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Das Lesezeichen 04/2009 ist da!

Die Lesezeichen-Ausgabe 04/2009 erschien am 15. Januar 2010.

In dieser Ausgabe:

Hartmut Lange, Barockengel und Sushi-Fließbänder, Tiefseelefanten und Rüsselblumen, ein Fast-Buchpreisträger aus der Eifel, blaue Buchstabenketten, Magnetismus und Musik, Dunstschwaden vor Rockaway Point, Thermodynamik und Gärungsprozesse, Übersetzung als schöner Verrat, die Allmacht Gottes, Lapsang Souchong und Earl Grey, Fahrradglocken, Sichtbeton und rohe Bretter, Kurven und Kreise, Feen und Kobolde uvm.

ZUM INHALT …

Inhalt 04/2009

Die Lesezeichen-Ausgabe 04/2009 erschien am 15. Januar 2010.


In dieser Ausgabe:
Hartmut Lange, Barockengel und Sushi-Fließbänder, Tiefseelefanten und Rüsselblumen, ein Fast-Buchpreisträger aus der Eifel, blaue Buchstabenketten, Magnetismus und Musik, Dunstschwaden vor Rockaway Point, Thermodynamik und Gärungsprozesse, Übersetzung als schöner Verrat, die Allmacht Gottes, Lapsang Souchong und Earl Grey, Fahrradglocken, Sichtbeton und rohe Bretter, Kurven und Kreise, Feen und Kobolde uvm.

INHALT:

Fliechtenstein (Gewebeent- per Luftaufnahme)

An der Landesgrenze grüßen zwei Barockengel, die Wangen
aufgepustet, fehlt jeweils nur die Tuba, armbrustbewehrte
Hardcoreputten, einander Spiegelbild. Waah-Dutzz, Zaduff
Wudatz! geht’s mit Karacho übers Heiteckkraut in Triesens
Ritzen, Geruch gärenden Geldes, verdächtige Kühe. In den
Kellern: Killercupiden, nett frisierte Scharfschützen in
Corporate Identity-Klamotten (mit winzigen Hundertfranken-
Scheinen in die Kragenränder genäht), Argusbrüder vor
Videos mit Betonwänden zwischen unterirdischen Besucher-
Parkplätzen. Die leise Geste des Steinbrechs, in Grautönen
aufgezeichnet. Rotweiß walkt ein Pulk G`lump aufs Städtle
im leeren Stadion der hohen Niederlage die Sitzschalen in
Fürstenfarben. Als hätt er jemand im Genick, hastet der
Rhein, Holzbrückensplitter im Klarlack, Skater am Bein
als wollt er von Fliechtenstein lieber nix wissen, als
hing er an der Dialyse, übermüdet am Lügendetektor, als
hätt er die Power, hier einfach mal richtig durchzuziehen
(Mehrere Lösungen möglich.) Da! Zwei illegale Somalier!
In der Elfuhrschlange fürn Mittagstisch der Phüanthai-
Anstalt. Am Kreisel küssen sich in plötzlichen Anfällen
limegelben Widerscheins, von der Sonne verwöhnt, die
Busse. Das Tal ist friedlich gelegen, dahinter falten
sich rosa Vorderschinkenberge bis fast auf 3000 Meter
(in die modern gestalteten Höhlen wurden nach reiflicher
Überlegung geräuscharme Sushi-Fließbänder integriert)
sch-sch-Schaan, Schaan, zischt limousinierte Jetset-
Heiligkeit, im eignen Schatten versteckt (verdächtige
Kühe längs des Wegs längst auf Sprengsätze gecheckt)
durch den Regelverkehr. In den Supermärkten: so einiges
zu Trockenfleisch gehobelt, mit sternförmigen Rabatt-
Marken, in deren Innerstem (eine erste Vermutung) die
Staatengemeinschaft kulminiert. Tausendfrankenmost
original homegrown, heule nicht, Bauer, in den Kirchen
wartet nach wie vor Erlösung. (Vollständigkeitshalber
erfolgt die Entnahme eines Widderchens aus den Bergen)

