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Farah Days Tagebuch, 9

Montag, 28. Januar 2013

Wovon ich schreiben könnte.

Als erstes natürlich: über Cremediebinnen.
Dann über Berg, der ständig nach Öl riecht, den Gebieter über die – nein, alle – verpassten Augenblicke. Das unschlüssige Gespräch mit der mächtigsten Frau der Stadt. Der schwarze Mann mit dem Totenkopfring fällt als Thema durch (zu vorhersehbar), nicht aber, warum Kunstausstellungen langweilig sind und warum sie das einzige sind, das langweilig ist. Die Frau, die langsam älter wird, die sich immer im Gesicht zwickt. (Warum?) Die schönsten Worte der letzten fünf Jahre. Armut und ihre Auswirkungen. Mutwilligkeit und ihre Auswirkungen. Der Atem, den der langjährige Geschäftsfreund ausstößt, als er zum ersten Mal ihre Hand auf seinem Schwanz spürt. Die unsägliche Energie, die der Tod eines Familienmitglieds freisetzt. Ein paar kleine, grandiose Tricks, um Komplexität auszuhalten. Grundlose Aggressionen gegenüber Leuten, die allzu versiert sind. Über Untermalungen, in jeder Hinsicht. Die private Aufzeichnung: was sie bedeutet, was sie verhindert. Die Sehnsucht danach, nicht zu sprechen, sondern gesprochen zu werden. Der Auftritt im Kultursender der Stadt und warum es unabdingbar ist, eingeführt zu werden. Über Einführungen. Von der Schwierigkeit, sich zu konzentrieren und der Angepisstheit gegenüber jenen, die das besser können. Vom Pop in der Literatur (als Klanginstallation), die Sehnsucht nach Unterwerfung, die Fetische der Saison und warum gerade sie. Alte Freunde bei alltäglichen Verrichtungen beobachten, ihre Bewegungen studieren, Kleider, Gesten, Accessoires. Warum Henry Jagloms ‘New years day’ ein erwähnenswerter Film ist. Exibitionismus: Warum es verboten ist, aus dem Tagebuch vorzulesen. Warum es bei allem und jedem und immer untendrunter um die Vereinnamung (nein, kein h) von Zeit geht und wie unterschiedlich sie bei den einzelnen ist. Die einfache Sprache könnte Rettung sein. Das Ei muß auf: dafür ist die kleine Säge am Schnabel da. Die Schwierigkeit, sich einem möglichen Erfolg zu stellen. Männerfreundschaften: wie zwei aufeinanderfallen. Wie ich mir immer gewünscht habe, jemand würde Arsch, Bauch und Hinterkopf mitfühlen, die unausgesprochenen Ideen, das Ticken der Muschi, das Gewicht der Brüste, die unglaublich unzähligen Formen weiblicher Nervosität: unmittelbar. Eine Situation beschreiben, in der Vertrauen entstand. Eine schöne Frau beschreiben, von der sich erst am Schluß herausstellt, daß man sich selbst damit meint.
Ein Wort beschreiben, als wäre es ein Bild. Die verwahrloste Wohnhöhle eines älteren, fernsehsüchtigen, menschenscheuen Mannes, der trotz ausufernden Pornokonsums ein Gentleman ist. Harten Sex sentimental beschreiben, den ersten Kuss wie einen Verkehrsunfall beschreiben. Ein Plädoyer schreiben für das Warten: Endlich Partei ergreifen für das Warten. Das Handeln hat weißgott schon genügend Staranwälte. Befangenheit: Wahrscheinlich die schlimmste Hemmschwelle von allen. Sätze, die einem gelegentlich unterkommen, die so abgefahren gut sind, daß man sofort mit der Person ins Bett gehen würde, die sie geschrieben hat, ganz gleich wessen Geschlechts. Was man macht, wenn man einer Situation nicht mehr entrinnen kann. Eine Liebeserklärung, an alle überdimensionierten Körper gerichtet. Jedem einen besonderen Namen geben, und jenen, die keinen verdienen, einen geben, der genau das ausdrückt. Die Höflichen mögen ihre eigene Höflichkeit mehr als die Menschen, denen sie sie angedeihen lassen.
Ein Haus erfinden: Ein einziges. Der Körper sollte auch mal über den Geist siegen dürfen, darf er aber nie; umgekehrt wird ein (Hemm)schuh draus.
‘Warum läßt du sie dann nicht endlich fallen’: Sich zu trennen von Menschen, die das Neue in dir nicht sehen. Der Duft des Geschlechtsteils nach einem langen, arbeitsreichen Tag, warum es nicht belanglos ist, wie man seinen eigenen Geruch empfindet. Was macht der Dichter? Er verbindet Wortwurzeln aus 1000 Plateaus, das ist das Zauberhafte, damit kriegt er uns. Das Bild einer Frau, die die Traurigkeit in ihrem innersten Wesen kompetent in Schach hält, wie viele Partien und Eröffnungen sie auswendig gelernt hat, was für einen Beruf sie ausübt. Die Vorstellung, daß Vater und Tochter gleichzeitig einen Roman über die gleiche Familie schreiben. Mosaikromane: mehrere Autoren schreiben innerhalb einer verabredeten Welt, jeder steuert eine oder mehrere Figuren bei, die auch von den anderen benutzt werden dürfen. Wie es sich anfühlen würde, in die Obhut eines reichen Mannes zu geraten: sind die Gelenke schmal genug? Frauen, die ausgehalten werden wollen, brauchen schmale Gelenke. Was den alten Freund zum Henker machte.
Irgenein Pelztier muß auftauchen und reden, so wie Blooms Katze im Ulysses oder die Gamecat bei Jeff Noon in Nymphomation. Sprache darf knacken. Erstmal einen Raum ausstatten, Personen hinzufügen, dann Dialog und im Dialog muß sich die nächste Szene vorankündigen, eine Überleitung, dann nächste Einstellung. Wie einen Film mit Kameraeinstellungen imaginieren – mein visuelles Vermögen ist besser entwickelt als das logische. Jede Figur hat sowohl ein Angebot als auch ein Bedürfnis, die allererste Vorstellung der Figur sollte beides schon mal heimlich implizieren. Nichts ist zu blöd, um es erst einmal hinzuschreiben. Manchmal sprechen mehrere Leute im Hintergrund, während vorne irgendwas passiert; die Stimmen im Hintergrund könnten kollagiert sein. Von Assoziationen allein jedenfalls wird niemand satt.

MICRO | -NOTE | -QUOTE – In Erwartung : Zum Leben vom Schreiben

BERNHARD KATHAN : 63,69

Es darf diskutiert werden : Salon– Autor Bernhard Kathan , der sich in seinen literarischen und kulturwissenschaftlichen Büchern auf denkwürdige Weise seit je der Verletzlichkeit des Geistes und des Leibes widmet , stellt eine provozierende Ziffer zur Diksussion .

Die Lebenserwartung von Schriftstellern betrage 63,69 Jahre . Eine Kennzahl , welche drastisch unter den Ziffern der durchschnittlichen Lebenserwartung ( Männer 75,5 – Frauen 81,5 Jahre ) liegt und – siehe die Grafik nach CIA World Factbook @ Wikipedia – die der allgemeinen Lebenserwartung etwa in Zentralafrika entspricht ( 2006 : 60 – 64 Jahre ) .

