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Kurztitel & Kontexte bis 2013-05-12

Bei Leonard Lopate

Bernd Zabel, Brian Zumhagen, Benjamin Stein im Gespräch auf dem arte-Stand
Bernd Zabel, Brian Zumhagen, Benjamin Stein im Gespräch auf dem arte-Stand

••• Vorgestern gab es auf Einladung des Goethe-Institutes auf der Leipziger Buchmesse ein Wiedersehen mit Brian Zumhagen. Am arte-Stand sprachen wir, moderiert von Bernd Zabel, 40 Minuten über »The Canvas«, die US-Ausgabe der »Leinwand«, das Zustandekommen der Übersetzung und Übersetzungsfragen. Wie übersetzt man ein deutsche Wortspiel Wechslers, der ein aus dem Polnischen übersetztes Gedicht zitiert?

Wie auf Stichwort erreichte uns dann gestern die Nachricht, das der New Yorker Sender WNYC nun doch noch das Interview gesendet hat, das Brian und ich im Oktober in New York gegeben haben. Wir hatten schon nicht mehr damit gerechnet, dass es noch kommen würde. Leonard Lopate und seine Show sind für New Yorker Radio-Hörer so etwas wie eine Institution. Dass der Beitrag nun doch noch gelaufen ist, hat uns sehr gefreut. Man kann ihn online nachhören, unter anderem »» hier.

Interview mit Brian Zumhagen und Benjamin Stein
in »The Leonard Lopate Show« vom 14.03.2013

Rezension: Katarina Botsky “In den Finsternissen” (V) / Die Novelle “Ziehkinder”

Die Novelle beginnt folgendermaßen: „Wenn man durch den bogigen finstern Torweg des Räuberhofs trat, geriet man in ein galoppierendes Meer wildverworrener Töne hinein. Bei einem Schiffsuntergang konnte nicht wüster geschrieen werden, als es die spielenden Kinder auf dem Räuberhof taten. Daher sein Name. Auch waren die geschwärzten schiefen Häuser, die den Hof wie Festungswerke umschlossen, und die nicht minder geschwärzten Proletarier, die diese Häuser bewohnten, an der Benennung schuld. Die Häuser sahen alle aus, als ob sie schon einmal in Flammen gestanden hätten. Doch auf der Steinwüste des Hofs gab es etwas Schönes, etwas ganz Verwunderliches: einen alten anmutigen Springbrunnen, der immer noch ein paar silberne Wassertropfen in sein steinernes Muschelbecken fallen ließ. (…)“

Dieser von Katarina Botsky gewählte Einstieg gleicht fast einem Eintritt in die Hölle, möchte man meinen, ohne daß die Autorin etwa Mitleid anklingen ließe für die Menschen, die in ihr leben müssen. Botsky wählt also zunächst eine distanzierte Haltung, ganz anders als es etwa in der Arbeiterliteratur üblich ist. In dem Schauspiel Bergarbeiter von Lu Märten aus dem Jahr 1909 läßt die Autorin den jungen, schwindsüchtigen Hermann zum Beispiel programmatisch sagen: „Wenn einer von uns nun gar unter die Dichter geht, dann ist es sein Gesetz, daß er die Wahrheit seines Lebens darstellen muß. Und wenn einer von uns die Wahrheit seines Lebens darstellt, ist’s am stärksten … der Schmerz.“ Auf dem Räuberhof kann von solch einem Unterfangen jedenfalls nicht die Rede sein, Botsky wird weder etwas vom Stolz des Arbeiters auf seine Leistung und die Errungenschaften der Industrie anklingen lassen, wie das oft in der zeitgenössischen Arbeiterliteratur vorkommt, noch den Klagen über die Unmenschlichkeit der Arbeit und das Leid des Einzelnen Aufmerksamkeit schenken – sie wahrt eine kalte, wenn auch klar deutende und urteilende Distanz. So ist also allein der Springbrunnen, der dort „wie ein verlaufener Aristokrat“ steht, an und für sich etwas Schönes in der geschlossenen Welt, die der Hof darstellt – der einzige Ausblick, so als könne man von einem unteren Höllenkreis die Welt der Schuldlosen sehen, ist hingegen der Blick auf den auf einem Berg liegenden „Kirchhof der Reichen mit seinem wehenden Laub“. Dazwischen, vom Räuberhof durch einen bemoosten Bretterzaun getrennt, liegt auf gleicher Ebene dann noch der Armenkirchhof, der ungepflegt ist und wo ein seltsames Holzkreuz steht mit der Inschrift „Die Reihe kombt auch an Dir“, die die Räuberhofjungen besonders mögen.

Das also ist die Bühne, auf der Katarina Botsky das immer gleiche Drama von Armut, Roheit, Dummheit, Gewalt und Mißbrauch ablaufen läßt. Neben den Proletarierfamilien mit ihren Kindern und den Schlafburschen gibt es nun auch noch, gleichsam als noch Niedrigere, die sogenannten „Ziehkinder“, Ganz- oder Halbweisen; doch „bei manchen dieser Kinder stimmte nicht alles im Gehirn“, das stellt die Autorin gleich einmal deutlich fest, wie man das bei Ziehkindern öfters beobachten könne. Jedes vierte Kind auf dem Hof ist ein solches Ziehkind, etwa zwanzig insgesamt, deren Unterhalt meist von der Stadt bezahlt wird und die jeweils einer Familie zugewiesen sind. Botsky wählt zwei für ihre Leser aus, die vierjährige, etwas zurückgebliebene Herta, Tochter einer Landstreicherin, und ihre achtjährige Freundin Trude, die ebenfalls kaum begreift, was um sie herum vor sich geht. So werden beide aus Spaß von den Räuberhofjungen auf dem Armenkirchhof in ein Loch gelegt und, gemäß der Inschrift, zugebuddelt, ohne daß die andere eingreift, wenngleich die Jungs mit Herta Mitleid haben, weil sie hübsch ist; erst der greisenhafte Kirchhofwärter zerrt Trude schließlich, etwa so “wie ein alter Affe eine Gliederpuppe ergreifen würde“, an einem Arm aus der Grube heraus.

Bis hierher schildert Katarina Botsky mit aller Deutlichkeit und in klar faßbaren Bildern diese Welt, ohne Mitgefühl für die in ihr agierenden Geschöpfe zu zeigen, denn es geht ihr offensichtlich um eben diese klare Sicht ohne vernebelnde Sentimentalitäten. Als schließlich noch eine uralte, nicht sehr helle Frau auftaucht, die auch einst Ziehkind gewesen war und noch immer sehr schlecht behandelt wird, scheint sich das beschriebene Grauen nur noch weiter zu verdichten, ohne daß auch nur ein Funken Hoffnung zu erkennen ist. Dann aber bleibt die kleine Herta allein, nur die uralte Frau sitzt noch teilnahmslos auf ihrer Bank, auf dem Hof zurück, nachdem ein großer Bengel sie auf den ziemlich hohen Rand des Wasserbeckens gesetzt hat, bevor er reingerufen wurde. Hier scheint sich die Erzählung nun zu wenden, sie bekommt etwas Märchenhaftes durch den Brunnen und auch dadurch, daß die Herta sich den Daumen verletzt hat und blutet; es macht ihr sogar Spaß zu sehen, wie das Blut in das Wasser des Brunnens tropft. Dann jedoch verliert die Kleine plötzlich das Gleichgewicht und fällt hinein. Wird ihr jetzt etwa das Selbe zuteil wie der armen Stieftochter in dem Märchen Frau Holle, die von der Stiefmutter in den Brunnen gezwungen wird, um nach einer Spindel zu tauchen, dadurch aber in eine bessere Welt gerät, wo sie sich bewähren kann und aus der sie als goldene Jungfrau wiederkehrt? „Das steinerne Engelsantlitz am Brunnen“ scheint jedenfalls, als ein Schlafbursche die Kleine herauszieht und so vor dem Ertrinken rettet, traurig zu seufzen, und auch die Autorin seufzt nun gleichsam teilnehmend mit, denn nun stellt sie klar fest: „Sie war dem Schicksal der kleinen Meta nicht entgangen“, was so viel heißt, daß der Tod für das Mädchen besser gewesen wäre. Der Herausgeber des Bandes, Martin A. Völker, erläutert im ausführlichen Anmerkungsteil diese Feststellung, die Bezug nimmt auf das Märchen Die kleine Meta von Friedrich Hofmann, in dem jeder Blutstropfen des Mädchens zu einem blanken doppelten Goldstück wird, die alle von der Stiefmutter genommen werden, bis das Mädchen tot ist. Eine kurz zuvor in die Novelle eingeflochtene Bemerkung zu den Schlafburschen, die „bereits auf die Vorzüge der kleinen Herta aufmerksam zu werden begannen“, weist deutlich darauf hin, welches Schicksal Herta droht, nämlich gleichsam das der Leibeigenschaft und des sexuellen Mißbrauchs, denn ihre „Mama“ gehörte zu „jenen furchtbaren Weibern“, die solch ein Interesse nicht ungern sehen. Die uralte Frau auf der Bank, die auch Trude heißt, war übrigens stumpfsinnnig sitzen geblieben, als Herta ins Wasser fiel.

