Schlagwort-Archive: Roman

#lbn (03/09)

(über, live)

inadaequat: Auch Gregor Dotzauer reisst die Mauer zwischen „Bloggern“ und „Journalisten“ ein – eleganter als @ SZ http://tinyurl.com/sprache-siegt

inadaequat: Die SZ findet nun auf einmal : Es gibt sie doch noch , die guten Blogs ( freilich eher im ausland ) http://tinyurl.com/goodblogs

inadaequat: HP lanciert Web-Dienst für „DIY“-Magazine = quasi ein YouTube-Print | http://tinyurl.com/DIY-publishing (expand) – Jeder sein eigner Verleger ?

etkbooks: „Eine multimediale Anthologie“ in|ad|ae|qu|at (http://www.zintzen.org/) in der berliner gazette http://www.berlinergazette.de/?p=1079

inadaequat: New Blogpost: Wien: Thomas Stangl, Creative Cities ( mit Diederichsen & Lovink + grandioses von Shoebomber | http://tinyurl.com/ct678x

inadaequat: Reinfrank-Preis | http://tinyurl.com/rheinfrankpreis an Monika Rinck | http://tinyurl.com/rinck-bio – wir gratulieren !

inadaequat: 100. Geburtstag Ernst Gombrichs – http://tinyurl.com/gombrich-100
etkbooks: sontag > mann // „die pompöse Banalität seiner Kommentare ist eine Beleidigung für das Werk“ http://tinyurl.com/der-zauberer

inadaequat: Festival „Wortspiele“ – München | Wien – „Zeigt her Eure Füsschen , Ihr jungen Autoren ..“ http://tinyurl.com/junge-autoren

inadaequat: Rauris : …. Vogelbeerschnaps, der ein paar saftige Blasphemien des Büchnerpreisträgers befeuert. http://tinyurl.com/winklerfluch

inadaequat: Vorgänger , viral mitlerweile weltberühmt ( shift happens ) – http://tinyurl.com/2azk9f #infograph

inadaequat: „Did you know ?“- Infograph- Video zur Zukunft des Wissens, cont’d http://tinyurl.com/futuremedia #infograph

inadaequat: … und in die zweite Folie die Eiswürfel mitsamt dem eingepackten Finger gelegt . – http://tinyurl.com/zum-film – #textetrouvé

inadaequat: SWR- Bestenliste April http://tinyurl.com/swr-best-04-09 ( stets ein spass: die kategorien von leichter, mittelschwerer etc lekture )

inadaequat: MIT To Make All Faculty Publications Open Access http://tinyurl.com/MIT-op-access

inadaequat: Zu Fuß auf dem Sonderweg – Wandern als deutscher Erinnerungsort (Bodo Mrozek) | Merkur 719, April 2009 http://tinyurl.com/wandern-lit

inadaequat: Fahrplan „Semantic Web“ , jenseits des Idealismus http://tinyurl.com/cjksdz

inadaequat: ? „Pflichablieferung von Netzpublikationen“ ? – Infoveranstaltung 3. 4. DNB Frankfurt http://tinyurl.com/pflichtablieferung

etkbooks: RT @leanderwattig: eBooks: Preis-Sünden werden bestraft http://is.gd/p9pJ

etkbooks: ebd: Dies ist Teil eines breiteren Problems der Kategorisierung von Bloggern. Sie sind weder Dichter noch Autoren noch Wissenschaftler.

etkbooks: darin, 315: „Blogs können darum als inzestuöse Netzwerke der Selbstreproduktion verstanden werden.“ B. vs. organisierte Netzwerke …

etkbooks: next in #pipeline : Lovink, Geert. – Zero comments : Elemente einer kritischen Internetkultur – Bielefeld : Transcript Verlag, 2008

etkbooks: @inadaequat da wird ja so getan, als wärs was ganz neues: http://tinyurl.com/sechzig-grad … das klappern und das handwerk

inadaequat: Libreka „floppt“ laut „Spiegel“ http://tinyurl.com/librekaflop

inadaequat: Themenwoche Buch 2.0 @ UPLOAD http://tinyurl.com/buch-2-0

etkbooks: remember: ‚Schlagt die Germanistik tot, färbt die blaue Blume rot!‘ http://tinyurl.com/farbenlehre

inadaequat: Die LA- Times erinnert an des Genannten 100. Geburtstag ( 23. 7. 1888 ) http://tinyurl.com/LA-trouble . So kann man’s auch sehen …

inadaequat: Freude auf die Diogenes- Editionen http://tinyurl.com/chandler-diog

inadaequat: DIE WELT verweist auf Raymond Chandlers 60. Todestag (26. 3.) http://tinyurl.com/c94dgw

inadaequat: Universität Wien : E-Book-Initiative der Vienna University Press http://tinyurl.com/vienna-up

etkbooks: Das Dörflein heisst Gschaid, und der Schneeberg, der auf seine Häuser herabschaut, heisst Gars #textetrouvé http://tinyurl.com/turmalin

inadaequat: Karl Schlögel über osteuropäische „Orte und Schichten der Erinnerung“ http://tinyurl.com/lieux-de-memo

inadaequat: Melivilles Bartleby mit seinem „I would prefer not to“: Neu übersetzt als „ist mir nicht genehm“. Oje. – http://tinyurl.com/rather-not

etkbooks: marcel about litblogs.net: „Kein Halter Kitsch, kein Lenz Schmonz, kein Bern ist überall Brunz“ .. http://tinyurl.com/kulturstattbern

inadaequat: TS über Ralf Rothmanns Berlin- Roman „Feuer brennt nicht“ – http://tinyurl.com/rothmann

inadaequat: Ron Winkler zur „Lyrikdebatte“ und gegen generationsspezifische Vorurteile, DANKE ! – http://tinyurl.com/vorurteil

inadaequat: Suzid ist erblich, either by nature or nurture: Son of Sylvia Plath and Ted Hughes kills himself – http://tinyurl.com/N-Hughes-Plath

inadaequat: Elfriede Jelinek bäckt Blutkuchen für für Christoph Schlingensief – Tod-krank.Doc – http://tinyurl.com/tod-krank

inadaequat: Leipzig, Frankfurt, Köln: DIE WELT zählt 100 Dinge, die uns am Literaturbetrieb nerven. http://tinyurl.com/LitNerv – Für Jeden etwas.

inadaequat: WORT ZUM SONNTAG : Writers are lampposts and critics are dogs. Ask lampposts what they think about dogs. – http://tinyurl.com/d8ux25

inadaequat: Bargfelder Bote, Ausg. Jan. & März sind da – Empfehlenswert : F. Rathjen , Schmidt & d. Expressionismus – http://tinyurl.com/bargfeld

inadaequat: Herrliches Blog über anglo- amerikanische Buchcover – http://tinyurl.com/ytzeu6

inadaequat: @Fischli_Weiss zur „Korrektjru“ von Gefühlen Dr. Freud oder Thomas Bernhard konsultieren – http://tinyurl.com/TB-korrektur

etkbooks: Meine Schüler reagieren jedes Mal mit fanatischem Lerneifer auf die Behandlung des Klenkens #textetrouvé http://tinyurl.com/shildknecht

etkbooks: et tu, kaffeemaschine: „Bitte Satzbehälter leeren“

etkbooks: Holmes auf Holzweg. Baskervillehund unschuldig … http://tinyurl.com/rueckwaertsdenken

inadaequat: @etkbooks libidnös ad libitum !

inadaequat: @jurijmlotman language- readymades , textes trouvés … #terxtetrouvé

inadaequat: @quillp ja da kommt wieder ein netter DRM : Die rhetorische Paranoia des BV nervt extrem http://tinyurl.com/b69jzb

inadaequat: @etkbooks Wie wär’s mit einer Permutation : Über- Ich füttert – ( this feed i. e. )

etkbooks: @Fischli_Weiss … fischli-weiss-fragen in aussagen überführen und invertiert signieren. heute: Ich bin überfüttert, weiss Fischli.

etkbooks: linking, but not open yet: http://blog.literatur-archiv-nrw.de/

etkbooks: webzen (system, geist, begriff, körper…): http://katastrofsky.cont3xt.net/webzen . und darüber: http://tinyurl.com/webzenabout

etkbooks: RT @marshallmcluhan: The new media will take us from an era when business was our culture to an era where culture will be our business.

