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Hubert Klöpfers Einführung zur Lesung von Walle Sayer

Walle Sayers Verleger Hubert Klöpfer hat mir freundlicherweise seine höchst amüsante Einführung zur gestrigen Buchvorstellung in Horb überlassen. Im folgenden ist diese Quasi-Liebeserklärung des Verlegers an seinen Autor in Auszügen zu wiedergegeben.

Liebes Horber Publikum, liebe Frau Sayer, lieber Horst Köhler – Danke fürs kleine große Vorspiel auf der klassischen Gitarre – und aber natürlich: lieber Walle, „in der Fastenzeit höre oder lese jeder und jede (mindestens!) ein gutes Buch.“ So geht eine mir als Verleger überaus sympathische Ordensregel der Benediktiner. Und so begrüße ich Sie für den Tübinger Klöpfer & Meyer Verlag an diesem ersten Fastenzeitsonntag im Horber Kloster, schier gar noch zur Hochamtszeit, zur feierlichen ersten Lesung, wenngleich so ganz ohne Weihrauch (dabei hätte er ihn, ein bisschen jedenfalls, durchaus verdient) – … ich begrüße Sie also sehr zu unsrer morgendlichen Literaturandacht und Lesung mit Walle Sayer aus seinem neuen Buch: „Kerngehäuse“ …
Es ist eine Schande, es tut weh: Verleger gelten nicht viel. Geldgierige Über-den-Tischzieher, Barrabasse, treulose Judasse, berechnende Pharisäer heißen sie, von der Literatur und von der Poesie und überhaupt von den Schönen Künsten „häben“ sie keine mindeste Ahnung, am allerliebsten und verständlich sei ihnen gerade noch ihr Sparbuch. Kurt Tucholsky hat gesagt: „Die Verleger trinken ihren Champagner aus der Hirnschale ihrer Autoren“. Goethe, von wegen edler Dichterfürst, hieß seinen Verleger, meinen großen Tübinger Kollegen Johann Friedrich Cotta einfach „des Teufels“. Und Herder, nein, eben nicht der vornehme Freiburger Verleger, sondern der berühmte Humanist und Philanthrop, der vermeintliche Menschenfreund, der stimmte eilfertig zu: „Ja, und nochmals ja: euch knausrige Verleger möge bald der Teufel holen – und auf euren Papierschätzen verbrennen sollt ihr, mit Weib und mit Kind.“ Was für blanker Haß! Und überhaupt: was können denn meine Frau und meine Töchter dafür?
Da tut einem die harmlos-sanfte Einlassung Christian Friedrich Hebbels fast schon wieder gut, er hat bloß gesagt: „Es ist leichter mit Christus über die Wogen zu wandeln, als mit einem Verleger durchs Leben“.
Aber trotzdem, trotz dieser melancholisch-sanften Gestimmtheit: ist’s denn wahr? Nein, natürlich nicht, nie und nimmer. Wenn man jedenfalls Walle Sayer und Hubert Klöpfer als Beispiel, als Exempel nimmt: dann nein – und nochmals nein. Vielmehr gilt: seins und meins, unser beider schier gar eheähnliches Autor- und Verleger-Verhältnis währt schier schon so lange wie Walle Sayers richtige Liebschaft mit seiner Frau. Oder anders, seit gut und gern 15 Jahren wandle ich nicht, sondern renn’ ich geradezu, um im Bilde zu bleiben, hinter Walle Sayer her: 1994, Klöpfer & Meyer gab’s grad drei Jahr’, und er, noch ein ganz junger Mann, hat mir ein Manuskriptpäckchen Lyrik geschickt – und zwar, wie er schrieb: „zur gefälligen Lektüre und womöglichen Aufnahmeprüfung in Ihr sehr verehrtes Programm“. Und ich, als noch relativer Jungverleger, war davon auf der Schreibtischstelle begeistert – und hab aber, ich geb’s zu, einen verheerenden Anfängerfehler gemacht, ich hab nämlich in meiner Entdeckerfreude das Manuskript seinerzeit einem befreundeten Tübinger Großkritiker und Literaturprofessor zum Mitlesen gegeben – und der aber ist damit einfach in die Ferien gefahren und als er mir das Päckchen auf mein Drängen hin vier lange Wochen später endlich wieder zurückgab, da war zwar erklärtermaßen auch er gehörig angetan, aber Walle Sayer (ach Walle, Du Zweifler:) – er war nervös geworden – und als ich ihm zusagte, da kam von ihm die Antwort: „Lieber Herr Klöpfer, Verzeihung, aber ich bin jetzt leider seit paar Tagen doch schon anders vergeben.“
Und aber – ich wurde dieser Tage selber erst wieder dran erinnert – ich warb wahrlich vehement um ihn. Denn als diese leider an mir vorbeigegangenen Gedichte im Herbst ’94 dann unter dem Titel „Zeitverwehung“ auf die Bücherwelt kamen, da hab ich ihnen im „Literaturblatt für Baden und Württemberg“ einen – wie ich meine – schönen, jedenfalls gänzlich uneingeschnappten Willkommensgruß geschrieben. (Sie erlauben, dass ich mich daraus ganz kurz selber zitiere?)
„Walle Sayer ist ein Dichter aus dem schwäbischen Dorf Bierlingen bei Rottenburg, ein Mittdreißiger, der gerade den Thaddäus-Troll-Preis zugesprochen bekam und dem der große Volkskundler Hermann Bausinger dafür eine glänzende Laudatio gehalten hat – und den es spätestens ab jetzt zu beachten gilt: Walle Sayer ist einer, der leise, unaufgeregt, aber beharrlich widerspricht, der dem Allgemeinen auf den Grund geht und dabei das Besondere entdeckt, der mehr Fragen als Antworten hat. Walle Sayer ist einer, der mit der Überlieferung ringt, der gegen das Vergessen schreibt, einer der noch Träume (und auch Alpträume) hat und der uns die Erinnerung lehrt: „Die Lebenslügen der Leute zu kennen, ist eine Art sie zu mögen.“
„Walle Sayer“, so lobte ich damals weiter, „hat mit seiner ‚Zeitverwehung’ eine Sammlung seismographischer, sprachstarker Gedichte aus der vermeintlich kleinen schwäbischen Welt vorgelegt.“ …

(…)

