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Die Leser der Zukunft. Kleine Theorie des Literarischen Bloggens (138).

Dieses geschah wie unvermerkt. Es ist ein LesePhänomen. Als prägte die tägliche Beschäftigung tatsächlich den Modus der Aufmerksamkeit um.
Zum ersten Mal las ich einen ganzen Roman am Bildschirm, ohne mich nach dem Buch zu sehnen. Das war frappierend, ist es noch; wie so viel näher mir der Text in seiner quasi amateriellen Erscheinung kommt, wie viel quasi unmittelbarer er in mich eingeht, Wörter und Sätze zu Bildern werden, Zusammenhängen, auch logischen Schlüssen, gegen die sich, las ich zuvor in Büchern, allein die fremde Materie sperrte, das fetischhaft Dinghafte. Ja, es hätte mich gestört, wären noch Seiten umzuschlagen gewesen. Das wäre gewesen, als stünde ich in Rom und versuchte, die nicht mehr leicht lesbaren lateinischen Schriften an Säulen zu entziffern oder die nachgelassenen Botschaften Hinterbliebener auf Grabsteinen. – Seltsam, wie sich die Wahrnehmung verschiebt – wie schleichend, in einem, daß plötzlich der, sagen wir, E-Text bedeutsamer erscheint als einer in Druckform. Wobei der am Bildschirm erscheinende (!) Text in der Tat näher an der religiösen Idee des Wortes ist, als der in einem Buch. Das Buch ist immer auch Goldenes Kalb, um das die Aaronscharen tanzen, ist Götze, der zur Ware verkommt, wenn ihm nicht, wie die Alchemiker taten, ein Geheimnis beigeflüstert wird, das sich nirgends manifestiert: also eben das Wort ohne Bild wieder. In diesem Sinn wird in >>>> Wolpertinger und >>>> Thetis die Diskette verwendet; gerade deren technische Überkommenheit – zu der gehört, daß es kaum noch Lesegeräte für sie gibt oder bald mehr geben wird – verleiht ihr eine Aura, die vordem das Buch immer wieder umkreist hat: geheimes Buch, unsichtbares Buch, zu entschlüsselndes Buch, Necronomicon, Kabbala usw.
Interessant ist aber erst einmal das pragmatisch Nüchterne der neuen Leseerfahrung: wie wenig Buch als Konkretes sie noch braucht, ja daß das Konkrete sie stört, sich zwischen den Text (die Dichtung) und den Leser (mich) stellt, um ihn vom „Eigentlichen“ abzulenken. Daß die Befreiung vom Sentimentalen, das jeder Fetisch hat, tatsächlich als Befreiung erlebt wird und nicht als Verlust von Gefühl. Dabei hänge ich am Buch, sehr. Kann aber nun erst recht nicht umhin, sein Ende zu konstatieren – als Ende nicht nur eines Informationsmittels, sondern als Ende des Mediums von poetischem Gesang. Der mußte allerdings ohnedies immer aus den Büchern erst wieder herausübersetzt werden. Vielleicht fanden sie ihr Ende schon da, als man vergaß, daß sie allein Partituren sind. Als die Menschen also vergaßen, daß man sie übertragen muß in Laut: wie man Gedichte rezitiert.
Der Vorgang ist aber im Grunde banal: Gewohnheit nämlich. Indem ich seit Jahrzehnten lange Texte am Bildschirm bearbeite, ist der Einwand, „man“ lese nicht lange Texte im Netz, längst obsoletevoliert. Es werden, eventuell, ältere Leser den Schritt nicht mehr machen, jüngeren aber wird bereits morgen der elektronische Text näher als der gedruckte sein. Anders als dieser, s c h w i n g t er.
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Kurztitel & Kontexte bis 2012-03-25

