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Das Lesezeichen 02/2011 ist da!

Die Lesezeichen-Ausgabe 02/2011 erschien am 7. Juli 2011.

In dieser Ausgabe:
Pfefferminzkwas und widerborstige Nüsschen, Westpropaganda mit einer Pistole, erschütternde Fotobeweise, Körperarbeit im Präpariersaal, Automatenwasser und Blutentnahmen, ein völlig normales Haus, die einheitliche Ödnis des Dualismus’, ein Zeitwandel, virtuelle Förster und Massenentspannungsszenen, formlose Knie und Ego Leugner, Gaétan Soucy und Kopftattoos, gefiederte Fische im blaugrünen Wasser, Professor Meiers Mobilnummer, die Autobiographie von Benjamin Franklin, eine Schatzinsel, der Geschäftsführer des Weltgeists, Stille und Sprachlosigkeit, vernähte Münder uvm.

ZUM INHALT …

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Inhalt 02/2011

Die Lesezeichen-Ausgabe 02/2011 erschien am 7. Juli 2011.

In dieser Ausgabe:
Pfefferminzkwas und widerborstige Nüsschen, Westpropaganda mit einer Pistole, erschütternde Fotobeweise, Körperarbeit im Präpariersaal, Automatenwasser und Blutentnahmen, ein völlig normales Haus, die einheitliche Ödnis des Dualismus’, ein Zeitwandel, virtuelle Förster und Massenentspannungsszenen, formlose Knie und Ego Leugner, Gaétan Soucy und Kopftattoos, gefiederte Fische im blaugrünen Wasser, Professor Meiers Mobilnummer, die Autobiographie von Benjamin Franklin, eine Schatzinsel, der Geschäftsführer des Weltgeists, Stille und Sprachlosigkeit, vernähte Münder uvm.

INHALT:

Tod und Liebe und Verdacht

„Die Unbefleckte Empfängnis“ von Gaétan Soucy

Es gibt die guten und die schlechten Romane. Es gibt die Romane mit den hellen und die mit den dunklen Stoffen. Es gibt die runden und die kantigen Romane. Es gibt die Romane, die Fragen stellen und die, die Antworten geben. Es gibt die sich aufblähenden und die in sich zusammenfallenden Romane. Es gibt die, die vorne anfangen und hinten aufhören und die, die es umgekehrt machen. Es gibt die schneller und die langsamer werdenden, es gibt die verrätselnden, die versprechenden und die halluzinatorischen Romane, die erratischen und die erotischen. Es gibt die aufklärenden, die erklärenden und die verklärenden. Es gibt die nüchternen und die trunkenen. Es gibt die auffälligen, die gefälligen und die gefühligen. Es gibt die rapportierenden, die reklamierenden, die revoltierenden und die rotierenden. Es gibt die launigen, die launischen, die lebhaften, die lahmen, die libidinösen, die lüsternen, die liebevollen, die larmoyanten, die lyrischen, die luziden, die liturgischen, die luziferischen, die langweiligen, die lachhaften, die lächerlichen, die lauten, die leisen, die listigen und die lustigen Romane. Und genau so einer ist das.

„Die Unbefleckte Empfängnis“ ist der Debütroman des Frankokanadiers Gaétan Soucy. Seine beiden nachfolgenden Romane sind diesem in der Übersetzung zuvorgekommen, zusammen bilden sie die „Trilogie der Vergebung“, bestehend aus „Das Mädchen, das die Streichhölzer zu sehr liebte“ (La petite fille qui aimait trop les allumettes), „Die Vergebung“ (L’acquittement) und eben „Die Unbefleckte Empfängnis“ (L’Immaculée Conception). Gaétan Soucy steht sowohl dem Surrealismus als auch dem Symbolismus nahe. Die wirklichkeitsadäquate, rein beschreibende und realistische Prosa ist seine Sache nicht. Der Sinn der Ereignisse und Handlungen ergibt sich selten nur aus ihrer Nähe zur Wirklichkeit. Ereignisse scheinen oft keine Bedeutung und keinen Sinn zu haben. Sie gewinnen diesen Sinn erst, indem sie auf andere Ereignisse verweisen, die, für sich betrachtet, auch nicht sinnvoll sind.

In diesem Verständnis von der Welt, in so einer Netzstruktur gibt es kein natürliches Zentrum. Das Zentrum ist dort, wo sich etwas im Netz möglicher Bedeutungen verfängt. Man könnte überall anfangen diesen Roman darzustellen, in der überflüssigen und grotesken Szene, da die kleine stumme Sarah ihren Beschützer Remouald in eine Metzgerei zieht, die in Käfigen lebenden Tiere im Hinterhof durcheinander wirbelt, den Hühnern ins Hinterteil tritt und dann mit einem Kalbsschnitzel einen Schinken verprügelt. Das sind wenige Seiten, kaum der Rede wert, mit oder ohne Schnitzel, die Entwicklung nimmt ihren Verlauf. Das siebenjährige Mädchen ist keine Hauptfigur, aber sie präsentiert ein wichtiges Motiv: die Kindheit und vor allem die Liebe zu Kindern.