Da ich seit langem Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung bin, machte ich mir die Mühe anhand der Liste ihrer verstorbenen Mitglieder die durchschnittliche Lebenserwartung von Autoren und Autorinnen auszurechnen. Diese liegt im Augenblick bei 63,69 Jahren, also deutlich unter jener der Gesamtbevölkerung, die bei Männern 75,5, bei Frauen 81,5 Jahre beträgt. Meine Statistik kennt gewisse Unschärfen. Ich habe dazu alle Todesfälle von Mitgliedern herangezogen. Während wir es hier mit einem Zeitraum von 29 Jahren zu tun haben, wird die durchschnittliche Lebenserwartung üblicherweise nach den Sterbestatistiken eines Jahres berechnet.

Neben individuell genetischen Dispositionen sind es berufsbedingte Risiken ( körperlich gefährliche Berufe wie Dachdecker oder Gerüstbauer , Stress und Burnout bei Pflegepersonal ) und die sozioökonomischen Faktoren des “Lebensstandards” , welche entscheidend die Lebensqualität und -Dauer beeinflussen :

Die Verschränkung von Einkommen ( buchstäblich : Vermögen ) und der Qualität medizinischer Versorgung ist im Paradies der Privat– Behandlung offenbar . Dass dies im Umkehrschluss nicht notwendig das Versagen sämtlicher kassenmedizinischer Leistungen bedeutet , ist klar und auch nicht der Punkt von Kathans Zahlen .

Man ist geneigt, die niedrige Lebenserwartung von Schriftstellern unter tragischer Literaturgeschichte, also unter biographischen Katastrophen abzulegen. Trotz aller individuellen Dispositionen lässt sich das Problem nicht privatisieren. Schreiben ist per se eine Tätigkeit, die nicht nur Konflikte zum Inhalt hat, sondern von Konflikten begleitet wird. Schreiben, also das Antizipieren der Welt ist nicht gerade mehrheitsfähig. Es wird nicht belohnt. Mit Schreiben verdient man in der Regel nicht sehr viel, vor allem dann nicht, wenn man um ein gewisses Niveau bemüht ist, oft genug nur kleine Gruppen ansprechen kann. Selbst dann, wenn eine Zeitung den Abdruck eines Textes zusagt, heißt das noch lange nicht, dass dieser auch abgedruckt wird.

Aber auch wenn literarische Texte in Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt werden , bedeutet dies , wie wir in|ad|ae|qu|at hinzufügen dürfen , nicht notwendig ein Einkommen zum Auskommen . Schon gar nicht für literarische AutorInnen , deren Texte ( so sie formal überhaupt als publikumsfähig erachtet werden ) , ja nur bei “Anlässen” oder alle paar Jahre anlässlich eines neuen Buches ( vor- ) abgedruckt werden .

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FREI SCHREIBEN

Wie wenig sich auch genuin journalistische Arbeit auf freiberuflicher Basis rechnet , wird derzeit mittels einer eindrücklichen Enquête eines unabhängigen Berufsverbandes freiberuflicher Journalistinnen und Journalisten , dem Verein :Freischreiber , in einem Blog publiziert . Die in wenigen Tagen zu Hunderten eingereichten Erfahrungswerte vermitteln – egal ob Provinzblatt oder überregionales Organ , Publikums- oder Fachzeitschrift , “Qualität” oder “Boulevard” – ein eher drastisches Bild der Einkommenslage von “Freien” ( #honorarhoelle ) .

Auch hier handelt es sich – Stichworte : anonyme Einreichung , limitierte Vergleichbarkeit von Kraut und Rüben – nur bedingt um belastbare Fakten , eher um die Konfiguration eines kurrenten Musters . Auch die Schriftstellerei ist seit dem 19. Jahrhundert ein Freiberuf , dessen Risiken und Nebenwirkungen inzwischen als bekannt betrachtet werden dürften ( siehe Balzacs Verlorene Illusionen ) .

Als mit der 1859 gegründeten Deutschen Schillerstiftung erstmals das Modell institutioneller Autorenförderung auf den Plan trat , war nicht abzusehen , welche Dichte das Netz von kommunalen , kantonalen oder ministerialen Beihilfen , Zuschüssen und Stipendien , während des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts gewebt werden würde .

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HONORARHOELLE VS. PARADIES DER PREISE

So ist denn die Denunziation von institutionell vergebenen und finanziell dotierten Literaturpreisen sowie der “blühende[n] Kultursubventionslandschaft” ( siehe : Autorenförderung ? Hungert sie aus ! / FAZ 2008 oder kürzlich Der Preis des Schreibens / taz 2013 ) mittlerweile ein mindestens so beliebter Topos wie die Klage über kärgliche Lebensumstände .

Dass es gut verdienende Autoren gibt , weiss Bernhard Kathan mindestens so gut wie auch die Leute vom Freischreiber , denen Dokumente von vergleichsweise luxuriösen Produktionsbedingungen vorliegen .

Die Perspektiven verschränken sich in Beobachtungen , wonach bereits bepreiste Autorinnen und Autoren eher mit weiteren Preisen bedacht werden als bislang weniger exponierte Kollegen . Gleicherweise tendieren Rezensionen ab einem gewissen Grad der Publizität zum Kaskadieren . Woran sich bekanntlich wiederum die Organisatoren & Redaktoren von Lesungen , Auftritten , Features orientieren .

Allerdings gibt es diese Resonanzkatastrophe durchaus auch negativ : Wer als kompliziert oder schwierig gilt , wird vielleicht von gewissen Zirkeln ästimiert und – wo dies möglich – hin und wieder mit ein paar Euro , bleibt bei aller Fertigkeit und allem Fleiss indes in einem Kreislauf des Schweigens .

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MITTEN DRIN

Die Polarisierung scheint inzwischen – wie es heisst – “mitten in der Gesellschaft” angekommen : die “working poor” stehen gegen die Unersättlichkeit der “Abzocker” . “Andauernde Prekariate” , schreibt Bernhard Kathan , “lassen sich etwa am Zahnstatus oder an bestimmten Krankheitsbildern wie Erschöpfungszuständen oder Panikattacken ablesen, auch an der Lebenserwartung”. –

Wie gut , dass der ( Lebens– ) Versicherungs– Konzern Generali mit seiner frohgemut formulierten Geldstudie 2013 Daten wider den Dickens- Blick serviert :

Die Kaufkraft steigt wieder – vor allem bei den unter 30-Jährigen. Jeder vierte Österreicher will mehr für das eigene Wohlbefinden tun. Ausgabenplus bei Sport, Freizeit, Auto und Urlaub.

[ … ] Von Platz 3 im Vorjahr – hinter Wohnen und Urlaub – rücken die Ausgaben für das Wohlbefinden und den Sport erstmals auf den Siegerplatz. Im vergangenen Jahr wollten nur 15% der Befragten für diesen Bereich mehr Geld ausgeben. Heuer sind es 24%. Besonders groß ist der Wunsch nach dem Wohlbefinden mit 41% bei den unter 30-Jährigen und mit 31% bei den 40- bis 49-Jährigen. 28% der Männer und 21% der Frauen planen hier Mehrausgaben. 63% der Mehrausgaben entfallen dabei auf Sportbekleidung, Sportausrüstung und Fitnessstudio. 38% planen Mehrausgaben für Wellness und 18% für Entspannungstechniken wie Yoga, Tai Chi und Qi Gong.