Kurztitel & Kontexte bis 2012-03-18

Kurztitel & Kontexte bis 2012-02-05

05:49

Ein Vibrieren, das im Nacken beginnt, als könnte der Hals den Kopf nicht mehr halten. Ein Wandern, die Wirbelsäule entlang – aufrecht bleiben, die neue Unmöglichkeit. Ein Beben in Ober- und Unterschenkeln, darüber in Vergessenheit geraten: die blau angelaufenen Handflächen.
Als kröche etwas durch mich hindurch, pochte von innen gegen die Haut, ein Klopfen, ein Zeichen: bald. Als hätte ich nichts gelernt. Als wäre Schlaf etwas, das man sich beibringen muss. (Ich wünschte, der Wecker würde klingeln, dann wüsste ich, dass ich geträumt habe.)
Tinnitus ist ein schlechtes Wort für Signalstörungen. Schallschuss und Echo: Muskelstolpern, Herzrasen und Blütenstaub vor Augen, Strukturen schwimmen, gondeln an mir vorbei. Ich kniee am Beckenrand, der Atem taucht abwärts, als blinkte eine Münze am Grund.
Es bleibt etwas zurück, ein Begreifen vielleicht, es würde ja niemanden wundern, wenn dieses Wort Krebs Wahrheit würde, eine Silbe, mitten ins Gesicht, in den Körper geschmettert, denn was habe ich aus meinem Leben gemacht als eine zynische Bemerkung. Das Bedürfnis nach Zukunft tauchte nur noch in Behandlungsräumen auf, umgeben von Lichtern und Wörtern, die fremd bleiben müssen. Ich: eine Feier des Scheiterns. Was ist dieser Krebsverdacht mehr als eine beliebige Fortsetzung, ein nächster Versuch von Verfall.
Wunden lassen sich nicht auf Karten einzeichnen, mein Körper ist Atlas, eine Sammlung von Gesten und Worten für Schmerz. Ein Wühlen in Fußnoten von gestern und Suchen nach Messern für morgen. Ich war immer zu gut darin, mich allein zu fühlen. (Wenn ich allein bin, gibt es mich nicht.) Im Schulterblick: die verschlissenen Menschen vergangener Jahre, sauber aufgefädelt, Therapeuten, Freunde und Liebhaber, noch zuckende Reste freundlicher Worte, ungelesener Briefe und Bücher. Im Nacken: der Morgen. Vielleicht ist meine Krankheit ein Traum, der auch ohne mich weiterleben kann. Vielleicht heißt Krebs nur, dass Zellen unsterblich werden.

