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Das roughbook 015 ist da: PARA-Riding!

PARA-RIDING. Das Reiten und PARA-Reiten hebt an! Auf zum Parforce-Ritt mit Laura (Riding) Jackson (*1901 New York City, +1991 Wabasso). Doch halt, halt, halt … Da erschallt er auch schon, der böse Widerruf aus Nottinghams Wäldern: Es müsse endlich Schluss sein mit der Poesie! In conformity with the late author’s wish, her Board of Literary Management asks us to record that, in 1941, Laura (Riding) Jackson renounced, on grounds of linguistic principle, the writing of poetry: she had come to hold that „poetry obstructs general attainment to something better in our linguistic way-of-life than we have“. Monika Rinck und Christian Filips haben sich beim Übersetzen und Überschreiben von Laura Ridings Gedichten und Essays zunehmend gefragt, ob sie aufhören sollen mit dem Dichten und sich einfach der hier verheißenen besseren Lebensart widmen. Dabei stellte sich mit der Zeit das Verfahren des PARA-Ridings ein. Das Überschreiben von Texten, die, um wahr zu sein, nicht bleiben durften, wie sie waren. Und vielleicht gerade so wieder das wurden, was sie nicht mehr zu sein versprachen: Gedichte.

„Superspitzenmässigeextraklasse!“ (Erstleser)

Zum Bestellen: bitte hier.

„WAS IST EIN GEDICHT?

Was ist ein Gedicht? Ein Gedicht ist nichts. Durch Beharrlichkeit kann aus einem Gedicht etwas werden, aber dann ist es etwas und nicht ein Gedicht. Warum ist es nichts? Weil es nicht angeschaut, gehört, berührt oder gelesen werden kann (was gelesen werden kann, ist Prosa). Es ist kein Ergebnis von Erfahrung, sei sie gewöhnlich oder ungewöhnlich, es ist das Resultat der Fähigkeit, innerhalb der Erfahrung ein Vakuum zu schaffen – es ist ein Vakuum und daher ist es nichts. Es kann nicht angeschaut, gehört, berührt oder gelesen werden, weil es ein Vakuum ist. Da es ein Vakuum ist, kann der Dichter sich nicht schmeicheln noch dafür Schmeicheleien einfordern. Da es ein Vakuum ist, kann es nicht vor Publikum wiedergegeben werden. Ein Vakuum ist unveränderlich und unverrückbar ein Vakuum – das einzige, was ihm zustoßen kann, ist Zerstörung. Wäre es möglich, es vor Publikum wiederzugeben, würde daraus die Zerstörung des Publikums resultieren.“

(Aus: PARA-Riding, S. 71)

erotische gedichte

e. e. cummings: »erotische gedichte«

Liebe, Humor, Frau, Mann. Kommt nun noch die Freude am sprachlichen Experiment dazu, ist man bei den erotischen Gedichten des amerikanischen Lyrikers und Malers E.E. Cummings (1894–1962) angelangt. Cummings liebt das Physische in allem, was er tut: Er liebt die Buchstaben, die Wörter. Und er liebt die Frauen, die Erotik, den Sex. So wie er immer wieder die sinnliche Einheit zweier Liebender und ihrer Körper feiert, so spielt er auch mit dem Körper der gedruckten Sprache: Er trennt und vereint die sprachlichen Körperteile, um sie zu neuen und überraschend lustvollen Bildern im Kopf der Leser werden zu lassen. Seine Gedichte bewegen sich dabei zwischen romantisch und obszön, zärtlich und derb, verspielt und frivol. Seine liebevollen erotischen Stellungnahmen entzücken und provozieren.
Dieser Band vereint zum ersten Mal ausgewählte erotische Gedichte aus dem umfangreichen lyrischen Werk von E.E. Cummings.

••• Gestern bekam ich eines der ersten Exemplare von cummings’ »erotischen gedichten« in die Hand. Der zweisprachige Band erscheint am kommenden Donnerstag in der textura-Reihe von C.H.Beck. Die sehr gelungene Neuübertragung der Gedichtauswahl – ursprünglich in dieser Zusammenstellung bei W. W. Norton & Company erschienen (siehe auch »» hier) – hat Lars Vollert besorgt. Mich freut besonders, dass ich ein Nachwort zu diesem Band beisteuern durfte und sich in diesem Nachwort auch eine Zeichnung von Kerstin Klein findet, die sie mir vor einigen Jahren verehrt hat.