Immerhin fünf Bücher haben wir zusammen (…) „gemacht“: „Kohlrabenweißes“, den Erstling, 1995, dann den „Irrläufer“, dann die „Beschaffenheit des Staunens“, dann „Den Tag zu den Tagen“, und eben jetzt, frisch gedruckt, frisch gebunden und auch richtig schön eingepackt: „Kerngehäuse. Eine Innenansicht des Wesentlichen“.
Wenn das nicht „treu“ und „fruchtbar“ ist! Und dann sagt der Herr Dichter Christian Friedrich Hebbel, der mir ja im Grunde lieb und teuer ist, so einen Riesenblödsinn: „Leichter sei’s, mit Christus über die Wogen zu wandeln, als mit einem Verleger durchs Leben.“ Hier irrt der Dichter, sehr, gewaltig. Sei’s drum …

Eigentlich, liebe Horber Klostergemeinde, wollte ich Ihnen an diesem 1. Fastenzeitsonntagsmorgen nur kurz über den Dichter Walle Sayer und sein Buch „Kerngehäuse“ verkündigen. Es ist leider anders und etwas länger gekommen, Verzeihung. Aber eigentlich ist’s ja doch auch so: Ausgerechnet Ihnen in Horb Walle Sayer noch lang und breit vorzustellen, das wär doch so überflüssig wie ein Kropf, das hieße Eulen nach Athen – oder halt Bücher und Manuskripte in einen Verlag zu tragen. Und schließlich – und überhaupt liest er Ihnen ja jetzt gleich selber vor …
Jetzt am Ende, na ja, sagen wir halt: meiner kleinen Sonntagspredigt möchte ich nur gerne wieder zurück – auf ihren Anfang kommen: „In der Fastenzeit“, haben wir da von den Benediktinern gehört, „in der Fastenzeit höre oder lese jeder und jede (mindestens) ein gutes Buch“.
Und Sie ahnen doch, liebe Brüder und Schwestern, welches ich Ihnen da mit Fleiß und auch ziemlichem Verlegerstolz anempfehle. Also drum: Seien Sie doch (und spätestens ab jetzt:) ganz Ohr …

Walle Sayer: VEDUTE (aus: Kerngehäuse)

Am Wegrand, Anhaltspunkt zwischen Sommerresidenz und Winterquartier, in seiner Kargheit dieser krumme Zwetschgenbaum, blattloser Solitär, daran du vorbeigehst, als gingest du, gingest auf der Hochebene deines Empfindens, damit er im Zurückschauen dann für sich dasteht, im Landschaftsausschnitt, bloßen Augs noch gut erkennbar, mit seinen dürren Strichen, unterm graugepflügten Himmel, Alleinsein präzisierend, ein kahles Signum im durchsichtigen Wind.

#lbn (03/09)

(über, live)

inadaequat: Auch Gregor Dotzauer reisst die Mauer zwischen „Bloggern“ und „Journalisten“ ein – eleganter als @ SZ http://tinyurl.com/sprache-siegt

inadaequat: Die SZ findet nun auf einmal : Es gibt sie doch noch , die guten Blogs ( freilich eher im ausland ) http://tinyurl.com/goodblogs

inadaequat: HP lanciert Web-Dienst für „DIY“-Magazine = quasi ein YouTube-Print | http://tinyurl.com/DIY-publishing (expand) – Jeder sein eigner Verleger ?

etkbooks: „Eine multimediale Anthologie“ in|ad|ae|qu|at (http://www.zintzen.org/) in der berliner gazette http://www.berlinergazette.de/?p=1079

inadaequat: New Blogpost: Wien: Thomas Stangl, Creative Cities ( mit Diederichsen & Lovink + grandioses von Shoebomber | http://tinyurl.com/ct678x

inadaequat: Reinfrank-Preis | http://tinyurl.com/rheinfrankpreis an Monika Rinck | http://tinyurl.com/rinck-bio – wir gratulieren !

inadaequat: 100. Geburtstag Ernst Gombrichs – http://tinyurl.com/gombrich-100
etkbooks: sontag > mann // „die pompöse Banalität seiner Kommentare ist eine Beleidigung für das Werk“ http://tinyurl.com/der-zauberer

inadaequat: Festival „Wortspiele“ – München | Wien – „Zeigt her Eure Füsschen , Ihr jungen Autoren ..“ http://tinyurl.com/junge-autoren

inadaequat: Rauris : …. Vogelbeerschnaps, der ein paar saftige Blasphemien des Büchnerpreisträgers befeuert. http://tinyurl.com/winklerfluch

inadaequat: Vorgänger , viral mitlerweile weltberühmt ( shift happens ) – http://tinyurl.com/2azk9f #infograph

inadaequat: „Did you know ?“- Infograph- Video zur Zukunft des Wissens, cont’d http://tinyurl.com/futuremedia #infograph

inadaequat: … und in die zweite Folie die Eiswürfel mitsamt dem eingepackten Finger gelegt . – http://tinyurl.com/zum-film – #textetrouvé

inadaequat: SWR- Bestenliste April http://tinyurl.com/swr-best-04-09 ( stets ein spass: die kategorien von leichter, mittelschwerer etc lekture )

inadaequat: MIT To Make All Faculty Publications Open Access http://tinyurl.com/MIT-op-access

inadaequat: Zu Fuß auf dem Sonderweg – Wandern als deutscher Erinnerungsort (Bodo Mrozek) | Merkur 719, April 2009 http://tinyurl.com/wandern-lit

inadaequat: Fahrplan „Semantic Web“ , jenseits des Idealismus http://tinyurl.com/cjksdz

inadaequat: ? „Pflichablieferung von Netzpublikationen“ ? – Infoveranstaltung 3. 4. DNB Frankfurt http://tinyurl.com/pflichtablieferung

etkbooks: RT @leanderwattig: eBooks: Preis-Sünden werden bestraft http://is.gd/p9pJ

etkbooks: ebd: Dies ist Teil eines breiteren Problems der Kategorisierung von Bloggern. Sie sind weder Dichter noch Autoren noch Wissenschaftler.

