt? Aber Wu antwortete nicht. Er sprach von da an nur noch das Nötigste. Er aß, er trank und er bestellte sein Feld. Er fütterte die Ziegen und die Hühner. In seiner freien Zeit aber saß er vor seinem Häuschen und schaute in die Ferne. Das ist der Vorbote des Todes, sagten die Leute. Zuerst sprachen sie nur hinter seinem Rücken, dass er es nicht hörte. Dann wurden sie mutiger und sagten es auch in seiner Nähe. Schließlich sagten sie es ihm direkt ins Gesicht. So vergingen die Jahre. Die Leute in seinem Alter starben. Es starben auch Jüngere. Wu aber starb nicht.

Die jungen Leute wohnten inzwischen in der Stadt, sie fuhren Auto und schauten fern und telefonierten den halben Tag. Am Wochenende kamen sie zu Besuch. Sie sahen Wu vor seiner Hütte sitzen, eine Schale Tee zwischen den Fingern. Sie erinnerten sich daran, dass Wu in Europa gewesen war und danach das Reden eingestellt hatte. Zehn oder zwanzig Jahren ist das her. Oder noch länger. Unendlich lange. Wu war uralt. Manche kannten sein Schicksal nur aus den Erzählungen der Eltern. Wu hatte schon vor seiner Hütte gesessen, als sie noch nicht geboren waren. Solange sie denken konnten, saß Wu schon dort. Erzähl uns, was du in Europa erlebt hast, hatten sie ihn als Kinder gebeten. Wu aber schaute an ihnen vorbei in die Ferne. Später forderten sie ihn jedes Wochenende auf, zu erzählen. Aber sie glaubten nicht daran, dass er, der schon immer alt und grau gewesen war, der vielleicht so auf die Welt gekommen war, den Mund aufmachen würde.

Eines Tages, als man ihn zum hundertsten oder tausendsten Mal gebeten hatte, schaute er die Leute an als sähe er sie zum ersten Mal und als hörte er auch ihre Fragen zum ersten Mal. Sie haben eine halbe Stunde, sagte er. Ein halbe Stunde?, fragten sie Wu. Man hat für alles eine halbe Stunde, nicht mehr und nicht weniger. Die Leute wussten nicht, was sie mehr verwundern sollte, dass Wu wieder sprach oder dass er in Rätseln sprach. Als sie am kommenden Wochenende wieder zu Besuch waren, da erzählte Wu, ohne dass sie ihn auffordern mussten. Man hatte eine halbe Stunde. Für Westminster Abbey und die Tate Modern in London, das Louvre und für Sacré-Cœur in Paris, für das Prado in Madrid und Guggenheim in Bilbao, das Nationale Kunstmuseum und den Regierungspalast in Bukarest, den Reichstag und Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin. Jedes Mal sagte der Reisebegleiter, Sie haben eine halbe Stunde. Wer weiß, was nach dieser Zeitspanne passiert. Vielleicht darf man diese Grenze in Europa nicht ungestraft überschreiten.

Das sind seltsame Menschen, sagten seine Mitreisenden, die schon einmal in Europa gewesen waren. Man kann sie vom Äußeren kaum unterscheiden und sie starren einen an. Wu war ein wenig besorgt. Da alle anderen eine Kamera hatten, kaufte auch er einen solchen Apparat. Wer weiß, wozu das gut ist, sagte er sich. Er hatte noch nie eine Kamera besessen. Es war ein billiges Modell, eine Einmalkamera. Sie hatte nur einen einzigen Knopf, auf den man drücken musste, wenn man ein Foto machen wollte. Das konnte man fünfzig Mal tun. Dann war sie voll und man schickte sie ein und bekam die Bilder zurück. Wu trug die Kamera immer mit sich herum, aber er benutzte sie nicht. Er wusste nicht genau, ob er ein Foto machen wollte.

Eine halbe Stunde hatten sie auch in Berlin, erst im Reichstag und dann im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum. Das ist eine Bibliothek, fast weiß, sehr gerade Formen, schmale Fenster, bis unter das Dach vollgestellt mit Büchern. Der Führer sagte in paar Worte zu den beiden Brüdern, die der Bibliothek den Namen gaben. Sie hatten Worte gesammelt und alte Geschichten, Mythen und Märchen. Danach wurde die obligatorische halbe Stunde angekündigt. Wu konnte sich nicht erinnern, warum die beiden andern, mit denen er bisher zusammen gewesen war, in Berlin nicht dabei waren. Jedenfalls zog er in der Bibliothek alleine los.

Vielleicht war Wu in Gedanken gewesen. Vielleicht hatte er Hunger oder Durst gehabt, er geriet jedenfalls zwischen die Regalreihen. Wenn er am Ende einer dieser Regale angekommen war, drehte er sich um und ging den nächsten Gang entlang. Er ging Treppen hoch, Stockwerk um Stockwerk stieg er immer höher und höher, aber wohin er auch kam, es sah überall gleich aus. Regale bis ans Ende des Horizontes. Wu fühlte sich einsam. Er hatte schon lange keinen Menschen mehr gesehen. Er vernahm ein Brummen, aber er konnte nicht sagen, woher es kam. Er geriet immer tiefer hinein in den Raum und immer tiefer in die Zeit. Es wurde dunkler, die Regale rückten enger aneinander, sie bogen sich über ihm zusammen. Wu fand das unheimlich. Nach jedem Regal, wendete er sich erneut und kam wieder in einen anderen Gang, der in die Tiefe führte und an dessen Ende er wenden musste. Er vergaß alles um sich herum. Er ging nur noch die Regale entlang, wendete am Ende und ging den nächsten Gang. Es wurde immer dunkler, aber Wu bemerkte das nicht. Und dann schrie er mit einem Mal in höchster Angst auf. Er hielt sich dich Kamera zum Schutz vor das Gesicht und drückte ab. Dann schrie er noch einmal und rannte um sein Leben.

Wu konnte sich nicht erinnern, wie er aus dem Gebäude herausgekommen war. Er konnte sich auch nicht an die Tage danach erinnern, an das restliche Europa. Er zog sich auf sein Zimmer zurück. Er sprach nicht mehr. Als seine Reisebegleiter sich nach ihm erkundigten, ließ er ausrichten, er fühle sich nicht wohl. Man solle sich keine Sorgen machen. Auf dem Flug war er in sich gekehrt. Er vergaß, sich von seinen Reisebegleitern zu verabschieden. Im Bus, der ihn in sein Dorf zurückbrachte, separierte er sich von den anderen. Als er ausstieg, sahen die Leute ihn besorgt an. Er reagierte nicht auf die Fragen, die sie ihm stellten. Er kümmerte sich um sein Haus und sein Feld und sein Vieh. Er würde alt werden. Er würde alt werden und immer älter, hundert oder tausend Jahre alt. Aber er würde nicht sterben.