etkbooks: Ihr macht euch ja keine Vorstellung! … Zehnmal jede Nacht setzt man sein Leben aufs Spiel! .. http://tinyurl.com/bardamu #textetrouvé

etkbooks: Da geht die Tür auf u. pustend u. lachend u. völlig verschwitzt erscheint Arno … #textetrouvé http://tinyurl.com/tagebuch1955

etkbooks: this will steal time from you … http://littlegreatideas.com/willyou/

etkbooks: welcome isla volante (http://www.litblogs.net/rittiner-gomez/) @rittinergomez

inadaequat: 2 Botschaften, 1 Link: Das a) Blog der Arno-Schmidt-mailing-list sammelt b) akkurat Nachrufe auf Jörg Drews. http://twurl.nl/ekam0u

etkbooks: ohnehin: ist das schreiben von gedichten auch aus gründen formaler befangenheit abzulehnen …

etkbooks: mein lieblingstat zum anthologienstreit: „Na, die Rezensenten lesen und die Unibibliotheken kaufen.“ http://tinyurl.com/asaf6t @oliverg

inadaequat: @etkbooks *blush* – übrigens auch online : http://twurl.nl/c1wlx2 , http://twurl.nl/4p1jri und http://twurl.nl/t5wb8c *g*

inadaequat: Schröder & Kalender erinnern an R. D. Brinkmann sowie an Jutta Koethers Essay in der legendären MÄRZ-Anthologie „Trivialmythen“ (1970)

etkbooks: bahnlese, print only: czz (http://www.zintzen.org/) rezensiert neue hörbücher in der http://www.nzz.ch .. poe, ch poetry slam, bradbury

etkbooks: abfahrt: auf nach luzern zu luzern bucht, dem http://www.literaturfest.ch/ und den anagrammtagen …

etkbooks: Staatspreis „Die schönsten Bücher Österreichs“ an Franz Dodels Nicht bei Trost http://tinyurl.com/gratulation http://www.franzdodel.ch

etkbooks: RT @litblogs_net : überhaupt: twitter und literarische weblogs … ein http://tinyurl.com/paar-statements

etkbooks: @inadaequat die theorie der theoriezerstörung … dieser dialektik ist einfach kaum beizukommen … (gefunden in barthes, neutrum, 302)

inadaequat: @etkbooks tja , was liest denn kollege hab wohl eben ? – un’gschaut ein verdacht , welcher zu folge hat , ganz bargfeld neu zu lesen –

inadaequat: @keinundaber Jörg Drews tot ? – Unfassbar & tragisch für die Bewahrung des Erbes der Avantgarden – http://twurl.nl/a6hsga

inadaequat: Die FR ruft angesichts der US-Verlagskrise „Die Stunde der kleinen Feinen“ aus – Liest man KMB gerne ! http://twurl.nl/tqgd1m

inadaequat: NA ENDLICH ist kookbooks‘ streben nach mäzenen auch in der FAZ angekommen ! http://twurl.nl/4wpj6f

etkbooks: dazu „Warum ist Landschaft schön?“ (könnte ne @Fischli_Weiss frage sein) … das verknüpfen mit der http://tinyurl.com/promenadologie

etkbooks: korrelationen: je schöner die landschaft, desto weniger die dichtung ? … http://tinyurl.com/oderberlin

etkbooks: „Wenn wir noch in Gaubickelheim wohnten, dann wärs ein Klacks“, alice schmidt, http://tinyurl.com/tagebuch1955

_vel: Zooblick

etkbooks: dumont nun also auch verlegerdichter. oder heisst es dichterverleger? http://tinyurl.com/dievilla (expand). lt. klappe wieder mal präzise prosa

inadaequat: “IDIOME – Zeitschrift für neue Prosa” : Mit & über Dieter Roth – HEUTE , Café Burger , Berlin ( wo sonst ? ) http://twurl.nl/daflqg

etkbooks: Am Nordmanntännchen / Im Krisenjahr Kugeln aus / Recyclingpapier #twly #haiku http://tinyurl.com/wartenurbald

etkbooks: ganz blutt: http://ganzblutt.blogspot.com/

litblogs_net: spanfreie Hürden #lbn: spanfreie Hürden http://tinyurl.com/dgre7l

_vel: spanfreie Hürden

_vel: Karthäusis

etkbooks: und zuletzt: „GONCOURT: NEVER WROTE ANY DIARY“: http://tinyurl.com/cacw5r

etkbooks: ron winter qwerty http://www.ronwinter.tv/drums.html

_vel: tribes of the hollow nation

etkbooks: auf WP umgestellt und nun mit feed: http://www.der-goldene-fisch.de/

etkbooks: achtung: beiträge für den open twitterchannel at http://www.litblogs.net/ … signiere mit: #lbn

Sipuro (notula nova 11)

„Sofern man seiner Berufung gewiß, über die Lächerlichkeit, Schriftsteller zu sein, erhaben ist, gibt es überhaupt nichts Lächerliches mehr und man kümmerts sich nicht mehr darum.“ (Friedrich Schlegel, Fragmente)

Überhaupt: die Inkommensurabilität aller Wörter. Und Personen.

(SIPURO, Bad – Salle de Bain. Stärkere Formel. Löst Kalk und entfernt Seifenreste gründlich … Ein Gartenzwerg vor einer strahlenden Wanne. Mit einer Sprechblase: „Oho!“)

Details, knapp oberhalb der Wahrnehmungsschwelle. Im Kontext grellen Blinkens.

Da! Ein Knall! Ein Donner! Die Fensterscheiben zittern. Und das Herz schlägt schneller. Was kann in diesem verschlafenen Tal so ein Geräusch produzieren? Ein Erdrutsch? Eine Kraftwerksexplosion? Ein Flugkörper, der die Schallmauer durchbricht? Ich bringe mich in Sicherheit.

„Neulich hatte ich mal wieder eine Idee zu einer neuen Zeitschrift, die natürlich kein Mensch finanzieren wird. Diesmal sollte sie „Gegenstand“ heissen, vielleicht um ein eingeheftetes englischsprachiges Insert auf hellblauem Papier erweitert, das man dann „Object“ überschreiben könnte. Diese Zeitschrift würde sich – ganz ohne äusseren Anlass – als Gegenstand ausschliesslich den kleinsten beschreibbaren und diskutierbaren Einheiten der Künste widmen: also der einzelnen Arbeit des Künstlers, nicht der Ausstellung, Hängung oder dem kuratorischen Gedanken, dem Song, nicht dem Album, dem Satz, nicht der Symphonie, der Episode, nicht der Serie etc.“ (Diedrichsen, Eigenblutdoping, 193)

Was wäre dieses „etc.“ im Literarischen? Hier (und nur hier) eine Berührung des Denkens mit Barthes (Vorbereitung des Romans) und den Thesen zum Haiku feststellen.

Zwei sichtbare, physische Effekte des ungewohnten Landlebens: Hornhaut an den Füssen. Insektenstiche, zu entzündeten Beulen angeschwollen.

Die CV-Narration-Biopic-Verblödung.

Landschaftsvermessung
Zwischen Innen und Aussen
Die Fliegengitter

Die Glasglocke

Sylvia Plath
Sylvia Plath (1932-1963)

Sylvia Plath: Die Glasglocke (auf amazon.de)

Es war ein verrückter, schwüler Sommer, in dem die Rosenbergs auf den elektrischen Stuhl kamen und ich nicht wußte, was ich in New York eigentlich wollte. Bei dem Gedanken an Hinrichtungen wird mir immer ganz anders. Die Vorstellung, auf den elektrischen Stuhl zu kommen, macht mich krank, aber in den Zeitungen war von nichts anderem die Rede – glotzäugige Überschriften, die mich an jeder Straßenecke und an jedem muffigen, nach Erdnüssen riechenden U-Bahn-Schlund anstarrten. Es hatte nichts mit mir zu tun, und trotzdem ließ mich die Frage nicht los, wie es wäre, die Nerven entlang bei lebendigem Leib zu verbrennen.

Ich dachte, es müsste das Schlimmste auf der Welt sein.

Dabei war New York schon schlimm genug. Um neun Uhr morgens hatte sich die trügerische ländlich feuchte Kühle, die nachts irgendwie hereingesickert war, verflüchtigt wie das Ende eines angenehmen Traums. Tief unten in ihren Granitcanyons zitterten die heißen Straßen unter der Sonne wie graue Luftspiegelungen, die Dächer der Autos glühten und glitzerten, und trockener Staub wehte mir wie Asche in die Augen.

