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Die Sainte Chapelle privat ODER Raffaela aus den Fenstern. Das Reisejournal des 23. Junis 2010: Mittwoch. Mit einer kleinen Erinnerung an die Löwinnenhelix. Les secrets de Paris (7). Darin der dritte Teil der Tour d’Argent.

7.14 Uhr:
[Paris, La Nonchalante.]
Es ist mir gelungen, was ich mir gestern abend nach meinem Wutanfall vorgenommen habe, und es ist mir gut gelungen. Ich habe dazu die Métro genommen, denn ich wollte die Beaux Quartiers verlassen, in denen mein Laptop freilich weniger unsicher stehenblieb als in irgend einer Bude jener Arrondissements, die ich früher immer bervorzugt habe, ob nun über die La Fayette nach Clichy, ob von dort westlich; nahm mir vor, mit der Métro bis Stalingrad zu fahren, wohin es mich sowieso zog, und den ganzen Weg von dort zurückzuspazieren, was kein, dachte ich, sonderliches Problem sei, wenn ich mich an die großen Straßen hielt, den Faubourgh-Saint Martin einfach immer nur hinab, vielleicht in die Seitenstraßen geschaut, aber den inneren Kompaß fest im Blick, irgendwann stößt man auf die Rue Saint Martin und ist dann schon fast an der Turbigo; was die berühmten Vergnügungsstätten anbelangt, etwa das Moulin Rouge, so habe ich dafür eh kein Geld, bin mir aber sicher, daß der Gräfin bereitstehen würde, wollte ich so etwas tatsächlich sehen. Wie bei der Sainte Chapelle. Wovon ich auch noch erzählen muß… – Sie haben recht, ich hole das vor:

Nach >>>> Frau B’s so dringender Empfehlung, mir diese Kirche anzusehen, waren die Löwin und ich vor zwei Tagen, es war der Morgen nach M. Pruniers schönem Besuch, von Caulaincourt-Lamarck zur Île de la Cité gefahren. Es war nicht viel Zeit, weil mich Jenny bereits um 12 Uhr abholen wollte, auch weil die Löwin schon wieder zurückreisen mußte und ihre Doppelhelix lockte. Jedenfalls war die Heilige Kapelle, die eine große Kirche ist, wirklich nicht schwer zu finden. Nur. Eine solche Schlange von Menschen stand davor, wir hätten Stunden gebraucht, um hineinzukommen. Ich stehe nicht in Schlangen an, nie. Deshalb habe ich bis heute den Louvre nicht von innen gesehen und nie die vatikanischen Museen, obwohl ich in Rom ein Jahr lang gelebt habe und immer wieder hingekommen bin, immer wieder hinkomme, in fünfsechs Wochen werde ich das nächste Mal dortsein, mit meinem Sohn. Wissen Sie, es gibt da einen Film, der von einem jungen Mann erzählt, welcher sich nächtens in Kirchen einschließen läßt, um darin zu übernachten. Er versteckt sich vor den Gläubigen, versteckt sich vor dem Küster, und schließlich versteckt er sich vor den Reinigungskräften. Dann ist er allein. Als er eines Tages erwischt wird und gefragt, was er denn nachts dort suche, antwortet er: „Wenn die Menschen draußen sind, ist Gott darin.” Dieser Satz beeindruckt mich bis heute. Ich habe S. Pietro und viele andere italienische Kirchen im Kopf. Reisegruppen ziehen durch. Es wird geplappert, und die Gläubigen werden historisiert und verfreakt. Ich habe Leute gesehen, die in Seitenkapellchen betetende alte Frauen auf das schamloseste fotografierten. Es ist unerträglich. Man muß Kirchen für den Tourismus verbieten. So meine ich’s auch für viele Kunst, daß man sie vor den Blicken schützen muß. Man muß sie vor den Massen schützen, mit den Massen, immer, beginnt Blasphemie. Was habe ich davon, mich vor der Mona Lisa in Hundertschaften zu drängeln? Als ich seinerzeit eigens Antonellos Annunziata wegen nach Palermo gereist war – ich hatte das Bild in einem Reiseführer gesehen, den ich auf Stromboli erwarb, wo ich eines heftigen Sciroccos wegen tagelang hängenblieb -, als endlich wieder eine Fähre hatte anlegen und mich mit sich fortnehmen können, hatte ich meine ganze Reiseplanung verworfen und war zur Annunziata hingefahren. Dieses Bild wollte ich sehen. Und sah es und war so sehr enttäuscht. Nein, nicht des Bildes wegen, nicht, weil es so viel kleiner ist als der Reiseführer suggerierte. Sondern wegen der zwei Soldaten oder Polizisten, die links und rechts neben ihm standen, mit Maschinenpistolen, um’s zu bewachen. Da ist ein Gespräch mit dem Bild kaum mehr möglich. Scharen sich aber Hunderte davor, gar nicht mehr. Dann möchte ich es lieber nicht sehen. Nie sehen. Aus Achtung.
„Wir s o l l e n die Fenster nicht sehen”, sagte sie Löwin, und wir fuhren, nach einem Kaffee in der Sportsbar, die sie kannte, zurück ins Hotel und den Vergnügungen unserer Leiber entgegen. Dann war es schon nach zwölf gewesen, ich hatte Jenny pfeifen hören, sie aber warten lassen, sie hatte gewartet. Das wissen Sie alles schon. Aber ich habe sie auf die Sainte Chapelle angesprochen. „Ich kümmere mich darum”, hatte sie geantwortet. Es war dies der Tag, den die Fête de la musique abschließen sollte, die mich auf das Boot gegens Jüngste Gericht warf. Gegen abend hatte mich Jenny, die ich immer wieder, erst versehentlich, dann absichtsvoll „Edith” nannte, noch einmal ins Hotel gebracht, damit ich unter die Dusche konnte; sie hatte mir eine halbe Stunde gegeben. Dann fuhren wir von der Chevreuse zur Île, sie stellte ihr Motorrad ab, sicherte es, ich glaube, es war schon nach acht. Nein, von Sonnenuntergang keine Rede, nur bisweilen schaffte es die Sonne durch die tiefhängenden Wolken. Dennoch. „Ich habe mit Madame telefoniert”, sagte Edith, „man wird dich erwarten”. In der Tat, wir mußten ein Stückchen um die Chapelle herum, „da mußt du lang. Siehst du die Holztür dort?” Eine ganz niedrige Holztür. „Dort mußt du klopfen. Man erwartet dich. Laß dir Zeit, wir haben keine Eile.” Sie steckte sich eine Zigarette an und ging langsam weg.
Ich klopfte.
Der mir öffnete, ich würde ihn einen Mönch nennen wollen. Das war er aber nicht. Er sah mehr wie ein Zuhälter aus.
„M. ’erbst?”
Ich nickte.
„Wenn Sie mir bitte folgen wollen.”