Die Novelle Ziehkinder ist eine beeindruckende, ungeheuer dicht gestaltete Erzählung, die all das menschengemachte Unglück offenlegt, ohne dabei die Schuld plakativ im Gesellschaftlichen zu suchen. Katarina Botsky spricht deutlich aus, was sie „sieht“ und behält dabei zumeist die notwendige Distanz, die es ihr erlaubt, das Handeln der Menschen, ohne sich zu einer verurteilenden Instanz aufzuschwingen, zu beurteilen, besonders auch und dann auch mit Teilnahme, wenn die Erniedrigten und Ausgebeuteten selbst an jenen zu Tätern werden, die ihnen schutzlos ausgeliefert sind. Dieses Geschehen gestaltet Katarina Botsky mit meisterhafter Sprachkunst zu einem bedrückenden Drama.

Fazit: Der von Martin A. Völker mit Anmerkungen und einem sehr informativen Nachwort herausgegebene Band Katarina Botsky In den Finsternissen (Elsinor Verlag, Coesfeld 2012), der insgesamt zehn Novellen enthält, ist eine durch und durch lohnende Lektüre und mag, so ist zu hoffen, den Beginn der Wiederentdeckung einer Autorin bedeuten, die Literatur nicht aus Lektüre schafft, sondern aus eigenem Erleben und Erleiden und aus dem Beobachten ihrer Zeit, vom späten Kaiserreich über die Weimarer Republik bis hinein in die faschistische Diktatur. Daß Katarina Botsky das Handwerk des Schreibens so meisterhaft beherrscht und für jeden Stoff, sei dieser schauerlich-komisch oder grauenhaft-abgründig, die richtige Sprache findet, macht die Lektüre insgesamt zu einem außerordentlichen Leseerlebnis!

(Sie finden alle Rezensionen hier!)

Katarina Botsky: In den Finsternissen. Novellen.

Herausgegeben von Martin A. Völker.

Elsinor Verlag 2012. 108 Seiten. ISBN-10: 3942788071

Farah Days Tagebuch, 9

Montag, 28. Januar 2013

Wovon ich schreiben könnte.

Als erstes natürlich: über Cremediebinnen.
Dann über Berg, der ständig nach Öl riecht, den Gebieter über die – nein, alle – verpassten Augenblicke. Das unschlüssige Gespräch mit der mächtigsten Frau der Stadt. Der schwarze Mann mit dem Totenkopfring fällt als Thema durch (zu vorhersehbar), nicht aber, warum Kunstausstellungen langweilig sind und warum sie das einzige sind, das langweilig ist. Die Frau, die langsam älter wird, die sich immer im Gesicht zwickt. (Warum?) Die schönsten Worte der letzten fünf Jahre. Armut und ihre Auswirkungen. Mutwilligkeit und ihre Auswirkungen. Der Atem, den der langjährige Geschäftsfreund ausstößt, als er zum ersten Mal ihre Hand auf seinem Schwanz spürt. Die unsägliche Energie, die der Tod eines Familienmitglieds freisetzt. Ein paar kleine, grandiose Tricks, um Komplexität auszuhalten. Grundlose Aggressionen gegenüber Leuten, die allzu versiert sind. Über Untermalungen, in jeder Hinsicht. Die private Aufzeichnung: was sie bedeutet, was sie verhindert. Die Sehnsucht danach, nicht zu sprechen, sondern gesprochen zu werden. Der Auftritt im Kultursender der Stadt und warum es unabdingbar ist, eingeführt zu werden. Über Einführungen. Von der Schwierigkeit, sich zu konzentrieren und der Angepisstheit gegenüber jenen, die das besser können. Vom Pop in der Literatur (als Klanginstallation), die Sehnsucht nach Unterwerfung, die Fetische der Saison und warum gerade sie. Alte Freunde bei alltäglichen Verrichtungen beobachten, ihre Bewegungen studieren, Kleider, Gesten, Accessoires. Warum Henry Jagloms ‘New years day’ ein erwähnenswerter Film ist. Exibitionismus: Warum es verboten ist, aus dem Tagebuch vorzulesen. Warum es bei allem und jedem und immer untendrunter um die Vereinnamung (nein, kein h) von Zeit geht und wie unterschiedlich sie bei den einzelnen ist. Die einfache Sprache könnte Rettung sein. Das Ei muß auf: dafür ist die kleine Säge am Schnabel da. Die Schwierigkeit, sich einem möglichen Erfolg zu stellen. Männerfreundschaften: wie zwei aufeinanderfallen. Wie ich mir immer gewünscht habe, jemand würde Arsch, Bauch und Hinterkopf mitfühlen, die unausgesprochenen Ideen, das Ticken der Muschi, das Gewicht der Brüste, die unglaublich unzähligen Formen weiblicher Nervosität: unmittelbar. Eine Situation beschreiben, in der Vertrauen entstand. Eine schöne Frau beschreiben, von der sich erst am Schluß herausstellt, daß man sich selbst damit meint.
Ein Wort beschreiben, als wäre es ein Bild. Die verwahrloste Wohnhöhle eines älteren, fernsehsüchtigen, menschenscheuen Mannes, der trotz ausufernden Pornokonsums ein Gentleman ist. Harten Sex sentimental beschreiben, den ersten Kuss wie einen Verkehrsunfall beschreiben. Ein Plädoyer schreiben für das Warten: Endlich Partei ergreifen für das Warten. Das Handeln hat weißgott schon genügend Staranwälte. Befangenheit: Wahrscheinlich die schlimmste Hemmschwelle von allen. Sätze, die einem gelegentlich unterkommen, die so abgefahren gut sind, daß man sofort mit der Person ins Bett gehen würde, die sie geschrieben hat, ganz gleich wessen Geschlechts. Was man macht, wenn man einer Situation nicht mehr entrinnen kann. Eine Liebeserklärung, an alle überdimensionierten Körper gerichtet. Jedem einen besonderen Namen geben, und jenen, die keinen verdienen, einen geben, der genau das ausdrückt. Die Höflichen mögen ihre eigene Höflichkeit mehr als die Menschen, denen sie sie angedeihen lassen.
Ein Haus erfinden: Ein einziges. Der Körper sollte auch mal über den Geist siegen dürfen, darf er aber nie; umgekehrt wird ein (Hemm)schuh draus.
‘Warum läßt du sie dann nicht endlich fallen’: Sich zu trennen von Menschen, die das Neue in dir nicht sehen. Der Duft des Geschlechtsteils nach einem langen, arbeitsreichen Tag, warum es nicht belanglos ist, wie man seinen eigenen Geruch empfindet. Was macht der Dichter? Er verbindet Wortwurzeln aus 1000 Plateaus, das ist das Zauberhafte, damit kriegt er uns. Das Bild einer Frau, die die Traurigkeit in ihrem innersten Wesen kompetent in Schach hält, wie viele Partien und Eröffnungen sie auswendig gelernt hat, was für einen Beruf sie ausübt. Die Vorstellung, daß Vater und Tochter gleichzeitig einen Roman über die gleiche Familie schreiben. Mosaikromane: mehrere Autoren schreiben innerhalb einer verabredeten Welt, jeder steuert eine oder mehrere Figuren bei, die auch von den anderen benutzt werden dürfen. Wie es sich anfühlen würde, in die Obhut eines reichen Mannes zu geraten: sind die Gelenke schmal genug? Frauen, die ausgehalten werden wollen, brauchen schmale Gelenke. Was den alten Freund zum Henker machte.
Irgenein Pelztier muß auftauchen und reden, so wie Blooms Katze im Ulysses oder die Gamecat bei Jeff Noon in Nymphomation. Sprache darf knacken. Erstmal einen Raum ausstatten, Personen hinzufügen, dann Dialog und im Dialog muß sich die nächste Szene vorankündigen, eine Überleitung, dann nächste Einstellung. Wie einen Film mit Kameraeinstellungen imaginieren – mein visuelles Vermögen ist besser entwickelt als das logische. Jede Figur hat sowohl ein Angebot als auch ein Bedürfnis, die allererste Vorstellung der Figur sollte beides schon mal heimlich implizieren. Nichts ist zu blöd, um es erst einmal hinzuschreiben. Manchmal sprechen mehrere Leute im Hintergrund, während vorne irgendwas passiert; die Stimmen im Hintergrund könnten kollagiert sein. Von Assoziationen allein jedenfalls wird niemand satt.