etkbooks: darin, 315: „Blogs können darum als inzestuöse Netzwerke der Selbstreproduktion verstanden werden.“ B. vs. organisierte Netzwerke …

etkbooks: next in #pipeline : Lovink, Geert. – Zero comments : Elemente einer kritischen Internetkultur – Bielefeld : Transcript Verlag, 2008

etkbooks: @inadaequat da wird ja so getan, als wärs was ganz neues: http://tinyurl.com/sechzig-grad … das klappern und das handwerk

inadaequat: Libreka „floppt“ laut „Spiegel“ http://tinyurl.com/librekaflop

inadaequat: Themenwoche Buch 2.0 @ UPLOAD http://tinyurl.com/buch-2-0

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inadaequat: Die LA- Times erinnert an des Genannten 100. Geburtstag ( 23. 7. 1888 ) http://tinyurl.com/LA-trouble . So kann man’s auch sehen …

inadaequat: Freude auf die Diogenes- Editionen http://tinyurl.com/chandler-diog

inadaequat: DIE WELT verweist auf Raymond Chandlers 60. Todestag (26. 3.) http://tinyurl.com/c94dgw

inadaequat: Universität Wien : E-Book-Initiative der Vienna University Press http://tinyurl.com/vienna-up

etkbooks: Das Dörflein heisst Gschaid, und der Schneeberg, der auf seine Häuser herabschaut, heisst Gars #textetrouvé http://tinyurl.com/turmalin

inadaequat: Karl Schlögel über osteuropäische „Orte und Schichten der Erinnerung“ http://tinyurl.com/lieux-de-memo

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etkbooks: marcel about litblogs.net: „Kein Halter Kitsch, kein Lenz Schmonz, kein Bern ist überall Brunz“ .. http://tinyurl.com/kulturstattbern

inadaequat: TS über Ralf Rothmanns Berlin- Roman „Feuer brennt nicht“ – http://tinyurl.com/rothmann

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inadaequat: Elfriede Jelinek bäckt Blutkuchen für für Christoph Schlingensief – Tod-krank.Doc – http://tinyurl.com/tod-krank

inadaequat: Leipzig, Frankfurt, Köln: DIE WELT zählt 100 Dinge, die uns am Literaturbetrieb nerven. http://tinyurl.com/LitNerv – Für Jeden etwas.

inadaequat: WORT ZUM SONNTAG : Writers are lampposts and critics are dogs. Ask lampposts what they think about dogs. – http://tinyurl.com/d8ux25

inadaequat: Bargfelder Bote, Ausg. Jan. & März sind da – Empfehlenswert : F. Rathjen , Schmidt & d. Expressionismus – http://tinyurl.com/bargfeld

inadaequat: Herrliches Blog über anglo- amerikanische Buchcover – http://tinyurl.com/ytzeu6

inadaequat: @Fischli_Weiss zur „Korrektjru“ von Gefühlen Dr. Freud oder Thomas Bernhard konsultieren – http://tinyurl.com/TB-korrektur

etkbooks: Meine Schüler reagieren jedes Mal mit fanatischem Lerneifer auf die Behandlung des Klenkens #textetrouvé http://tinyurl.com/shildknecht

etkbooks: et tu, kaffeemaschine: „Bitte Satzbehälter leeren“

etkbooks: Holmes auf Holzweg. Baskervillehund unschuldig … http://tinyurl.com/rueckwaertsdenken

inadaequat: @etkbooks libidnös ad libitum !

inadaequat: @jurijmlotman language- readymades , textes trouvés … #terxtetrouvé

inadaequat: @quillp ja da kommt wieder ein netter DRM : Die rhetorische Paranoia des BV nervt extrem http://tinyurl.com/b69jzb

inadaequat: @etkbooks Wie wär’s mit einer Permutation : Über- Ich füttert – ( this feed i. e. )

etkbooks: @Fischli_Weiss … fischli-weiss-fragen in aussagen überführen und invertiert signieren. heute: Ich bin überfüttert, weiss Fischli.

etkbooks: linking, but not open yet: http://blog.literatur-archiv-nrw.de/

etkbooks: webzen (system, geist, begriff, körper…): http://katastrofsky.cont3xt.net/webzen . und darüber: http://tinyurl.com/webzenabout

etkbooks: RT @marshallmcluhan: The new media will take us from an era when business was our culture to an era where culture will be our business.

etkbooks: Ihr macht euch ja keine Vorstellung! … Zehnmal jede Nacht setzt man sein Leben aufs Spiel! .. http://tinyurl.com/bardamu #textetrouvé

etkbooks: Da geht die Tür auf u. pustend u. lachend u. völlig verschwitzt erscheint Arno … #textetrouvé http://tinyurl.com/tagebuch1955

etkbooks: this will steal time from you … http://littlegreatideas.com/willyou/

etkbooks: welcome isla volante (http://www.litblogs.net/rittiner-gomez/) @rittinergomez

inadaequat: 2 Botschaften, 1 Link: Das a) Blog der Arno-Schmidt-mailing-list sammelt b) akkurat Nachrufe auf Jörg Drews. http://twurl.nl/ekam0u

etkbooks: ohnehin: ist das schreiben von gedichten auch aus gründen formaler befangenheit abzulehnen …

etkbooks: mein lieblingstat zum anthologienstreit: „Na, die Rezensenten lesen und die Unibibliotheken kaufen.“ http://tinyurl.com/asaf6t @oliverg

inadaequat: @etkbooks *blush* – übrigens auch online : http://twurl.nl/c1wlx2 , http://twurl.nl/4p1jri und http://twurl.nl/t5wb8c *g*

inadaequat: Schröder & Kalender erinnern an R. D. Brinkmann sowie an Jutta Koethers Essay in der legendären MÄRZ-Anthologie „Trivialmythen“ (1970)

etkbooks: bahnlese, print only: czz (http://www.zintzen.org/) rezensiert neue hörbücher in der http://www.nzz.ch .. poe, ch poetry slam, bradbury

etkbooks: abfahrt: auf nach luzern zu luzern bucht, dem http://www.literaturfest.ch/ und den anagrammtagen …

etkbooks: Staatspreis „Die schönsten Bücher Österreichs“ an Franz Dodels Nicht bei Trost http://tinyurl.com/gratulation http://www.franzdodel.ch

etkbooks: RT @litblogs_net : überhaupt: twitter und literarische weblogs … ein http://tinyurl.com/paar-statements

etkbooks: @inadaequat die theorie der theoriezerstörung … dieser dialektik ist einfach kaum beizukommen … (gefunden in barthes, neutrum, 302)

inadaequat: @etkbooks tja , was liest denn kollege hab wohl eben ? – un’gschaut ein verdacht , welcher zu folge hat , ganz bargfeld neu zu lesen –

inadaequat: @keinundaber Jörg Drews tot ? – Unfassbar & tragisch für die Bewahrung des Erbes der Avantgarden – http://twurl.nl/a6hsga

inadaequat: Die FR ruft angesichts der US-Verlagskrise „Die Stunde der kleinen Feinen“ aus – Liest man KMB gerne ! http://twurl.nl/tqgd1m

inadaequat: NA ENDLICH ist kookbooks‘ streben nach mäzenen auch in der FAZ angekommen ! http://twurl.nl/4wpj6f

etkbooks: dazu „Warum ist Landschaft schön?“ (könnte ne @Fischli_Weiss frage sein) … das verknüpfen mit der http://tinyurl.com/promenadologie

etkbooks: korrelationen: je schöner die landschaft, desto weniger die dichtung ? … http://tinyurl.com/oderberlin

etkbooks: „Wenn wir noch in Gaubickelheim wohnten, dann wärs ein Klacks“, alice schmidt, http://tinyurl.com/tagebuch1955