Auf den Plätzen 2 und 3 liegen der Urlaub und das Wohnen. 22% wollen im kommenden Jahr wieder öfters und/oder länger urlauben (2011: 18%), und 20% investieren in ihr Zuhause (2011: 19%). Die Mehrausgaben für das Wohnen entfallen mit 46% auf Miete, Betriebs- und Heizkosten, mit 39% auf die Einrichtung und mit 35% auf die Instandhaltung und Renovierung.

Zu den Gewinnern im Mehrausgaben-Ranking zählen neben dem Wohlbefinden auch die Bereiche Freizeit und Hobbys sowie Auto und Mobilität. Um jeweils 5%-Punkte konnten sie auf 18% bzw. 14% zulegen. Beim Auto beziehen sich die Mehrausgaben zu 49% auf die Treibstoffpreise und zu 44% auf die Autoanschaffung. 20% rechnen mit Mehrausgaben für den öffentlichen Verkehr.

Statistisch belastbare Daten ?! – Wohlwohl . – Na dann

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Kurztitel & Kontexte bis 2013-04-14

Kurztitel & Kontexte bis 2013-02-02

Und noch zehn Minuten bis Buffalo

Niagara Falls
Niagara Falls

••• Gestern von früh bis zum frühen Nachmittag Broterwerb. Die Veranstaltungen hier sind nicht honoriert, das Marketing-Budget knapp. Ich konnte nicht für die ganze Zeit frei nehmen. Deshalb habe ich mein mobiles Büro dabei und saß in meiner Hotelsuite über Sourcecode. Gegen 14:00 Uhr wurden wir von Chad und Joy (zur Zeit Praktikantin bei Open Letter) mit dem Auto abgeholt. Die Lesung in Buffalo war für 19:00 Uhr angesetzt. Wir wollten davor noch einen Abstecher zu den Niagara Falls machen. Auf dem Weg nach Toronto hatten wir die hoch aufsteigende Säule des Niagara-Nebels gesehen. Da wollte ich gern hin.

Niagara Falls
Niagara Falls

Das Wetter meint es gut mit uns. Geregnet hat es bislang nur nachts. Gestern hatten wir strahlenden Sonnenschein, und es war warm. Einen besseren Tag hätten wir uns für den Ausflug nicht aussuchen können.

Benjamin Stein und Brian Zumhagen vor dramatischer Kulisse
Autor und Übersetzer vor dramatischer Kulisse

Nach dem Rückweg nach Buffalo und Dinner in einem zünftigen Restaurant kamen wir schließlich bei »Talking Leaves« an. Das ist DER Independent Bookstore in Buffalo. Er wäre es auch, wenn es mehrere gäbe.

Talking Leaves ist DIE Buchhandlung in Buffalo
Talking Leaves ist DIE Buchhandlung in Buffalo

Zwischen den Regalen dieser Buchhandlung kann man vermutlich ein halbes Leben zubringen, ohne dass es langweilig würde. Es ist ein Jammer, dass es natürlich immer schwerer wird für »Talking Leaves« und die Inhaber immer erfinderischer werden müssen, um nach 40 Jahren das Geschäft aufrechterhalten zu können. Stöbern wie hier – das wird nun online nie möglich sein. Es ist ganz einfach eine andere Welt.

Lesung bei »Talking Leaves«
Es kam schon noch Publikum: aufmerksam, engagiert und fragefreudig. (re. Joy Hawley)

Wir hatten nur wenig Publikum. Freitags finden hier in Buchhandlungen normalerweise keine Events statt. Die Zuhörer aber, die gekommen waren, hörten hochinteressiert zu und stellten eine Menge sehr interessanter Fragen zum Buch, zur Poetologie, zur Rezeption des Textes in Deutschland und Israel u.v.m.

Im Gespräch mit den »Talking Leaves« Jonathon Welch und Lucy Kogler
Im Gespräch mit den »Talking Leaves« Jonathon Welch und Lucy Kogler

Ich konnte anschließend noch mit Inhaber Jonathon Welch und mit Lucy Kogler sprechen und über Bücher, Autoren und Filme fachsimpeln. Lucy arbeitet seit 30 Jahren für »Talking Leaves« und führt den zweiten, in Uni-Nähe eröffneten Laden.

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Auch in Buffalo bin ich auf einen Aushang gestoßen, der mich schmunzeln ließ. Diese historische Anzeige für Papierhandtücher hat seinerzeit für viel Aufregung gesorgt. Fotografiert habe ich sie auf dem stillen Örtchen bei »Talking Leaves«, wo die Klospülung eine Gebrauchsanleitung hat: »… and press 1 for more options.«

Auf dem Weg von den Niagara Falls zurück nach Buffalo kam mir Fontanes Ballade über die »Schwalbe« in den Sinn. Buffalo liegt zwischen dem Erie- und dem Ontario-See. Von dem Gedicht, das wir seinerzeit in der Schule auswendig lernen mussten, war mir nur noch eine Zeile fest im Gedächtnis: »Die ‘Schwalbe’ fliegt über den Erie-See«. Und natürlich der dramatische Countdown: »Und noch zehn Minuten bis Buffalo«.

Das ist natürlich eine Erinnerung, die mit vollem Recht hier in den Turmsegler gehört.

John Maynard

John Maynard!
»Wer ist John Maynard
»John Maynard war unser Steuermann,
aushielt er, bis er das Ufer gewann,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron’,
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.«

Die »Schwalbe« fliegt über den Erie-See,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee;
von Detroit fliegt sie nach Buffalo –
die Herzen aber sind frei und froh,
und die Passagiere mit Kindern und Fraun
im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
und plaudernd an John Maynard heran
tritt alles: »Wie weit noch, Steuermann?«
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund:
»Noch dreißig Minuten … Halbe Stund.«

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei –
da klingt’s aus dem Schiffsraum her wie Schrei,
»Feuer!« war es, was da klang,
ein Qualm aus Kajüt und Luke drang,
ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

Und die Passagiere, bunt gemengt,
am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
am Steuer aber lagert sich´s dicht,
und ein Jammern wird laut: »Wo sind wir? wo?«
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo. –

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
der Kapitän nach dem Steuer späht,
er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
aber durchs Sprachrohr fragt er an:
»Noch da, John Maynard?«
»Ja,Herr. Ich bin.«

»Auf den Strand! In die Brandung!«
»Ich halte drauf hin.«
Und das Schiffsvolk jubelt: »Halt aus! Hallo!«
Und noch zehn Minuten bis Buffalo. – –

»Noch da, John Maynard?« Und Antwort schallt’s
mit ersterbender Stimme: »Ja, Herr, ich halt’s!«
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
jagt er die »Schwalbe« mitten hinein.
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo!

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
Gerettet alle. Nur einer fehlt!

Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell’n
himmelan aus Kirchen und Kapell’n,
ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr,
und kein Aug’ im Zuge, das tränenleer.

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
mit Blumen schließen sie das Grab,
und mit goldner Schrift in den Marmorstein
schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:

»Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand
hielt er das Steuer fest in der Hand,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.«

Theodor Fontane (1819–1898)

Zeit zum Schreiben (1)

Noch Wochen, nachdem in beiden Tageszeitungen der Stadt über meinen Literaturpreis berichtet worden war, grüßten mich die Punks und Ska-Brüder vom Mühlenplatz mit erhobener Bierpulle und Eierköhlchen, einem kleinen Jägermeister.

