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immer wieder

skizze

die findesemanas sind wie immer am wochenende auf der insel, was sie auf dem festland machen weiss niemand, aber samstag mit der ersten fähre treffen sie auf der insel ein um am sonntag abend wieder zu verschwinden. ist zwar nicht unsere aufgabe als inselschrieber, aber vielleicht müssten wir ihnen mal nachreisen und sie auf dem festland beschatten, um heraus zu finden was sie wärend der woche tun. selbstverständlich könnten wir sie ja einfach auch fragen, aber das trauen wir uns nicht. umgekehrt wissen sie von uns alles. den so oft es geht versuchen wir mit ihnen ins gespräch zu kommen um etwas heraus zu finden, aber irgendwie verstehen sie es, die gespräche so zu führen, dass wir ihnen irgendwelche alten geschichten aus unserem leben erzählen.

Höhle der Löwen

••• Morgen geht es in die »Höhle der Löwen«, den großen Konferenzsaal im Hause Beck, wo seit heute die Vertreter tagen. Schon einmal hatte ich das Vergnügen und war damals wie heute nervös. Und warum das, wenn es letztendlich doch ein Vergnügen war?

Es hängt so viel ab von den Vertretern, von ihrer eigenen Begeisterung für ein Buch, die sie schließlich zu den Buchhändlern transportieren müssen. Damals wusste ich nicht, wie so eine Buchvorstellung auf einer Vertreterkonferenz abläuft, und Premieren sind immer eine spezielle Angelegenheit. Ich habe mir das rote Wams Heinrichs mit den goldenen Löwen übergezogen und die Damen und Herren eingeschworen. Morgen werde ich mich als erstes bei ihnen bedanken können, denn dass sich »Die Leinwand« so gut verkauft hat, lag zu einem großen Teil an ihnen.

Aber nun, mit einem neuen Buch, stehen wieder alle Zeichen auf Anfang. Auf der Vertreterkonferenz werden alle Titel des Programms debattiert, Inhalt und Verpackung, Klappentexte und Vorschautexte, und der Autor, der seinen Titel vorstellen darf, wird mit Fragen überhäuft, die ans Eingemachte gehen. Ich fürchte, es wird viele Fragen geben, wenn man sich morgen in gleicher Runde wie vor zwei Jahren erneut trifft.

Mein »Geheimdienst« hat mir Mut gemacht. Einige Vertreter treffen sich jeweils schon auf der Frankfurter Messe mit den Verlagsleuten und halten mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. »Replay«, durfte ich hören, ist angekommen, aber es gibt auch Unsicherheiten, über die man wird reden müssen.

Ich halte es ja für ein Glück, dass dieser Roman ganz anders geworden ist als »Die Leinwand«. Ein Verkäufer aber – und das sind Vertreter wie Buchhändler – schätzt Anknüpfungspunkte mehr als das »ganz andere«. Da muss man erklären, wie es kommt, dass der von der Presse vor allem als Orthodoxer herausgestellte Autor der »Leinwand« nun mit einer technologischen Dystopie herauskommt, einem Buch, in dem es um Wahrnehmung und sehr auch um Körperlichkeit geht, einem Buch, das den Leser ins Silicon Valley der nicht zu fernen Zukunft führt, aber auch in einen Thai-Massage-Salon, auf hedonistische Swinger-Feste und in die arkadischen Gefilde sinnlicher Erinnerungen, die auf Knopfdruck reproduzierbar sind…

Mich hat gar nicht gekümmert, ob es Anknüpfungspunkte an »Die Leinwand« gibt. Dass gerade ich einen dystopischen Roman über eine totaltransparente Kommunikationsgesellschaft geschrieben habe, hat sicher damit zu tun, dass ich die letzten neun Jahre für Telekommunikationsunternehmen tätig war und weiß, wie nah wir schon heute Rosens Erzählungen sind. Die Journalisten werden nun vielleicht ein neues Schublädchen finden müssen, in das der orthodoxe Autor passt, der eben auch IT-Berater ist. Das kümmert mich aber wenig. Denn ich habe noch nie etwas von solchen Katalogisierungsversuchen gehalten. Ich kann da nur Truman Capote zitieren:

Ich begreife gar nicht, warum alle so verstört sind. Was dachten sie wohl, wen sie bei sich hätten — einen Hofnarren? Sie hatten einen Schriftsteller vor sich!

Tatsächlich aber, wenn ich mir »Replay« heute ansehe, sehe ich sehr deutliche Verbindungen zur »Leinwand«. Zwei Szenen aus der »Leinwand« muss man sich vergegenwärtigen. Die erste: Nathan Bollag debattiert mit Amnon Zichroni über dessen Lektüre von Bulgakows »Meister und Margarita« und warnt ihn vor den »Yevonnim« (den Griechen), in deren weltanschaulicher Tradition er eine Gefahr für seinen Ziehsohn Amnon sieht, gewissermaßen einen Gegenentwurf zur Weltsicht des jüdischen Milieus, in dem die beiden leben. Und die zweite Szene: Im Wechsler-Showdown der »Leinwand« hofft Wechsler, sich durch einen Sprung in die Mikweh von Moza erneut in ein neues Leben retten zu können, wie er es zuvor schon einmal getan hat. Das Becken aber, in das er springt, ist leer.

»Replay« beginnt wie der Zichroni-Strang der »Leinwand« mit der Erzählung einer Jugend, mit der Erzählung eben jenes Erlebnisses, das Ed Rosens jüdische Identität geprägt hat. Anders als Zichroni kommt Rosen aus einer säkular-jüdischen Familie in New York. Religion spielte keine Rolle, bis er 13 wurde und auf die Bar Mizwah vorbereitet werden sollte, das selbst unter diesen Vorzeichen unvermeidliche Fest der religiösen Mündigkeit. Statt ihn jedoch für den religiösen Weg zu gewinnen, führt die schwarze Pädagogik des Religionslehrers dazu, dass Rosen sich entschieden von Gott abwendet.

Eine Leserin hatte Schwierigkeiten mit dieser Exposition und bezeichnete sie etwas ratlos als den »jüdischen Vorspann«. Tatsächlich aber sehe ich in diesen ersten 15 Seiten des Romans die Exposition zu allem, was dann folgt: Der Lehrer konfrontiert den jungen Rosen mit einer Vision des Lebens nach dem Tod, das von grausamen Strafen geprägt ist für die Versäumnisse und Sünden unseres irdischen Lebens.

Auf dem Weg in die künftige Welt, dozierte er – und damit meinte er eine Welt jenseits der unseren – nach unserem Tod also müssten wir einen langen Weg durch eine Region zurücklegen, die Sheol genannt wird. Eine Prüfung sei diese Reise, auf der wir Rechenschaft ablegen müssten über unser irdisches Leben wie vor einem Gericht. Und im Sheol, fuhr er fort, würden uns keine Lügen helfen. Jedes Detail über unser Leben sei dort offenbar. Wir würden zwar unseren irdischen Körper abgelegt haben, dafür aber in einer Art Geistkörper wandeln, und an jenen Körperteilen, mit denen wir in der hiesigen Welt gesündigt hätten, würden wir dort untrügliche Zeichen tragen, die unsere Vergehen offenbarten: Verkrüppelungen oder Verkümmerungen. Eine winzige Hand beispielsweise, weil unsere Hände im Leben den Bedürftigen nicht hatten geben wollen. Oder riesige Ohren, weil wir zu Lebzeiten auf Klatsch und Tratsch und jede Art übler Nachrede begierig gelauscht hatten. Auch könnte es sein, dass wir uns im Sheol mit nur einem Auge wiederfänden, weil wir in dieser Welt ein Auge verschlossen hatten vor den göttlichen Wahrheiten oder weil wir – nicht weniger schlimm – unseren Blick an die Nichtigkeiten des schönen Scheins geheftet hatten. Was genau und in Gänze darunter zu verstehen sein mochte, überließ er meiner pubertären Phantasie. Die aber kam nicht zum Zuge, denn ich war, nachdem ich das alles gehört hatte, einfach nur wütend.