_vel: Zooblick

etkbooks: dumont nun also auch verlegerdichter. oder heisst es dichterverleger? http://tinyurl.com/dievilla (expand). lt. klappe wieder mal präzise prosa

inadaequat: “IDIOME – Zeitschrift für neue Prosa” : Mit & über Dieter Roth – HEUTE , Café Burger , Berlin ( wo sonst ? ) http://twurl.nl/daflqg

etkbooks: Am Nordmanntännchen / Im Krisenjahr Kugeln aus / Recyclingpapier #twly #haiku http://tinyurl.com/wartenurbald

etkbooks: ganz blutt: http://ganzblutt.blogspot.com/

litblogs_net: spanfreie Hürden #lbn: spanfreie Hürden http://tinyurl.com/dgre7l

_vel: spanfreie Hürden

_vel: Karthäusis

etkbooks: und zuletzt: „GONCOURT: NEVER WROTE ANY DIARY“: http://tinyurl.com/cacw5r

etkbooks: ron winter qwerty http://www.ronwinter.tv/drums.html

_vel: tribes of the hollow nation

etkbooks: auf WP umgestellt und nun mit feed: http://www.der-goldene-fisch.de/

etkbooks: achtung: beiträge für den open twitterchannel at http://www.litblogs.net/ … signiere mit: #lbn

Kaffeesatz ODER Benses Irrtum.

Kleine Theorie des Literarischen Bloggens (105).

Es ist doch nicht die Technik-selbst, das Technologische, aus was die neue Poesie entsteht, nicht, daß wir die Steuerbefehle beherrschen und über sie die Verfügung ans Maschinelle abtreten – was der Fall wäre, ließen wir das Maschinelle „eigene“ Entscheidungen treffen, sei es auch nur als Würfelwurf. Auf die Poetik einer Dichtung hat das so viel Einfluß wie die Mechanik einer Schreibmaschine, der wir ganz sicher und zu recht das Recht** bestreiten, Inspirationen zu haben und sie überdies künstlerisch ordnen zu können. Wohl aber hat die Mechanik einer Schreibmaschine Einfluß auf die Wahrnehmung eines Textes, während er entsteht; die maschinengeschriebenen Sätze erscheinen dem Autor anders, im Wortsinn: sie sehen anders aus, als wären sie mit der Hand geschrieben; eine Spur von Endgültigkeit haftet bereits an ihnen, während sie noch entstehen. Dies perfektioniert der Computerausdruck, ja schon das Schriftbild auf dem Bildschirm: der entstehende Text wird näher an sich als einen bereits erschienenen gerückt, als das jemals zuvor der Fall war. Daher ist der Einfluß des Technologischen auf die Dichtung einer des Scheines, Anscheines. Der aber ist, indem er wirkt. Der „Zufalls“generator generiert keine Gedichte.
Es stimmt auch schon mit dem Zufall nicht. Denn die Wörter und Lettern werden weder willkürlich geordnet n o c h in Sinnzusammenhängen, sondern auch das sieht nur so aus: tatsächlich werden sie nach formal determinierten Abläufen geordnet, deren Folge allein deshalb zufällig wirkt, weil uns die „handelnden“ Steuerbefehle, nach denen der Computer vorgeblich dichtet, schon ihrer Anzahl nach unüberschaubar sind. So haben wir den Eindruck von Zufall, ohne daß dieser überhaupt da wäre. Bei „Zufall“ ist ohnedies zu fragen, ob er nicht stets nichts anderes als der Ausdruck einer Schönung unserer Wahrnehmungsblindheiten ist. Etwas sei zufällig geschehen, sagt nur, daß wir die Gründe eines Geschehens nicht kennen, bzw., sogar: sie prinzipiell nicht erfassen können.
Das computergenerierte Gedicht ist insofern auch sinnlos, wenn es zufällig eine sinnvolle Reihe ergibt. Wir interpretieren den Sinn h i n e i n, nicht ist er schon da.

[Apollinaire schnitt Wörter aus Zeitungen aus, warf die Schnipsel hoch, und waren sie heruntergeregnet, arrangierte er sie zu Gedichten. Nun aber zu meinen, es seien Gedichte-per-se schon gewesen, bedeutete, aus einem Runenwurf die Zukunft abzulesen. Die „Gedichte“ werden vielmehr zu Konstrukten der Leser, s i e schaffen das Gedicht. Der Autor macht sich zur Maschine, wobei sein Maschinelles dann nicht etwa in der Kombinatorik besteht, sondern im „zufälligen“ Zusammenspiel seiner Muskelbewegungen (Wortschnipsel in die Hand nehmen, sie von der Hand hochwerfen lassen, wobei sich die Hand öffnet usw.) mit den Umständen von Ort und Zeit (geht ein Lüftchen, steht ein Fenster offen, wie warm ist es: Bestimmungen, die den Fall der Zeitungsschnipsel bestimmen).
Computergedichte sind ein Kaffeesatz, aus dem man sie herausliest.]

[**): zu recht das Recht. Ecco! ]

Einsamer Geiger | Textes Trouvés 10

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GESUCHT UND – ?

Monatelang hing diese Suchanzeige an der Pinwand jenes Copyshops . Eines kleinen Ladens an der Ecke , wo überraschend viele Menschen beim Vervielfältigen von Partituren zu beobachten sind . Nicht- Musiker neigen zu einem gewissen Befremden , werden sie jener Zeitgenossen ansichtig , die scheinbar flüssig in diesen Hieroglyphen lesen . Jener ältere Herr in der Bibliothek . Diese Studentin in der U- Bahn : Vertieft in etwas , was nach aussen den Anschein eines der gelben Reclam- Heftchen trägt , das sich beim neugierigen Check- Blick über die Schulter als musikalische Studienausgabe darstellt . Die Scham , solcherart illiterat zu sein .

Monatelang hing diese Suchanzeige unberührt und um keinen Millimeter verrückt an der Pinwand des Copyshps . Und eines Tages war sie verschwunden . Nun gut , sinnierte man beim Einwerfen der Münzen in den Kaffeeautomaten , nun hat der einsame Musiker Anschluss gefunden . Schrammeln lässt sich’s nun mal nicht solo in der kargen Kammer . Wie schön für den Mann , dass er seinem Musenwunsch nun in Gemeinschaft fröhnen kann .

