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Montag, 28. Mai 2012

Die Gedanken eines ganzen Tages aufzuschreiben, auch die Eindrücke, angefangen mit den optischen Sensationen einer moosbewachsenen Mauern, bis hin zu den Falten der Menschen, die mir auf den Straßen entgegen liefen; jede Gefühlsregung, von dem unkonkreten Dunst des erwachenden Ichs am Morgen, bis hin zu dem unwesentlichen Panikanfall am Seeufer, weil ein leichter aber unmittelbarer Schmerz vom Solarplexus aus die untersten Rippen entlang fuhr; jeden noch so kleinsten Gedanken – zum Beispiel den, dass Christoph Schlingensief bald vergessen sein wird, vergessener noch als die zahllosen Schriftsteller, deren vergilbte und angeschlagenen Bücher man in den Grabbelkisten der Flohmärkte finden kann (habe ich diesen Namen schon einmal gelesen? A.J. Cronin? Ach, ja, der stand bei meiner Mutter im Bücherregal, in den siebziger Jahren, und ich habe demletzt auch wieder seinen Namen gelesen, in der Bestsellerliste eines Spiegel-Heftes, das mir zusammen mit anderen von einer Nachbarin geschenkt wurde, weil sie wusste, dass ich diese Hefte gerne zur Recherche für meinen Roman nutze; sie hatte sie auf dem Speicher ihres verstorbenen Vaters gefunden, so sagte sie, aber die Hefte stanken alle nach dem Moder eines Kellers, und so lagere ich sie seither auf dem Balkon, blättere ab und an eines durch, staune über die Jugendbildnisse so manchen Schriftstellers, lese die Bestsellerliste und stelle fest, dass auch vor dreißig, vierzig Jahren vor allem Schund gekauft wurde, sitze auf dem Balkon, trinke ein Glas Wein, rauche eine Zigarette und denke nach, versuche das Denken zu beobachten, nehme mir vor, später am Schreibtisch diesen Gedanken noch einmal nachzuhängen, denke an all die Einzelheiten, die Sensationen des Tages, vergesse sie wieder, schlage das Heft zu), will also die Gedanken eines einzigen Tages aufschreiben, zum Beispiel, dass mir wieder der Tod durch den Kopf gegangen ist (nein, nicht dass ich an den Tod gedacht habe, sondern dass er mir durch den Kopf gegangen ist, mit seinen schweren Stiefeln, in dem Moment, als mich dieser fremde Schmerz anfiel, der vom Solarplexus aus… und die Panik, eine leichte Panik nur, die ich schon so genau kenne, wie einen alten Freund, ohne dass wir je Freunde geworden wären, die Panik und ich, die einfach nur mein strenger Begleiter ist), all diese Gedanken also fassen zu können, das wäre ein Kunstwerk, das wäre Leben.
 
Stattdessen hechele ich ihnen hinterher, ein dünner ausgetrockneter Hund, auf den Pfaden, auf den Fäden der Zeit, der Nornen. Ich spinne ja nur, und wickele doch nur die Gedanken des Momentes auf, der jetzt, ich weiß es ja schon, vorbei ist, und nur eine Spur, eine Fährte von Pan hinterlässt.
 
Dabei war der Tag sehr schon, wenn auch der Körper die meiste Zeit nicht fröhlich sein wollte, der Geist war es schon, als ich mit meiner Familie am Schlachtensee war, meinen Sohn beobachtete, der in einer kleinen, kühlen Bucht baden ging, mit seiner Schaufel Schlick aus dem Wasser schippte, dessen Schwimmflügel orangefarben leuchteten vor dem glitzernden Wasser des Sees, auf dem die Ruderboote entlang trieben, oder mit in die Wasseroberfläche einschneidenden Rudern voran getrieben wurden (die aufstiebenden Wassertropfen, die Sonne halb hinter den Wolken, das andere Ufer mit den winzigen Badegästen). Was dachte ich da? Ich habe es schon wieder vergessen, in Erinnerung bleibt mir immer nur das Bild, manchmal auch Geräusche, niemals aber was in meinem Kopf vor sich hin redete. Vielleicht dachte ich ja nichts, vielleicht war ich ja glücklich?
 
Später dann, kurz nach der Mittagszeit (und wo hört der Mittag auf, fängt der Nachmittag an? – Darüber dachte ich gestern nach, schaute auch im Internet nach, doch nicht einmal Wikipedea konnte mir präzise Auskunft geben), gegen 14 Uhr also gingen wir zum Bootshaus und liehen uns ein Ruderboot (No. 35 für 4 Personen, so stand es auf dem Bug). Und dann ruderte ich hinaus, ließ die Ruder in die Wasseroberfläche schnellen, betrachtete die stiebenden Wassertropfen, schaute die Beine meiner Frau an, die vor mir saß, neben sich das Kind, das die kleine Hand durchs Wasser gleiten ließ, wie ich es auch gemacht hatte, als ich ein Kind war, und als mein Vater gerudert hatte (ist es wirklich mein Vater gewesen? Ist das eine falsche Erinnerung? – Ich weiß, dass ich die Hand durchs Wasser gleiten, und ich nehme an, dass es mein Vater war, der die Wassertropfen aufstieben ließ, aber sicher bin ich mir nicht).
 