Mit diesen Ausführungen hatte er mich sofort und für immer für die Sache Gottes verloren. Er muss blind oder dumm gewesen sein oder – herzlos. Vielleicht war es auch eine Mischung aus all dem. Anders konnte ich es mir nicht erklären. Ein Blick in mein Gesicht hätte ihm genügt haben müssen, um zu wissen, dass er mich mit seiner Sheol-Vision verschonen musste oder doch zumindest mit den Details über die versehrten Geistkörper der zu prüfenden Seelen.

Ed Rosen nämlich ist auf einem Auge blind, und dass mit seinem rechten Auge etwas nicht stimmt, ist nicht zu übersehen.

Als nun aber mein Lehrer, der doch gehofft hatte, mich für Gott zu gewinnen, mir mit dieser Geschichte der versehrten Geistkörper kam, hatte er ausgespielt. Ging es nach mir, lebte ich, solange ich denken konnte, in diesem Zustand, den er als Vorhölle bezeichnete, in diesem Raum der permanenten Prüfung, in dem man die Schmach der Sünden eines ganzen Lebens offen zur Schau trug. Meine Schande stand mir ins Gesicht geschrieben. In dieser Welt. Was hätte ich noch auf seine Sheol-Warnungen geben sollen?

All die Wut, die sich in mir aufgestaut hatte, drängte zum Ausbruch, und da ich mir nicht erlauben konnte, sie ihm gegenüber zu zeigen, lenkte ich meinen Zorn auf das, was er Gott nannte. Ich verwarf diesen Gott ohne Zögern. Ich goss meine Wut über die Vorstellung von ihm aus. Und die Geschichten, die mein Lehrer mir erzählt hatte und noch erzählen würde, wanderten in die Abgründe meines Gedächtnisses, ins Sheol meiner Erinnerung, hinab, hinfort, aus dem Sinn, aus meinem Leben. Nichts, aber auch gar nichts wollte ich mit solchen Geschichten und ihren Urhebern zu tun haben.

Das also ist die Ausgangslage. Anders als die Protagonisten in der »Leinwand« entscheidet sich Rosen für den »griechischen Weg«. Naturwissenschaften, Informatik, »künstliche Intelligenz«, das bestimmt sein Leben. Dazu kommt ein gestörtes Körpergefühl, wie es bei »ungeliebten Kindern« nicht selten ist, und das er schließlich zu kompensieren versucht durch eine sich letztlich bis in den Kult steigernde Fixierung auf das Körperliche in all seinen Facetten. Nicht ohne Grund ist es gerade Pan, der Hirtengott der griechischen Mythologie, der sehr bald in Rosens Leben tritt und den er sich als Begleiter erwählt.

Die Komposition des Romans sorgt dafür, dass wir an keiner Stelle sicher wissen können, was Traum ist und was Realität, was tatsächlich geschehen ist und geschieht und was dem Bereich der manipulierten Wirklichkeit – dem Replay eben – zuzurechnen ist. Fest steht nur, dass Rosen, während er erzählt, im Bett liegt, das gesamte Buch über. Und fest steht am Ende auch, dass er sich in einem Zustand befindet, aus dem es für ihn keinen Ausweg geben wird. Der »grüne Schriftzug der Erlösung«, den er am Ende sieht, ist – und er weiß es – eine Lüge.

Die Dystopie, die der Roman erzählt, ist Rosens Sheol, seine ganz persönliche Hölle, ein Taumeln von Replay zu Replay, von einer manipulierten Erinnerung zur nächsten.

Es gibt noch eine dritte Verbindung mit der »Leinwand«. Wechsler erzählt dort von seinen Lektüren, auch von Orwells »1984«. »Replay« nun nimmt ein Motiv aus »1984« auf: Im »Ministerium für Liebe« werden bei Orwell die Renitenten umerzogen. Dem Engsoz-Regime genügt es nicht, sich Dissidenten per Exekution vom Hals zu schaffen. Stattdessen werden sie im »Raum 101« mit körperlicher und psychischer Folter dazu gebracht, sich »freiwillig« in die Umstände zu ergeben, gegen die sie opponierten. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass es sich bei dem Bett, in dem Rosen liegt, während er erzählt, um seinen persönlichen »Raum 101« handelt.

Anders als bei Orwell ergibt sich Rosen in »Replay« aber tatsächlich freiwillig. Denn die Diktatur, die er selbst mit errichtet hat, ist eine hedonistische Diktatur nicht nur der unbeschränkten Kommunikation, sondern auch der sinnlichen Genüsse. Sich der Corporation zu ergeben, ist so – angenehm…

Worüber sollte ich mich beschweren? Ich liege im Bett, von den Wänden meines phantastischen gläsernen Palastes umgeben, die mich vielleicht einsperren, aber auch einen atemberaubenden Ausblick bieten: auf der einen Seite der Ozean, auf der anderen ein paradiesischer Garten. Ich kann mich zurücklehnen, dösen und mich erzählen lassen oder mich selbst erzählen in immer neuen Varianten.

Rosen wähnt sich in Arkadien, während wir doch stark vermuten müssen, dass er im Sheol treibt.

Mich bekümmert nur, dass ich mich im Kreis bewege und ein und dieselbe Geschichte in immer wieder neuen, geringfügigen Abwandlungen durchleben muss, die allesamt damit enden, dass ich allein bin, von meinen Frauen verlassen. Wenn mir das System nicht ab und an einen Brosamen aus den Entertainmentkanälen überlässt, werde ich nichts Neues mehr erleben und auf ewig im Kreis meiner Erinnerungen treiben.

Eigentlich bin ich längst tot und vegetiere nur noch in einem Zwischenreich vor mich hin. So wird es von nun an bleiben.

»Ich liebte den Großen Bruder«, sagt O’Brien am Ende von »1984«. Und in »Replay« betont Rosen:

Ich liebe, was wir geschaffen haben. Ich liebe das UniCom, und wenn ich entscheiden müsste, was ich am meisten an diesem technischen Wunderwerk liebe, dann dies: Dass ich jeden Morgen im Paradies erwache.

Die perfekte Diktatur ist wohl jene, der es gelingt, allen das Gefühl zu geben, frei zu sein und jeden Morgen im Paradies zu erwachen. Aber wenn die Illusion auch perfekt sein sollte, bliebe es dennoch eine Diktatur.