Im Radio und in der Redaktion – überall war von den Rosenbergs die Rede, bis ich an nichts anderes mehr denken konnte. Es war wie damals, als ich zum erstenmal eine Leiche sah. Noch wochenlang tauchte der Kopf dieser Leiche – oder vielmehr das, was von ihm übriggeblieben war – beim Frühstück hinter den Spiegeleiern mit Schinken auf oder hinter dem Gesicht von Buddy Willard, der schuld daran war, daß ich die Leiche überhaupt gesehen hatte, und bald hatte ich das Gefühl, ich würde diesen Kopf an einer Schnur überall mit mir herumtragen, wie einen schwarzen, nach Essig stinkenden Ballon ohne Nase.

Sylvia Plath, aus: »Die Glasglocke«
© Suhrkamp Verlag 1997

••• Kaum ein Buch hat mich je einem derartigen Wechselbad der Gefühle ausgesetzt wie während der letzten Tage »Die Glasglocke« von . Wie hier letztens peinlicherweise in den Kommentaren zu lesen war, habe ich die »Glasglocke« vor Jahren von der Herzdame geschenkt bekommen, aber nicht lesen wollen und weiter verschenkt. Das war herzlos genug der Herzdame gegenüber, aber es war auch eine Respektlosigkeit gegenüber der Plath. Davon konnte ich mich jetzt überzeugen.

Wenn ein Roman so beginnt wie oben zitiert, kann eigentlich nicht mehr viel schiefgehen. Tatsächlich fühlte ich mich während der ersten Kapitel vollständig verzaubert. Was erzählt – das Praktikum einer 50er-Jahre-Ostküsten-College-Absolventin bei einer großen Frauenzeitschrift in New York – war eigentlich nebensächlich. In der Art, wie Plath erzählt, könnte sie mir die belangloseste Story berichten, und ich würde noch immer mit ungetrübter Begeisterung lesen. Ihr Stil ist quellwasserklar. Aus leichtestem Erzählschwang schwingt sie sich in poetische Beschreibungen von großer Intensität. Und die Naivität, die immer wieder aufschimmert und der Protagonistin ja ganz angemessen ist, macht alles nur noch frischer.

Je länger ich in dem klaren heißen Wasser lag, desto reiner fühlte ich mich, und als ich schließlich aus dem Wasser stieg und mich in eines der großen, weichen, weißen Hotelbadehandtücher hüllte, kam ich mir rein vor und frisch wie ein neugeborenes Kind.

Das beschreibt so in etwa mein Gefühl bei der Lektüre. Hinzu kam allerdings noch eine gehörige Demutsanwandlung angesichts dieses erzählerischen Könnens.

Dann aber – so ab ca. Seite 120 – war die Freude vorbei. Die Protagonistin kehrt aus New York in ihren Ostküsten-Vorort zurück. Sie hatte sich mit einem Text für einen Sommerschreibkurs an ihrem College beworben. Ein berühmter Autor sollte ihn halten. Zu Hause nun lag aber wider Erwarten die Ablehnung. Diese Enttäuschung leitet eine psychische Krise ein, die in einem Selbstmordversuch gipfelt, dort aber noch lange nicht endet. Die Erwähnung der Rosenbergs und des elektrischen Stuhls am Anfang ist sicher kein Zufall. Denn das Brennen unter den Stromstößen der Eltroschocktherapie in der Anstalt, in die sie eingeliefert wird, dürfte die Assoziation provoziert haben.

So wie die Wahrnehmung der Protagonistin immer fragmentierter wird, »fragmentieren« auch Erzählweise und Sprache im zweiten Teil des Romans. Wo Plath zuvor fulminant erzählt hat, skizziert sie nun nur noch, lässt Bilder und Situationen nur kurz aufschimmern. Das Lesen wird schwierig. Noch schwieriger aber wird es, das Erzählte zu verkraften. Keine Lektüre für seelisch labile Leser.

Natürlich beschäftigt mich als Autor die Frage, ob der Stilbruch bewusst gesetzt ist oder ob die »Höhe« des Anfangs einfach nicht zu halten war. Aber es spielt eigentlich keine Rolle. Gelesen haben muss man das Buch auf jeden Fall.

Senghor On The Rocks

Senghor On The Rocks

„Für den online Roman SENGHOR ON THE ROCKS wurden erstmals alle Handlungselemente eines literarischen Textes mit geografischen und zeitlichen Koordinaten versehen und so im chronologischen Verlauf auf einer Karte darstellbar gemacht. Auf Basis von Google Maps wird parallel zu jeder Szene des Textes deren Handlungsort als exakte geografische Position bzw. jede Bewegung als animierte „Fahrt“ auf der Karte dargestellt. Der Leser des virtuellen Buches erlebt die geschilderte Handlung als „Reise über die Landkarte“ und gewinnt über diese visuelle Ebene einen völlig neuen Zugang zum Text. Die Umsetzung als „book-a-like“ kommt trotz der innovativen Präsentation vertrauten Lesegewohnheiten entgegen – der Seitenspiegel bietet eine gut lesbare Textmenge pro Seite, jeder Textseite steht eine Kartenseite gegenüber, ein Lesezeichen ermöglicht, nach einer Pause seitengenau wieder in den Text einzusteigen. SENGHOR ON THE ROCKS kann mit allen gängigen Browsern und auch mit dem iPhone als mobile Applikation abgerufen werden.“ Mehr …

vgl. auch (aber?): particles

ALPHABETICAL ABISH


||| WELCOME TO VIENNA | ALPHABETICAL AFRICA | HOW GERMAN | FELIX AUSTRIA | PRÄSENTATION & DISKUSSION | FURTHER READING | KLANGAPPARATWELCOME TO VIENNA
Dioscur alt vorne

I walk along Mariahilferstrasse / looking for Mariahilferstrasse / I’m on Mariahilferstrasse / and I can’t find it .

Wer in solch Bernhardesker Manier die Strassen seiner Kindheit durchwandert , selbige mit seinem erwachsenen Bewusstsein allerdings nie zur Deckung bringen kann , ist WALTER ABISH , jener Schriftsteller , dessen Werk für Werk in je neuer Schreibweise gewachsenes Oeuvre in direkter Relation steht zum ständigen Neubeginn eines durch die historischen Situationen des 20. Jahrhunderts ins “unruhige Wohnen” gezwungenen Lebens .

Leicht zu finden – just von der zitierten Mariahilfertrasse aus – ist die Buchhandlung phil ( vis à vis dem Café Sperl ) , wo heute ( 20 H ) der im Weidle- Verlag zusammen mit der Exilbibliothek verwirklichte Materialienband “Walter Abish . 99 Arten das Ich und die Welt zu erfinden – Materialien und Analysen” ( hg. von Robert Leucht ) vorgestellt wird .

Der ständige Wechsel der Binnen- Poetologie in Abishs Erzählungen ( “Duel Site” , 1970 ) , Sprachexperimenten ( “Alphabetical Africa” , 1974 ) , Romanen ( “How German Is It | Wie deutsch ist es” , 1979 | 1980 ) und einer hochartifiziellen Autobiographie ( “Double Vision : A Self-Portrait” , 2004 ) erschwert eine synthetische Abbreviatur ebenso wie die unfreiwillig inkonsistente Vita , deren Formulierung wir uns kurzerhand aus dem anzuzeigenden Band borgen :

Walter Abish wurde 1931 in Wien geboren, floh mit seinen Eltern vor den Nazis nach Frankreich, später nach Shanghai; er lebte dann einige Jahre in Israel, ging aber, weil er seine Hebräischkenntnisse als ungenügend empfand, für kurze Zeit nach England, bevor er schliesslich Ende der fünfziger Jahre in die Vereinigten Staaten übersiedelte. Vor diesem Hitnergrund verwundert es nicht, das Abishs erster Roman, Alphabethical Africa, das Thema von Identität und Sprache aufgreift .

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ALPHABETICAL AFRICA

Dioscur alt hintenDas Zitat entstammt einer NZZ- Rezension von Jürgen Brôcan , die das Wagnis des Schweizers Schriftstellers Jürg Laederach , einen im Buchstäblichen Englisch sprachspielenden Roman ins Deutsche zu übertragen ( Alphabetical Africa | Alphabetisches Afrika , Deutsch von Jürg Laederach , Urs Engeler Editor ) würdigt , weniger allerdings die Manierismen und idiosynkratischen Hinzudichtungen des Übersetzers goutiert .

Das entlang der 26 Buchstaben des Alphabets erst auf- , dann absteigend erzählte getüftelte Werk mag zweifellos an der arbiträren Regelästhetik von OuLiPo inspiriert worden sein ( Stefanie Leuenberger ) , verweist zugleich in der Zerprengung von Identität und Erzählung auf das Prinzip “nomadisierender Schreibverfahren” ( Gilles Deleuze ) , wenn nicht gar auf die “roots” der Sprache in Roman Jacobsons Lesart .