Dass cummings immer eine lohnende Lektüre ist, muss ich nicht eigens betonen. Dieses Buch, liebevoll gesetzt und schön verpackt, sollte man gleich zweifach kaufen. Für einen selbst natürlich; und dann eignet es sich sicher auch besonders gut als Geschenk für jemandem, dem man Zärtliches sagen möchte…

e. e. cummings: »erotische gedichte«
Mit einem Nachwort von mir und einer Zeichnung von Kerstin Klein

Der Verlag als poetischer Text (notula nova supplement 17)

Findstück

Der poetische Verlag (PV) ist ein polyphoner Text. Ein stets-als-etwas-Ganzes-zu-Betrachtendes. Ein „romantischer Roman“ von Fragmenten.

Der „Verlag als Roman“ ist Metapher, aber auch tatsächliche Lesestruktur. Die Fiktionalität dieses Romans beruht auf seiner Institution der Transzendenz. „Werke“ sind abgeschlossen und gleichzeitig nicht. Der poetische Verlag ist liquider Kontext und immer auf der Höhe der Zeit. Er ist ein moderner Roman und Roman der Moderne.

Der poetische Verlag hebt die Grenzen der Texte auf. Er poetisiert sein Archiv. Er ist Schreibprozess. Er sagt: „Ich / wir schreiben einen Verlag“ Die Rede über den poetischen Verlag IST Literatur.

Das Etwas (das Andere) der Texte sind die Alteritäten im Programm. Der Suggestion (des Marktes) einer Textlandschaft von gewisser Diversität im Gleichen entgegnet dieser Verlagstext mit differenten Bewusstseinsstrukturen. Er ist ein Konzept der Alterität auch durch Mischung von „Code/Oberflächentext“.

Es existiert keine „experimentelle“ Literatur (EL). Eine sogenannte EL ist ein immerschon-Vorhandenes, das weiter entsteht. (Würde man sie sonst identifizieren?) Eine EL entsteht folglich im Diskurs der Ent- und (Selbst-)Ausgrenzung. Ein PV benötigt diese Begriffsbildung aber um Normabweichung zu ermöglichen. Er identifiziert „sogenannte“ EL, bei der es sich um „richtige Literatur“ (RL) handelt, aus der Perspektive seiner romantischen Ränder.

Das Verlagswesen, der Markt ist ein Markt willkürlicher, ästhetisch-begrifflicher Setzungen. Man spricht z.B. vom „besten Roman des Jahres“ usw. Der poetische Verlag muss diese Mechanismen ironisieren. Tut er dies, spricht ein PV dann von sich als „eigentlichem“ oder Richtigen Verlag (RV). PV und RV fallen zusammen in der äusseren Form eines nonchalanten Pragmatismus.

Ein PV ist auch dann ein RV, wenn er Einblick in diese Strukturen unterhält bzw. diese reflektiert und benennt. Diese annimmt, anwendet, die Prämissen aber auf den Kopf zu stellen sucht, d.h. sie „normalisiert“. (Kann jede/r einen PV als RV unterhalten? Ja! Allerdings muss der Wille, ein RV zu sein jederzeit klar erkennbar sein und die erklärten Ziele systematisch verfolgt werden.) Der Richtige Verlag ist eine natürliche Person.

Ein RV verlegt RL und weist folglich die nicht- oder falsche Rezeption von RV-Rezipienten (Leser, Feuilletons, Vermittler) automatisch als inkompetente Rezipienten (IR) aus. Kompetente Rezipienten (KR) wissen falsche Verlage (FV), RV, KR und IR gut zu unterscheiden. Sie werden im eigentlichen Sinne als LESER bezeichnet. KR sind RV vor dem Roman.

Das Geschäft eines PV (nebst: Roman zu sein) ist das Geschäft mit der Differenz (und ihren Theorien). Es ist und bleibt aber ein Geschäft, das heisst: es ist und bleibt harte Arbeit. (Ein PV arbeitet immer und ist nie im Urlaub. So ergeht es auch dem RV.)

Neue Medien und Techniken erlauben Neue Poetiken (NP). Diese müssen vom RV integriert werden. Der PV schreibt ohne Unterlass an einer Metapoetik der Schnittstellen zu Arbeiten von NP. Der RV ist NP, wenn er ganz bei sich ist.

Wie gehen RV und (Neue) Massenmedien zusammen? Arbeitet der RV mit bestimmten Medien zusammen, handelt es sich bei diesen dann um Richtige Medien (RM). Auch die RM schreiben am Verlag(stext) eines RV mit. Sie sind dann: Romantische Medien.

Treffen sich viele RM, so nennt man dies ein Gelage.

Unabhängige Verlage, die sich in der Mimikri der Strukturen „normaler“ oder grösserer Verlage (FV) üben bzw. sich diesen anpassen und ähnlichen Status akklamieren, sind keine RV im eigentlichen Sinne. Überhaupt gibt es keine unabhängigen Verlage außer den RV. (Wo wäre denn sonst die Welt?)