8.51 Uhr:
Es macht mich ein wenig unruhig, daß ich so gar nichts mehr von Edith gehört habe, nichts mehr, seit Raffaela mich von dem Boot gerettet hat. Gerettet ja, denn um die Tatsache führt kein Weg herum, daß der Fluß, auf dem ich trieb – er hatte mit der Seine, die ich hier täglich sehe, rein gar nichts mehr zu tun -, in die gleiche Richtung floß, in der auch die unendlichen Kuh- und Schweinherden zogen. Und wieso war mein Laptop bei mir geblieben, wieso war der nicht ebenfalls gestohlen worden? Wir alle werden, um uns zu beruhigen, sagen (die übliche Autorenkiste, wenn eine Fantasie nicht weiterwill): es war ein Traum.
Nein, Leserin, das war es nicht. So wenig, wie der Zuhälter, der mir voranschritt, schritt; er lahmte nämlich, zog ein Bein nach. Dann betrat ich, durch die Sakristei, das Schiff. Es gibt, um Gotteswillen! gibt einen Zusammenhang zwischen ihm und dem Boot, auch wenn die Farben n i c h t so schwammen, n i c h t so glühten, wie Melusine es erzählt. Die riesigen Fenster waren gleichsam pastellen gedeckt. „Es wäre”, sagte der Zuhälter, „jetzt eben die Zeit. Tut mir leid, daß das Wetter nicht mitspielt.” „Insch’allah”, sagte ich, worauf er mich wirklich giftig ansah, sich aber zusammennahm und erwiderte: „Ich bin durchaus in Kenntnis gesetzt, mit wem ich es zu tun habe. Wir haben hier nicht oft so hohen Besuch.” Und in nahezu denselben nicht nur Worten, nein ganz auch im Tonfall Jennys setzte er hinzu: „Lassen Sie sich Zeit, wir haben keine Eile.” Er beugte sich etwas vor, und in dieser gebeugten Haltung schritt er, lahmte er rückwärts zurück in die Sakristei, die er schloß. Ich blieb allein mit mir und der Kirche.
Das wäre jetzt eine Zeit für die Meditation gewesen. Aber ich fand keine Ruhe, das Schiff wies mich ab. Ich ging umher, langsam, fast ständig den Kopf im Nacken. Welche Herrlichkeiten! dachte ich. Doch sie waren nicht meine. Ich setzte mich, versuchte nachzudenken. Da war Madame Le Duchesse, da war Jenny. Edith war da, Raffaela war da, aber die Löwin nicht mehr, von der ich verstand, sie sei für mich das Seil, an dem sich einer hinabläßt, und oben hielt sie mich fest. Da war Paris, das sich geordnet hatte, seit ich ihm, schon einmal, ein Buch schrieb: >>>> Die Orgelpfeifen von Flandern. Besorgen Sie es sich. Meine Lästerer mögen es sich besorgen, wenn sie denn erfahren wollen. Es ist für solche wie Edith geschrieben, auch für BettyB, damit sie zu verstehen lernen. Beide wurden mir zugeführt von der Gräfin, La Fête de la musique, spät in der Nacht in einem Club, dessen Name ich nicht vergessen habe, nein, es war gar keine Zeit gewesen, ihn zu lesen. Aber er stand direkt über der Tür. Hinter dem sich ein Loch öffnete, organisch, sehr organisch, hätten nicht Treppen hinabgeführt, ich würde Ihnen erzählen müssen, daß ich hinabgeglitten sei und sehr weich in einem Schichtflies aus Teppichen aufgefangen wurde. Gefärbter Nebel stand im Raum, zur Begrüßung wurden Cocktails gereicht, die ebenfalls farbig waren und von denen es ebenfalls, wie von Trockeneis, dampfte. Manchmal durchblies ein Ventilator den Nebel, dann sah man verkleidete Menschen, gestylte Menschen, sollte ich sagen, manche trugen nichts als Masken, andere nur einen Schal. So auch Raffaela, von der Edith ganz zu Unrecht schrieb, >>>> ich hätte bereits von ihren Brüsten geschwärmt. Das habe ich noch gar nicht, aber jetzt wäre Zeit, da sie auf mich zukam, nicht gehend, nein, gleitend, mir ihre rechte Hand reichte und mir aus den Teppichen aufzustehen half. Sie trug wirklich nur einen Schal, einen sehr langen, einen elfenbeinfarbenen Schal, den sie einmal um ihren Hals gewunden hatte und der links neben ihrer linken Brust hinabschleierte und an ihrem Rücken bis zur Kniekehle, vorn zu den Knien.
So stand sie vor mir. Ich blickte verwundert meine linke Hand an, die in ihrer Rechten lag. „Du möchtest gerne nach Hause”, sagte sie. Ich dachte, das hämmernde Gewummer, das man gegenwärtig Musik nennt, sei viel zu laut, um solch einen zarten Satz rein akustisch verstehen zu können. Aber es war ja still in der Sainte Chapelle, nur durch die Fenster drangen von ganz entfernt Stimmen und manchmal ein Hupen herein von jenseits der, dachte ich, Insel. „Du mußt aber erst mal zu sehen wiedererlernen.”
Es war die kleine Algerierin. Ich weiß nicht, wie sie hereingekommen ist. Sie ist aus einem der farbigen Fenster herausgetreten und heruntergeflogen. „Ich möchte dich heilen”, sagte sie, „ich kann auch den Teufel heilen. Er muß es aber wollen.”

10.21 Uhr:
>>>> La Lune hielt mich vom Weiterschreiben ab, >>>> ich mochte gerne antworten; vielleicht sagt aber Herr Kerber auch noch was.
Immer noch nichts von Jenny. Ich unterbreche, weil ich ein Baguette kaufen will. Habe Hunger. Und es ist irre schönes Wetter, plötzlich ist es warm geworden. Endlich. „Paris ist ein Museum geworden”, hat sich der Gräfin in der Tour d’Argent beklagt. Ich soll ihm vielleicht etwas andres erzählen? Aber es ist nicht nur das. Sondern Raffaelas Satz in der Sainte Chapelle. Sondern es sind auch die Blütenblätter auf dem kleinen Tisch in der Küche. Es ist dieses Wort. Da war ich stehengeblieben in der Erzählung, wie Jenny aufgeschrien hat, als sie es las. Sie, anders als ich, hat es verstanden. Doch später, Leserin, später… Baguette, ein Café, Gauloises. Wohltuend, daß in der ganzen Stadt kaum Fußballfahnen zu sehen sind.

(Bitter allerdings ist >>>> dieser Satz Aléa Toriks: „Mir gehen diese Idioten da drüber auf die Nerven. Das sorgt erstens dafür, dass ich dort nichts mehr schreiben will und zweitens auch nichts mehr lesen will.” Er beschreibt genau das, was Leute wie Edith, La Lune, BettyB und einige andere mehr, erreichen wollen. Die Löwin schrieb mir in ihrer Mail: „Man hat den Eindruck, daß sie dafür bezahlt werden, daß das eine ganz bewußte Agitation ist.” Man könnte ihn haben, ja, wenn man die Geschichte meiner Dichtungen kennt; ich bin mir aber nicht sicher. Daß Realität von Fiktion nicht mehr zu trennen ist, daß ich nicht weiß, wo bilde ich mir etwas ein, höre das Gras wachsen usw. und wo ist allesdas handfest zu machen, hat mich von frühauf beschäftigt. Die Anonymität der Kommentatoren ist ein Teil dessen, was ich immer wieder gestaltet habe: wir kennen die Gegner nicht und wissen nicht einmal, ob sie sich selber kennen. Also erfinden wir sie uns: um ein G e s i c h t zu haben. Das ist aber ein Handel mit Derivaten: Immer wieder erstaunt es mich, wie die Vorgänge der Realität denen an den Weltbörsen ähneln: Politik wird mit Fiktionen gemacht. Literaturgeschichte auch.)

Jetzt aber hinaus!

14.26 Uhr:
Eben erst zurückgekommen. Unter die Tür war, aber sonst ohne Nachricht, die auf meinen Namen lautende Bestätigung eines E-Tickets durchgeschoben: Abflug Freitag vormittag, Charles de Gaulle, T2D, 9.40 Uhr. Nicht, übrigens, für Alban Nikolai Herbst, sondern auf den anderen Namen. Was mir ein maues Gefühl macht. Jedenfalls werde ich noch heute und morgen hiersein. Keine sonstige Nachricht aber, eben, und das Geld wird knapp. Na gut, hundert Euro hab ich noch.
Ich muß unbedingt eine Stunde schlafen, bevor ich weiterschreibe. Den Vormittag über habe ich im Luxembourg für den Roman meine Notizen gemacht, nicht für dies hier, sondern für den Roman, den der Gräfin für sich will, aber manches von hier geht damit durcheinander. Eine neue Nachricht von der Löwin ist gekommen, ich habe Skype geöffnet, aber sie reagiert nicht, obwohl sie als online angezeigt wird. Das Problem habe ich aber immer wieder auch in Berlin.

15.59 Uhr:
Ich sah auf meine ausgestreckte linke Hand, die auf der in ihrem Leuchten schräg aus grünen Stoffen gewebten Lichtbahn ruhte, welche mir die offenbar für Momente durch den Wolkenvorhang gebrochene Sonne durch eines der Fenster schickte. Sie ruhte dort, meine Hand, es war, als läge mein Arm dort auf, und eine weitere Lichtbahn, für den nächsten Moment, legte sich, sie nun in Rot, darüber. Ich mußte mich nicht anstrengen, gar nicht, ich hatte meinen ganzen Arm darin abgelegt. „Maria”, dachte ich, nicht länger „Raffaela”. Aber war ja allein, niemand war bei mir. Erst jetzt, da ich das bemerkte, wurde mir die Armhaltung schwer. Was konnte mit heimkommen gemeint sein? Denn kaum kam ich zu mir, schüttelte ich schon wieder ab, was frühere Generationen der Christen „eine Erscheinung” genannt hätten; ich spürte auch meinen alten Impuls dieses Aufbegehrens, des sich nicht Beugens, nicht beugen W o l l e n s; ich spürte die Empörung wieder, diese uralte, einen Archetypos des Empfindens, der meiner nicht und d o c h meiner war, spürte die Wut, spürte den Stolz. Nein, ich war nicht einverstanden gewesen, als man das naive Paar aus dem Garten trieb, ich war mit Michael nicht einverstanden gewesen, den ich als zweiten Vornamen trage, wider meinen Willen, ich sah das Ungleichgewicht und hörte das Schreien der Entenknochen wieder. Ausgerechnet er, dachte ich, soll mich versöhnen, ausgerechnet er mich zurückholen… aber das stimmte ja nicht, denn Raffaela, nicht er, hatte mir die Hand aufgelegt. Er stand nur hilflos herum, als ich ihn anrief, morgens auf dem Boot, das nicht anhalten wollte, mich aber endlich gefangen hatte, in der Klemme hatte und weitertrieb gegen den Horizont, der nichts als reine Mathematik war. Raffaela war es, auch da schon, die ihre Hand auf meine Schulter legte, aus der mir wer was gebissen hat. Ich ahne jetzt, wer. Es ist mehr als nur Ahnung.
Das ganze Kirchenschiff erstrahlte, ich saß in den Farben, als wären sie Wasser. So stellte der Gräfin sich vor, daß die Apokalypse beginne. So ließ sie es sich vorstellen, so gefiel es ihm, wie der Mensch funktioniere. Er funktioniert jedoch aus Not. „Es ist nicht wahr!” rief ich aus, laut, tatsächlich a u s und sprang auf. „Hörst du?! Es ist nicht wahr! Alles ist Täuschung!” Schon war auch der Spott in mich zurück, weil ich mich ansah, wie ich nach oben, zur Kirchendecke, schrie, als ob es das gäbe, ein Oben, ein Unten, als ob es nicht völlig egal wär. Er machte mich lächerlich. Er machte mich abermals lächerlich. Ich wollte die Realität.
Sie waren wie Kinder gegangen, die beiden, gescholtene Kinder, ein Mädchen, ein Junge, denen aus einem alleinigen Grund Vergebung nicht wird – dem, daß sie hatten wissen wollen. Noch wurde sie je. Noch wird sie. Nur immer neue Versprechen und auch sie nur für die, die an sie glaubten. Zerrissen sich aber weiter die Nägel, wurden totgetreten, schleppten sich siech an den Steinen, ausgebeutet, ausgehungert, auch für diesen herrlichen Bau, und verachtet, und, wo es ihm nottat, auf den Haufen verbrannt. Wenn ich die Kraft besessen hätte, wenn ich wenigstens einen Stein dabeigehabt hätte! „Raffaela!” Sie kam, erschien hinter Jenny, die neben mir stand, als ich über die Reling schrie, Jenny, die vor lauter Verlegenheit ihre Flammenhände rieb. „Immer hast du wissen wollen”: wann war das, das sie mir das gesagt? Nicht Jenny, nein, Raffaela, und auch nicht gesagt, nein, ins Ohr geküßt vor Hunderten Jahren. „Wieso kannst du seinen Glauben nicht haben?” Dabei hatte auf sie eine Kreuzstatt gezeigt, an der ein ganz anderer hing und verdarb, nichts als ein verzweifelter Vater, der für seine Kinder genommen hatte, was ihm nicht, hatte das Urteil behauptet, zustand. Ich aber hatte längst die Fackel genommen, Aufrührer viel mehr als er.
Manchmal frage ich mich, ob ich denn nicht auch, einige Monate lang, geglaubt habe, damals, bis er da hing. Dann konnte ich nur noch lachen. Die Schöpfung? Eine Presse für Enten, eine Auspresse, Vater.Paris-SC-Juni-2010