Ich fühlte mich leicht, kein Schmerz mehr, keine Beunruhigung, nur ein Gleiten durch das Wasser, vorbei an anderen Ruderbooten mit lachenden Menschen, ab und an die Köpfe einiger Schwimmer, die ein bisschen wie die Köpfe in dem Stahlstich von Doré aussahen; der Stich, der die Eisfläche der Hölle zeigt, mit den eingefrorenen Menschen, deren Köpfe über das Eisschild hinausragen. Die Hölle also, in meinen Gedanken, aber gezähmt durch Kunst, und hier draußen ist der See, das Boot, meine Familie, die Sonne. Kaum ein Gedanke. Ich zeige auf die Uferböschung, auf die kleine Bucht, in der jetzt andere Kinder baden, und sage:
 
„Schau mal, Tristan, da waren wir vorhin“. Und Tristan schaut zweifelnd und sagt: „Wo?“
 
Und ich strecke die Hand, den Zeigefinger zur Bucht hin und sage „Da. Dort sind wir gewesen.“
 
Und sage zu mir, denke mir, lasse es in mir denken: Dort sind wir gewesen, dort habe ich etwas gedacht, aber jetzt nicht mehr, jetzt bin ich hier und denke etwas anderes, aber auch das kann ich nicht mehr erinnern, denn jetzt sitze ich hier, an meinem Sekretär aus den sechziger Jahren (einen ähnlichen hatte ich schon einmal, in den Achtzigern, und auch an ihm habe ich gerne geschrieben), sitze hier und schreibe, denke schon wieder mich fort aus meinen Gedanken.
 
Die Erinnerung ist das einzige was wir haben, das einzige was andauert. (Und natürlich habe ich auf dem See zuerst an die Bilder von Monet und Renoir gedacht, die sie malten im späten 19ten Jahrhundert, als sie, die Freunde, zusammen mit ihren Frauen – und vielleicht auch mit ihren Kindern – einen Ausflug machten, zu einem See; dort eine Bootsfahrt unternahmen, später sich und die Boote malten – ein glücklicher Tag. Heute sind die Bilder getrennt, hängen in verschiedenen Museen, waren aber wohl einmal in einer Ausstellung wieder Seite an Seite gehängt. – Und auch Renoir und Monet schon lange tot, aber immerhin nicht vergessen, wenn auch niemand mehr den Klang ihrer Stimmen beschreiben könnte, die Farbe ihrer Augen, die Wege und Pfade ihrer Gedanken).
 
Und leichten Heuschnupfen hatte ich auch. Und das Rumpeln der S-Bahn-Räder war zu hören. Und eine blau schimmernde Libelle schwebte über dem Wasser, ein winzig kleiner Polizeihubschrauber.

Monet
 
Renoir
 

 

Das literarische Weblog als Nachlaß zu Lebzeiten!

Ja, es gibt sie noch, die guten alten Leser und Leserinnen. Sie alle lesen, das ist nicht weiter überraschend, Texte – was sonst. Klar, man kann sich auch an der Weinlese beteiligen, doch das ist etwas ganz anderes. Texte also. Es gab vor einer Weile die pejorative Äußerung einer hochgehandelten Schriftstellerin über diejenigen Leser, die nicht den auf Papier gedruckten Text bevorzugen, sondern den, na ja, nicht gedruckten. Ich lese im Moment mit dem größten Vergnügen “Nachlaß zu Lebzeiten” von Robert Musil und habe dabei gerne ein Buch in der Hand. Natürlich, so richtig gedruckt ist das auch nicht mehr, das Digitale zeigt sich ein wenig in der glatten Oberfläche des Papiers, das sich eben genau so anfühlt, als sei es ohne Text. Doch gleichviel, Text bleibt Text, da beißt die Maus kein’ Faden ab.

Robert Musil schreibt in seiner Vorbemerkung übrigens: “Warum Nachlaß? Warum zu Lebzeiten? Es gibt dichterische Hinterlassenschaften, die große Geschenke sind; aber in der Regel haben Nachlässe eine verdächtige Ähnlichkeit mit Ausverkäufen wegen Auflösung des Geschäfts und mit Billigergeben. (…): ich habe jedenfalls beschlossen, die Herausgabe des meinen zu verhindern, ehe es soweit kommt, daß ich das nicht mehr tun kann. Und das verläßlichste Mittel dazu ist, daß man ihn selbst bei Lebzeiten herausgibt; mag das nun jedem einleuchten oder nicht.”

Die Texte dieses Büchleins sind übrigens oft wunderbare kleine Arbeiten, die im ersten Drittel des 20. Jahrhundert verstreut erschienen und dann gebündelt worden sind zwischen zwei Buchdeckeln, weil der Autor selbst sie in trüben Zeiten retten wollte, verfügbar machen wollte, weil sie es ihm wert waren. Heutzutage würde Robert Musil vielleicht ein literarisches Weblog führen, die Texte also gleichsam digital retten, bevor sie dann – vielleicht – doch noch gedruckt würden. Oder eben auch umgekehrt, er würde vergriffene Texte auf seiner Seite einstellen. Das mit dem musilschen Weblog ist naturgemäß nur Spekulation, doch was der ein oder andere führende Literat dazu sagen würde, das kann man sich trotzdem denken.

Ich lese jedenfalls in literarischen Weblogs, die ja zum Glück hier und da gebündelt und gesammelt werden und die tatsächlich etwas haben von einem Nachlaß zu Lebzeiten in dem Sinne, wie es Robert Musil beschrieb; man denke an Die Dschungel oder an Gleisbauarbeiten, die sich trotz der Namensgebung keineswegs gegenseitig bekämpfen, und noch viele, viele weitere. Diese Art der Herausgabe von Literatur mag nun jedem einleuchten oder nicht, doch auch ich denke da ganz pragmatisch, denn warum warten, bis man tot ist.

Katastrophenwarnungen

••• Manchmal bekommt man Anfragen, die einen vor ein echtes Problem stellen. Da wurde ich gebeten, einen Beitrag für eine Festschrift zu schreiben. Eine literarische Geschichte, zehn Seiten, und sie sollte natürlich etwas mit dem Jubilar zu tun haben. So weit, so gut. Erschwerend komme aber hinzu, dass die Geschichte so geschrieben sein müsse, dass ich sie in einer 10-Minuten-Fassung auf der literarisch-musikalischen Geburtstagsfeier vortragen könne.