Das Rheinland für Touristen

In marktgängigen Reiseführern und auch in (vornehmlich kulinarischen) Fernsehdokumentationen über Vietnam und andere ferne Länder fanden wir nicht selten den Hinweis, die Menschen dort ernährten sich sozusagen ganztags, unterbrochen nur von geringfügigen Arbeits- oder Schlafeinheiten zwischen den zahlreichen landesüblichen Mahlzeiten. Die Wendung vom sich dauerernährenden Exoten scheint bei Reiseführerautoren allgemein beliebt, ein rheinsein-Korrespondent teilte uns soeben mit, daß er genau die gleiche Aussage in einem Reiseführer über das Rheinland entdeckt habe. In Reiseführern steht, und das macht sie gewissermaßen spannend, gerne ohne genaue Trennmerkmale Nützliches mit grobem Unfug vermischt. Manchmal läßt sich beides auch nicht genau unterscheiden. So heißt es in einem englischsprachigen Guide über Köln etwa, sämtliche Sehenswürdigkeiten der Stadt lägen entlang der Stadtbahnlinie 13. Eine steile These, die aber bereits Befürworter findet und für ein erhöhtes Fahrgastaufkommen entlang der Gürtelstrecke sorgt. Auf der Fahrt zum LCD saß uns eine spanischsprechende Dreiergruppe junger Touristen im Zug gegenüber, deren einer in einem Reiseführer blätterte, welcher in schmalen Achtzeilenabsätzen übersetzt in etwa „Das Beste von Deutschland“ aufzulisten versprach. Gerade passierten wir das nächtlich beleuchtete Bayerkreuz über Leverkusen. Wir murmelten: Aspirin, Aspirin, deuteten zunächst zurückhaltend auf den Reiseführer, dann mit größerer Geste aus dem Fenster. Als sie das Bayerkreuz erblickten, begannen auch die Augen der drei Touristen zu leuchten. Aspirin, Aspirin, murmelten sie nun gleichfalls – und unser efemeres Beisammensein wurde geadelt durch den Anschein einer quasi-religiösen Zeremonie. Um dieses seltene Erlebnis abzurunden, traten wir einem der drei zum Abschied rein versehentlich gegens Schienbein und entschuldigten uns nett. Die Verblüffung seitens der Touristen war unbeschreiblich. Wir erwarten von Deutschland keinen Dank, seinen Ruf einmal mehr en passant, diesmal in der spanischsprachigen Welt, weiter aufgewertet zu haben – uns genügt wie stets die pure Gewißheit. Wir haben ja auch Glück. Denn die Reiseführer haben uns Deutsche in unserem Wesen bisher nur sehr mangelhaft erfaßt, was reichlich Spielraum für positive Überraschungen läßt.
Eine weitere Geschichte, welche manchen Reiseführerautor bestätigen dürfte, spielte sich jüngst im Rheinlandinnern in Grevenbroich ab, einer Gegend, die stark nach Rübenanbau aussieht und in der scheinbar unerreichbar weit draußen auf den Feldern stehende Braunkohlekraftwerke zur Wolkenproduktion eingesetzt werden. Die Geschichte rauschte durch den Blätterwald, aus dem wir sie übernehmen. Sie handelt von einer Einbrecherin, die ihre Einbruchshandlung jedoch für zwei ihrer zahlreichen Tagesmahlzeiten, nämlich den kleinen Hunger zwischendurch und das frühabendliche Barbeque, unterbrach. Der Rheinländer, hier: die Rheinländerin gehorcht, das ist allgemein bekannt, den Vorschriften seiner, hier: ihrer inneren Uhr. Die Einbrecherin futterte also auf die Schnelle dies und jenes aus und in der fremden Küche, als sie von den heimkehrenden jugendlichen Kindern des Hauses überrascht wurde. Welche sie jedoch völlig ignorierte, um, die Zeit fürs typische frühabendlich-rheinische Barbeque war soeben angebrochen, im Garten einige Würstchen auf den Grill zu legen. In dessen nächster Umgebung sie festgenommen wurde. Nach Auskunft der Polizei gab die Frau bei ihrer Vernehmung zu, in das Haus eingebrochen zu sein, weil sie Hunger gehabt habe. In der Küche habe sie zwei Croissants, ein Brötchen, Zwiebeln, Tomaten, Mortadella und Leberwurst gegessen. Außerdem hatte sie sich am Sekt bedient.
Touristen, die das Rheinland besuchen wollen, seien erstaunliche Erlebnisse versichert. Kommen Sie nach Köln und fahren Sie einen Tag lang die Linie 13 auf und ab! Berichten Sie uns von Ihren ungewöhnlichen und aufregenden Erlebnissen! rheinsein dankt vorab.

ÜBERTRAGUNGSHÄUTE. (Verlorene Fiktionen)

Verzweifelt wühlend: Ich öffne eine Datei in meinen Ordner-Wust. Titel: Die neuen Übertragungshäute. Sie enthält: Nichts. Zitternde Membrane. Ergebener Sex, vergebens? War das ein Thema? Ich weiß es nicht mehr. Ein anderer Ordner, ein Briefentwurf, niemals versendet, fiktive Absenderin, unbekannter Empfänger. Welche Geschichte verbirgt sich dahinter? Wer schrieb das?

Als wir uns leibhaftig trafen, wagte ich nicht Sie anzuschauen. Sie zogen mich nicht an, wahrhaftig nicht. Ich verstand es, mich zu hüten. Nie hätte ich zugelassen, dass Ihr Blick mich dort trifft. Das wussten Sie schon, oder? Andererseits: Ich sorgte immer für Zeugen, ganz unverfänglich. So wagten Sie sogar einmal, Ihre Hand auf meinen Schenkel zu legen. Doch glaube ich sicher, Sie taten das bloß aus Gewohnheit. Mich nahmen Sie gar nicht wahr. Ein weibliches Bein, das nur spannte, wenn ich die Augen schloss. Ich habe auf Ihre Hände nie gesehen. Dabei achte ich sehr auf Hände: Zarter Flaum auf dem Handrücken lässt mich zittern. Am Fenster standen wir, ein einziges Mal allein, erinnern Sie sich? Es gewitterte nicht. Da hätte ich beinahe…Doch ich bin still. So begehre ich. Sie kennen mich nicht und erkannten das nicht. Allenfalls… – war ich nicht nach Ihrem Geschmack. Ob mich das kränkt? Kaum, denn ich bleibe nicht unbefriedigt. An jenem Abend traf ich später draußen Herrn G. Er legte mich ohne Zögern aufs Gras. Doch hätte ich  gerade Sie gerne einmal schaudern sehen. Es steckt ein grausamer Zug in mir, den ich sorgsam verberge. Verzeihen Sie, dass ich Sie niemals belästigte. Ich muss lächeln, wenn ich das schreibe. Denn ich sehe Sie vor mir, wie Sie vor einer anderen knien und mit Ihrer Zunge deren Perle umkreisen. Darin liegt für mich ein sonderbares Glück: dass ich mir IhrVergehen so deutlich vor Augen führen kann. Fragen Sie nicht, was ich mir einbilde.Sie werden diesen Brief niemals erhalten. Jedoch einen anderen, das versteht sich. Wir bleiben einander gewogen.
Leben Sie wohl. ( Und bitte, bei Gelegenheit, senden Sie mir den Schal, den ich im Hotel vergasz und den Sie, wie man mir sagte, an sich nahmen.)
(Nicht) Die Ihre
S.

PS: Sie nannten mich eine Schlange, mein Lieber, ich gebe das Kompliment zurück!

Eine Erzählung, die ich verdrängt habe. Man soll nicht glauben, dass nur die Realität verleugnet werden müsse. Es sind die Fiktionen, denen sich kaum eine zu stellen traut. Mein Heldinnenmut ist (leider?) begrenzt. Die Fabelwesen wirkten daran, an dieser Geschichte, wie an anderen.  (Wildermuths Elbin auch, deren Versteinerung von Alters her beschlossen ist.) Das kann nicht weiter gehen, so. Ein Ende. Ist nicht in Sicht. Aber geboten.

Ich errichte mit Fleiß eine Wolken-Wand. In der Cloud sammeln sich die mythischen Wilden, denen mein Hirn (im Höschen) und mein Blog nicht gewachsen sind. Eine Form. Findet sich dafür nicht:
Wildermuths Elbin – die vorläufige Gestalt der grausamen Liebesgeschichte des schönen Mannes mit dem unmenschlichen Weib: Von Wundbrand zu Wundstarre. Als Word-Datei: Hier:

Heroinrauchen

In der Szene, in der ich mich bewegte, fixte kaum jemand. Eine Spritze war ein Apparat, der einen verletzte, der einem ein Loch in den Arm machte, wir hatten keine Lust mit einem Loch im Arm durch die Gegend zu rennen. Wir wollten unsere Ruhe haben. Die meisten Heroinkonsumenten wollen ihre Ruhe haben, wenn sie in die Jahre kommen. Vielleicht ein bißchen Euphorie, ein bißchen nett sein zu den Leuten, mit denen man abhängt,  aber die wilden Sachen, die man mit 20 auf Droge macht, finden schon zehn Jahre später nicht mehr statt.

Zu dieser Zeit, Ende der 80er, grassierte eine neue Mode, die mir sehr gelegen kam. Die Leute begannen Heroin plötzlich zu rauchen und sich damit die Lunge zu ruinieren. Da lag weniger am gepanschten Stoff, dessen Wirkstoffgehalt selten 15 % überstieg, es lag an der beschichteten Aluminiumfolie, auf der das Pulver erhitzt wurde.

Zwar flämmten die gewissenhaften unter den Heroinrauchern die Folie vor dem Rauchen ab, doch die meisten User hatten dazu weder Lust noch Muße. Sie waren einfach zu geil aufs Breitwerden, um zuvor solch eine Lahme Enten-Aktion einzuschieben, die eine halbe Minute in Anspruch nahm. Eine halbe Minute weniger breit war eine halbe Minute weniger breit.

Noch Fragen.