MICRO | -NOTE | -QUOTE – In Erwartung : Zum Leben vom Schreiben

BERNHARD KATHAN : 63,69

Es darf diskutiert werden : Salon– Autor Bernhard Kathan , der sich in seinen literarischen und kulturwissenschaftlichen Büchern auf denkwürdige Weise seit je der Verletzlichkeit des Geistes und des Leibes widmet , stellt eine provozierende Ziffer zur Diksussion .

Die Lebenserwartung von Schriftstellern betrage 63,69 Jahre . Eine Kennzahl , welche drastisch unter den Ziffern der durchschnittlichen Lebenserwartung ( Männer 75,5 – Frauen 81,5 Jahre ) liegt und – siehe die Grafik nach CIA World Factbook @ Wikipedia – die der allgemeinen Lebenserwartung etwa in Zentralafrika entspricht ( 2006 : 60 – 64 Jahre ) .

Da ich seit langem Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung bin, machte ich mir die Mühe anhand der Liste ihrer verstorbenen Mitglieder die durchschnittliche Lebenserwartung von Autoren und Autorinnen auszurechnen. Diese liegt im Augenblick bei 63,69 Jahren, also deutlich unter jener der Gesamtbevölkerung, die bei Männern 75,5, bei Frauen 81,5 Jahre beträgt. Meine Statistik kennt gewisse Unschärfen. Ich habe dazu alle Todesfälle von Mitgliedern herangezogen. Während wir es hier mit einem Zeitraum von 29 Jahren zu tun haben, wird die durchschnittliche Lebenserwartung üblicherweise nach den Sterbestatistiken eines Jahres berechnet.

Neben individuell genetischen Dispositionen sind es berufsbedingte Risiken ( körperlich gefährliche Berufe wie Dachdecker oder Gerüstbauer , Stress und Burnout bei Pflegepersonal ) und die sozioökonomischen Faktoren des “Lebensstandards” , welche entscheidend die Lebensqualität und -Dauer beeinflussen :

Die Verschränkung von Einkommen ( buchstäblich : Vermögen ) und der Qualität medizinischer Versorgung ist im Paradies der Privat– Behandlung offenbar . Dass dies im Umkehrschluss nicht notwendig das Versagen sämtlicher kassenmedizinischer Leistungen bedeutet , ist klar und auch nicht der Punkt von Kathans Zahlen .

Man ist geneigt, die niedrige Lebenserwartung von Schriftstellern unter tragischer Literaturgeschichte, also unter biographischen Katastrophen abzulegen. Trotz aller individuellen Dispositionen lässt sich das Problem nicht privatisieren. Schreiben ist per se eine Tätigkeit, die nicht nur Konflikte zum Inhalt hat, sondern von Konflikten begleitet wird. Schreiben, also das Antizipieren der Welt ist nicht gerade mehrheitsfähig. Es wird nicht belohnt. Mit Schreiben verdient man in der Regel nicht sehr viel, vor allem dann nicht, wenn man um ein gewisses Niveau bemüht ist, oft genug nur kleine Gruppen ansprechen kann. Selbst dann, wenn eine Zeitung den Abdruck eines Textes zusagt, heißt das noch lange nicht, dass dieser auch abgedruckt wird.

Aber auch wenn literarische Texte in Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt werden , bedeutet dies , wie wir in|ad|ae|qu|at hinzufügen dürfen , nicht notwendig ein Einkommen zum Auskommen . Schon gar nicht für literarische AutorInnen , deren Texte ( so sie formal überhaupt als publikumsfähig erachtet werden ) , ja nur bei “Anlässen” oder alle paar Jahre anlässlich eines neuen Buches ( vor- ) abgedruckt werden .

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FREI SCHREIBEN

Wie wenig sich auch genuin journalistische Arbeit auf freiberuflicher Basis rechnet , wird derzeit mittels einer eindrücklichen Enquête eines unabhängigen Berufsverbandes freiberuflicher Journalistinnen und Journalisten , dem Verein :Freischreiber , in einem Blog publiziert . Die in wenigen Tagen zu Hunderten eingereichten Erfahrungswerte vermitteln – egal ob Provinzblatt oder überregionales Organ , Publikums- oder Fachzeitschrift , “Qualität” oder “Boulevard” – ein eher drastisches Bild der Einkommenslage von “Freien” ( #honorarhoelle ) .

Auch hier handelt es sich – Stichworte : anonyme Einreichung , limitierte Vergleichbarkeit von Kraut und Rüben – nur bedingt um belastbare Fakten , eher um die Konfiguration eines kurrenten Musters . Auch die Schriftstellerei ist seit dem 19. Jahrhundert ein Freiberuf , dessen Risiken und Nebenwirkungen inzwischen als bekannt betrachtet werden dürften ( siehe Balzacs Verlorene Illusionen ) .

Als mit der 1859 gegründeten Deutschen Schillerstiftung erstmals das Modell institutioneller Autorenförderung auf den Plan trat , war nicht abzusehen , welche Dichte das Netz von kommunalen , kantonalen oder ministerialen Beihilfen , Zuschüssen und Stipendien , während des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts gewebt werden würde .

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HONORARHOELLE VS. PARADIES DER PREISE

So ist denn die Denunziation von institutionell vergebenen und finanziell dotierten Literaturpreisen sowie der “blühende[n] Kultursubventionslandschaft” ( siehe : Autorenförderung ? Hungert sie aus ! / FAZ 2008 oder kürzlich Der Preis des Schreibens / taz 2013 ) mittlerweile ein mindestens so beliebter Topos wie die Klage über kärgliche Lebensumstände .

Dass es gut verdienende Autoren gibt , weiss Bernhard Kathan mindestens so gut wie auch die Leute vom Freischreiber , denen Dokumente von vergleichsweise luxuriösen Produktionsbedingungen vorliegen .