Ich hätte gern abgelehnt. Der Jubilar aber ist Hans Dieter Beck, jahrzehntelanger Chef des juristischen Zweigs des Beck-Verlages, Bruder meines Verlegers Wolfgang Beck und »Obertukan«, Präsident des Tukan-Kreises, von dem ich 2010 für »Die Leinwand« den Tukan-Preis verliehen bekommen habe. Hans Dieter Beck wird runde 80, was man keine Sekunde glaubt, wenn man ihn live erlebt.

Da konnte ich nun unmöglich absagen. Mir war auch gleich klar, wovon meine Geschichte für die Festschrift handeln müsste: von Katastrophenwarnungen. Hier ist die Kurzfassung.

Tukan-Kreis im Hause Beck anlässlich des 80. Geburtstags von »Obertukan« Hans Dieter Beck
Tukan-Kreis im Hause Beck anlässlich des 80. Geburtstags von Hans Dieter Beck. Gesprochen haben übrigens Oberbürgermeister Christian Ude und die Autoren Asta Scheib, Georg M. Oswald, Albert von Schirnding sowie meine Wenigkeit.

Lieber Hans Dieter Beck, liebe Tukane und Tukan-Freunde,

ich möchte Ihnen heute etwas über Katastrophenwarnungen erzählen.

Die meisten Katastrophen, die uns im Leben ereilen, brechen ja ohne Vorwarnung über uns herein. Mein eigenes Leben, grad halb so lang wie das unseres Gastgebers Hans Dieter Beck, ist da keine Ausnahme. Nachdrücklich vor einer Katastrophe gewarnt worden bin ich aber auch schon, mindestens dreimal in meinem Leben, und alle drei Male hatte es etwas mit der Literatur und mit »den Süddeutschen« zu tun, einmal sogar mit beidem zugleich. Von diesen drei Warnungen will ich Ihnen erzählen, und als hinterhältiger Erzähler enthülle ich natürlich nicht vorab, wie alles ausgegangen ist und ob und welche Rolle Hans Dieter Beck in diesen Geschichten gespielt haben könnte.

Die erste nachdrückliche Warnung vor einer Katastrophe, die ich zu hören bekommen habe, geht auf das Konto meiner Mutter. Und weil meine Mutter sich gern blumig ausdrückt, hat sie nicht einfach nur gesagt: Sieh dich vor! Nein, sie bemühte einen Vers von Bert Brecht, und das hörte sich dann so an: »Meine Herren, meine Mutter, die prägte / auf mich einst ein schlimmes Wort. / Ich würde mal enden im Schauhaus / oder an einem noch schlimmeren Ort.«

Ich war damals zwölf. Eines der unzähligen Gedichte, die ich tagtäglich schrieb, war in einer Zeitung veröffentlicht worden. Darüber war ich natürlich so stolz, wie man nur sein kann. Und ich wähnte mich am Ziel. Ich hatte nämlich schon länger den Plan gefasst, Dichter zu werden. Diese erste Veröffentlichung gab mir nun das Gefühl, es könne nichts mehr schiefgehen.

In dem Gedicht ging es übrigens um Ikarus. Dass er abgestürzt war, stand nur zwischen den Zeilen. Diese Verse hatten sehr viel mit mir selbst und dem Anlass meines Schreibens überhaupt zu tun. Die Sonnen, denen ich mich gern genähert hätte, trugen Namen wie Anja und Claudia. Mir fehlte aber der Mut, sie anzusprechen. Die meisten empfindsameren Mädchen, hatte ich gehört, mögen Gedichte und Geschichten. Verraten Sie es niemandem: Das ist der Grund, weswegen ich angefangen habe zu schreiben. Und deswegen kam kein anderer »Beruf« für mich in Frage als der des Dichters und Geschichtenerzählers. Ich wollte die Frauen beeindrucken, damit sie mich mit Bewunderung ansehen und mit Zuneigung belohnen, was für mein damaliges Empfinden irgendwie zusammenhängen musste. Dass die weitaus meisten Katastrophen, in die ich später ohne Vorwarnung geschlittert bin, etwas mit Frauen zu tun hatten, wird nach diesem Geständnis niemanden wundern.

Meine Mutter kümmerte das alles nicht. Sie platzte in diesen hochgestimmten Moment mit dem Wort »Schauhaus« und versuchte so, mir klarzumachen, dass Geschichten zu erzählen und Verse zu machen, nun wirklich kein Beruf sei. Ich fand das damals sehr unzärtlich, um nicht zu sagen herzlos.

Das war die erste Katastrophenwarnung in meinem Leben, an die ich mich deutlich erinnere.

Die zweite Warnung vor einer Katastrophe richtete ein Freund an mich. Das war 13 Jahre später, 1995, in Berlin. Ich hatte natürlich nichts auf die Warnung meiner Mutter gegeben. Dass ich mit zwölf keineswegs bereits ein gemachter Mann gewesen war, hatte ich zwischenzeitlich begriffen. Im Schauhaus bin ich zwar nicht gelandet, aber die Wohnung, die ich mir gerade so leisten konnte, hatte in etwa das Flair eines Schauhauses: einrichtungslos, eng, kalt und ungemütlich und eigentlich nur tot zu ertragen. Immerhin sollte bald mein erster Roman erscheinen; und das, hoffte ich, würde das Blatt wenden.

Vorerst aber war das Geld aus, und ich meine, es war vollständig aus. Also hatte ich mich dazu überwunden, journalistisch zu schreiben. Das war zwar ein Verrat an der Dichtung, aber es brachte Geld. Allerdings bedeutete es auch, dass ich nach München umziehen musste, unter den »Weißwurschtäquator«, wie man in Berlin sagt. Das gefiel mir gar nicht. Ich dachte aber: Auch das geht vorbei.

Besagter warnender Freund stammte aus Stuttgart. Er hatte da ein Bekleidungsgeschäft besessen und war schnelle Autos gefahren, bis er nach kurzer Zeit als Geschäftsmann die Hand heben musste. Schuld, sagte er, seien »die Süddeutschen« gewesen, ein ganz übler und hinterhältiger Menschenschlag, kaltherzig und knallhart. Da solle ich mich mal schön vorsehen, dass es mir nicht schlimm erginge und sie mich auch zur Strecke brächten.