Es gab Blower, die sich gleich ein halbes Gramm aufs Blech packten, einen richtig kleinen Hügel bauten. Sobald das Pulver heiß wurde und sich verflüssigte und zur dunkelbraunen, nach bitteren Mandeln oder aufgekochten Wundpflastern riechenden dampfenden Pampe geworden war, liess man es über die Alufolie hin und her rollen, von links nach rechts, wie eine Schiffsschaukel auf der Kirmes, immer verfolgt vom Mundröhrchen, durch das der Heroinrauch angestrengt eingezogen wurde: Ein Ritual, das weltweit als „den Drachen jagen“ bekannt wurde.

Drachenjäger sind geduldige Leute. Je nach Menge, die man sich aufs Alu streut, kann eine Prozedur zwanzig Minuten dauern bis nur noch ein letzter öliger Klecks Heroin samt Streckmittel übrigbleibt, der in einer gewaltigen Orgie von Qualm aufgeht und sich in die Lunge frisst, ein wilder zügelloser Moment, ein ultimatives Zumachen. Allein das Schreiben darüber und die Erinnerung lässt mich nach hinten wegkippen und lang aufschlagen.

Dann gibt es noch die Punktraucher. Ringo war ein Punktraucher. Ringo hatte gerade 2 Jahre Haft hinter sich und jobbte in einem Elektronikfachmarkt. Ich traf ihn spätabends bei einem gemeinsamen Bekannten, von dem ich bis zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung hatte, dass er ein gemeinsamer Bekannter war.

Alles war schon bereit zum Aufbruch, als mir diese Bahn Alufolie in die Hand fiel, über und über mit rußig-schwarzen, kaum nagelkopfgroßen Punkten bedeckt. Sie lag direkt vor Ringo auf dem Tisch.

„Was hast du denn da fabriziert?“ fragte ich. Es sah nach einer ungeheuren Fleißarbeit aus. Vor lauter schwarzen Punkten war kaum noch das Alu darunter zu entdecken.

„Der Ringo ist Punktraucher“, meinte Kilian krächzend. Er lag schon auf der Matratze, die er sich aus dem Schlafzimmer rübergeschoben hatte, um nichts zu verpassen, jetzt wartete er nur noch darauf, dass wir endlich die Biege machten. Es ging ihm nicht gut. Er war schwer erkältet. Es war fast ein Witz: da war man bis zum Kragen voll mit Morphin, fing sich aber einen Schnupfen, der einen umhaute. Schon am Tag zuvor, als Kilian vor mir die Treppe hinaufgestiegen war, kam er mir wie ein alter Mann vor, wie er sich da bewegte, ein krummschnabeliger lahmer alter Papagei, der dem Käptn auf der Schulter hockte.

„Hat der Glumm mal wieder nichts mitgekriegt, wah?“ tönte Ringo und erklärte mir kurz das Wesen der Punktraucherei. Hierbei streute man nur wenig Pulver aufs Blech, gerade mal eine halbe Messerspitze. Es war eine reine Vorsichtsmaßnahme. Beim Blowen größerer Mengen passierte es immer wieder, dass man den aufsteigenden Heroindampf nicht zu 100 % erwischte, dass etwas daneben geriet, wenn man den Drachen jagte. Das war doppelt ärgerlich. Zunächst geriet es natürlich nicht in die Lungenbläschen, wo es hingehörte, zum anderen nicht ins Röhrchen, das selbst aus Aluminiumfolie angefertigt wurde, um das dort abgefangene, sich ablagernde Heroin nochmals rauchen zu können.

Die Punktraucherei war anstrengend. Anstatt die Schore auf dem Blech fröhlich hin und herlaufen zu lassen, musste man immer wieder nachlegen. Es war die reine Fließbandarbeit. Etwas für Stoiker. Ringo war tatsächlich der einzige konsequente Punktraucher, der mir je unter die Augen kam, und er gab es nach einer Weile ebenfalls auf. Genau wie ich stieg er bald vom Blowen aufs altbewährte Sniefen um.

Sniefen hatte den Nachteil, dass die Schleimhäute das Material erst verarbeiten und weiterreichen mussten, bis es endlich im Zentrum der Sucht andockte, und bis dahin vergingen gut 20 Minuten. Sniefen war eine langsame altmodische Geschichte. Der Vorteil: Die Wirkung hielt länger an. Wenn die Blower schon wieder an ihren Vorrat mussten, hingen wir Nasenzieher noch ganz entspannt im Fernsehsessel, mit dem Schädel auf die Lehne geknallt.

Ach Kinder, Sniefen war eine herrliche Angelegenheit. Schade, dass ich es kotzeleid bin.

*

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Die Leute wissen gar nicht, was das für eine scheiß Arbeit ist, Junkie zu sein. Das ständige Geldauftreiben, das ständige Auf-Achse-sein, das Warten und Leuten hinterhertelefonieren, denen du Geld mitgegeben hast, das ständige Abgezocktwerden und selber Leute abzocken, der ewige Schiss vor den Bullen und der Untersuchungshaft – und wofür? Nur, um nicht von jetzt auf gleich aus dem Himmel zu fallen und dir die Seele aus dem Bauch zu kotzen.

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Mehr in 1960

Kurztitel & Kontexte bis 2011-11-13

asmara tigri

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lima : 16.01 – Die Frau, die mir sofort eine Geschichte erzählen wird, scheint müde zu sein. Immer wieder fallen für Sekunden ihre Augen zu. Früher Morgen, Tigri hat die Nacht über gearbeitet. Wir sitzen in einem Schnellzug vom Flughafen in die Stadt. Gerade wollte sie noch wissen, warum ich auf dem Notebook einen Film betrachte, der von einstürzenden Türmen des World Trade Centers berichtet. Sie habe, bemerkt Tigri, sechs Stunden lang Briefe sortiert, das heißt, Luftpostbriefe für Inseln, die im pazifischen Ozean liegen, weil sie eine Spezialistin für Inseln ist, auch für Inseln atlantischer Gebiete, aber vor allem kenne sie sich aus mit Inseln, die Kiribati heißen oder Tonga oder Palau oder Vanuatu. Sie sagt, dass sie diese Namen lieben würde, dass sie Anfang der 70er Jahre in einem Dorf nahe der eritreischen Hauptstadt Asmara geboren worden sei und dass das Dorf im Jahr 1984 wieder aufgebaut werden musste, weil an einem Sonntagabend ein MIG-Flugzeug das Dorf zerstört habe und viele ihrer Freunde getötet. Zu diesem Zeitpunkt lebte Tigri bereits in Westdeutschland. Wenn sie den Namen ihres Dorfes ausspricht, bin ich nicht im Stande, das schöne Geräusch in meinem Kopf zu behalten, aber das Wort Asmara kann ich mir merken. Sobald ich das Wort Asmara formuliere, leuchten ihre Augen, also sage ich dreimal Asmara und freue mich über die Wirksamkeit dieses Wortes. Asmara soll eine Stadt hellen Lichtes sein, sage ich, es soll dort immerzu nach Kaffee duften, und Tigri lacht und ich denke, dass das jetzt entweder so ist oder dass das nicht so ist, dass sie jedenfalls das Helle mag und auch den Kaffeeduft. Man spreche Tigrigna dort in ihrer Gegend, sagt Tigri, und ich bemerke, dass ihr ganzer Name selbst in diesem Wort enthalten sei. Wieder lacht die junge Frau, schließt kurz die Augen, erzählt, dass ihr Bruder, ein Gynäkologe, aus den Diensten eines Krankenhauses entlassen wurde, weil man ihn nicht als das behandeln wollte, was er zu sein wünschte. Mein Bruder, wissen Sie, möchte ein König sein. Nun ist er arbeitslos und König. Er ist natürlich schwarz wie ich, genau so schwarz, und schwarz steht den Königen nur in Afrika. Sie macht eine kurze Pause, reibt sich die Augen. Wir sind jetzt allein auf dieser Welt, sagt Tigri, alles ging sehr schnell. Im vergangenen Jahr sei ihr Vater gestorben in Eritrea, ein glücklicher Mensch, ein Busfahrer, ein sehr stolzer Herr. Im Oktober des selben Jahres sei schließlich die Mutter mit dem Flugzeug via Rom nach Frankfurt gekommen. Sie habe, ohne das zu wissen, einen Tumor im Kopf mitgebracht, im Februar war sie dann umgefallen und tot im März. Tigri lehnt ihren Kopf an die Wand des Zuges, schaut aus dem Fenster. Ein heißer, schwüler Morgen. Ob sie den Film ansehen dürfe, will sie wissen.
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DIE FABRIK DER ENGEL

