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Kurztitel & Kontexte bis 2010-10-31

Guido Rohm

Guido Rohm wurde 1970 in Fulda geboren, wo er heute auch lebt und arbeitet. Er schreibt u.a. Buchrezensionen für verschiedene Onlinemagazine. Dabei entdeckte er auch den amerikanischen Kultautor Tom Torn für den deutschsprachigen Raum. Sein Debüt, der Kurzgeschichtenband „Keine Spuren“, erschien 2009 im Seeling-Verlag (Frankfurt). Der deutsch-französische Schriftsteller und Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt schrieb das Vorwort zu „Keine Spuren“. Sein erster Roman – „Blut ist ein Fluss“ – erschien im Frühjahr 2010 ebenfalls im Seeling-Verlag. Im Textem-Verlag (Hamburg) wurde seine Erzählung „Eine kurze Geschichte der Brandstifterei“ veröffentlicht. Außerdem betreibt und betrieb er diverse literarische Weblogs.

… ich bleibe stehen, das ist ja ein Buch, sage ich zur Seraphe, Buch, fragt die, klar, sage ich, da liegen lauter Geschichten, die müsste man nur ausgraben und aufschreiben, die warten förmlich darauf, dass man sie aus ihren Gräbern reißt und in eine Datei packt, du scheinst das Essen nicht vertragen zu haben, sagt die Seraphe, ein herrlicher Ort, sage ich, atme mal die Luft ein, die Seraphe schüttelt den Kopf und geht weiter, ich gehe noch ein paar Gräber ab, ist eine Riesennummer für einen Autoren hier, ich fühl mich großartig, ja, so einen Herbst sollte man auf den Friedhöfen verbringen, da hin, auf eine Bank setzen, Laptop raus und tippen, die Blätter beschreiben, die alten Frauen, die langsam zu den Gräbern ihrer Männer schlurfen, die Gesichter sind von der Kälte zerschnitten, ist das die Lebenskälte, frage ich mich …

Litblogs / URL:
Der Wortbruchstellenverursacher
http://wortbruchstellenverursacher.wordpress.com/
Aus der Pathologie
http://guidorohm.wordpress.com/
Guido Rohms gestammelte Notizen
http://guidorohmsgestammeltenotizen.wordpress.com/

Kurztitel & Kontexte bis 2010-10-24

Kurztitel & Kontexte bis 2010-10-17

Inhalt 03/2010

Die Lesezeichen-Ausgabe 03/2010 erschien am 12. Oktober 2010.


In dieser Ausgabe:
Bilder von Moran Haynal, Wus Reise nach Europa, Illusionen, Papiere von Seide, ein Fest der Poeten, zum Hölty-Preis für Lyrik, The Chomskytree-Haiku (Rhizome), Mathematik mit Blumen, Ezra Pound und Rihaku, auflaufende Metaphern, eine bittre Liebe, der Stadtpräsident von Bern, die schlaffe Seele des Leders, die stillen Stellen des Archivs, Über- und Untersprachen, rostrote Räusche, Gerald Eckert und Machaut uvm.

INHALT:

Alexander Tschäppät

alexander tschäppät heinrich gartentor henri racz

eine handvoll kunst, rednerinnen, besucherinnen und und… wir sind uns auf der “stadt bern” nie sicher ob und was hier kunst ist oder nicht.

so sind wir auch nicht in der stadt, treffen dann aber auf den stadtpräsidenten der zunächst trefflich über kunst referiert und dann eine längere vortrag über ein gartentor zum besten gibt. schiff? stadt? gartentor? kunst? ausstellung? installation? treffen einen galeristen, eine besetzte kajüte…

also wir sind ein wenig verwirrt, aber hoffen natürlich den dingen auf der “stadt bern” noch auf die spur zu kommen.

Mystik & Pop Art

Moran Haynal - Öl auf Leinwand
© Moran Haynal – Öl auf Leinwand

••• Da trifft man jemanden seit Jahren beinahe täglich in der Synagoge und weiß nur ganz ungefähr, dass der Andere Künstler ist, aber nicht, was er eigentlich genau treibt. Zeitmangel und tausend brennende Kittel verhindern sogar ein persönliches Gespräch. Eine Schande ist das. Aber heute hat es nun endlich geklappt. Ich habe Moran Haynal in seiner Münchner Wohnung, die auch sein Atelier und gleichzeitig eine Galerie ist, besucht; und ich war überwältigt.