In ein paar Jahren, sagte er sich, wollte er noch einmal fahren. Er hatte es nicht eilig. Er wollte noch einmal nach Europa fahren, noch einmal dieselbe Reise. In Berlin würde er das Grimm-Zentrum besuchen und die Führung mitmachen. Dann käme dieser unverständliche europäische Ritus, Sie haben eine halbe Stunde, und Wu würde alleine losziehen. Er würde in die Tiefen dieses Gebäudes eindringen, er würde durch die Regale irren, immer tiefer und tiefer hinein in den Raum und in die Zeit, und ganz am Ende würde sie vor ihm stehen, diese große rothaarige Erscheinung, sie würde Feuer speien und lachen. Vielleicht würde sie ihn verschlingen.

Solange dieser europäische Drache mit ihren feuerroten Haaren und ihren glühenden Augen auf ihn wartete, solange würde er nicht sterben. Wu strich mit seinen Fingern über das Foto, das er damals gemacht hatte. Das einzige Foto in dem Apparat. Er hatte nur einen Abzug anfertigen lassen, weil er der Meinung war, dass mit jedem weiteren die Erinnerung verblasse. Und das wollte Wu nicht.

Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.

Kurztitel & Kontexte bis 2010-10-03

Howard Koch nach Orson Welles 2010

••• Was ich mit Ablenkungen meinte? Da kann ich mit einem Beispiel dienen, das literarische Qualitäten aufweist. Erinnert sich jemand an Howard Kochs literarischen Handstreich von 1938? Orson Welles hatte seinen Roman »Krieg der Welten« zu einem Hörspiel umgearbeitet. Inszeniert wurde es vom Mercury Theater in Form einer fiktiven Reportage nach einer Adaption von Howard Koch. Der amerikanische Radiosender CBS strahlte es am Abend vor Halloween am 30. Oktober 1938 aus. Dazu wurde der Handlungsort von England nach Grover’s Mill (New Jersey) in den USA verlegt und die Geschichte entsprechend angepasst.

Das Hörspiel führte Zeitungsberichten zufolge zu heftigen Irritationen bei der Bevölkerung von New York und New Jersey, die teilweise das Hörspiel für eine authentische Reportage hielt und einen tatsächlichen Angriff Außerirdischer befürchtete. Die Berichterstattung über diese Vorfälle machte die Sendung und damit auch den jungen Orson Welles weltberühmt. Einige Beschreibungen einer landesweiten Massenpanik sind jedoch mit Vorsicht zu genießen. Die kommunikations- und literaturwissenschaftliche Forschungsliteratur, allen voran eine Feld-Untersuchung von Hadley Cantril aus dem Jahr 1940, stellen die allzu gerne geäußerte kopflose Hysterie in Frage. Vielmehr war Orson Welles mitten in einen Medienkrieg geraten; ein Bericht unterstellte Orson Welles sogar, für den Tod eines Menschen verantwortlich gewesen zu sein. Orson Welles und sein Drehbuchautor Howard Koch nutzten das Spektakel als Karrierechance. Welles gab später zu Protokoll, er habe nicht mit dem Erfolg des Hörspiels gerechnet und daher den Bezug zu Halloween hergestellt, um wenigstens irgendwie aufzufallen. (s. wikipedia)

Die galoppierende Finanzkrise bietet derzeit Nährboden für Verschwörungstheorien, die an einigen Orten im Web in einer an diesen Radio-Coup erinnernden Form ausgestaltet werden. Letzten Freitag beispielsweise machte uns im Büro ein Kollege ganz kirre mit seiner Behauptung, am kommenden Wochenende, spätestens jedoch zu Pfingsten stünde den Deutschen eine Währungsreform mit Haircut ins Haus, also nicht einfach nur eine Währungsumstellung etwa zu einer DM 2.0 mit festem Umrechnungskurs gegenüber dem abgewirtschafteten Euro, sondern eine echte Währungsreform, bei der Guthaben nur bis zu einem bestimmten Niveau fest getauscht, Guthaben darüber jedoch entwertet würden. Wie so etwas funktioniert, kann man in der Wikipedia nachlesen, beispielsweise in dem sehr ausführlichen Artikel über die Währungsreform in Deutschland 1948, als die DM eingeführt wurde.

Die Quelle, auf die sich der Kollege berief, ist eine Website, deren Inhaber mit Edelmetallen handelt, also ein gewisses Interesse an Panik gegenüber den so genannten Fiat-Währungen hat. Die Website ist technisch in grausigem Zustand. Aber die ständig aktualisierten Infoseiten zur offenbar unausweichlichen Währungsreform in Deutschland sind lesenswert. Und bitte: wenn ihr dort lest, beobachtet, was diese Texte mit euch anstellen.

Howard Koch und Orson Welles hätten es nicht besser machen können. Der Funke des Zweifels wird überspringen, wenn nach der Lektüre nicht sogar der eine oder andere fest überzeugt sein wird, dass die DM 2.0 am kommenden Wochenende handstreichartig in Deutschland eingeführt wird. Ich meine: Immerhin ist die Polizei und das Heer schon in Alarmbereitschaft, diverse Geldtransporte wurden – getarnt als Gemüselieferungen – bei diversen Banken gesichtet. In ungezählten Geschäften werden die Preise bereits ohne Währungsangabe ausgewiesen, und auf immer mehr Kassenzetteln erscheinen die Beträge wieder in zwei Währungen (Euro und DEM, die Herzdame hatte doch letztens auch so einen Kassenzettel von unserem koscheren Metzger!). Nicht zuletzt spinnen die Banken derzeit, sehen sich außerstande, die Abgeltungssteuerbescheinigungen auszustellen oder weisen – wie gerade bei der Comdirekt – Billiardenguthaben in den Online-Depots aus, »Focus Money« titelt bereits wieder mit der DM, und und und… Wieviele Beweise braucht man denn noch?

Heute habe ich gedacht, dass es doch passender wäre, in Zeiten wie diesen eher mein Dystopie-Projekt »Pans Wiederkehr« zu verfolgen als »Diamond District«. Anderseits: Diamanten sind auch krisensicher – also: wenn man sie hat. So ein richtig heftiger Währungsschlamassel würde auch dem Diamant-Thema Auftrieb geben.