Fortsetzung zu: „Ich küsse mein Leben in dich“ (Die Martenehen)

Unter ihr wogte die See. Sie presste die blanken Brüste gegen den Holzboden des Schiffes, bis er nachgab. Der Lack splitterte und ritzte unter dem linken Brusthof fadenfein die Haut auf. Ein winziger Tropfen Blut fiel auf die weißgestrichene Latte. „Für dich gegeben“, flüsterte sie. Es war der ovale Tropfen das Ei, aus dem die Vergebung für Heilmann schlüpfen sollte, der sich nicht zu schade gewesen war, wie ein Durchschnittsmensch seine Herrlichkeit fortpflanzen zu wollen. In bebender Scham aber zerrst du mich vor das Gericht, deine Sünden zu heilen.
An Land rann Heilmann unterdessen der Schweiß in den Nacken, obgleich der Tag kühl war. Seine Heiterkeit war schon verflogen, als er das Taxi bestieg. „Der Teufel bittet zum Tanz“, dachte er. In seiner Brieftasche fingerte er nervös nach dem Bild seines Jungen. Er soll nicht ausgemergelt am Kai stehen, ein Schatten seiner selbst, das habe ich geschworen. „Wollen Sie wirklich hier raus?“, hatte der Taxifahrer gefragt, als Heilmann ihn bat, am Eingangstor der stillgelegten Fabrik zu halten. In wie vielen Filmen hatte er diese Szene gesehen? Unsere Geschichte strotzt vor Klischees. Heilmann reichte ihm stumm den Schein. Der Mann zuckte die Achseln. Nervös strich Heilmann seine Hosenbeine glatt als er vor dem hohen vergitterten Tor stand und wartete. Mit einem lauten Kreischen fuhr es vor ihm zur Seite. Er trat ein und hinter ihm schloss sich sofort wieder das Gitter. Doch er fürchtete nichts. Der Teufel brauchte ihn, sonst wäre er niemals bis hierher gelangt.
„Kein Schiff hat eine schönere Galionsfigur unterm dem Bugspriet als wir“, riefen die Matrosen. Sie lächelte unaufhörlich mit ihrem tiefroten Mund, zwischen den Lippen blitzten die Schneidezähne. Ihr Leib war jetzt das Schiff und sie nahm die ganze Mannschaft auf, gierig nach ihrem Gesang, ihren Gelagen und ihren rohen Handgriffen, willig sich ihren Befehlen zu fügen und die Meere auf ihr Geheiß zu durchpflügen. „Doch aufgepasst, meine Herren. Was unter meinem Busen wogt, kann euch alle verschlingen. Seemannsbraut ist das Meer und sie gibt ihn nie wieder her.“ Diesen Gesang verschluckte der Wind, ebenso wie ihr unablässig beschwörendes Gemurmel zum Rauschen der Wellen wurde: „Du sollst Dir und mir treu sein, da ein Geist sich mit uns eingeschifft, verlass die Flagge nicht, der Eid, den du geschworen, gilt.
Irgendwo klapperte ein Fensterladen, eine Papiertüte fegte über den Vorplatz hinter dem ehemaligen Pförtnerhäuschen, wo Heilmann stand. Der Wind vom Meer her schmeckte salzig auf seiner Zunge. Immer schlägt die wilde Welle an mein Herz, der innere Feind. Er suchte nach der Kamera, die ihn erfasst haben musste, damit das Tor geöffnet wurde, doch konnte er sie nicht ausfindig machen, obgleich es taghell war. Plötzlich, als er sich umwand, stand wie aus dem Nichts der Herr vor ihm, der ihn bestellt hatte. „Sie sind gekommen. Ich war mir nicht sicher.“ „Habe ich eine Wahl?“ „Es gehört Mut dazu.“ „Mein Sohn.“ Angewidert verzog sein Gastgeber das Gesicht. Seine Stimme war weich, fast weiblich, seine Hände sorgfältig manikürt. „Wie ein Sonntagsprediger: An nichts Kommendes können wir glauben, wenn wir Vergangenes nicht zu würdigen wissen.“ Seine Verachtung schien grenzenlos, doch er fing sich. Als er Heilmann seine Rechte reichte, hatte dieser das Gefühl, einen trockenen Schwamm zu ergreifen, so wenig waren die Knochen zu spüren.  „Ihre Niederträchtigkeiten sind mir viel lieber als ihre sentimentalen Anwandlungen.“ „Ohne diese jedoch wäre ich nicht hier.“, konnte Heilmann sich nicht verkneifen zu antworten. Sein Widersacher wirkte für einen Moment überrascht, doch dann nickte er. „Sie haben Recht. Selbstverständlich.“ Der Herr war korpulent und hatte sich zur Feier des Tages in eine purpurne Kutte gekleidet, die von einem güldenen Gürtel tailliert war (nicht dass man beim dem Herrn tatsächlich von einer Taille hätte sprechen können). Heilmann hatte ihn auch schon dezenter auftreten sehen. Damals in Rom, ausgerechnet, hatte er in einer schwarzen Jeans und einem grauen Kapuzenpullover mit der Aufschrift „Los Angeles“  neben Heilmann am Tresen gesessen. Er war nicht ohne Humor, der Herr der Finsternis, dachte Heilmann. „Die Engel warten.“, sprach der römische Dickwanst, als hätte er den Gedanken gehört. In diesem Augenblick wurde Heilmann klar, dass der Konjunktiv überflüssig war. Er versuchte, sich zu entspannen. Mit einer Handbewegung wies ihm der Teufel, der sich großzügig gab, den Weg zum Hintereingang einer Fabrikhalle. Heilmanns Hand zitterte, als er den Türknauf drehte. „Beruhigen Sie sich. Am Anfang sollen Sie nur zuschauen.“ „Am Anfang“, dachte Heilmann. Sie traten ein.

Zitate aus:
Bettina von Arnim: Die Günderode
Theodor Fontane: Der Stechlin
Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte
Mechthild von Magdeburg: Das fließende Licht der Gottheit
Peter Weiss: Ästhetik des Widerstands

Or-bit-or

Der internationale Romanistentag hat in den vergangenen Tagen in Berlin stattgefunden. Zu Beginn meines Urlaubssemesters habe ich mir dennoch einige Vorträge angehört, vor allem im Bereich der Rumänistik. Die Rumänisten sind eine überschaubare Sektion innerhalb der Romania. Ich kenne da einige Leute. Sieben, um genau zu sein. Also alle! Kontakte sind wichtig, Bekanntschaften und Freundschaften nicht minder.

Ich interessiere mich vor allem für die Orbitor-Trilogie von Mircea Cartarescu. Da ist derzeit nur der erste Teil übersetzt als „Die Wissenden“. Im Original heißen die drei Teile “Orbitor. Aripa stanga” (Blendend, Der linke Flügel); “Orbitor. Corpul” (Blendend, Der Körper); “Orbitor. Aripa dreapta” (Blendend, Der rechte Flügel). Cartarescu hat auf die Frage, ob er seinen Roman in wenigen Worten zusammenfassen könnte, die folgende Antwort gegeben: „Ich habe 14 Jahre und 1500 Seiten gebraucht, um herauszufinden, worum es in dem Roman geht. Jetzt kann ich es sagen, jedoch nicht in wenigen Worten, sondern in genauso vielen, wie ich im Buch verwendet habe.“, hier. Irgendwo in seinem Jurnal heißt es einmal, glaube ich, er wolle „mit perversem Verstand, ein unlesbares Buch schreiben“. Vielleicht hat das auch jemand über ihn gesagt. Es ist ein unlesbares Buch. Es ist eine erhebliche Herausforderung für jeden Literaturwissenschaftler. Man meint an vielen Stellen es zu begreifen. Aber man begreift es nicht.