Ist ein RV einer Monetarisierung generell abgeneigt? Nein, allerdings kann eine Profitmaximierung niemals das Ziel sein. Reinvesitionen sind nicht absatz-, sondern differenzorientiert, eine Vielfalt um jeden Preis, selbstverständlich. (Dabei ist am Markt zu kritisieren: Es werden nicht mehr Schreibweisen vorgelegt, sondern nur noch Rezeptionsweisen bedient, etwa. Diese Form der Reduktion der Darstellungen von Bewusstseinsmöglichkeiten wird als antiaufklärerisch empfunden.)

Der Verlag als poetischer Text wirbt für sich und seine Elemente. Werbung und Prozess der Werbung müssen selbst poetisch sein, müssen Roman sein. (Man denke aber an FV, die fünf bis sechsstellige Werbeetats in Titel investieren. Hier wirbt Spielgeld um Spielgeld. Poetisch zu nennen wäre hier zwar einmal das Funktionieren der Illusion. Diese aber hat keinen Bestand, bleibt nicht different.)

Man spricht zu Recht von „Verlagslandschaft“. Man spricht auch zu Recht von Raubbau, Umweltzerstörung, Monokultur. Dass immergleiche Texturen von FV veröffentlicht werden, ist ein Hinweis darauf, dass Sprachen (das Darüber-Sprechen) verloren gegangen sind. Der PV betreibt in diesem Sinne Sprachpflege, Archäologie und Umweltschutz in 1. und 2. Ordnung. Er ist ein polyglotter, ökologischer Roman.

Der RV hält fest: Nicht der Markt, das Subjekt des Textes ist die Adresse des PV.

(Undsoweiter.)

The Chomskytree-Haiku

Eine Beschreibung von Hartmut Abendscheins Prezi-Projekt “The Chomskytree-Haiku” ist nahezu unmöglich: Man müsste, wollte man ihm gerecht werden, alles zugleich sagen, mit einem Satz die ganze Vielschichtigkeit aufzeigen und zugleich auf die darin enthaltenen (und gewollten) Widersprüche hinweisen. Hinter, oder besser, in dem “Chomskytree-Haiku” steckt eine gehörige Portion Theorie: Gleich zu Beginn der Präsentation werden die wichtigsten Begriffe eingeführt und sehr kurz erläutert, um die es dem Autor bei seinem Projekt geht: Allegorie, Baumparadigma vs. Rhizom, Raum/Zeit und poesis. Um nichts weniger also geht es, als um Welt, ihre Deutung und ihre poetische Verarbeitung. Dass das nicht gut gehen kann, macht ein Exposé deutlich, das ebenfalls im Projekt zu finden ist: Das “Chomskytree-Haiku” ist, so heisst es da, ein “polyvisuelles, polytextuelles, polystrukturelles und polytheoretisches Image”, ein “Beitrag einer posttheoretischen Theorie”, die sich (so der Untertitel) als “intermediale Allegorie poetischen Arbeitens” versteht. “Der Baum bzw. die Wurzel als Denkfigur und Organisationsprinzip wird mit seinem Theorieantagonisten, dem des Rhizoms (nach Deleuze/Guattari, als Figur der Kontingenz und
Allesmitallemverbundenheit) kontrastiert.” Der Autor weiss, was er dem Leser/Betrachter/Interpret da zumutet.
Doch anders als diese einleitenden Worte vermuten lassen, führt das Projekt den Interpreten nicht in eine theoretische Abstraktion bildhafter Vorgänge, sondern umgekehrt in eine visuelle Abstraktion konkreter Theorie, nämlich jener des poetischen Schaffens. Jede Theorie des poetischen Schaffens birgt in sich auch eine entsprechende Theorie der poetischen Interpretation, und ich erlaube mir, da ohnehin vor die Notwendigkeit gestellt, aus den vielen möglichen einen einzelnen Ansatz auszuwählen, um den Versuch einer Deutung überhaupt beginnen zu können, diese zum Ausgang meiner Betrachtung des “Chomskytree-Haikus” zu machen.