Die Perspektiven verschränken sich in Beobachtungen , wonach bereits bepreiste Autorinnen und Autoren eher mit weiteren Preisen bedacht werden als bislang weniger exponierte Kollegen . Gleicherweise tendieren Rezensionen ab einem gewissen Grad der Publizität zum Kaskadieren . Woran sich bekanntlich wiederum die Organisatoren & Redaktoren von Lesungen , Auftritten , Features orientieren .

Allerdings gibt es diese Resonanzkatastrophe durchaus auch negativ : Wer als kompliziert oder schwierig gilt , wird vielleicht von gewissen Zirkeln ästimiert und – wo dies möglich – hin und wieder mit ein paar Euro , bleibt bei aller Fertigkeit und allem Fleiss indes in einem Kreislauf des Schweigens .

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MITTEN DRIN

Die Polarisierung scheint inzwischen – wie es heisst – “mitten in der Gesellschaft” angekommen : die “working poor” stehen gegen die Unersättlichkeit der “Abzocker” . “Andauernde Prekariate” , schreibt Bernhard Kathan , “lassen sich etwa am Zahnstatus oder an bestimmten Krankheitsbildern wie Erschöpfungszuständen oder Panikattacken ablesen, auch an der Lebenserwartung”. –

Wie gut , dass der ( Lebens– ) Versicherungs– Konzern Generali mit seiner frohgemut formulierten Geldstudie 2013 Daten wider den Dickens- Blick serviert :

Die Kaufkraft steigt wieder – vor allem bei den unter 30-Jährigen. Jeder vierte Österreicher will mehr für das eigene Wohlbefinden tun. Ausgabenplus bei Sport, Freizeit, Auto und Urlaub.

[ … ] Von Platz 3 im Vorjahr – hinter Wohnen und Urlaub – rücken die Ausgaben für das Wohlbefinden und den Sport erstmals auf den Siegerplatz. Im vergangenen Jahr wollten nur 15% der Befragten für diesen Bereich mehr Geld ausgeben. Heuer sind es 24%. Besonders groß ist der Wunsch nach dem Wohlbefinden mit 41% bei den unter 30-Jährigen und mit 31% bei den 40- bis 49-Jährigen. 28% der Männer und 21% der Frauen planen hier Mehrausgaben. 63% der Mehrausgaben entfallen dabei auf Sportbekleidung, Sportausrüstung und Fitnessstudio. 38% planen Mehrausgaben für Wellness und 18% für Entspannungstechniken wie Yoga, Tai Chi und Qi Gong.

Auf den Plätzen 2 und 3 liegen der Urlaub und das Wohnen. 22% wollen im kommenden Jahr wieder öfters und/oder länger urlauben (2011: 18%), und 20% investieren in ihr Zuhause (2011: 19%). Die Mehrausgaben für das Wohnen entfallen mit 46% auf Miete, Betriebs- und Heizkosten, mit 39% auf die Einrichtung und mit 35% auf die Instandhaltung und Renovierung.

Zu den Gewinnern im Mehrausgaben-Ranking zählen neben dem Wohlbefinden auch die Bereiche Freizeit und Hobbys sowie Auto und Mobilität. Um jeweils 5%-Punkte konnten sie auf 18% bzw. 14% zulegen. Beim Auto beziehen sich die Mehrausgaben zu 49% auf die Treibstoffpreise und zu 44% auf die Autoanschaffung. 20% rechnen mit Mehrausgaben für den öffentlichen Verkehr.

Statistisch belastbare Daten ?! – Wohlwohl . – Na dann

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wie es ihm u.a.

1 wie es ihm …

wie es ihm
zuhanden
im iste
(moi, je vis
salement!)
kommt es
durchs ohr
ihm wieder
(et dans
mon chant)
abhanden

was, weder lied
noch leid

das weite sucht

2 er grunzt …

er grunzt
bedroht alle
leeren betten
mit einer
handvoll
messer

und beschimpft
die türen
mit dem worte

sperrmüll

hastet wie du
hastest
mit der hand

zur spülung

will ein
fortsein

3 nichts wird …

nichts wird
gescheh’n
als das haus
darin ein
passepartout
ein wasser
ihn behält
als stoff in
dem das leben
vor dem tod
ihn schönt

und nachts
der gang
der gellt
und gilt

Das Haus, darin zu wohnen. Drin das Leben vor dem Tode schonen. Raoul Hausmann, HYLE.

Tage, wo Blut kam

Ich vertrug die Trinkerei nicht mehr. Es gab Tage, da riss ich beim Aufwachen erschrocken die Augen auf, erschrocken, dass ich noch lebte, detonierter Bauch, die Zellen zerrüttet, solche Tage. Tage, wo Blut kam. Tage, wo ich mich abends lächerlich machte am Tresen. Dieselben Tage, die morgens mit dem Geräusch der Wassertropfen begannen, Wassertropfen, die in der Küche aus dem lecken Wasserhahn fielen und peu a peu eine Kerbe in den Spülstein trieben, im Takt hastiger Herzschläge.

Solche Tage.

*

Mittags im Karstadt-Schnellrestaurant. Ich verdrückte mein Zigeunerhack mit Pommes und Salat, dazu ein Glas Cola, weil kein Bier mehr runterging. Ich war fünfundzwanzig. Ich hatte immer gut ausgesehen, ich war ein gutaussehender Typ gewesen, ich hatte immer Frauen um mich gehabt, jetzt war ich grau, ich war erledigt. Ich sah Scheiße aus, ich fühlte mich Scheiße, ich war Scheiße. Nichts stimmte mehr.

Ich glotzte den Serviermädel hinterher, die ihre Geschirrwagen durch die Gänge schoben, ich glotzte dicken Frauen in den Ausschnitt. Eine Frau löffelte Linsensuppe am Nebentisch. Ein überlanges Bockwürstchen ragte zu beiden Seiten über den Rand des Tellers. Alles an der Frau war korpulent und traurig und zu viel. Als Soundtrack liess die Geschäftsführung von Karstadt über Lautsprecher Nummern ausrufen, Personalnummern, pausenlos, wie auf dem nationalen Nummerntag.

“366, bitte!”, 408, bitte!”, “

Die 369, bitte!”,

“Die 500, bitte!”

Andere Frauen führten Selbstgespräche, mit zittrigem Blick, bis sie mich beim Zugucken und Mitschreiben ertappten und anfingen aufzuhören mit sich selber zu reden. Was schreibst der Kerl da? Schreibt der über mich? Na klar schreibe ich über euch, ich schreibe, wie ihr das Maggi in eure Suppen pumpt, ich schreibe über eure Suppe, in der Geschmacksverstärker und Gluten um die Herrschaft raufen wie trotzige kleine Kinder, ich schreib das alles auf, damit ich was zu tun habe und mir nicht noch mehr auf den Wecker falle als sowieso schon.

Ich notierte Fetzen aus der Wirklichkeit anderer Leute, mich dagegen vernachlässigte ich. Vielleicht sollte ich mehr über mich schreiben, schrieb ich. Vielleicht sollte ich ficken fahren. Morgen ist Heiligabend.

Da kam immer der Heiland.

*

Lena war mir durch die Lappen gegangen. Sie hatte Schluss gemacht, war mit einem Bundeswehrsoldaten durchgebrannt. Sie hatte Mut bewiesen nach sechs gemeinsamen Jahren und den Schlußstrich gezogen. Mir blieb das ungute Gefühl allein zu sein in der Welt, unter all diese Leuten.

Ich sollte ficken fahren.

*

re. karlos

*

Als die S-Bahn in den Düsseldorfer Hauptbahnhof einlief und ich auf den Bahnsteig trat, war ich plötzlich unschlüssig, ob ich überhaupt Lust auf Sex hatte. Ob der Ankauf einer Frau helfen könnte, Einsamkeit zu lindern. Oder, wie Karlos gesagt hätte, ob ich das wirklich wollte: DRANPACKEN! ICH WILL AUCH MAL DRANPACKEN! Mit Zahlschein.