Remouald Tremblay ist ein etwa dreißigjähriger, zu groß geratener Volltrottel mit dem Lächeln eines Esels. Er war einst ein hochintelligentes Kind, aus dem von einem auf den anderen Moment ein Dummkopf geworden ist. Er hat mitunter Zusammenbrüche, die wie epileptische Anfälle aussehen, tatsächlich aber Erinnerungen an seine Kindheit sind. Er pflegt seinen alten Vater Séraphon Tremblay, der im Rollstuhl sitzt und seine Zeit damit verbringt, den Sohn zu tyrannisieren.

„Séraphon Tremblay schämte sich wenig für seine körperlichen Unzulänglichkeiten, die er durchaus für sich zu nutzen wusste. Er war einer jener Greise, die es sozusagen von Geburt an sind, die ihr Leben lang auf das richtige Alter warten und erst am Ende des Weges ganz zu sich selbst finden, dann aber den machtvollen Glanz aller Dinge erlangen, die ihr volles Wesen entfaltet haben. Sein Körper verlangte so gut wie nichts mehr, was ihm sehr entgegenkam, die Sorge war er los, und versetzte ihn obendrein in die glückliche Lage, seinen Sohn Remouald unter der Last seiner Schwäche erdrücken zu können.“

Tagsüber arbeitet Remouald in einer Bank. Der Bankbesitzer, Monsieur Judith, bittet ihn eines Morgens auf seine Nichte Sarah aufzupassen. Der Trottel geht also mit dem Kind spazieren, er geht mit ihr ins Kino, er kauft ihr ein Lotterielos und merkt bald, dass er sie gern hat. Am Abend des zweiten Tages erhält Judith die Nachricht, dass die Mutter des Mädchens im Sterben liege und ihre Tochter noch einmal sehen wolle. Da ihn selbst ein wichtiger Termin von der Reise abhält, schickt er Remouald mit der kleinen Sarah los. Der nimmt noch seinen gelähmten Vater mit. In einer kalten Winternacht steigen sie mitten auf der Strecke aus einem Güterzug. Séraphon wird auf einen Schlitten umgeladen und festgebunden. Sie bekommen eine Öllampe und Streichhölzer. Dann treten sie die Wanderung durch den Schnee ins Sanatorium Saint-Aldor-de-la-Crucifixion an, wo angeblich die Mutter Sarahs liegt. Die drei kommen allerdings nie an. Sarah erhält die Streichhölzer, sie gibt bisweilen noch ein Leuchten von sich, dann verschwindet sie, die Öllampe leckt, fängt Feuer und Remouald und Séraphon verbrennen bis zur Unkenntlichkeit.

Auch damit könnte man im Netz der Bedeutungen beginnen, denn auch dies ist ein wiederkehrendes Motiv: die kleinen und die großen Brände. Als viele Jahre zuvor Remoualds Mutter stirbt, heißt es von Célia „Sie starb ohne Worte, nur ein Seufzer im Schlaf, der nicht einmal genügt hätte, um ein Streichholz auszublasen.“ Streichhölzer die nicht ausgeblasen werden, können größtes Unheil anrichten. Séraphon war einmal der Besitzer einer Holzhandlung, die durch einen Brand vernichtet wurde. Die Umstände dieses Brandes, so kamen damals die Behörden überein, sollten der Öffentlichkeit vorenthalten werden. Angeblich steckte Remoualds Vater Joachim dahinter. Remouald hieß früher Bilboquain mit Nachnamen und ist lediglich Séraphons Stiefsohn. Möglicherweise war der Brandstifter auch Wilson, der als Aushilfe in der Holzhandlung arbeitete und eine Neigung zu hübschen Jungs hatte. Wilson liebte Remouald und war tödlich eifersüchtig auf dessen Schwester Joceline. Wilson aß nur Tiere, die er selbst getötet hatte. Bevor die Holzhandlung brannte, servierte er dem geliebten Kind ein grausiges Mal. Seit jenem Tag war seine Schwester Joceline verschwunden. Remouald verlor den Verstand, Wilson erhängte sich, Célia wurde verrückt, Joachim starb bei dem Brand. Daraufhin kam Remouald ins Sanatorium: Saint-Aldor-de-la-Crucifixion. Vollständig verwandelt wurde er drei Jahre später entlassen. Aus einem hübschen kleinen Jungen ist ein metergroßes Ungetüm geworden, aus einem überaus intelligenten Jungen ein Trottel.

Das Zusammenleben mit der Mutter und dem Stiefvater wird zum Martyrium. Die Mutter zieht sich immer mehr in ihre psychischen, sein Stiefvater Séraphon in seine physischen Gebrechen zurück. Remouald erträgt all das als eine Art Sühne, als Buße, weil er sich nicht erinnern kann, außer in den epileptischen Anfällen. Der Tod durchs Feuer ist die Erlösung aus seiner Qual.