Nutzt man gleich zu Beginn des Prezi die Zoomfunktion am rechten Bildrand, um näher an den in der Mitte sich befindenden Kreis heranzufahren, enthüllt sich mit zunehmender Nähe ein Baum, an deren Astgabeln und -spitzen sich Blüten befinden, die sich bei näherem Hinsehen als weitere Bäume oder Vergabelungen entpuppen. Ein Baum der Äste, die sich verzweigen, also, und deren Astgabeln abstrakt dargestellte Orte sind (Punkte auf einer Landkarte), von wo aus sich die Äste dann in die konkrete Welt (Fotos) hineinstrecken, über die sich jedoch dann wieder Bäume legen, die einerseits die Fotos miteinander verbinden, andererseits aber auch die in den einzelnen Fotos selbst dargestellten (und in ihnen ausgelegten) Elemente verknüpfen.
Entfernt man sich mittels Zoomfunktion wieder von diesen Unterbäumen, bemerkt man zwischen den Ästen weitere Elemente, die wie fallendes
Laub zwischen diesen verstreut sind: Haikus, Screenshots, Klebebänder und andere Materialien, die sich auf den oben erwähnten Fotos wiedererkennen lassen. Dass zwischen Bäumen und diesen zusätzlichen Elementen ein intendierter, nicht willkürlicher Zusammenhang besteht, wird deutlich, wenn man sich mittels Play-Taste Schritt für Schritt durch die Präsentation vortastet: Sie stellt das, was ein erster Blick als simultanes Gebilde enthüllt hatte, in eine lineare Abfolge, die nicht nur eine aus den vielen möglichen Lektüren des “Chomskytree-Haikus” vorschlägt, sondern auch ihre Produktionsbedingungen, -materialien und -umstände sichtbar macht. (Auch hier sei die ausgiebige Verwendung der Zoom-Funktion wärmstens empfohlen, um zum Beispiel die in den Screenshots abgebildeten Texte überhaupt lesen zu können, aber auch, um sich immer wieder durch das Herauszoomen sich des Zusammenhangs des gerade Betrachteten gewahr zu werden.)

Wie auch immer man sich Zugang zum “Chomskytree-Haiku” verschafft, ob über die vom Autor empfohlene Autoplay-Version oder über eine eigene, selbstgewählte Kletterroute durch den Baum (oder eher Rhizom?), immer wieder sieht man sich damit konfrontiert, den Zusammenhang zwischen Text und Welt, zwischen Text und Textmaterialien, zwischen Theorie und konkreter Welt, aber auch zwischen konkreter Welt und den in ihr erkannten Strukturen deuten und überdenken zu müssen.

Diese multiplen Zusammenhänge zwischen den vielen Ebenen des Textes und den vielen Ebenen der Welt lassen sich vielleicht auch so darstellen:
Am 8. Dezember 1980 befand ich mich in Teresina, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Piauí, wo ich die Sommerferien bei einem Schulfreund verbrachte. Ich hatte bereits geduscht und durfte mir noch die Abendnachrichten anschauen, bevor es ab ins Bett ginge. Es war ein Schwarzweissfernseher, der mir die Bilder aus New York zeigte: ein Passfoto des Mörders, die Blumen vor dem Gebäude, in dem John Lennon eben erschossen worden war. Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch nie etwas von dem Toten gehört, zumindest nichts bewusst von ihm wahrgenommen, “Imagine” sollte erst Jahre später den Soundtrack zu meiner Glaubenskrise abgeben. Die Umstände, unter denen ich von Lennons Tod erfuhr, vergass ich trotzdem nie.
Jahre später, es war eine laue Sommernacht, sass ich mit einigen Freunden in einem Gartenrestaurant im schweizerischen Winterthur und hörte das erste Mal von der polnischen Musikerin reden, die ihre Kollegen “Radio Warschau” nannten. Der Name elektrisierte mich, es war, als setzte er die Atmosphäre unter eine ungeheure Spannung, kurz darauf ging ein heftiges Sommergewitter nieder.
Oder, anders ausgedrückt: Hätte ich Italo Calvinos “Der Baron auf den Bäumen” das erste Mal nicht in einer heruntergekommenen Studentenbude im zweiten Stockwerk eines alten Hauses am Stadtrand gelesen, sondern erst jetzt, hier in Rio, im Erdgeschoss eines Hauses, das sich im Tal zwischen zwei dicht bewaldeten Hügeln befindet – hätte das Buch denselben unauslöschlichen Eindruck auf mich gemacht?
Denke ich an das Buch, denke ich an die Nächte weit geöffneter Fenster. Erinnere ich mich an “Radio Warschau”, kommen mir Bilder in den Sinn, die mir vormachen, die Liebe sei in Winterthur eine komplizierte Sache. Höre ich John Lennons “Imagine”, sehe ich mich als Buben nackt unter der Dusche stehen, der noch keine Ahnung hat davon, wie nah die Erde dem Himmel ist.

Verstehe ich Abendscheins Ansatz richtig und beziehe ich in meine Überlegungen auch die Grundidee der Generativen Grammatik, deren wichtigster Vertreter Noam Chomsky ist, so ist die Spannung, die zwischen all diesen Elementen besteht, die wesentliche Treibkraft des poetischen Schaffens (und Interpretierens), das als Produkt ein Destillat hervorbringt, das nicht im luftleeren Raum hängt, sondern umgeben ist von Schwebeteilchen, die wiederum den Raum strukturieren.