Ein großer Jägermeister war ein Brikett.

“Eh.. da kommt Bukowski! Wie siehts aus, Hank?”

“Stabil”, rief ich.

Bukowski. So ein Blödsinn. Bukowski war ein Trinker, der großartige Stories über sein Leben schrieb, während ich nur großartig trank. Bukowski war ein Genie, ich nicht. Sparflammenbukowski, dachte ich.

Hauptsache stabil.

*

Kurz nach Neujahr ging das Telefon. Karlos war früh wach, weil er einen Termin auf dem Friedhof hatte, wo um zehn der Leichnam eines Motorradfahrers verscharrt werden sollte. Mit seiner schweren Maschine hatte er eine Bordsteinkante tuschiert und war im hohen Bogen gegen eine Hauswand geflogen. Angeblich fünfzig Meter weit. Der Aufprall hatte ihn enthauptet. Es hieß, der Fahrer, den ich nur vom Sehen kannte, habe so viel Kokain im Blut gehabt, dass das Messverfahren gleich mehrfach wiederholt werden musste, weil die Laboranten das Ergebnis nicht glauben wollten. “Mit so viel Koks im Blut hätte er fliegen müssen.”

Na, hatte er doch.

Karlos hob den Hörer ab, nuschelte “Momentchen..”, und reichte gleich den ganzen Apparat rüber.

“Für dich”, flüsterte er, und machte sich auf die Socken Richtung Friedhof. Es gab Vormittage im Hochsommer, da waren drei oder vier Begräbnisse hintereinander keine Seltenheit, die drückende Hitze arbeitete für die Sargträger und Totengräber, doch jetzt im Januar war nicht viel los im Bestattungsgewerbe. Bis auf eine Motorradleiche ohne Kopf, die zuviel Marschierpulver geschnupft hatte. Es sah nach einem beschäftigungsarmen Vormittag aus für Karlos, doch immerhin, er hatte zu tun. Was mich betraf, so war das letzte Wort darüber noch nicht gesprochen. Weder, wer es sprechen würde, noch wann oder wo.

“Herr Glumm..?”

“Ja”, sagte ich und stierte in den Hinterhof.

“Buntenbach, Arbeitsamt. Guten Morgen, der Herr! Ausgeschlafen?”

Bevor ich auch nur einen Ton erwidern konnte, rückte mein Sachbearbeiter, ein fescher junger Mann mit Wohnsitz Köln, mit der unangenehmen Sprache raus: Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, befristet auf sechs Monate, bei OBI.

BEI.. OBI!?

“Die Eisenwarenabteilung sucht einen tatkräftigen jungen Mann. Da hab ich doch gleich an Sie gedacht.”

Einen Moment glaubte ich, er wolle mich auf den Arm nehmen, doch ein Arbeitsvermittler, der um diese frühe Uhrzeit anruft, will einen eher nicht auf den Arm nehmen. Im Gegenteil. Der will einen eher loswerden, vom Arm runter.  Raus aus der Statistik.

In gewisser Weise konnte ich das sogar nachvollziehen. Mit Mitte zwanzig stand ich in der Blüte meiner Jahre, der Supervogel Jugend kreiste noch über mir, ich war voller Spannkraft. Selbst wenn ich nichts anderes tat, als von morgens bis abends auf der faulen Haut zu liegen, wuchsen mir noch Matratzenmuskeln.

Dennoch war ich der Auffassung, dass die Gesellschaft in meinem Fall eine Ausnahme machen sollte, was das Arbeiten anging. Als angehender Erfolgsautor brauchte ich Zeit. Ich brauchte Zeit zum Saufen, weil man am Tresen die wichtigen Leute kennenlernte und Erfahrungen machte, die unabdingbar waren für einen Schriftsteller, und ich brauchte Ruhe, um mich von der ganzen Sauferei wieder zu erholen. Und gegen Mittag, wenn es mir besser ging, wenn der Kater endlich nachließ, brauchte ich Zeit zum Schreiben. Ich wusste beim besten Willen nicht, wo da noch Zeit für eine geregelte Arbeit sein sollte. Vielleicht zwischen halb eins und eins. Aber war da Mittagspause, verflucht. Allmählich wurde ich böse. Was zum Henker ging da vor sich?! Die herrschende Klasse rottete sich zusammen und forderte eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme??

“Melden Sie sich in der Obi-Filiale!” blaffte Buntenbach mich an. “Ihr Ansprechpartner ist der Filialleiter, ein Herr.. Moment.. Hafner.”

Ich saß da wie angeschossen. Es tat weh, und es floss Blut. Mein Blut. Ein halbes Jahr ABM im Baumarkt. Mein Blutzoll. Wenn ich von irgendetwas keine Ahnung hatte, dann vom Heimwerken. Vom Typ Mann, der in seiner Freizeit Fliegengitter zimmerte. Der seine Seele zum Hobbyraum erklärte und zwischen offenen Lacktöpfen Nazilieder pfiff. Au weia. Das hatte noch gefehlt.

Ich lotete alle Möglichkeiten aus, die Maßnahme abzuwenden oder wenigstens rauszuzögern, doch mir fiel nichts ein, was irgendwie Sinn gemacht hätte. Noch am gleichen Nachmittag rief ich den Filialleiter an, und wir machten einen Termin aus für das Vorstellungsgespräch.

Als ich Karlos und den anderen Kumpeln davon erzählte, lachten sich alle schlapp. Der Glumm im Baumarkt, in der Eisenwaren-Abteilung, zwischen Schrauben, Muttern und Nägeln, mit zwei linken Händen, das war ein gefundenes Fressen.

“Dabei hat der Glumm gar keine linken Hände, der hat überhaupt keine Hände! Der wichst auf Stumpen! Der Penner!”

Der Mitsubishi Boy freute sich schon darauf, mich in flagranti mit dem Besen in der Hand zu erwischen, (“aber na ja, haben wir nicht alle schon mal Staub gefressen?! HEHEHE!”), und der dicke Hansen, der sich mit Klavierunterricht für Schüler und einem kleinen Erbe über Wasser hielt, strahlte übers ganze fette Denunziantengesicht.

“Endlich haben sie dich am Arsch gekriegt, fauler Hund!”

Er drohte, zweimal die Woche im OBI als Testkäufer aufzulaufen, um zu überprüfen, ob ich tatsächlich präsent war in den Gängen oder ob ich mich doch nur aufs Klo verdrückte, EXPRESS lesen und ne Kippe rauchen, die Hand am Sack.

*

Anfang 1987, mit Kahnbeinbruch, auf dem Arm meine Nichte

*

10. Januar 1987, halb zehn.

Der faule Hund, der Zeitkrösus, der gefeierte Literat saß mit der Bierhefe vom Vorabend im Schädel im Oberleitungsbus nach Ohligs. Ich war nicht nur spät dran, ich sah auch noch scheisse aus. Nicht etwa, weil ich beim Vorstellungsgespräch auf Teufel komm raus einen schlechten Eindruck machen wollte, sondern weil Karlos früh am Morgen so lange das Klo blockiert hatte, mit seinem knochigen Hintern. So lange, dass ich mich schliesslich noch mal hingelegt hatte und mit dem Gesicht im Kissen eingepennt war. Ich hatte mir vom Preisgeld ein neues Kissen zugelegt. So ein großes leichtes Kopfkissen, in dem ich stets das Gefühl hatte, adieu zu sagen, wenn ich darin versank und meinen neuesten Träumen nachging.