„Das Grauen, in dem er zwanzig Jahre lang gefangen gewesen war, ließ ihn nun frei, und zum ersten Mal konnte er atmen, ohne zu spüren, wie eine böse Hand – seine eigene – ihm das Herz zusammendrückte. Die heilige Jungfrau wachte über den Brand, richtete die Flammen immer wieder mit sanften Griffen wie einen Blumenstrauß. Sein Vater Joachim pflegte ihm jeden Abend, wenn Remouald von der Schule kam, die Hände zu waschen, und nach dem Abendessen tanzten sie Gigue, und seine Mutter saß lachend im Schaukelstuhl am Ofen und klatschte den Takt.
Die Flammen glitten über Remoualds Haut und streichelten ihn. Er öffnete halb die Augen, schloss sie wieder, öffnete sie erneut, wie ein glückliches Kind, das in den Armen eines Menschen einschläft, den es liebt. Er fühlte sich zwischen zwei Welten: einer Welt, die es schon nicht mehr gab, und einer Welt, die es noch nicht gab und die es vielleicht nie geben würde. Aber welche Gegenwart? Welche Zukunft? Diese Worte hatten keine Bedeutung mehr. Das Feuer bedeckte schon seine Hose und einen Ärmel seines Mantels. Er hatte noch die Kraft, seine Taschen zu durchforsten. Er wollte alles wegwerfen, was darin war, sich dessen entledigen, ganz gleich was es war. Er wollte sterben wie ein Bettler in einer Sagengeschichte, ohne jeden Besitz, den Mantel voller Sterne. Vergebung erfahren. Er holte ein Lotterielos hervor, an das er sich nicht erinnern konnte. Es schien ihm ein großartiges Rätsel, eine Zahl die womöglich das Geheimnis des Universums enthielt … Er übergab es dem Feuer, dem versengten Gras, fand sich damit ab, dass dieses Geheimnis ihm nicht mehr enthüllt würde – wer konnte schon im Augenblick des Verlöschens von sich behaupten, alles verstanden zu haben.“

Der Roman wird auch von einer Brandgeschichte eröffnet. Der Grill aux Alouettes brennt bis auf die Grundmauern nieder, dutzende Menschen kommen dabei zu Tode. In dem beliebten Lokal verkehrte Remouald bisweilen. So auch an jenem Tag als der Grill abbrennt und ihn kurz zuvor jemand fragt, ob er ihm wohl mit Streichhölzern aushelfen könne. Einige Tage nach dem Brand beobachtet Clémentine Clément die gegenüber wohnt, einen jungen und einen alten Mann im Rollstuhl in den Trümmern. Da sie auch drei ihrer Schüler auf dem Gelände sieht, kommt ihr sofort ein Verdacht. Sie schreibt anonyme Briefe an die Polizei und die Feuerwehr. Sie liebt den Feuerwehrhauptmann. Und auch den Schuldirektor. Die Kinder liebt sie ebenfalls, sie küsst sie mitunter herzhaft. Bei den Kolleginnen steht sie allerdings im Verdacht, ihre Schützlinge unnötig zu traktieren. Sie liebt auf ungewöhnliche Weise, nach außen zurückhaltend in erotischen Dingen, ist sie umso freizügiger in ihren Vermutungen über das, was die anderen treiben. Sie sieht Zusammenhänge wo keine sind. Clémentine sieht Verschwörungen und Unzucht. Sie sieht auch viele schöne Männer. Sie sieht unanständige Zeichnungen ihrer Schüler und sie sieht sie gemeinsam onanieren. Oder sie meint das alles zu sehen. Sie hält das nicht streng auseinander. Sie lügt, sie phantasiert, sie erinnert: Bekanntermaßen alles keine sehr verlässlichen Tätigkeiten. Sie erinnert sich an ihren ersten Mann, der eine Woche vor der Hochzeit tot war, an das Kind, das sie von ihm erwartete, das einen Tag nach der Geburt auch tot war. Am Ende der Entwicklung ist sie womöglich erneut schwanger, ob vom Feuerwehrhauptmann oder von einem ihrer minderjährigen Schüler … sie liebt die Kinder und die Männer auf eine schwer zu differenzierende Weise, überall Tod und Liebe und Verdacht.

„Sie verbrachten den Abend miteinander, redeten, tranken ein wenig, erfreuten sich an der Gegenwart des anderen, lachten sogar (ja, lachten!). So hatte sie ihn noch nie erlebt. Er war wie ausgetauscht, war ausgelassen, umgänglich, aufmerksam, humorvoll. Genau genommen sprach der Hauptmann nicht viel, machte nur ab und zu eine grobe Bemerkung, aber er konnte zuhören, er bestärkte sie in ihrem Gefühl, ein wichtiger Mensch zu sein. Gut die Hälfte von dem was sie von sich erzählte, war zwar gelogen, aber es kam ihr nicht so vor, als würde sie in irgendeiner Weise täuschen; sie beschönigte ein wenig, weil es ein schöner Abend war. Sie machte keine Zeugenaussage vor einem Richter, sondern vollführte ein Pas de deux. Die Anmut schob sich tanzend vor die Wahrheit.“

Weder die Liebe, noch die Sexualität werden als erfüllend erlebt, nicht einmal als befriedigend, von den Frauen so wenig wie von den Männern. Der Feuerwehrhauptmann hat noch andere Interessen als mit der überspannten Clémentine Tee zu trinken und sich ihre Gedichte anzuhören. Er gibt der Witwe Racicot Schlafmittel und macht dann mit ihr, was er will. Zwei Schuljungen aus der Klasse der Lehrerin schauen durch eine Dachluke zu und bekommen Nachhilfeunterricht.

