Schlagwort-Archive: Papier

Anatol

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1977 in Wien (AT) geboren. Studium der Medieninformatik an der TU-Wien. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die konkrete und visuelle Poesie, die Kombination von Bild und Text. Anatol ist Mitglied der „Berufsvereinigung der bildenden Künstler Österreichs“.

Veröffentlichungen in Büchern und Zeitschriften:
2010 „The Last Vispo“
2010 „Ein Alphabet der visuellen Poesie“ edition ch
2010 „Klartext 2“, Bildungshaus Schulbuch
2009 „Kartext 6“ Westermann-Verlag
2007 „Kürschners Handbuch der bildenden Künstler“, Saur Verlag
2007 „Papiertiger Sprachlesebuch 4“ Diesterweg Verlag
2007 „Navi deutsch 4“ Bildungsverlag EINS
2005 „Comma Magazin – Zeitschrift für Literatur – Kunst – Philosophie“
2003 „Vernissage – das Magazin für aktuelles Ausstellungsgeschehen“

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Litblog / URL:
Visuelle Poesie
http://visuelle-poesie.blogspot.com/

Kurztitel & Kontexte bis 2010-05-09

I loved you when our love was blessed I love you now there’s nothing left but closing time

— it’s hell to pay when the fiddler stops —

Liebe Freunde des Postamtes von und zu Kangerlussuaq,

einmal mehr habe ich es nicht verstanden, dann aufzuhören, wenn es am Schönsten ist. Ich entschuldige mich dafür, dass Ihr nun schon eine Weile knöcheltief in Essig watet, und bedanke mich zugleich für diese rührende Treue. Der teure Wein ist ausgesoffen, zugeschüttet mit billigem Bier, und Ihr habt nicht gemerkt, dass ich vor einer Weile aufgehört habe mitzubechern … Denn aufräumen muss ich schliesslich allein. Seit Wochen habe ich hinter den Kulissen mit der Abrissbirne gewütet, und es hat mir noch einmal in aller Deutlichkeit bestätigt: gute dreieinhalb Jahre sind mehr als genug. Irgendwie, dem unvergleichlichen Elend zum Trotz, mag ich den Kater und den Mief nach Schweiss und Alk und Pisse und Saurem und kaltem Rauch. Jeder verdammte Knochen schmerzt, während man die Stühle in die Ecke stapelt und auf Knien hinter dem Fegbesen herrutscht, was sagt uns das?, genau: so fühlt sich das Sterben auf der Zunge an (Kater auf Französisch: gueule de bois), jetzt leben wir aber noch ein bisschen weiter mit diesem Schädelbrummen. Die nächste Party kommt bestimmt!

Selbstverständlich bräuchte ich keine Gründe, um mich zu entnetzen. Ich habe jedoch derer viele und triftige, vorwiegend literarische, aber auch persönliche, theoretische, technologische, monetäre. Ausbreiten werde ich sie hier nicht. Eins der Dinge, gegen die ich netzliterarisch eine starke Abneigung hege, ist gerade der Metaismus. Ich gebe zu, dass ich gern in anderer Schriftsteller Nähkästchen hineinspannere, bin jedoch nicht bereit, meine eignen Fingerhüte dem öffentlichen Büchsenschiessen zur Verfügung zu stellen. Vielleicht ist es dumm, ausgerechnet jetzt auszusteigen, da Netzliteratur gerade zunehmend seriös rezipiert, literaturtheoretisch fundamentiert und technologisch immer wildmöglicher wird. Dann wiederum erscheint mir dieser Zeitpunkt erst recht logisch. Einmal muss man eine Entscheidung treffen. Alls oder nix, ich mache keine halben Sachen. Ich, die ich die Erst- bis Drittfassungen stets mit Tinte auf Papier schreibe, bin retro bis ins Mark. Dass die Götter meine gedruckte Zukunft mittelfristig gesichert haben, dass sogar der eine oder andere honorierte Papier-Auftrag hereintropft, zeigt mir umso mehr, dass die Richtung stimmt. Auf die Winke der Götter muss man achten und ihnen Folge leisten.