Also ganz ehrlich: Ich dachte, der spinnt, ich habe ihm kein Wort geglaubt und bin nach München gezogen.

Es gab dann schon Katastrophen. In denen spielte aber ein schmerzlich schönes tschechisches Mädchen die Hauptrolle, und man konnte nun wirklich nicht »die Süddeutschen« dafür verantwortlich machen, dass ich den Begleiterscheinungen ihres Temperamentes nicht gewachsen war.

An der Warnung des Stuttgarter Freundes war nichts dran. Hier im Süden ist für mich doch alles noch irgendwie gut geworden. Das fand sogar meine Mutter. Ich hatte schon einige Zeit nichts Literarisches mehr geschrieben, stattdessen aber einen Beruf, der mich ernährte. Ich merkte eines Tages, dass geschehen war, was ich immer gehofft hatte: Ich wurde von einer sehr bemerkenswerten Frau sehr geliebt; und da gab ich das Dichten auf, habe geheiratet und zwei wunderbare Kinder gezeugt.

Ende der Geschichte? Warten Sie ab! Es war noch nicht von Hans Dieter Beck die Rede.

Im Jahr 2006 habe ich doch wieder begonnen zu schreiben, erst ein literarisches Weblog, dann einige wenige Gedichte, und schließlich begann ich mit der Arbeit an einem Roman. Dieser Roman, »Die Leinwand« nämlich, wurde wohlwollend aufgenommen. Er hat sich sogar ganz ordentlich verkauft, und schließlich bekam ich die Nachricht, dass ich einen Preis dafür erhalten sollte, den Tukan-Preis der Stadt München.

Da spätestens war es dann an der Zeit für die dritte Katastrophenwarnung. Dieser Tukan-Preis, berichtete mir eine zuverlässige Quelle, sei der einzige Preis, bei dem man als Ausgezeichneter nicht sicher sein könne, bei der Verleihung nicht eher gezauselt als gelobt zu werden. Die Begrüßungsrede nämlich würde vom »Obertukan« gehalten: Hans Dieter Beck. Man gab mir dann noch das eine oder andere illustrierende Beispiel. Ich dachte: Oh, das ist jetzt die dritte Katastrophenwarnung, die Du bekommst; es geht um Literatur, und dieser Beck (den ich noch nicht kannte) ist ein Süddeutscher!

Mit einem Mal hatte ich Angst, und wenige Tage später hatte ich zur Angst dazu auch noch eine Einladung zu Kaffee und Torte bei Hans Dieter Beck. Er wolle mich mal kennenlernen, weil er doch der »Obertukan« sei und diese lästige Rede halten müsse. Als ich dann schließlich mit ordentlich Fracksausen beim ihm im Verlagshause Beck vor der Torte saß, hat er genau das wiederholt, aber mit dem Zusatz, und ich darf da zitieren: »Sie sind ja schon eine ziemlich eigenartige Figur. Sie müssen mir da mal ein paar Fragen beantworten.« Das mit dieser Wenderei bei dem Roman, das sei doch schon ein Schnickschnack, oder? Dann gab er ohne jede Hemmung zu, dass er das Buch noch nicht ganz gelesen habe. Es sei so viel zu tun in einem so großen Verlag, und er habe es auch gar nicht so mit der Literatur! Und so ging das noch ein wenig weiter.

Ich war aber schlagartig absolut entspannt, denn mir war klar: Die Katastrophe kann nicht nur eventuell eintreten; sie ist schon da. Ich bin samt Buch längst beerdigt. Da ist nichts mehr zu machen.

Entspannend an dieser Nahtoderfahrung war der Umstand, dass ich auch keine Rücksicht mehr zu nehmen brauchte. Ich konnte seine Fragen kess parieren, ja sogar Scherze machen und neckende Gegenfragen stellen. Und – was soll ich sagen: Wir unterhielten uns mit einem Mal blendend. Ich entdeckte ein Lächeln. Ich wurde Zeuge des Charmes, der da unter einer etwas rauhen Schale nur darauf wartete, sich zeigen zu dürfen. Es wurde auch sehr schnell klar, dass dieser Mann durchaus einen Sackvoll Ahnung von Büchern hat, sogar wenn es welche »vom Rande« sind, also: belletristische.

Es war eine sehr erfrischende und inspirierende Stunde, die wir da plaudernd verbracht haben. Ich trank den Kaffee, er aß die Torte; und die Rede, die Hans Dieter Beck dann schließlich bei der Preisverleihung gehalten hat, kam mir geschmeidig und süß vor wie Tortencréme. Viel Lärm um nichts also! Sie können drauf wetten, dass ich auf Katastrophenwarnungen ab jetzt nichts mehr gebe.

Lieber Hans Dieter Beck, dass und wie sehr ich es schätze, Sie kennengelernt zu haben, werden Sie nun wissen. Unter Juden sagt man sich zum Geburtstag »Mazal tov« und »Bis 120«. Einige wandeln das ab und sagen stattdessen: »Bis 100 wie 20«. Wie auch immer man es dreht: Sie haben noch ein Drittel Ihres Weges vor sich. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Sie weiter wie heute mit der Kraft eines Zwanzigjährigen am Ball bleiben werden.

Herzlichen Glückwunsch!

Kurztitel & Kontexte bis 2012-06-03

Wolfram Malte Fues in Karlsruhe

Gestern Abend las Wolfram Malte Fues in der Karlsruher Galerie Knecht und Burster anläßlich der ART Karlsruhe. Die Karlsruher Künstlerin Franziska Schemel hat Fues‘ aktuellen Gedichtband „dual digital“ illustriert, die Orginale waren in der Galerie zu sehen. Hier meine Einführung zur Lesung des Kollegen. Im Anschluss gab es eine lebhafte und interessante Diskussion:

„Liebe Franziska Schemel, lieber Wolfram Malte Fues, lieber Alfred Knecht, verehrte Damen und Herren.

