Silke Scheuermann hat einige wunderbare Gedichte geschrieben, mit ihrer Prosa konnte ich bislang herzlich wenig anfangen. Vorgestern stellte sie ihren neuen Roman „Shanghai Performance“ in Karlsruhe vor. Hier meine Besprechung heute in den Badischen Neuesten Nachrichten:
„‚In schlechter Geistesverfassung‘ sei sie gewesen, als sie ihre Geburtsstadt Karlsruhe öffentlich ‚langweilig‘ nannte. Dass Silke Scheuermann es doch lieber etwas größer hat, macht sie in ihrem neuen Roman „Shanghai Performance“ deutlich, den sie bei ihrer Lesung der Literarischen Gesellschaft in der Badischen Landesbibliothek vorstellte.
In einer ersten Szene erzählt sie, wie Luisa, die Assistentin der Performance-Künstlerin Margot Wincraft, in tiefster Nacht in einem Shanghaier Hotel nicht schlafen kann. Detailreich schildert sie auch kleinste Momentaufnahmen: ‚Ich warf den feuchten Waschlappen auf die Neonlampe über dem Spiegel, aber er blieb nicht hängen, sondern platschte auf den Kachelboden.‘ In der Hotelbar beobachtet sie heimlich ihre Chefin, eine Art Pina Bausch, die im Verlauf immer unsympathischer erscheint.
Die chinesische Millionenstadt hat es Silke Scheuermann angetan, sagt sie in der Diskussion und berichtet nicht nur von ihren Erfahrungen und der allmählichen Verfertigung des Romans, sondern auch von der Kunstszene Chinas. Der Fokus sei nicht mehr so sehr auf die chinesische Kunst gerichtet wie noch vor ein paar Jahren, ergänzt sie eine ebenfalls detailreiche Passage des Romans, in welcher Margot und Luisa durch Shanghaier Galerien streifen.
Eine coole Kunstszene in einer angesagten Metropole, dazu eine schillernde Hauptfigur und die Konkurrenz zwischen zwei Frauen unterschiedlichen Alters, die auch noch ihren privaten Trouble haben – das ist der etwas blutleere Stoff, aus dem deutsche Gegenwartsliteratur gemacht wird. Da helfen auch keine Interpretationsversuche wie „Shanghai ist der Katalysator für ein tragisches Geschehen“ – in einer zweiten Szene erzählt Scheuermann nämlich, dass Margot nur deshalb in Shanghai ist, um ihre Tochter kennenzulernen, die während ihres Studiums in den USA von einem Chinesen gezeugt wurde und die sie nach der Geburt weggegeben hat, um sich ganz ihrer Kunst zu widmen – das Leben ist kompliziert. Schlimmer noch: Luisa trifft die Tochter als erste und muss ihrer Chefin berichten, dass sie im Rollstuhl sitzt.
Nein, den Kunstbetrieb mit seinen Extrovertiertheiten wollte sie nicht demaskieren, auch wenn es gegen Ende ganz klassisch zu einer Läuterung der Protagonistinnen komme. Vielmehr wollte sie von Lebensentwürfen erzählen, die kippen können.
Das Publikum hatte ganz praktische Fragen. Etwa die, weshalb Margot und Luisa nie eine der unglaublich vielen Shanghaier Unterführungen nutzten. Oder die Frage, was sie denn als nächstes plane: Eine ganz kleine Geschichte, die zu Hause spiele und nicht in der großen, weiten Welt. Na, das klingt doch interessanter als Shanghai.“
Nicht bei Trost (Updates) » Z. 18848-18868 … dieser Text wäre nichts anderes als ein Wiederkäuen lange gründlich… http://bit.ly/hmh3vkabout 21 hours ago
Jarkko Tontti, Tampere 2010 – Foto: Jürgen Jakob Becker
Sillä jokainen tarvitsee avaran tilan
Sillä jokainen tarvitsee avaran tilan, seinät
tuekseen, niistä
koko pullonkohoavan kodin.
Siellä on Jacasserkin valtias,
kaupunkilainen, tarjoaa
lasillisen ystävälle avoimin sylin,
petosta pelkäämättä,
koko pullon jos niikseen tulee
koko pullonja tulee se.
Aamuyöllä ystävä
roikkuu seinään naulattuna
Jacasser havahtuu ja muistaa,
jurtta olisi kotina kevyempi,
vain erämaassa on oikeita ystäviä,
jokainen talo vankila,
kivitalo kuoleman peitenimi.
Pelkkään arotuuleen esi-isät nojasivat,
koko pullonavaruuden tyhjään.