„Der Mann stand regungslos hinter ihr im Türrahmen. Seine muskulöse Brust war mit krausen Haaren überdeckt. In der Wölbung seiner Beine lag etwas Animalisches. Mit durchdringender Härte starrte er auf den Nacken der Witwe, als wolle er ihr einen Schlag darauf geben. Von kalter Wut getrieben ging er zum Bett, packte die Katzen beim Schwanz und warf sie aus dem Zimmer. Er ließ die Knöpfe seiner Hose aufspringen. Dann drehte er die Witwe auf den Rücken und riss ihr die Hose herunter. Er machte zwei, drei Kniebeugen, stieg seinerseits aufs Bett und kniete sich mit aufgerichtetem Geschlecht auf die unbezogene Matratze. Die Racicot bekam einen Lachanfall. Mit der Körperspannung eines Kunstturners legte er sich auf sie. Die Federn des Bettgestells fingen an zu quietschen.
Die Witwe lachte lauthals weiter wie ein dickes Tier, das gekitzelt wird. Sie hielt den Oberkörper des Mannes fest umschlungen, und je länger er sie bearbeitete, umso mehr veränderte sich ihr Gesichtsausdruck, bis vages Entsetzen darin zu lesen war.
Gleichwohl schlief die Witwe kurz darauf ein. Ihr Partner konnte sie nur ab und zu mit einem verstärkten Beckenstoß wecken: Dann öffnete sie zu Tode entsetzt die Augen, stieß ein langes Brüllen aus, und ihre Lider fielen wieder zu. Der Mann hielt inne. Seine Lippen zitterten; ihm tropfte der Schweiß von den Haaren. Er drehte die Witwe wie einen Pfannkuchen um, hielt so gut er konnte ihren Pferdhintern hoch und nahm sie sich ungestüm wieder vor. Das Bett stampfte. Der Mann fluchte leise vor sich hin und schlug der Frau auf die Hinterbacken.
Die Stöße auf dem Bett waren noch auf der Galerie zu hören, wo Bradette unter der Decke derart erregt war, dass er seinen Kumpan ständig in die Seiten stieß. Rocheleau ließ es geschehen, ohne etwas zu sagen, benommen, stumpfen Blickes wie seekrank. Er konnte den Blick nicht vom Gesicht der Racicot abwenden, die mit der Nase ins Kissen gedrückt dalag und im Schlaf weiter vor sich hinmurmelte.“

Die Liebe ist nicht schön. Auch der Sex ist nicht schön. Die Kinder sind schön. Und gerade das ist ihr Vergehen. Schönheit ist ein Zeichen von Unschuld. Schönheit, die die Erwachsenen reizt an dieser Unschuld teilzuhaben. Solche Teilhabe bedeutet allerdings ihre Zerstörung. Unschuld steht vom ersten Moment an im Verdacht, nie vollkommen unschuldig, nie ganz rein gewesen zu sein. Unrein, weil von Unreinheiten umgeben. Die Kindheit ist bedroht von der Lust der Erwachsenen. So ist die Sehnsucht nach der Vergangenheit und der Unbeschwertheit jener Jahre, da man jung war und schön und kluge oder auch nur naive Fragen gestellt hat, hier immer doppelbödig. Diese Ambivalenz von Schönheit und Lust ist fatal, man liebt das Schöne und zerstört es durch seine Liebe. Will man jemand anderen vor dieser Liebe oder dem Sex bewahren, wie ein Vater seinen Sohn, wird alles nur noch schlimmer, Rocheleau ist, als sie den Feuerwehrhauptmann beobachten, lange nicht so erregt wie sein Freund Bradette, weil er sich dabei vor Schmerzen windet.

„Die Klammer war eine kleine Vorrichtung aus Metall, die sein Vater an seinem elften Geburtstag zwischen seinen Beinen angebracht hatte, um jene männlichen Regungen zu verhindern, denen kleine Jungen unterworfen sind und deren Anblick zu schmerzlich gewesen wäre für eine Mutter, die ihren Sohn vom Himmel herab mit so viel Wunderbarer Liebe bedachte.“

Man könnte diesen Roman (auch) darzustellen versuchen, indem man erzählt, dass ein gewisser Rogatien als Kind an eine Mauer schreibt: „Ich gehöher für imer Justine Vilbroquais“. Dieser Rogatien, der in seiner ersten Hinterlassenschaft an die Welt noch nicht recht-schreiben konnte, wird in späteren Jahren Romanschriftsteller, der der Geliebten seiner Kindheit einen Brief schreibt. Er will sie wiedersehen, wenn sein Roman beendet ist: am 22. Dezember. An diesem Tag wird (auch) „Die Unbefleckte Empfängnis“ vollendet.