Die OBI-Filiale in Ohligs war ein Flachdachbau und groß wie ein Fußballfeld, sie lag an einer vielbefahrenen Hauptstraße. Vom Parkplatz aus hatte man einen weitmaschigen Blick in den Laden. Ich rauchte eine letzte Kippe und schaute mir währenddessen das kommende Schlamassel durchs Panoramafenster an, bevor ich mich aufraffte und die Hölle betrat.

Es war ein bißchen wie im Stadion, eine halbe Stunde vorm Anpfiff: Scheinwerferlicht, Gedudel aus unsichtbaren Lautsprechern, Bratwurstatmosphäre. Zum Warmmachen schoben Spieler halbleere Einkaufswagen übers Feld, Ersatzspieler zogen einen Flunsch und lungerten im Kassenbereich herum.

Niemand hob den Blick, als ich in den Personalraum schaute und hallo sagte. Eine Handvoll Mitarbeiter gaffte erschöpft in die Pappbecher, die vor ihnen auf dem Tisch standen. Nur eine junge Blondine, die einzige, die keinen der orangefarbenen Kittel trug, drehte sich zu mir um.

“Hallo..”, lächelte sie freundlich.

Hinter ihr, im Stahlregal, stapelten sich die Verkäuferkittel, gebügelt und nach meinem armen Leib trachtend.

“Ich such Hern Hafner, den Filialleiter.”

“Im Büro”, meinte die Blondine.

“Ja schon. Aber wo ist das Büro?”

“Na ja. Hinter dir. Brauchst dich nur umzudrehen.”

Tatsächlich. Das Büro der Filialleitung ähnelte einem rundum verglasten Boxring, zu dem eine kleine Treppe hinaufführte. Der Kasten war eigentlich nicht zu übersehen, doch immer wieder geschah es, dass ich Dinge übersah, selbst wenn sie groß waren wie ein Boxring und in Flammen standen. Ich klopfte gegen den Türrahmen, wünschte guten Morgen und stellte mich vor.

“Ach, dann sind Sie das Vorstellungsgespräch.”

Herr Hafner, Mitte Dreißig, sportlicher Typ , schien soweit in Ordnung. Wenn er mit einem sprach, sprühten seine Augen, er gab sich jovial und verschmitzt, als könne man mit ihm Pferde stehlen. Andererseits hatte ich die Erfahrung gemacht, dass gerade diejenigen, die zunächst auf betont locker und jovial machten, sehr schnell sehr unlocker und unjovial werden konnten, geradezu bockig, wenn ihre Interessen berührt wurden, und dann war mit Pferdestehlen schnell Essig. Dann war kleiner Ponystall angesagt. Bürsten, striegeln, Fresse halten.

Rasch war geklärt, dass ich aus der ABM-Nummer nicht mehr raus kam. Obwohl ich mein Bestes gab, es war nichts zu machen. Der Filialleiter wollte mich unbedingt in seinem Team sehen. Ich fragte mich, warum, ich konnte es mir nicht erklären.

“Ich mein, handwerklich bin ich eine totale Null”, spielte ich meinen allerletzten Trumpf aus und achtete sorgsam darauf, dass die Hände kraftlos und schlaff über die Stuhllehne baumelten, wie traurige alte Stofftaschentücher.

“Das macht nichts, das lernen Sie schon noch.”

“Schön.. Aber was soll ich dem Kunden sagen? Ich mein, der denkt doch, da steht ein Mann im Kittel, ein Verkäufer, der weiß Bescheid, der hat Ahnung, und dann weiss ich nicht die Bohne Bescheid..”

“Ach was. Die ersten ein, zwei Wochen tragen Sie keine Arbeitskleidung, damit Sie niemand als Mitarbeiter identifizieren kann. Bis Sie besser Bescheid wissen, wo welche Ware steht. Und falls trotzdem jemand eine Frage hat, na dann verweisen Sie ihn freundlich an den nächsten Mitarbeiter. Alles kein Thema.”

“Kein Thema.. Hm. Und wenn kein nächster Mitarbeiter in der Nähe ist?”

“Na dann.. verweisen Sie den Kunden an den übernächsten.”

Ich riss mich zusammen. Gab alles. Ließ meine Hände über die Stuhllehne hängen wie abgenudelte Fensterleder und gab mich so antriebsarm, dass ich mir selbst schon wie der größten Hängenlasser in der Geschichte des Hängenlassens vorkam: eine wirklich schlimme schlaffe Geschichte.

“Und wenn überhaupt niemand in der Nähe ist?”

“Jetzt fangen Sie doch erst einmal an! Herrschaftszeiten!!”

Ein Mann sollte wissen, wann er verloren hat, weil sofort das nächste Match im Raum steht, das es zu erobern gilt. Und da ich den Job schon nicht verhindern konnte, ohne eine Sperre der Arbeitslosenkohle zu riskieren, hiess es nun für mich, so viel wie möglich rauszuholen. Besser gesagt, so wenig wie möglich. So wenig Wochenstunden wie möglich. Wenigstens das musste drin sein. Teilzeit, dachte ich.

“Ich brauche Zeit zum Schreiben”, sagte ich.

“Was denn, was denn..? Sie müssen schreiben lernen!?”

Verdammt! Darauf hätte ICH kommen müssen! Nein, ich klärte ihn auf. Dass er einen preisgekrönten Autor von Short Stories vor sich sitzen hatte. Einen angehenden Bestesellerautor. Den King of Satzbau. Saufziegen-Ferdi. Bukowski.

“Short Stories? Was schreiben Sie denn? Ist ja interessant.”

“Na ja.. Short Stories.”

Wir einigten uns auf den 1. Februar als Antrittstermin. Was für mich drei Wochen Galgenfrist bedeutete, immerhin. Und: eine Vier-Tage-Woche statt Fünf-Tage, fürs gleiche Gehalt, wobei das Gehalt so klein war, es war kaum als Gehalt zu bezeichnen. Aber immerhin.

Da war nur noch eines.

“Sagen Sie, Herr Hafner, Eisenwarenabteilung, muss das sein? Können Sie mich nicht woanders einsetzen?”

“Hm.. Wo denn? Welche Abteilung?” Er sah mich gespannt an. “Was können Sie denn? Wo liegen Ihre Fähigkeiten?”

Wir blieben bei Eisenwaren.