Und so etwas soll einen nicht ablenken? Ich bin heftig gespannt, ob nicht vielleicht doch was dran ist. Sollte sich Frau Merkel tatsächlich am kommenden Wochenende mit einer Rede an die Nation richten, um die Währungsreform zu verkünden? Wenn es so wäre, könnte ich nun immerhin sagen: Old news, im Turmsegler stand das schon letzte Woche.

avenue of the americas

18. May 2010

14

india

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : AVENUE OF THE AMERICAS

Ich muss Euch nicht erzählen, wo ich mich gerade befinde, liebe Violet, liebe Daisy, ich hör Euere Stimmen, hör wie Ihr scherzt, was macht er nun schon wieder, warum ist er eingeschlafen, das muss ein betäubendes Buch gewesen sein. Nun also bin ich wach geworden. Ich notiere diese Sätze in dem Wissen, dass Ihr lesen werdet, Zeichen für Zeichen, wie in diesem Augenblick erscheint, was ich schreibe. Das Notieren ist so etwas wie das Sichtbarmachen des Denkens, nicht wahr, so könnten wir das vielleicht sagen. > …

… > Unlängst spazierte ich in Euerer Angelegenheit durch Manhattan. Ich hatte meinen kleinen Fotoapparat in der Hand, stand mitten auf der Avenue of the Americas, um das neue Hippodrom-Gebäude abzulichten. Auch das wisst Ihr natürlich, wie wir dann Richtung Bryant Park spazierten, unser Gespräch über geheime Tentakeln der Bäume, die den Lärm der Stadt aus der Luft zu fangen scheinen. Und mein Begehren, gewiss, ein Eichhörnchen zu fangen, das warme Licht des hupenden Abends, meine Überlegung, wie ich Euch eines Tages einmal persönlich begegnen könnte, und mein Versprechen, ein weiteres Euerer Jugendbilder zu senden. Was Euch nicht bekannt sein wird, weil ich’s nur dachte, ich hatte in all den gemeinsamen Stunden eine verwegene Frage in meinem neugierigen Kopf. Nun, es ist kurz nach Mitternacht, werde ich diese Frage für Euch buchstabieren, unsicher ein wenig, was geschehen wird, ob ich Euch nicht zu Nahe komme, so dass Ihr aus meinen Augen verschwinden werdet. Gebt gut acht! Es ist nämlich so, dass ich mich frage, wie auch immer die Räume beschaffen sind, die für Euch ausgedacht, ob Ihr dort Oben für die Ewigkeit noch immer leiblich miteinander verwachsen seid? – Euer Louis, sehr herzlich, wünscht eine gute Nacht!

gesendet am
18.05.2010
0.05 MESZ
1775 zeichen

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von Andreas Louis Seyerlein
in particles

wind

der erste, den die piratin auf der insel kennenlernt, ist der wind. er reißt ihr fast das rote tuch vom kopf und fegt ihr feinen sand in das eine auge, über dem sie keine klappe trägt. es wäre nicht wirklich falsch zu sagen, daß der wind, als die piratin zum ersten mal auf der insel anlegt, volantet was das zeug hält. beeindruckt stemmt sie sich gegen ihn. du bist ein großer, wunderbarer >wind!, ruft sie ihm zu. dann schaut sie kurz zurück zur euka, die sie am kai zurückgelassen hat, fest vertäut, und sieht sich um. weiter vorn, an einem gebäude, das aussieht wie ein western-saloon, läßt der wind am langen band einen hut für sie flattern. ah, ruft die piratin, danke!, denkt sich, daß, wo ein hut ist, auch einer sein wird, der ihn trägt, und macht sich auf, den besitzer zu finden. der wind aber flaut zufrieden ab und säuselt aufs meer hinaus.

St. Galler Rheintal

Im St. Galler Rheintal, dem Chancental, das (laut fündig gewordener Köpfe) Chancen auf Leben und Arbeiten zu bieten als seine Kernaussage betrachtet. Das Tal wird dominiert von schlichten langgestreckten kastenförmigen Industriebauten, auch wohnliche Ecken existieren: begrenzt. Altersheime kennzeichnen dann deren Außenkoordinaten, flankiert von im lokalen Währungsklima behutsam heranwachsenden ALDI Suisse-Märkten, jeglicher Hektik bar. Eine Gegend für Köpfe, in denen sich Ideen in die Länge und die Höhe, aber weniger in die Breite ziehen müssen, um zu einer der Gegend (Anzeichen von Wohlstand, gerade so auszuhalten) abgerungenen Zähigkeit als Voraussetzung zur Entfaltung zu gelangen. Der taleigene Grundton, ein bereits mehrfach modernisierter Kammerton A, schwingt in freien Wellenbewegungen von der Autobahn in alle Richtungen und klettert alsbald die Höhenzüge empor. Ich befinde mich auf der Suche nach dem efemeren Melander, jenem (mittlerweile wohl legendär zu nennenden) Rheinfisch, der den Rhein (binnen seiner rund zweijährigen irdischen Existenz, welche vorderhand in eine – bisher kaum dokumentierte – evolutionäre Sackgasse führte) nie zu Gesicht bekam. Hier wurde er erschaffen und in Serie hergestellt. Doch die Melanderfabrik im Oberrieter Industriegebiet scheint wie vom Erdboden verschluckt. Stattdessen finden sich zu codierten Plänen ausgelegte, melander- und axolotlfarbene, von hauchdünnen Säcklein beschwerte Bodenfolien, unter denen (arglos) neue Ungeheuerlichkeiten zu brüten/keimen scheinen. Aus frühjahrsgrünen Bünten grüßt Wiesenschaumkraut. Manch von den Anwohnern am liebsten ignorierter Rheinzufluß kämpft sich durch den Boden seinem Ziel entgegen. Die meiste Natur scheint auf simpel-seichte Weise geebnet. Es herrscht ein Versuchsklima, kommt es mir vor, das gesamte St. Galler Rheintal liest sich leichthin/aus der herrschenden Luft gegriffen als experimentelle Biosfäre für ein weitgehend störungsfreies Ableisten von Lebenszeit in einer von der Weltöffentlichkeit nicht übertrieben beachteten Provinz, einem zufällig passenden Platz am Steiß der Schweiz, wo sich dann eben Elektroautos herstellen lassen und Monsterfische, wo die Banken nach emsigen Insekten benamst werden und Schlachtbetriebe „ProRind“, wodurch eine Ästhetik ensteht, die sich jener einer gängigen Schneekugel zuschreiben ließe, welche zugleich als lebenserhaltender Tropf all diejenigen versorgt, die sie mit ihrem Gestaltungswillen so maßgeblich speisen. Das klingt fürchterlich normal und ist es auch, in einem Übermaße, daß einen die Normalität hier anspringen will, kraft allen ihr innewohnenden Wahnsinns, der nichts weiter ist als der Wahnsinn des fallenden Kalenderblatts (darauf ein Sinnspruch, der in sich zerstiebt), das aus dem Augenwinkel verschwindet, während sich vor uns der Alltag aufbaut mit seinem Baseballschläger und uns antreibt zu unsern Verhaltensweisen, kaum getätigt, schon vergessen, falls überhaupt je ernsthaft registriert. (Der Fluß, der alles fortschwemmt, ist an dieser Stelle selbstverständlich ein Kanal.)