Wir befinden uns heute Abend in einer Galerie. Es bietet sich also an, über Bilder zu sprechen. Ich erinnere mich lebhaft an eine Episode aus meinem früheren Berufsleben als ich Besucherbefragungen in Museen machte. Wir machten Interviews in einem der wichtigsten Kunstmuseen der Welt, das sich hier in Karlsruhe befindet, mit drei Buchstaben abgekürzt wird und heute immer noch regelmäßig zum Gespött von Museumsdidakten wird. Ein gestandener Kunsthistoriker, Professor aus Gießen, verweilte lange vor einem Medienkunstwerk und wurde von uns gefragt, was denn wohl das Kunstwerk bedeute, wie er es denn verstehe. Er konnte aus dem Stegreif keinen sinnvollen Satz über das Kunstwerk äußern.
Viele Vertreter der jüngsten Generation zeitgenössischer Lyriker wollen überhaupt nicht verstanden werden. Gedichte hätten überhaupt keine Bedeutung, es gäbe keinerlei, aber absolut überhaupt keinen Zusammenhang zwischen Bezeichnetem und Bezeichnendem, was freilich eine alte Erkenntnis ist. Vergessen Sie also Interpretationen, vergessen Sie Bedeutungen, wenn sie die Bilder von Franziska Schemel sehen, wenn sie gleich die Gedichte von Wolfram Malte Fues hören werden.

„Man muss es bei Erhellungsgesten belassen“, schrieb ein Kritiker über Fues‘ Gedichte, und: „ihre Rätselhaftigkeit ist nicht die der notorischen hermetischen Knacknuss, vielleicht aber, wo ein archimedisch verbindliches Geheimnis der Welt nicht mehr auszumachen ist, die des Nussknackers.“
Ich empfehle, die Nuss erst gar nicht knacken zu wollen, sondern von Außen an ihr zu schnuppern, ihre Schale zu erspüren, sie zu schütteln. Sie werden die Nuss nicht knacken, ihren Inhalt nicht schmecken und auch nicht hinunterschlucken und verdauen, Sie werden aber überdeutlich spüren und fühlen, dass Sie es mit einer Nuss zu tun haben.
Nehmen wir das Gedicht „Dieser nur vor-/ fallende Schnee“ aus dem neuen Band von Wolfram Malte Fues. Wir lesen oder hören Vokabeln wie „zweihellig“ und „Herbststraßenkehrricht“ oder aber Satzfragmente wie „taut/ schmutzlos zurück in die Luft“, hören „über die Freuden der Schollen-Verschiebung/ Botenstoff, Stoffwechsel, Speichel-Flüsse/ diese Art Schnee/ nimmt Halbwertzeichen in Zähnung.“
Am Ende des Gedichts spüren Sie ihn überdeutlich in ihrem Kopf, den Schnee, ohne die gefrorene Substanz vor sich zu haben. Sie haben aber noch viel mehr gelesen und gehört, so vieles Neues ist angeklungen, vorbeigehuscht, Wörter, die Sie verstanden haben und Wörter, die Sie nicht verstanden haben. „Verstanden“ in Anführungszeichen.“
Ich möchte Ihnen einen kurzen Abschnitt aus einem Aufsatz von Wolfram Malte Fues zitieren, der in diesem Zusammenhang seine Poetologie erläutert, ein Text-Stück, das offenbart, wie Fues seine Gedichte als zeitgenössische Texte verortet. Es sind Fragen, die der Autor stellt.
„Wenn es auf dem Markt für Sinngebungs-Ware keinem Angebot mehr gelingt, Konkurrenz-Produkte zu vertreiben oder auch nur zu verknappen, so daß, was es auch bietet, andere mitbieten, sich, unter- oder überbietend an und mit ihm zu messen? Wenn der neuen Erhältlichkeit der New Economy die neue Disponierbarkeit eines New Discourse entspricht, in dem die aus der Erinnerung aufleuchtende Bedeutung den gesamten Handelsplatz Sinnvermittlung stroboskopisch illuminiert und es keine Stimme gibt, die nicht andere Stimmen auf den Plan riefe?“

Wolfram Malte Fues wurde 1944 geboren. Er lehrt als Literatur- und Kulturwissenschaftler an der Universität Basel, hat zahlreiche wissenschaftliche Publikationen vorgelegt und mit „dual digital“ seinen vierten Gedichtband.
Immer deutlicher wird im Verlauf der vier Bände die eigenständige Stimme von Wolfram Malte Fues, seine vielen Neo-Logismen und montierten oder sinnverschobenen Begriffe wie „Zündschaltuhr“, „Vorbehaltfläche“, „Dunkelstromschiff“, „Hochquappenjagd“, die hier unbedingt erwähnt werden müssen. Der Verfasser des Nachwortes von „dual digital“, Ulrich Johannes Beil, fragt zurecht: „Wo träfe man den ‚Dracula‘, der sich bereit erklärte, dem ‚Christkind / die Wimpern‘ zu ’stutzen‘?“
Lassen Sie mich zuletzt noch einen Kritiker zitieren, nämlich Jürgen Engler, der nicht nur auf die „Poetik des Hör- bzw. Schreibfehlers“ aus der surrealistischen écriture automatique hinweist und der damit verbundenen Ironie sowie dem Humor in Fues‘ Texten. Engler schreibt weiter: „Gedichte sind Versuchsabläufe und Protokollstrecken“, ein Gedicht sei ein „Chip mit hoher Informationsdichte.“

Meine sehr geehrten Damen und Herren, Wolfram Malte Fues wird nun einige seiner Gedichte lesen, dann werde ich mit ihm über die Texte sprechen, bevor er in einem zweiten Leseblock weitere Gedichte liest. Autor und Moderator legen großen Wert darauf, nicht ganz allein miteinander plaudern zu müssen, wir würden vielmehr auch gerne wissen, was Sie wissen möchten.