Einen Roman im Lektoratsofen ausbacken, einen nächsten im Teigkessel anrühren, die hier entwickelte Kleine Form in andere Kalamitäten überführen, stilles Studium, lange Spaziergänge. Noch längere Briefe. Zwei Liebhaber oder auch vier. Ausflüge zu Orten, an denen höchstens Einer vor mir war. Hin und wieder ein heimliches Besäufnis. Das ist mehr, als ich mir je gewünscht habe. Ich freue mich auf das kommende Jahr. Der Blogentzug der letzten Wochen verlief komplikationslos, jetzt bin ich nicht einmal mehr wehmütig.

Ich danke zuallererst meinen Lesern, den bekannten und unbekannten, den bunt Kommentierenden wie den Stillschweigenden und denen, die es vorzogen, mir ihre Kommentare persönlich zu schicken. Ich danke für Eure Gedanken und Ideen, für Eure guten Wünsche, für das aufrichtige Lob (es fällt mir kein Zacken aus der Krone, wenn ich zugebe, dass mir das gutgetan hat) und mindestens ebenso für den fundierten Tadel (der mich nachhaltig weiterbrachte).
Ich danke den Litblogs-Herausgebern Christiane Zintzen, Hartmut Abendschein und vormals Markus A. Hediger für ihre riesige und grossartige Arbeit.
Und ich danke denjenigen schreibenden Netzkollegen, mit denen ich in intensivem oder sporadischem Austausch stehe oder stand. Ich wage es nicht, sie aufzuzählen, aus lauter Angst, es könnte mir der eine oder andere mir teure Name unters Eis gehen. Das war (und ist hoffentlich weiterhin) literarisch überaus fruchtbar, aber wichtiger noch: menschlich. Menschlich. Menschlich. Schön!

Zigilliardenmal DANKESCHÖN! Ich verbeuge mich vor Euch. Wünsche allen das Blaue vom Himmel herunter und die Sterne (diese alten Schweine, denen wir Schnuppe sind), das Beste für 2010 und überhaupt. Bevor jemand losweint, ich kann das nicht ertragen!: tschüss, and thanks for all the beef!,

allzeit Eure treue Dienierin: La Tortuga


Leonard Cohen: Closing Time

Addendum, die Logistik:

1) Bis die geplante archaisch-simple Netzseite steht, bleibt das Postamt vorerst offen. In aller Stille werde ich noch verkleckerte Tischtücher wegräumen, volle Aschenbecher leeren und soweit nötig Bio und Biblio aufdatieren.

2) Mein (sehr) unregelmässiger Niusledder „Karavelle aus Svalbard“ kann nun selbstverständlich auch von Postamt-Freunden abonniert werden. Die Karavelle richtete sich bisher an Verwandte und Freunde und war deshalb persönlich gefärbt. Dies möchte ich gern fürderhin so halten und bitte daher jene Leser, die ich nicht in natura oder durch langjährigen Schriftkontakt kenne, Klarnamen und Adresse anzugeben.

Postfach: conrads punkt harlequin at gmail punkt com

Kurztitel & Kontexte bis 2010-03-28

Kurztitel & Kontexte bis 2010-01-24

Das Konzert

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Hartmut Lange – Foto © Renate v. Mangoldt, 1987

••• Gestern kurz vor Schabbesausgang hätte mein Sohn beinahe die neue Synagoge am Jakobsplatz in Flammen gesetzt. Während des Nachmittagsgebets wollte er unbedingt aufs Klos, kurz darauf gleich wieder. Da wurde ich misstrauisch, und schließlich bemerkte ich den Brandgeruch und sah kurz darauf die Bescherung. Zwei Stapel Papierhandtücher waren angekokelt. Ein einsam dastehendes Jahrzeitlicht war wohl zu verführerisch gewesen. Die angebrannten Papierhandtücher lagen dann, grad noch gelöscht, im Handwaschbecken. In so einem Moment gehen einem die schlimmsten Katastrophenszenarien durch den Kopf. Wie macht man einem grad Sechsjährigen klar, dass er sich und andere umbringen kann durch solchen Experimentierdrang? Immerhin war er von panischer Angst geschüttelt – vorm Feuer wie der zu erwartenden Strafe…

Dem Flammentod sind wir also noch einmal entgangen und fanden uns nicht unversehens in der Kulisse der Geschichte wieder, die ich in den letzten zwei Tagen gelesen habe. Lesen durfte, müsste ich sagen, denn Hartmut Langes Novelle »Das Konzert« – von der Herzdame im Untergeschoss des Münchner Hauptbahnhofs bei einem Trödler erstanden – hat mich richtig glücklich gestimmt.