Andererseits war ich ja nun schon mal in Düsseldorf. Und wo ich nun schon mal in Düsseldorf war, beschloss ich Richtung Nordstrasse einzuschlagen. Zum Sexshop. Mit den kleinen Schneehaufen vorm Eingang, die mich an Pürree erinnerten, schmutziges, mit Rollsplitt verbackenes Pürree, und dass der Winter erst noch losging.

Im Laden drängelten sich einige Männer vor Schaukästen mit Fetischwäsche und Spezialwerkzeug, unbeholfen standen sie da, kleine Jungs an der Fleischtheke.

“Ich hätte gern.. ähm.. von dem.. da..”

“Von dem hier, kleiner Mann?”

“Genau, ja! Von dem.. da!”

“Das ist Gehacktes, mein Junge..”

“Gehacktes? ?! Oh.. ähm. Ein.. Pfund Gehack.. tes.”

“Ein Pfund, wird gemacht. Für die Mutti, hm? So. Und sonst noch einen Wunsch?”

“N- nein.. danke! Auf Wiedersehen!”

Ich nahm die erstbeste in einer langen Reihe von Video-Kabinen. Der Kabuff war eng wie ein Passfotoautomat und stank wie ein Dixie-Klo, trotz cws air control. In so einem Spind hatten wir mal ein Nümmerchen schieben wollen, Lena und ich, doch kaum war die Tür zugesperrt, pochte es.

“He! Ihr beiden Fickstelzen kommt schön raus hier – aber dalli!”

Auf der Sitzbank lag eine zerrupfte Rolle Kleenex, ich kickte sie mit dem Fuß runter, bloß nicht berühren. Die Wichsgriffelrolle. Hau bloß ab. Ich warf fünf Mark in den Schlitz. Der Video-Bildschirm zeigte 64 Programme, per Knopfdruck abrufbar, zur richtigen Zeit, wie ein Aufkleber suggerierte. Motto: Spürt der Masturbator, dass es ihm gleich kommt, muss er den Button nur bearbeiten bis es in einem der 64 Pornokanäle einem Akteur auch gerade kommt, zur dekorativen Ejukalala.

Nun werd mal nicht albern. Sex ist eine ernste Sache. Besonders wenn man allein ist mit seinen Fingern.

Ich hatte eine Knastszene drin. PROGRAM 23. Wärter rammelte blonde Inhaftierte, zweiter Wärter kam hinzu, sich selbst rammelnd, wortlos. Ich hörte nur den Sound aus der Nachbarskabine.

“..endlich kümmert ihr euch um mein Fötzchen.. hab ich auch was davon..”

“blas ihn mir wieder hoch..”

“und jetzt.. zwei Schwänze.. ooh Mann..”

“das hat es ja nicht mal.. in Paris gegeben..!”

(PARIS? War es in Paris denn nicht genauso?!)

“..super.. jaaa.. spritz alles raus.. gleich.. jaa.. jeeetzt.. hast du es geschafft..”

“He! Ich bin auch noch da..!”

Ich auch! Aber ich wollte gar nicht abspritzen. Ich wollte nur meine Konstitution prüfen. Pimmel-TÜV. Er stand so dreiviertel. Schlechtes Zeichen. Zuviel Restalkohol im Blut. Kommt es mir gleich im Puff zu schnell. Kann ich mir auch gleich einen kloppen lassen, kommt billiger. Fragt sich bloß, wo der Puff überhaupt ist.

Es war schon ein paar Jahre her, ich war besoffen und die Nutte war noch besoffener und wollte andauernd nur MEHR GELD, aber ich hatte kein MEHR GELD, also krallte sie sich meine weisse Lotsenmütze, als Trophäe, mir wars egal. Kann mich ansonsten nur daran erinnern, dass der Puff ein großer Kasten ist, wie eine Kaserne aussieht. Hinterm Bahndamm.

Und so lief ich durchs Bahnhofsviertel, die Hände in den Hosentaschen, Runde um Runde, auf der Suche nach dem Bahndamm. Schwachsinn alles, doch es trieb mich voran unter dichten schlammigen Wolken. Ich irrte umher, ohne Traute, jemanden nach dem Weg zu fragen. Einmal begegneten mir zwei Kerle, in ihrer Mitte ein Kasten Bier, die hätte ich fragen können, doch dann waren sie schon weg, bevor ich mich aufraffen konnte, sie anzusprechen.

Es ist fatal, aber jeder Einsame denkt, er fällt auf in seiner Einsamkeit. Dass es ihm mit riesigen Lettern ins Gesicht geschrieben steht: EINSAM. Darum versucht er die Einsamkeit mit Geschäftigkeit zu kaschieren, und als wäre es bloßer Zufall, dass er gerade alleine unterwegs ist, die große Ausnahme.

Je länger ich in der Bahnhofsgegend unterwegs war, desto bekannter kam mir das Viertel vor. Als hätte ich in der Nähe mit dem dicken Hansen mal Haschisch gekauft, Jahre zuvor.

Ja klar.

*

Der Dealer hauste in einer Sozialwohnung, und Parterre war ein Kiosk, das wusste ich noch, die verkauften Kölschbier in Düsseldorf.

Nachdem der lange hektische Kerl endlich geöffnet hatte, auf Klingelzeichen, verrammelte er die Etagentür gleich wieder, mit schweren Ketten und Sicherheitsschlössern. Und das bei meiner Bullenparanoia. Die Bude selbst war nicht mehr als ein Schlauch, die Teppiche voller Brandlöcher. Das Licht kroch gelb und spärlich aus Deckenschalen, und aus mannshohen Boxen wummerte Rodigan’s Rockers, die wöchentliche Reggae-Show auf BFBS, dem britischen Soldatensender im Rheinland.

“Der Arsch hat soviel Material im Haus, das können wir in einem Jahr nicht wegrauchen”, hatte der dicke Hansen auf der Hinfahrt geprotzt, doch nun hiess es plötzlich, Jungs, ihr müsst euch etwas gedulden, der Brösel muss noch gepresst werden. Dauert nochn klein Moment.

“Aber keine Angst, geht schnell.”

Der Dealer hustete und bot uns Rauchproben an. Zur Auswahl standen Türke und Roter Libanese sowie holländisches Powergras. Ich wäre am liebsten auf der Stelle abgehauen, doch das Geld war Hansens Geld und wir waren mit seinem Wagen da und er hatte wie immer die Ruhe weg. Er saß da und wippte mit dem Wagenschlüsel zum Reggae – ein Reggae nach dem anderen, eine endlose Parade von Reggaesongs, stets im gleichen verfluchten Rhythmus, einen vor, zwei zurück. Jah Man.

Ich teilte mir einen Bong mit dem dicken Hansen. Das Wasser blubberte in der Flasche, als der Dealer plötzlich aufstand und nervös hin und her tigerte. Abrupt blieb er stehen und spähte aus dem Fenster, als erwartete er jeden Moment das Sondereinsatzkommando, und dann geschah es. Der Bong sprengte meine Nerven, liess das Haschisch implodieren, ein böses Riss, Platzangst. Weitere, heftige Implosionen.

Der Typ hat doch nicht umsonst so ne Action gemacht mit seiner scheiss Wohnungstür, dachte ES in mir. Kippte. ES kippte. In mir. Dieses schiefe Gefühl, dass etwas gerissen war in mir, irreparabel, nicht rückholbar, ausgeliefert und auf ewig schief: Die alte LSD-Angst, im falschen Moment am falschen Ort das falsche Zeug genommen zu haben, und nun war es zu spät, daran noch etwas zu ändern. Nun hiess es auf ewig damit klarzukommen…

Eigentlich dürftest du gar nichts mehr kiffen, hatte Lena mal gemeint. Wenn du noch Wert auf dich legst. Auf die Gesundheit deiner Seele.