Die Sainte Chapelle privat ODER Raffaela aus den Fenstern. Das Reisejournal des 23. Junis 2010: Mittwoch. Mit einer kleinen Erinnerung an die Löwinnenhelix. Les secrets de Paris (7). Darin der dritte Teil der Tour d’Argent.

7.14 Uhr:
[Paris, La Nonchalante.]
Es ist mir gelungen, was ich mir gestern abend nach meinem Wutanfall vorgenommen habe, und es ist mir gut gelungen. Ich habe dazu die Métro genommen, denn ich wollte die Beaux Quartiers verlassen, in denen mein Laptop freilich weniger unsicher stehenblieb als in irgend einer Bude jener Arrondissements, die ich früher immer bervorzugt habe, ob nun über die La Fayette nach Clichy, ob von dort westlich; nahm mir vor, mit der Métro bis Stalingrad zu fahren, wohin es mich sowieso zog, und den ganzen Weg von dort zurückzuspazieren, was kein, dachte ich, sonderliches Problem sei, wenn ich mich an die großen Straßen hielt, den Faubourgh-Saint Martin einfach immer nur hinab, vielleicht in die Seitenstraßen geschaut, aber den inneren Kompaß fest im Blick, irgendwann stößt man auf die Rue Saint Martin und ist dann schon fast an der Turbigo; was die berühmten Vergnügungsstätten anbelangt, etwa das Moulin Rouge, so habe ich dafür eh kein Geld, bin mir aber sicher, daß der Gräfin bereitstehen würde, wollte ich so etwas tatsächlich sehen. Wie bei der Sainte Chapelle. Wovon ich auch noch erzählen muß… – Sie haben recht, ich hole das vor:

Nach >>>> Frau B’s so dringender Empfehlung, mir diese Kirche anzusehen, waren die Löwin und ich vor zwei Tagen, es war der Morgen nach M. Pruniers schönem Besuch, von Caulaincourt-Lamarck zur Île de la Cité gefahren. Es war nicht viel Zeit, weil mich Jenny bereits um 12 Uhr abholen wollte, auch weil die Löwin schon wieder zurückreisen mußte und ihre Doppelhelix lockte. Jedenfalls war die Heilige Kapelle, die eine große Kirche ist, wirklich nicht schwer zu finden. Nur. Eine solche Schlange von Menschen stand davor, wir hätten Stunden gebraucht, um hineinzukommen. Ich stehe nicht in Schlangen an, nie. Deshalb habe ich bis heute den Louvre nicht von innen gesehen und nie die vatikanischen Museen, obwohl ich in Rom ein Jahr lang gelebt habe und immer wieder hingekommen bin, immer wieder hinkomme, in fünfsechs Wochen werde ich das nächste Mal dortsein, mit meinem Sohn. Wissen Sie, es gibt da einen Film, der von einem jungen Mann erzählt, welcher sich nächtens in Kirchen einschließen läßt, um darin zu übernachten. Er versteckt sich vor den Gläubigen, versteckt sich vor dem Küster, und schließlich versteckt er sich vor den Reinigungskräften. Dann ist er allein. Als er eines Tages erwischt wird und gefragt, was er denn nachts dort suche, antwortet er: „Wenn die Menschen draußen sind, ist Gott darin.” Dieser Satz beeindruckt mich bis heute. Ich habe S. Pietro und viele andere italienische Kirchen im Kopf. Reisegruppen ziehen durch. Es wird geplappert, und die Gläubigen werden historisiert und verfreakt. Ich habe Leute gesehen, die in Seitenkapellchen betetende alte Frauen auf das schamloseste fotografierten. Es ist unerträglich. Man muß Kirchen für den Tourismus verbieten. So meine ich’s auch für viele Kunst, daß man sie vor den Blicken schützen muß. Man muß sie vor den Massen schützen, mit den Massen, immer, beginnt Blasphemie. Was habe ich davon, mich vor der Mona Lisa in Hundertschaften zu drängeln? Als ich seinerzeit eigens Antonellos Annunziata wegen nach Palermo gereist war – ich hatte das Bild in einem Reiseführer gesehen, den ich auf Stromboli erwarb, wo ich eines heftigen Sciroccos wegen tagelang hängenblieb -, als endlich wieder eine Fähre hatte anlegen und mich mit sich fortnehmen können, hatte ich meine ganze Reiseplanung verworfen und war zur Annunziata hingefahren. Dieses Bild wollte ich sehen. Und sah es und war so sehr enttäuscht. Nein, nicht des Bildes wegen, nicht, weil es so viel kleiner ist als der Reiseführer suggerierte. Sondern wegen der zwei Soldaten oder Polizisten, die links und rechts neben ihm standen, mit Maschinenpistolen, um’s zu bewachen. Da ist ein Gespräch mit dem Bild kaum mehr möglich. Scharen sich aber Hunderte davor, gar nicht mehr. Dann möchte ich es lieber nicht sehen. Nie sehen. Aus Achtung.
„Wir s o l l e n die Fenster nicht sehen”, sagte sie Löwin, und wir fuhren, nach einem Kaffee in der Sportsbar, die sie kannte, zurück ins Hotel und den Vergnügungen unserer Leiber entgegen. Dann war es schon nach zwölf gewesen, ich hatte Jenny pfeifen hören, sie aber warten lassen, sie hatte gewartet. Das wissen Sie alles schon. Aber ich habe sie auf die Sainte Chapelle angesprochen. „Ich kümmere mich darum”, hatte sie geantwortet. Es war dies der Tag, den die Fête de la musique abschließen sollte, die mich auf das Boot gegens Jüngste Gericht warf. Gegen abend hatte mich Jenny, die ich immer wieder, erst versehentlich, dann absichtsvoll „Edith” nannte, noch einmal ins Hotel gebracht, damit ich unter die Dusche konnte; sie hatte mir eine halbe Stunde gegeben. Dann fuhren wir von der Chevreuse zur Île, sie stellte ihr Motorrad ab, sicherte es, ich glaube, es war schon nach acht. Nein, von Sonnenuntergang keine Rede, nur bisweilen schaffte es die Sonne durch die tiefhängenden Wolken. Dennoch. „Ich habe mit Madame telefoniert”, sagte Edith, „man wird dich erwarten”. In der Tat, wir mußten ein Stückchen um die Chapelle herum, „da mußt du lang. Siehst du die Holztür dort?” Eine ganz niedrige Holztür. „Dort mußt du klopfen. Man erwartet dich. Laß dir Zeit, wir haben keine Eile.” Sie steckte sich eine Zigarette an und ging langsam weg.
Ich klopfte.
Der mir öffnete, ich würde ihn einen Mönch nennen wollen. Das war er aber nicht. Er sah mehr wie ein Zuhälter aus.
„M. ’erbst?”
Ich nickte.
„Wenn Sie mir bitte folgen wollen.”