The Chomskytree-Haiku (Rhizome(Rhizome))
TCT-H (R(R))
von Hartmut Abendschein
Eine intermediale Allegorie poetischen Arbeitens
edition taberna kritika, Bern, 2011
Kostenloser Download: http://tcthr.etkbooks.com

Tableau de Texte | Anja Utler : ausgeübt . Eine Kurskorrektur

||| DISCLAIMER | KLEINER DIALOG ZU POESIE, ÖKOPOETIK UND PROSA | EXKURS VOM AUERHAHN . SINN UND SCHAUDER . 16 WIEDERKÄUENDE ÜBERLEGUNGEN UND EINE FRAGE | AUSGEÜBT . EINE KURSKORREKTUR | ANJA UTLER @ in|ad|ae|qu|at | HINWEIS

| tableau de texte|

ANJA UTLER: AUSGEÜBT . EINE KURSKORREKTUR ( Edition Korrespondenzen 2011) SAMT EXKURS VOM AUERHAHN : SINN UND SCHAUDER : 16 WIEDERKÄUENDE ÜBERLEGUNGEN UND EINE FRAGE

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DISCLAIMER

Wie mittlerweile zu wissen ist , sind neue Bücher für in|ad|ae|qu|at keine schieren Objekte der “Rezension” . Anders als in Echtwelt- Zusammenhängen erlauben wir uns , Autoren und Texte hier und im Jenseits der Institutionen einen Ort einzuräumen , an welchem wohl ein sympathetisches Klima herrscht , nicht aber das übliche Vokabular der Wertung . Wir zitieren den Text ausführlich mit ausdrücklicher Genehmigung von Autor , Herausgeber(n) und | oder des Verlags .

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KLEINER DIALOG ZU POESIE, ÖKOPOETIK UND PROSA*

czz : Im Hinblick auf “ausgeübt” stehen wir quasi vor einer Wand des “Neuen” in Lexik, Struktur, Duktus , Diktum und Metatext; diese “Kurskorrektur” erscheint als ein anderes Paradigma, welches das Bisherige Deines Werks nicht ausspeit, sondern miteinschliesst; das “Neue” nicht als “hurra-jetzt-hab-ich’s-Innovation”, sondern als diachron gezeitigtes “Jüngstes”, das, wissend um die Nicht-mehr-Steigerbarkeit Deiner formalen und artikulatorischen Landnahme / Reduktion ( siehe der Glottislaut in “jana, vermacht“), welche in letzter Konsequenz wohl zum schriftlichen “blanc” führen würde (oder zu einer gänzlich anderen Notation) –

Anja Utler :  Das sagst Du sehr schön, man kommt zum ‘blanc’. Zum ‘blank’. Das war in der Tat die Situation, in der ich mich gesehen habe. Dieser Ansatz, eine Thematik in ‘Geschehen’ und ‘Konstellation’ umzuwandeln und diese dann in einer Art Gedanken- und Körperbahnung – die den Nachdruckpunkten und -wegen folgt – sich im Sprechen abzeichnen zu lassen, war nach “jana, vermacht” (für den Moment) nicht mehr weiter zu betreiben. In logischer Hinsicht, aber auch aufgrund persönlicher Erschöpfung.

czz : Mit Deinen 16 Thesen zur “Auerhahnliteratur ” stichst Du einem im Kontext Deines bisherigen Werkes gewonnenen Grund um und um, einen Grund, dessen Körnung sich durchaus in der poetischen “Kurskorrektur” auffinden lässt; und doch wird mehr als deutlich , dass Du nun in andere geologische Schichten gräbst, um ein Fundament zu formen. Darf ich die vielleicht banale Vermutung äussern , dass in “ausgeübt” auch Spuren der “ökologischen Ästhetik” von Julia Fiedorczuk** durchsintern?

AU : Zwischen der Auerhahnliteratur und “ausgeübt” klafft etwas, das sich nicht überbrücken lässt. Das ist der Tatsache geschuldet, dass die formulierte Poetik bei mir der, sozusagen, ausgeübten, immer hinterher hinkt. Da schimmert bereits etwas von “ausgeübt”, ja. Aber es sammelt sich im Auerhahn auch einiges, was mich schon länger umtreibt. Gerade die Frage des Raums für die Rezipierenden ist aber auch in “ausgeübt” zentral. Sagen wir, die Auerhahnliteratur ist keine 1:1 Poetik zu “ausgeübt”, sie ist ein Bröckchen aus ihrem Asteroidengürtel.