Es gibt eine Wirklichkeit in diesem Buch, aber sie ist schwach ausgeprägt. Die Ereignisse finden zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts statt, in einem Stadtteil Montréals. Bereits die Wahl der meisten Figurennamen orientiert sich nicht mehr an dieser Wirklichkeit. Auch die Ereignisse sind oft eine Spur neben der Realität. Von einem Balkon fiel „ein Stück Fell und landete direkt vor seinen Füßen, stieß dann einen fürchterlichen Schrei aus und schoss wie ein Pfeil unter die Galerie.“ Vater und Sohn Tremblay schlafen in einem Bett. Das Essen wird dem einen vom anderen vorgekaut, der Alte empfängt es mit in den Nacken gelegtem Kopf aus dem Mund seines Sohnes. Als einer der Schüler Clémentines im Sterben liegt, schneidet sich dessen Mutter mit einer Klinge den Handballen auf und lässt ihren Sohn das Blut trinken.

Mir ist dieses Universum etwas zu dunkel, zu viele Tode, zu viele Waisen und zu viele intellektuell oder emotional beschädigte Figuren. Die wenigen hellen Lichter die der Autor seine Figuren anzünden lässt, verglühen mir zu schnell. Es ist mir auch eine Nuance zu brutal: nachdem Wilson dem kleinen Remouald ein Essen zubereitete, bittet er ihn in einem Sack nachzuschauen, was er gegessen hat. In dem Sack steckt der Kopf seiner Schwester. Die Stärke dieses Textes liegt darin, dass er viele mögliche Zusammenhänge anbietet, die er nicht wertet. Aber das ist auch seine Schwäche. Ich wünsche mir als Leserin zumindest einen kleinen Überhang an Realität. Aber das ist Geschmacksache und vielleicht ist diese Unverbindlichkeit das, was der Autor als Kennzeichen von Realität empfindet.

Das sind alles möglicherweise sinnvolle Bezüge. Mehr als die Möglichkeit dazu, scheint kaum sinnvoll zu sein. Der Sinn muss sich frei bewegen können, er muss sich im Netz möglicher Bedeutungen verfangen können. Einmal arretiert, wird er ausgeschaltet. Bedeutungen erfolgen aufgrund von Zuschreibungen, und möglicherweise auch mangelnden Zuschreibungen. Umstände jedenfalls, die die Dinge nicht mit sich bringen. Die Dinge sind nackt. Ins Kleid der Bedeutung können sie nur durch unsere Zuschreibungen gesteckt werden. Durch Zusammenhänge, die wir konstruieren. Zu viele Zusammenhänge können allerdings auch aufs Gemüt schlagen, das zeigt das Beispiel der Lehrerin. Zuviel Konstruktion oder zu wenig, beides ist nicht gut für den (literarischen) Verstand. Vielleicht ist die sinnlose Szene mit dem Kalbsschnitzel, vielleicht ist Sinnlosigkeit überhaupt, eine bessere Beschreibung der Welt. Besser, weil sinnvoller.

Das ist ein empfindliches Universum, das uns Gaétan Soucy hier präsentiert. Wie ein Lotterielos mit einer Zahl darauf, die eine Niete oder einen Hauptgewinn bedeuten kann, eine Zahl „die womöglich das Geheimnis des Universums enthielt“; die, ebenso gut möglich, nichts als eine Zahl ist, eine 22 vielleicht, die nichts bedeutet, die keinerlei Sinn produziert. Das ist ein Universum ohne Zentrum. Eines, in dem die Bedeutungen bisweilen aufblitzen und gleich wieder verglühen. Es gibt eben solche und solche Romane. Und genau so einer ist das.

Gaétan Soucy
Die Unbefleckte Empfängnis
Übersetzt von Andreas Jandl und Frank Sievers
Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2010
ISBN-13 9783882215304
Gebunden, 331 Seiten, 22,90 EUR

Gorrh (14)

Gorrh, nach Totalverlust aller Gewißheiten, zwangsbejackt, unter Einfluß oral zugeführten Felgenreinigers, vollführt einen radikalen Therapieschritt zur Wiederaneignung verlorener Deutungsverfahren, läßt Licht durch seine Pupillen einbrechen und auf den Netzhäuten tentakeln. Kitzelt bißchen in der abgestorbnen, polymer erneuerten Hirnrinde: gewiß, da war einst was und jetzt ist es fort. Also: ungewiß. Düster und voller geheimer Märchenfächer. Dräuend geradezu, wenn nicht pulsend. Falls überhaupt. Als beugten sich bereits Generationen von Regalbrettern unter deponiertem Beschreibungsmaterial, welches ebenfalls auf Produkten aus verstümmelten, gemetzelten Bäumen gespeichert läge, wölbten sich freundlich über Gorrh, während Buchstaben wie Staub aus ihnen herausfielen, und mit den Staubstaben der Sinn, und mit dem Sinn der Unsinn, und mit dem Unsinn die Rückkehr ins Statthafte. Aber sicher ist Gorrh sich darüber bei weitem nicht. Buchstaben, denkt Gorrh, soso!  Ganz zufällig saugt Gorrh einen von den Filzstiften an, die ihm der Doktor überlassen hat. “Getz probier ich ma wat.” Mit gelbem Filzer zwischen den Lippen kritzelt Gorrh aufn Behandlungstisch:

das ist unser Grün! so wertfrei, total funktionslos
im Gegensatz zur wahren Erfahrung, der Einnahme
von Grün, dem Grün(Überstrich), der moosigen
Kokoloratur von Wochenendnennern. da hockt
Roman Bünzel im Geweihfarn! die Rübe platt
vom konzentrischen Geschrei der Baumringe