Vater?
Ich bitte, du Mutter, mich räuspern zu dürfen.
Sitz doch endlich mal grade bei Tisch!
Ein Silberturm ist die Welt.
******* 16.59 Uhr:
Dann saß sie neben mir, ‚wieder neben mir’ hätte ich fast geschrieben, weil auch ich mich wieder gesetzt hatte. Das Licht war hinter die Wolken zurück, hinter die Fenster zurück, die sich eindämmerten. Ganz offenbar saß ich schon über eine Stunde hier, vielleicht sogar zwei Stunden, denn es wurde draußen dunkel, obwohl dies noch einer der längsten gehenden Tage des Jahrs war.
Sie hatte sich wie ein Mädchen zu mir gesetzt. Da war gar nichts Erotisches, noch gar Sexuelles an ihr, auch nicht bei den Riemchensandalen, die sie trug, so daß ich die schönen Füße sah.
„Du alter Verführer”, sagte sie aber und kicherte kurz.
Ich schwieg, sah sie aus meinem Augenwinkel an, das leichte Kleid, den Schal, der einen Teil ihres Hinterkopfs und die Schultern bedeckte und den sie mit der rechten Hand unter dem Kinn zusammenhielt. Ihre Oberschenkel drückte sie aneinander, die Unterschenkel in dem berühmten spitzen Dreieck stehend, so daß sich die Fersen auseinanderdrücken, aber die Zehen zueinanderschaun. Ein ganzes, immer noch, Kind. Während draußen vor der Kirche, da war ich mir sicher, ihre Schwester rauchend dabeiwar, sich für mich die nächsten Sensationen auszudenken, die man mir zeigen könne in Paris, vor allem jetzt, wo keine Löwin mehr ein waches Auge aufhalten konnte.
„Es gibt Giganten und es gibt Bürger”, hatte der Gräfin mir im Silberturm noch gesagt. Es war sehr spät geworden, meinem Eindruck nach. Tatsächlich hat unser Treffen keine zweieinhalb Stunden gedauert. „Sehen Sie”, hatte er gesagt, „alles hat eine Nummer, auch diese Ente. Alles wird verzeichnet, nichts wird vergessen, dem Bürger weder, noch dem Giganten, noch den Enten. Nur die Giganten aber wissen zu loben.”
Welch eine abstruse Idee! Wäre ich ein berühmter Schriftsteller, also hätte ich einen Namen wie Picasso gehabt, ganz sicher, ich hätte begriffen, weshalb so einer wie er von mir einen Privatroman wollte, ein Typoskript, das er sich selber binden läßt und, wenn die Zeit gekommen ist, zu Sotheby’s gibt. Doch wer unter denen, auf die es im Kunstmarkt ankommt, kennt mich? Kaum jemand, und die wenigen, die etwas zu sagen haben und dennoch schon mal von mir gehört, verabschätzen mich. Was ist mit meinem Romanmanuskript zu gewinnen.
Er wiederholte: „Nur die Giganten wissen zu loben.” Dann lachte er leise und setzte hinzu: „Es ist keine Zeit für Giganten. Von den Giganten haben die Menschen die Nase voll. Das ist auch klug von ihnen. Eine Demokratie kann sowas nicht brauchen. Aber sie zahlt natürlich dafür. Sie zahlt mit Resignation, zahlt mit Entzauberung, zahlt mit der Nüchternheit. Paris ist ein Museum geworden, Herr Herbst, gehen Sie herum, schauen Sie die Massen der Besucher an, für die alles wie geleckt ist, damit das Touristengeschäft auch floriert. Sie wissen natürlich, nicht wahr?, daß die Spatzen auf der Liste der bedrohten Tierarten stehen. Nicht daß mir prinzipiell viel an diesen kleinen Schreiern läge, aber doch immerhin… denken Sie an die Halle der Seelen.”
„Die Löwin…” sagte ich in einem Vorstoß, der aus reinem Mutwillen rührte –
Er hob die rechte Braue.
„Meine Geliebte”, sagte ich.
„Ich weiß. Und?”
„Die Löwin hatte die Idee, Sie seien vielleicht Gott.”
Er lachte unvermutet laut auf.
„Das ist natürlich nur Literatur”, sagte ich, „… für den Roman.”
„Natürlich”, sagte er.
Ich lächelte.
„Es ist mir eine Ehre”, sagte ich.
„Nicht Ihnen”, erwiderte er, „sondern mir. Also schlagen Sie ein?”
„Bitte?”
Er reichte mir auch gar keine Hand.
„Sie wollen keinen Vertrag, nicht wahr?”
„Nein”, sagte ich. „Das käme mir klein vor.”
Er schob seinen Stuhl zurück, stand aber noch nicht auf. Jedoch war es das deutliche Zeichen, daß unser Gespräch beendet war.
„Sie müssen sich nicht beeilen”, sagte er, „Sie haben so viel Zeit, wie Sie möchten. Lassen Sie sich von Mademoiselle Jenny”, er sprach ihren Namen französisch aus, „noch so viel zeigen, wie es nur geht. Ich habe in Mademoiselle mein tiefstes Vertrauen. Reisen Sie ab. Kommen Sie zurück, so oft Sie wollen. Mademoiselle hat Ihnen eine Telefonnummer gegeben… ah, noch nicht? Ich werde sie erinnern. Wenn Sie herkommen wollen, genügt es, einzwei Tage vorher bescheidzugeben, der Flug wird dann gebucht. Für Ihre Unterkunft ist immer gesorgt. – Sind wir einig, Herr Herbst?”
„Was riskiere ich denn? Selbstverständlich sind wir einig.”
„Sie riskieren, woraus Sie bestehen.”
Heute weiß ich, er hat es da schon gewußt. Es hatte der Blütenblätter, hatte des Worts nicht bedurft.

17.28 Uhr:
Immer wieder, merke ich beim Nachlesen der Zeilen, gleite ich auf den Bahnen der wirklichen Geschehen in die der reinen, wenn Sie wollen: überspannten Fantasie. Doch das läßt sich nicht vermeiden. Dabei will ich das nicht, will es seinetwegen, g e g e n ihn, nicht.
Ich brauche Zigaretten.