Der dicke Hansen, den Autoschlüssel in der Hand, spielte damit wie mit einer Gebetskette, völlig unbeeindruckt von der Situation, in der ich gerade in mir ertrank, absoff, während der Dealer schon den nächsten Bong stopfte, zum Reggae mit den Füßen stampfend – diese gottverflucht monotone Marschierparade – ich muss mich abkühlen, muss mich runterholen, komm runter, Glumm, sag etwas, sag irgenetdwas, egal, irgendetwas..

belangloses..

der Dealer schien zu merken, dass mit mir etwas nicht stimmte, ganz und gar nicht stimmte, er glotzte komisch rüber, irritiert..

“Kennst du auch Soul Train..?” fragte ich endlich, er verstand nicht, ich wurde lauter, mit ausrutschender Stimme, “..Soul Train.. auf BFBS.. immer mittwochs.. ob du das kennst”, doch er starrte nur in seinen Bong und meinte desinteressiert, “Soul? Nee, Soul find ich nicht gut, ich kann nicht immer alles gut finden.”

Ich kann nicht immer alles gut finden. Da lagen die 80er Jahre vor mr, gebündelt und geschnürt und in einem einzigen Satz: Ich kann nicht immer alles gut finden.

Ja klar! dachte ich.

Ich kann jetzt auch nicht gut finden, dass ich hier so blöd durchs Bahnhofsviertel stiefle, aber ich stiefle nun mal blöd durchs Bahnhofsviertel, auf der Suche nach dem Bahndamm, nach einem Puff, nach einer korrupten Möse, aber so ist das nun mal, also reiss dich zusammen und frag endlich irgendeinen Typ in deinem Alter, der dir entgegen kommt, wo der verdammte Bahndamm ist.

“Da vorn durch den Tunnel, die erste rechts und immer geradeaus.”

*

Hinterm Bahndamm. Ich erkannte es auf Anhieb wieder. Vorm Eingang zum Kontakthof drückte sich eine Gruppe türkischer Männer rum, lamentierend, Kerne spuckend. Ich trat in den Hof. Zwei Nutten lehnten an der Backsteinmauer.

“Kommste mit?”

Ich grinste.

“Da grinst der nur.”

Ich streifte die unterste Fensterreihe ab. Die meisten Vorhänge waren zugezogen. Auf den Scheiben pappten Zimmernummern, manchmal ein Name. Gabi. YVONNE 65. In der Hofmitte, an den Münzgeldautomaten, scharten sich die Freier, die sich den ganzen Tag den Schwanz in den Bauch standen, mit dem Ziel, für kleines Geld in die Kloake eines Weibchens vorzudringen.

Dann stand sie neben mir.

“Magst du dich verwöhnen lassen..?”

Lederstiefel, dunkles Haar, freundliche Augen.

“Weiß nicht”, mehr kriegte ich nicht raus.

“Komm.”

Sie hakte sich bei mir unter. Mit dem Lift drei Etagen hoch, Zimmer 55.

“Bist du das erste Mal hier?” fragte sie, als ich im Kabuff stand, die Hände in den Hosentaschen.

“Was.. nein.”

“Wieso guckst du dich dann so um?”

Gute Frage. Ein Bett mit roten und braunen Decken, zwei Stühle, ein Tisch, darauf eine Schale mit Präservativen und Bonbons.

“Nur so.”

“Und? Was ist Sache, du As? Schön bumsen und blasen?”

Ich stand da, verschwitzt. Die Fischangst meiner Hände.

“Nee. Lieber nur runterholen.”

“Och”, sagt sie enttäuscht und zieht sich nicht weiter aus. “Kost vierzig Mark. Warum nicht schön bumsen und blasen?”

Ich legte zwei Zwanziger hin, auf den Tisch. Sie stopfte die Scheine in eine Blechdose, zu den anderen Scheinen von anderen Männern.

“Na schön. Dann mach dir es mal bequem.”

Ich setzte mich auf den Bettrand.

“Schwanz waschen?” fragte sie noch.

“Nee.. Nachher.”

Ich liess die Jeans runter, sie setzte sich dazu, den Pullover knapp über die Titten hochgeschoben. Kalte Titten, wie gewachsene Titten.

“Wirklich nur wichsen hallelujah? Nicht schön bumsen und blasen?!”

Das lockerte mich ein bißchen.

“Nee, nur.. wichsen hallelujah.”

Ich legte mich auf den Rücken, mit aufgestützten Ellbogen. Sie nahm ein Kleenextuch und breitete es in Spritzrichtung über meinen Bauch aus. Wie ein kleines Auffangtuch lag es auf mir, eins von der Feuerwehr.

“Magst du geile Bilder sehen?”

Ich mochte nicht.

“Präser?”

“Nee.”

Dann machte sie es. Ich guckte ihr zu. Sie guckte sich zu. Sie machte es gut. Gekonnt. Ich schraubte kurz an ihren Titten rum, doch es blieben Fotos, da liess ich es wieder sein.

“Spritz in die Luft!” rief sie, als ich kam.

Sie lächelte.

“Ging schnell, ne..?”, sagte ich, halb fragend.

“Naja. Bei manchen Typen muss ich das Ding nur berühren, schon explodieren sie.”

Sie ging zum Waschbecken.

“Komm, schön Schwanz waschen.”

“Nee. Lass mal.”

“Na, musst du wissen. Jetzt hast du schön leer gespritzt und du weißt, dass ich gut bin. Kommst du später noch mal wieder, schön bumsen und blasen.”

“Mh”, sagte ich, und nahm schön die Treppe.

Im Kontakthof schnitzte ich mir was markantes um den Mund rum, ich mein, wer weiß, vielleicht hat ja einer von den Pennern mitgekriegt, wie ich mit der Kleinen aufs Zimmer verschwunden bin, und jetzt, keine zehn Minuten später, bin ich schon wieder zurück. “Schnellspritzer”, höre ich sie mich verhöhnen, “dreimal hoch, dreimal runter, ha ha ha!” Also schnitzte ich mir was markantes um den Mund rum, so als wollte ich sagen: Ich hab mit der Kleinen nur ein Geschäft abgewickelt, oder ich hab sie auf die Schnelle erdrosselt.

So lügte ich mich bis zum Ausgang, wo die Türken standen und lamentierten, lebhafter mittlerweile, Pistazienschalen spuckend. Natürlich hatte niemand was mitgekriegt von meinem Puffbesuch oder meiner markanten Schnitzarbeit, geschweige denn mich ausgelacht, Männer im Puff interessieren sich für alles mögliche, nur nicht für andere Männer.

Ich wollte jetzt auch nur noch raus aus dem Bahnhofsviertel.

*

Straßenbahn Richtung Altstadt. Tags drauf war Heiligabend, die Leute hatten es eilig. Schoben sich in Kolonnen durch die Fußgängerzone. Vorm Kaufhaus Horten stand ein dicker Junge mit Brille und Sheriffstern, zu seinen Füßen eine Zigarrenkiste mit Münzen, er trällerte Adventslieder fünf Minuten vorm Stimmbruch.

Ich stoppte an einer Bratwurststube.

“Drei Reibekuchen.”

Das einzig Wahre nach einem nietigen Bordellbesuch.

“Mit Apfelmus?”

Was dachte der denn. Der Koch, er trug ein weiße Kochmütze, reichte mir den Pappteller über den Tresen und erkundigte sich bei dem Touristen neben mir, “May I help you?”

“Yes, Sir. We want wurst.”

Der Koch nickte in Richtung Schwenkgrill, auf dem Thüringer Bratwürstchen kokelten.

“A long one?”

Der Tourist schaute sich unsicher um, sucht seine Frau, die in einiger Entfernung das Gepäck hütete.

“Mh, from Heidelberg, this wurst?”

“Heidelberg?” Der Koch nickte. “Yes. Heidelberg.”