8.51 Uhr:
Es macht mich ein wenig unruhig, daß ich so gar nichts mehr von Edith gehört habe, nichts mehr, seit Raffaela mich von dem Boot gerettet hat. Gerettet ja, denn um die Tatsache führt kein Weg herum, daß der Fluß, auf dem ich trieb – er hatte mit der Seine, die ich hier täglich sehe, rein gar nichts mehr zu tun -, in die gleiche Richtung floß, in der auch die unendlichen Kuh- und Schweinherden zogen. Und wieso war mein Laptop bei mir geblieben, wieso war der nicht ebenfalls gestohlen worden? Wir alle werden, um uns zu beruhigen, sagen (die übliche Autorenkiste, wenn eine Fantasie nicht weiterwill): es war ein Traum.
Nein, Leserin, das war es nicht. So wenig, wie der Zuhälter, der mir voranschritt, schritt; er lahmte nämlich, zog ein Bein nach. Dann betrat ich, durch die Sakristei, das Schiff. Es gibt, um Gotteswillen! gibt einen Zusammenhang zwischen ihm und dem Boot, auch wenn die Farben n i c h t so schwammen, n i c h t so glühten, wie Melusine es erzählt. Die riesigen Fenster waren gleichsam pastellen gedeckt. „Es wäre”, sagte der Zuhälter, „jetzt eben die Zeit. Tut mir leid, daß das Wetter nicht mitspielt.” „Insch’allah”, sagte ich, worauf er mich wirklich giftig ansah, sich aber zusammennahm und erwiderte: „Ich bin durchaus in Kenntnis gesetzt, mit wem ich es zu tun habe. Wir haben hier nicht oft so hohen Besuch.” Und in nahezu denselben nicht nur Worten, nein ganz auch im Tonfall Jennys setzte er hinzu: „Lassen Sie sich Zeit, wir haben keine Eile.” Er beugte sich etwas vor, und in dieser gebeugten Haltung schritt er, lahmte er rückwärts zurück in die Sakristei, die er schloß. Ich blieb allein mit mir und der Kirche.
Das wäre jetzt eine Zeit für die Meditation gewesen. Aber ich fand keine Ruhe, das Schiff wies mich ab. Ich ging umher, langsam, fast ständig den Kopf im Nacken. Welche Herrlichkeiten! dachte ich. Doch sie waren nicht meine. Ich setzte mich, versuchte nachzudenken. Da war Madame Le Duchesse, da war Jenny. Edith war da, Raffaela war da, aber die Löwin nicht mehr, von der ich verstand, sie sei für mich das Seil, an dem sich einer hinabläßt, und oben hielt sie mich fest. Da war Paris, das sich geordnet hatte, seit ich ihm, schon einmal, ein Buch schrieb: >>>> Die Orgelpfeifen von Flandern. Besorgen Sie es sich. Meine Lästerer mögen es sich besorgen, wenn sie denn erfahren wollen. Es ist für solche wie Edith geschrieben, auch für BettyB, damit sie zu verstehen lernen. Beide wurden mir zugeführt von der Gräfin, La Fête de la musique, spät in der Nacht in einem Club, dessen Name ich nicht vergessen habe, nein, es war gar keine Zeit gewesen, ihn zu lesen. Aber er stand direkt über der Tür. Hinter dem sich ein Loch öffnete, organisch, sehr organisch, hätten nicht Treppen hinabgeführt, ich würde Ihnen erzählen müssen, daß ich hinabgeglitten sei und sehr weich in einem Schichtflies aus Teppichen aufgefangen wurde. Gefärbter Nebel stand im Raum, zur Begrüßung wurden Cocktails gereicht, die ebenfalls farbig waren und von denen es ebenfalls, wie von Trockeneis, dampfte. Manchmal durchblies ein Ventilator den Nebel, dann sah man verkleidete Menschen, gestylte Menschen, sollte ich sagen, manche trugen nichts als Masken, andere nur einen Schal. So auch Raffaela, von der Edith ganz zu Unrecht schrieb, >>>> ich hätte bereits von ihren Brüsten geschwärmt. Das habe ich noch gar nicht, aber jetzt wäre Zeit, da sie auf mich zukam, nicht gehend, nein, gleitend, mir ihre rechte Hand reichte und mir aus den Teppichen aufzustehen half. Sie trug wirklich nur einen Schal, einen sehr langen, einen elfenbeinfarbenen Schal, den sie einmal um ihren Hals gewunden hatte und der links neben ihrer linken Brust hinabschleierte und an ihrem Rücken bis zur Kniekehle, vorn zu den Knien.
So stand sie vor mir. Ich blickte verwundert meine linke Hand an, die in ihrer Rechten lag. „Du möchtest gerne nach Hause”, sagte sie. Ich dachte, das hämmernde Gewummer, das man gegenwärtig Musik nennt, sei viel zu laut, um solch einen zarten Satz rein akustisch verstehen zu können. Aber es war ja still in der Sainte Chapelle, nur durch die Fenster drangen von ganz entfernt Stimmen und manchmal ein Hupen herein von jenseits der, dachte ich, Insel. „Du mußt aber erst mal zu sehen wiedererlernen.”
Es war die kleine Algerierin. Ich weiß nicht, wie sie hereingekommen ist. Sie ist aus einem der farbigen Fenster herausgetreten und heruntergeflogen. „Ich möchte dich heilen”, sagte sie, „ich kann auch den Teufel heilen. Er muß es aber wollen.”

10.21 Uhr:
>>>> La Lune hielt mich vom Weiterschreiben ab, >>>> ich mochte gerne antworten; vielleicht sagt aber Herr Kerber auch noch was.
Immer noch nichts von Jenny. Ich unterbreche, weil ich ein Baguette kaufen will. Habe Hunger. Und es ist irre schönes Wetter, plötzlich ist es warm geworden. Endlich. „Paris ist ein Museum geworden”, hat sich der Gräfin in der Tour d’Argent beklagt. Ich soll ihm vielleicht etwas andres erzählen? Aber es ist nicht nur das. Sondern Raffaelas Satz in der Sainte Chapelle. Sondern es sind auch die Blütenblätter auf dem kleinen Tisch in der Küche. Es ist dieses Wort. Da war ich stehengeblieben in der Erzählung, wie Jenny aufgeschrien hat, als sie es las. Sie, anders als ich, hat es verstanden. Doch später, Leserin, später… Baguette, ein Café, Gauloises. Wohltuend, daß in der ganzen Stadt kaum Fußballfahnen zu sehen sind.