Das Rheinland für Touristen

In marktgängigen Reiseführern und auch in (vornehmlich kulinarischen) Fernsehdokumentationen über Vietnam und andere ferne Länder fanden wir nicht selten den Hinweis, die Menschen dort ernährten sich sozusagen ganztags, unterbrochen nur von geringfügigen Arbeits- oder Schlafeinheiten zwischen den zahlreichen landesüblichen Mahlzeiten. Die Wendung vom sich dauerernährenden Exoten scheint bei Reiseführerautoren allgemein beliebt, ein rheinsein-Korrespondent teilte uns soeben mit, daß er genau die gleiche Aussage in einem Reiseführer über das Rheinland entdeckt habe. In Reiseführern steht, und das macht sie gewissermaßen spannend, gerne ohne genaue Trennmerkmale Nützliches mit grobem Unfug vermischt. Manchmal läßt sich beides auch nicht genau unterscheiden. So heißt es in einem englischsprachigen Guide über Köln etwa, sämtliche Sehenswürdigkeiten der Stadt lägen entlang der Stadtbahnlinie 13. Eine steile These, die aber bereits Befürworter findet und für ein erhöhtes Fahrgastaufkommen entlang der Gürtelstrecke sorgt. Auf der Fahrt zum LCD saß uns eine spanischsprechende Dreiergruppe junger Touristen im Zug gegenüber, deren einer in einem Reiseführer blätterte, welcher in schmalen Achtzeilenabsätzen übersetzt in etwa „Das Beste von Deutschland“ aufzulisten versprach. Gerade passierten wir das nächtlich beleuchtete Bayerkreuz über Leverkusen. Wir murmelten: Aspirin, Aspirin, deuteten zunächst zurückhaltend auf den Reiseführer, dann mit größerer Geste aus dem Fenster. Als sie das Bayerkreuz erblickten, begannen auch die Augen der drei Touristen zu leuchten. Aspirin, Aspirin, murmelten sie nun gleichfalls – und unser efemeres Beisammensein wurde geadelt durch den Anschein einer quasi-religiösen Zeremonie. Um dieses seltene Erlebnis abzurunden, traten wir einem der drei zum Abschied rein versehentlich gegens Schienbein und entschuldigten uns nett. Die Verblüffung seitens der Touristen war unbeschreiblich. Wir erwarten von Deutschland keinen Dank, seinen Ruf einmal mehr en passant, diesmal in der spanischsprachigen Welt, weiter aufgewertet zu haben – uns genügt wie stets die pure Gewißheit. Wir haben ja auch Glück. Denn die Reiseführer haben uns Deutsche in unserem Wesen bisher nur sehr mangelhaft erfaßt, was reichlich Spielraum für positive Überraschungen läßt.
Eine weitere Geschichte, welche manchen Reiseführerautor bestätigen dürfte, spielte sich jüngst im Rheinlandinnern in Grevenbroich ab, einer Gegend, die stark nach Rübenanbau aussieht und in der scheinbar unerreichbar weit draußen auf den Feldern stehende Braunkohlekraftwerke zur Wolkenproduktion eingesetzt werden. Die Geschichte rauschte durch den Blätterwald, aus dem wir sie übernehmen. Sie handelt von einer Einbrecherin, die ihre Einbruchshandlung jedoch für zwei ihrer zahlreichen Tagesmahlzeiten, nämlich den kleinen Hunger zwischendurch und das frühabendliche Barbeque, unterbrach. Der Rheinländer, hier: die Rheinländerin gehorcht, das ist allgemein bekannt, den Vorschriften seiner, hier: ihrer inneren Uhr. Die Einbrecherin futterte also auf die Schnelle dies und jenes aus und in der fremden Küche, als sie von den heimkehrenden jugendlichen Kindern des Hauses überrascht wurde. Welche sie jedoch völlig ignorierte, um, die Zeit fürs typische frühabendlich-rheinische Barbeque war soeben angebrochen, im Garten einige Würstchen auf den Grill zu legen. In dessen nächster Umgebung sie festgenommen wurde. Nach Auskunft der Polizei gab die Frau bei ihrer Vernehmung zu, in das Haus eingebrochen zu sein, weil sie Hunger gehabt habe. In der Küche habe sie zwei Croissants, ein Brötchen, Zwiebeln, Tomaten, Mortadella und Leberwurst gegessen. Außerdem hatte sie sich am Sekt bedient.
Touristen, die das Rheinland besuchen wollen, seien erstaunliche Erlebnisse versichert. Kommen Sie nach Köln und fahren Sie einen Tag lang die Linie 13 auf und ab! Berichten Sie uns von Ihren ungewöhnlichen und aufregenden Erlebnissen! rheinsein dankt vorab.

Die Geisteswissenschaften sind ein Zug

Das Folgende habe ich als Antwort auf einen Kommentar geschrieben, fand es dann aber so lecker, dass ich es noch einmal widerkäue und dabei ein wenig anreichere.

Die Geisteswissenschaften sind ein Zug, der immer in voller Fahrt ist und der niemals anhält, um Studierende oder anderweitig interessierte Reisende aufzunehmen. Es kommt auch kein Schaffner, der einem erklärt, dass die Fahrkarte für Derrida mindestens Freud und Platon und Aristoteles ist. Auch wenn er käme: man sitzt ja gar nicht drin, sondern steht draußen auf dem Bahnhof, der Zug fährt mit 200 Stundenkilometern vorbei und was immer der Schaffner sagt, man versteht kein Wort. Und selbst wenn man es verstünde: in einer einzigen Sekunde ist der Zug schon wieder weg, und man kann mit diesem kleinen Informationspartikel, das man aufgeschnappt hat, nicht viel anfangen. Man steht auf dem Bahnhof und denkt: Derrida ist mir einfach eine Nummer zu schnell und auch zu schnell wieder weg. Wenn man aber das Glück hat, innendrin zu sitzen, dann denkt man bisweilen, wenn man rauschaut: Grandios!

Die Welt da draußen, die ist, wenn man mit dem Zug durchfährt, nicht weg. Die Welt ändert sich nur ein wenig. Deswegen fährt man ja mit dem Zug. Nicht weil man irgendwohin will, sondern weil die Welt sich ändern soll! Weg geht sie davon nicht. Weg sind nur die Bahnhöfe und Haltepunkte.

Es gibt nur eine Welt, aber sie brauchen zwei Worte um sie zu betreten!

Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.