Zunächst lassen Sie sich aber hineinziehen in den „Strudel und Wirbel in den Texten, die mehr durch Gedankensprünge als durch Gedankengänge, mehr durch Bildsprünge als durch Bildfolgen charakterisiert sind.“ (Jürgen Engler)

Pinocchio in Leipzig


Pinocchio ist mir in Leipzig mehrfach begegnet

••• Ich bin noch eine Nacht länger in Leipzig geblieben als das Gros der Messebesucher und Literaturbetriebler, denn für mich geht es heute (und das hier schreibe ich im Zug) nach Hamm in Westfalen. Dort steht eine »Leinwand«-Lesung auf dem Programm. Der Veranstalter allerdings, den ich am Beck-Stand traf, hat mich auch um eine »Replay«-Kostprobe gebeten, wenn das Publikum nach dem »Leinwand«-Hauptprogramm noch in Stimmung sein sollte.

Es gab im Turmsegler keine Wortmeldungen von mir in den letzten Tagen. Über Facebook und Twitter konnte man sporadisch mitbekommen, wo ich mich rumtrieb und was sich ereignete. Hier Fotos oder gar einen zusammenhängenden Bericht einzustellen, dafür fehlte – ich gebe es offen zu – der Drive. In diesen Messetagen bin ich zwischen Turbo und Ohnmacht geschwankt. Zu viel persönlich Belastendes trug ich im Gepäck, also mehr emotionale als körperliche Erschöpfung. Ich habe mir, wenn auch die Nächte, wie auf einer solchen Messe üblich, ziemlich kurz gerieten, ein paar Stunden Extraschlaf untertags gegönnt, Spaziergänge durch die wunderbaren Frühlingstage in Leipzig, Sauna (brauchbar im Hotel), Thai-Massage (zu empfehlen und direkt neben dem Hotel). In diesen Tagen heißt es vor allem: ausschwitzen und Haltung bewahren, über die körperliche Wohltat und das Sich-selbst-Fühlen dem Emotionalen immerhin einen Boden bieten, auf dem es sich abstützen könnte…

Der Strahlkraft, die man doch braucht für solche Präsentationstage, ist eine solche Gemütslage nicht eben förderlich. Aber sind wir nicht Profis unterdessen? Da gelingt das lockere Lächeln eben doch, der charmante Smalltalk, der Vortrag, die geschmeidigen Antworten auf alle möglichen Sorten von Fragen. Und es wurde auch besser im Laufe der Tage. Dafür verantwortlich waren die angenehmen Wieder- und Neubegegnungen, intensive freundschaftliche Gespräche mit meinem Lektor, Dummheiten und Ernstschwätzen mit Kollegen. (Auch ein wenig lästern, psssst, wie reinigend!)

Die ersten Auftritte hatte ich gleich am ersten Abend. Zunächst das schon traditionelle Presse-Dinner von Beck, wo ich Tom Bullough kennenlernte, der bei Beck soeben in deutscher Übersetzung seinen Roman über den russischen Raketenerfinder Ziolkowski vorgelegt hat, ein außerordentlich sympathischer Bursche ist das und ein (ich habe unterdessen mit dem Lesen begonnen) witziges, aufregendes und sehr sprachmächtiges schmales Buch.

Den Abend verbrachte ich zwischen Frau Auffermann und Frau Löffler, eine Neubegegnung und ein Wiedertreffen. Wie unumwunden Frau Löffler kundtat, mit Dystopien nichts anfangen zu können, weil die doch in aller Regel sehr vorhersehbar und deswegen langweilig seien, das hat mir gefallen und gab uns Gelegenheit zu einem kurzweiligen Gespräch über dieses Genre.

Vor dem Rauswurf musste ich diesmal das Dinner verlassen, denn kurz vor Mitternacht stand die erste Lesung an. In den Kasematten der Moritzbastei (was für eine Location!) sollte ich mit Thomas von Steinaecker lesen – late night show. Der Oberkeller war gesteckt voll, und ich schritt zum Experiment, das ich mir für diese späte Stunde vorgenommen hatte: Ich las von Seite 109 bis 123 die Passage, die das Thema des »Replays« einführt, eine Strecke voll explizitem Sex. So etwas habe ich noch nie gemacht. Ich wollte wissen, ob ich das unbeeindruckt lesen kann wie jede andere Stelle. Und ich wollte wissen, ob man es überhaupt machen kann, wie das Publikum darauf reagiert. Bloggerin eulenliebe war anwesend und beschreibt in ihrem Bericht vom Leseabend sehr genau die Anspannnung, das Füßescharren und Räuspern. Aufgrund der Beleuchtungssituation konnte ich keines der Gesichter der Zuhörer sehen. Das war schade. So teilte sich lediglich die angespannte Stille mit (es wurde schon sehr genau zugehört), aber auch das gelegentliche tss, tss; nur konnte ich es eben keinen Personen zuordnen. Im Anschluss las Thomas. Im Gespräch dann wurde er gefragt, warum er in seine Romane Fotos und Grafiken einbaue. Er erwiderte, dass er meine, dies würde dem Leser gegenüber die Glaubwürdigkeit steigern, denn sein Eindruck sei, dass der Mensch einem Bild noch immer eher zu glauben geneigt ist als einem Text. Ich dachte mit Blick auf meine Lesung zuvor: Wenn es um Sex geht, scheint es ein wenig anders gelagert. Im Film können wir expliziteste Erotik und harten Sex »hinnehmen«. In einem literarischen Text ausgesprochen scheint es hingegen eine Herausforderung zu sein. Sollte jemand hier lesen, der anwesend war, würde mich brennend interessieren, wie sich das alles im Publikum angefühlt hat. Fazit für mich: Ich kann sowas machen. In dieser Dosierung ist es für ein unvorbereitetes Lesungspublikum dann aber wohl doch too much.