KAMPF dem Zurschaustellen unserer Wälder als
innere Tapete! ((eichendorffsche Einsprengsel
nicht zwingend von seitwärts: hörst nicht du
x-same Totholzschalmeien?)) EH; WIR KENNN
UNS: AUSsa BandbREITenbranche. kuckuck,
kuckuck!
geht’s (mit Anfassen, Abschneiden,
Ausbluten lassen) im Galeriewäldchen der er-

weiterten Innenstadt: so gehts! wir haben doch
damals so gut wie alles eingenommen beim kuck-

uckschlucken!  das is der TOTALE WALD, UNSER
DEUTSCHER! (dann Massenentspannungsszenen;
schallgedämpfte Förster mit schnellen eleganten
Bewegungen, die Gamsbärte ham sie voll im Sack

Gorrh bricht nach langem Nachdenken ab: “Geilomat, mein erstes gutes Gedicht!: mythisch, klar, aber nicht zu eindeutig, reichlich historische Bezüge, jede Menge moderne Klangfarben, zureichend Interpunktion, Titel fehlt noch; daß das nur virtuelle Förster sind, mal schaun, die offene Klammer, der versteckte Clou am Schluß, obs jemand merkt?; reich ich jedenfalls demnächst ein.”

Kurztitel & Kontexte bis 2011-06-26

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Tainted Talents (Ateliertagebuch.) » Aktuelles Denken http://bit.ly/mbGJ00 Donnerstag, 28. April 2011 11:16:29


der goldene fisch » Sylvia Geist : Jod http://bit.ly/km3fvm Donnerstag, 28. April 2011 10:42:39


Tainted Talents (Ateliertagebuch.) » Choose your own playground 2 http://bit.ly/lAd4SA Donnerstag, 28. April 2011 10:42:38


andreas louis seyerlein : particles » whiteout http://bit.ly/mSoqfQ Donnerstag, 28. April 2011 10:21:09


logbuch isla volante » alltag http://bit.ly/iqSWcR Donnerstag, 28. April 2011 09:21:07


taberna kritika – kleine formen » THOIP http://bit.ly/mj1PVc Donnerstag, 28. April 2011 08:38:20


in|ad|ae|qu|at » A Day at The Races http://bit.ly/lkQu73 Donnerstag, 28. April 2011 07:16:30


Guido Rohm – Aus der Pathologie » P http://bit.ly/kkzFNR Donnerstag, 28. April 2011 06:38:18


pödgyr » ByeByePass 22-23 http://bit.ly/kpazPF Donnerstag, 28. April 2011 02:49:58


andreas louis seyerlein : particles » menschen in gefahr / amnesty international : urgent action http://bit.ly/iOy6EG Donnerstag, 28. April 2011 02:04:12


andreas louis seyerlein : particles » schweres wasser http://bit.ly/jp3LLG Donnerstag, 28. April 2011 02:04:12


parallalie » Marcello Sambati: nacht-, die nichtsweis’ … http://bit.ly/jMd5am Mittwoch, 27. April 2011 21:59:18


rheinsein » Badischer Rhein http://bit.ly/jm4DyK Mittwoch, 27. April 2011 19:51:14


Kryptoporticus » Präambel zur SANDSTEINBURG http://bit.ly/iVlrLa Mittwoch, 27. April 2011 19:34:11


Guido Rohm – Aus der Pathologie » 27. April 2011, Kein Kaffee, keine Zigaretten, sondern nur du, 18.18 Uhr http://bit.ly/j5y17O Mittwoch, 27. April 2011 18:49:09


Gleisbauarbeiten » TE MUTUNGA – RANEI TE TAKE (Das Ende ist der Anfang) – Über Keri Hulmes „The Bone People“ http://bit.ly/eqy8RL Mittwoch, 27. April 2011 17:41:26


Tainted Talents (Ateliertagebuch.) » Trust your own style. Mittwoch, 27. Apri 2011 http://bit.ly/esF58x Mittwoch, 27. April 2011 11:21:52