••• Besonders reizvoll an der Reise nach Finnland war für mich auch das Zusammentreffen mit den finnischen Autoren. Sie hatten immerhin den Vorteil, Auszüge aus unseren Arbeiten in finnischer Übersetzung zu kennen. Wir hingegen waren ahnungslos, wen wir vor uns hatten. Die Bescheidenheit dieser Autorinnen und Autoren, die unsere Texte vor dem finnischen Publikum lasen, brachte es mit sich, dass wir auch nur ganz nach und nach erfuhren, was und wie viel sie selbst in Finnland bereits veröffentlicht hatten.
Jarkko Tontti beispielsweise, der dem finnischen Wechsler seine Stimme lieh, ist als studierter Jurist nicht nur Autor juristischer und philosophischer Fachliteratur, von Kritiken und Essays. Darüber hinaus hat er mehrere Gedichtbände und einen Roman vorgelegt und ist als Vizepräsident des finnischen PEN auch politisch für die Freiheit des Wortes engagiert. Ich habe sehr bedauert, dass ich der Sprachbarriere wegen keinen Eindruck bekommen konnte von seiner Dichtung. Dabei aber, haben wir beschlossen, sollte es nicht bleiben. Eine Reihe von Tonttis Gedichten sind ins Englische, Russische, Japanische und Portugiesische übersetzt worden. Ich habe ihn gebeten, mir doch immerhin einige der englischen Übersetzungen zuzusenden.
Nun ist es (sehen wir einmal von Masaoka Shiki ab) bald 15 Jahre her, dass ich mich – damals war es e. e. cummings – an Übertragungen aus dem Englischen gewagt habe. Aber die Gedichte aus Tonttis letztem, 2009 in Finnland erschienenen Band »Jacasser« haben es mir angetan, und so war ich bereits mittendrin im Nachdichten, bevor ich noch eine echte Entscheidung hätte fällen können, es tatsächlich versuchen zu wollen.
In diesem Band führt Jarko Tontti seinen Phantasiehelden Jacasser durch die Zeiten – ja Zeitalter – und Weltregionen. Er ist alterslos, heimatlos Halt suchend, eine kaum greifbare, mytisch anmutende Gestalt eines Wanderers. In einem anderen Gedicht des Zyklus charakterisiert Tontti ihn so:
When Jacasser was old he cast his skin and renewed it like a viper, wrapped himself up as a delicate parchment, a white sheet embroidered with lace. Under his new skin Jacasser was strong and alone. In the evenings he recalled restless African states he didn’t have the courage to visit, houses whose doorbells he’d avoided in fear of an electric shock. Now he’d have time for it all, he’d and he’d. Old and in his skin Jacasser often returned to the water’s edge, sorrowed over the disappearance of the water plants and clear lake water. In the old days it would have been unheard of, the turbidity of an algae lake is the farmer’s gift to future generations. Jacasser also thought about the bottom, the new skin would keep the moisture out, all through that journey.
Der Name geht auf das französische Verb »jacasser« (quasseln) zurück, und auch der Anklang an das englische »jackass« ist nicht ungewollt. Tontti lässt diesen »Einfaltspinsel« »quasseln« und dabei manches gewichtige Thema schultern.
Denn jeder braucht einen weiten Ort
Denn jeder braucht einen weiten Ort, Wände
als Halt, aus denen
koko pullonein Heim wächst.
Dort ist sogar Jacasser ein Herr,
reicht höflich dem Freund
mit offenen Armen ein Glas,
ohne Furcht vor Verrat,
auch die Flasche, wenn es sein soll,
koko pullonund es soll.
Im Frühlicht hängt der Freund
an der Wand, an Nägeln,
Jacasser erwacht und erinnert sich:
Eine Jurte wäre ein lichteres Heim,
und wahre Freunde kennt nur die Wildnis,
jedes Haus ein Gefängnis,
ein Steinhaus: Todesrune.
Nur die Steppenwinde waren den Vorvätern Halt,
koko pullondie Leere des Raums.
Die Verse haben es in sich, und ich bin mir trotz Rücksprache mit Jarkko nicht sicher, ob ich in dieser Nachdichtung nicht vielleicht die Grenzen der Legalität des Übersetzens überschritten habe.
Zum Vergleich hier die englische Nachdichtung von Lola Rogers:
Because everyone needs a roomy place
Because everyone needs a roomy place, walls
for support, a home
koko pullonrising from them.
Even Jacasser is the master there,
urbane, offering
a glass to a friend with open arms,
unafraid of treachery,
a whole bottle if it comes to that
koko pullonand it does.