*

Fortsetz.:  Zeit zum Schreiben (2)

„FEEL ME!“ – Die beste Serie, die ich jemals sah: THE WIRE

Wir schauen gerade die vierte Staffel der Serie „The Wire„, die von Kritikerinnen für die beste Fernsehserie aller Zeiten gehalten wird. Da ich nicht alle und nicht mal viele Serien kenne, kann ich das nicht beurteilen. Es ist jedenfalls und mit Abstand die beste, die ich jemals gesehen habe.
„There you go. Giving a fuck when it ain’t your turn to give a fuck.“

„The Wire“ (2004 – 2008) erzählt vom Niedergang der Stadt Baltimore (Maryland). Es geht in jeder Staffel um einen anderen Schwerpunkt: die heruntergekommenen Slums, in denen die Drogendealer ihre Ware verticken, die Arbeit der Polizei, die Intrigen der politische Elite, der Kampf der Gewerkschaft im Hafen, das Schulwesen in den sozialen Brennpunkten, welche Geschichten in die Medien gelangen und welche nicht. „The Wire“ kennt kein Zentrum und keine „Hauptfigur“; es beleuchtet die Handlungen, das Denken und die Gefühlswelt der verschiedenen Gruppen und Einzelpersonen aus allen möglichen Blickwinkeln. Es wird gezeigt, wie die Arbeit der Polizei sich bloß noch an manipulierbaren statistischen Erfolgen orientiert und der Versuch, durch beharrliche und geduldige Arbeit die Strukturen aufzudecken und zu verändern, ausgebremst wird. Beste Absichten können ins Gegenteil umschlagen. Intelligenz, Phantasie und  Gerechtigkeitssinn können an die Spitze des Rathauses führen oder eine Karriere als Gangster ebnen, Willenskraft und Wut auf die falschen Verhältnisse können zum Mörder machen oder zum Sozialarbeiter, Rassenkonflikte werden von korrupten Schwarzen ausgenutzt, um sich zu bereichern; weiße Rassisten missbrauchen ihre Position für sadistische Spiele mit schwarzen Jungs. Frauenverachtung und „rape culture“ sind überall präsent, aber Beziehungsprobleme hat nicht nur Säufer Jimmy McNulty mit seiner entnervten Frau, sondern auch die coole Kima Greggs, deren Geliebte unbedingt ein Kind will. In „The Wire“ ist keine einzige Figur reines Klischee, hat jede Tiefe und Individualität.
„World be getting warmer, people be getting colder.“

Das Beste an „The Wire“ ist, dass es den Zuschauerinnen Intelligenz unterstellt. Es wird nicht alles „auserzählt“. Was zu sehen und was zu hören ist, ist nicht redundant. Musik zum Beispiel wird sehr sparsam eingesetzt und keineswegs zur „Untermalung“ des Geschehens. Es gibt auch keine künstliche Verdunklung der Szenerie durch extra düstere Beleuchtung, keine Ästhetisierung der Bilder durch perfekte Kompositionen. Ein Blick auf „The Wire“ genügt, um sowohl den Abstand zur Bildersprache der Werbung als auch zum Dokumentarfilm deutlich zu machen: Hier wird weder distanziert und cool ein „Hard core“-Klischee-Medley gespielt, noch pseudo-echt mit Wackelkamera herumgefilmt. Klare Farben, hohe Auflösung, Aufmerksamkeit auf alle Details, aber ohne prätensiösen Zeigegestus. Hier wird niemand vorgeführt oder belehrt. Die Zuschauerin soll zuschauen, hinhören, aufpassen. Wer nicht aufpasst, kapiert nichts.
„My name’s Proposition Joe. You fuck with me, I’ll kill your whole family.“

Und mit der Zeit kristallisieren sich die Figuren und die Beziehungen heraus. Manche schließt eine ins Herz: „I´ve got a crush on Omar Little„(Der ist aber stockschwul). Dann verliert die Zuschauerin sie für eine Weile wieder aus den Augen. Später trifft sie sie an irgendeiner Ecke wieder. Corner boys. Da ist zum Beispiel Bodie, den sie schon aus der ersten Staffel kennt. Da war er noch ein großmäuliger Jugendlicher. Bodie ist erwachsen geworden, hat einen Freund ermordet. Bodie will sich daran nicht erinnern. Besonders nicht, als er erfährt, dass sein neuer Boss Marlo Stanfield seinen Kollegen, den fetten Kevin, hat erschießen lassen. Er fährt sich mit der Hand durchs Gesicht, eine knappe Geste. Es kann jeden erwischen. Bodie hat keine hohe Lebenserwartung an seiner Ecke. Er weiß es. Dass er einmal für Marlo an einer Ecke stehen würde, hätte er sich auch nicht träumen lassen. Bodie war ein Barksdale-Mann. Aber Barksdale und sein Strippenzieher Stringer Bell sind längst schon Geschichte. Auch im Hafen war die Zuschauerin schon eine Weile nicht mehr, wo der verbissen kämpfende und überforderte Gewerkschaftsfunktionär Frank Sobotka ermordet wurde. Das war in Staffel zwei. In manchen Gegenden von Baltimore ist es nicht leicht, alt zu werden. Es ist vor allem der Zufall, der die Chancen verteilt. Und das Geld. Lester Freamon, der geduldig die Mobiles abhört,  will dem Geld folgen. Staatsanwältin Rhonda Pearlman stellt die Vorladungen aus. Da wird man in den oberen Etagen nervös. Commander Bunny Colvin versucht es von unten: Er gründet „Hamsterdam“, eine Zone, wo Drogenkonsum und – verkauf nicht verfolgt werden, um den Rest der heruntergekommenen Nachbarschaften sicherer zu machen. Das Experiment zeigt erste Erfolge, bevor die Presse davon Wind bekommt. Colvin muss den Polizeidienst quittieren und taucht in der nächsten Staffel als Berater eines Bildungsprojektes für gefährdete Jugendliche an einer Middle School in West Baltimore wieder auf. Hier trifft er den polnischstämmigen Roland Pryzbylewski (Presbo) wieder, der als Polizist gescheitert ist, dem es aber als Mathematiklehrer nach einem desaströsen Beginn gelingt, das Vertrauen seiner Schülerinnen zu erwerben und sie für Wahrscheinlichkeitsrechnung zu begeistern. Auch sein Engagement wird von der Schulbehörde, die „Teaching to the test“ für die Statistik verlangt, behindert.
„This is America, man.“
Es ist unmöglich, die vielen Stränge der Erzählung hier nachzuerzählen. Die fünfte Staffel habe ich gestern bestellt. Was für ein großartiges Werk. Autor ist David Simon, der zwölf Jahre für die Baltimore Sun als Gerichtsreporter arbeitete. Das merkt man den Geschichten und Figuren an, von denen er erzählt. Sie stehen nicht für etwas, sie sind keine „Typen“ und keine reinen Projektionen eines weißen männlichen Bewusstseins, das sich eine Welt zusammenerzählt und kritisiert, wie sie ihm gefällt oder ihn romantisch schaudernd fasziniert. Diese Figuren sind aus genauen Beobachtungen entstanden und aus der Bereitschaft, sich überraschen zu lassen, davon, dass zwar alle Klischees wahr sind, aber Klischees niemals alles sind. Produzent und Co-Autor der Serie ist Ed Burns. Burns hat seine langjährigen Erfahrungen als Polizist und Lehrer in die Serie einbringen können. Mit „The Wire“ zeigen sie die Dysfunktionalität der bestehenden politischen, sozialen und gesellschaftlichen Systeme in den USA. Sie zeigen aber auch, mit wieviel beharrlichem Eigensinn Individuen sich gegen diese Systeme stemmen.

LITERATUR ALS RADIOKUNST | Elisabeth Wandeler-Deck im ORF- Studio | Produktionsnotizen

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SPRACHE KONKRET

Sprache ist kein Ding , man kann sie nicht anfassen. Sprache lässt sich nicht in Portionen teilen . Sie ist schliesslich kein Konto , von dem wir abheben oder Zinsen kassieren können . Sprache ist ein abstraktes System , das die Regeln der Wort- und Satzbildung , der Flektion oder der Subjekt-Position organisiert und in Bahnungen leitet . Sichtbar , hörbar , erfahrbar wird Sprache erst in der konkreten Äusserung : bei Rede und Gegenrede , Sagen und Sprechen , Schreiben und Lesen .