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SUCHE NACH ANSCHLUSS , REDUX

Hobbygeiger_sucht_Schrammelquartett_Geiger_copyright_Christiane_Zintzen

Die Zeit ging hin und man vergass die Vorstellung vom erst verhinderten , inzwischen womöglich aus künstlerischen Ausübungsnöten erlösten Fiedler . Hielt ihn wohl für fidel . Bis dann , eines tristen Tages kaum ein halbes Jahr später , der Suchruf wieder erschien . Die hilflosen Schriftzüge waren dieselben , ebenso der Appell . Es handelte sich augenscheinlich um genau jenes hoffnungsvolle Dokument , welches zuvor Gegenstand mancher Betrachtung war .

Was war geschehen ? – Suche und Fund , kurzer Jubel und finaler Krach ? – Jedenfalls die traurigste Geschichte in der Historie eines Genres , welches in Ausübung und Auftritt Synonym ist für das , was man einmal “fröhliches Beisammensein” nannte .

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RELATED

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KLANGAPPARAT

Mehr Glück hinsichtlich des gemeinsamen Musizierens hatten Liesl Ujvary und Oliver Stummer ( aka tomoroh hidari ) bei ihrer Praxis mit Elektronik und der “zauberhaften Klangmaschine” , dem Trautonium . Hier bitte kurz zurückblättern auf den entsprechenden Hinweis . Dass das Experimentieren am und mit dem Instrument für seltsame Soundeffekte ( Filmmusik ) keine czz-hoerempfehlungfröhliche Stubenmusik zeitigen würde , war zu erwarten . Kaum erwartbar indes der Charakter und die Textur des Klangmaterials . Nun ist “trautonium jetztzeit 2008” via MP3 zugänglich .

Nehmen Sie sich Zeit . Und vergessen Sie , was ihnen sonst so als “Musik” ins Hirn rieselt . Lassen Sie sich ein auf Klangfarben , Pastositäten , Verläufe . Hören Sie mehrmals und hören Sie hin . Und es werden Ihnen die ästhetischen und psychoakustischen Reize dieser Sounds nicht verschlossen bleiben . 01. trautonium jetztzeit 1 ( 31:45 –
Liesl Ujvary
) | 02. trautonium jetztzeit 2 ( 4:06 – Oliver Stummer ) | 03. trautonium jetztzeit 3 ( 3:42 – Oliver Stummer ) | 04. trautonium jetztzeit 4 ( 3:35 – Oliver Stummer ) | 05. trautonium jetztzeit 5 ( 8:14 – Oliver Stummer ) | CLICK LINKS TO LISTEN ( WMP ) .

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Ich brate einen Fisch

An einem Bach mottet ein kleines Feuer aus feuchtem Holz. Auf drei Seiten ist die Lichtung von Felsen eingeschlossen, der Bach verschwindet in einem endlosornamentalen Wald, Wald auch auf den Klippen. Nirgendwo kann man den Himmel sehen ausser hier, nirgendwo hört etwas auf. Wenn ich mich allein aufmache, werde ich mich selbst nie wieder finden. Ich habe mir ein Notbiwak aus Zweigen und Blättern gebaut. Trotz des Wasserfalls höre ich jedes noch so leise Knacken im Gehölz, denn ich warte auf zwei, die mich suchen: voller Hoffnung auf den Freund, voller Furcht auf den Verfolger. Ich habe hier etwas Wichtiges erledigen müssen, ich weiss nicht mehr was und auch nicht, wie ich hierhergekommen und wie lang ich schon hier bin, es gibt ja Wasser und Fisch und Pilz genug. Der Freund kennt sich hier aus und wird mich aus dem Wald führen, aber er hat sich verspätet. Auch der Verfolger scheint aufgehalten worden zu sein. Die Szene plagt mich von Tag zu Tag ärger, weil ich nämlich vergessen habe, wo und wann das geschah, im Wach, im Traum, in einem Buch, in einer endogenen Prophezeiung oder damals, als ich kurz tot war, obwohl ich mich nur an die Stille Schwarz erinnern kann. Zwar bin ich guter Dinge. Der Freund wandelt Gestalt andauernd und wird immer mehr der, den ich mir zum Geleit wünsche mit Kopfkissen und allem. Der Verfolger wächst gemeinsam mit mir; gierige Erregung, Adrenalin unter dem Zungenrand. Aber ich brauche Zugang, ich muss wissen, woher das kommt, wohin das führt. Ich kann doch nicht alle Bücher wiederlesen, die ich je las und alles Leben wiederleben, das ich je lebte und alle gebratenen Fische wiederträumen, die ich je träumte! Gschweige denn alles lesen leben träumen, was ich jemals lesen leben träumen werde. Ich muss es wissen! Sonst findet mich weder der eine noch der andere und täglich wuchert der Wald weiter als die Ränder und bald kann ich auch mit offenen Augen nichts anderes mehr sehen als das.