(Bitter allerdings ist >>>> dieser Satz Aléa Toriks: „Mir gehen diese Idioten da drüber auf die Nerven. Das sorgt erstens dafür, dass ich dort nichts mehr schreiben will und zweitens auch nichts mehr lesen will.” Er beschreibt genau das, was Leute wie Edith, La Lune, BettyB und einige andere mehr, erreichen wollen. Die Löwin schrieb mir in ihrer Mail: „Man hat den Eindruck, daß sie dafür bezahlt werden, daß das eine ganz bewußte Agitation ist.” Man könnte ihn haben, ja, wenn man die Geschichte meiner Dichtungen kennt; ich bin mir aber nicht sicher. Daß Realität von Fiktion nicht mehr zu trennen ist, daß ich nicht weiß, wo bilde ich mir etwas ein, höre das Gras wachsen usw. und wo ist allesdas handfest zu machen, hat mich von frühauf beschäftigt. Die Anonymität der Kommentatoren ist ein Teil dessen, was ich immer wieder gestaltet habe: wir kennen die Gegner nicht und wissen nicht einmal, ob sie sich selber kennen. Also erfinden wir sie uns: um ein G e s i c h t zu haben. Das ist aber ein Handel mit Derivaten: Immer wieder erstaunt es mich, wie die Vorgänge der Realität denen an den Weltbörsen ähneln: Politik wird mit Fiktionen gemacht. Literaturgeschichte auch.)

Jetzt aber hinaus!

14.26 Uhr:
Eben erst zurückgekommen. Unter die Tür war, aber sonst ohne Nachricht, die auf meinen Namen lautende Bestätigung eines E-Tickets durchgeschoben: Abflug Freitag vormittag, Charles de Gaulle, T2D, 9.40 Uhr. Nicht, übrigens, für Alban Nikolai Herbst, sondern auf den anderen Namen. Was mir ein maues Gefühl macht. Jedenfalls werde ich noch heute und morgen hiersein. Keine sonstige Nachricht aber, eben, und das Geld wird knapp. Na gut, hundert Euro hab ich noch.
Ich muß unbedingt eine Stunde schlafen, bevor ich weiterschreibe. Den Vormittag über habe ich im Luxembourg für den Roman meine Notizen gemacht, nicht für dies hier, sondern für den Roman, den der Gräfin für sich will, aber manches von hier geht damit durcheinander. Eine neue Nachricht von der Löwin ist gekommen, ich habe Skype geöffnet, aber sie reagiert nicht, obwohl sie als online angezeigt wird. Das Problem habe ich aber immer wieder auch in Berlin.

15.59 Uhr:
Ich sah auf meine ausgestreckte linke Hand, die auf der in ihrem Leuchten schräg aus grünen Stoffen gewebten Lichtbahn ruhte, welche mir die offenbar für Momente durch den Wolkenvorhang gebrochene Sonne durch eines der Fenster schickte. Sie ruhte dort, meine Hand, es war, als läge mein Arm dort auf, und eine weitere Lichtbahn, für den nächsten Moment, legte sich, sie nun in Rot, darüber. Ich mußte mich nicht anstrengen, gar nicht, ich hatte meinen ganzen Arm darin abgelegt. „Maria”, dachte ich, nicht länger „Raffaela”. Aber war ja allein, niemand war bei mir. Erst jetzt, da ich das bemerkte, wurde mir die Armhaltung schwer. Was konnte mit heimkommen gemeint sein? Denn kaum kam ich zu mir, schüttelte ich schon wieder ab, was frühere Generationen der Christen „eine Erscheinung” genannt hätten; ich spürte auch meinen alten Impuls dieses Aufbegehrens, des sich nicht Beugens, nicht beugen W o l l e n s; ich spürte die Empörung wieder, diese uralte, einen Archetypos des Empfindens, der meiner nicht und d o c h meiner war, spürte die Wut, spürte den Stolz. Nein, ich war nicht einverstanden gewesen, als man das naive Paar aus dem Garten trieb, ich war mit Michael nicht einverstanden gewesen, den ich als zweiten Vornamen trage, wider meinen Willen, ich sah das Ungleichgewicht und hörte das Schreien der Entenknochen wieder. Ausgerechnet er, dachte ich, soll mich versöhnen, ausgerechnet er mich zurückholen… aber das stimmte ja nicht, denn Raffaela, nicht er, hatte mir die Hand aufgelegt. Er stand nur hilflos herum, als ich ihn anrief, morgens auf dem Boot, das nicht anhalten wollte, mich aber endlich gefangen hatte, in der Klemme hatte und weitertrieb gegen den Horizont, der nichts als reine Mathematik war. Raffaela war es, auch da schon, die ihre Hand auf meine Schulter legte, aus der mir wer was gebissen hat. Ich ahne jetzt, wer. Es ist mehr als nur Ahnung.
Das ganze Kirchenschiff erstrahlte, ich saß in den Farben, als wären sie Wasser. So stellte der Gräfin sich vor, daß die Apokalypse beginne. So ließ sie es sich vorstellen, so gefiel es ihm, wie der Mensch funktioniere. Er funktioniert jedoch aus Not. „Es ist nicht wahr!” rief ich aus, laut, tatsächlich a u s und sprang auf. „Hörst du?! Es ist nicht wahr! Alles ist Täuschung!” Schon war auch der Spott in mich zurück, weil ich mich ansah, wie ich nach oben, zur Kirchendecke, schrie, als ob es das gäbe, ein Oben, ein Unten, als ob es nicht völlig egal wär. Er machte mich lächerlich. Er machte mich abermals lächerlich. Ich wollte die Realität.
Sie waren wie Kinder gegangen, die beiden, gescholtene Kinder, ein Mädchen, ein Junge, denen aus einem alleinigen Grund Vergebung nicht wird – dem, daß sie hatten wissen wollen. Noch wurde sie je. Noch wird sie. Nur immer neue Versprechen und auch sie nur für die, die an sie glaubten. Zerrissen sich aber weiter die Nägel, wurden totgetreten, schleppten sich siech an den Steinen, ausgebeutet, ausgehungert, auch für diesen herrlichen Bau, und verachtet, und, wo es ihm nottat, auf den Haufen verbrannt. Wenn ich die Kraft besessen hätte, wenn ich wenigstens einen Stein dabeigehabt hätte! „Raffaela!” Sie kam, erschien hinter Jenny, die neben mir stand, als ich über die Reling schrie, Jenny, die vor lauter Verlegenheit ihre Flammenhände rieb. „Immer hast du wissen wollen”: wann war das, das sie mir das gesagt? Nicht Jenny, nein, Raffaela, und auch nicht gesagt, nein, ins Ohr geküßt vor Hunderten Jahren. „Wieso kannst du seinen Glauben nicht haben?” Dabei hatte auf sie eine Kreuzstatt gezeigt, an der ein ganz anderer hing und verdarb, nichts als ein verzweifelter Vater, der für seine Kinder genommen hatte, was ihm nicht, hatte das Urteil behauptet, zustand. Ich aber hatte längst die Fackel genommen, Aufrührer viel mehr als er.
Manchmal frage ich mich, ob ich denn nicht auch, einige Monate lang, geglaubt habe, damals, bis er da hing. Dann konnte ich nur noch lachen. Die Schöpfung? Eine Presse für Enten, eine Auspresse, Vater.Paris-SC-Juni-2010