Allein der Titel ist von einiger Komplexität. Alle drei Teile heißen „Orbitor“. Die korrekte Übersetzung ist „Blendend“. In der doppelten Bedeutung von Sehen, nämlich ein Sehen, das mehr ist als ein Sehen. Ein Über-Sehen. Ein so deutliches Sehen, dass es zu viel ist und der geblendete Mensch eben nichts mehr sieht. „Orbire“ bedeutet Erblinden. Dann steckt in dem Wort natürlich der Orbit, die Umlaufbahn, deren Rundung beim Sprechen sowohl im Eröffnungslaut – Or – als auch im identischen Verschlusslaut – or – mit den Lippen bildnerisch nachgezeichnet wird. Orbitor hat aber noch andere Anklänge und kann auch „Abstumpfung“ oder „Banalisierung“ bedeuten. Diesem Bild einer Umlaufbahn, der Wiederkehr der Planten und Ereignisse, allerdings auch der stumpfen Wiederholung, wird ein zweites Bild mitgegeben, das in allen drei Teilen des Romans wiederkehrende (!) Bild des Schmetterlings mit seinem Körper und seinen beiden Flügeln: hier klingen die Verwandlung der Raupe an, die Schönheit des Tieres, das Fliegen, die Ziellosigkeit, die geometrische Zeichnung der Flügel und intellektuelle Mitbedeutungen wie das Assoziationsvermögen beispielsweise im Rohschach-Test und die Unterteilung des Gehirns in zwei einander ergänzende Hälften. Der Schmetterling ist in der Trilogie, wenn man das sagen kann, das Bild für eine ästhetische Erlösung. All das ließe sich noch sehr viel ausführlicher entfalten.

Prof. Michelé Mattusch hat in ihrem Vortrag einen Gedanken paraphrasiert, der in dem Roman thematisiert wird: die Struktur eines Termitenhügels ist durch den Bau der Kiefer der Termiten vorgeben. Das finde ich ein sehr schönes Bild. Die Welt der Termiten sieht so aus wie sie aussieht, weil die Tiere sie so begreifen können. Diese Welt ist eine ihren Organen und ihrem Wahrnehmungsvermögen adäquate Welt. In einer anderen könnten sie gar nicht leben. Sie gehen nicht ins Kino, weil sie keins haben und sie haben keins, weil sie das Organ dafür nicht haben: das Gehirn, die Augen oder einfach die cineastische Leidenschaft.

Ich habe in den vergangenen Tagen zwei Zeitungsartikel gelesen, die mich in Erstaunen versetzt und meinen Widerspruch provoziert haben. Beide (eins, zwei) drehen sich um dasselbe Thema, darum, dass Physiker offenbar, oder möglicherweise, Teilchen entdeckt haben, die sich schneller als das Licht bewegen. Das würde Einsteins Relativitätstheorie und dessen zentrale Konstante, nichts ist schneller als das Licht, zusammenbrechen lassen. Vielleicht haben diese Physiker das nur deswegen entdeckt, weil die Drittmittel ja irgendwoher kommen müssen und da macht sich der Zusammenbruch des Universums oder seiner stabilisierenden Theorie ganz gut. Aber irgendwo und irgendwann geht ja immer gerade die Welt unter, zum Beispiel am 21. 12. 2012. Für irgendwas ist das immer gut, in diesem einen Fall für die Grundstückspreise in Bugarach.

Wie der Bau des Termitenhügels im Bau der Termitenkiefer bereits vorgegeben ist, so ist der Bau des Universums bereits durch den Bau des menschlichen Gehirns vorgegeben. Die Welt, die wir verstehen ist die Welt, die wir verstehen können. Keine andere. Das heißt aber nicht, dass es da nicht eine andere gibt. Ich empfinde es als lächerlich und anmaßend, zu glauben, das Universum sei wirklich so aufgebaut wie die physikalischen Beweise es zeigen. Das Universum ist vielmehr so, wie die Beweise es beweisen. Sie beweisen nichts anderes, als wie wir es uns vorstellen können. Das ist natürlich letztlich mit jedem Beweis so und auf diese Weise lässt sich kaum ein Axiom wie der Satz des Pythagoras relativieren. Wir müssen davon ausgehen, dass eins und eins immer zwei ist. Egal unter welchen Umständen (obwohl ich meine, mich erinnern zu können, dass es bei den irrationalen Zahlen anders ist. Aber für mich sind alle Zahlen irrational. Was das Leben nicht einfacher macht!).

Dennoch empfinde ich das Ganze als eine gigantische Bauernfängerei. Dolle Sache da draußen: Schwarze Löcher und Antimaterie. Lichtgeschwindigkeit, an deren Grenzen wir wieder jünger werden. Ursache und Wirkung geschehen in unterschiedlicher Reihenfolge, Reisen in die Vergangenheit und in die Zukunft. Ziemlich großes Spielzimmer, was sich die Physiker da ausgesucht haben. Das derzeit größte. Weltweit. Und darüber hinaus.

Man macht sich im CERN in Genf und anderen Orten irgendwo in Amerika, ich glaube am MIT, auf die Suche nach den Anfängen des Universums. Das ist die Grenze zur Fiktionalität. Das ist die Grenze zwischen Science Fiktion und Wirklichkeit. Das sind die Erzählungen vom Anfang der Welt. Man macht sich anhand von Zahlen ein Bild. Man sucht ja letztlich keine Zahlen. Man sucht Bilder. Man sucht Worte. Weil man sich anhand von Bildern und Worten eine Geschichte erzählen kann. Am Ende ist alles so wie wir es uns vorstellen können. Oder wir stellen uns es so vor wie es ist. Das macht keinen Unterschied mehr.

Brigitte Heymann, eigentlich Romanistin, hat in ihrem Vortrag, in Bezug auf den Blutkreislauf und viele andere Ereignisse, gesagt: „Wir können das nicht sehen. Wir können das nicht erfahren. Aber wir können es schreiben.“ Mircea Cartarescu sagte einmal in übertragenem Sinne in „Orbitor“: der Weltraum braucht kein menschliches Auge. Ganz meiner Meinung. Man schießt also mit Lichtgeschwindigkeit winzige Teilchen aufeinander und schaut sich dann die Schäden an. Jeder literarische Schuss in den Ofen ist interessanter. Und deutlich günstiger.

Bei Kommentaren muss man noch immer das captcha mit beiden Worten überwinden.

Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.

Tableau de Texte | Anja Utler : ausgeübt . Eine Kurskorrektur

||| DISCLAIMER | KLEINER DIALOG ZU POESIE, ÖKOPOETIK UND PROSA | EXKURS VOM AUERHAHN . SINN UND SCHAUDER . 16 WIEDERKÄUENDE ÜBERLEGUNGEN UND EINE FRAGE | AUSGEÜBT . EINE KURSKORREKTUR | ANJA UTLER @ in|ad|ae|qu|at | HINWEIS

| tableau de texte|

ANJA UTLER: AUSGEÜBT . EINE KURSKORREKTUR ( Edition Korrespondenzen 2011) SAMT EXKURS VOM AUERHAHN : SINN UND SCHAUDER : 16 WIEDERKÄUENDE ÜBERLEGUNGEN UND EINE FRAGE

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DISCLAIMER

Wie mittlerweile zu wissen ist , sind neue Bücher für in|ad|ae|qu|at keine schieren Objekte der “Rezension” . Anders als in Echtwelt- Zusammenhängen erlauben wir uns , Autoren und Texte hier und im Jenseits der Institutionen einen Ort einzuräumen , an welchem wohl ein sympathetisches Klima herrscht , nicht aber das übliche Vokabular der Wertung . Wir zitieren den Text ausführlich mit ausdrücklicher Genehmigung von Autor , Herausgeber(n) und | oder des Verlags .