17.49 Uhr:
[Paris, wieder La Nonchalante.]
Alles Leiden rühre daher, wird bisweilen gesagt, daß wir uns nicht fügten, nicht einfügten in den Lauf der Dinge, sondern daß wir ausbrechen wollten und ausgebrochen s i n d. Aber das stimmt nicht. Ich erinnere mich an Eden gut. Es lag nie ein Löwe friedlich beim Lamm, und es wird so etwas, wenn er hungrig ist, auch niemals geschehen. Aber wir dachten das so. Wir sahen nicht hin. Und alles gedieh. Ich war naiv wie jeder, der dort lebte oder ein- und ausging. Wir waren eine Art Gärtner, eine Art Beobachter eher, denn wir griffen, selbstverständlich, nicht ein. Wir sollten auch Berührungen meiden, weil jede Berührung die Matrix verändert. Daß eine Berührung aber, ob sie stattfinden wird oder nicht, bereits in ihr angelegt ist, hatte niemand bedacht. Und es geschah. Die Ausweisung später, die Rache, die menschliche Geschichte, an der ich später einiges mitgewirkt habe, ist nichts als die Folge dieser einen kleinen Unachtsamkeit, Unbedenklichkeit, um nicht zu sagen: kleinen Schlamperei. Auf der Zufriedenheit, daß es gut sei, läßt sich’s nicht ausruhen, nicht eine Minute, geschweige denn einen Tag.
Zu Zeiten war ich ein Jäger geworden. Ich ging zusammen mit meinem Freund DB auf die Jagd, das heißt, wir wollten das Wild erst einmal sehen, es kennenlernen, Witterung aufnehmen und Bekanntschaft mit seinen Gewohnheiten machen. Da sahen wir ein altersschwaches Reh, vielleicht war es auch krank. Es kam aus dem Unterholz gelahmt, scheu, ängstlich, in alle Richtungen verströmte es diesen Duft. Ich habe ihn immer riechen können. Der Wind stand gut für uns. Doch auch für einen Fuchs. Er schnürte heran. Wir sahen das Gras. „…schau!” wisperte Dieter und streckte, vorsichtig genug, daß sein Ärmel nicht raschelte, den Arm aus. Das Reh war irritiert, schon panisch, sprang hoch, so gut es noch konnte, stürzte, kam wieder hoch, als der Fuchs es am Bauch faßte. Das Reh schrie, es schrie wie die Hummer, schrie, wie die Knochen der Ente geschrieen hatten, einen ganzen Fetzen riß der Fuchs aus ihm raus, schüttelte den Kopf, knurrte, fauchte, sprang das Tier abermals an, riß ihm den Bauch auf, zerrte die Gedärme heraus, riß an ihnen, zerrte an ihnen, und allezeit war das Reh noch am Leben. Sein Todeskampf währte lange. „Nichts”, sagte später mein Freund, „nichts, Alban, was der Mensch dem Tier antut, ist etwas, das die Natur nicht noch grausamer tut. Wenn mir noch einmal einer sagt, wir Jäger seien grausam, knall ich ihm eine. Sie ist ein Biest, Natur, und Schweine sind, wer sie verherrlicht.” Daran muß ich jetzt denken und unter welchen Qualen, trotz aller medizinischen Hilfe, seine Frau verstarb. Und es kommt mir so vor, als hätte mich der Gräfin zu einem Verbrechen gedungen.
Selbstverständlich, es steht mir ganz frei.
Sowieso noch immer keine Nachricht von Jenny. War sie für mich nicht länger vorgesehen als bis zu dem Tag, an dem ich eigentlich geflogen wäre, also bis gestern? Etwas ist schiefgelaufen im Plan, ich spüre das. Ich glaube, schon das mit dem Boot ist nicht vorgesehen gewesen, nicht das mit dem Biß. Die Wunde ist tief, aber sie schmerzt nicht. Doch wächst auch nicht zu. Kann aber einfach sein („Realismus!”), daß dafür die Zeit noch zu kurz war.

20.06 Uhr:
Einige Leser machen sich wirklich Sorgen um mich und auch die Freunde, weil ich telefonisch nicht mehr zu erreichen bin. Das Ifönchen ist ja nun weg. Der Profi mahnt mich an, ob ich die Sim-Card auch hätte sperren lassen. In der Tat habe ich das vergessen, aber das Gerät ist vermittels eines Codes gesichert, so daß ich denke, es wird schon nichts passieren. Und eine Freundin mailt mir:ich glaube sowieso nix, was auf deiner seite steht 🙂 falls sich das mittlerweile doch nicht geklärt hat: Einen Flug könnte ich notfalls auch für Dich buchen.Da dies nicht die einzige Anfrage ist, hier ganz deutlich: Vielen vielen Dank, aber ich habe heute wirklich ein Ticket bekommen, es ist wirklich für mich gebucht, und ich werde wirklich am Freitag zurückfliegen. Danke an Sie/Euch alle. (Wahrscheinlich liest auch der Gräfin hier mit und weiß, wozu ich ihn mache; aber der Dank geht auch an ihn – zumindest für das Ticket.)

Ich will weitererzählen. Nur duschen will ich noch eben, und ich brauche eine Rasur.

20.44 Uhr:
Imgrunde, denke ich gerade, habe ich sein Gebot schon wieder übertreten, indem ich dieses alles niederschreibe. Zwar, ich erklärte wiederholt, daß dies der Roman nicht s e i; aber welcher denn als dieser könnte es werden? Abermals ist, jede dieser Zeilen, Aufstand. Wenn er der ist, den ich meine (wenn ich der bin, der zu sein ich befürchte), dann hat er es herausgefordert, und ich kann ihm schreiben: denkst du denn, ich wüßte das nicht? Mir ein Preislied aufzutragen! Ich kann mir Vermesseneres nicht denken. Und soll mich beugen?
Plötzlich laufe ich hier in den Zimmerchen wie losgestochen herum. Ich habe Fragen. Woher kennt der Profi, zum Beispiel, den Gräfin? Gut, er kennt sie wohl nicht, aber muß doch Kontakt mit ihr gehabt haben, wenn er mir vor einer Woche oder etwas mehr, ich weiß nicht mehr, von einem Auftrag erzählen konnte. Hat e r die Pfingstrosen, die er später als Code bezeichnete, hier in die Chevreuse gestellt? Dann muß er die Wohnungen, oder doch einige, des Gräfin kennen oder sogar gewußt haben, wo man mich unterbringen würde, für was ich mich entscheiden würde. Er möchte bitte antworten, wenn er hier mitliest, extra fragen muß ich ihn wohl nicht. Oder am Freitag abend, da werden wir sicher wieder >>>> in der Bar sein. Ganz offensichtlich, jedenfalls, war die „Botschaft” für mich nicht gedacht, sonst hätte ich sie wohl entschlüsselt. Sie war für der Gräfin gedacht, denke ich mir, die aber schon längst, anders als Edith, bescheidwußte… Jenny meine ich. Auf Edith komme ich später, und auf BettyB. Jedenfalls ist das zum AusDerHautFahren.

22.32 Uhr:
Was für eine Schweinerei! Ich komme von unten herauf und habe diesen scheiß Haupthahn vergessen…. dabei hatte mich….

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Kurztitel & Kontexte bis 2010-07-11

Kurztitel & Kontexte bis 2010-05-02

Das Lesezeichen 01/2010 ist da!

Die Lesezeichen-Ausgabe 01/2010 erschien am 15. April 2010.

In dieser Ausgabe:

Genderstories – ein Perspektivdoppel, Monique Truongs Generationenroman, Systemfragen der Kultur, das Ende von Pornobangbang und Trinkerei, Feliner Behaviorismus, netzliterarische Rezeptionsästhetik 2.x, eine Dame mit Hut, die Karavelle aus Svalbard, keine Panik auf der Alcanzar, die Mechanik der Kaffeekanne, beim Säubern des Filters, Schnee und das plötzliche Glück, Hölderlins Sonette in Sky-pe, Regenschirme für Nachmittage, Max Frischs restgeisterfüllte Baulücke, Ententeich-Écrituren uvm.

ZUM INHALT …

Die kompletten Jahrgänge 2008 und 2009 der litblogs.net-Lesezeichen gibt es übrigens als E-Book-Downloads in diversen Formaten bzw. ausdruckbare Archivbände und Flashwidgets hier.

Inhalt 01/2010

Die Lesezeichen-Ausgabe 01/2010 erschien am 15. April 2010.


In dieser Ausgabe:
Genderstories – ein Perspektivdoppel, Monique Truongs Generationenroman, Systemfragen der Kultur, das Ende von Pornobangbang und Trinkerei, Feliner Behaviorismus, netzliterarische Rezeptionsästhetik 2.x, eine Dame mit Hut, die Karavelle aus Svalbard, keine Panik auf der Alcanzar, die Mechanik der Kaffeekanne, beim Säubern des Filters, Schnee und das plötzliche Glück, Hölderlins Sonette in Sky-pe, Regenschirme für Nachmittage, Max Frischs restgeisterfüllte Baulücke, Ententeich-Écrituren uvm.

INHALT:

MICRO | -NOTE | -QUOTE : Wie sieht es aus , das “digitale Scheiben” , Herr Chervel ?

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czz-micro-note-quote-sourcne-aiga-airport-pictos-copyright-free-||| Thierry Chervel , Mitgründer und Chefredakteur des Meta- Feuilleton- Online- Magazins “Perlentaucher” zur Unterscheidung von journalistischen Inhalten im Netz im Gegensatz zu Formen ( indvduellen bzw. kollektiven ) “Digitalen Scheibens” :

Die Zukunft ist ja längst angebrochen. Das Netz hat Formen von Text hervorgebracht, die ohne es nicht existieren könnten, zum Beispiel das Blog und das Wiki, also eine extrem individualistische und eine extrem kollektive Art des Schreibens. Diese Formen können Funktionen des Journalismus wie die der Kritik oder der Information übernehmen, ohne Journalismus zu sein. Wer nach der Zukunft des Journalismus fragt, ist also gezwungen über diese Formen des digitalen Schreibens nachzudenken, die ihn untergraben, vielleicht sogar ersetzen könnten. ( … )

Wikipedia-Artikel sind Texte, die atmen, wachsen und innerlich grollen. Sie haben sicherlich nicht immer in der Realität, aber der Möglichkeit und dem Anspruch nach, den gleichen Willen zu Wahrhaftigkeit und Aktualität wie Journalismus. Sie greifen journalistische Information auf. Aber sie sind kein Journalismus. So wie sie, schon wegen ihres Echtzeit- und stets offenen Charakters auch keine Artikel einer Enzyklopädie sind. Und doch haben sie sich an die Stelle der Enzyklopädien gesetzt.