Die ‘ökologische Ästhetik’ wiegt letztlich schwerer. Tatsächlich war sie eigentlich immer (wenngleich nicht begleitend formuliert) mein dichterischer Ausgangspunkt. Ich habe die Gedichte in “münden – entzüngeln” stets als ‘ökologische’ betrachtet. Sie sind nie so gelesen worden, ich weiß. Trotzdem bin ich nach wie vor der Ansicht, “münden – entzüngeln” ist die (für mich) intellektuell redlichste Weise, wie sich diese Problematik in Gedicht umsetzen lässt – nämlich auch poetisch, in der Denkbewegung, und nicht allein im motivischen Bilderzauber. (Der reicht nicht.) Und auch die anderen Bände gehen von dieser ‘ökologischen’ gedanklichen Basisjustierung nicht ab. […]

Ich komme hier von der heraufdämmernden ökologischen Katastrophe und einer ihrer Konstellationen. Und ich frage mich, wie macht man das zu Text – ohne der sinnlosen Narration zu verfallen. Und der (für mich: un-ökologischen) Perspektive des distanzierten, vermeintlich unbeteiligten Betrachtens. Das ist nicht viel. Aber das ist es. Und die einfache Frage fächert sich im Moment der Umsetzung in unendliche Facetten auf.

czz : Siehst Du die Prosa nun als “Weiterführung” der Lyrik oder als ein alternatives Denkmodell?

AU : Ich weiß nicht, wie andere Leute ihre Prosa schreiben (auch nicht in den Fällen, wo ich gut verstehe warum sie es machen und warum so). Aber für mich war die einfache Überzeugung zentral: es gibt diese Figur. Und ich möchte sie kennen lernen. Um nicht in eine ebenso unter- wie überdeterminierte Narration zu geraten (also: nicht den ‘Feind’ im eigenen Text zu haben), folge ich ihr an einem Punkt, wo sie sich selbst neu vermisst. Erkundet. Auch: sich ausweicht natürlich. Spiegelungen mit mehr oder weniger toten Punkten vornimmt. Um immer wieder Kurskorrekturen anzusetzen. Es ist eine Art gedankliches Absprechen verschiedener wichtiger Areale des eigenen Denkens/Werdens/Handelns (der Figur!), welches die Notwendigkeit einer schriftlichen Fixierung als Handlauf anerkennt und verhandelt. Das hat nicht zuletzt eine zeitliche Dimension: die lyrischen Texte waren das Geschehen im Präsens, für alle wiederholbar, abgehbar durch die schriftliche Fixierung. Dieser Text hat noch das Archiv im Gepäck. Die Reflexionsebene mit zeitlicher Distanz, die in der Dichtung ganz ausgelagert ist in die Rezipienten, ist hier zu einem Teil in den Text eingegangen.

*   Nach einem email- Briefwechsel August | September 2011

** Julia Fiedorczuk: Siehe Anja Utler im Gespräch mit Julia Fiedorczuk: Die Welt ist nicht für uns gemacht worden; Julia Fiedorczuk: Ökopoetik: Stellung beziehen für lebende Körper; In: manuskripte 187 | 2010 , S. 146 – 156

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ANJA UTLER : EXKURS VOM AUERHAHN . SINN UND SCHAUDER . 16 WIEDERKÄUENDE ÜBERLEGUNGEN UND EINE FRAGE ( August 2011 )

Ausgangspunkt meiner Überlegungen bildet folgende Textstelle in ausgeübt. Eine Kurskorrektur, S.60:

Sie hatten einen alten Heizlüfter unter der Bank; die letzten Tage kann ich besser ertragen in welcher Höhe er sirrt, schalte ihn zwischendurch an.

Meine Überlegungen münden in die Frage:
Steht der alte Heizlüfter am Ende in direkter Nachbarschaft zu einem ausgestopften Auerhahn? Diese Frage kann nicht abschließend beantwortet werden. Meine Überlegungen aber gehen wie folgt:

1 Es ist grauenvoll, einen Raum zu betreten, wo ein ausgestopfter Auerhahn gehalten wird. Dazu kommt, dass in solchen Räumen nach etwas Orientierung oft ein zweiter zu entdecken ist, +andere ausgestopfte Vögel, +Säugetiere.

2 Die heute verfasste Literatur bringt mich außerordentlich häufig in solche mit totem Getier vollgestopfte Räume. Diese Beobachtung bezieht sich nicht auf die Motivik. (Siehe Marcel Beyers Kaltenburg. Motiv: Scharen ausgestopfter Vögel. Ergebnis: Temperaturausschläge, die im Staub der Auerhahnliteratur nicht erreicht werden.)