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KLEINER DIALOG ZU POESIE, ÖKOPOETIK UND PROSA*

czz : Im Hinblick auf “ausgeübt” stehen wir quasi vor einer Wand des “Neuen” in Lexik, Struktur, Duktus , Diktum und Metatext; diese “Kurskorrektur” erscheint als ein anderes Paradigma, welches das Bisherige Deines Werks nicht ausspeit, sondern miteinschliesst; das “Neue” nicht als “hurra-jetzt-hab-ich’s-Innovation”, sondern als diachron gezeitigtes “Jüngstes”, das, wissend um die Nicht-mehr-Steigerbarkeit Deiner formalen und artikulatorischen Landnahme / Reduktion ( siehe der Glottislaut in “jana, vermacht“), welche in letzter Konsequenz wohl zum schriftlichen “blanc” führen würde (oder zu einer gänzlich anderen Notation) –

Anja Utler :  Das sagst Du sehr schön, man kommt zum ‘blanc’. Zum ‘blank’. Das war in der Tat die Situation, in der ich mich gesehen habe. Dieser Ansatz, eine Thematik in ‘Geschehen’ und ‘Konstellation’ umzuwandeln und diese dann in einer Art Gedanken- und Körperbahnung – die den Nachdruckpunkten und -wegen folgt – sich im Sprechen abzeichnen zu lassen, war nach “jana, vermacht” (für den Moment) nicht mehr weiter zu betreiben. In logischer Hinsicht, aber auch aufgrund persönlicher Erschöpfung.

czz : Mit Deinen 16 Thesen zur “Auerhahnliteratur ” stichst Du einem im Kontext Deines bisherigen Werkes gewonnenen Grund um und um, einen Grund, dessen Körnung sich durchaus in der poetischen “Kurskorrektur” auffinden lässt; und doch wird mehr als deutlich , dass Du nun in andere geologische Schichten gräbst, um ein Fundament zu formen. Darf ich die vielleicht banale Vermutung äussern , dass in “ausgeübt” auch Spuren der “ökologischen Ästhetik” von Julia Fiedorczuk** durchsintern?

AU : Zwischen der Auerhahnliteratur und “ausgeübt” klafft etwas, das sich nicht überbrücken lässt. Das ist der Tatsache geschuldet, dass die formulierte Poetik bei mir der, sozusagen, ausgeübten, immer hinterher hinkt. Da schimmert bereits etwas von “ausgeübt”, ja. Aber es sammelt sich im Auerhahn auch einiges, was mich schon länger umtreibt. Gerade die Frage des Raums für die Rezipierenden ist aber auch in “ausgeübt” zentral. Sagen wir, die Auerhahnliteratur ist keine 1:1 Poetik zu “ausgeübt”, sie ist ein Bröckchen aus ihrem Asteroidengürtel.

Die ‘ökologische Ästhetik’ wiegt letztlich schwerer. Tatsächlich war sie eigentlich immer (wenngleich nicht begleitend formuliert) mein dichterischer Ausgangspunkt. Ich habe die Gedichte in “münden – entzüngeln” stets als ‘ökologische’ betrachtet. Sie sind nie so gelesen worden, ich weiß. Trotzdem bin ich nach wie vor der Ansicht, “münden – entzüngeln” ist die (für mich) intellektuell redlichste Weise, wie sich diese Problematik in Gedicht umsetzen lässt – nämlich auch poetisch, in der Denkbewegung, und nicht allein im motivischen Bilderzauber. (Der reicht nicht.) Und auch die anderen Bände gehen von dieser ‘ökologischen’ gedanklichen Basisjustierung nicht ab. […]

Ich komme hier von der heraufdämmernden ökologischen Katastrophe und einer ihrer Konstellationen. Und ich frage mich, wie macht man das zu Text – ohne der sinnlosen Narration zu verfallen. Und der (für mich: un-ökologischen) Perspektive des distanzierten, vermeintlich unbeteiligten Betrachtens. Das ist nicht viel. Aber das ist es. Und die einfache Frage fächert sich im Moment der Umsetzung in unendliche Facetten auf.

czz : Siehst Du die Prosa nun als “Weiterführung” der Lyrik oder als ein alternatives Denkmodell?

AU : Ich weiß nicht, wie andere Leute ihre Prosa schreiben (auch nicht in den Fällen, wo ich gut verstehe warum sie es machen und warum so). Aber für mich war die einfache Überzeugung zentral: es gibt diese Figur. Und ich möchte sie kennen lernen. Um nicht in eine ebenso unter- wie überdeterminierte Narration zu geraten (also: nicht den ‘Feind’ im eigenen Text zu haben), folge ich ihr an einem Punkt, wo sie sich selbst neu vermisst. Erkundet. Auch: sich ausweicht natürlich. Spiegelungen mit mehr oder weniger toten Punkten vornimmt. Um immer wieder Kurskorrekturen anzusetzen. Es ist eine Art gedankliches Absprechen verschiedener wichtiger Areale des eigenen Denkens/Werdens/Handelns (der Figur!), welches die Notwendigkeit einer schriftlichen Fixierung als Handlauf anerkennt und verhandelt. Das hat nicht zuletzt eine zeitliche Dimension: die lyrischen Texte waren das Geschehen im Präsens, für alle wiederholbar, abgehbar durch die schriftliche Fixierung. Dieser Text hat noch das Archiv im Gepäck. Die Reflexionsebene mit zeitlicher Distanz, die in der Dichtung ganz ausgelagert ist in die Rezipienten, ist hier zu einem Teil in den Text eingegangen.

*   Nach einem email- Briefwechsel August | September 2011

** Julia Fiedorczuk: Siehe Anja Utler im Gespräch mit Julia Fiedorczuk: Die Welt ist nicht für uns gemacht worden; Julia Fiedorczuk: Ökopoetik: Stellung beziehen für lebende Körper; In: manuskripte 187 | 2010 , S. 146 – 156

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ANJA UTLER : EXKURS VOM AUERHAHN . SINN UND SCHAUDER . 16 WIEDERKÄUENDE ÜBERLEGUNGEN UND EINE FRAGE ( August 2011 )

Ausgangspunkt meiner Überlegungen bildet folgende Textstelle in ausgeübt. Eine Kurskorrektur, S.60:

Sie hatten einen alten Heizlüfter unter der Bank; die letzten Tage kann ich besser ertragen in welcher Höhe er sirrt, schalte ihn zwischendurch an.

Meine Überlegungen münden in die Frage:
Steht der alte Heizlüfter am Ende in direkter Nachbarschaft zu einem ausgestopften Auerhahn? Diese Frage kann nicht abschließend beantwortet werden. Meine Überlegungen aber gehen wie folgt:

1 Es ist grauenvoll, einen Raum zu betreten, wo ein ausgestopfter Auerhahn gehalten wird. Dazu kommt, dass in solchen Räumen nach etwas Orientierung oft ein zweiter zu entdecken ist, +andere ausgestopfte Vögel, +Säugetiere.

2 Die heute verfasste Literatur bringt mich außerordentlich häufig in solche mit totem Getier vollgestopfte Räume. Diese Beobachtung bezieht sich nicht auf die Motivik. (Siehe Marcel Beyers Kaltenburg. Motiv: Scharen ausgestopfter Vögel. Ergebnis: Temperaturausschläge, die im Staub der Auerhahnliteratur nicht erreicht werden.)

3 Trennlinien zur Identifikation von Auerhahnliteratur können nicht entlang von Begriffspaaren wie Experiment//Tradition oder Konvention//Innovation gezogen werden. Die immer wieder gern hergestellten Verknüpfungen
gesellschaftliche Relevanz + Tradition + heute eigentliche Innovation
versus
Selbstbezüglichkeit der Kunst + Experiment + heute eigentliche Konvention
verraten Vulgärmodernismus in einer seiner gröbsten Formen. Wer sich an derartigen Konglomeraten entlang hangelt, kann sich weniger mit existierender Literatur, als mit Gerüchten über Literatur bzw. Gerüchten über die Beschäftigung mit Literatur auseinandersetzen.

3a Vulgärmodernismus ist ein großartiger Kampfbegriff. Wie die anderen, zitierten Kampfbegriffe ringt auch er mit der Schwierigkeit, dass er mittels schillernder Federn die zu erkundenden Nuancen, in denen die Probleme stecken, zudeckt. Die Probleme lassen sich so einfach aber nicht ersticken.

3b Nein, Innovation ist wirklich keine sinnvolle Kategorie. Sie sagt einfach nichts – außer dass etwas neu ist. NEU! Ja, und? Was bringt das, und wem?