Auch das Blog stellt journalistisches Selbstverständnis zutiefst in Frage – hierüber ist oft diskutiert worden. Wie radikal anders das Blog ist, zeigt der Vergleich mit einem ebenfalls extrem subjektiven Genre des Journalismus, der Kritik: Kritiker waren daran gewöhnt, das letzte Wort zu sprechen. Danach diskutierte allenfalls noch das Publikum im privaten Rahmen. Anders als bei jedem anderen Genre hatte das Objekt der Kritik stillzuhalten. Ein Blog wie Nachtkritik.de zeigt, dass sich diese richter- oder priesterähnliche Position in der Verwaltung der Kunstwahrheit nicht halten lässt: Hier können die Kritisierten zurückschlagen. So krude, unfertig, halb bedacht Blogbeiträge oft sein mögen – durch die Kommentarmöglichkeit und den Hyperlink ist ein Blog doch immer ein Dialog, mit den Lesern, mit anderen Blogs oder Medien, und mit den Kritisierten.

Für die Debatte gilt das gleiche. Am jüngsten Streit über den Islam könnten Medienwissenschaftler wunderbar die unterschiedlichen Argumentationsstrategien der unterschiedlichen Medien studieren. Verkürzt könnte man es so ausdrücken: In den Zeitungen redete man über die Gegner, im Netz redet man mit ihnen. Deutlich wurde es in den Artikeln, in denen sich Thomas Steinfeld (hier) oder Claudius Seidl nach der ersten Runde der Debatte gegen Kritik verteidigen, häufig ohne die Adressen der sie kritisierenden Artikel (etwa hier im Perlentaucher) anzugeben. Im Netz verlinkt man zu den Artikeln, auf die man antwortet, im Journalismus teilt man die Information über die Gegner in Portiönchen aus. Und auch wenn es an Journalismushochschulen als ungehörig gelehrt wird, verzichten Journalisten häufig auf die Nennung von Quellen. Darauf basierte ja ein Teil ihrer Macht, solange die Öffentlichkeit die Filter der Medien brauchte: Was sie nicht nannten, existierte eigentlich nicht. Das SZ-Feuilleton zum Beispiel ließ in der Islamdebatte keinen einzigen Beitrag zu, der Steinfeld widersprach. Keiner der von Steinfeld Attackierten durfte antworten. Es galt nur Steinfelds Version ihrer Ideen. Das ist das Pfäffische am klassischen Journalismus, der selbst entscheiden will, was die Schäfchen wissen dürfen. Die Leser der SZ kennen dadurch allerdings nur einen Ausschnitt aus der Debatte. Im Blog kann der Blogger natürlich kritische Kommentare entfernen, aber auf die Dauer macht das sein Blog steril. Es geht nicht ohne Diskussion.

Wenn die Zeitungen sich nun einfach weiter für Zahlschranken entscheiden (die ja bei er FAZ oder der SZ nie abgeschafft wurden), schneiden sie sich auch von Möglichkeiten ab, die Text bietet, und von Erwartungen, die legitimer Weise an Text gerichtet werden. Sie konservieren, für ein Weilchen, die alte Welt in der neuen. Der Zeitungsartikel ist hermetisch, der Blogbeitrag porös, die Kritik ist rund (oder spitz), der Blogbeitrag fragmentarisch. ( … )

Verlagen und Autoren steht die schwierigste, aber auch aufregendste Zeit seit Erfindung des Buchdrucks bevor. Ist ein Buch, das nicht in Gestalt eines Buchs erscheint, überhaupt ein Buch? Jürgen Neffe träumt von “undruckbaren Büchern”, die nur in digitaler Form existieren können und neue Formen der Erzählung und Darstellung ausprobieren. Ist die Entscheidung eines heutigen Autors, einen Roman im klassischen Sinne zu schreiben, bereits so etwas wie die Entscheidung eines Oulipo-Autors, ein Gedicht ohne den Buchstaben “e” zu schreiben, eine willkürliche, selbstauferlegte Regel und geistige Askese? Wird das Genre des Romans außerhalb des Gegenstands zwischen Buchdeckeln überleben?

Das Buch verschwindet von seinen Rändern her, oder genauer: Es löst sich auf in den neuen Aggregatzustand der Zeichen wie Eisschollen im Klimawandel. Bestimmte Formen sind obsolet geworden: Die Wikipedia ersetzt den Brockhaus. Wozu noch Loseblattsammlungen? Reiseführer lassen sich in digitalisierter Form viel besser aktualisieren – und mit Leserkommentaren versehen. Naturwissenschaftliche Erkenntnis wird nicht mehr in Büchern verbreitet, sondern in Zeitschriftenartikeln – und diese Artikel sind in Wirklichkeit Dateien in Onlinedatenbanken, die man durch supermassive Bezahlschranken abschottet, sofern sie nicht open access sind. In den Geisteswissenschaften könnte eine ähnliche Entwicklung bevorstehen – der “Heidelberger Appell” war die Immunreaktion der traditionellen Akteure gegen das Kommende.

Nur das ans breite Publikum gerichtete Sachbuch und die Literatur stehen scheinbar unangefochten da. Jahr für Jahr werden neue Romane veröffentlicht, unsterbliche Meisterwerke darunter wie Roberto Bolanos2666” oder David Foster Wallace’ “Unendlicher Spaß“. Nur wenige Schriftsteller scheinen sich für die neuen Formen von Text und Schreiben zu interessieren, die im Netz entstanden sind. Kaum einer führt ein Blog, wo er skizzieren und experimentieren und nebenbei auf neue Art mit seinem Publikum diskutieren könnte. Manche Autoren lassen sich mit ihrer Schreibmaschine filmen.

Aber auch der Roman ist nichts Ewiges. Er ist entstanden durch den Buchdruck und die Existenz eines breiteren Publikums, das lesen konnte. Damals galt er als das ganze Neue und Verdächtige. Seine Sprache war ungebunden – also lose. Anders als Versepen deklamierte man ihn nicht in Gesellschaft, sondern las ihn in seiner Kammer. Der Rahmen fehlte. Der Roman, das waren Bücher, die man “mit einer Hand” las. Pastoren und Professoren rieten besonders den Mädchen und Frauen ab. Das Autoerotische am Genre war zutiefst verdächtig, die entfesselte Imagination in einer Sprache, die sich durch ihren Prosacharakter selbst zum Verschwinden brachte. Wo ist der Halt, die Kontrolle? Der Roman zermanschte das Gehirn!

Hm, vielleicht sollte man das Genre mit den neuen Mitteln neu ausprobieren?

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Der Ruf nach der Entwicklung von neuen Formen “digitalen Schreibens” , wie es aus Chervels “Ententeich” erklingt , ist fraglos äusserst berechtigt . Nicht ganz legitim will uns das rhetorische Zusammenrühren ( und heimlich wieder Auseinandernehmen ) der Kategorien “Journalismus” , “avancierte Romankunst” , von “unpaid” ( Blogs , Wikis ) zu “paid content” ( Zukunftshoffnung der Zeitungen ) erscheinen . Für Jemanden , der nicht nur die Kurzreferaate sämtlicher Rezensionen der deutschen Qualitätspresse an den Online- Buchhändler libri.dev verkauft , sondern auch die gesamte “Feuilletonrundschau” an Spiegel Online verscherbelt , wird hier aus dem Glashaus ganz schön heftig mit Steinen geworfen . Belastbare Modelle des “digitalen Schreibens” finden sich “Im Ententeich” jedenfalls nicht .

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Update : Zum 10jährigen Bestehen des “Perlentauchers” befragt , definiert Chevrel  dessen zentrale Tätigkeitwie folgt :

Wie würden Sie den Perlentaucher beschreiben? Was machen Sie konkret?

Der moderne Begriff ist “händisch aggregieren”. Wir machen Presseschau. Wir verlinken und verweisen auf interessante Inhalte im Netz. Zum anderen sind wir publizistisch zunehmend zu einer eigenständigen Stimme geworden.