Abenteuertee

Am liebsten mag ich Nahrungsmittel, die unendlich kompliziert angebaut, geerntet, getötet, verarbeitet, verfeinert und gereift werden: Käse, Würste, Dauerfisch, Pemmikan, Wein, Tee, Tabak, Kaffee, Schokolade, Gewürze, komplexe Gerichte wie die südamerikanische Pachamanca, für die man erst einen Erdofen bauen muss, oder Tiere, die ausgenommen und dann umstrukturiert wieder in ihre eigene Haut genäht werden. Delikatessen, auf die man sich stunden-, monate- oder gar jahrelang freuen kann. Es gibt ja auch kaum Essbares, das roh schmeckt, bis auf manche Fleischsorten und Eier.
Endlich, endlich habe ich eine Menschenseele gefunden, die meine Vorliebe für den herben Lapsang Souchong teilt. Es überrascht mich eigentlich wenig, dass diese Seele mein Götterbruder Hermes ist. Alle meine anderen Gäste verschmähen diesen unglaublichsten aller Tees. Er stammt aus den Wuyi-Bergen in der chinesischen Provinz Fujian und wird über Kiefer und Fichte geräuchert, geröstet, gerollt, oxidiert, nochmals auf Bambusrosten oder in Körben geräuchert, dann auf dem Kamelrücken nach Moskau transportiert, manchmal dauert die Reise länger als ein Jahr!, und in all der Zeit nimmt der Tee den Rauch der Wegelagerfeuer unter Steppensternen auf. Weshalb man den Lapsang Souchong auch Russian Caravan nennt. Am üppgisten schmeckt er angeblich aus dem Samowar. Ich gestehe, dass ich ihn allerdings bestenfalls auf meinem Sturmkocher brühe und – das ist nun mal meine ureigene Teekultur – aus dem unverzichtbaren Berghaferl trinke. Lapsang Souchong, das ist eine lange Nacht auf der Hütte, der Ofen russt, Harz tropft in die Glut, man legt Patiencen, führt das Logbuch und wartet, dass der Schneesturm nachlässt. Traut sich nicht aufs Plumpsklo nach dem Erzählen der Gespenstergeschichten. Also die Grundatmosphäre meiner Jugend und hoffentlich auch wieder meines nahenden Alters. Ein Tee wie eine geräucherte Speckseite (manchmal gebe ich Butter hinein, das ist der Gipfel des Genusses).
Die Wahrheit ist auch, dass ich erst von meiner Schwäschwägerin (oder wie nennt man die Frau des Vetters?) aus Japan lernte, was Tee bedeutet; so wie ich ebenfalls erst in der Türkei erfuhr, was Kaffee eigentlich wäre (die Türken haben sich immer sehr gewundert, dass ich auch noch den Kaffeesatz auslöffelte).
Dennoch bleibe ich bei Sturmkocher, Haferl und – das ist nun wirklich barbarisch – beim Teebeutel, letzteres wohl aus Faulheit. Es sind ordinäre Beutel, die man im Supermarkt kaufen kann, aber immerhin die teuerste Marke, soviel Noblesse muss dann doch sein. Immer muss, auch das ist vermutlich kulturlos, ein grosszügiger Gutsch fetter Rahm rein; ohne Fett kann der Darm das Tein (dito für Koffein) nicht absorbieren, dann würde Teetrinken physiologisch gar keinen Sinn ergeben.
Darjeeling, wenn mich der Berggeist ruft und ich mich nach nassen Socken auf einer improvisierten Leine sehne. Earl Grey bei Liebeskummer und kreativen Schüben. Ceylon Orange Pekoe an melancholischen Nachmittagen, Prince of Wales zum Anlocken adliger und beinah reicher Männer (ehrlich, das funktioniert nicht!), Irish Breakfast an hellblauen, bewölkten Sonntagvormittagen; dieser Tee ist so vollmundig, dass man bis zum Abend nichts zu essen braucht.
Aber letztlich: Lapsang Souchong über alles! Der schmeckt, um es etwas überspannt auszudrücken, genau so wie mein eigenes Leben. Geräuchert, gerollt, oxidiert, wieder geräuchert, kamelisiert, samowartet eben.

Vienna Community Hospital 7 | Fassung

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||| AN DER GRENZE | GEGENPOL | EXTENSIV | HINTERLAND | BETON | IM FLUSS | RELATED | KLANGAPPARAT

AN DER GRENZE

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Man muss ihn kennen , den fast versteckten Weg in jenen kleinen Park , welcher die sogenannten Südgartenkliniken umschliest . Uneinsehbar vom Hochhaus der Neurologie und dem viergeschossigen Querriegel des psychiatrischen Komplexes verdeckt , liegt das schmale Gartenband unmittelbar an der Grenze des 240.000 m² grossen Areals des Allgemeinen Krankenhauses ( AKH ) der Stadt Wien .