Nicht bei Trost (Updates) » Z. 19089-19096 unerklärlich ist woher dieses Gefühl kommt auch noch die schwächste H… http://bit.ly/eXIgfu Mittwoch, 27. April 2011 10:49:22


taberna kritika – kleine formen » TCT-H (R): Szene 7 http://bit.ly/gJgwf2 Mittwoch, 27. April 2011 08:41:50


in|ad|ae|qu|at » | espace d’essays | Leopold Federmair : Der Schatten über Yukikos Auge (Junichiro Tanizaki) http://bit.ly/e6WjnN Mittwoch, 27. April 2011 07:12:07


pödgyr » ByeByePass 21 http://bit.ly/fq6qrS Mittwoch, 27. April 2011 07:12:07


Guido Rohm – Aus der Pathologie » Der Bändiger http://bit.ly/fzgE8O Mittwoch, 27. April 2011 06:12:28


andreas louis seyerlein : particles » plutonium http://bit.ly/gIMGKc Dienstag, 26. April 2011 21:38:24


taberna kritika – kleine formen » Lieferbar: Abduktionen, Aberrationen I (Rainer Hoffmann) http://bit.ly/eXPMsO Dienstag, 26. April 2011 19:11:24


Kryptoporticus » April, Sechsundzwanzig, Elf http://bit.ly/f0ym8P Dienstag, 26. April 2011 17:34:20


Guido Rohm – Aus der Pathologie » Dienstag, 26. April 2011 – Negativ http://bit.ly/fS2C73 Dienstag, 26. April 2011 16:51:11


Nicht bei Trost (Updates) » Z. 19079-19088 ob auch die Tiere Ausschau halten nach etwas vielleicht wie wir nach … http://bit.ly/fbCIJW Dienstag, 26. April 2011 12:42:53


Tainted Talents (Ateliertagebuch.) » Stay hungry. Dienstag, 26. April 2011 http://bit.ly/dELPhr Dienstag, 26. April 2011 12:42:53


logbuch isla volante » die zweite geschichte http://bit.ly/dMjDaw Dienstag, 26. April 2011 09:52:42


Die Dschungel. Anderswelt. (Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop) » Aus Conthey. Das Arbeitsjournal de… http://bit.ly/eT3Nd8 Dienstag, 26. April 2011 09:25:41


in|ad|ae|qu|at » NEUES VON FREUNDEN http://bit.ly/fuAfCQ Dienstag, 26. April 2011 08:21:10


Gleisbauarbeiten » UNSER REICHHALTIGES ANGEBOT KLEBT WIE BLEI… http://bit.ly/gbMw5L Dienstag, 26. April 2011 07:45:14


Guido Rohm – Aus der Pathologie » Sarah hat sich einen Mann erwählt http://bit.ly/hOHokp Dienstag, 26. April 2011 06:31:07


Die Dschungel. Anderswelt. (Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop) » Das Reise- und Arbeitsjournal des … http://bit.ly/eprUoT Montag, 25. April 2011 23:00:39


parallalie » er weiß … http://bit.ly/ful6rs Montag, 25. April 2011 22:18:57


Ze zurrealism itzelf » Du bist meine Herzintervention http://bit.ly/gGQ837 Montag, 25. April 2011 20:09:00


litblogs.net » Wochenspiegel » Kurztitel & Kontexte bis 2011-04-25 http://bit.ly/hxWnYg Montag, 25. April 2011 19:05:44

Das Lesezeichen 01/2011 ist da!

Die Lesezeichen-Ausgabe 01/2011 erschien am 14. April 2011.

In dieser Ausgabe:
Savonette-Taschenuhren und Profiboxer, zerzauste Vögel, Kolonien der Triebstruktur, strahlende Teilchen, Umwege, abwärts, Matuschek und seine Taube, graue Lieblingshosen, Du!, missglueckte Worttrennungen, die Ersttraumbesteigung des Monte Borges, Erinnerungen an Japan, analoge Lesegeräte, gute Präparate, die Shanghaier Kunstszene, kastenförmige Wasserspeier, verwackelte Wandelhallen, Wolf von Niebelschütz, das Unstete, die Oase von Engendi, die Zeugung durchs Ohr als Verbrechen uvm.

ZUM INHALT …

Die kompletten Jahrgänge 2008 bis 2010 der litblogs.net-Lesezeichen gibt es übrigens als ausdruckbare Archivbände und Flashwidgets hier.

Inhalt 01/2011

Die Lesezeichen-Ausgabe 01/2011 erschien am 14. April 2011.


In dieser Ausgabe:
Savonette-Taschenuhren und Profiboxer, zerzauste Vögel, Kolonien der Triebstruktur, strahlende Teilchen, Umwege, abwärts, Matuschek und seine Taube, graue Lieblingshosen, Du!, missglueckte Worttrennungen, die Ersttraumbesteigung des Monte Borges, Erinnerungen an Japan, analoge Lesegeräte, gute Präparate, die Shanghaier Kunstszene, kastenförmige Wasserspeier, verwackelte Wandelhallen, Wolf von Niebelschütz, das Unstete, die Oase von Engendi, die Zeugung durchs Ohr als Verbrechen uvm.