Vater?
Ich bitte, du Mutter, mich räuspern zu dürfen.
Sitz doch endlich mal grade bei Tisch!
Ein Silberturm ist die Welt.
******* 16.59 Uhr:
Dann saß sie neben mir, ‚wieder neben mir’ hätte ich fast geschrieben, weil auch ich mich wieder gesetzt hatte. Das Licht war hinter die Wolken zurück, hinter die Fenster zurück, die sich eindämmerten. Ganz offenbar saß ich schon über eine Stunde hier, vielleicht sogar zwei Stunden, denn es wurde draußen dunkel, obwohl dies noch einer der längsten gehenden Tage des Jahrs war.
Sie hatte sich wie ein Mädchen zu mir gesetzt. Da war gar nichts Erotisches, noch gar Sexuelles an ihr, auch nicht bei den Riemchensandalen, die sie trug, so daß ich die schönen Füße sah.
„Du alter Verführer”, sagte sie aber und kicherte kurz.
Ich schwieg, sah sie aus meinem Augenwinkel an, das leichte Kleid, den Schal, der einen Teil ihres Hinterkopfs und die Schultern bedeckte und den sie mit der rechten Hand unter dem Kinn zusammenhielt. Ihre Oberschenkel drückte sie aneinander, die Unterschenkel in dem berühmten spitzen Dreieck stehend, so daß sich die Fersen auseinanderdrücken, aber die Zehen zueinanderschaun. Ein ganzes, immer noch, Kind. Während draußen vor der Kirche, da war ich mir sicher, ihre Schwester rauchend dabeiwar, sich für mich die nächsten Sensationen auszudenken, die man mir zeigen könne in Paris, vor allem jetzt, wo keine Löwin mehr ein waches Auge aufhalten konnte.
„Es gibt Giganten und es gibt Bürger”, hatte der Gräfin mir im Silberturm noch gesagt. Es war sehr spät geworden, meinem Eindruck nach. Tatsächlich hat unser Treffen keine zweieinhalb Stunden gedauert. „Sehen Sie”, hatte er gesagt, „alles hat eine Nummer, auch diese Ente. Alles wird verzeichnet, nichts wird vergessen, dem Bürger weder, noch dem Giganten, noch den Enten. Nur die Giganten aber wissen zu loben.”
Welch eine abstruse Idee! Wäre ich ein berühmter Schriftsteller, also hätte ich einen Namen wie Picasso gehabt, ganz sicher, ich hätte begriffen, weshalb so einer wie er von mir einen Privatroman wollte, ein Typoskript, das er sich selber binden läßt und, wenn die Zeit gekommen ist, zu Sotheby’s gibt. Doch wer unter denen, auf die es im Kunstmarkt ankommt, kennt mich? Kaum jemand, und die wenigen, die etwas zu sagen haben und dennoch schon mal von mir gehört, verabschätzen mich. Was ist mit meinem Romanmanuskript zu gewinnen.
Er wiederholte: „Nur die Giganten wissen zu loben.” Dann lachte er leise und setzte hinzu: „Es ist keine Zeit für Giganten. Von den Giganten haben die Menschen die Nase voll. Das ist auch klug von ihnen. Eine Demokratie kann sowas nicht brauchen. Aber sie zahlt natürlich dafür. Sie zahlt mit Resignation, zahlt mit Entzauberung, zahlt mit der Nüchternheit. Paris ist ein Museum geworden, Herr Herbst, gehen Sie herum, schauen Sie die Massen der Besucher an, für die alles wie geleckt ist, damit das Touristengeschäft auch floriert. Sie wissen natürlich, nicht wahr?, daß die Spatzen auf der Liste der bedrohten Tierarten stehen. Nicht daß mir prinzipiell viel an diesen kleinen Schreiern läge, aber doch immerhin… denken Sie an die Halle der Seelen.”
„Die Löwin…” sagte ich in einem Vorstoß, der aus reinem Mutwillen rührte –
Er hob die rechte Braue.
„Meine Geliebte”, sagte ich.
„Ich weiß. Und?”
„Die Löwin hatte die Idee, Sie seien vielleicht Gott.”
Er lachte unvermutet laut auf.
„Das ist natürlich nur Literatur”, sagte ich, „… für den Roman.”
„Natürlich”, sagte er.
Ich lächelte.
„Es ist mir eine Ehre”, sagte ich.
„Nicht Ihnen”, erwiderte er, „sondern mir. Also schlagen Sie ein?”
„Bitte?”
Er reichte mir auch gar keine Hand.
„Sie wollen keinen Vertrag, nicht wahr?”
„Nein”, sagte ich. „Das käme mir klein vor.”
Er schob seinen Stuhl zurück, stand aber noch nicht auf. Jedoch war es das deutliche Zeichen, daß unser Gespräch beendet war.
„Sie müssen sich nicht beeilen”, sagte er, „Sie haben so viel Zeit, wie Sie möchten. Lassen Sie sich von Mademoiselle Jenny”, er sprach ihren Namen französisch aus, „noch so viel zeigen, wie es nur geht. Ich habe in Mademoiselle mein tiefstes Vertrauen. Reisen Sie ab. Kommen Sie zurück, so oft Sie wollen. Mademoiselle hat Ihnen eine Telefonnummer gegeben… ah, noch nicht? Ich werde sie erinnern. Wenn Sie herkommen wollen, genügt es, einzwei Tage vorher bescheidzugeben, der Flug wird dann gebucht. Für Ihre Unterkunft ist immer gesorgt. – Sind wir einig, Herr Herbst?”
„Was riskiere ich denn? Selbstverständlich sind wir einig.”
„Sie riskieren, woraus Sie bestehen.”
Heute weiß ich, er hat es da schon gewußt. Es hatte der Blütenblätter, hatte des Worts nicht bedurft.

17.28 Uhr:
Immer wieder, merke ich beim Nachlesen der Zeilen, gleite ich auf den Bahnen der wirklichen Geschehen in die der reinen, wenn Sie wollen: überspannten Fantasie. Doch das läßt sich nicht vermeiden. Dabei will ich das nicht, will es seinetwegen, g e g e n ihn, nicht.
Ich brauche Zigaretten.