Moran Haynal stammt aus Ungarn, hat 20 Jahre in Israel gelebt, und ist nun – der Liebe wegen – seit etwa zwei Jahren in München zu Hause. In Israel verdiente er sein Geld nicht nur als freier Künstler, sondern auch als Gebrauchsgrafiker (Produktgestaltung) und als Sofer. Sofrim sind jene akribischen Schönschreiber, unter deren geduldigen Händen Torah-Rollen, Mesusot und Megillot (Schriftrollen der Propheten- und Schriftenbücher der Bibel) entstehen. Das vermutet man, wenn man ihn zum ersten Mal trifft, eher nicht, denn sein Äußeres entspricht nicht eben der Vorstellung vom ultrafrommen Torah-Schreiber mit wehenden Pajess und in schwarzer Frommenkluft. Stattdessen steht ein zurückhaltender, sofort sympathisch wirkender Herr in Jeanslatzhose vor einem, ergrauter Bart, Turnschuhe mit Totenkopfprint und eine gehäkelten Kippa auf dem grauen zu einem Zopf geflochtenen Haar. Dazu kommt allerlei Silberschmuck an Handgelenk und Fingern. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie irritiert unser Gemeinderabbiner zunächst auf diesen Zugang aus dem Heiligen Land reagiert haben dürfte.

Moran Haynal - Öl auf Leinwand
© Moran Haynal – Öl auf Leinwand

Ich hingegen finde sein Outfit gerade passend für den Spagat zwischen Religiosität und genussvoller Lebensbejahung, ein Spagat wohl, der sich auch in Moran Haynals Bildern ausdrückt. Die nämlich sind alles andere als fromm im herkömmlichen Sinne. Man werfe nur einmal einen Blick auf die präsentierten vier Beispiele aus einer aktuellen Serie des Malers: Frauenporträts mit Jugenstil und Pop-Art-Elementen – eingebettet aber in Schriftzeichen, die dem Eingeweihten schnell als kabbalistische Ausdeutungen auffallen. Es sind Amulette, Buchstaben- und Zahlenmuster, aber auch Zitate aus dem Talmud, und man kann schwer entscheiden, ob sich die unfromm oder gar nicht bekleideten Porträt-Modelle in der Umgebung der mystischen Zeichen befinden, ob sie aus ihnen aufsteigen, durch sie leben und fliegen – oder aber ob der Künstler die mystische Dimension in der sinnenfrohen Weiblichkeit ausmacht. Dann nämlich wäre die Kombination von Mystik und weiblicher Schönheit eine Ode an den Ewigen, ein Dank an die Schönheit der Schöpfung gewissermaßen. Das mögen manche Religiöse als Affront empfinden. Ich finde es ausgesprochen erfrischend.

Moran Haynal - Öl auf Leinwand
© Moran Haynal – Öl auf Leinwand

Die Fotos können leider das ungeheure farbliche Leuchten der Bilder kaum einfangen. Faszinierend ist die Textur des Farbauftrags. Obgleich in Öl gemalt, wirken weite Flächen der Bilder wie aquarelliert und durch den hauchdünnen Farbauftrag gelegentlich wie transparent, so dass verschiedene Schichten – der Bilder wie auch der Bedeutungen – ineinander übergehen, durcheinander hindurchschimmern.

Das letzte Bild in diesem Beitrag ist eine kalligraphische Perle. Auf einer Papierrolle hat Moran Haynal das Hohelied Salomos in der klassischen Megilla-Schrift gestaltet. Jedoch fließt der Text aus dem Frauenporträt heraus, die einzelnen Kapitel des Gesanges wie Wellen von Haar…

Über viele Jahre hinweg hat Moran Haynal auch eine vollständige Pessach-Haggadah gestaltet, kalligrafisch und mit Illustrationen. Ich konnte mich gar nicht daran sattsehen.

Moran Haynal - Öl auf Leinwand
© Moran Haynal – Öl auf Leinwand

Jetzt muss ich unbedingt Anna-Patricia Kahn von der Galerie °CLAIR aufmerksam machen. Ich kann nicht fassen, dass Morans Bilder in Deutschland noch nicht ausgestellt wurden.

Moran Haynal - Öl auf Leinwand
© Moran Haynal – Das Hohelied Salomos als Kalligraphie-Megilla

Eine eigene Website hat Moran Haynal derzeit (noch?) nicht, aber Profile bei grafiker.de, Saatchi und ning.com. Interessenten können ihn über Facebook oder das Turmsegler-Kontaktformular kontaktieren. Ich leite Anfragen gern weiter.

Kurztitel & Kontexte bis 2010-10-10

Kurztitel & Kontexte bis 2010-10-03

Kurztitel & Kontexte bis 2010-09-25