Ein Highlight war die Lesung von Thomas Lang tags darauf im Leipziger Zoo. In seiner kürzlich erschienenen Erzählung »Jim« gibt ein junges Orang-Utan-Männchen eine der Hauptfiguren. Die Lesung fand aber nicht im Affenhaus, sondern im Zoo-Restaurant Kiwara-Lodge statt. Zuvor bekamen wir eine private Nachtführung durch einen Teil des Leipziger Zoos. Da fühlten wir uns wie Jungs auf der Nachtwanderung, das war grandios. Die Lesung dann war nicht weniger eine Freude. Ich habe unverschwiegen sehr andere poetologische Ansichten als Thomas Lang, aber wie schon weite Strecken von »Bodenlos« habe ich auch bei der Lesung aus »Jim« die poetische Tiefe, die unaufgeregte Genauigkeit in Beobachtung und Sprache genossen. Sehr sympathisch war auch die Moderation von Heike Geißler. Ihr abschließendes Zitat aus einem Kinderbuch geht mir nicht aus dem Kopf. Das ging in etwa so:

Der Löwe sagt zum Jäger: Warum jagst du mich? Du bist doch selbst ein Löwe! Der Jäger antwortet: Wie kommst du darauf? Ich bin ein Jäger. Aber, erwidert der Löwe: Da schaut doch ein Schwanz unter deinem Mantel hervor. Stimmt, gibt der Jäger zu: Ich bin tatsächlich ein Löwe. Das hatte ich ganz vergessen.

Mit dabei an diesem Abend war Hans Pleschinksi, den ich bislang noch nicht persönlich kannte. Nun schon. Ein beglückendes Kennenlernen. Der kleine Tross zog nach der Lesung geschlossen in Auerbachs Keller ein. Zuvor hatte ich – eindrücklich darauf hingewiesen – Fausts Fuß gerieben. Glück soll das bringen, wurde mir raunend versichert.


Mein Lektor Martin Hielscher vor dem Abstieg zu Auerbachs Keller

Da mag nun etwas dran sein. Am nächsten Morgen jedenfalls wurde ich von einer SMS geweckt: Schau mal in die FAZ! Das habe ich dann getan, im Foyer des Hotels, barfuß, tatsächlich wie emotional gesprochen. Die Rezension von Christian Metz hat mich sehr bewegt. Wie er das Buch durchfühlt und durchdrungen hat, das war an diesem Morgen Balsam für mich, und fortan hob sich die Stimmung. Am gleichen Tag folgte ein halbstündiges 3sat-Interview vom roten Sofa in der zentralen Glashalle der Messe und am Abend eine wieder sehr gelungene Lesung im Ariowitsch-Haus mit Martin Hielscher als Moderator.

Auch bekam ich mit, dass über »Replay« gesprochen wird. Das Wort geht von Mund zu Mund. Dass das Buch sich am Sonntag in den Top-100 der deutschen Belletristik bei Amazon wiederfand, gab mir dann endgültig Zuversicht: Das wird noch was mit diesem Buch. Es ist grad dabei, entdeckt zu werden.


Blick von »hinter der Bühne« auf den Messestand von C.H.Beck

Am Messesonntag hatte ich nur noch ein Radio-Interview zu geben. Dann schlenderte ich in Halle 5 zu den Verbrechern und den Kulturmaschinen. Ich traf ANH und Phyllis Kiehl, meinen Lieblingsverbrecher Sundermeier und und und. Smalltalk, unaufgeregte, angenehme Gespräche. Ich lauschte Jörg Sundermeier und ANH bei ihren Lesungen, ein schönes, warmherzig empfundenes Ausklingen der Messe. (Übrigens muss ich meinen Verbrecher in Schutz nehmen. Er hat ausdrücklich nicht die Kulturmaschinen den »linksradikalen Verlagen« zugeschlagen, wie ANH heute berichtet (und ich wohl missverständlich erzählt haben muss), sondern ich hatte ihn nach dem Weg zu den Kulturmaschinen gefragt und er hat geantwortet: Die sind gleich dahinten, bei den Linksradikalen. Und das stimmte dann ja auch. Ich habe den Stand jedenfalls gleich gefunden.

Warum ich Pinocchio fotografiert habe für diesen Beitrag? Das hat ausdrücklich nichts mit dem direkt vorangegangenen Absatz zu tun. Mitunter, das will ich doch festhalten, habe ich an diesen Messetagen gedacht, Pinocchio sollte das Maskottchen der Buchmesse sein. Denn bei all den beglückenden und kurzweiligen Begegnungen lässt sich doch eins nicht leugnen: So wie in der Literatur gelogen wird, tun es auch die Literaturschaffenden und -verwertenden und -verwesenden unter- und übereinander. Wenn uns allen da jeweils die Nase wüchse… Nicht auszudenken!

PS: Einen Gruß von hier an Michael Stavarič, den ich auf einer Party im Anschluss an die Lesung im Ariowitsch-Haus traf und mit dem ich leider nicht mehr geplaudert habe, wie ich gern hätte. Ich war überfordert in dem Moment. Aber das Gespräch würde ich gelegentlich gern nachholen.

Kurztitel & Kontexte bis 2012-01-22

Gedicht des Tages – Hellmuth Opitz

Ich muss gestehen, im letzten Jahr sind dank der „Wanderbibel“ viele Entwicklungen in der zeitgenössischen Lyrik an mir vorbei gegangen. Vielleicht bin ich aber einfach mit Mitte Vierzig zu alt, um noch mithalten zu wollen und alle neuen Entwicklungen wahrzunehmen. Nein, ich möchte auch viele Gedichte und Autoren nicht mehr lesen. Ich möchte beim Lesen von Gedichten nämlich Vergnügen haben und nicht den Eindruck, dass alle angesagten und/ oder neuen Dichter das gleiche Gras geraucht haben. Es gibt wichtigere Dinge im Leben als die Zeit mit scheinbar oder angeblich guten Gedichten zu verschwenden.