17.49 Uhr:
[Paris, wieder La Nonchalante.]
Alles Leiden rühre daher, wird bisweilen gesagt, daß wir uns nicht fügten, nicht einfügten in den Lauf der Dinge, sondern daß wir ausbrechen wollten und ausgebrochen s i n d. Aber das stimmt nicht. Ich erinnere mich an Eden gut. Es lag nie ein Löwe friedlich beim Lamm, und es wird so etwas, wenn er hungrig ist, auch niemals geschehen. Aber wir dachten das so. Wir sahen nicht hin. Und alles gedieh. Ich war naiv wie jeder, der dort lebte oder ein- und ausging. Wir waren eine Art Gärtner, eine Art Beobachter eher, denn wir griffen, selbstverständlich, nicht ein. Wir sollten auch Berührungen meiden, weil jede Berührung die Matrix verändert. Daß eine Berührung aber, ob sie stattfinden wird oder nicht, bereits in ihr angelegt ist, hatte niemand bedacht. Und es geschah. Die Ausweisung später, die Rache, die menschliche Geschichte, an der ich später einiges mitgewirkt habe, ist nichts als die Folge dieser einen kleinen Unachtsamkeit, Unbedenklichkeit, um nicht zu sagen: kleinen Schlamperei. Auf der Zufriedenheit, daß es gut sei, läßt sich’s nicht ausruhen, nicht eine Minute, geschweige denn einen Tag.
Zu Zeiten war ich ein Jäger geworden. Ich ging zusammen mit meinem Freund DB auf die Jagd, das heißt, wir wollten das Wild erst einmal sehen, es kennenlernen, Witterung aufnehmen und Bekanntschaft mit seinen Gewohnheiten machen. Da sahen wir ein altersschwaches Reh, vielleicht war es auch krank. Es kam aus dem Unterholz gelahmt, scheu, ängstlich, in alle Richtungen verströmte es diesen Duft. Ich habe ihn immer riechen können. Der Wind stand gut für uns. Doch auch für einen Fuchs. Er schnürte heran. Wir sahen das Gras. „…schau!” wisperte Dieter und streckte, vorsichtig genug, daß sein Ärmel nicht raschelte, den Arm aus. Das Reh war irritiert, schon panisch, sprang hoch, so gut es noch konnte, stürzte, kam wieder hoch, als der Fuchs es am Bauch faßte. Das Reh schrie, es schrie wie die Hummer, schrie, wie die Knochen der Ente geschrieen hatten, einen ganzen Fetzen riß der Fuchs aus ihm raus, schüttelte den Kopf, knurrte, fauchte, sprang das Tier abermals an, riß ihm den Bauch auf, zerrte die Gedärme heraus, riß an ihnen, zerrte an ihnen, und allezeit war das Reh noch am Leben. Sein Todeskampf währte lange. „Nichts”, sagte später mein Freund, „nichts, Alban, was der Mensch dem Tier antut, ist etwas, das die Natur nicht noch grausamer tut. Wenn mir noch einmal einer sagt, wir Jäger seien grausam, knall ich ihm eine. Sie ist ein Biest, Natur, und Schweine sind, wer sie verherrlicht.” Daran muß ich jetzt denken und unter welchen Qualen, trotz aller medizinischen Hilfe, seine Frau verstarb. Und es kommt mir so vor, als hätte mich der Gräfin zu einem Verbrechen gedungen.
Selbstverständlich, es steht mir ganz frei.
Sowieso noch immer keine Nachricht von Jenny. War sie für mich nicht länger vorgesehen als bis zu dem Tag, an dem ich eigentlich geflogen wäre, also bis gestern? Etwas ist schiefgelaufen im Plan, ich spüre das. Ich glaube, schon das mit dem Boot ist nicht vorgesehen gewesen, nicht das mit dem Biß. Die Wunde ist tief, aber sie schmerzt nicht. Doch wächst auch nicht zu. Kann aber einfach sein („Realismus!”), daß dafür die Zeit noch zu kurz war.

20.06 Uhr:
Einige Leser machen sich wirklich Sorgen um mich und auch die Freunde, weil ich telefonisch nicht mehr zu erreichen bin. Das Ifönchen ist ja nun weg. Der Profi mahnt mich an, ob ich die Sim-Card auch hätte sperren lassen. In der Tat habe ich das vergessen, aber das Gerät ist vermittels eines Codes gesichert, so daß ich denke, es wird schon nichts passieren. Und eine Freundin mailt mir:ich glaube sowieso nix, was auf deiner seite steht 🙂 falls sich das mittlerweile doch nicht geklärt hat: Einen Flug könnte ich notfalls auch für Dich buchen.Da dies nicht die einzige Anfrage ist, hier ganz deutlich: Vielen vielen Dank, aber ich habe heute wirklich ein Ticket bekommen, es ist wirklich für mich gebucht, und ich werde wirklich am Freitag zurückfliegen. Danke an Sie/Euch alle. (Wahrscheinlich liest auch der Gräfin hier mit und weiß, wozu ich ihn mache; aber der Dank geht auch an ihn – zumindest für das Ticket.)

Ich will weitererzählen. Nur duschen will ich noch eben, und ich brauche eine Rasur.

20.44 Uhr:
Imgrunde, denke ich gerade, habe ich sein Gebot schon wieder übertreten, indem ich dieses alles niederschreibe. Zwar, ich erklärte wiederholt, daß dies der Roman nicht s e i; aber welcher denn als dieser könnte es werden? Abermals ist, jede dieser Zeilen, Aufstand. Wenn er der ist, den ich meine (wenn ich der bin, der zu sein ich befürchte), dann hat er es herausgefordert, und ich kann ihm schreiben: denkst du denn, ich wüßte das nicht? Mir ein Preislied aufzutragen! Ich kann mir Vermesseneres nicht denken. Und soll mich beugen?
Plötzlich laufe ich hier in den Zimmerchen wie losgestochen herum. Ich habe Fragen. Woher kennt der Profi, zum Beispiel, den Gräfin? Gut, er kennt sie wohl nicht, aber muß doch Kontakt mit ihr gehabt haben, wenn er mir vor einer Woche oder etwas mehr, ich weiß nicht mehr, von einem Auftrag erzählen konnte. Hat e r die Pfingstrosen, die er später als Code bezeichnete, hier in die Chevreuse gestellt? Dann muß er die Wohnungen, oder doch einige, des Gräfin kennen oder sogar gewußt haben, wo man mich unterbringen würde, für was ich mich entscheiden würde. Er möchte bitte antworten, wenn er hier mitliest, extra fragen muß ich ihn wohl nicht. Oder am Freitag abend, da werden wir sicher wieder >>>> in der Bar sein. Ganz offensichtlich, jedenfalls, war die „Botschaft” für mich nicht gedacht, sonst hätte ich sie wohl entschlüsselt. Sie war für der Gräfin gedacht, denke ich mir, die aber schon längst, anders als Edith, bescheidwußte… Jenny meine ich. Auf Edith komme ich später, und auf BettyB. Jedenfalls ist das zum AusDerHautFahren.

22.32 Uhr:
Was für eine Schweinerei! Ich komme von unten herauf und habe diesen scheiß Haupthahn vergessen…. dabei hatte mich….

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