Zeitgenössische Kritiker wie Richard Howard im TLS 1974 wollten das buchstäbliche Vordringen ins Innere AFRIKAS ( vulgo : DER SPRACHE ) eher freudianisch aufgeladen sehen :

… the continent Africa shaped like the human heart and the female genitals ( ….) and he [ Walter Abish ] is concerned , is obsessed to possess, to violate her by his literary fetish –

Die wirkliche Lust ( am Text ) stellt sich allerdings erst bei Ansicht der konkreten Sprachgestalt ein . Hier der Anfang des Buches bei Abish :

Ages ago, Alex, Allen and Alva arrived at Antibes, and Alva allowing all, allowing anyone, against Alex’s admonition, against Allen’s angry assertion: another African amusement … anyhow, as all argued, an awesome African army assembled and arduously advanced against an African anthill, assiduously annihilating ant after ant, and afterward, Alex astonishingly accuses Albert as also accepting Africa’s antipodal ant annexation. Albert argumentatively answers at another apartment. Answers: ants are Ameisen. Ants are Ameisen ?

Hier in der Übertragung durch Jürg Laederach :

Am Anfang allen Anfangs Alex, Allen, an Alvas Arm. Ankunft Antibes, Aussichtsterrasse, alter Ankerplatz. Als Alvas Aussehen alle anzog, allerhand Anzügliches anregte, als Alex Abmahnungen ausstieß, als Allen ärgerlich atmete, artete alles auf Anhieb aus: Abermaliges abgedroschenes afrikanisches Amüsement … Achje. Auch argumentierten alle, alte angsterweckend angeschwollene afrikanische Armee avanciere, attackiere andauernd afrikanische Ameisenhügel, Ameise auf Ameise abschlachtend. Als Alex anschließend alte Ansichten abermals ausformulierte, amtierte ausgerechnet Albert als Angeschuldigter: angeklagt ausserordentlicher Akzeptanz aller Ameisen-Annexion, Ausführende: Antipoden. Anderes Apartment: Albert arbeitet ausbaufähige Antwort aus, argumentiert anti Armee. Antwort: Ameisen als ‘ants’. Ameisen als ‘ants’ ?

Zum Vergleich noch eine weitere Übersetzung , die , zitiert in “99 Arten” , von Hanna Muschg unternommen worden war :

Ausserdem Alva, attraktiv, anstössige Aufforderung an alle aufrechten Afrikaner, aufstachelnd andererseits auch allerlei analytisch aggressive Autoren-Antizipation. Autor A. arbeitet an Alva annäherungsweise, anatomisch, affirmativ, aberwitzig, aber auch anschaulich.

Dass hier kein loses Lettern- Spiel getrieben wird , sondern als konsequenter text- und sinngenerativer Faden sich quer durch Abishs Oeuvre spannt , weist Stefanie Leuenbergers äusserst aufmerksamer Aufsatz bemerkenswert nach : Das Hereinfunkeln des deutschen Begriffes in “ants are Ameisen” antizipiert gleich zu Beginn ein später im Verlauf der Ereignisse auftauchendes Buch über “Die Ratsame und Nützliche Ausrottung der Gefährlichen Afrikanischen Ameisen” . “Dieser Titel” , so Leuenberger ,

parallelisiert die Ameisen mit den Verfolgten der Shoah. Philippe Cantié hat darauf hingewiesen, dass die Ameisen im Text überall gegewärtig sind: Das Morphem ‘ant’ ist in Toponymen wie ‘Antibes’ enthalten, in den Substantiven ‘Ashanti’ und ‘antelopes’, in Verben und Adjektiven wie ‘antagonizing’ und ‘antipodal’, fungiert als Suffix (’arrogant’) oder erscheint in der Wortwurzel (’anthem’, ‘anthropologists’). Versteckt und doch anwesend, bilden die Ameisen den verborgenen Text des romans. Somit verbindet Abish das deutschsprachige Wort mit dem in Nachkriegsdeutschland verdrängten Teil der Vergangenheit, der besonders in Abishs Roman How German is it | Wie Deutsch Ist Es (1980) zum Thema werden sollte. In Alphabetical Africa sind es Hermann und Gustaf, Figuren, die Gewalt, Unersättlichkeit und Grössenwahn verkörpern, die das deutsche Wort mit sich bringen.

Hier die ent- sprechende und eindrücklich brutale Passage , die es wohl wert ist , in voller Länge abgetippt zu werden :

Gobbling gestopfte Gans, gobbling Gabelfrühstück, gobbling goulash, gobbling Geschwind, Gesundheit, Gesundheit, gobbling Gurken, Guggelhupf, Gash Gash, Gish Gish, groaming, grunting, also complaining, chewing Grune Bohnen, Geschmackssache, as Germany grows greater, Alarmed, Gabon grows addittional food for Gustaf, and Gustaf’s children, Gerda, Grete and Gerhard. Gifted Grösseres Germany consumes energy and guarantees greatness, get going, grow another Goethe, great guy, claims Gustaf, as all Grundig gramophones in Gabon, gently croon: Goethe, Goethe, Goethe.

Den “Goebbels” hört man – diesmal kommtentieren wir in|ad|ae|qu|at – in diesem radikal rhythmisierten Rap deutlich heraus , ohne dass dessen Name genannt zu werden brauchte . Auch steht die in der Figur Heinrich Himmlers versinnbildlichte germanische Gefrässigkeit assoziativ durchaus bei Fuss .

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HOW GERMAN

Dioscur alt vorneVon diesem Malstrom der abgründig kontaminierten Sprach- , Klang- , Assiziations- und Sinnbilder ist es nicht weit zu “How German is it | Wie Deutsch Ist Es ( 1979 | 1980 ) , wo aus beizenden Übertreibungen und Klischees eine Art Märklin- Szenario errichtet wird , welche das Land , seine Ungeister und Wiedergänger zum Kenntlichen entstellt .

Als just in der geschilderten süddeutschen [ „Würtenburg“ ] Propperkeit ( bis hin zum Heidegger’schen [ „Brumhold“ ] Todtnau und den überall vergrabenen Leichen ) aufgewachsener Zeitgenosse , gibt sich in|ad|ae|qu|at angesichts dieses persönlichen Grundbuches befangen und zitiert aus der in “99 Arten” abgedruckten Rezension Michael Krügers :

Es werden keine Antworten gegeben, sondern Fragen gestellt; Deutschland wird nicht der Prozess gemacht, sondern der Prozess, in dem Deutschland sich befindet, wird illustriert. ( … ) Die Frage, ob der von Walter Abish inszenierte Totentanz ein wahres Bild wiedergibt, ist sekundär gegenüber der Leistug selber: So klug, moralisch und witzig ist von deutschen Schriftstellern schon lange nicht mehr über Deutschland geschrieben worden.

Wirklich “witzig” vermochte in|ad|ae|at dieses ätzend präzise Panorama zwischen den Relikten des Zweiten Weltkriegs , der postwirtschaftwunderbaren Fussgängerzonen- , Kaufhaus- , Mustersiedlungs- Aufgeräumtheit und dem Deutschen Herbst nicht wirklich zu finden : Der Vater des RAF- Terroristen Christian Klar war der beürchtigt autoritäre Direktor des Kreisstadt- Gymnasiums und als Kinder sammelten wir Waffen und Munition aus zersprengten Bunkern . Ski- Stunden am Heideggerberg . Abish trift dies alles – trotz oder wegen manch grotesker Verfremdung – beängstigend genau .

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FELIX AUSTRIA

Dioscur alt hintenAber auch Wien – Herkunftsort des Vertriebenen – kriegt auf allerlei kuriose Weisen sein irrwitziges Fett weg . In “99 Arten” beschäftigt sich Walter Vogl anhand der Story “Mehr über Georges” mit dem Wien- Bild des Autors .

Ort der Handlung : Kleinstadt Vienna , Maryland . Anlass : Feier zur xten Wiederkehr der Befreiung Wiens von der Türkenbelagerung . Kulisse : An allen Häusern und auf allen Plätzen die rotweissrote Fahne samt Doppeladler .

Zitat Abish :

In ihrem Eifer, ihrer Liebe zu Wien hatten die Bewohner des Städtchens (sogar) eine Kopie des Stephansdoms aufgestellt. Er war fünfmal kleiner als das Original, aber dreimal so gross wie der in Vienna, Maryland, 420 Einwohner.