In the small hours the friend
hangs nailed to the wall
Jacasser awakes and remembers,
a yurt would make a lighter home,
the only real friends are in the wilderness,
every house a prison,
a stone house code for death.
The winds of the steppes were all his forefathers had to lean on,
koko pullonthe empty of space.
Ich weiß, dass einige Turmsegler-Leser Literatur übersetzen, und deswegen möchte ich einige meiner (vielleicht fragwürdigen) Entscheidungen hier beleuchten. Feedback, sei es auch vernichtend, wäre mir sehr willkommen.
a roomy place
Ich habe mich für »einen weiten Ort« entschieden. Das bedeutet nicht nur »roomy«, sondern auch »entfernt«, und das scheint mir genau das zu sein, woran Jacasser hier leidet.
Even Jacasser is the master there
Das Finnische unterscheidet grammatikalisch nicht zwischen feminin und maskulin. Strenggenommen wissen wir also nicht, ob Jacasser ein Mann oder eine Frau ist. Ich sah bei diesem Vers die fernöstliche Szene des Familienoberhaupts, das dem Gast Wasser reicht (oder Kamelmilch-Kwass, was immer). Und ich sah einen Mann vor mir: »Sogar Jacasser ist dort ein Herr«. Gäbe es vielleicht eine Variante der Übersetzung, die das Geschlecht offen ließe?
In the small hours the friend
hangs nailed to the wall
Ganz kompliziert! Die »small hours«, ließ Jarkko mich wissen, sei die kurze Spanne besonderen Lichts beim Anbruch eines neuen Tages. Ich habe mich gefragt, ob tatsächlich der Körper des Freundes an die Wand genagelt sein soll, oder ob es sich nicht vielmehr um ein Bild handelt, das an einem Nagel an der Wand hängt und den Freund zeigt, der eben in Wirklichkeit ebenso entfernt ist wie das vorgestellte Heim in der vorgestellten Jurte. »Genagelt« hat nun im Deutschen auch noch eine hier ganz ungewollte Nebenbedeutung… Also bin ich aufs Visuelle ausgegangen, eben das »Frühlicht« (das so nun freilich nicht im Original steht, wenn es auch gemeint war). Vielleicht wäre »Dämmerlicht« näher dran gewesen.
Im Frühlicht hängt der Freund
an der Wand, an Nägeln
So bleibt die Möglichkeit des tatsächlich hingerichteten Freundes oder eben die Vorstellung seiner an Nägeln aufgehängten Fotografie. Beim Licht der Szene wollte ich den ganzen Vers über bleiben und so wurde aus
a yurt would make a lighter home
das nicht ganz gleichgewichtige
Eine Jurte wäre ein lichteres Heim
Darin, so bilde ich mir ein, steckt das »Leichtere« wie das »Hellere« – wie es das englische Wort »light« eben auch in sich trägt.
every house a prison,
a stone house code for death
Auch hier gehe ich vielleicht zu weit, wenn ich schreibe:
jedes Haus ein Gefängnis,
ein Steinhaus: Todesrune.
Das Steinhaus, so Tontti, sei Symbol des Todes. Also vielleicht »Todeszeichen«. Ich wollte es stärker und habe zur »Rune« gegriffen.
The winds of the steppes were all his forefathers had to lean on
Hier hätte ich mich beinahe ganz vom Original gelöst, weil mich die Assoziation des »lean on« beim Lesen sofort zur Formulierung führte: sich mit der Stirn in den Wind zu lehnen. Aber das steht ja nun weder im Original noch in der englischen Übertragung…
Last but not least: Wie soll ich es beim Einlesen mit der Ausprache des Namens halten? Französisch? Englisch? Ich mache den Namen kurzerhand deutsch. Schließlich ist es ein Phantasiename, da kann man ihn auch sprachlich adaptieren.
Was uns jetzt noch fehlt, wäre eine Aufnahme des Originals, gelesen von Jarkko. Mal sehen, ob ich ihn überreden kann.
Jarkko Tontti: »Denn jeder braucht einen weiten Ort«,
gelesen von Benjamin Stein
PS: Hier ist immerhin schon mal ein YouTube-Fund. Jarkko Tontti rezitiert ein anderes seiner Gedichte.
Die Dschungel. Anderswelt. (Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop) » Die Banalisierung erzählter Sexual… http://bit.ly/ggddiaabout 16 hours ago
Die Dschungel. Anderswelt. (Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop) » Briefe aus Sizilien (6): ERSTER TEIL… http://bit.ly/aosxqC1:09 PM Oct 24th