Bryant Park

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sierra : 8.57 – Es hatte Stunden lang geregnet, jetzt dampfte der Boden im südwärts vorrückenden Nordlicht, und das Laub, das alles bedeckte, die steinernen Bänke, Brunnen und Skulpturen, die Büsche und Sommerstühle der Cafes, bewegte sich trocknend wie eine abgeworfene Haut, die nicht zur Ruhe kommen konnte. Boulespieler waren vom Himmel gefallen, fegten ihr Spielfeld, schon war das Klicken der Kugeln zu hören, Schritte, Rufe. Wie ich so zu den Spielern schlenderte, kreuzte eine junge Frau meinen Weg. Sie tastete sich langsam vorwärts an einem weißen, sehr langen Stock, den ich eingehend beobachtete, rasche, den Boden abklopfende Bewegungen. Als sie in meine Nähe gekommen war, vielleicht hatte sie das Geräusch meiner Schritte gehört, sprach sie mich an, fragte, ob es bald wieder regnen würde. Ich erinnere mich noch gut, zunächst sehr unsicher gewesen zu sein, aber dann ging ich ein Stück an ihrer Seite und berichtete vom Oktoberlicht, das ich so liebte, von den Farben der Blätter, die unter unseren Füßen raschelten. Bald saßen wir auf einer nassen Bank, und die junge Frau erzählte, dass sie ein kleines Problem haben würde, dass sie einen Brief erhalten habe, einen lang erwarteten, einen ersehnten Brief, und dass sie diesen Brief nicht lesen könne, ein Mann mit Augenlicht hätte ihn geschrieben, ob ich ihr den Brief vorlesen könne, sie sei so sehr glücklich, diesen Brief endlich in Händen zu halten. Ich öffnete also den Brief, einen Luftpostbrief, aber da standen nur wenige, sehr harte Worte, ein Ende in sechs Zeilen, Druckbuchstaben, eine schlampige Arbeit, rasch hingeworfen, und obwohl ich wusste, dass ich etwas tat, das ich nicht tun durfte, erzählte meine Stimme, die vorgab zu lesen, eine ganz andere Geschichte. Liebste Marlen, hörte ich mich sagen, liebste Marlen, wie sehr ich Dich doch vermisse. Konnte solange Zeit nicht schreiben, weil ich Deine Adresse verloren hatte, aber nun schreibe ich Dir, schreibe Dir aus unserem Cafe am Bryant Park. Es ist gerade Abend geworden in New York und sicher wirst Du schon schlafen. Erinnerst Du Dich an die Nacht, als wir hier in unserem Cafe Deinen Geburtstag feierten? Ich erzählte Dir von einer kleinen, dunklen Stelle hinter der Tapete, die so rot ist, dass ich Dir nicht erklären konnte, was das bedeutet, dieses Rot für sehende Menschen? Erinnerst Du Dich, wie Du mit Deinen Händen nach jener Stelle suchtest, wie ich Deine Finger führte, wie ich Dir erzählte, dass dort hinter der Tapete, ein Tunnel endet, der Europa mit Amerika verbindet? Und wie Du ein Ohr an die Wand legtest, wie Du lauschtest, erinnerst Du Dich? Lange Zeit hast Du gelauscht. Ich höre etwas, sagtest Du, und wolltest wissen, wie lange Zeit die Stimmen wohl unter dem atlantischen Boden reisten, bis sie Dich erreichen konnten. – An dieser Stelle meiner kleinen Erzählung unterbrach mich die junge Frau. Sie hatte ihren Kopf zur Seite geneigt, lächelte mich an und flüsterte, dass das eine sehr schöne Geschichte gewesen sei, eine tröstliche Geschichte, ich sollte den Brief ruhig behalten und mit ihm machen, was immer ich wollte. Und da war nun das aus dem Boden kommende Nordlicht, das Knistern der Blätter, die Stimmen der spielenden Menschen. Wir gingen noch eine kleine Strecke nebeneinander her, ohne zu sprechen. Ich seh gerade ihren über das Laub tastenden Stock und ein Eichhörnchen mit einer Nuss im Maul, das an einem Baumstamm kauerte. Beinahe kommt es mir in dieser Sekunde so vor, als hätte ich dieses Eichhörnchen und seine Nuss nur erfunden.

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ich les‘ das gedicht

lautes rauschen wie früher, wenn der sendeabend vorüber war und weit
und breit kein mensch, kein schlaf, nur diese leere zum bildschirmquadrat.
oder wie eine suppe ist’s, eine lauwarme bouillon
mit eiswürfeln, ein ‚bling‘ und noch eines, wenn die gabel ans eis stößt
(beim nächsten lesen wird sich der ganze spuk aufgelöst haben)
gleich neben der gabel liegt ein:
‚was du dir eingebrockt hast, musst du auch auslöffeln!‘
und im herrgottswinkel steht, in einen bilderbogen gestickt:
‚meine suppe ess ich nicht, nein, meine suppe ess ich nicht.‘
wenigstens spielen, aber nein (sagt der schöpflöffel):
mit essen spielt man nicht, da geht es nämlich immer ums ganze,
da geht es um: zwei fettaugen. bitte reinstechen,
dann sind’s vier oder sechs, da geht schon was.
ich klebe sie mir ans kinn (menschenfresser) oder auf die schulterblätter (rückspiegelengel), den braucht man, wenn’s finster ist und die gefahr von hinten kommt.
es rauscht zur mitternacht – als wir da haben eine lange nacht mit nichts außer dem testbild

Die Glasglocke

Sylvia Plath
Sylvia Plath (1932-1963)

Sylvia Plath: Die Glasglocke (auf amazon.de)

Es war ein verrückter, schwüler Sommer, in dem die Rosenbergs auf den elektrischen Stuhl kamen und ich nicht wußte, was ich in New York eigentlich wollte. Bei dem Gedanken an Hinrichtungen wird mir immer ganz anders. Die Vorstellung, auf den elektrischen Stuhl zu kommen, macht mich krank, aber in den Zeitungen war von nichts anderem die Rede – glotzäugige Überschriften, die mich an jeder Straßenecke und an jedem muffigen, nach Erdnüssen riechenden U-Bahn-Schlund anstarrten. Es hatte nichts mit mir zu tun, und trotzdem ließ mich die Frage nicht los, wie es wäre, die Nerven entlang bei lebendigem Leib zu verbrennen.

Ich dachte, es müsste das Schlimmste auf der Welt sein.

Dabei war New York schon schlimm genug. Um neun Uhr morgens hatte sich die trügerische ländlich feuchte Kühle, die nachts irgendwie hereingesickert war, verflüchtigt wie das Ende eines angenehmen Traums. Tief unten in ihren Granitcanyons zitterten die heißen Straßen unter der Sonne wie graue Luftspiegelungen, die Dächer der Autos glühten und glitzerten, und trockener Staub wehte mir wie Asche in die Augen.

Im Radio und in der Redaktion – überall war von den Rosenbergs die Rede, bis ich an nichts anderes mehr denken konnte. Es war wie damals, als ich zum erstenmal eine Leiche sah. Noch wochenlang tauchte der Kopf dieser Leiche – oder vielmehr das, was von ihm übriggeblieben war – beim Frühstück hinter den Spiegeleiern mit Schinken auf oder hinter dem Gesicht von Buddy Willard, der schuld daran war, daß ich die Leiche überhaupt gesehen hatte, und bald hatte ich das Gefühl, ich würde diesen Kopf an einer Schnur überall mit mir herumtragen, wie einen schwarzen, nach Essig stinkenden Ballon ohne Nase.

Sylvia Plath, aus: »Die Glasglocke«
© Suhrkamp Verlag 1997

••• Kaum ein Buch hat mich je einem derartigen Wechselbad der Gefühle ausgesetzt wie während der letzten Tage »Die Glasglocke« von . Wie hier letztens peinlicherweise in den Kommentaren zu lesen war, habe ich die »Glasglocke« vor Jahren von der Herzdame geschenkt bekommen, aber nicht lesen wollen und weiter verschenkt. Das war herzlos genug der Herzdame gegenüber, aber es war auch eine Respektlosigkeit gegenüber der Plath. Davon konnte ich mich jetzt überzeugen.