4 Ein höchst zähes Problem sitzt darin, dass zwischen bloßem Stoff und Relevanz keine stabile Verbindung herzustellen ist. Relevanz wird hier verstanden als textinduziertes inneres Ziehen. Gedanklich-emotionale Dreh-Wende-Versuche (im Gegensatz zu bloßer Ablenkung oder bloßem jaja, bloßem Schulterzucken). Solches individuelles oder gesellschaftliches inneres Ziehen ist in der momentanen kulturellen Situation nicht über eine NACH ALLEN REGELN DER KUNST, sprich: eine sauber, am besten in Romanform aberzählte Geschichte, herzustellen. Das mag man bedauern. Aber die Bewohner unseres Sprachraums sind jetzt zu gute Blitzableiter für gut erzählte Geschichten. So steigern diese noch die Apathie.

4a Damit ist nicht behauptet, etwas wie die bewusste Wahl von Stoff sei irrelevant. Das ist sie keineswegs.

4b Wo und ob eigentlich eine Grenze verläuft zwischen individuellem und gesellschaftlichem innerem Ziehen wäre eine weitere zu erkundende Frage.

5 Ein ausgestopfter Auerhahn frisst nicht. Auerhahnliteratur nagt nicht.

5a Auch angenagte Räume können Platz für Freude bieten.

5b Für komplexe Formen von Katharsis. Die nicht reinigt, wegwäscht. Sondern den Unruheherd auf die Handflächen hebt, dort betrachtbar schwelen lässt.

5c In manchen, sagenhaften Fällen sogar für anspruchsvolle Spielarten von Trost.

6 Abgesehen von seiner einbahnartigen Trostlosigkeit ist der Sinn eines ausgestopften Auerhahns in der Welt vielfältig. Zu seinen Sinnaspekten gehören Überwältigungs- und Bemächtigungsästhetik – beides untiefe Abschnürungen vom Rand zügelloser wirkungsästhetischer Fließgewässer. Wer einen ausgestopften Auerhahn bei sich hat, ist sicher: unvorhergesehene, selbständige Bewegungen seitens des Vogels oder der Besucherin sind ausgeschlossen. Das Handwerk hat beide festgeklopft. Scheitern eliminiert.

(7) Nein, handwerkliche Souveränität//Dilettantismus sind auch keine erhellenden Trennlinien im Sprechen über Literatur. Ohne handwerkliches Können gibt es schlicht keine Literatur. Dieses zeigt sich jedoch nicht zwangsläufig in sprachlicher Geschicklichkeit oder gar Eleganz; es zeigt sich in der Wechselwirkung zwischen sprachlicher Form und ästhetischem Gesamtkonzept. Es sollte überflüssig sein, das zu erwähnen.

(7a) Die ästhetische Zielsetzung ist – exakt: ganz in romantischer Tradition! – aus dem jeweiligen Text erst zu ermitteln. Präskriptive Poetik ist eine contradictio in adiecto. Und ein performativer Widerspruch dort, wo sie praktisch versucht wird, ohne sich offen als präskriptive Poetik auszuweisen. Auch diese Erwähnung sollte überflüssig sein.

(7b) Wenn der Kritikerin, dem Kritiker an Texten vor allem erwähnenswert scheint, dass an mancher Stelle treffender formuliert oder die story besser konstruiert hätte werden müssen, könnte die Zeit für die Umschulung zum Tierpräparator oder, sofern vorhanden, für die Inanspruchnahme der Berufsunfähigkeitsversicherung gekommen sein.

8 Der ausgestopfte Vogel eliminiert die Besucherin. Vom fest gestellten, unendlich verlangsamten, damit scheinbar grenzenlosen Tod kann die Lebende sich nicht abwenden. Sie kann nicht anders als sehen. Sie kann nicht anders als alles sehen. Vollständig so wie es gemacht worden ist. Und darüber hinausreichend nichts; weil da nichts mehr ist.

9 Wenn das trocknende Auge durch einen Feststoff ersetzt ist, wird trüber Spiegel zur Funktion auf die alles zurückfällt. Ansonsten: hat es sich ausgefragt! Und ausgedacht.

10 Ausgefragt. Auserzählt. Vollständig ausgemalt: im Malen nach Zahlen-System. Die Leichenflecken der Literatur. So könnte eine Möglichkeit zur Differenzierung im Nachdenken über Literatur der Raum sein, den diese den Lesenden bietet. Ist der Leser, die Leserin im Text möglich? Gedankliche Auseinandersetzung zur Konstituierung des Texts im individuellen (einem, diesem, jetzt!) Leseprozess nötig? Ermöglicht der Text Fragen und Zweifel, die zunächst offen liegen bleiben, so dass die Dimension einer Veränderung über die Zeit hin wenigstens prinzipiell denkbar scheint?

(11) Natürlich müssen für die Auerhahnliteratur obige Fragen mit ‚nein’ oder ‚eher nein’ beantwortet werden. In ihr hat der Lesende eine Funktion wie sie das Publikum etwa für den Fernsehfilm oder das Privatradio erfüllt. In freundlicher Kooperationsbereitschaft bildet er für diese Institutionen bekanntlich die Masse, aus deren Existenz diese ihr eigenes Fortbestehen rechtfertigen. Die Individuen dieser Masse müssen sorgsam vor dem Kontakt mit anderem als ihren im institutionellen Vorgriff definierten Präferenzen geschützt werden. Dazu ist es ratsam, diese Präferenzen möglichst eng zu fassen und den Kopf der Rezipienten im Sog ihrer vermeintlichen, unablässig wiederholten Präferenzen eng abzuschnüren. Den Individuen könnten sonst Existenzen außerhalb aufscheinen. Sie könnten sich auf die Abseite eines Gedankens bewegen. Abhanden kommen wie ein los gelassener Vogel, über der Frage: will ich wirklich damit mein Leben zubringen? Ist da nichts anderes, das ich außerdem aufnehmen könnte?

12 Die vogelfreie Leserin ist in einer Literatur ausgeschlossen, in der die Beziehung zwischen Gegenstand und Sprache fraglos zu nennen ist. Oder verordnete, behauptete Beziehungslosigkeit: wenn keiner am anderen mehr zupft und zweifelt und abhängt von ihm, und jener horcht und auch abhängt und zur Seite springt auch.

13 Diese Fraglosigkeit erstreckt sich auf die bestehenden Bezogenheiten und beobachtbaren Bezugnahmen unter den dargestellten Gegenständen und zwischen den dargestellten Gegenständen, ihrer Sprache und der Welt, der sie entstammen oder gerade nicht entstammen. Sie ist plump und gnadenlos. Indem sie zweifelhafte, unsichere, aber dadurch lange nicht weniger wirkliche Bezüglichkeiten unter Feststehendem verschwinden lässt.

14 Diese gnadenlose Fraglosigkeit bemächtigt sich zuerst der Perspektive. Sie höhlt diese so aus, dass sie eigentlich perspektivlos zu nennen ist. Auf dass alles Greifbare hinein gestopft werde, um einen aktiven Vorstoß der Lesenden in Unbestimmtes zu verhindern. Im Gegensatz hierzu resultiert eine exakt definierte Perspektive in vergleichsweise klaren Begrenzungen auf Seiten der Sprache mit ihren Gegenständen und Nicht-Gegenständen. Diese Grenzen können direkt durch das Sprechen und seine Gegenstände schneiden. Begrenztes hat es schwerer als Grenzenloses beim Eliminieren.

15 Es ist nicht gesagt, dass es bereits die nötigen Grenzen in den Raum brennt, wenn man den Heizlüfter nur nah genug an den Auerhahn heranrückt, so dass dieser in Flammen aufgeht.

16 Doch auch eine einfache Frage wie: hat sich denn der Autor, die Autorin, beim Schreiben dieses Texts, in dem alles abzudichten war, nicht zu Tode gelangweilt? könnte womöglich einen guten Indikator für Auerhahnliteratur abgeben. Aber vielleicht nur für AutorInnen und andere Vogelfreie?

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ANJA UTLER : AUSGEÜBT . EINE KURSKORREKTUR ( S. 60 – 67 )

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