Vogl analysiert das idiosynkratische Werk Walter Abishs – wir schreiben das Jahr 1983 – unter dem Aspekt postmoderner poetischer Verfahren :

Zwischen den Schwenks der erzählerischen Kamera ( … ) , dem Jonglieren mit immer schon vorgeprägten Fiktionen, blitzen eigentümlich verwischt und zweideutig die Sinnangebote unserer Kultur auf. Immer, wenn wir Abish auf ein bestimmtes Thema festgelegt zu haben glaubten, ist er uns auch schon wieder entwischt.

Dass Abish auch sich selbst – speziell das Selbst der Erinnerung – kontinuierlich entwischt , akzentuiert der glänzende Essay über “Abish und Proust” des amerikanischen Philologen Maarten van Delden .

Hier wird Abishs autobiographische Irritation “Double Vision : A Self-Portrait” ( 2004 ) in Relation gesetzt zu Prousts legendärer “Recherche” . In beiden Fällen entsteht eine charakteristische Diskordanz zwischen den Orten der Erinnerung und deren realer Gegenwart . Dabei tritt insbesondere “the disjunction between the utterly agreeable amtosphere of present- day Vienna and the flickering memories of the city’s Nazi past” zu Tage .

It is here that Abish most clearly employs the Proustian device of contrasting two visions – the child’s and the adult’s. Looking back upon his childhood, the author is clearly puzzled by his failure to comprehend the political events that led to his family being forced out of their Viennese home – and to the death of his father’s mother, sisters, and brother in the Nazi camps.

Grund für die Verkennung mag einerseits das Alter des damals Sechsjährigen gewesen sein , anderseits der Umstand , dass die Familie ein assimiliertes Leben führte und sich nicht unmittelbar als jüdisch empfand . Über die Deportation der väterlichen Angehörigen wurde en famille ebenso wenig gesprochen wie über deren Erschiessung bei Maly Trostinez . Erst angesicht der Fotos von zum Strassenbürsten gedemütigten Juden wird sich der Erzähler des unüberbrückbaren Grabens ziwschen subjektiver Erinnerung und rationaler Kenntnisnahme bewusst .

Poetologisch entsteht dadurch – bei Abish nicht minder als bei Proust – “a persistant narrative instability” , Resultat einer “epistomological orientation marked by doubt and uncertainty”.

Womit Walter Abishs in buchstäblichem Sinne zu verstehende Weltliteratur – vermutlich sogar contre coeur und trotz einiger Features des amerikanischen Postmodernism – wiederum inmitten der Wiener Schule des Wahrnehmungs- und Sprachzweifels angelangt wäre .

Bleibt nur zu hoffen , dass Unternehmungen wie dieser feine Digest zur deutschen Neuausgabe von “Wie Deutsch Ist Es” führen . Es muss ja nicht unbedingt wieder bei Suhrkamp sein …

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PRÄSENTATION & DISKUSSION

Dieses und anderes zu diskutieren , mag heute abend Gelegenheit sein , wenn Herausgeber Robert Leucht dieses exzellent edierte ( genaue Bio- und Bibliographie ) und vielfältig inspirierende Buch präsentiert .

Mit Beiträgen von Jürgen Brôcan , Michael Krüger , Jürg Laederach , Robert Leucht , Stefanie Leuenberger , Sonja Osterwalder , Helmut Schödel , Janusz Semrau , Maarten van Delden , Walter Vogl , Paul West , Helmut Winter , Bio- und Bibliographie , in deutscher sowie in englischer Sprache –

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FURTHER READING

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KLANGAPPARAT

Einem neuen Sound- Überflieger gesteuert von Handen unseres Nachtflug- Piloten Tom Larson werden wir in|ad|ae|qu|at sicherlich nie die czz-hoerempfehlungLandeerlaubnis entziehen : Die gibt’s tax- und kerosinfrei im Abonnement bei Mixotic . Heute “Night Drive Music Labelmix Vol.2” . – Dank kraftvoll angedrehter Sequenzer- Propeller erhält sich die drängende Energie auch in den stilleren Schwebephasen . Gelegentliche Turbulenzen beim Spalten von Wolkenwänden sind ebenso systemisch wie die anschliessenden Klangfarb- und Harmonie- Lichtwechsel . Wählen Sie die Luftbrücke Ihres lustvollen Vertrauens . CLICK LINK TO SEE PLAYLIST AND LISTEN .

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Ode an die Büroklammer

Wie fast alles, was aus der Zivilisation nicht mehr wegzudenken ist, haben die Sumerer die Büroklammer erfunden. Ich habe keine Ahnung, wie man sich das vorzustellen hat, falls die Steuererklärung auch damals schon so fett war – jedes Blatt eine Tontafel. Es muss ein Konstrukt von den Ausmassen meines Wäscheständers gewesen sein. Dass Büroklammern einmal Symbol des norwegischen Patriotismus und Zeichen der Königstreue waren, ist geradezu romantisch, besser als jedes Schweizer Sackmesser. Ich mag Büroklammern sehr. Ich habe immer ein paar Nobelexemplare auf Lager für feierliche Post und massenhaft billige, um denen vom Steueramt meine Verachtung mitzuteilen (da ich ja nicht den Wäscheständer schicken kann). Als Kinder haben wir uns aus Büroklammern Halsketten und Armreife gebastelt, sogar Ohrringe, nachdem wir uns die Ohrläppchen mit Nähnadeln gelocht hatten. Damit blieb man dann des öfteren schmerzhaft hängen, denn die Klammerketten konnten nicht lang genug sein. Heute fädle ich Büroklammern zusammen, wenn ich mal wieder vergeblich versuche, mir das Nägelkauen abzugewöhnen oder weniger zu rauchen, oder wenn die Noppenfolie ausgegangen ist oder wenn ich mit oder ohne Grund nervös bin (macht sich recht gut im Vorzimmer einer Behörde oder eines Personalchefs). Man kann mit Büroklammern eine Leimtube entstopfen, Schlösser knacken, Schinkenscheiben ordentlich beisammenhalten, Dreck unter den Zehennägeln hervorpulen (die Fingernägel sind kurzgefressen, aber an die Zehen kommen die Zähne nicht ran). Es gibt nicht viel, was man mit Büroklammern nicht tun könnte. In unserer Familie kursierte sogar die Legende von einer elfenschönen Sekretärin, die an einer Büroklammer erstickt sei, weil sie während der Arbeit säckeweise Erdnüsse vertilgte, in die in der Hitze des Diktats auch hin und wieder Büroutensilien hineinfielen. Die Büroklammer kennt nur ein einziges Tabu: sie darf nie, niemals als Buchzeichen missbraucht werden.

Längen und Kitsch?

Die anfängliche “Pleite” mit dem vierten Wechsler-Kapitel hat mich misstrauisch gemacht. Das Folgekapitel muss mit einer längeren Passage beginnen, in der die Beziehung zwischen Wechsler und seiner Frau näher beleuchtet wird. Ich kann noch nicht verraten, warum ich diese Strecke brauche. Nur so viel: Das Kapitel kann ein wenig Länge am Anfang vertragen, weil es in der Mitte und am Ende zwei Paukenschläge geben wird, die es in sich haben.Dennoch frage ich mich, ob ich nicht zu ausführlich werde. Echte Längen will ich mir in diesem Buch nicht leisten. Das Feuer darf nicht ausgehen…

Auch bin ich mir unsicher, wie dicht am Kitsch ich mich bewege, wenn ich in dieser Breite Themen wie Gefühlsdiskrepanzen und Heiratsanträge behandle.

 

Wie sehr mein seelisches Gleichgewicht von der Zuwendung meiner Frau abhängt, den vertrauten Worten, den kleinen Gesten und Zärtlichkeiten, ist mir in den letzten Tagen sehr bewusst geworden. Nachdem wir das von meiner Tochter entdeckte Wechsler-Foto begutachtet hatten und uns einig waren, dass es sich um jemand anderen handeln musste, umarmten wir uns. Und später, als wir ins Bett gegangen waren, schmiegte sie sich zum ersten Mal seit langem wieder an mich. Nach all den Verwirrungen der letzten Tage, dem Zweifeln und Argwöhnen, kehrte ein wenig Ruhe ein in mein aufgewühltes Inneres. Ich nehme an, es ging ihr nicht anders.