Die Hauptfiguren in Langes Buch sind allesamt tot und fristen dennoch eine Art gesellschaftlichen Daseins – in einer im Zustand zum Zeitpunkt ihres Todes eingeforenen Umwelt, die über jene Wirklichkeit der Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts, aus der heraus Lange erzählt, projiziert ist. So können sie beispielsweise eine Vorkriegsvilla in Berlin bewohnen, die längst abgerissen ist und auf deren Grundstück unterdessen schmucklose Bungalows stehen. Und sie können sich im Salon von Frau Altenschul treffen:

Wer unter den Toten Berlins Rang und Namen hatte, wer es überdrüssig war, sich unter die Lebenden zu mischen, wer die Erinnerung an jene Jahre, in denen er sich in der Zeit befand, besonders hochhielt, der bemühte sich früher oder später darum, in den Salon der Frau Altenschul geladen zu werden, und da man wußte, wie sehr die elegante, zierliche, den Dingen des schönen Scheins zugetane Jüdin dem berühmten Max Liebermann verbunden war, schrieb man an die Adresse jener Villa am Wannsee, in der man die Anwesenheit des Malers vermutete.

Viele, der bei Frau Altenschul versammelten Künstler und Kunstverehrer sind jüdischer Herkunft. So auch der nun auf ewig 28jährige Pianist Lewanski, der beim Versuch der Flucht aus dem besetzten Polen auf dem Bahnhof von Litzmannstadt mit falschen Papieren angetroffen und wie beiläufig von einem Hauptsturmführer der Waffen-SS mit einem Genickschuss hingerichtet wurde. Dieser Lewanski gibt nun in einem Saal des Charlottenburger Schlosses ein Konzert für die Toten, das diese zu Tränen rührt – auch den gegen den ausdrücklichen Wunsch Lewanskis und von Frau Altenschul am Fenster lauschenden Uniformierten, der zwar den Totenkopf und die SS-Runen von seiner Uniform entfernt hat, aber dennoch als der Mörder zu erkennen bleibt, der Lewanski auf dem Bahnhof Lodz erschossen hat.

Lewanski spielt Chopin, Webern und Beethoven. Und trotz des Jubels und diverser Da-Capos fühlt er sich an der E-Dur-Sonate Beethovens gescheitert. Der immer zynische Schulze-Bethmann sagt es ihm denn auch unumwunden: Für dieses Stück waren sie zu jung. Sie hatten im Leben keine Gelegenheit, die Reife zu erwerben, die es braucht, um dieses Stück wirklich meisterhaft spielen zu können.

Schulze-Bethmann ist zwar von Frau Altenschul damit betraut, den SS-Mann auf Distanz zum Salon und deren Mitgliedern zu halten. Er selbst pflegt aber Umgang mit dem toten Mörder:

Und nun sprach er davon, daß Herr Klevenow ihn, Schulze-Bethmann, mit einem Seil nahe einem Birkenwäldchen sehr rasch und in bester Absicht erdrosselt hätte. Er sage dies ohne Ironie. Im Leben, fügte er hinzu, geschehe fast alles, auch das Erdrosseln, in bester Absicht, und Herr Klevenow wäre allerdings der Meinung gewesen, daß es geboten sei, einen Juden derart zu behandeln. Insofern müsse man Herrn Klevenow, fügte er weiter hinzu und widerstand der Versuchung, diesen mit einer freundlichen Bewegung der Hand zu berühren, aufrichtig bedauern. Er habe die Menschheit bessern wollen, stünde nun aber als gemeiner Mörder da. Es sei nicht unerheblich, sagte Schulze-Bethmann, wie um seinen Mörder, der aschfahl geworden war, verbindlicher zu begegnen, daß Herr Klevenow die Insignien seiner hochmütigen Absicht sofort, nachdem er selbst hätte sterben müssen, an sich entfernt habe und daß er wünsche, dies als Eingeständnis seiner Schuld zu werten. Denn eines müsse der Mörder, spätestens nachdem er den Zustand seines Opfers erreicht hätte, erfahren: Daß seine Tat sinnlos gewesen sei und daß er sie ebensogut hätte unterlassen können. Und daß dies, fügte er hinzu, und war ganz ernst und darum bemüht, seine Augen, die allen Glanz verloren hatten, nur noch auf die Spitzen seiner Schuhe zu richten, daß dies, wiederholte er, solange wir bei Atem sind, nie geschieht, daß wir einander bei guter Gesundheit und in bester Absicht immer nur hassen, demütigen, quälen, töten können, daß es uns nie gelingt, unserem Dasein wenigstens, indem wir einander freundlich begegnen, einen Schein von Berechtigung zu geben … »Dies«, sagte Schulze-Bethmann, »nenne ich den Wahnsinn des Lebens, und Sie werden einsehen, daß ich keine allzu große Lust habe, einen derartigen Zustand, nachdem man mich frühzeitig darum gebracht hat, im Tode nachzuholen.«