Ich reihte mich ein in den Strom der Passanten. Verhätschelte Gesichter, andere aus der Asservatenkammer. Von der Helligkeit der Schaufenster angezogen, blieb ich vor einem Frisörsalon stehen, guckte mir schön die Auslage an, den neuen Look, Dreadlocks.

Ich könnte mir auch noch mal die Haare schneiden lassen. Immer nur Locken, dicke unordentliche Dinger, seit Ewigkeiten. Komm mir überhaupt so siffig vor. Keine Alte guckt mich mehr mit dem Arsch an. Also, los jetzt. Rein da.

“Womit kann ich dienen?”

Na ja, Haare schneiden. Ob ich einen Termin habe? Ich habe nicht sehr oft Termine. Nein. Der Geschäftsführer mustert mich geringschätzig und überfliegt eine offen liegende Kladde.

“Siebzehn Uhr hätte ich etwas frei.”

“Jetzt gleich geht’s nicht?!”

“Nein, leider. Sie sehen ja, alles besetzt. Tut mir leid.”

Ich sah da gar nichts, fand aber, dass er im Schritt stank und probierte es in zwei, drei anderen Salons, bei Gina schließlich hatte ich Glück. Kleiner Palast. Gina persönlich half mir aus der Jacke und bot mir einen Platz an, an einem Bistro-Tischchen.

“Möchtest du Kaffee?”

Sie servierte ihn postwendend und lauwarm. Ich schnappte mir eine Illustrierte, ein Stadtmagazin, wo Leute für eine Szene schrieben, die längst verreckt war an ihren eigenen Leuten, aber was redete ich hier überhaupt? Wen juckte das? Gina half mir da raus. Persönlich.

“Kommst du mit?”

Vor einer Galerie von zwanzig Spiegeln versank ich in einem ledernen Drehstuhl, Gina griff mir ins Haar.

“Steht dir doch viel besser so, kommen deine Augen mehr zur Geltung.”

Augen? Die ist gut. Trübe Glubscher. Blutunterlaufenes Material. Ich bin unrasiert und blass. Es juckt. Junge, bin ich lädiert. Seh ich scheisse aus. Bin ich froh, wenn der Mist runter ist.

“Stehst du mal auf?”

Sie band mir einen Kittel um.

“Noch einen Kaffee?”

Ich setzte mich und schaute mir ein bißchen die Stylisten an, wie sie um die Kundschaft herumwieselten und dabei Konservation machten, mit flatternden Augenlidern.

“Kommst du mal mit?”

Ich war hier nur am Mitkommen. Diesmal nicht mit Gina, sondern mit einer Rothaarigen. Lobsterrot. Es ging eine Etage höher, zum Haarewaschen.

“Such dir ein Waschbecken aus.”

Ich nahm das erstbeste. Behutsam drückte sie meinen Kopf in die Nackenschale, Wasser brauste durch mein Haar.

“Temperatur angenehm?”

Es gluckerte leise im Abfluss. Sie legte Shampoo auf und massierte meine Kopfhaut. Ich schloss die Augen und entspannet, fast schien es, als machte sie es zärtlicher als nötig, aber vielleicht war es auch der Hygiene wegen, egal, heute bin ich für alles am löhnen, für die Hure, für die Frisöse, für alle zarten Finger.

“So”, sagte die Rote, rubbelte mein Haar trocken, “fertig.”

Ich wendelte die Treppe runter, wieder auf meinen Drehstuhl.

“Magst du noch einen Kaffee?”

Will die mich verscheißern? Sie reichte mir das Stadtmagazin, das ich wortlos weglegte, und dann fing sie an. Zu reden. Sie redete und schnitt und redett und schnitt, bis ich mich irgendwann genötigt sah, auch mal was zu sagen, bloß – was? Ihr französisches Aussehen verleitete mich schliesslich zu der originellen Frage, ob sie Französin sei.

Sie lachte. “Nein. Italienerin.”

Gott sei Dank.

“Aber meine Mutter stammt aus Frankreich.”

Scheiße.

Sie trug ein schwarzes Leibchen, das viel Bauch herzeigte, und während sie mit scharfem Schnitt in meine Parade fuhr, versuchte ich einen Blick von ihrem Busen zu erhaschen, aber der war gut und feste eingepackt. Schließlich war es soweit. Der Struwwel war entpetert, und Gina rasierte schon meinen Nacken aus. Sie präsentierte mir ihr Werk. Ich war hart an der Grenze zum Hautkopf. Doch, sehr diszipliniert. Gina föhnte, Gina gelte.

“Pass nur auf. Gleich auf der Strasse guckt sich jedes Mädel nach dir um.”

“Ich nehme dich beim Wort”, sagte ich, und zahlte vierzig Mark.

“Hier”, Gina reichte mir ihre Visitenkarte, “falls du mich weiterempfehlen möchtest.”

Draußen hatte ich dann die Kälte am Hals, sehr ungewohnt, dieser ungehinderte freie Zugang zur Kälte. Ich taxierte einige schöne Düsseldorferinnen, he, alle mal herschauen, der Onkel war beim Frisör, doch die Resonanz war dürftig. Was möglicherweise auch an meinem Outfit lag. Also – keine halbe Sachen. Eine neue ganze muss her. Sache. Hose. Stangenware. Warenhaus. Hier gab es die neuen ganzen Sachen. Hosen. Herrenmieder. Stangenware.

Aus Jux probierte ich eine Bundfaltenhose, die passte sogar, war mir aber doch zu affig. Was mir gefiel, waren schwarze verwaschene Jeans in Karottenform. Ich nahm ein paar mit in die Umkleidekabine, die roch nach grober Leberwurst. Oder waren das meine Schweißfüsse? Eine Hose war mir zu weit, schlabberte an der Taille, die nächste Karotte war zu kurz, eine weitere zu eng. Ich kam einfach nicht zurecht mit den amerikanischen Größen. Gab entnervt auf. Stolperte durch die einbrechende Dunkelheit, die vorweihnachtliche Meute. Keine Sau nahm Notiz von mir.

Ich versuchte es im Kaufhof. Ging zielstrebig auf den Verkäufer zu, ein Asiate mit langem roten Lederschlips.

“Meine Bundweite”, sagte ich, “brauch ich.”

Er verstand nicht, ich wiederholte, er verstand und holte ein Zentimeterband.

“Was suchen Sie denn?”

“Schwarze Jeans in Karottenform”, erklärte ich bündig, er nickte und verschwand und schleppte wenig später einen Haufen Hosen an, nur die nicht, die ich meinte. Ein deutscher Oberverkäufer stiess hinzu.

“Kann ICH Ihnen weiterhelfen..?”

Er bedeutete dem Chinesen, sich vom Acker zu machen.

“Mein Kollege ist ganz neu hier”, sagte er entschuldigend, und ich trug dem Glattarsch auf, mir eine Karotte zu besorgen. Er brachte drei Stück in verschiedenen Größen, ich machte Leberwurst aus der Kabine, die Jeans passten alle drei, mehr oder weniger, ich entschied mich für die engere und behielt sie gleich an.

Mittlerweile war es dunkel geworden, dennoch versuchte ich das weibliche Düsseldorf zu provozieren, mit flackerndem Blick. An der Straßenbahnhaltestelle Richtung Hauptbahnhof gelang tatsächlich ein Flirt mit einer hinreißenden Dunkelhaarigen, bis sie einstieg und abrauschte, ohne sich noch mal umzudrehen, blöde Kuh.

Schnellbahn zurück nach Solingen. Ich starrte nur noch aus dem Fenster. Dingsda e pericoloso. Bitte nicht hinauslehnen. Ja genau. Mir doch egal. Fall ich eben raus. Bin ich eben tot. Aber tot mit Kurzhaar. Mein Gegenüber, ein Türke, machte mich per Handzeichen auf das Kärtchen aufmerksam, das mir aus der Jackentasche gerutscht war. Ich hob es auf. Endstation. Noch vom Bahnsteig aus rief ich die Nummer an und fragte, was sie mir denn da versprochen habe, so leichthin.