Wenn ein Roman so beginnt wie oben zitiert, kann eigentlich nicht mehr viel schiefgehen. Tatsächlich fühlte ich mich während der ersten Kapitel vollständig verzaubert. Was erzählt – das Praktikum einer 50er-Jahre-Ostküsten-College-Absolventin bei einer großen Frauenzeitschrift in New York – war eigentlich nebensächlich. In der Art, wie Plath erzählt, könnte sie mir die belangloseste Story berichten, und ich würde noch immer mit ungetrübter Begeisterung lesen. Ihr Stil ist quellwasserklar. Aus leichtestem Erzählschwang schwingt sie sich in poetische Beschreibungen von großer Intensität. Und die Naivität, die immer wieder aufschimmert und der Protagonistin ja ganz angemessen ist, macht alles nur noch frischer.

Je länger ich in dem klaren heißen Wasser lag, desto reiner fühlte ich mich, und als ich schließlich aus dem Wasser stieg und mich in eines der großen, weichen, weißen Hotelbadehandtücher hüllte, kam ich mir rein vor und frisch wie ein neugeborenes Kind.

Das beschreibt so in etwa mein Gefühl bei der Lektüre. Hinzu kam allerdings noch eine gehörige Demutsanwandlung angesichts dieses erzählerischen Könnens.

Dann aber – so ab ca. Seite 120 – war die Freude vorbei. Die Protagonistin kehrt aus New York in ihren Ostküsten-Vorort zurück. Sie hatte sich mit einem Text für einen Sommerschreibkurs an ihrem College beworben. Ein berühmter Autor sollte ihn halten. Zu Hause nun lag aber wider Erwarten die Ablehnung. Diese Enttäuschung leitet eine psychische Krise ein, die in einem Selbstmordversuch gipfelt, dort aber noch lange nicht endet. Die Erwähnung der Rosenbergs und des elektrischen Stuhls am Anfang ist sicher kein Zufall. Denn das Brennen unter den Stromstößen der Eltroschocktherapie in der Anstalt, in die sie eingeliefert wird, dürfte die Assoziation provoziert haben.

So wie die Wahrnehmung der Protagonistin immer fragmentierter wird, »fragmentieren« auch Erzählweise und Sprache im zweiten Teil des Romans. Wo Plath zuvor fulminant erzählt hat, skizziert sie nun nur noch, lässt Bilder und Situationen nur kurz aufschimmern. Das Lesen wird schwierig. Noch schwieriger aber wird es, das Erzählte zu verkraften. Keine Lektüre für seelisch labile Leser.

Natürlich beschäftigt mich als Autor die Frage, ob der Stilbruch bewusst gesetzt ist oder ob die »Höhe« des Anfangs einfach nicht zu halten war. Aber es spielt eigentlich keine Rolle. Gelesen haben muss man das Buch auf jeden Fall.

Buch vergriffen | verramscht – Google Book Search als „Zukunft“ ?

BLUMIGE VERHEISSUNGEN | EINE KLARTEXT- FRAGE

BLUMIGE VERHEISSUNGEN

Unter der stolzen Titulatur „Die Zukunft der Google Buchsuche – Unsere bahnbrechende Vereinbarung mit Autoren und Verlagen“ gibt Google ein gar liebliches Bild vom Kulturauftrag des Konzerns :

Google hat sich zum Ziel gesetzt, die Informationen dieser Welt zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. ( … ) Wir hoffen und gehen davon aus, dass diesem Sprung, der uns gemeinsam mit unseren Freunden und Partnern im Verlagswesen gelungen ist, noch viele weitere folgen werden. Wir bei Google lieben Bücher und unser größter Wunsch ist es, dass sich Google Buchsuche zu einem Service entwickelt, der dazu beiträgt, den langfristigen Erfolg von Büchern und deren Autoren und Verlagen zu sichern.

Grundsätzlich werden „Drei Sorten von Büchern“ rechtlich und hinsichtlich der Zugriffstiefe unterschieden :

Mit dieser Vereinbarung wird festgelegt, wie unsere Nutzer über die Google Buchsuche auf verschiedene Kategorien von Büchern zugreifen können.

  • Urheberrechtlich geschützte und im Druck befindliche Bücher

Im Druck befindliche Bücher sind Bücher, die noch aktiv von den Verlagen verkauft werden und die Sie in den meisten Buchhandlungen finden. Mit dieser Vereinbarung wird der Online-Marktplatz für im Druck befindliche Bücher erweitert, da Autoren und Verlage die „Vorschau“- und „Kauf“-Modelle aktivieren können, durch die ihre Titel über die Google Buchsuche einfacher erhältlich werden.

  • Urheberrechtlich geschützte, aber vergriffene Bücher

Da ein vergriffenes Buch nicht mehr aktiv herausgegeben oder verkauft wird, kann es nur noch über eine Bibliothek oder ein Antiquariat bezogen werden. Nach Genehmigung dieser Vereinbarung wird jedes vergriffene Buch, das von uns digitalisiert wird, online für die Vorschau oder den Kauf verfügbar, es sei denn, der Autor oder der Verlag hat diesen Titel „deaktiviert“. Aus unserer Sicht ist es ein wahrer Segen für die Verlagsbranche, dass Autoren und Verlage Geld mit Büchern verdienen können, die bereits endgültig vom Markt verschwunden schienen.

  • Nicht urheberrechtlich geschützte Bücher

Diese Vereinbarung hat keinerlei Auswirkung auf die Anzeige nicht urheberrechtlich geschützter Bücher. Google Buchsuche-Nutzer können diese Titel weiterhin wie gewohnt lesen, herunterladen und ausdrucken.

Ende des Zitats .

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EINE KLARTEXT- FRAGE

Jeder kennt das Problem mit „vergriffenen“ bzw. von Klein- und Wissenschaftsverlagen früh verramschten Titeln . – Könnte Google Book Search in diesen Fällen den so blumig verheissenen „wahren Segen“ bringen ?

Dass mit diesen Titeln kein Geld mehr zu verdienen ist ( es sei denn , man hatte das Glück , dem Verlag die Charge abkaufen zu können und setzt nun auf Privatvertrieb ) , ist verdriesslich genug .

Was aber , wenn man allerdings an der Persistenz und weiteren Distribution der Inhalte interessiert wäre … ?