Und schließlich spricht Klevenow selbst zu Lewanski:

»Verstehen Sie mich, mein Herr!« rief er. »Wenn Sie vor ihrem Pianoforte sitzen und derart unnachahmlich spielen, wenn Sie mich und andere zu Tränen rühren, wie sollte ich mir keine Hoffnung darüber machen, daß Sie alle Kunst, um die man Sie gebracht hat, wieder hervorzaubern und daß Sie damit das Unrecht, daß man Ihnen angetan hat, ganz und gar unerheblich machen!«

Lewanski also übt in der Zeitlosigkeit des Todes unentwegt, um diese Beethoven-Sonate doch noch zu meistern, und sein Mörder hofft mit ihm, er möge erfolgreich sein, um sich von seiner Schuld rein zu waschen. Und damit nicht genug. Wenn es gelungen sei, solle Lewanski vor einem Publikum toter SS-Schergen ein Konzert geben, um auch jene zu erlösen.

Das alles trägt Lange vor in distinguierter Sprache. Die größten Ungeheuerlichkeiten gehen diesen Toten, scheint es, leicht von den Lippen.

Wie Lewanski sich entscheidet und ob das gewünschte Konzert stattfindet? Das verrate ich nicht. Diese 100 Seiten wunderbarer Literatur sollten die Turmsegler selbst lesen. »Das Konzert« von Hartmut Lange ist als Band 70 der SZ-Bibliothek preiswert neu aufgelegt worden und für die eher Hör- als Lesewilligen auch als Hörbuch erhältlich.

keineswegs tautologisch

tage, an denen ich zum füller greife, nur um zu schreiben. das klingt tautologisch, ist es aber nicht, nämlich nur um zu schreiben meint keinen inhalt, meint lediglich die physische tätigkeit: das aufschlagen des hefts, das abschrauben der füllerkappe, das nachfüllen der tinte aus dem kleinen glasfaß, das zurückgeben eines tropfens davon, um ein überlaufen der tintenkammer zu verhindern, das klackern beim wegstellen des fässchens auf den tonteller neben dem fenster, das schaben der feder übers papier, das langsame sichtbarwerden blauer buchstabenketten auf hauchdünnen, grauen linien, die kaligraphie meiner schrift, wie sie eine um die nächste seite bedeckt, und die freude, die mich bei all dem durchdringt. tage, an denen ich tatsächlich nur zum füller greife, um zu schreiben…

Kurztitel & Kontexte bis 2009-12-06

LITERATUR ALS RADIOKUNST | Richard Obermayr im ORF- Studio | Produktionsnotizen

||| ZUR WAHL DER LITERATUR ALS RADIOKÜNSTLER | RICHARD OBERMAYR | DURCHLÄUFE DER LEKTÜRE | IM GROSSEN HÖRSPIELSTUDIO : DYNAMIK MIT ÜBERRASCHUNGSGAST | KLANGMATERIAL IN BEARBEITUNG | HINWEIS | RELATED

ZUR WAHL DER LITERATUR ALS RADIOKÜNSTLER

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Nach welchen Kriterien fällt eigentlich die Wahl auf gewisse Dichterinnen und Schriftsteller , welche wir einladen , eine Produktion für die Reihe “Literatur als Radiokunst ” zu gestalten ? –

Die oft gestellte Frage lässt sich im Grunde nur im Raum einer gewissen Unschärfe beantworten . Selbstverständlich scannen wir die Neuerscheinungen zeitgenössischer Autorinnen und Autoren sofort nach der möglichen Eignung der jeweiligen Verfasser für unser – jedesmal neues und jedes Mal ergebnisoffenes – radiophones Experiment . Wobei sich “Eignung” gleichwie aus einer besonderen Musikalität der Sprache ableiten mag wie aus dem Eindruck eines expressiven , artikulierten Ausdrucksbegehrens .