“Wie..? Wer.. spricht denn da?”

“Na, der Kerl, dem du eben die Locken geschnitten hast.”

“Ah.. ja.. und was hab ich dir versprochen?”

“Na, dass sich jedes Mädel nach mir umdreht. Das haut nicht hin. Lüge!”

Gina gackerte.

“Du darfst nicht aufgeben.”

“Ja”, sagte ich, und legte auf.

Mongo

Mongo.

Das ist vielleicht mongo, sagt er und bleckt die Zähne. Mongo, nach einem chilenischen Comic aus den fünfziger Jahren, fügt er hinzu, von ihm aufgegriffen auf Anregung durch einen chilenischen Flüchtling, der den Alexanderplatz so nannte, weil er ihn an die Darstellung zukünftiger Städte erinnert hat. Mongo, das ist die Haltung, die eine solche Stadt hervorbringt, ein Wohnkästchen neben und über dem anderen, eine Menschenschachtel neben und über der anderen.

Götz greift nach einer Mappe im Regal links neben ihm und holt eine Zeichnung heraus, die die Dehnbarkeit dieses Begriffs demonstrieren soll. Ein grünschwarzes Menschenmonster – auch das ist mongo. Mongolisch, mongoloid. Wer ist hier nicht mongo, wir alle sind mongo, auch ich bins, wenn ich so etwas anfertige.

Er zeigt eine von ihm entworfene Postkarte: Rotes Herz hinter grauem Gitter; darüber der Text: Ein herzhaftes 1983. Mongo bin ich aber auch, weil ich zu feig war, es zu verschicken, damit ich keinen Ärger bekomme. Er blickt zu Beate: Und du bist mongo, weil deine Familie mongo ist.

Ärger.

Götz dämpft seine Zigarette im leeren Schnapsglas vor ihm kraftvoll aus. Bevor sie bei der Frau König eingezogen sind, sagt er, ist er mehrmals hier herumgegangen, um die Leute zu fragen, wie denn das Wohnen in der Gegend sei. Dabei ist er an ein älteres Ehepaar geraten, das sofort aggressiv reagiert hat. Die Frau habe die Handtasche gegen ihn erhoben, der Mann habe sich nicht ausreden lassen, er sei ein ZDF-Reporter und wolle die Leute zu Aussagen über die hiesige Umweltverschmutzung erpressen. Wenn das nicht mongo ist!

Traum.

Er habe – im Traum – einen Antrag für eine Reise nach West-Berlin gestellt. Ein S-Bahn-Fahrer habe ihn aber, bevor irgendeine Antwort eintraf, mehrmals nach drüben mitgenommen, sozusagen auf Probe.

Einmal bin ich in einem riesigen Kaufhaus gelandet, sagt Götz, im KADEWE, und staunend und völlig euphorisch an den vollgefüllten Regalen vorbeigezogen, von einem Stockwerk zum anderen, und immer noch dieses Überangebot, diese Unmenge verschiedenster Waren, bis in den letzten Winkel. Schließlich habe ich in der Käseabteilung haltgemacht und mich nicht satt sehen können an den mehr als hundert Sorten aus Italien, Frankreich, Spanien, Griechenland, Österreich, Westdeutschland, Holland und Dänemark.

Bei einer Selbstbedienungskassa in der obersten Etage habe ich eine Portion BULEX verlangt, in der Meinung, das sei etwas völlig Exotisches, das sei ein von mir irgendwann erfundener Markenname für eine himmlische Speise, die ich mir ausgedacht habe. Ich habe mich setzen müssen – auf meine eigenen Unterarme, denn Sitzgelegenheiten hat es keine gegeben -, und die Verkäuferin hat mir mit der größten Selbstverständlichkeit eine riesige Portion BULEX über die Theke gereicht, wobei ich mich nachher nicht mehr erinnern konnte, woraus das Gericht eigentlich bestanden und wonach es geschmeckt hat.

Mongo.

Klar vor Augen sei ihm aber noch die Szene, wie er sich einen 5 kg-Sack Knoblauch gegen den Widerstand des Mädchens erstanden habe: Selbst im Traum sei er von dem Gedanken verfolgt gewesen, hier gebe es Knoblauch nur alle zwei Jahre und dann nur in winzigen Mengen.

Mongo.

Dann habe er sich allerdings verirrt, sei rauf und runter gefahren, doch die Treppe habe kein Ende gehabt, und vor ihm mit seinem Knoblauchsack seien alle Leute geflüchtet, er habe sich ständig über die Augen wischen müssen, was das Falscheste war, was er tun konnte.

Jetzt ist kein menschlicher Laut mehr zu vernehmen gewesen, flüstert Götz, nur das Geräusch der rasch rollenden Treppen, wobei diejenige, auf der ich gestanden bin, sich immer schneller, mit immer schnellerem Knacken hinunterbewegt, ein immer stärkeres Rauschen erzeugt hat, bis dann plötzlich Stille eingetreten ist und mich das Gefühl erfaßt hat, ich würde schweben, hinunterschweben, den Knoblauchsack an die Brust gepreßt, immer mehr aus allen Poren schwitzend – lautlos bin ich dem Erdmittelpunkt entgegengesunken.

Mongo.

Götz zündet sich eine weitere Zigarette an. Und Stefan starrt auf seine rote Lena, die ihm noch weiter unter den Tisch gerutscht erscheint, während er ein Gläschen Schnaps nach dem andern in sich versiegen spürt, gerade die richtige Wärme erzeugend, um das Auftauchen der Phosphoreszierenden Frau – falls sie ihr Versprechen auch einhält – ertragen zu können.

Verirren.

Wer von der Richtigkeit seines Wegs überzeugt ist, behauptet Götz, genießerisch an seiner Zigarette saugend, der kommt auch nicht um, der kehrt heim. Er habe sich einmal mit Freunden in der Hohen Tatra verirrt, die Gruppe jedoch retten können, weil er an einer Wegkreuzung hundertprozentig sicher gewesen ist, der richtige Abstieg sei links, nicht rechts. Mit denen, die sich ihm angeschlossen hätten, habe er die lebensrettende Hütte gefunden und dann auch noch die restlichen Kameraden herunterholen können.

Weg und Ziel.

Die Abweichung vom Weg, sagt Götz, das Aus-den-Augen-Verlieren-des-Ziels. Die Angst vor den Mühseligkeiten des Wegs, die Zweifel an der Richtigkeit des Wegs. Die Zweifel an der Richtigkeit des Ziels. Das Wagnis, das als Wagnis bestehen bleibt, auch ohne Weg und Ziel.

Weg könne auch heißen Lebensweg, und da müsse er sofort an seinen Freund Rolf denken, der viel weniger Glück gehabt habe als er: Als begleitender Kameramann eines Bergsteigerteams im Kaukasus hat er mit diesen die Orientierung verloren. Man hat unter einem Felsüberhang Unterschlupf gefunden und sich unter einer Plache zusammengekauert, wobei Rolf am äußersten Rand seinen Platz gehabt haben muß, weil ihm, ohne daß er es merkte, der linke Fuß abgefroren ist.

Dabei ist es aber nicht geblieben: Der zweite Fuß ist dem Rolf beim Verladen eines Findlings in der Nossentiner Heide zermanscht worden; so, mit dem Mus im Schuh, ist er bis zur nächsten Ortschaft gewankt, wo dann das Schicksal in Form einer Krankenschwester zugeschlagen hat. Sie hat ihm durch ihre inbrünstige Pflege alle Lust auf Abenteuer jeglicher Art gehörig ausgetrieben, ihn umgepolt in Richtung Ehe, Seßhaftigkeit, Kleben an einem Fleck, Zuspecken, gegenseitigem Bekochen.

(Die Berliner Entscheidung, Residenz Verlag, 1984)

Kurztitel & Kontexte bis 2013-03-31