MEEDIA- Interview mit Chefredakteur Chervel : “Currywurst-Bude” Perlentaucher ( Meedia , 15. 3. 1010 )

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I loved you when our love was blessed I love you now there’s nothing left but closing time

— it’s hell to pay when the fiddler stops —

Liebe Freunde des Postamtes von und zu Kangerlussuaq,

einmal mehr habe ich es nicht verstanden, dann aufzuhören, wenn es am Schönsten ist. Ich entschuldige mich dafür, dass Ihr nun schon eine Weile knöcheltief in Essig watet, und bedanke mich zugleich für diese rührende Treue. Der teure Wein ist ausgesoffen, zugeschüttet mit billigem Bier, und Ihr habt nicht gemerkt, dass ich vor einer Weile aufgehört habe mitzubechern … Denn aufräumen muss ich schliesslich allein. Seit Wochen habe ich hinter den Kulissen mit der Abrissbirne gewütet, und es hat mir noch einmal in aller Deutlichkeit bestätigt: gute dreieinhalb Jahre sind mehr als genug. Irgendwie, dem unvergleichlichen Elend zum Trotz, mag ich den Kater und den Mief nach Schweiss und Alk und Pisse und Saurem und kaltem Rauch. Jeder verdammte Knochen schmerzt, während man die Stühle in die Ecke stapelt und auf Knien hinter dem Fegbesen herrutscht, was sagt uns das?, genau: so fühlt sich das Sterben auf der Zunge an (Kater auf Französisch: gueule de bois), jetzt leben wir aber noch ein bisschen weiter mit diesem Schädelbrummen. Die nächste Party kommt bestimmt!

Selbstverständlich bräuchte ich keine Gründe, um mich zu entnetzen. Ich habe jedoch derer viele und triftige, vorwiegend literarische, aber auch persönliche, theoretische, technologische, monetäre. Ausbreiten werde ich sie hier nicht. Eins der Dinge, gegen die ich netzliterarisch eine starke Abneigung hege, ist gerade der Metaismus. Ich gebe zu, dass ich gern in anderer Schriftsteller Nähkästchen hineinspannere, bin jedoch nicht bereit, meine eignen Fingerhüte dem öffentlichen Büchsenschiessen zur Verfügung zu stellen. Vielleicht ist es dumm, ausgerechnet jetzt auszusteigen, da Netzliteratur gerade zunehmend seriös rezipiert, literaturtheoretisch fundamentiert und technologisch immer wildmöglicher wird. Dann wiederum erscheint mir dieser Zeitpunkt erst recht logisch. Einmal muss man eine Entscheidung treffen. Alls oder nix, ich mache keine halben Sachen. Ich, die ich die Erst- bis Drittfassungen stets mit Tinte auf Papier schreibe, bin retro bis ins Mark. Dass die Götter meine gedruckte Zukunft mittelfristig gesichert haben, dass sogar der eine oder andere honorierte Papier-Auftrag hereintropft, zeigt mir umso mehr, dass die Richtung stimmt. Auf die Winke der Götter muss man achten und ihnen Folge leisten.

Einen Roman im Lektoratsofen ausbacken, einen nächsten im Teigkessel anrühren, die hier entwickelte Kleine Form in andere Kalamitäten überführen, stilles Studium, lange Spaziergänge. Noch längere Briefe. Zwei Liebhaber oder auch vier. Ausflüge zu Orten, an denen höchstens Einer vor mir war. Hin und wieder ein heimliches Besäufnis. Das ist mehr, als ich mir je gewünscht habe. Ich freue mich auf das kommende Jahr. Der Blogentzug der letzten Wochen verlief komplikationslos, jetzt bin ich nicht einmal mehr wehmütig.

Ich danke zuallererst meinen Lesern, den bekannten und unbekannten, den bunt Kommentierenden wie den Stillschweigenden und denen, die es vorzogen, mir ihre Kommentare persönlich zu schicken. Ich danke für Eure Gedanken und Ideen, für Eure guten Wünsche, für das aufrichtige Lob (es fällt mir kein Zacken aus der Krone, wenn ich zugebe, dass mir das gutgetan hat) und mindestens ebenso für den fundierten Tadel (der mich nachhaltig weiterbrachte).
Ich danke den Litblogs-Herausgebern Christiane Zintzen, Hartmut Abendschein und vormals Markus A. Hediger für ihre riesige und grossartige Arbeit.
Und ich danke denjenigen schreibenden Netzkollegen, mit denen ich in intensivem oder sporadischem Austausch stehe oder stand. Ich wage es nicht, sie aufzuzählen, aus lauter Angst, es könnte mir der eine oder andere mir teure Name unters Eis gehen. Das war (und ist hoffentlich weiterhin) literarisch überaus fruchtbar, aber wichtiger noch: menschlich. Menschlich. Menschlich. Schön!

Zigilliardenmal DANKESCHÖN! Ich verbeuge mich vor Euch. Wünsche allen das Blaue vom Himmel herunter und die Sterne (diese alten Schweine, denen wir Schnuppe sind), das Beste für 2010 und überhaupt. Bevor jemand losweint, ich kann das nicht ertragen!: tschüss, and thanks for all the beef!,

allzeit Eure treue Dienierin: La Tortuga


Leonard Cohen: Closing Time

Addendum, die Logistik:

1) Bis die geplante archaisch-simple Netzseite steht, bleibt das Postamt vorerst offen. In aller Stille werde ich noch verkleckerte Tischtücher wegräumen, volle Aschenbecher leeren und soweit nötig Bio und Biblio aufdatieren.

2) Mein (sehr) unregelmässiger Niusledder „Karavelle aus Svalbard“ kann nun selbstverständlich auch von Postamt-Freunden abonniert werden. Die Karavelle richtete sich bisher an Verwandte und Freunde und war deshalb persönlich gefärbt. Dies möchte ich gern fürderhin so halten und bitte daher jene Leser, die ich nicht in natura oder durch langjährigen Schriftkontakt kenne, Klarnamen und Adresse anzugeben.

Postfach: conrads punkt harlequin at gmail punkt com

Bitter im Mund

Monique Truong: »Bitter im Mund«, C.H.Beck 2010
Monique Truong: »Bitter im Mund«, C.H.Beck 2010, Foto: © Marion Ettlinger

••• Auf Monique Truongs neuen Roman »Bitter im Mund« musste ich länger warten, als mir lieb war. Bereits vier Monate vor Erscheinen wusste ich, dass ich dieses Buch lesen muss, und ich hatte eine sehr bestimmte Ahnung, dass ich es auch mögen würde. »Bitter im Mund« ist – wie »Die Leinwand« – im Verlag C.H.Beck erschienen, und aus diesem Grund konnte ich in der Verlagsvorschau, in der auch mein Buch angezeigt wurde, bereits den Klappentext zu Truongs neuem Roman lesen, als der noch nicht einmal fertig ins Deutsche übersetzt war.

»Du würdest unter dem zerbrechen, was ich über dich weiß, kleines Mädchen.« Das sind die letzten Worte der Großmutter Linda Hammericks, und es bleibt ihr überlassen, herauszufinden, was damit gemeint war. Linda, Mitte der Siebziger Jahre in Boiling Springs, North Carolina, aufgewachsen und heute in New York lebend, hat eine Gabe, die sie vom Rest der Familie unterscheidet. Sie kann Wörter »schmecken«, und an diese besonderen Wahrnehmungen heften sich zugleich ihre Erinnerungen. Aber ihre frühe Kindheit liegt im Dunkeln, geblieben ist ihr nur ein bitterer Geschmack im Mund, den sie keinem bestimmten Wort zuordnen kann.

Linda Hammerick ist die Erzählerin dieser modernen Südstaatensaga; und Linda erzählt sich selbst, beginnend mit ihrem siebten Lebensjahr. Ein »Davor« gibt es nur im Leben der anderen, ihrer nahen und entfernten Familienmitglieder. In ihrem eigenen Leben scheint es dieses »Davor« nicht zu geben. Und wenn Linda über ihre Mutter DeAnne schreibt, sie sei allem Anschein nach bereits als 35-Jährige zur Welt gekommen, so kann man mit gleichem Recht annehmen, Linda hätte ihr Leben als Siebenjährige begonnen. Ihr Großonkel, den sie immer nur beim Kosenamen Baby Harper nennt, ist ein leidenschaftlicher Fotograf. Dass er selbst, da immer hinter der Kamera, nie auf den unzähligen Familienfotos auftaucht, berichtet Linda. Dass auch sie selbst auf keinem der von ihr beschriebenen Fotos zu sehen ist, obgleich der geliebte Großonkel doch keine Gelegenheit ausgelassen haben dürfte, sie zu fotografieren, das hingegen spricht Linda nicht aus.

Was Linda erzählt, ist die Geschichte einer in den Südstaaten verwurzelten Familie. Sie berichtet von drei Generationen, allesamt ehrbare weiße Südstaatler, Anwälte und sogar Richter, bei deren Charakterisierung man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, sie wären allesamt noch höchstselbst als Landnehmer nach North Carolina gekommen, Ur-US-Amerikaner gewissermaßen und so weiß, dass sie die in Boiling Springs zweifellos ebenfalls lebenden »Schwarzen« nicht einmal wahrnehmen, geschweige denn, dass sich ihr Leben mit deren Leben kreuzen würde – sieht man einmal vom Bitte-Danke an der Supermarktkasse ab.

Die Erzählung setzt ein mit dem Tod der Großmutter Iris, einer Frau, die die ebenso seltene wie unbequeme Eigenschaft besaß, »immer die Wahrheit zu sagen«. Und »immer« meint hier tatsächlich »immer«. Wenn Iris also auf dem Totenbett zu ihrer Enkelin den oben zitierten Satz spricht, kann kein Zweifel daran bestehen, dass tatsächlich etwas geschehen sein muss, an das Linda sich nicht erinnern mag oder erinnern kann, und folgerichtig beginnt sie umgehend, ihre und die Vergangenheit der Familienmitglieder erzählend zu durchforsten: Was nur könnte Iris gemeint haben?