INHALT:

Winter

Winter ist erwacht. Er kann sich an seinen Traum nicht erinnern, weil er aber in seinem Internettagebuch auch über seine Träume berichtet, liegt er noch in seinem Bett, die Beine angewinkelt, während in seiner Kopfkoppel die Wortviecher bereits unruhig stampfen, und versucht sich einen Traum zu erträumen. Die Wörter schaben die trockene Erde auf. Staub wirbelt auf, ein dunkelroter Sand, der die Wörter bald bedeckt.
Winter ist der Herr seiner Herde. Er schreitet die Reihen ab und zählt die Wörter. Manch ein Wort hat über Nacht ein Junges bekommen, geschwängert von einem Bullen, der sich nun unauffällig im Hintergrund zu halten versucht.
Winter pfeift seine Herde an den Rand des Gatters. Müde und übernächtigt traben die Wörter gemächlich los.
Winter schlägt seine Augen auf und inspiziert sich. Er überprüft Arme und Beine, die Anzahl der Finger; er will sicher sein, nichts von sich im Schlaf verloren zu haben. Dies soll schon vorgekommen sein. Verluste sind da zu benennen. So etwa der großartiger Autor des Romans „Die Formalitäten, die zu beachten sind, will man ein Bücherregal reinigen“, der unvergleichliche Alfons Dohr, der, so erzählen es Stimmen in Winters Kopf, dereinst bei der versuchten Ersttraumbesteigung des Monte Borges eine Spalte hinab stürzte, die tiefer wie alle Gedanken des denkbaren Universums gewesen sein soll; so tief auf jeden Fall, dass an eine Rettung des armen Dohr nicht zu denken war. Winter erinnert sich an den armen Dohr. Er schlägt das umgekehrte Kreuz der Geheimen Schriftersteller, um sich so von den garstigen Geschöpfen der Nacht zu schützen.
Die Wörter in Winters Kopf werden von Sekunde zu Sekunde unruhiger. Er tritt an das Gatter heran, öffnet es, die Viecher schauen sich noch einen Augenblick um, da stürmt bereits das erste Wort, ein UNFALL heraus. Winter überlegt bereits, auf welcher Textweide er dieses Wort grasen lassen wird, da springen die anderen Wörter dem Wort bei; nun drängen sie alle. Winter kann sie nicht mehr auseinander halten. Sie versinken in einem Meer aus aufgewirbeltem Unsinn, der sie zu verschlucken scheint; schon stürzen sich die Wörter in das Zimmer. Sie verteilen sich. Rennen über den Schreibtisch. Ein Bild, darauf eine Frau zu erkennen ist, die Winter eigentlich gar nicht kennt, die er sich im Internet erschuf, fand er dort doch eine Seite mit einem herrlichen Baukastensystem. Dort konnte man sich seine Traumfrau erschaffen. Wie die eigentlich aussieht, kann Winter nicht sagen. Also schuf er sich eine vorübergehende Traumfrau. Er druckte ihr Bildnis aus, zwängte es in einen Bilderrahmen. Leider ging er dabei etwas grob vor. Der Ausdruck der Dame nahm Schaden. Sie blickte nicht mehr wollüstig in Richtung von Winters Bett, sondern eher leidend und verängstigt. Nun ist das Glas gesplittert. Sie liegt mit einem Lächeln auf dem Boden und scheint aufzuatmen.
Winter ist noch ganz beeindruckt und betäubt vom Stampfen seiner Herde, er will sie gerade zur Ordnung rufen, da dreht sich eines der Worte, ein altes Wort, es starrt Winter mit glänzenden Augen an; Augen, die gereizt wirken.
„Unbill“, flüstert Winter.
Das Wort legt den Kopf nach unten.
Winter denkt: Nun, wenn es denn sein soll, dann werde ich mich dem Kampf stellen.
Die Tapeten in seinem Zimmer fallen. Ein Publikum erscheint. Kleine filigrane Personen. Sie klatschen Beifall. Winter hebt die Decke, die sich rot gefärbt hat und schwenkt sie vor dem Wort. Schon stürzt das Wort los. Es konzentriert sich auf die rote Bettdecke. Ein Raunen fährt durch das Publikum. Das Wort verrennt sich in der Röte, die sie auf die falsche Spur lockt, denn schon im nächsten Augenblick hat sich das Wort den Kopf an einem Buch gestoßen, dem es nicht angehört. Ein moderner Roman. Das Wort starrt verletzt auf den Titel. Motherfucker. Ein Roman über die amerikanische Rap-Szene von einem gewissen Ice-B. Das Wort Unbill reißt die Augen auf. Ein letztes Mal. Dann bricht es ermattet zusammen. Winter hebt die Arme. Winzige Rosen landen vor seinen Fingern. Er kann sie nicht einmal auflesen. Sie sind einfach nicht zu fassen. Das Publikum jubelt. Ja, dieser Winter ist ihr Held. Man muss ihn einfach lieben.
Nun muss sich Winter um das verstorbene Wort kümmern. Es gilt die Beerdigung vorzubereiten; auch eine sich daran anschließende Totenfeier will organisiert werden. Er schlüpft also aus dem Bett. Die anderen Wörter zupfen bereits an den Rändern leerer Seiten, die sie gerne mit ihrem Kot versehen würden. Winter treibt sie in den offenen Raum hinein. Er beruhigt sie mit einer samtenen Stimme, die er sich extra für solche Gelegenheiten erfand. Sie horchen auf. Sehen Winter tief in die Augen und werden allmählich ruhiger.
Winter segnet den Tag, der ihm kein Tag ist, sondern ein weiteres Kapitel im Roman seines Lebens.