3 Trennlinien zur Identifikation von Auerhahnliteratur können nicht entlang von Begriffspaaren wie Experiment//Tradition oder Konvention//Innovation gezogen werden. Die immer wieder gern hergestellten Verknüpfungen
gesellschaftliche Relevanz + Tradition + heute eigentliche Innovation
versus
Selbstbezüglichkeit der Kunst + Experiment + heute eigentliche Konvention
verraten Vulgärmodernismus in einer seiner gröbsten Formen. Wer sich an derartigen Konglomeraten entlang hangelt, kann sich weniger mit existierender Literatur, als mit Gerüchten über Literatur bzw. Gerüchten über die Beschäftigung mit Literatur auseinandersetzen.

3a Vulgärmodernismus ist ein großartiger Kampfbegriff. Wie die anderen, zitierten Kampfbegriffe ringt auch er mit der Schwierigkeit, dass er mittels schillernder Federn die zu erkundenden Nuancen, in denen die Probleme stecken, zudeckt. Die Probleme lassen sich so einfach aber nicht ersticken.

3b Nein, Innovation ist wirklich keine sinnvolle Kategorie. Sie sagt einfach nichts – außer dass etwas neu ist. NEU! Ja, und? Was bringt das, und wem?

4 Ein höchst zähes Problem sitzt darin, dass zwischen bloßem Stoff und Relevanz keine stabile Verbindung herzustellen ist. Relevanz wird hier verstanden als textinduziertes inneres Ziehen. Gedanklich-emotionale Dreh-Wende-Versuche (im Gegensatz zu bloßer Ablenkung oder bloßem jaja, bloßem Schulterzucken). Solches individuelles oder gesellschaftliches inneres Ziehen ist in der momentanen kulturellen Situation nicht über eine NACH ALLEN REGELN DER KUNST, sprich: eine sauber, am besten in Romanform aberzählte Geschichte, herzustellen. Das mag man bedauern. Aber die Bewohner unseres Sprachraums sind jetzt zu gute Blitzableiter für gut erzählte Geschichten. So steigern diese noch die Apathie.

4a Damit ist nicht behauptet, etwas wie die bewusste Wahl von Stoff sei irrelevant. Das ist sie keineswegs.

4b Wo und ob eigentlich eine Grenze verläuft zwischen individuellem und gesellschaftlichem innerem Ziehen wäre eine weitere zu erkundende Frage.

5 Ein ausgestopfter Auerhahn frisst nicht. Auerhahnliteratur nagt nicht.

5a Auch angenagte Räume können Platz für Freude bieten.

5b Für komplexe Formen von Katharsis. Die nicht reinigt, wegwäscht. Sondern den Unruheherd auf die Handflächen hebt, dort betrachtbar schwelen lässt.

5c In manchen, sagenhaften Fällen sogar für anspruchsvolle Spielarten von Trost.

6 Abgesehen von seiner einbahnartigen Trostlosigkeit ist der Sinn eines ausgestopften Auerhahns in der Welt vielfältig. Zu seinen Sinnaspekten gehören Überwältigungs- und Bemächtigungsästhetik – beides untiefe Abschnürungen vom Rand zügelloser wirkungsästhetischer Fließgewässer. Wer einen ausgestopften Auerhahn bei sich hat, ist sicher: unvorhergesehene, selbständige Bewegungen seitens des Vogels oder der Besucherin sind ausgeschlossen. Das Handwerk hat beide festgeklopft. Scheitern eliminiert.

(7) Nein, handwerkliche Souveränität//Dilettantismus sind auch keine erhellenden Trennlinien im Sprechen über Literatur. Ohne handwerkliches Können gibt es schlicht keine Literatur. Dieses zeigt sich jedoch nicht zwangsläufig in sprachlicher Geschicklichkeit oder gar Eleganz; es zeigt sich in der Wechselwirkung zwischen sprachlicher Form und ästhetischem Gesamtkonzept. Es sollte überflüssig sein, das zu erwähnen.

(7a) Die ästhetische Zielsetzung ist – exakt: ganz in romantischer Tradition! – aus dem jeweiligen Text erst zu ermitteln. Präskriptive Poetik ist eine contradictio in adiecto. Und ein performativer Widerspruch dort, wo sie praktisch versucht wird, ohne sich offen als präskriptive Poetik auszuweisen. Auch diese Erwähnung sollte überflüssig sein.

(7b) Wenn der Kritikerin, dem Kritiker an Texten vor allem erwähnenswert scheint, dass an mancher Stelle treffender formuliert oder die story besser konstruiert hätte werden müssen, könnte die Zeit für die Umschulung zum Tierpräparator oder, sofern vorhanden, für die Inanspruchnahme der Berufsunfähigkeitsversicherung gekommen sein.