Die französischen Strukturalisten haben dies schlüssig gefasst , indem sie das abstrakte System als “langue” bezeichneten und die verbale Konkretion als “parole” . Sprache ist indes nie ein neutrales Material , da ihre Komponenten – Wörter , Sätze und andere Fügungen – mit Bedeutungen aufgeladen sind . Bedeutungen mithin , welche immer auch Deutungen der Phänomene enthalten . Grosse Konfigurationen solcher Deutungen nennt man dann “Diskurse” .

Für die Schweizer Autorin und Musikerin Elisabeth Wandeler-Deck ist Sprache Material, das sie in jedem ihrer Werke nach poetischen und konzeptuellen Prämissen formt und konfiguriert . Dabei werden Bedeutungen kanalisiert , welche – oft in abrupter Montage – nicht den gängigen Modellen von Welterzählung , Welterklärung , Weltverklärung folgen . Genres wie Prosa , Essay und Lyrik sind für Wandeler-Deck Matritzen, welche Weisen der Weltwahrnehmung konfigurieren . Die Autorin bedient sich dieser “Formate” , um in verschiedenen Perspektiven das anzuvisieren , was sie eigentlich interessiert : Form und Formung von Sprache .

Als seit Jahrzehnten erfahrene Musikerin, Autorin und Sprechkünstlerin ist Wandeler-Deck eine reflektierte Performerin zwischem strengen Konzeptwerk und szenisch-musikalischer Improvisation. Viel von diesem Erfahrungswissen zur konkreten Fügung und deren Artikulation ist in ihr Werk für die Reihe “Literatur als Radiokunst” eingeflossen: einem 2012 publizierten Gedicht folgend lautet der Titel “Beharrlicher Anfang – doch doch sie singt”.

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BEHARRLICHE ANLAGE

In ihrem flächig angelegten Sprechstück sieht Elisabeth Wandeler-Deck zehn Spuren und Stimmen vor, welche in einem teils vorher geplanten, teils in der Situation improvsierten , teils zufälligen Schlüssel mit- manchmal auch gegeneinander klingen. Die Einzelstimmen bzw. “Textstränge” dieses polyphonen Ensembles sind aus unterschiedlichen Materialien gefügt : Sätze und Verse aus eigenen Werken , Kontextsätze , Satzcluster zu speziellen Verben , musikalisch getaktete Wortgruppen , welche in Loops als Wiederholungen wiederkehren .

Um diese Quelltexte als Textstränge , welche poyphon verflochten werden sollen , zur Verfügung zu haben , müssen diese natürlich zunächst einzeln eingesprochen und aufgenommen werden , wobei die Sprecherin ihre Stimme in verschiedensten “Spielweisen” ausprobiert . Zusammen mit Tonmeister Martin Leitner werden Varianten von Lautstärken und Tempi , Tonhöhen und Stimm- Intensitäten ausprobiert , als Spuren angelegt und mittels der Studiotechnik hier verdichtet , dort in distinkten Klangräumen situiert .

So wird etwa das Verb “ich bediene mich” konjugiert und im Flüsterton gesprochen , womit diese für die Poetologie des Stückes eminent bedeutende Formulierung eine suggestive Dichte erhält : als poetologisches Wasserzeichen prägt sich dieser Begriff dem ganzen Stück ein . Unüberhörbar erinnert dieses “ich bediene mich” in flektierter Wiederkehr daran , dass wir beim Sprechen und Schreiben bewusst oder unbewusst Sätze und Worte , Texte und Kontexte zitieren . Und genau die dadurch bedingten Interferenzen sind es ja , auf die Elisabeth Wandeler-Decks Stimm- Komposition abzielt .

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KLANG- RAUM | HÖR- ZEIT

Mittels verschiedener Valenzen von Hall , Lautstärken und Situierung der Stimme im 5. 1. Surround- Spektrum , werden extensive Räume modelliert . Diesen Räumen , in welchen sich die Stimme quasi “nach aussen” in ihrem Klang entfaltet stehen gleichsam “innere” Klanglichkeiten gegenüber . Indem Elisabeth Wandeler- Deck nicht nur Sätze und Worte als Material für das Sprechstück heranzieht , sondern mittels klangvoller Silben und Vokale das reine Lautmaterial gleichsam herauszoomt , bindet sie diese Stimmklänge unterhalb der Wortgrenze an den sprechenden Körper zurück . Wir hören menschliches Lauten quasi in Nahaufnahme , womit die intensiven Räume der Körperklänge ( Barthes’ “Körnung der Stimme” ) den extensiven Räumen der Stimmentfaltung gegenüberstehen .

Der Erfahrung von Räumlichkeit ist das Bewusstsein für Zeit eingeschrieben : Wir erkunden Räume u. a. mittels der Zeit , welche nötig ist , diese Räume zu durchqueren . Dieses Prinzip der “Echtzeit” gilt ganz besonders für die Rezeption eines Klangwerks : während wir Lektüren durch Überfliegen und Querlesen gleichsam “beschleunigen” können , fordert uns das Hörwerk dazu auf , die Entfaltung von Klängen in ihrer zeitlichen Sukzession mitzuvollziehen . Darin sind die lautlichen Gleichzeitigkeiten der miteinander “verschlauften” Einzelstimmen eingeschlossen . Die ästhetische Konfiguration ereignet sich damit zugleich in horizontal zeitlicher Folge sowie in gleichzeitig vertikaler polyphoner Verdichtung :

In dieser und in allen meinen Arbeiten kreuzen sich architektonisches Denken mit Haltungen des “instant composing” der frei improvisierten Musik, konzeptuelles Vorgehensweisen mit Momenten des Wilden. Dies gilt sowohl für die Textarbeit wie für die Klangentwicklung.

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Vorletzte Gedanken Bruno Steigers wundersamer Prosaband «Der Trick mit dem Sprung aus dem Stuhl»

Roman Bucheli bespricht Bruno Steigers Buch auf der Zürcher Kulturseite der NZZ:

Man müsste vielleicht das Temperament eines Taschendiebs haben, um dieser Prosa immer und an jeder Stelle angemessen folgen zu können: unentwegt auf alles Unerwartete vorbereitet sein, stets mit den Augen in alle Richtungen schauen, einen Riecher haben für den übernächsten Schritt. Und man käme doch immer zu spät. Denn der Erzähler in Bruno Steigers neuem Prosaband, «Der Trick mit dem Sprung aus dem Stuhl», ist wie der sprichwörtliche Igel. Er ist immer schon da, wohin man gerade erst unterwegs war. Man kommt immer einen Schritt zu spät. Kaum hat man einer Erzählung folgen zu können geglaubt, erweist sie sich bereits wieder als hinfällig, und kopfüber stürzt man ins nächste erzählerische Abenteuer.

Simulationen

«Wer nie mit einem Taschendieb befreundet war, hat keine Ahnung, was wahre Freundschaft bedeutet.» Man könnte, was Bruno Steiger im abschliessenden Kapitel unter der Überschrift «Letzte Notizen» gleichsam als voreiliges Vermächtnis mit grandiosem Witz aufzeichnet, auch als Anweisung an die Leser verstehen. Bruno Steiger lesen ist so etwas wie die Vorschule für die Freundschaft mit einem Taschendieb.