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GEGENPOL

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Als Südgarten – ausschliesslich per Durchquerung der Gänge der psychiatirschen Kliniken zu betreten – gibt das mit winterharten , anspruchslosen Sträuchern bepflanzte stille Grün den topographischen und symbolischen Gegenpol zu den Versorgungs- Operatoren im Norden : Dem separaten Ameisenstaat der Zentralapotheke mit all seinen Schleusen und Auslässen für Zulieferung und Verteilung , der fauchenden , rauchenden Energiezentrale , der Krankenhausfeuerwehr sowie den Ver- und Entsorgungstrassen für Lebensmittel , Material , Abfälle .

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EXTENSIV

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Der durchrationalisierten Logistik und intensiven Flächennutzung steht hier ein lediglich extensiv gebrauchter Raum entgegen . Ein unverbauter Geländerest , dessen Schema bereits auf den Baustellenfotografien vom Ende der 1960er Jahre zu erkennen ist . Den heute mächtigen Kastanienbaum zwischen den hinteren Auskragungen der Neurologie und der Westseite der Psychiatrie kann man auf diesen Schwarzweissbildern als sorgsam mit Brettern verschalte Jungpflanze ausmachen .

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HINTERLAND

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Der umzäunte Spielplatz an der Aussenseite der Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters bleibt meist verwaist ; den raren dort spielenden Kindern sind von der anderen – der psychiatrischen – Seite des Parks her in ritueller Regelmässigkeit die Bälle über den niederen Zaun zurück zu werfen . Im Übrigen bleibt man hier ungestört . Einige wenige Patienten nur umrunden das Gebäude der pychiatrischen Kliniken alleine oder im Gespräch , in ihrem langsamen Wandel allenfalls aufgeschreckt durch einen Runde umd Runde im Laufschritt absolvierenden Jugendlichen .

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BETON

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Menschen in Rollstühlen nutzen gerne den ebenen Rundkurs auf Waschbetonplatten . Auch die spartanische Parkmöblierung besteht – charakteristisch für den Beginn der 1970er Jahre – aus Sichtbeton . Parkbänke aus Betongruss , die längst ausgebleichten Sitzflächen aus rohen Brettern . Ein Brunnen , gefasst in Beton , führt sein Wasser über mehrere Stufen , wo es kurz aufschäumt , in einem Auslaufbecken zur Ruhe kommt , um danach aufgefangen und zum Wasserspeier zurückgepumpt zu werden .

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IM FLUSS

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Das bescheidene Wasserspiel , in dessen sich verändernden Oberflächen sich das umgebende Grün und der Himmel wiederspiegeln , zieht unwiderstehlich den Blick auf sich .

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Im verhaltenen Abseits zu dem nur wenige Meter entfernt lärmenden , augenscheinlichen Chaos der enormen Menschenströme im Haupthaus der Riesenklinik , gibt der basale Brunnen zugleich Bilder von Ruhe und von Bewegung . Stille Stetigkeit des Insichkreisens .

Analogie zur Fassung , Ruhigstellung und Wiedermobilisierung , welche das Hospital an Tausenden Patienten täglich vollzieht . Hin und wieder aber verfängt sich ein welkes Blatt an einer der Überlaufkanten .

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RELATED

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KLANGAPPARAT

Das Innsbrucker Netlabel Autark feiert des Bestehens eben seine zehnte Release mit einer V/A- Edition seiner Künstler . Grund genug , nachczz-hoerempfehlung eineinhalb Jahren zurück zu blicken auf die erste Edition , namhaft bestritten vom Local Hero Hans Platzgumer und Jens Döring . Als hp.stonji liefert das Duo mit Piano Expeditions zwei verschwebende Etüden als elegisches Entrée . Piano , piano gehalten mit leichten elektronischen Verfremdungen .

01. Piano Expeditions I | 02. Piano Expeditions II | [ zip download ] | [ Autark Podcast ]

CLICK LINKS TO LISTEN .

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kategorien: foto | grafie, klangapparate, wiener wäsche