Letztlich braucht es auch eines gewisse Flexibilität des Denkens und der Verständigung , um während der konkreten Studioarbeit neue Sprechweisen auszuprobieren , sich von überlangen Textpassagen zu trennen und sich auf den ununterbrochenen Prozess minimer Entscheidungen einzulassen ( “Welche Version ?” , “Wohin gewisse Textblöcke setzen ?” , “Welche elektroakustischen Modulationen verträgt eine gewisse Textebene und welche nicht ?” ) .

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RICHARD OBERMAYR

Obermayr_Leitner_ST4_copyright_Christiane_ZintzenDass “Literatur als Radiokunst” allerdings mitnichten am Tropf der saisonalen Neuerscheinungen hängt , erweist sich bei unserer jüngsten Arbeit mit Richard Obermayr . Immerhin liegt das akklamierte Romandébut des 1970 geborenen Oberösterreichers , “Der gefälschte Himmel” , bereits elf Jahre zurück . Man weiss zwar , dass er an einem weiteren grösseren Prosawerk arbeitet , erhält indes nur sehr selten einen spärlichen Einblick durch rare Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften . Obwohl er Auskünfte über seine Projekte in ebenso beredten wie gewitzten Ablenkungsmanövern von sich weist , ist zu wissen , dass hier Einer dicht und skrupulös am Text arbeitet : Eine Eigenschaft , welche uns natürlich auch für Produktionen von “Literatur als Radiokunst ” eminent interessiert .

Auch in den Vorgesprächen gab Richard wenig preis von seinem ersten radiophonen Vorhaben , es blieb das einprägsame Bild einiger atmosphärischer Details wie dasjenige einer Wespe , welche nach obsessiver Präsenz endlich irgendwo im Horizont verschwindet – ein Detail , welches während der Studioarbeit auf geradezu kuriose Weise summend und schwirrend und sich verlierend sozusagen auf die Produktion zurückfiel …

Der zwei Tage vor Produktionsstart schliesslich übersandte Text spaltete sich in zwei dicht ineinander verwobene Parts für eine “Erzählerstimme” ( Situationsbeschreibung , Regieanweisung ) , durchbrochen und überlagert von einem subjektiven , eher kolloquial gehaltenen und assoziativen Part des ( gedachten ) Aufbegehrens , Ausbruchswillens aus einem als mortifiziert oder eingefrorenen vorgestellten ( Familien- ) Bild . Szenisches Standbild vs. unaufhaltsame Gedankenflucht : zwei treffliche akustische und performative Dispostive .

Sie sind allein mit der toten Zeit, die noch weiter läuft wie ein Projektor in einem leeren Kinosaal immer noch sein Licht auf die Leinwand wirft.
Und jetzt, da alles geschehen ist, ein ganzes Leben vorüber ist, ist es wieder still, als sei hier alle Angst ausgestanden und alles unbekannt und ein neuer Anfang möglich. Stell dir vor, du bist es. Es ist
lange her. Ein neuer Tag bricht an, nur das Haus bleibt davon verschont.

Alles schweigt, aber sein eigenes Schweigen teilt man mit niemandem. Noch bleibt jedes Schweigen beharrlich für sich, im Flur das Bellen des Hundes, das ausbleibt,
Eben noch, nicht anders gewohnt, mein erster Gedanke
war
das fehlende Knarzen der Treppen, im Wohnzimmer das Schweigen des Klaviers und die Stille der Pendeluhr, in der Küche das fehlende Zischen der Gasflammen. Noch bleibt jede Stille wie ein Schatten bei
seinem Ursprung, eine Weile lang noch …
sind das da draußen immer noch die gleichen Krähen wie damals, sollten sie nicht schon weit weg sein, auf anderen Bäumen weit fort von hier?
Möglich, daß etwas passiert ist, sie aber hat es noch nicht erreicht. Sie wissen es nicht, was mit ihnen geschehen ist, als wenn man sie vergessen hätte, sich nicht mehr um sie sorgt.