Ich war nie, was Kishon den »besten Ehemann von allen« nennen würde, denn es ist nicht leicht, etwas von mir zu haben. Wenn ich sage, ich war in der ersten Zeit unseres Zusammenseins damit beschäftigt, in meine Frau verliebt zu sein, erklärt das recht gut, was ein Leben mit mir zuweilen schwierig macht. Beschäftigt war ich mit dem Gefühl des Verliebtseins, aber ich bezweifle, dass meine Frau damals den Eindruck hatte, ich sei beschäftigt mit ihr. Der größte Teil der Romanze zwischen uns spielte sich in meinem Innern ab, und es brauchte einen der eher seltenen offenen Momente, in denen ich aus mir herauskommen konnte, damit sie überhaupt mitbekam, wie wichtig sie mir war.

Dieses Versunkensein im eigenen Ich war so stark, dass es lange gebraucht hat, bis mir überhaupt klar wurde, dass ich sie ausschloss. Mein Gefühl sagte mir, dass ich sie in Liebe und Aufmerksamkeit geradezu badete. Jeder zweite Gedanke galt ihr. Sie machte mich glücklich wie noch niemand zuvor. Und ich konnte gar nicht begreifen, dass sie dies nicht wahrnahm, sondern im Gegenteil glaubte, ich interessiere mich für alles Mögliche, nur nicht für sie.

Die Welt in mir war für mich die Welt. Selten kam jemand zu Besuch. Noch seltener gab ich Auskunft über mich und die Wirklichkeit, in der ich lebte. Bei der Nähe, die ich von Anfang an zwischen uns empfunden hatte, kam es mir nicht einmal in den Sinn, dass es für sie keine Verbindung dorthin geben könnte – es sei denn, ich stellte diese Verbindung her: nicht nur in meinen Träumen, sondern durch Worte und durch Taten.

Nicht selten kam es vor, dass ich sie mit einer Bemerkung überraschte, die ich für ganz belanglos hielt, weil keineswegs neu. Wie selbstverständlich bin ich jeweils davon ausgegangen, dass sie doch wissen muss, was ich denke und fühle, nicht zuletzt weil ich mir sicher war, es schon dutzende Male ausgesprochen zu haben. Und dann erfuhr ich von ihr, dass ihr völlig neu sei, was ich erzählte, weil ich mir immer nur eingebildet hatte, ihr alles mitgeteilt zu haben, tatsächlich aber die Worte nie den Weg über meine Lippen gefunden hatten.

Völlig entsetzt war ich, als wir, Jahre nach unserer Hochzeit, einmal über den Tag sprachen, an dem ich sie gefragt hatte, ob sie mich heiraten wolle.

Ich war mir lange schon sicher gewesen, dass sie die Richtige für mich war. Aber ihre Bemerkung, dass sie ohne besagtes Missverständnis, als wir uns kennenlernten, nicht einmal mit mir ausgegangen wäre, wirkte nach. Ich spürte ihre Liebe, war mir aber dennoch ewig unsicher, ob sie mich wirklich wollte.

An jenem Tag waren wir eine längere Strecke im Auto gefahren. Wir hatten uns unterhalten, gescherzt, Pläne geschmiedet, und ich bildete mir zum ersten Mal, seit wir uns kannten, ein, dies könnte der Moment sein, in dem sie Ja sagen würde. Also fragte ich, und sie sagte Ja. Sechs Wochen später haben wir geheiratet. Wir beide konnten es kaum erwarten. Es wäre noch schneller gegangen, hätte sich der Juwelier für die Anfertigung der Ringe, die wir gemeinsam entworfen hatten, nicht wenigstens sechs Wochen ausgebeten.

Das ist meine Erinnerung an jenen Tag und die wenigen Wochen, die danach noch bis zu unserer Hochzeit vergingen. Ganz anders hörte es sich an, als meine Frau mir Jahre später erzählte, wie sie den Tag meines Antrags erlebt hatte.

Es stimmte wohl: Ich hatte den richtigen Augenblick gewählt; doch sie hatte nicht sofort zugestimmt, weil einfach alles gepasst hatte und es keine Zweifel gab. Vielmehr hatte meine Frage sie völlig überrascht. Als ich sie stellte, erzählte sie mir, war sie sich zum ersten Mal, seit wir uns kannten, sicher, dass ich wirklich sie meinte und mich tatsächlich für sie interessierte. Einen nachdrücklicheren Beweis dafür, dass ich in einer anderen Welt lebte als sie, hätte es nicht geben können.

Auch später erging es ihr nicht wirklich besser mit mir.

In der Zeit der Nachstellungen durch Finanzbehörden und Gerichtsvollzieher nahm ich jeden Auftrag an, den ich bekommen konnte. Ich setzte alles daran, nicht nur das Schuldendrama so schnell wie möglich zu beenden, sondern bemühte mich auch, sie und die Kinder so wenig wie möglich spüren zu lassen, dass es um unsere wirtschaftliche Lage nicht zum Besten stand.

Ich ließ alle Briefe der Finanzkasse verschwinden, bevor meine Frau sie hätte lesen können, versteckte die Kontoauszüge und gab ihr das Wirtschaftsgeld bar. Stand eine notwendige Anschaffung an, ließ ich mir etwas einfallen. Sie sollte nie das Gefühl haben, etwas entbehren zu müssen – wenn man von der winzigen Wohnung einmal absah, in der wir es uns nach Auslagerung der meisten unserer Bücher doch irgendwie bequem gemacht hatten.

Zu gut erinnerte ich mich an meine Kindheit, die permanenten Geldsorgen meiner Eltern, das Schwarztaxifahren meines Vaters, nachts nach einem vollen Arbeitstag, und die Privatkredite von Freunden, die sie zum Teil durch Wochenend-Renovierungsarbeiten abgedient hatten. Außerdem spukte mir ständig eines der Lieblingszitate meiner Mutter durch den Kopf: »Meine Herrn, meine Mutter, die prägte / auf mich einst ein schlimmes Wort. / Ich würde noch enden im Schauhaus / oder an einem noch schlimmeren Ort.« Das war Brecht, kam meiner Mutter jedoch immer wieder und ganz natürlich wie eine eigene Schöpfung über die Lippen, seit ich ihr eröffnet hatte, dass ich meinen Lebensunterhalt mit Literatur verdienen wollte.

Ich arbeitete also. Bei Frau und Kindern war ich nur noch ein eher selten gesehener Gast.

Nun hängt meine Frau, wie schon gesagt, kaum an materiellen Dingen. Aber sie fühlt romantisch. Was nützt ihr ein Mann, wenn sie nichts von ihm hat, weil er abwesend ist, entweder tatsächlich, weil er Kunden beglückt, oder aber geistig, wenn er zu Hause ist, aber nichts von dem preisgibt, was ihn beschäftigt, weil er fürchtet, sie damit nur zu belasten?

Nicht einmal, nachdem die Dramen ausgestanden waren, hat es sich wirklich zum Besseren gewendet. Ich war dankbar für den nun wieder freien Kopf und nahm flugs die Beschäftigungen wieder auf, für die in den Jahren zuvor die Zeit und Muße gefehlt hatte. Ich schrieb wieder und jagte nun auch noch nach guten Autoren und Geschichten. Was immer ich mir für einen Tag vornahm, hätte zwei- oder dreimal vierundzwanzig Stunden erfordert. Um alles umzusetzen, was mich interessierte und was ich mir ausmalte, hätte ich drei Leben gleichzeitig leben müssen.

Meine Frau ist Leserin, eine leidenschaftliche Leserin sogar, aber meine Begeisterung für Entstehen und Herstellung von Büchern kann sie nicht teilen. Sie möchte gar nicht wissen, welche Kompositionsprinzipien bestimmten Romanen, die sie fesseln, zugrunde liegen. Und erst recht nicht möchte sie mit Druckfahnen, unendlichen Korrekturgängen, ISBN-Nummern, Messen und Vertreterbesuchen zu tun haben.

Also bleibe ich auch heute in diesem Bereich für mich. Mitunter kommt es mir vor, als sei ich eingesponnen in all diese Vorhaben und Aktivitäten wie in einen Kokon. Aber meine Frau ist es und immer wieder nur sie, die mich durch die enggesponnenen Fäden hindurch ruft und auch erreicht. Sie ist meine Verbindung hinaus in die andere Realität, jene Welt, in der meine Kinder spielen und einen Vater brauchen, und in der sie selbst sich einen Mann wünscht, der Anteil nimmt und sie Anteil nehmen lässt an dem, was ihn bewegt.