Eine andere Vorschule, die dieser ebenso merkwürdige wie grandios komische Prosaband enthält, ist Robert Walsers «Gehülfen» nachempfunden und schildert die Ausbildung älterer Herren zu Privatdetektiven. Genauer: Der Text tut so, als würde er, wie eine ganz konventionelle Erzählung, die Geschichte dreier Herren wiedergeben, die aus unerfindlichen Gründen beschlossen haben, sich zu Privatdetektiven ausbilden zu lassen. Und so trifft der Leser denn auch hier wieder auf den Taschendieb. Denn die Geschichte ist keine Geschichte, lediglich die Simulation einer Geschichte. Wie in diesem wunderlichen Buch alles eine Simulation ist. Oder genauer: Das Erzählen wird im Erzählen immer gleich wieder durchleuchtet und jede Fiktion sogleich mit der Nadel der Theorie wie ein bunter Luftballon aufgestochen und als schlechte Erfindung entlarvt.

Doch der Band enthält auch Herzzerreissendes. So die Geschichte von Freund Edmund, der spätnachts auf den Üetliberg fährt und von da nicht mehr zurückkommt, aber an der Reception des ausgebuchten Hotels immerhin ein Notizbuch hinterlässt, das kleinste und dünnste, «das man jemals in Händen gehabt habe».

Geschrieben ist es ganz in Rot, «nicht verbesserbar: die Korrektur als solche». Und es enthält nicht weniger als den Bericht darüber, wie einer sich selbst die Aufgabe stellt, «im Rahmen eines sogenannten Tagesausflugs vom Erdboden zu verschwinden». Die Verwandlung der Existenz in reine Literatur: Was für ein trauriger Triumph, was für ein schöner Taschenspielertrick.

Doppelter Boden der Poesie

Nein, man versteht nicht alles in diesem Band. Aber vermutlich spielt das keine Rolle. Manches ist Nonsense, verkleidet als verständige Prosa, und was wie Nonsense erscheint, erweist sich als melancholische Luzidität: «Nur wer Sprache sein lässt, hat Sprache.» Aber schon im Augenblick, da der Satz ausgesprochen wird, erweist sich seine brutale Folgerichtigkeit. Für den leidenschaftlichen Autor gibt es kein Leben ausser der Sprache, in der Sprache freilich auch nicht. Sie ist der doppelte Boden, der sich selbst zum Verschwinden bringt. So trägt denn alles, ob gesagt oder ungesagt, das Signum der Vergeblichkeit.

Erstaunt es, dass dieser Autor jüngst auch ein Kinderbuch geschrieben hat? Und dass er auch darin mit der Sprache den Boden unter den Füssen ein wenig ins Wanken bringt? Mag sein, dass die Kinder für die leichten Sinnverschiebungen in den Worten noch ein ganz anderes Sensorium haben. Das Spielerische ist ihnen noch nicht gänzlich wegerzogen worden. Der Erwachsene, ob er nun das Kinderbuch «Die Palmeninsel» liest oder sich vom «Trick mit dem Sprung aus dem Stuhl» überraschen lässt, tut gut daran, nicht allein den Ernst und nicht allein das Spiel, sondern im einen das andere zu erkennen, um den Zauber dieser seltsamen Prosa ergründen zu können. Selten ist einem der Alltag in Geschichten so vertraut und so fremd zugleich erschienen, so bizarr und banal in einem, so unentwegt tröstlich wie verstörend.

Glück und Rausch

Bruno Steiger ist ein Sprachmagier, poetischer Taschendieb und Wortzauberer in einem. Tausendundeine Geschichte erzählt er in seinem Buch, als wäre er eine Scheherezade des Alltags, unter deren Hand alle Banalität nobilitiert und jeder Schrecken entschärft wird. Das Glück des Verstummens ebenso wie der Rausch des pausenlosen Plauderns kennen Steigers Erzählfiguren: Sie gehen allesamt in die Schule des Scheiterns und freuen sich über jeden missratenen Satz mindestens so sehr wie über sogenannt gelungene Sätze.

Eine «nichtspekulative Poetik des Seufzers» stehe noch aus, heisst es einmal: Sollte es sie geben, dieses Buch käme ihr am nächsten. Vielleicht kann man auch darum in diesen wunderlichen Geschichten, die man so leicht niemandem verständig nacherzählen könnte (noch wollte), die zauberhaftesten Sätze lesen, deren schönster zweifellos dieser ist: «Ein Lieblingsbuch ohne Leser ist immer noch ein Buch, aber ein Leser ohne Lieblingsbuch ist nur noch ein Mensch!» Darüber könnte man allerdings stundenlang nachdenken – oder sich kurzerhand dieses Buch zum Lieblingsbuch auserwählen.

Bruno Steiger: Der Trick mit dem Sprung aus dem Stuhl. Roughbook 021, Zürich und Solothurn 2012. 198 S., Fr. 16.– (plus Fr. 1.50 Versandkosten bei Bestellung über www.roughbooks.ch).

Nora Bossong las in Karlsruhe

(aus: Badische Neueste Nachrichten, 5. September 2012):
Spröde, sehr spröde ist Nora Bossongs Roman „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“. Zumindest jene Passagen, die sie bei der 29. „Lesung Süd“ im Kulturraum Kohi las. Es klang, als seien sie einem Sachbuch über Wirtschaft oder einer Industriellen-Biografie entnommen. Das ist insofern naheliegend, als dass die aktuelle Peter-Huchel-Preisträgerin einen Roman geschrieben hat über den Aufstieg und Fall eines Familienunternehmens, das mit Frottee-Handtüchern weltumspannende Geschäfte macht. Im Zentrum der Lesung steht Kurt Tietjen, ein inzwischen alt gewordener Unternehmer, der in New York eine letzte Zuflucht nach einem getriebenen Leben sucht. Seine Tochter Luise, 27 Jahre alt, soll seine Firma erben, „Jahresumsatz 38 Millionen Euro, Umsatzentwicklung minus 2,7%“, sprich die Firma „Tietjen und Söhne“ ist auf dem absteigenden Ast. Zwischendurch berichtet Nora Bossong vom Firmengründer am Anfang des 20. Jahrhunderts. Auch das klingt wie eine nüchterne Reportage aus dem „Handelsblatt“. Entsprechend blass bleiben alle drei Figuren, was allerdings an Bossongs etwas unglücklicher Text-Auswahl gelegen haben mochte, mehr noch, an ihrer kühlen und distanzierten Vortragsweise. Aufschlussreich indessen war die Selbstauskunft der 30-jährigen Autorin, die in Essen, New York und in China gelebt hat und deshalb wie selbstverständlich auch über die drei Handlungsorte schreiben kann. Es sei ihr darum gegangen zu erzählen, wie sich das Verhältnis von Wirtschaft und Moral verändere und gleichzeitig von einer jungen Frau, die einerseits versucht, ihren eigenen Weg zu gehen und dabei Familie und Firma zusammen zu halten. Sogar zur europäischen Schuldenkrise hat die Lyrikerin und Erzählerin etwas zu sagen: Wir seien weltweit eine „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“. Immer solle der jeweils andere haften, nur nicht die Gruppe, der man gerade selbst angehöre. Die Griechen wollten, dass die Europäer haften, die Deutschen jedoch nicht für die Griechen. Ob das alles so einfach ist? maske
P.S. Besprechungen von Veranstaltungen dürfen bei den BNN nur noch maximal 2000 Zeichen umfassen…