8 Der ausgestopfte Vogel eliminiert die Besucherin. Vom fest gestellten, unendlich verlangsamten, damit scheinbar grenzenlosen Tod kann die Lebende sich nicht abwenden. Sie kann nicht anders als sehen. Sie kann nicht anders als alles sehen. Vollständig so wie es gemacht worden ist. Und darüber hinausreichend nichts; weil da nichts mehr ist.

9 Wenn das trocknende Auge durch einen Feststoff ersetzt ist, wird trüber Spiegel zur Funktion auf die alles zurückfällt. Ansonsten: hat es sich ausgefragt! Und ausgedacht.

10 Ausgefragt. Auserzählt. Vollständig ausgemalt: im Malen nach Zahlen-System. Die Leichenflecken der Literatur. So könnte eine Möglichkeit zur Differenzierung im Nachdenken über Literatur der Raum sein, den diese den Lesenden bietet. Ist der Leser, die Leserin im Text möglich? Gedankliche Auseinandersetzung zur Konstituierung des Texts im individuellen (einem, diesem, jetzt!) Leseprozess nötig? Ermöglicht der Text Fragen und Zweifel, die zunächst offen liegen bleiben, so dass die Dimension einer Veränderung über die Zeit hin wenigstens prinzipiell denkbar scheint?

(11) Natürlich müssen für die Auerhahnliteratur obige Fragen mit ‚nein’ oder ‚eher nein’ beantwortet werden. In ihr hat der Lesende eine Funktion wie sie das Publikum etwa für den Fernsehfilm oder das Privatradio erfüllt. In freundlicher Kooperationsbereitschaft bildet er für diese Institutionen bekanntlich die Masse, aus deren Existenz diese ihr eigenes Fortbestehen rechtfertigen. Die Individuen dieser Masse müssen sorgsam vor dem Kontakt mit anderem als ihren im institutionellen Vorgriff definierten Präferenzen geschützt werden. Dazu ist es ratsam, diese Präferenzen möglichst eng zu fassen und den Kopf der Rezipienten im Sog ihrer vermeintlichen, unablässig wiederholten Präferenzen eng abzuschnüren. Den Individuen könnten sonst Existenzen außerhalb aufscheinen. Sie könnten sich auf die Abseite eines Gedankens bewegen. Abhanden kommen wie ein los gelassener Vogel, über der Frage: will ich wirklich damit mein Leben zubringen? Ist da nichts anderes, das ich außerdem aufnehmen könnte?

12 Die vogelfreie Leserin ist in einer Literatur ausgeschlossen, in der die Beziehung zwischen Gegenstand und Sprache fraglos zu nennen ist. Oder verordnete, behauptete Beziehungslosigkeit: wenn keiner am anderen mehr zupft und zweifelt und abhängt von ihm, und jener horcht und auch abhängt und zur Seite springt auch.

13 Diese Fraglosigkeit erstreckt sich auf die bestehenden Bezogenheiten und beobachtbaren Bezugnahmen unter den dargestellten Gegenständen und zwischen den dargestellten Gegenständen, ihrer Sprache und der Welt, der sie entstammen oder gerade nicht entstammen. Sie ist plump und gnadenlos. Indem sie zweifelhafte, unsichere, aber dadurch lange nicht weniger wirkliche Bezüglichkeiten unter Feststehendem verschwinden lässt.

14 Diese gnadenlose Fraglosigkeit bemächtigt sich zuerst der Perspektive. Sie höhlt diese so aus, dass sie eigentlich perspektivlos zu nennen ist. Auf dass alles Greifbare hinein gestopft werde, um einen aktiven Vorstoß der Lesenden in Unbestimmtes zu verhindern. Im Gegensatz hierzu resultiert eine exakt definierte Perspektive in vergleichsweise klaren Begrenzungen auf Seiten der Sprache mit ihren Gegenständen und Nicht-Gegenständen. Diese Grenzen können direkt durch das Sprechen und seine Gegenstände schneiden. Begrenztes hat es schwerer als Grenzenloses beim Eliminieren.

15 Es ist nicht gesagt, dass es bereits die nötigen Grenzen in den Raum brennt, wenn man den Heizlüfter nur nah genug an den Auerhahn heranrückt, so dass dieser in Flammen aufgeht.

16 Doch auch eine einfache Frage wie: hat sich denn der Autor, die Autorin, beim Schreiben dieses Texts, in dem alles abzudichten war, nicht zu Tode gelangweilt? könnte womöglich einen guten Indikator für Auerhahnliteratur abgeben. Aber vielleicht nur für AutorInnen und andere Vogelfreie?

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ANJA UTLER : AUSGEÜBT . EINE KURSKORREKTUR ( S. 60 – 67 )

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(urlaubsbedingt 2 tage früher …)

Kurztitel & Kontexte bis 2011-09-25