Tage-Bau

tagebau

“MTV zum Lesen” schrieb die Berliner Zeitung über das kollektive Netztagebuch tage-bau.de, das in der Tradition der Tagebuchliteratur der frühen Berliner Salons steht und vom Kultursender arte für seine Innovationskraft ausgezeichnet wurde. Um den Gästen des virtuellen Salons berlinerzimmer.de die Möglichkeit zur kreativen Mitarbeit zu geben, haben Sabrina Ortmann und Enno E. Peter 1999 das kollektive Netztagebuch tage-bau.de ins Leben gerufen.

Der tage-bau steht in der Tradition der Tagebuch- und Briefliteratur der frühen Berliner Salons am Anfang des 19. Jahrhunderts. Unter den Autoren aus verschiedenen Ländern finden sich Romanautoren, Netzautoren und Journalisten. Gemeinsam erschreiben und beschreiben sie im World Wide Web jeden Tag neu: der Leser stößt auf Alltägliches und Außergewöhnliches, auf Essays, Gedichte, Romanfragmente und spontane Notizen, die von den Mitautoren aufgegriffen und in eigenen Beiträgen weiterentwickelt werden. Für den gemeinschaftlichen Beitrag “Mein Pixel-Ich” erhielt der tage-bau vom Kultursenders ARTE den Innovationspreis im Rahmen des them@-Literaturwettbewerbs.

Die prämierten Texte rund um das Leben in der Online-Welt sind 2001 als Buch erschienen. (tage-bau infos)

Hartmut Sörgel, Carmen Winter, Burkhardt Sonntag, Angelika Zöllner, Werner Theis, Hella Streicher, Uwe Schick, Niko Burbach, Martina Peter (nav neet), jörg meyer / ögyr, Andreas Humburg, Hans-Jürgen John, Mone Hartman, Sylvia Hagenbach, Jürgen Gisselbrecht, Ilona M. Duerkop, kathrin a.-m. drescher, Betty Bienenstich, Angela Planert, Marco Hallinger, Nico Fuchs, Karin Graf-Braun (kamahe), Elvira Surrmann (Stand 08/2008, Mehr zu den Schreibenden)

Litblog / URL:
Tage-Bau
http://www.tagebau.tyrakel.de/wordpress/

Play it again : FÜR den Bachmannpreis und WIDER die Literaturschulen – Eine Übertragung


||| IM FEUILLETON : FUSSBALL UND FISCHGERICHTE | IM FEUILLETON : FLUCH DER FERNSEH- FORMATIERUNG | “EVENT” ALS ENDE DES EXKLUSIVEN | DEALS DER JURIEN | FERN- SICHT VIA INTERNET : SELBSTTEST IN ECHTZEIT | AUFERSTEHUNG DES HÖRSPIELS VIA BILDSTREAM | ZUM GEZETER ÜBER DAS “PROFESSIONELLE” : EIN CETERUM CENSEO | LINKS | RELATED | KLANGAPPARAT

IM FEUILLETON : FUSSBALL UND FISCHGERICHTE

TDDL 2008 banner 300pxMusste man über Jahre hinweg lesen die stereotypen Stoss- Seufzer über den Bachmannpreis am ( Vorsicht : Wortspiel ! ) Wörther See und wie man sich abends bei Maria Loretto im berühmten Fischrestaurant unter den gruselig präparierten Fischköpfen an den Wänden ( Vorsicht : Bildwitz ! ) beim Gastmahle traf und wie dort oder auf den literaturjournalistischen Amateur- Fussballfeldern der Ehre es die Outsider den Insidern gaben

Musste man alljährlich lesen dieselben Protokolle von Outfits und Aussagen ( halbprivat ) , dasselbe Raunen über die echten , aus dem Genusse geistiger Getränke ergossenen Literaturbetriebswahrheiten …., so rächt sich das Feuilleton in diesem Jahr unisono mit Groll und Hohn für die Verknappung seiner Sport- und Spielwiese von zwei auf vier Tageslängen .

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IM FEUILLETON : FLUCH DER FERNSEH- FORMATIERUNG

picto TVIn chorisch harmonierenden Einzelstimmen wendet man sich gegen die Layoutierung der Show zu Zwecken und zu Gunsten der 3- sat- TV- Übertragung . Im fernsehgerechten Format , so der beleidigte Tenor ( Die Presse , taz ) , verwandle sich Literatur eben in jenes Ärgernis einer “prime time”- ( Der Standard ) , “Mittelstands-” ( DIE WELT ) , “Vita contemplativa”- ( FAZ ) und “Langweile”- ( NZZ ) Veran- oder –unstaltung , als welche sie sich anno 2008 den vor Ort Wesenden präsentierte .

Keiner mochte da einlenken , dass es eben die Fernsehübertragung sei , welcher die Juroren ihre Prominenz ( und guten Gagen ) danken , die im Besonderen allerdings dafür garantiert , dass Literatur im Feuilleton weiterhin für “der Rede wert” befunden wird . Anderseits gestattet just die Fernseh- Übertragung eine Teilhabe Vieler an einem lokalen “Event” : eine Zeugenschaft , welche die Lesungen selbst – allerdings auch die Leistungen der Jury , nicht zuletzt aber auch die Beurteilungen durch das Feuilleton – ÜBERPRÜFBAR macht .

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“EVENT” ALS ENDE DES EXKLUSIVEN

picto TVSomit gerät die Oberhoheit der Kanzelrede und der exklusive Deutungsmacht des Feuilletons ins Wanken : Prompt reagiert das Feuilleton auf die solcherart “globalisierte” Information , indem es die Stadt Klagenfurt ebenso kleinredet und zur kleingeistig- protofaschistischen Provinz ( DIE WELT ) erklärt wie überhaupt den ganzen Bewerb inklusive der Juroren samt der von ihnen “vorgeschlagenen” und diskutierten Text- und Autoren- Funktionen .

Denn aber , hallo und sorry , möchten wir bescheiden daran erinnern , dass Klagenfurt noch immer ein Erbmöbelstück der “Gruppe 47″ ist und von deren berüchtigten Meetings , deren Lesungen und deren , jedem Widerspruch abgeneigten Ab- Urteilungen derer , die da lasen . Die , die da lasen , waren ( siehe : das Prinzip der “Einladung” bzw. der Juroren- Vorschläge ) selbstverständlich nur ein Teil “sie selber” . Der Löwenanteil war und bleibt allerdings das , womit sich ein Juror zu profilieren gedenkt , WEN er ins Rennen schickt und WAS er der Arena des Sammelkampfes vorwirft … zur Augenweide oder zum Frasse .

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DEALS DER JURIEN

TDDL 2008 banner 300pxWas das Juryprinzip ist in vielen verschwiegenen Versammlungszimmern , an Tagungstafeln und bei Konferenztisch- Kaffee aus Thermoskannen vollzieht , liegt in Klagenfurt vor Aller Augen . Deals , Kontrakte , Freundlichkeiten im Austausch gegen Imagepunkte , oder – bei Schlagseite des eigenen Kandidaten : der schnelle Seitenwechsel und Überlauf , der mit rhetorischer Verve überbrüht werden muss , damit der Sieger als selbstgekochtes Süppchen verkauft und vertreten werden kann .

Ja mei : All das ist hinlänglich bekannt . Was aber nun , wenn wir zugucken dürfen ( live dabei sein ! ) in der durch die Fernsehkameras und die hitzige Ausleuchtung nachvollziehbar unangenehm schwül- bedrückten Arena ? – Seit zwanzig Jahren weder im Besitze eines TV- Apparates noch des Animo , sich leiblich dem “Betriebsausflug” auszusetzen , hat in|ad|ae|qu|at das sogenannte “Wettlesen” stets via Feuilleton- Rapports und Insider- Witzen rezipiert . Und dabei Hunderte der oben genannten Fischessen , Fussballschweisstreibereien , Beschwipstheiten und Ausflügen ins lokale Puff nachlesen dürfen . Wenn im September dann oder im Oktober der jährliche Band “DIE BESTEN” bei Piper erschien , konnte und wollte sich eh Keiner mehr an das frühsommerliche Klagenfurt erinnern .

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FERN- SICHT VIA INTERNET : SELBSTTEST IN ECHTZEIT

picto TVNun aber hat das Netz auch für fernsehfrei lebende Zeitgenossen die “Zugänglichkeit” zu diesem eminenten Ereignis der Eliten von Feuilleton und Sozial- Performanz ermöglicht . Und solche “Zugänglichkeit” zu höherer – menschlicher , kultureller , emotionaler – Bildung gilt mittlerweile als Menschenrecht . Na gut , machen wir von solcher “Zugänglichkeit” via “Stream on Demand” Gebrauch und vollziehen “Klagenfurt” im totalen Echtzeit- Selbsttest und unter verschärften Bedingungen von sukzessiver Mitschrift und Fortverlinkung mit : Vierzehn Stunden lang an Bildschirm und Tasten , plus Mittagspausen usf.