Hinweise auf eine Antwort finden sich jedoch weder in den über 800 Mädchenbriefen, die Linda über Jahre mit dem Nachbarsmädchen Kelly getauscht hat, noch auf den Fotos in den Alben Baby Harpers. Ja, mit gerade einmal 11 Jahren muss Linda eine Vergewaltigung erdulden, durch einen Typen namens Bobby, ein Cousin Kellys, den Mutter DeAnne angeheuert hatte, um den Rasen rings um das blaue Ranchhaus zu mähen, in dem die Hammericks leben. DeAnne, mutmaßt Linda, hätte es auf diesen Bobby abgesehen gehabt und so ihre Tochter fahrlässig dem »Kinderschänder« ausgeliefert, indem sie ihm sorglos gestatte, sich »im Haus die Hände zu waschen«. Bobby verstand etwas anderes darunter. Linda erzählt aber niemandem davon. Iris konnte es, als sie ihren Orakelsatz sprach, unmöglich gewusst haben. Und selbst Baby Harper erfährt erst Jahre später davon, an Lindas letztem Abend in Boiling Springs, dem Abend des Abschieds, dem Abend der Geständnisse, bevor sie abreist, um in Yale zu studieren.

Linda beschreibt im ersten Teil des Buches die Highschool- und College-Zeit mit den üblichen Quarterback-Ken-und-Cheerleader-Barbie-Geschichten, einer langwierigen, heftigen Verliebtheit und und und… Alles ist so easy oder eben auch schwierig, wie Teenager-Sein nun einmal ist. Gelegentlich hat man den Eindruck, diese Biographie sei eine Art Abziehbild, schematische Blaupause ungezählter Hollywood-Filmdrehbücher. Nein, in all diesen Erzählungen findet sich kein verwertbarer Hinweis auf jemanden oder etwas, das Großmutter Iris‘ Satz rechtfertigen könnte: »Du würdest unter dem zerbrechen, was ich über dich weiß, kleines Mädchen.«

Dennoch kann man nicht anders, als Monique Truong aufmerksam zu lauschen. Sie erzählt technisch auf höchstem Niveau. Die Idee, Linda mit einem sechsten Sinn auszustatten, der sie Wörter schmecken lässt, liefert immer wieder ganz wunderbare Erzählfiguren, die ich genossen habe, und es ist ein Verdienst der Übersetzung, dass sich der Zauber dieser Verbindung zwischen Wortbedeutung und Wortgeschmack auch im Deutschen mitteilt, etwa wenn Linda ihren Nachnamen »zerschmeckt«:

Ich zog das »Ham« in die Länge, verweilte beim »me« und weichte das »rick« etwas auf. Ich wiederholte das Wort, und jedes Mal, wenn ich seine drei Silben langsam im Mund miteinander verband, stieg mir der kitzelnde Geschmack süßer Lackritze mit einem Nachhall von Holzrauch in den Mund. Ein Phantomschluck Dr. Pepper. Auf dich, Iris.

»Bitter im Mund« ist literarische haute cuisine. Ich habe dieses Buch nicht einfach nur gelesen, sondern Seite für Seite gegessen, die Geschichte, die Worte geschmeckt. Truong ist eine Wortzauberin, eine Dichterin, die hier geschliffene, atmosphärisch aufgeladene Prosa liefert. Besonders sympathisch empfand ich, wie liebevoll sie sich ihren Figuren nähert, selbst den problematischen wie etwa der des Vergewaltigers Bobby. Keine ihrer Figuren muss sich fürchten, von ihr erzählt zu werden. Denunziation gibt es nicht.

Und dennoch: Auf Seite 120 etwa habe ich mich zum ersten Mal gefragt, ob – und wenn ja warum – diese Geschichten erzählt werden mussten. Auf Seite 150 war ich sogar einmal versucht, trotz allen poetischen Vergnügens das Buch beiseite zu legen, aber ich blieb bei Linda … Und dass ich geduldig war, wurde belohnt.

Etwa in der Mitte des Buches berichtet Linda von ihrer Abschlussfeier in Yale, von dem Augenblick, als sie aufgerufen wird, um vor den Mitabsolventen ihres Jahrgangs ihr Diplom entgegenzunehmen. Mit einem einzigen unscheinbaren Satz stellt Monique Truong alles bis dahin Erzählte auf den Kopf, und von diesem Moment an hebt der Roman ab wie ein Jet. Kein Stein bleibt auf dem anderen, keine Figur bleibt, was sie zunächst zu sein schien, und eine Flut von »Enthüllungen« (so der Titel des zweiten Teils des Buches) lassen über dem zuvor erzählten Abziehbild eine andere, eine heftige, schmerz- und verlustreiche Erinnerungslandschaft aufleuchten. Von alldem will ich nichts verraten. Den magischen Satz aber will ich zitieren:

Linh-Dao Nguyen Hammerickdr.pepper, summa cum laude, Literaturroastbeef

So wird »Linda« aufgerufen. Während das Wort »mum« nach Schokoladenmilch schmeckt und »Linda« nach Minze, schmeckt »Linh-Dao Nguyen« nach … Ja, wonach? Es hinterlässt im Mund einen bitteren Geschmack.

Monique Truong, 1968 in Saigon geboren, kam mit sechs Jahren in die USA. Sie studierte an der Yale University und der Columbia University School of Law und arbeitete in einer namhaften New Yorker Anwaltskanzlei, wo sie sich auf Urheberrecht spezialisierte. Sie erhielt zahlreiche Preise und Stipendien und wurde für ihren ersten Roman »Das Buch vom Salz«, der in viele Sprachen übersetzt wurde, u. a. mit dem Fiction Award des Bard College und dem Young Lions Award ausgezeichnet. Monique Truong lebt in New York. Ihr neuer Roman »Bitter im Mund« (328 Seiten, 19,95 €) ist soeben in deutscher Übersetzung bei C.H.Beck erschienen. Die englische Originalausgabe ist erst für August 2010 angekündigt.

Die Banater Emmanuelle.

„Ich möchte Ihnen keine Probleme wegen Ihrer Frau bereiten.” Sagte sie. Ich hatte an der Theke des >>>> Soupanovas gesessen, es war proppevoll gestern nacht. Ob sie mich wohl gleich erkannte? >>>> „Junge Frau”, das hatte ihr g a r nicht gefallen, war mein Gefühl; vertraute ich ihm, dachte ich vorher, dürfe ich auf gar keinen Fall Krawatte tragen.
„Ich habe erwartet, Sie im Anzug zu sehen”, sagte sie denn auch, die junge Frau.
„Nicht im Soupanova.” Was gelogen war: ich zieh an, wonach mir ist. Bei ihr war mir nach harter Lederjacke. Lammfellweste drunter, was dann erst recht zu warm war. Cigarillos, logisch. Ich erkannte sie sofort, als sie eintrat. Au weia, dachte ich. „Ich möchte Ihnen keine Probleme wegen Ihrer Frau bereiten”, war der erste Satz, den sie zu mir sagte.
„Das gibt keine Probleme. Meine Frau und ich, wissen Sie, das ist ein seltsames Verhältnis. Sie lehnt mich sexuell ab… nein nein, ich habe kein Problem damit, das offen zu sagen. Man kann sagen: sie lehnt meine sexuellen Neigungen ab. Dennoch sind wir zusammen. Dennoch, sie ist meine Frau. So ist das.”
„Sie sind in sexueller Hinsicht ziemlich frei, oder?”
War das bereits der Flirt? „Das Problem sind mehr meine Geliebten. D i e finden meine Eskapaden nicht lecker. Meiner Frau sind sie egal.”
„Geliebten? Immer gleich in der Mehrzahl?”
„Sehen Sie”, sagte ich, „Sie jetzt auch schon.”
Ich half ihr aus der Jacke. Sie ist relativ hochgewachsen, wie viele junge Menschen heutzutage, ich bin dagegen ein Kleinwüchsler von einsneundundsiebzigeinhalb. Eine Geliebte hatte mal gesagt, sie trage in meiner Gegenwart besser keine hohen Schuhe. Was mich verstimmt hatte. Daß „es” nicht der Körperwuchs sei, hatte ich erwidert und mir spontan angewöhnt, von j e d e r Frau ab, sagen wir, 1.77 einzufordern, um EmmanuelleArsansWillen nie auf hohe Schuhe zu verzichten. „Ich trage keine hohen Schuhe”, sagte nun d i e s e Arsan. Sie war auch sonst jugendlich gekleidet: Jeans, Pulli, darüber ein dunkles Blouson – eine schmale Frau, die einmal elegant werden wird. Weiß sie aber noch nicht. Spontan die Lust, ihre linke Brust zu berühren. Man sagt mir zwar anderes nach, aber das stimmt nicht: ein Grabscher war ich nie. Nur die Augen halt. Ich schaue immer direkt, nie verstohlen. Sie merkte das und ging ein wenig ins Hohlkreuz.
„Das hat Ihnen nicht gefallen, das mit der jungen Frau.”
„Ich bin 26.”
„Eben.”
„Wissen Sie: rotes Haar ist an sich nicht mein Revier.”
„Sind Sie enttäuscht, weil sich das ändert?”
Da war ich erstmal sprachlos.
Sowieso.