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DURCHLÄUFE DER LEKTÜRE

Obermayr_ST4_copyright_Christiane_ZintzenDurchlauf Numero eins und Gelegenheit zum “Einlesen” : Die recte gesetzten , beschreibenden Parts . Selbst der ausgezeichnete und praktisch fehlerfreie Rezitator bedarf einiger Wiederholungen , um Vertrauen ins Mikrophon und in die Situation im kleinen Sprecherstudio zu fassen , die richtige Stimmlage und eine flüssige Intonation zu finden .

Diese “Durchläufe” geben auch Tonmeister Martin Leitner hinreichend Gelegenheit , sich auf Text und Vortragenden einzustellen , sodass er den Sprecher selbständig darauf aufmerksam machen kann , wenn etwas “stockt” oder manieriert wirkt . Mitunter fühlen wir uns an Axel Cortis Sprechweise im legendären “Schalldämpfer” erinnert .

Trotzdem erweisen bereits die Prosa- Durchläufe , dass der mitgebrachte Text bei weitem zu lang ist und Richard – siehe oben : “Flexibilität des Denkens und der Verständigung” – sich ohne Zagen ins radikale Kürzen stürzt . “Kann man weglassen” , “brauch ma nicht” : Das ist Keiner , der in jedem Fall auf jedem Detail seiner ( sichtlich nicht leicht erkämpften ) Hervorbringungen insisitert : Mithin auch dies eine Grundvoraussetzung für die radiophone Verflüssigung eines geschriebenen Werks .

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IM GROSSEN HÖRSPIELSTUDIO : DYNAMIK MIT ÜBERRASCHUNGSGAST

Obermayr_ST4_HörspielstudioObermayr_RP3_copyright_Christiane_ZintzenTrotz der beim kühnen Kürzen an den Tag gelegten Verve , scheint sich für die Kursiv- Passagen im engen Sprecherstudio kein überzeugender “anderer” Ton zu finden . Die ändert sich schlagartig und eminent begeisternd , als wir den Strauss der Mikrophone in das grosse , das theatrale Hörspielstudio transferieren . Hier kann sich Richard – dank der “surround” ausgerichteten Mics – gehend , stehend , treppauf und treppab im Grossraum bewegen und : Bingo ! – Wir dürfen von jetzt an ein expressives und witziges , hochkonzentriertes histrionisches Talent erleben . Als bräuchte es die aus der Bewegung und dem abrupten Stopp überschiessende Energie , um diese dann in die frei gesprochene Textpassage zu überführen …

Was uns Horcher hinter der Scheibe darüber hinaus fasziniert , ist die offenbare Anwesenheit einer ( und dem Klang nach : keiner kleinen ) Fliege im Hörspielraum : Bestens eingefangen durch die feinst eingestellten Mikrophone , summt und brummt das Tier in abenteuerlichen Kurven quasi einen Generalbass zum Gesprochenen . Auch als der Autor längst die Rezitation beendet hat , nehmen wir die eindrucksvolle Fliege noch ein paar Minuten lang solo auf , bis sie – wie im Bild der davon schwirrenden Wespe – sich allmählich irgendwo im Unhörbaren verliert . Ein herrliches Klangmotiv , welches sich in das vom Text geschilderten , überreif- dekadenten und irgendwie in Starre verwesenden Szenario schmiegt …

Und voilà : Da haben wir wieder einmal einen dieser kleinen – meist aus einem Zufall herrührenden – Ausbrüche aus der “Literatur als Radiokunst”- Selbstbeschränkung , die aus der Leserstimme gewonnenen Worte , Töne und Geräusche als ausschliessliches Klangmaterial für weitere Bearbeitungen zu verwenden . Sei es das Surren des Handys in Monika RincksAm Apparat” , sei es diese zufällige Fliege im grossen Studio : Jede Produktion gestattet sich eine solche – mehr oder weniger diskrete – Übertretung der selbstauferlegten Regel .

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KLANGMATERIAL IN BEARBEITUNG

Obermayr_Leitner_RP3_copyright_Christiane_ZintzenDie folgenden zwei Tage gelten nun der Bearbeitung des akustischen Materials via ProTools : Ein hochkonzentriertes Vorantasten von Sekunde zu Sekunde , welches in diesem Fall vor allem im sukzessiven Ineinander- und Gegeneinanderschieben der beiden Artikulationsregister besteht . Kolloquiale Halbsätze werden freigestellt und als Interjektionen und | oder Nachhall in die hochsprachlich deskriptiven Passagen injiziert , so dass sukzessive eine immer dichter werdende Durchdringung der differenten Textebenen entsteht .