Falls Hellmuth Opitz beim Dichten Gras rauchen sollte, dann ist es ein verdammt gutes Gras. Gerade ist sein neues Buch erschienen, mit dessen Titel ich nicht ganz glücklich bin. „Die Dunkelheit knistert wie Kandis“ ist mir ein klein wenig zu dick aufgetragen. Dafür sind darin wunderbare Gedichte, wie sie nur Hellmuth Opitz schreiben kann: Federleicht, heiter, melancholisch, voller lebenspraller Bilder und Metaphern. Und selbstverständlich habe ich schon alle Gedichte meiner Frau vorgelesen.
Danke, Hellmuth Opitz für:

Distanzen. Stimulanzen

Je tiefer die Dunkelheit, desto wacher im Cockpit
dieses Audi A 6 auf der A 7 nordwärts, die Nacht knistert
wie Kandis, dem man Tee zufügt oder Geschenkpapier,
in das Sterne verwickelt sind, überhaupt: eine Nacht,
durch die man gleitet wie durch einen Ärmel schwarzer Seide,
vorbei an polnischen Einsamkeitspiloten in ihren 40-Tonnern,
an russischen, tschechischen, dänischen, rumänischen
Lastkähnen und Mautseglern vorbei und Kilometer fressen,
Entfernungen schlürfen wie den Tee, natürlich schwarz,
natürlich nur kurz aufgebrüht, genau das Richtige
für dieses Überwachsein, es könnte immer so weitergehen,
immer schneller, keep the car running, auf einmal
dieser kristallklare Moment der Unbesiegbarkeit:
Wer ohne Dunkelheit ist, der werfe den ersten Stern,
dann wieder volles Augenmerk auf die Fahrbahn und sich
den Mittelstreifen reinziehn wie eine endlos lange Linie Kokain.

(Website Hellmuth Opitz)

05:49

Ein Vibrieren, das im Nacken beginnt, als könnte der Hals den Kopf nicht mehr halten. Ein Wandern, die Wirbelsäule entlang – aufrecht bleiben, die neue Unmöglichkeit. Ein Beben in Ober- und Unterschenkeln, darüber in Vergessenheit geraten: die blau angelaufenen Handflächen.
Als kröche etwas durch mich hindurch, pochte von innen gegen die Haut, ein Klopfen, ein Zeichen: bald. Als hätte ich nichts gelernt. Als wäre Schlaf etwas, das man sich beibringen muss. (Ich wünschte, der Wecker würde klingeln, dann wüsste ich, dass ich geträumt habe.)
Tinnitus ist ein schlechtes Wort für Signalstörungen. Schallschuss und Echo: Muskelstolpern, Herzrasen und Blütenstaub vor Augen, Strukturen schwimmen, gondeln an mir vorbei. Ich kniee am Beckenrand, der Atem taucht abwärts, als blinkte eine Münze am Grund.
Es bleibt etwas zurück, ein Begreifen vielleicht, es würde ja niemanden wundern, wenn dieses Wort Krebs Wahrheit würde, eine Silbe, mitten ins Gesicht, in den Körper geschmettert, denn was habe ich aus meinem Leben gemacht als eine zynische Bemerkung. Das Bedürfnis nach Zukunft tauchte nur noch in Behandlungsräumen auf, umgeben von Lichtern und Wörtern, die fremd bleiben müssen. Ich: eine Feier des Scheiterns. Was ist dieser Krebsverdacht mehr als eine beliebige Fortsetzung, ein nächster Versuch von Verfall.
Wunden lassen sich nicht auf Karten einzeichnen, mein Körper ist Atlas, eine Sammlung von Gesten und Worten für Schmerz. Ein Wühlen in Fußnoten von gestern und Suchen nach Messern für morgen. Ich war immer zu gut darin, mich allein zu fühlen. (Wenn ich allein bin, gibt es mich nicht.) Im Schulterblick: die verschlissenen Menschen vergangener Jahre, sauber aufgefädelt, Therapeuten, Freunde und Liebhaber, noch zuckende Reste freundlicher Worte, ungelesener Briefe und Bücher. Im Nacken: der Morgen. Vielleicht ist meine Krankheit ein Traum, der auch ohne mich weiterleben kann. Vielleicht heißt Krebs nur, dass Zellen unsterblich werden.

Offenburgbrötchengesten (notula nova 133)

(verantwortlich sein für das Bauchladensterben
Samenspendersein für das Bauchladenleben
mit Actionfilmen DEN Actionfilm escapieren
So sind sie.

(Ein Gedicht über das zweimal mit Papier umwickelte Brötchen.
Ein Offenburgbrötchen
mit roter Nase
auf der Suche nach dem
universalen Danke
Dem Dankwort einer sicheren Verbindung)

(Die vernagelten Einwohner Offenburgs als schönes Wort.
Als anschlussfähige Sprachgeste

(Und: Gleichgewicht ist schwieriger als Wachstum)

Cola-Wodkatypen mit Festanstellung

(Und: Das Ambiente als Seele des Raums
ICE-Ambientetypen
Unterer Durchschnitt
Im Gegenteil von Fabulation
Die schwarzen Löcher der Fiktivität

Das Fazit, nein, Fazitsein der theoretisch Erbitterten.)

Das Gewürzsäckchen, die Signatur seines Genius

ARM
ARM
ARM
sind die Menschen, die in der Bahnzeitung „mobil“ lesen. (Eine Bahnfahrt ist selten Zufall. Man kann sich immer darauf vorbereiten, so, wie man sich morgendlichen Zigaretten- und Kaffeegenuss immer in der Nähe von Toiletten einrichtet. In mobil-Zeitungen lesen, ist wie im Wald scheissen mit zuwenig Papier.)