Anton Reisers Auffinden

Es spukt in manchen Häusern mit einer ganz besonderen Kraft ich weiß nicht wie ich das gesehen habe als der französische Ger=manist Robert Mindler ein Exemplar des Anton Reiser im Pferdekarren eines Antiquariats fand (schlossen mir die Augen) im Dorf : Beschneidungsrituale, Hochzeitsfeste, die Erste Nacht, Götzenanbetung, die Saftpresse mußte ihre Arbeit streng verrichten. Und die Musik denn der Zauber der Musik ist wie der Zauber der Liebe voller Wunder und Symbole und wer das eine nicht hat kann das andere nicht finden und der Nachhall der Töne ging noch säuselnd durch die Herzen der Versammelten. John Wilmot Earl of Rochester krönt einen Affen zum Dichter es ist doch eine so aufrecht versoffene und verhurte Zeit wie man sich nur wünschen kann da benötigen wir keinerlei Pferde vor den Kutschen des Buches, vor dem Verständnis für die wirklich wichtigen Dinge von denen in den Schrebergärten geheuchelt wird, ich bin nur dann wenn du mich betrachtest (gehe ich aus diesem Zimmer habe ich nie existiert) Thamyris /dem die Musen in einem Wettstreit den er verlor die Leier zerbrachen und das Augenlicht nahmen, das ist mehr als die Influenca weil man früher an den Einfluß der Sternkonstellation auf den Ausbruch der Epidemie glaubte und jetzt ist die Katastrophe (unsere Welt) ein Ergebnis des Wissens das expansiv ist und nicht konservierend wie der Mythos ich sprang nicht, aber etwas in mir sprang jedes Mal wenn ich mich in einer ähnlichen Situation befinden sollte (am Entsetzlichsten ist was sich durch Masse definiert) wir sind so viele Wege gegangen daß sie sich durch Gehen auflösten im Gras verschwanden und nur noch in der Mitte herumgondelten. Ich habe dann dein Blumenkleid betrachtet (und ich gestehe, ich habe es auch angehoben) aber es war zu spät, ließ mich nicht ein, deutete auf die Nacht, es ist sehr spät, nicht wahr ? so gingst du zu den Anderen und ich konnte das Kleid nicht mit dir teilen, sagtest, es müsse allein an dir haften bis das Fest sich niederlegt und die Gesellschaft in alle Winde ob mit ob ohne Pferde Kutschen Windjammer Taschentuch zum Tränen good bye schütteln. 1 Windhund benetzte die Stiefel die Spuren, da sind Pfützen entstanden Regen nach oben (andauernd tropft es aus der Erde) die Pferde trinken die Narren. Trinken sich Durst an und Swedenborg sah in allen uns umgebenden Geschöpfen Pflanzen Tieren Mineralien geistige Dinge ich in Worten.

Standort : Walldürn 1988, Waldkapelle umgeben von eigentümlichen Luftzirkulationen, die bei jedem Wetter zu messen sind.

Offenburgbrötchengesten (notula nova 133)

(verantwortlich sein für das Bauchladensterben
Samenspendersein für das Bauchladenleben
mit Actionfilmen DEN Actionfilm escapieren
So sind sie.

(Ein Gedicht über das zweimal mit Papier umwickelte Brötchen.
Ein Offenburgbrötchen
mit roter Nase
auf der Suche nach dem
universalen Danke
Dem Dankwort einer sicheren Verbindung)

(Die vernagelten Einwohner Offenburgs als schönes Wort.
Als anschlussfähige Sprachgeste

(Und: Gleichgewicht ist schwieriger als Wachstum)

Cola-Wodkatypen mit Festanstellung

(Und: Das Ambiente als Seele des Raums
ICE-Ambientetypen
Unterer Durchschnitt
Im Gegenteil von Fabulation
Die schwarzen Löcher der Fiktivität

Das Fazit, nein, Fazitsein der theoretisch Erbitterten.)

Das Gewürzsäckchen, die Signatur seines Genius

ARM
ARM
ARM
sind die Menschen, die in der Bahnzeitung „mobil“ lesen. (Eine Bahnfahrt ist selten Zufall. Man kann sich immer darauf vorbereiten, so, wie man sich morgendlichen Zigaretten- und Kaffeegenuss immer in der Nähe von Toiletten einrichtet. In mobil-Zeitungen lesen, ist wie im Wald scheissen mit zuwenig Papier.)

Kurztitel & Kontexte bis 2012-01-15