Ich war davon ausgegangen, daß wir uns duzen würden, von Anfang an; sie ließ mich aber, bis zum Schluß, aus meinem inszenierten Sie nicht heraus. Ihr das Du anzubieten, hätte was von einem etablierten Herrn gehabt, der sich zu einer „Kleinen” herunterbeugt, was in unserem Fall schon wegen Arsans Körperhöhe nicht geht, aber vor allem meinem Jagdtrieb vors Schienbein, nein: vor beide, getreten hätte; Lederjacke, sag ich nur. Ich saß auf dem Barhocker, sie stand neben mir. Ich hatte keine Lust, chevaleresk zu sein. Heute mal nix Alte Schule. Übrigens ließ sie ihre Blicke genau so sinnlich über mich laufen. Genau so klar war aber, daß sie mich heute nicht mit ihr schlafen lassen würde. Noch nicht. Leser, Sie werden meinen Genuß kaum ahnen, das hier hinzuschreiben und dabei zu wissen, daß sie es lesen wird. Ich schreib das eigentlich auch nur für sie, nicht für Sie; daß Sie dabei zugucken, garantiert die kleine pikante Perversion, die ich bei so etwas schätze. Was diese (ich insistiere:) junge Frau ziemlich gut weiß. Überhaupt war sie informiert über mich, man kann sagen: sie hatte sich vorbereitet. Nicht für ein devotes Vorstellungsgespräch (sowas inszeniere ich ja auch immer mal gerne für Blinddates), sondern auf einen Ringkampf. Sie sagte das nicht, aber ich hörte: „Ich bin keine Trophäe”. Wahrscheinlich stellte sie sich um meinen Schreibtisch herum lauter Souvenirs von Frauen vor. Vor noch drei Jahren hätte sie recht gehabt. Über meiner Schreibtischlampe hingen damals zwei Nylons, nein, nicht von einer Frau, in meine Schreibtischschublade tat ich fast zwei Jahre lang Slips von Frauen, die sie mir beim allerersten Treffen gaben, an der Bücherwand hing ein BH. Sowas gefiel mir. Ein Ohrreif, den ich einer Schönen nachts aus dem Läppchen riß, nicht absichtlich, nein, sondern wir fielen so übereinander her, und das Blut schmeckte mir, ich kann ganz versessen auf Blut sein, auch auf jenes mit dem starken Metallgeschmack… – also der Ohrreif, fein, silbern, liegt bis heute auf meinem Schreibtisch, ich schaue ihn immer wieder an. A u c h eine hochgewachsene Frau, übrigens, Basketballerin, Profisport. Dann fing ich eine Liste aller Frauen an, mit denen ich jemals geschlafen habe, ich numerierte sie durch, das wäre sonst unübersichtlich geworden – ich brach das aber ab, weil ich hätte auch diejenigen Frauen mit draufschreiben müssen, die ich wirklich geliebt habe und immer noch liebe. Das wollte ich nicht. Es waren bis da hundert/hundertfünfzig Namen, ich weiß nicht mehr, so schwindlig war mir. Die Angelegenheit selber ist kein Grund, sich zu schämen; ein Grund, sich zu schämen, ist, daß einem manche Namen nicht mehr einfallen, man hat nur noch den Vorschein eines Gesichtes, oder einen Sprechklang, oder eine besondere – „technische” ist falsch – Vorliebe; auch sehr schwere Brüste bleiben in der Erinnerung, die in den Handflächen sogar taktil erhalten ist. Eine andere Frau, die momentan eine Rolle zu spielen beginnt, schrieb: ihre Art (ihre A r t, stellen Sie sich vor!) sei immer auf den Samen des Mannes aus. Das sind so Sätze, denen keiner entkommt. Es sind nämlich nicht Sätze, sondern Fallen: hier ist es sogar eine Rutsche, über die man hoffnungslos in den Schlamm der Seeufer glitscht. Dann wird gefaßt, er wird gezogen und ertränkt. Am besten hört man diesen Sätzen gar nicht erst zu. Am besten, man liest weg. Kann man aber nicht, weil sie zu gut, zu perfekt gewundene Schlingen sind; einer wie ich dürfte nicht mehr vor die Tür, wollte er sich nicht verfangen. Das wissen diese Frauen. Den Kokolores von Seelennähe und pochender Verliebtheit, die an den Wänden der Pubertät entlangstreicht, dürfen Sie, Leser, getröstlichst vergessen, wenn die Genetik Arsans herrliche Zähne zeigt. Ich hab mal in einem Porno eine Szene gesehen, very close up, die eigentlich nichts war als die Szene, die man in j e d e m Porno sieht. Hier aber sah man die unpersönliche Gier, eine von der Frau wie von dem Mann als Bewußten völlig abgelöste Gier, eine Gier des Organs, muß man das nennen: und zwar, wie die inneren Labien über den Schaft leckten n a c h dem Erguß: sie leckten ihn a b; da sollte nicht ein bißchen vergeudet werden, nein, alles alles sollte rein. Das war der Wille des Organs und hatte mit den beiden Beteiligten gar nichts mehr zu tun. „Irgend eine Kraft des Universums hatte sich in einer Stelle ihres Körpers konzentriert”, schreibt Pynchon.
Über alledies sprachen wir, Frau Arsan und ich, aber gar nicht mehr, sondern das war eine Voraussetzung. Es wurde spät, nein: früh, als wir uns trennten. Sie erzählte, wie sie zur Literatur gekommen sei, sie erzählte von Rumänien, vor allem von ihrem Großvater, so kamen wir auch auf >>>> Peter Grosz, kamen auf Hertha Müller und Richard Wagner. Da war sie naiv. Sie g l a u b t e einfach, was geschrieben stand, was behauptet wird, was inszeniert ist; sie war dieser ganzen Heuchelei, bei der es nur um Machtpositionierung im Literaturbetrieb geht, wie ein ganz kleines Mädchen aufgesessen. Ich fand, sowas stehe ihr nicht. Also diskutierten wir. Ich berichtete ihr von den Hintergründen; vieles wußte sie einfach deshalb nicht, weil sie viel zu jung gewesen ist damals… überlegen Sie mal: als die Mauer fiel, war sie fünf. Was konnte sie erlebt haben von den Banater und Siebenbürger Auseinandersetzungen noch zur Ceauşescu-Zeit? Nichts, gar nichts. Alles nur ein Hörensagen. Ich blieb aber sehr ruhig, jetzt wirklich mal der ältere, besonnene Mann. Der einfach nur Verhältnisse geraderückt. Und ihr nebenbei zeigte, wie dieser Betrieb funktioniert und wo die Fußangeln liegen. >>>> Scheel, der als ein solcher peinliche Anhänger John Waynes, weil damit besondrer US-Experte für europäisches Denken, hat sie >>>> mit ihrem Foster-Wallace-Projekt zum >>>> Merkur eingeladen; das muß man sich vorstellen. Andere nicht. Weshalb? „Sie sind eine schöne junge Frau, deshalb.” „Aber er hat mich doch noch nie gesehen.” „Das spielt keine Rolle, weil er eine Projektion von Ihnen hat und weil Sie diese weibliche Fähigkeit h a b e n, Projektionen in Männern auszulösen. In mir auch, klar. Wenn man Sie treffen will, sein Sie damit heikel. Alle wollen eines, in beruflichen Zusammenhängen ist das blöd, wenn Sie dann abweisen müssen. Das hat Folgen. Mir haben die Schwulen immer übelgenommen, daß ich nicht zu ihnen gehöre. Was meinen Sie, was ich deshalb an Aufträgen alles verloren hab. Und was Sie anbelangt: klar, i c h will das auch, selbstverständlich, es wäre außerdem beleidigend für Sie, wollte ich es nicht: mir Ihren Körper nehmen. Aber auf mich sind Sie beruflich nicht angewiesen, es ist sogar besser, Sie erwähnen mich nicht, damit man Sie nicht in Gruppenhaft nimmt. Also haben Sie jede Freiheit, meine Avancen abzuwehren.”
Da lachte sie was. Ganz frei, fast unschuldig. Was sie natürlich nicht ist.
Dann Foster Wallace. Verhältnismäßigkeiten. Was alles nicht mehr bekannt ist. Die Großen Romane. Was Dichtung ist. Was das L e b e n eines Dichters ist. Daß es sich nicht um einen Beruf handelt. Daß man nie wissen wird, ob man wirklich einer war, noch dann nicht, sagt Mahler, wenn man auf dem Sterbebett liegt. Daß da immer eine tiefe Unsicherheit bleibt, die man entweder mit öffentlichem Erfolg bemäntelt oder mit Größenwahn oder mit beidem. Darüber sprachen wir. Ich war erregt, als ich ging. Es war an mir, das Gespräch zu beenden, i c h führe, Punkt. Aber ich war erregt. Es war irgendwas nach eins. Wir werden uns wiedersehen. Abermals: Punkt.

Kurztitel & Kontexte bis 2010-04-11