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DNB : Pflichtablieferung von Netzpublikationen

  • Nationale Webarchivierung
  • Eine Erregung
  • Fragen und Antworten

NATIONALE WEBARCHIVIERUNG

2006 erteilte der Gesetzgeber der Deutschen Nationalbibliothek ( DNB ) den Auftrag , auch Publikationen im Internet zu sammeln . Ab 2008 sollen die ersten digitalen Pflichtexemplare eingehen : vor einem Jahr im Börsenblatt online erschienen , hätte man diese Meldung ja durchaus positiv interpretieren können : Die hoch offiziöse Registrierung von Portalen wie litblogs.net hätte einen fruchtbaren Dialog mit den Portalbetreibern , den „betroffenen“ Bloggern, Forschern und Archivaren von DILIMAG triggern können .

Was nun seitens des deutschen Gesetzgebers ertönt , lässt sich einigermassen bürokratisch an : „Verordnung zur Pflichtablieferung von Netzpublikationen tritt in Kraft“ titelt heise am 22. 10. und ventiliert die mit Wirkung des Folgetages implementierte Verordnung ( PDF ) über die Pflichtablieferung von Medienwerken an die Deutsche Nationalbibliothek .

Kurz : Es geht darum , welche Netzpublikationen bei der DNB quasi als „Pflichtexemplar“ elektronisch eingereicht und für die Archivierung freigegeben werden müssen .

Laut dem DNBG sind neben Büchern, Zeitungen, Zeitschriften und anderen physikalischen Medienträgern auch „unkörperliche“, in „öffentlichen Netzen dargestellte“ Medienwerke bei der Nationalbibliothek abzuliefern. Wer dieser Pflicht nicht nachkommt, riskiert nach einer Abmahnung eine Geldstrafe bis zu 10.000 Euro. Ziel der Verordnung ist es, die gesetzliche Regelung auf ein handhabbares Maß einzuschränken. Prinzipiell steht es der DNB demnach offen, auf die Zulieferung oder elektronische Abholung einzelner Netzpublikationen zu verzichten, wenn diese in unterschiedlichen technischen Ausführungen erscheinen. Anheim steht es ihr auch elektronische Medien auszuklammern, deren Sammlung oder Archivierung „nur mit beträchtlichem Aufwand“ möglich wäre.

Prinzipiell schließt die Verordnung etwa „lediglich privaten Zwecken dienende Websites“ aus. Was genau darunter fällt, ist unklar. Die DNB strebt nach eigenen Angaben an, die Archivierung auch auf „originär dem Web“ entsprungene Publikationsformen wie Blogs, Wikis oder Foren nach und nach auszudehnen. In einem Frage-Antwort-Verzeichnis listet die Einrichtung bislang aber nur pauschal „elektronische Zeitschriften, E-Books, Hochschulprüfungsarbeiten, Digitalisate, Musikdateien oder auch Webseiten und dynamische Applikationen“ auf. Eine Definition öffentlicher oder privater Werke fehlt. Weiter ist nachzulesen, dass die Entwicklung geeigneter Verfahren für den Massenbetrieb der Sammlung, Erschließung und Archivierung von Netzpublikationen „stufenweise“ erfolge. Solange diese noch nicht abschließend zur Verfügung stünden, würde die DNB „keine Ordnungswidrigkeitsverfahren anstrengen“.

Generell soll die Anlieferung möglichst per FTP und bevorzugt als PDF erfolgen. Bilder, andere Darstellungselemente sowie „Software und Werkzeuge, die in physischer oder in elektronischer Form erkennbar zu den ablieferungspflichtigen Netzpublikationen gehören“, sind aber ebenfalls betroffen. Dies gilt vor allem für „nicht marktübliche Hilfsmittel“, ohne die ein Lesen der digitalen Werke im Offline-Modus nicht möglich ist. ( … ) ( heise )

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EINE ERREGUNG

Prompt tobt ein Sturm im Wasserglas : Von „Schildbürgerstreich“ und „wahnwitziger“ Sammelwut geht die Rede ; juristisch ergeben sich Abgrenzungsschwierigkeiten zwischen „öffentlichem Interesse“ ( Meldungspflicht ) vs. „privaten“ & „gewerblichen“ Zwecken ( keine Meldungspflicht ) , ganz zu schweigen von den technischen Schwierigkeiten sowohl für Seitenbetreiber als auch für Archivare :

Entweder haben bei den Entscheidungsträgern so einige das Medium Internet (bzw. WWW) in seiner Komplexität deutlich unterschätzt. Oder man hat einfach einen gewissen Definitionsbedarf übersehen. ( e-fee.d )

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FRAGEN UND ANTWORTEN

Mike Schnoor ( sichelputzer ) hat bei der DNB- Hotline ( 069 1525 1320 ) direkt angefragt und folgende Auskunft erhalten :

  • Publikationen wie Weblogs sind momentan für die Erfassung nicht relevant.
  • Private Inhalte auch außerhalb Weblogs, die mit Werbeanzeigen einen gewerblichen Charakter haben, sind für die Archivierung derzeit nicht relevant.
  • Technisch gesehen ist die Archivierung von sehr vielen Datenmengen, insbesondere individuelle Publikationen wie Weblogs, noch nicht ausgereift.
  • XML und RSS seien andenkbare Lösungen zur Aggregation der Inhalte, die jedoch noch in Planung sind.
  • Die Pflege der Daten bei Aktualisierungen der publizierten Texte ist derzeit noch nicht gelöst.
  • Digitale Bilder und Videos diverser Social Media Networks stellen die Nationalbibliothek vor eine Herausforderung, insbesondere die zu bereitstellende Speicherkapazität seitens der Nationalbibliothek für einen digitalen Film sind derzeit nicht abgedeckt.

Ich bezweifle daher sehr stark, dass hier ein Blogger mit strafrechtlicher Verfolgung zu rechnen hat, wenn insbesondere bei mehreren hunderten, gar tausenden Blogeinträgen jedes Mal ein PDF zu erstellen wäre. Den Zeitaufwand können Privatpersonen kaum betreiben. Ich selbst würde Wochen damit verbringen, jeden Blogeintrag als gute gemachtes PDF zu sichern. Was passiert da mit neuen Kommentaren? 🙂

Weitere Details in Benedikt Köhlers offenem „Brief an die Deutsche Nationalbibliothek“ sowie in deren Replik : „Auch Kommentare könnten gesammelt werden, Schutz von Urheberrechten unklar: Die Antwort der Deutschen Nationalbibliothek“ ( viralmythen ).

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