Hier das Testergebnis : Auch unter den eingeschränkten Erwartungen , was ein Stream- Bild an Qualität vermitteln kann , ist der visuelle Faktor erbarmungslos kläglich . Im Chiaroscuro eines nur spotmässig ausgeleuchteten Studios verhindern abstruse Kamera- Totalen eine Konzentration auf den logisch zu fokussierenden Sprecher . Tritt selbiger allerdings – egal , ob gebeugter Autor , gestikulierender Juror oder bräselnder Moderator – ins Bild des Nah- Objektivs , erstarren die Talking Heads hinter der dick aufgetragenen und unvorteilhaft angestrahlten Maske . Da man Menschen , welche man schätzt und kennt , nur ungern in solcher Ensor’schen Masken- Übermalung betrachtet , verlegt man sich bald aufs Abblenden . Und siehe : Man beginnt zu HÖREN . ZUZUHÖREN sogar .

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AUFERSTEHUNG DES HÖRSPIELS VIA BILDSTREAM

TDDL 2008 banner 300pxUnd statt des blauen Studios erleben wir das blaue Wunder der Verwandlung eines “Literaturwettbewerbs” in ein HÖRSPIEL in Echtzeit : Mit den klassischen Chargen , Beschleunigungen und Retardierungen , Strophe und Refrain , Solo und Chor sowie viel lokal gefärbter Sprachmusik . Da treten die ausgestellten ( literarischen ) TEXTE als ebenso subjektive STIMMEN und CHARAKTERE auf wie das Geplänkel der Juroren , deren ebenso ausgestellten Bekenntnis- TEXTE und kulturtheoretische ROLLENPROSA . Solcherart sind wir – auch über manche Mühen der Textebenen ( aller Fraktionen ) hinweg – in den Genuss eines selten so unterhaltsam vernommenen HÖRSPIELS gekommen .

Fazit : Wenn schon das Radio sein Selbstbewusstsein als AKUSTISCHES Medium hinter Internetbildchen , LOGO- Optik und visuellen User- Interfaces am Handy verleugnet , wird man fortan das live übertragene , respektiv netz- gestreamte oder ON DEMAND abgespielte TV- BILD als neues Radio gebrauchen . BILD AB , TON AUF : Lass es jazzen , Mann , horch hin und maule nicht .

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ZUM GEZETER ÜBER DAS “PROFESSIONELLE” : EIN CETERUM CENSEO

picto TVUnd WENN man sich zu Klagenfurt bzw. in den Redaktionsstuben postum seit Jahren über die ( Vorsicht ! ) “gut gemachten , aber …“-Schreibstücke beklagt , dies Jahr erstmals auch über die ( Vorsicht ! ) “gut vorgelesenen , aber …“-Texte , dann schliesse man doch bitte endlich und einfach die VEBs der Literaturschulen und entlasse deren renommierte Lehrer , welche eben die SERIENTEXTE und -BEFINDLICHKEITEN mitproduzieren , über die sie und ihre Kollegen dann öffentlich mäkeln . Sorry : Bei diesem Betriebsspiel werden Menschen verbraucht … Der Rest der Argumentation ist unter der Kategorie “Germany’s Next Topmodel” bzw. “Deutschland sucht den Superstar” ( DSDS ) nachzulesen . Oder hiesse es doch nicht noch besser : “Dschungel-Camp – Ich bin ein Star – holt mich hier raus” ?!

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LINKS

  • Tilman Rammstedt erhält Bachmann-Preis – Der deutsche Autor Tilman Rammstedt hat den renommierten Ingeborg-Bachmann- Preis gewonnen . Der 33-jährige Schriftsteller wurde im österreichischen Klagenfurt für seinen Roman “Der Kaiser von China” ausgezeichnet . Rammstedt wagte etwas , das in Klagenfurt selten goutiert wird : Humor ( Elmar Krekeler , DIE WELT , 30. 6. 2008 )
  • Bachmann-Preis 2008 : Darauf haben wir gewartet ( Oliver Jungen , FAZ , 29. 6. 2008 )
  • Vom Dienstbotenelend der Literatur – Der 32. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb – Mit einer Grossvater- Geschichte holt sich der Berliner Tilman Rammstedt den Ingeborg- Bachmann- Preis 2008 . Seine Erzählung ist komisch , wo die Qualität der sonst noch vorgetragenen Texte fast tragisch ist . Selten zuvor war die Literatur in Klagenfurt so durchschnittlich wie diesmal ( Paul Jandl , NZZ , 30. 6. 2008 )
  • Neuigkeiten aus Klagenfurt – Öl im Getriebe – Beim diesjährigen Ingeborg- Bachmann- Wettbewerb haben sich die Schriftsteller , die Jury und das Publikum auf die Bedingungen des Fernsehens eingelassen ( Dirk Knipphals , taz , 30. 6. 2008 )
  • Das Jahr der Freundlichkeit – Der 32. Bachmann- Preis ging an den in Berlin lebenden Tilmann Rammstedt – Markus Orths und Patrick Findeis hatten Chancen . Eine Entscheidung , unentschieden ( Cornelia Niedermeier , Der Standard , 30. 6. 2008 )
  • Bachmann-Preis : Ein Tyrann als komischer Held – Tilman Rammstedt gewinnt mit seinem schwarzhumorigen “Der Kaiser von China“ in Klagenfurt . Er setzte sich bei Jury und Publikum durch ( Harald Klauhs , Die Presse , 30. 6. 2008 )
  • Literatur , im Wörther See versenkt – Beim Wettlesen zum Bachmann-Preis wird alles den Erfordernissen des TV , der Marke untergeordnet . Ein Text ist aber kein Waschmittel ( Harald Klauhs , Die Presse , 30. 6. 2008 )

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RELATED

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KLANGAPPARAT

Ein Eintauchen in buchstäbliche Liquid Levels gestattet das herrlich verhaltene LOOPZILLA– MIX Numero 60 . Fern von jeder hochsommerlichen czz-hoerempfehlungBeach- Life oder Sonstwie- Fröhlichkeits- Frenesie , bleibt das “Sofa Mix” cool abgedimmt im gangbaren Takt , ohne ins loungig- Beliebige abzudriften : Daniel P. aka “Project Swirl” bedient sich mit seiner exquisiten Mischung aus Releases von Netlabels wie yukiyaki , Thinner , unfoundsound oder clear-cut allerdings nur beim Feinsten . – CLICK LINK TO SEE PLAYLIST AND LISTEN . |||


… das Feuilleton will sich ausgeschlossen fühlen

Ein sehr lesenswerter Artikel zur Rezeption von Elfriede Jelineks „Neid“ erschien heute in Dirk Schröders hor.de. Bitte anschauen

„(…) Wirklich findet sich auf Jelineks Website dieses Verbot: Sämtliche hier wiedergegebenen Texte sind urheberrechtlich geschützt und dürfen ohne ausdrückliche Erlaubnis in keiner Form wiedergegeben oder zitiert werden. Es ist aber keins. Das Zitat ist eine der Schranken des Urheberrechts. § 46 regelt das in Österreich: Zulässig sind die Vervielfältigung und die Verbreitung … wenn einzelne Stellen eines veröffentlichten Sprachwerkes angeführt werden … zur Erläuterung des Inhaltes. Gemeint ist vielleicht etwas anderes: das Feuilleton will sich ausgeschlossen fühlen. Nur so kann es die Nur-Internetpublikation einer Nobelpreisträgerin verstehen

(…)

Andererseits meinte Spiegel auch, durch ansatzweise Offenheit, unterbliebenen Druck und fehlendes Lektorat würde die Aushöhlung des klassischen Werkbegriffs, die in Elfriede Jelineks Schaffen immer schon angelegt war, im Netz auf die Spitze getrieben. Und: So ist ein Werk entstanden, das die Mittel des Blogs benutzt, um nahezu sämtliche Fesseln des Romans abzustreifen. Was auch nicht trifft, denn einem Blog ähnelt der Privatroman so wenig, wie er Fesselns abstreift, abseits solcher Äußerlichkeiten, die nicht schon vor hundert Jahren abgestreift worden wären. Und der klassische Werkbegriff ist zudem längst in den modernen Warenbegriff transformiert.“

Mehr …