Als Generalbass und akustisch einbettendes Element fungiert selbstredend unsere Zufallsfliege . Womit genau jenes Monate zuvor am Kafeehaustisch formulierte und auf Papier skizzierte Bild entsteht , auf welches man vertraut hatte .

Somit ist Richard Obermayrs akustisches Erstlingswerk “stillgelegt” ein aus Textplan und -Streichung , Stimm- und Raumexperimentieren , minutiöser Feinarbeit der Nachbearbeitung plus dem Faktor “Zufall” bestmöglich geglücktes Stück auditiver Literatur geworden – und damit ein in allen Kategorien typisches wie eigensinniges Stück “Literatur als Radiokunst” .

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HINWEIS

Richard Obermayrs “stillgelegt” geht – zusammen mit Urs Allemanns “Verlautbarung” – am Sonntag, den 21. Juni im ORF- Kunstradio auf Sendung . Weitere Ankündigungen werden Ihnen nicht erspart bleiben .

Ansichtskarten vom Rheinfall

Halte dein Herz, o Wanderer, fest in gewaltigen Händen,
Mir entstürzte, vor Lust zitternd, das meinige fast.
Rastlos donnernde Massen auf donnernde Massen geworfen,
Ohr und Auge, wohin retten sie sich im Tumult?
Wahrlich, den eigenen Wutschrei hörete nicht der Gigant hier,
Läg` er, vom Himmel gestürzt, unten am Felsen gekrümmt!
Rosse der Götter, im Schwung, eins über den Rücken des andern,
Stürmen herunter und streun silberne Mähnen umher;
Herrliche Leiber, unzählbare, folgen sich, nimmer dieselben,
Ewig dieselbigen -, wer wartet das Ende wohl aus?
Angst umzieht dir den Busen mit eins, und wie du es denkest –
Über das Haupt stürzt dir krachend das Himmelsgewölb!

(Eduard Mörike)

***

Es ist ein grausam Ding zu sehen. Dieser Fall heißt zu unseren Zeiten am Lauffen. Es wirrt das Wasser so es oben herab fallt, zu einn gantzen schaum, es steubt über sich gleich wie weißer rauch. Do mag kein Schiff herab kommen, anderst es zerfiel zu stucken. Es mögen auch keine Fisch die Höhe dieser Felsen übersteigen, wann sie noch so lange krumme zeen hätten, wie das Mörthier Rosmarus oder Mors genannt.

(Sebastian Münster)

***

Hier ist eine Wasserhölle. Kein Schauspiel der Natur hat mich je so ergriffen. Meiner Sophie wankten die Kniee und sie erblaßte… Grauenvolles, doch seliges Staunen hielt uns wie bezaubert. Es war mir als fühlte ich unmittelbar das praesens numen. Mit dem Gedanken an die geoffenbarte Macht und Herrlichkeit Gottes wandelte mich die Empfindung seiner Allbarmherzigkeit und Liebe an. Es war mir als ginge die Herrlichkeit des Herrn vor mir vorüber, als müßte ich hinsinken auf`s Angesicht und ausrufen: Herr Herr Gott, barmherzig und gnädig!

(Jakob Michael Reinhold Lenz)

***

volle shampoonade! faellt der schweizerrhein
durch die touristenschleuse mitten in geweitete
objektive. ganz natuerliche randale. echt recht
erschwinglich brausts & tosts & tolle blickwinkel

von ueberall aufm kaenzeli: am himmel wehen
schweizerkreuze, aufgeregt flattern eintrittsbillets
durch wacklige handkamerasequenzen, gehen
baden in der schlagsahne des betagten stroms

ueber beiden ufern aufgespannt schiebt so`n
doppelregenbogen dienst, grueszt militaerisch
vermarktbar ist der flecken allemal. in die wildnis
geschippte busladungen bewundern gottes

spaetwerk: mensch tausend kubik pro sekunde!
aufm parkplatz im gourmet imbiss wartet das
schnitzel danach. baeumt sich auf in der pfanne
nichts ist von dauer, steht auf den papierservietten